Strom hier oberhalb der Insel, wo er noch nicht getheilt ist, Ghizeh
gegenüber, einen unvergleichlichen Eindruck aufs Auge. Zwar das
Gewimmel und fröhliche Gedränge der mit Menschen und Gütern des Landes
gefüllten Fahrzeuge, welche zu Herodots Zeiten seine Wasserfläche
bedeckten, ist schon längst verronnen und vergangen; denn während in
den Zeiten der Pharaonen Aegypten sieben Millionen Bewohner reichlich
ernährte und versorgte, ist die Zahl der jetzigen kaum noch auf mehr
denn zwei Millionen anzuschlagen, und wenigstens der sechste Theil der
männlichen Bevölkerung stehet im Dienste der Waffen, die übrigen aber
in dem nicht minder lähmenden eines fremden Interesses. Dennoch könnte
noch jetzt dieses Land bei vollem Anbaue wie in den Zeiten seines
vormaligen, höchsten Wohlstandes, seine sieben Millionen Menschen mit
all ihren Hausthieren speisen und bekleiden, denn der Nil, nach einem
arabischen Ausdrucke, thut seine reiche Hand noch eben so weit auf wie
vormals, weil sich zwar der Boden des Landes, mit ihm zugleich jedoch
auch das Bette des Flusses durch die jährliche Zufuhr der Stoffe,
welche sein Wasser mit sich bringt, erhöht hat, so daß die Höhe seines
Anschwellens, zur Zeit seiner Ueberschwemmung noch eben so viel in
unsern Tagen wie in denen des Herodot, Plinius, Plutarchs und Kaiser
Julians beträgt, nämlich 15 bis 16 Fuß. Mit der Breite des Aegyptischen
Stromes hält keiner der vaterländischen, während seines Verlaufes im
deutschen Lande den Vergleich aus, denn diese misset schon in dem tief
eingegrabenen, engen Bette bei Lucksor 1300 Fuß, steiget bei Montfalout
und Syout auf 2034 und 2800, und dehnt sich hier in der tieferen Ebene,
wo kein Gebirg zu beiden Seiten die Ausbreitung hemmt, bei dem mittlern
Wasserstand (im Januar) auf 2846 Pariser Fuße aus. So sieht man die
Donau nur dann, wenn sie auf ihrem Laufe durch Ungarn und die Wallachei
vom Zuflusse manches großen Flußes erwachsen, unter dem Panier eines
fremden Volkes und fremder Zungen dem Meere zueilt.
Wenn man recht lebhaft einsehen will was Aegypten wäre ohne den Segen
des Niles, muß man sich das Land nur in dem Zustand denken, in welchem
es sich vor der Stromschwelle befindet. Jetzt stehen wir hier mitten
im Winter; ohngeachtet der großen Kühle der frühesten Morgenstunden
ist die mittlere Temperatur des Monates 10 bis 12 Grad, wie bei uns
im Frühling; der Flachs hat schon Knoten gewonnen und in wenig Wochen
wird man ihn können raufen, der Waizen steht so hoch wie bei uns spät
im Mai; die Erbsenfelder sind voller großer Schoten, die Bohnen wie der
Rübsamen blühen, das Zuckerrohr wird geerntet. Noch geht der Nil in
fast vollem Bette; an tieferen Stellen des Thales sieht man mächtige
Teiche und Sümpfe stehen. Dies ist auch überdieß die Jahreszeit wo
das Land von Unterägypten öfters (besonders, wie man sagt, seit den
Anpflanzungen des Ibrahim Pascha) von Regenschauern, ja, wie wir dieß
selber gleich bei unsrer Ankunft erfuhren, von Regengüssen erquickt
wird, während freilich in Oberägypten das ganze Jahr hindurch kaum
