des Islams eingedrängt; neben der Taufe, welche die Knäblein 40, die
Mägdlein 80 Tage nach der Geburt durch dreimaliges Eintauchen ins
Wasser empfangen, bestehet auch theilweise die Beschneidung; in
mehreren Kirchen dienen, wie in den Moscheen, eigne Wasserbehältnisse
solchen Waschungen, welche wenigstens am Vorabend vor Epiphanias, zur
Erinnerung an die Taufe Christi vorgenommen werden; die Erscheinungen
von farbigen Gestalten, am Tage jenes Festes in der Klosterkirche
von Sette Gemiana bei Mansura, welche dann von ganzen Schaaren der
Wallfahrter besucht ist, lassen auf optische Kunststücke solcher Art
schließen, wie sie die Magier unter den Bekennern des Islam üben[22];
wenn bei dem siebenmaligen, täglichen Gebete zu Hauße oder in der
Kirche vierzigmal die Worte, Gott sey mir gnädig, wiederholt werden
müssen, dann scheint diesen Worten keine andre Kraft beizuwohnen,
als den Ausrufungen der Mohamedaner, welche Gottes Größe und Güte
bezeugen. Das ganze Land ist voller Trümmer der, während der früheren
Verfolgungen zerstörten Kirchen und Klöster der Kopten, ja das ganze
Volk stehet wie verödete Trümmer da; daher thut es dem Menschenfreund
wohl, daß neuerdings die Kinderschulen der Engländer eine Pflanzschule
besserer Erkenntnisse für die Jugend wie für das reifere Alter jener
armen Leute geworden sind; denn neben den häufig besuchten Schulen
bestehet auch ein zweckmäßig eingerichtetes Lehrerseminar.
Wenn wir uns durch unsern ersten Besuch in Fostat oder Altkairo etwas
tiefer in die Geschichte und Beschreibung der Koptischen Christen
führen ließen, so ergieng es uns wie Zuschauern auf der Gasse, welche
auch durch die festliche Kleidung und den Putz, den ein Vorübergehender
an sich trägt, zur theilnehmenden Neugier bewogen werden. Die ganze
Gemeinschaft der Koptischen Christen erschien am Tage unsers Eintrittes
in Fostat nicht bloß in ihren neuen Kleidern, festlich geschmückt,
weil sie das schöne Weihnachtsfest feierten, sondern die Lust und
Freude des äußeren Menschen, über die nach 28tägiger, strenger
Fastenzeit ihm wieder gewordene Erquickung, schien auch auf den innern
wohlthätig aufregend gewirkt zu haben; in der That die Kopten waren
das Interessanteste und Anziehendste was man jetzt in Fostat erblicken
konnte. Ohnehin gleicht dieses Fostat, mit seinen engen Straßen und
vereinzelt abgesperrten Quartieren, so mittelalterlich Sarazenisch auch
die Bauart ist, es gleicht, selbst mit der großen, alten Moschee des
Amer oder Amru, des General des Omar, deren Hallen 236 Säulen stützen
und in deren Hofraum neben dem Brunnen die Palme sich erhebt, dennoch,
wenn man es mit dem riesenhafteren Gemäuer des alten weitläufigen
Gebäudes vergleicht, an das es angränzt, nur, wie sein Name (Fostat)
es andeutet, dem Zelte eines Nomaden, das aus Schonung gegen die
Taube, welche auf einige Zeit häuslich in ihm sich niedergelassen,
stehen blieb[23]. Das alte Gemäuer, von dem ich hier rede, ist jenes
auffallend mächtige, in welchem manche frühere Beschreiber des Landes
eine der Kornkammern des Patriarchen Joseph, des Sohnes Jakob zu
erblicken glaubten. Es sind die Ueberreste jenes Aegyptischen, in den
Zeiten des Kambyses begründeten Babylons, das von den Römern noch mehr
befestiget, drei Legionen ihrer Krieger Wohnung und festen Anhaltspunkt
gab.