fünf leichte Regenschauer, alle zehn Jahre nur ein starker Platzregen
fällt. Nur noch wenig Wochen und die Frische der Natur, die uns jetzt
so anlacht, wird verschwinden; noch im März steiget die mittlere
Temperatur auf 20 Grad und darüber (in Oberägypten auf 24), die Felder
sind dann weiß zur Ernte, denn mit Anfang des Aprils schneidet man
den Waizen, und das dürre Stroh der Erbsen- und Linsenfelder ist
dann längst zum Brennmaterial geschickt geworden. Nun kommt, wie das
hiesige Volk meint, vom Ostermontag der Kopten an die Periode der
heißen aus Süden strömenden Chamsimwinde, welche, wenigstens nach
Aussage der hiesigen uralten Bauern- und Bürgerregel, 50 Tage bis
zum Pfingstsonntag dauert. Am Mittwoch vorher (in der Charwoche) den
sie Hiobs Mittwoche (Arbaa Eyub) nennen, reiben sich die Koptischen
Christen den ganzen Körper mit dem Kraut und Blättern des arabischen
Inelts (+Inula arabica+) den sie Ghubeyra nennen, und schon an
Mariä Verkündigung so wie am Palmsonntag spricht ihr Priester das
Todtengebet über die ganze Gemeinde; denn diese alten Eingebornen
des Landes bedenken wohl, welchen Gefahren sie entgegengehen. Die
Mohamedaner aber machen es gleich dem Till Eulenspiegel, welcher,
wenn er einen sauren Berg hinauf zu steigen hatte, lachte, weil er
schon im Voraus des Hinabsteigens sich freute, das vom Gipfel aus
seinen Anfang nehmen würde; sie reiten oder gehen am ersten Tage des
Khummasin oder Chamsim schaarenweise zum Thore hinaus, um, wie sie
sagen, den erquicklichen Zephyr zu riechen, was sie für sehr gesund
halten, obgleich sie öfters, wenn Ostern etwas später fällt, halbkrank
und fast erstickt vom Staub der heißen Winde von ihrem Zephyrriechen
(Schemmn Nesim) wieder nach Hause kommen. Ohnehin gewährt jetzt die
freie Landschaft einen traurigen Anblick; der Boden ist tief zerborsten
und löst sich bei jedem Windhauch in Staube auf; das Grün der Auen ist
fast ganz verschwunden, nur der Palmbaum behält auch in der Dürre und
Hitze sein grünendes Laubdach. In dieser Zeit sollte eigentlich kein
Fremder nach Aegypten kommen, oder wenn er schon da ist sollte er nach
dem zwar um 5 Grad heißeren, dabei aber dennoch gesündern Oberägypten,
noch besser aber in das Sinaitische Gebirge entfliehen. Denn dieß ist
die Zeit da die Pest, wenn sie anders gerade in Aegypten ist, und
andre Krankheiten am gefährlichsten wüthen und wie groß hier ihre
Macht seyn könne, das erfuhr man noch vor zwei Jahren (1835), wo in
Kairo allein der dritte Theil der Einwohner (gegen 80000 Menschen), in
ganz Aegypten aber fast ein Zehntheil der Bevölkerung (gegen 200000)
starben, obgleich die Zahl der Opfer in Oberägypten verhältnißmäßig
viel geringer war als in Unterägypten. Nun läßt sich auch zuweilen der
erstickend heiße, giftige Samum merken, der jedoch zum Glück nur eine
Viertelstunde bis 20 Minuten lang wehet; ein Theil des Ungeziefers, das
selbst bei Nacht die Ruhe der Betten störte, namentlich die Flöhe, sind
zwar in der heißesten Zeit verschwunden, desto lästiger fallen aber
jetzt die Wanzen, Mücken, Fliegen und bei Unreinlichen selbst die
Läuse.
Aber das Zephyrriechen der Reiter und Fußgänger; dieses Hoffen zu
einer Zeit da nichts zu hoffen war, bleibt doch auch nicht ohne
Erfüllung, obgleich diese nicht zu Pferde, sondern ziemlich langsam,
zu Fuße nachkommt. Grade dann, wenn die Noth am größesten, ist auch
hier in diesem bedeutungsvollen und merkwürdigen Lande Gottes Hülfe am
nächsten; denn wenn die Hitze ihre höchste Stufe erreichte, dann fangen
die kühlenden Nordwinde an immer häufiger und kräftiger zu wehen; die
Nilfahrt belebt sich wieder, weil man nun besser und leichter auf
eine günstige Fahrt nach Süden rechnen kann. Am 17ten Juny, am 11ten
des Monates Baunah der Kopten, ist die Leylet en Nucktah, die Nacht
des Tropfens; jene wundervolle Nacht, da -- wie dieß die Astrologen
auf die Minute auszurechnen wissen -- der kräftige Tropfen vom Himmel
in den Nil fällt, welcher den Strom so hoch anschwellen machet. Man
bringt diese Nacht fröhlich auf den Dächern der Häußer oder im Freien
zu; ein Stücklein Teig auf das Dach gelegt deutet, wie man meint,
durch sein Anschwellen mittelst der Gährung Glück und längeres Leben,
durch das Gegentheil aber etwas Schlimmes an; Kugeln aus Nilschlamm
zusammengeballt, von Nilwasser umgossen, lassen, meint man, auf das
Maaß der dießjährigen Stromschwelle schließen.
Nun beginnt die Spannung der Neugier und Erwartung, wie in den Gegenden
unsers Vaterlandes, welche Weinbau treiben, in der Zeit der Blüthe
und des angehenden Reifens dieses edlen Gewächses, bei jedem günstig
oder ungünstig scheinenden Tage. Man läuft hinaus an den Nil um selbst
der Wirkung des wundervollen Tropfens zuzuschauen, aber auch jetzt
kann man noch Gedult üben lernen, denn das Steigen des Wassers wird
doch erst gegen Anfang des Juli recht bemerkbar. Jetzt hat auch der
Magenwächter des Ramadans, von dem ich im zweiten Briefe (S. 21)
erzählte, wieder etwas zu thun, denn öfters versieht dieser vom dritten
Juli an, in dem Quartier der Stadt, für das er bestellt ist, auch die
Stelle eines »Munadi en Nil« eines Ausschreiers der Nilstromschwelle.
Er kommt diesmal in Gesellschaft eines Knaben vor die einzelnen Häußer
und beide rufen oder singen gegeneinander. Der ~Munadi~ beginnt:
»Ich bezeuge den Ruhm Dessen, welcher den Erdkreis ausbreitete.
~Knabe~: Und gab fließende Wasser. M. Durch Ihn werden die Gefilde
grün. K. Nach dem Tode giebt er ihnen Neues Leben. M. Gott gab Fülle;
Er machte den Strom schwellen und wässerte das höhere Land. K. Ja
selbst die Hügel und den Sand, wie die ebenen Auen.« -- Bei und außer
diesen seinen Sprüchen hat der Munadi denn auch das Amt jenes Maaß des
Steigens anzugeben, das am Strom bemerkbar wurde. Man darf ihm aber
hierbei nicht viel Vertrauen schenken. Damit die Gedult seiner Zuhörer
nicht zu sehr ermüdet werde -- denn das Steigen geht gar langsam --
läßt er bald einmal den Strom viel höher anwachsen, als er es wirklich
that, oder er dichtet ihm wohl auch Pausen des Steigens an, wo keine da
waren, nur um dann wieder Gelegenheit zu haben einen recht freudigen
Aufsprung seiner Angaben, vom Geringeren zum Höheren zu machen. Das
Landvolk läßt sich indeß durch keinen Munadi irre machen; es bestellt
im August die Saat der verschiedenen Arten des Moorhirses und andrer
Gewächse, deren junges Grün am besten unter der Decke des Wassers
gedeiht.