Und wenn schon das Sarazenische Fostat mit seinen noch immer festen
Mauern, Zinnen und Thürmen nur wie ein Zelt gegen den Römischen Bau
von Babylon, noch mehr aber gegen den Bau der nachbarlich, jenseit
des Niles sich erhebenden Pyramiden erscheint; womit sollen wir die
Hütten der armseligen Fellahs oder Bauern vergleichen, welche hie und
da, schon in der nächsten Umgegend, noch mehr aber in den eigentlichen
Dörfern überall ins Auge fallen? Denke Dir einen Backofen mit einer aus
ungebrannten, bloß an der Luft getrockneten Backsteinen und Nilschlamm
gebildeten, über den Ofen hinweggewölbten Decke und Du hast eine
ohngefähre Vorstellung von den Wohnungen der hiesigen Bauern. Eine
solche Hütte hat nur ein einziges, wenn man es so nennen will, Zimmer;
in diesem Zimmer, dem Eingang gegenüber, erhebt sich, in Brusthöhe,
die Wölbung des Ofens, auf welchem die armen Leute, die nur selten
eine Decke zum Schutz gegen die kühlen Nächte des Winters haben, des
Nachts schlafen. Kein Fenster ist im Zimmer; seine Stelle vertritt ein
großes Loch in der aus Palmenstrünken und Lehmen zusammengesetzten
Decke; ein Loch durch welches Luft und Licht hineindringt und das man
in kühlen Nächten schließen kann. Die ganzen Geräthschaften einer
solchen Bauernhütte sind eine oder etliche Binsenmatten, einige irdene
Wasserkrüge und eine Handmühle zum Mahlen des Kornes. Oefters, wie
wir dies in den Dörfern am Nil, auf unsrer Herfahrt aus Alexandria
bemerkten, scheint eine solche Hütte, mit den vielen in ihren Wänden
steckenden, krugartigen Taubenlöchern, mehr zur Behausung der Tauben
als der Menschen bestimmt, und wie Amru das Zelt aus Schonung der armen
Tauben stehen ließ, wer weiß ob nicht so ein Höherer als Amru und
sein Kalife, sammt allen andern Herrschern der Erde, wegen der armen,
öfter noch als die Tauben gejagten Fellahs, das ganze Zeltengebäu der
jetzigen Verfassung des Landes stehen ließ.
Nur im Vorbeigehen erwähne ich der Altkairo gegenüber gelegenen Insel
Rode oder Ruda, mit dem alten Nilmesser an ihrem Fuße und mit den
herrlichen Gartenanlagen des Ibrahim Pascha. Wir ergingen uns unter
ihren jetzt, im Januar, in voller Blüthe stehenden Bäumen, an einem
späteren Tage und mein Auge erquickte sich an dem Anblick der vielen,
hier kräftig und hochwüchsig im Freien stehenden Bäume und Sträucher,
die ich bis dahin nur als arme Krüppel in Gewächshäußern gesehen
hatte[24]. Eine nicht sehr verbürgte Sage der hiesigen Eingebornen
macht die Insel Rode zu jenem Orte wo die Tochter des Pharao das
Knäblein, das nachmals der Held und Retter seines Volkes wurde, Moses,
aus dem Wasser rettete.
Man bekommt, besonders dann wenn der Wind, wie gerade wir es trafen,
den Staub und Sand der Wüste aufregt, auf dem Wege an Fostat-Babylon
vorüber, gegen das Familienbegräbniß des Mehemed Ali hin einen
Vorschmack von den Beschwerden der Wüste. Ueberall, wohin das Auge
sieht, Haufen des noch unbebauten Schuttes und der zertrümmerten
Häußer und Hütten. Das Familienbegräbniß des Vizeköniges liegt an
der Südostseite der Stadt; es sind in ihm die Leichname mehrerer
seiner Kinder, Frauen und Enkel beigesetzt, auch der Leichnam seines
Schwiegersohnes des berüchtigten Defterdar stehet hier, noch ohne
Grabesmonument, im Sarge.
Man nahet sich weiterhin dem südwestlichen Abhange des in seiner Art
majestätischen Mokkatamberges. Ein Theil dieses Abhanges ist mit alten
und neuen Grabmonumenten und Gräberkammern bedeckt; dazwischen kleine
Moscheen mit ihren Minares. Auch die Juden haben dort weiterhin ihre
Todtenäcker. Wir wenden uns neben dem jetzt im neuen Ausbau begriffenen
stark befestigten Vorwerk der Citadelle hinan zu dem Berge, der sich
neben der volkreichen Stadt und dem grünenden Nilthale ausnimmt wie
eine Lawine der Wüste; wie ein Schneemantel der sich, vom Sturm
herbeigeführt, außen an die Fenster eines warmen Zimmers oder eines
mit Blumen erfüllten Treibhaußes anlegt. Der Mokkatam ist nur eine
der Wurzeln jenes in mehreren Reihen von dem Nilthale nach dem rothen
Meere, von West nach Ost ansteigenden Höhenzuges, dessen einzelne
Gruppen durch breite, flach anlaufende Thäler geschieden sind. In
diesem Gebirge und seinen Thälern bewohnen die Armuth und der bittere
Mangel einer jetzigen Weltzeit der irdischen Natur den Pallast einer
Vorwelt, die zu den reichsten Mächten der damals noch jugendlichen
Erdveste gehörte; etwa wie (nach einem menschlichen Vergleich) in
Venedig der verarmte, jetzt lebende Sprößling eines alten, edlen Haußes
in den von Marmorsäulen getragenen, mit kostbarem Mosaik getäfelten
Hallen des Wohnsitzes seiner Ahnen -- hungernd und in abgetragenes
Gewand gehüllt, -- umherwandelt. Wenn mich jemand fragte: wo unter
allen Gegenden der Erde, welche dein Auge bisher sahe, ward dieses am
öftersten entzückt durch die Farbenpracht und Schönheit der Steine? so
müßte ich sagen hier, in der östlichen Gebirgswüste des Nilthales; denn
an manchen Stellen ist das Thal wie der Hügelabhang ganz bedeckt von
den größeren Kugeln des Aegyptischen braunen (seltener des rosenrothen)
Jaspis, von den kleineren des blutrothen so wie des gelben Carniol, von
Chalcedon und Onyxgesteinen; das nebenanstehende Gebirge umschließet
die Lagen des schönsten durchscheinenden Alabasters, den schon das
Alterthum kannte und den noch der jetzige Herrscher von Aegypten
zu seinen Bauwerken benutzet. Zu diesem Reichthum des buntfarbigen
Gesteines gesellen sich freilich erst weiter im Süden und höher im
Nilthale die Felsen des weißen wie farbigen Marmors, des Porphyrs und
rothen Granites, aus denen die kunstreiche Hand der alten Aegypter jene
prachtvollen Säulen, Obelisken und die Menge der andren Werke erschuf,
welche die Tempel und Paläste des eigenen Landes wie die so vieler
andrer Länder der Erde zierten; dort in Südosten sind die Fundgruben
des schönsten Steines der Erde, des Smaragdes; dort die Heimath des
Chrysolithes.
Da hier dieses nachbarliche, buntfarbige Erdreich noch jung war,
da müssen sich auf ihm auch die bildenden Kräfte der organischen
Natur aufs Mächtigste geregt haben, denn der Wandrer, den sein
Weg vom Nilthale, namentlich bei Bessatin, nach Suez durch dieses
Wüstengebirge führt, siehet da öfters an dem Felsenbette der vielleicht
seit Jahrtausenden versiegten, vormaligen Gießbäche und Flüsse ganze
versteinerte Waldungen von Sykomoren, Akazien und Palmen; diese
nun so erstorbene Landschaft war einst blühend und grünend wie das
Nilthal, ehe die große Fluth sie verheerte, welche nicht nur durch den
ungeheuren Druck ihrer hohen Wassersäule die versteinernde Masse der
Kieselerde zwischen die Lagen und Fasern des Holzes hineindrängte,
sondern, wie das Gorgonenhaupt, wenn es dem Auge eines Lebenden nahet,
den größesten Theil der damals lebenden Natur mit dem Erstarren des
Todes durchdrang. Denn jetzt ist dieser Erdstrich, wasserleer und
verödet, eine zum tiefsten Ernst stimmende, furchtbar prächtige
Vorhalle der Schrecknisse des Todes. Wer schon einmal durch ein gutes
Fernrohr die Mondfläche betrachtet hat, mit ihren zackigen Gebirgen
und Thälern, in denen nirgends ein Fluß rinnt; mit ihren kessel- und
muldenartigen Eintiefungen, in deren keiner ein See erscheinet, der