In diesem Monat so wie im September ist es auch für den Fremden,
der alle Herrlichkeiten Aegyptens besehen möchte, hier nicht mehr
übel wohnen und reisen. Der jetzt vorherrschende Nordwind strömt
seinen kühlenden Hauch über das zu einem See gewordene Nilthal aus,
und schwellt zugleich die Segel der Bote, die nach Theben steuern
gar fröhlich an. In Oberägypten beginnt die Reihe der Freudenfeste,
die jetzt, beim Austreten des Stromes über seine Ufer bis hinab zu
den Mündungen ins Meer gefeiert werden, zuerst; sie beginnt hier
auf ziemlich handgreifliche Weise. Kinder, wie man sagt nach einer
uralten Sitte, entzünden Büschel von Palmenblättern oder Binsenrohr
und schlagen mit den Feuerbränden, eines aufs andre. In Unterägypten
ist man feiner und höflicher. Der Munadi mit seinem Knaben, der jetzt
von jedem Hausbesitzer ein Trinkgeld für sein Ausschreien zu empfangen
hat, geht, festlicher als gewöhnlich geputzt, den Tag vorher, ehe man
hier bei Altkairo oder Fostat den Damm durchsticht und das Wasser in
die Kanäle der Stadt strömen läßt, in seinem Stadtquartier herum und
beide singen oder schreien gegen einander. M. Der Strom hat Ueberfluß
gegeben und sein Maaß erreicht. K. Gott hat den Ueberfluß gesendet. M.
Der Kanalteich ist gefüllt, in den Gräben strömt das Wasser. K. Gott
hat den Ueberfluß gesendet. M. Die Fahrzeuge sind flott. -- Darauf,
nach manchen ähnlichen Beschreibungen der Stromfülle, fährt das Duett
fort, die Bewohner der einzelnen Häußer anredend: Mögt ihr lange leben.
-- -- Dieser edle Mann (hier im Hauße) liebt die Edlen. -- Das Paradies
ist den Freigebigen verheißen. -- Die Hölle aber den Geizigen. -- Möge
Gott mich nicht vor die Thüre eines Geizigen führen. -- Eines Solchen
der das Wasser im Kruge mißt. -- Oder die Brode noch im Teige zählt.
-- Nicht eines Solchen der die Katzen zur Essenszeit hinausschließt.
-- Oder die Hunde von seiner Mauer hinwegtreibt. -- Seht nur, wie die
Welt sich geschmückt hat. -- Die Damen haben sich geputzt. -- -- Der
Junggesell sieht sich nach Gesellinnen um. -- Der Jungfrau bereitet man
den Brautschatz.
Die fröhlichen Festlichkeiten, die man bei Kairo vor dem Durchstechen
des großen Dammes anstellt, sind schon oft beschrieben. Zelte sind
da für die Zuschauer, für die Sänger und Volksbelustiger, wie für
die Verkäufer des Scherbet und der Eßwaaren aufgeschlagen; in dem
noch trocknen Kanal, in welchen man jetzt die Arusch oder Braut des
Nils, eine aus Schlamm oder Lehmen gefertigte Säule hineinstellt
(statt der Jungfrau die nach einem Mährlein der hiesigen Moslemen
die vormaligen Bewohner dem schwellenden Strom zum Opfer brachten)
sieht man Leute tanzen und springen, hört da den Ton der Sänger und
Musikanten. Und nach fröhlich durchwachter Nacht deren Dunkel die
Feuerwerke erhellten, wird dann am Morgen bei Sonnenaufgang, unter
dem Donner der Kanonen, in Gegenwart der höchsten Behörden der Stadt
der Damm gestochen; das lustige Pöbelvolk oder die muthwillige Jugend
erwartet, noch im Graben stehend, die Ankunft des Wassers, in welchem
es jauchzend herumwatet oder zuletzt schwimmt wobei nicht selten
Mehrere ertrinken; das geschmückte Schiff (Ackabah) fährt auf dem
strömenden Wasser unter den gellenden Tönen der Musik dahin; die leicht
auflösliche Nilbraut zerrinnt. Vormals wurde auch, zur Belustigung des
Volkes vom Sultan oder Pascha Geld in das wogende Wasser geworfen, das
der hinabtauchende Pöbel hervorholte.