kann sich einen Begriff machen von der Natur des alabastritischen und
porphyritischen Gebirges, im Osten des mittleren Nillaufes. Es sind
nur die dornigen Gesträuche und niedren Gewächse der Wüste, welche
hie und da in den Schluchten und kesselartigen Tiefen ein bleiches
Grün verbreiten, dann finden sich wieder lange, fast Tagereisen weite
Strecken auf denen selbst diese arme Familie der Gewächse weder Boden
noch Unterhalt findet; wo dann aber, -- freilich eine hier nur seltene
Erscheinung, ein bald wieder im Sande und Kiesboden versiegender Quell,
meist nur mit salzig schmeckendem Wasser und nicht zu allen Zeiten
des Jahres aus dem Felsen hervordringt, oder wo der thonige Boden
das längere Fortbestehen einer Lache des Regenwassers begünstigt, da
erwachet, wie die alte Whole, als Odins Stab ihre Grabstätte berührte,
die uralte Fruchtbarkeit des Landes; zu der feinblättrigen Akazie
gesellt sich die hochwüchsige Palme, an deren Fuße der genügsame
Bewohner der Wüste seine Hütte aufschlägt.
* * * * *
Ich habe dir eigentlich schon in der Beschreibung des Mokkatam ein Bild
der Wüste gegeben, die ich nun bald auf längere Zeit zu betreten hoffe.
Man ist aber auch da, wenn man sich in einen der Kessel hinabbegiebt,
die auf unerwartete Weise das Weitergehen hemmen, und welche theils die
Natur, theils aber die hier seit Jahrtausenden nach Bausteinen grabende
Menschenhand ausgehölt hat, oder wenn man in die Thäler und Schluchten
des östlichen Abhanges des Berges hineingeräth, so abgeschieden von
jedem Denkzeichen des volkreichen Landes und der ganzen mitlebenden
Menschenwelt, daß mich hier meine alte, und doch noch immerhin ziemlich
lebhafte Phantasie zurückversetzte in die Erinnerungen meiner frühesten
Jugend, wo ich mit herzlicher Theilnahme das Leben der Altväter, die
Geschichten der Anachoreten der Aegyptischen Wüste las: die Erzählung,
wie der neunzigjährige Antonius den seinem Ende nahen ersten der
christlichen Einsamen, den 113jährigen Paulus Anachoreta mitten in der
Einöde aufsucht, und, vom Geiste der Liebe geführt, ihn findet; die
vielen, kindlich lieblichen Geschichten von den Thaten und Leben dieser
»Altväter,« durch deren geistigen wie leiblichen Fleiß, das seitdem
wieder verödete Gebirge zu einem Garten Gottes wurde, aus welchem
manche vom heißen Drange des Werktagtreibens ihrer Zeit ermüdete Seele
Kräfte des Paradieses mit sich nahm.
Aber ich muß Dich vorerst, aus dem Schweben in den Lüften, ebenen Fußes
ein wenig mit mir wandeln lassen, auf dem in seiner Art wunderschönen
Mokkatam.
Da giebt es nun schon, auch Dir soll sie bald aus der Anschauung
bekannt werden, wenn auch hier noch in zwergartiger Gestalt, die
merkwürdige Jerichorose oder Auferstehungsblume (+Anastatica
hierochuntica+), deren, gleich einem erstorbenen Gebein, ganz
verdorrt aussehende Blüthenkugel (Dolde), auch viele Jahre, man sagt
Jahrhunderte nach dem Tode sich wieder ausbreitet und entfaltet und
mit purpurrothen Zweiglein pranget, dabei sogar einen Duft entwickelt,
wenn man sie ins Wasser hineinstellt. Jetzt, im Januar, treibt sie, an
den Enden der Doldenzweige ihre kleinen, unscheinbaren, weißfarbigen
Blümlein, nach deren Verwelken die Zweige, mit den Samenkapseln zur
Rosenform oder Kugeldolde sich zusammenfügen, und so Jahre lang stehen
bleiben. Außerdem blühen da noch viele andre, niedrige Gewächse der
Wüste, hin und wieder in den Schluchten; mehrere vom Geschlecht des
Bilsenkrautes, als sollten die armen Käfer und Bienlein der Einöde, wie
der nachbarlich wohnende Moslem, für so manche Entbehrung wenigstens in
ihnen ein Mittel der fröhlichen Aufregung finden. Am meisten zieht aber
das Auge weiterhin, im nördlicheren Verlaufe des Mokkatam ein Hügel
aus fast glasig festem, röthlichem und bräunlichem Sandstein an sich,
dessen uralte Steinbrüche mehrere kraterähnliche Eintiefungen gebildet
haben, die dem Hügel fast das Aussehen eines erloschenen Vulkans geben.
Man nennt diese kleine, durch Farbe und Ansehen ausgezeichnete Anhöhe
den Dschebel Ascher; der Sandstein, wie in andern Gegenden dieses
Landes, ist auf den Nummulitenkalk und seine Gypsmassen aufgelagert.
Die Trümmer um Heliopolis und andre Wohnstätten des ältesten Aegyptens
bezeugen es, wie frühe man diese an mehrern Orten vorkommende Felsart
zu Mühlsteinen zu verarbeiten gewußt habe; selbst die berühmte
»tönende« Memnonsstatue des obern Aegyptens ist aus einem gleichen
Material gebildet. Von dem Besuche des Mokkatam, an dessen Hügeln der
letzte der Mameluckenherrscher, Toman-Bay, im Jahr 1517 nach verlorner
Schlacht von den Türken gefangen wurde, führe ich Dich mit mir in die
reichen Gartenanlagen von Schubra, die ich erst vorgestern besuchte.
Am 27sten Januar des Morgens war ich mit einem Begleiter am herrlichen
Nil, bei Bulack gewesen, um naturhistorische Ausbeute auf dem dortigen
Fischmarkte zu suchen; nach Tische machte ich mich, in Begleitung der
Hausfrau und Fräulein Waitz, nebst einem ortskundigen Begleiter auf,
um einmal den Aegyptischen Frühling in seiner vollsten, schönsten
Pracht zu sehen. Als Kind habe ich mich öfters, an heitern Abenden
in die Möglichkeit hineingeträumt der Sonne nachzufliegen, dahin,
wo sie untergieng, und sie wieder aufzusuchen in ihrem nächtlichen
Bergungsorte; dem Frühling und Sommer bin ich nun wirklich einmal
nachgegangen an den Ort, wo diese, wenn sie vor dem Winter unsrer
Lande entfliehen, ihr Zelt aufschlagen. Wie in der Regel die Witterung
des 27sten Januars bei uns in Deutschland beschaffen sey, das hatten
wir sehr gut im Gedächtniß, denn dieser Tag war von uns immer als der
Geburtstag eines lieben Freundes ganz besonders beachtet gewesen.
Hier in Aegypten sah aber freilich derselbe Tag etwas anders aus als
bei uns; verschieden von seiner heimathlichen Gestalt wie die lebende
Blumenflor eines Sommerabendes von den blumen- und blätterartigen
Formen die der Winterfrost an die gefrierenden Fenster mahlt. Der
Himmel war heute ganz eigentümlich bedeckt, so wie ich mich nicht
erinnern kann ihn im Vaterlande gesehen zu haben, bedeckt, wie mit
einem leichten und dennoch fest gewebten Schleier der Isis, welcher die
feineren Züge, nicht aber die Umrisse und selbst die Bewegungen des
Angesichtes verbirgt. Die breite, fahrbare Straße führet durch eine
Allee der Sykomoren und Lebbeck-Mimosen, von Zeit zu Zeit naht sie sich
dem breiten herrlichen Nilstrom, auf welchem, während wir dahinritten,
Schiffe und Barken in großer Anzahl auf und nieder fuhren, denn der
fast aus Westen kommende, frische Wind begünstigte die Bewegung nach
beiden Richtungen. In den Gärten von Schubra feierten alle Sinnen ein
Fest der Lust; in den Beeten prangte die Flor der Tulpen, Hyazinthen,
Tazetten und Jonquillen; neben der Fülle der andern ostasiatischen und
südamericanischen Gewächse blendeten die purpurblüthigen Geranien und
gelben Lippenblumen das Auge. Die kräftig stämmigen Bäume der Citronen,
Pompelmusen und Orangen waren theils mit duftenden Blüthen, theils
mit reifen Früchten bedeckt; mit ihnen wetteiferten an andern Stellen
des Gartens die wohlbekannten Formen unserer Obstbäume, vor allen die
blühenden Birnen und Aepfel, an Geruch und Farbe. In dem angränzenden
Park jagten einige schöne Straußen in schnellem Laufe herum, flüchtiger
als die großen, zierlich geformten und gefärbten Gazellen des heißeren
Afrikas, die man ihnen hier beigesellt hatte. Vor einem kleinen, von
Marmorsäulen getragenen Pavillon ruheten wir lange auf steinernen Bank
aus und erquickten uns bei dem Duft der Rosen und blühenden Citronen an
dem Genuß der Sevilla-Orangen, womit einer der Gärtner uns beschenkte.