Am Tage der Kreuzerfindung oder des Salib der Kopten, das ist nach
unserm Kalender am 26sten oder 27sten September hat in der Regel der
Strom seinen höchsten Stand erreicht. Der Munadi singt jetzt sein
Liedlein vom Schemmam und Lemmam, worinnen er meldet, daß nun alles
Grün außer dem Schemmam (Dudaimkürbißen) und Lemmam (Aegyptische
Krausemünze) vom Wasser bedeckt sey und empfängt noch nachträglich ein
kleines Trinkgeld. Die Höhe des Wasserstandes fängt jetzt allmälig
an sich wieder zu vermindern; ein großer Theil der Felder tritt frei
aus seinem Spiegel hervor. Man säet jetzt den Waizen, in mehreren
verschiednen Abarten, die Gerste, Bohnen, Erbsen und eine Menge andere
Hülsengewächse, während man die Samenkörner der verschiednen Arten von
Moorhirse schon im August dem Boden anvertraut. So sind in Aegypten
alle Arbeiten des Landmannes durch die Zeiten der Stromschwelle des
Niles vorherbestimmt und geregelt. Und wenn wir mit dem festgeordneten
Jahreslaufe der Geschäfte des Landbaues, wie wir ihn jetzt noch im
Nilthal vor Augen haben, die ältesten Berichte über Aegypten aus
der Mosaischen Zeit so wie aus den Tagen des Herodot vergleichen,
dann erkennen wir eine Uebereinstimmung und ein Verbleiben bei dem
Gleichen, wie dies nirgends in unsern Gegenden gefunden werden kann.
Wenn irgend ein Land geeignet erscheint seine Bewohner zur Kenntniß der
eigentlichen Dauer des Jahres zu führen und hierbei fest zu erhalten,
so ist dieß Aegypten. Und dennoch hat die Sitte des Islams, wie sie in
manchen alten christlichen Kirchen, die sie zu Moscheen umgestaltete
mit ihrer Kibleh oder Mekkalinie, die Richtung, nach welcher jene
orientirt waren, queer durchkreuzte, auch durch das Sonnenjahr das
hier so fest bezeichnet ist, einen unsymmetrischen Querstrich gemacht,
indem dieselbe ihre Jahresfeste und Monate nicht nach dem Lauf der
Sonne, sondern des Mondes bestimmte, so daß die Dauer ihres Jahres
um 11 Tage kürzer ist und die Zeit der Ramadanfasten wie des kleinen
Beiram, welche heuer in den Januar fiel nach 16 Jahren auf die Mitte
des Sommers treffen wird.
Aber das Gebäude der alten Ordnung der Dinge steht hier dennoch so
fest, daß jene mit ihrer Kiblehlinie es nicht verrücken können. Wie
man in diesem Lande der unverweslichen Vergangenheit in den Händen
einiger Mumien, die schon vor mehreren Jahrtausenden zu Grabe getragen
waren, Waizenkörner und Zwiebeln fand, deren Keimkraft sich noch so
wohl erhalten hatte, daß sie, ins feuchte Erdreich gebracht, aufkeimten
und ausschlugen, so hat sich auch in der Natur und Seelenstimmung
der Bewohner des Landes ein uralter Keim erhalten, welcher, unter
günstigen Umständen wohl noch einmal sich frisch beleben und entfalten
kann.
Wir kamen zum ersten Male am 7ten Januar nach Fostat; es war die
Zeit des Weihnachtsfestes der Kopten. In der Stadt selber hatte ich
noch keine Zeit gefunden eine Koptische Kirche zu besuchen, obgleich
eine der bedeutendsten derselben, sowie die Wohnung des Patriarchen
ganz nahe bei der unsrigen liegt; hier in Altkairo ließen wir uns
in eine der berühmtesten Kirchen führen. Es ist jene, welche über
die zum Theil unterirdischen Gemächer gebaut ist, in denen eine alte
Sage der hiesigen Christen die Wohnung der heiligen Familie, während
ihres Aufenthaltes in Aegypten vermuthen lässet. Die Kirche ist von
klösterlichen Mauern umschlossen. Ich beschreibe Dir das Innre wie es
nicht zunächst nur hier, sondern in allen Koptischen Kirchen gefunden
wird und zugleich, zum Verständnis der sonderbaren Dinge, die man da
sieht, die Gebräuche des Gottesdienstes die man da beobachtet.