Erst beim Einbruch der Dämmerung kehrten wir, gesättigt wie mit Strömen
der Lust wieder heim zur stillen Wohnung.
Einen Genuß von noch andrer, geistig höherer Art gewährte uns der
Ausflug nach der Stätte, denn kaum darf man sagen, nach den Trümmern
von Heliopolis: der alten Priesterstadt On der Pharaonenzeit, so wie
ein andrer, der uns in derselben Richtung nach dem zwei Stunden weiter
entfernten Abusabel brachte. Die erstere Wanderung machten wir schon am
9ten, die zweite am 14ten Januar. Der Anfang und erste Theil des Weges
ist nach beiden Richtungen derselbe. Da wir am 9ten Januar am frühen
Morgen, reitend auf unsern Eselein hinauszogen, war eben der erste Tag
des Bairamfestes. Wir kamen außen vor der Stadt und dann bei einem der
nächsten Dörfer an dem Lager der Soldaten vorüber, welches am heutigen
Festtage mehr an die Gaben des Friedens als an die Arbeiten des Krieges
erinnerte. Ein solches Lager der Aegyptischen Soldaten mußt Du dir
ohnehin ganz anders vorstellen, als ein Lager unsrer Europäischen
Truppen. Um der immer merklicher werdenden Entvölkerung des Landes,
welche Pest, Cholera und Krieg über das arme Aegypten geführt hatten,
zu begegnen, hat Mehemed Ali die Einrichtung getroffen, daß wo möglich
jeder Soldat sein Weib haben muß. Du siehst mithin in einem solchen
Lager nicht zunächst Soldaten, sondern Soldatenfamilien; statt der
Schaaren der Streiter im Feld, Schaaren der Streitenden in Hütte und
Zelt, denn Zank und Streit, davon waren wir selbst zuweilen Zeugen,
giebt es unter diesen eng zusammengedrängten Familienmüttern, Vätern
und Kindern genug und viel. Die Frauen wohnen mit ihren Kinderlein in
kleinen, backofenförmigen Lehmhütten, deren Eingang so niedrig und eng
ist, daß der Mann nur tief gebückt hineinkriechen kann; die Stelle der
Thüre vertritt ein vorgehängtes Stück grobe Leinwand oder eine härene
Decke. Innen ist nur Raum für die Binsenmatten des Lagers und etliche
irdene Krüge; man kann da meist nur sitzen und liegen, aufrecht stehen
nur in wenigen; ein Loch in der obern Wölbung läßt wenigstens bei den
größern Hütten etwas Licht und Luft herein. Die Bewohnerinnen der
Hütte bedürfen es indeß nicht anders; sie sitzen fast den ganzen Tag
vor der Hütte um den Zank der andern mit anzuhören und zu sehen, an
dem sie gelegentlich selber Theil nehmen, oder um dem Geschäft ihrer
Hände, welches ihnen und den Kindern das tägliche Brod geben muß: dem
Waschen der Wäsche für die Bewohner der Stadt und der Bereitung des
Brennstoffes aus Mist und Stroh nachzugehen, dessen Scheiben sie an
die Außenwand der Hütte kleben damit sie hier trocknen. Und zu sehr
überfüllt von Bewohnern kann eine solche Hütte auch nicht werden,
da die Knaben schon in einem frühen Alter Unterkunft in einer der
Soldatenschulen finden. -- Heute ruhete das arme Volk von seiner Arbeit
aus; Männer, Frauen und Kinder saßen und giengen in ihren besten oder
wenigstens reiner als sonst gewaschenen Kleidern; überall dampften
kleine Feuer; Kamelwürste und das Fleisch der Büffel brieten in den
Pfannen der Bemittelten; die andren bereiteten sich das Mahl der
Waizengraupen und Bohnen.
Es war uns doch wohl da wir aus dem nicht sehr wohnlich und reinlich
aussehenden Bezirken dieser Lager hinauskamen, bald auf die grünenden,
von alten Sykomoren beschatteten Dämme, bald in die Wälder der hohen
gegliederten Tamarisken und der Palmen. Die Felder des Zuckerrohres
waren jetzt zur Ernte reif und bereit[25]; die Lubiabohne fieng an zu
blühen; das tiefer gelegene Land in das wir eintraten, seit Kurzem
erst vom Wasser verlassen, hatte sich auch, wie seine Bewohner, mit
einem neuen, buntgestickten Gewand bekleidet; hinter den Heerden der
kurzgehörnten Kühe ergiengen sich im frischen jungen Grün die Schaaren
der kleinen weißen Reiher[26]. Der Boden über den man, namentlich auf
dem Wege nach Abusabel hinreitet, ist an manchen Stellen ganz besonders
reich besäet mit braunem Aegyptischen Jaspis und mit Carniol; von dem
Letztern sammelten unsre jungen Begleiter mehrere schöne Stücke.
Da ich in meiner Beschreibung einmal in dem Auslauf nach dieser
Richtung des Landstriches bin, spreche ich von der weiteren, obgleich
späteren Wanderung, von der nach Abusabel und den dortigen Anlagen
zuerst.
Unsre beiden Begleiterinnen wandelte eine Art von Grausen an, da sie
heute einmal die Art, wie man auf Kamelen reist, recht in der Nähe
betrachteten; den Transport etlicher kranker Soldaten in einer Art
von Kiste, davon auf jeder Seite des Thieres eine hängt. Denn diese
Kistensitze wurden bei dem vor- und rückwärts schaucklenden Gange
des Kameles fast noch härter hin und hergestoßen, als ein Boot auf
hochgehendem Meere. Der Weg nach Abusabel geht eine Strecke weit auf
der Landstraße die nach den Pilgrimsee (Birket el Hadsch) führt, wo
die Hadschi's bei ihrem großen Auszuge nach Mekka sich versammeln
und an welchem auch der gewöhnliche Weg der Karawanen nach Suez sich
vorüberzieht. Auf unsrer kleinen Reise nach Abusabel, besonders
heimwärts, begegneten uns schon mehrere Hadschis mit ihren Kamelen,
welche der großen Karawane vorauseilten, weil sie zu Schiffe, von Suez
über das rothe Meer nach Mekka gehen wollten. So sicher diese ganze
Gegend am Tage zu passiren ist, so ist sie dieß dennoch nicht immer
bei Nacht; nicht wegen der Räuber, sondern wegen der wilden Thiere,
denn einer meiner Bekannten wurde vor kurzem, als er nach Einbruch der
Nacht durch den Wald jenseits Matarieh nach Abusabel reiten wollte, von
einem Aegyptischen Luchs (Caracal) angefallen, den er, mit Pistolen
bewaffnet, so glücklich war zu erlegen und für die Sammlung in Abusabel
zu erbeuten. So wie man sich Abusabel nähert sieht man auf dem hinter
ihm gelegenen Hügel die archäologisch nicht sehr bedeutenden, von
weitem aber ansehnlich sich ausnehmenden Trümmer von Tel el Jhud: der
Judenstadt, welche wahrscheinlich noch in den Zeiten der Ptolemäer und
selbst der Römerherrschaft ein Wohnort der in Aegypten einheimischen
Juden war[27].