Bald nach dem Eintreten fällt dem Fremden die große Menge der Krücken
auf die an verschiedenen Stellen des Gebäudes angelehnt stehen; er
glaubt in eine Wohnung der Lahmen und Krüppel gekommen zu seyn. Diese
Krücken dienen sonderbarer Weise zu einem Ersatz für die Sitze. Denn
da der ganze Gottesdienst, mit der Feier des Abendmahles, drei bis
vier Stunden lang dauert, sucht man dadurch, daß man sich während
desselben auf Krücken lehnt, der Ermüdung vorzubauen. Eine zweite
Eigenthümlichkeit dieser Christentempel sind die vielen vergitterten
Verschläge, welche sich in ihnen angebracht finden. Dem Haupteingange
gegenüber, in der äußersten Tiefe der Kirche zeigt sich zuerst der
Heykel: das Sanktuarium mit Altar und Kanzel, nach vorn durch einen
Gitterverschlag umgränzt, aus welchem eine Thüre die nur ein Vorhang
verschließt, herausführt in den zweiten Verschlag, der abermals durch
Lattenwerk von der übrigen Kirche abgesondert ist, zu welcher von ihm
heraus drei Thüren sich öffnen. In dem innersten Verschlag des Heykel
steht der Priester, welcher der heiligen Handlung vorsteht; im äußeren
Verschlag die andren Priester und Altardiener mit den Chorknaben. Aber
auch der übrige Raum der Kirche ist noch durch mehrere vergitterte
Abtheilungen entstellt, wovon etliche für die Männer, einer, welcher
am dichtesten verschränkt ist, für die Frauen gehört. Das was der
Priester innerhalb des Sanctuariums spricht und betet ist Koptisch;
die Gesänge und Gebete der Priester und Chorknaben im Vorbaue des
Heykels sind theils arabisch, theils koptisch. Während der langen
Dauer der kirchlichen Handlungen macht der Priester zuweilen Pausen
um niedersitzend ein wenig zu ruhen, indeß ertönt die laute Musik der
geschlagnen Cymbeln; ein andrer Priester mit dem Rauchfaß tritt heraus
zur Gemeinde und segnet jeden der Anwesenden mit Auflegen der Hand.
Beim Empfangen des Abendmahles, nach vorhergegangener Beichte, naht
sich Jeder einzelne der Thüre des Heykel und nimmt hier das in Wein
getauchte, geweihte Brod. Vor Weihnachten, Epiphanias und Ostern, so
wie bei vielen andern Gelegenheiten, selbst bei Trauungen wird ein
langer nächtlicher Gottesdienst gefeiert; andre Nächte werden in Gebet
und Trauer bei den Gräbern der Verwandten durchwacht. Alles was dieses
merkwürdige Volk in und außer der Kirche beginnt und thut, das trägt
das Gepräge eines tiefen Ernstes und der Trauer.
Die armen Kopten; sie haben wohl Ursache genug zu trauern. Sie
vergleichen sich selber mit der Aloë oder Sapr, jenem schon erwähnten
Sinnbild der Gedult, das selbst zertreten und verdorrt dennoch immer
wieder aufgrünet und blühet, wenn nur ein Tröpflein Wassers sie
benetzt, oder mit der wohlriechenden Futem-Mimose, dem Sinnbild der
Liebe, die selbst unter der Axt Dessen der sie niederhaut noch einen
erquickenden Duft verbreitet; mich aber erinnert das bedauernswürdige
Volk in seinem jetzigen Zustande mehr noch an jene verdorrten Samen
oder Keime, die man, wie ich schon erzählte, in die dürren Hände
einiger Mumien eingeschlossen fand und in denen dennoch, so erstorben
sie auch schienen, ein Vermögen der Wiederentfaltung geblieben war.
In der That abgeschlossen und umschlossen genug ist das kleine noch
übrig gebliebene Häuflein der alten, Aegyptischen Christen, deren
Zahl im ganzen Lande aufs Höchste 140000 betragen mag. Abgeschlossen
ist es zum Theil durch eigne Schuld von allen übrigen christlichen
Gemeinschaften der Erde, durch ein tief in ihm gewurzeltes, fast
gehässig erscheinendes Mißtrauen; umschlossen von der Herrschergewalt
einer fremden Religion, Sprache und Sitte, welche das eigentümliche
Wesen fast ganz verschlungen und in sich aufgelößt hat. Denn während
noch im 14ten Jahrhundert wenigstens die Frauen in Oberägypten nur
die Muttersprache -- das Koptische -- sprachen, vermögen dieß jetzt
nicht einmal die gelehrten Priester, obgleich ein Theil der Gebete,
so wie die Psalmen und noch etliche heilige Bücher in dieser Sprache
von ihnen gesprochen und gelesen werden. Die alte, rechte Mutter ist
gestorben und hat den Erben nur noch etliche Worte des Vermächtnisses
hinterlassen; eine Stiefmutter, das Arabische, ist an ihre Stelle
getreten, welche von allen Rechten ihrer Vorgängerin Besitz genommen
hat[21]. Nur in der Hauptstadt noch unterscheiden sich die eingebornen
Christen durch die blaue (Trauer-) Farbe des Turbans von ihren
islamitischen Mitbürgern; auf dem Lande tragen sie, gleich diesen, den
rothen oder weißen Kopfbund, und in den Gesichtszügen, Gestalt und
Geberden wird zwischen beiden keine Verschiedenheit bemerkt, da ja der
größere Theil auch der mohamedanischen Eingebornen aus Kopten, die den
Islam annahmen, entstanden ist. Die Kopten essen, wie die Mohamedaner,
kein Schweinefleisch (übrigens auch kein Kamelfleisch); der Genuß
geistiger Getränke ist ihnen nicht versagt, namentlich trinken sie
Branntwein und dieser mag ihnen die schwere, drückende Last ihrer
langen Fasten in etwas erleichtern.
Vor etlichen Tagen habe ich, mit Freund Lieder den Patriarchen
(Botrak) der Kopten besucht; er hat eins seiner vielen Häußer meinen
jungen Freunden und Reisegefährten um ganz überaus billigen Preis zur
Miethe überlassen. Dieser, wie er sich nennt, Besitzer des Stuhles
und geistlichen Hirtenstabes des heiligen Apostel Markus ist ein sehr
ernster Mann, der gegen uns eine besonders feierliche Miene annahm.
Er, so wie der Bischof (Usckuff) werden aus den Mönchen der Klöster,
jener aus denen des St. Antoniusordens gewählt, welche freilich
ihre vieljährige Abgeschiedenheit von der Welt und ihre strengen
Enthaltungen sehr zum Ernste stimmen mögen. Denn vor dem Eintritt ins
Kloster muß sich der künftige Mönch alles dessen entschlagen was er
besitzt -- muß Alles weggeben -- man singt und spricht über ihn die
Gesänge und Gebete wie über die Todten, verrichtet die Sterbegebräuche.
Nur an den drei hohen Festen dürfen die Mönche, wenn sie anders es
haben können, Fleisch genießen; sie üben die strengsten Büßungen und
Fasten. Auch der Patriarch, der eben so wie seine hohe Geistlichkeit
sich nie verheirathen darf, hat es noch schwer genug, namentlich muß
er sichs gefallen lassen, daß er in der Nacht jede Viertelstunde
einmal geweckt wird. Und dennoch läßt es sich auch hier bemerken, daß
das äußerliche, leibliche Wachen dem innren, geistigen gerade nicht
förderlich ist, und daß alle Entbehrungen des Mönchthumes, wenn sie
auch dem Baume der Selbstsucht seine Blätter nahmen, dennoch die
Wurzel desselben nicht tödten konnten; man sagt es den Koptischen
Patriarchen nach, daß sie sehr auf Erwerb und Gewinn bedacht sind.
Ihre Hauptbesitzungen bestehen in Häußern; denn wenn in oder bei
der Hauptstadt ein Kopte sein Haus verkaufen will und es bietet der
Patriarch darauf, da treten alle Kauflustige der Gemeinde zurück
und jener empfängt es für das, was er bot. Die Geistlichkeit der
geringeren Grade muß sich auch mit geringerem Gewinn begnügen; sie
erhält nur einzelne, freiwillige Gaben, nährt sich deshalb meist von
Handel und Gewerbe. Solche Priester (Ckasis) dürfen ~einmal~ sich
verheirathen, doch nicht ~nach~ sondern nur ~vor~ ihrer Weihe.