Am meisten Vergnügen unter allem was es in der letzten Zeit, wo es

wegen des Bairams und wegen der Mekkapilgrime besonders lebhaft

war, zu sehen und zu hören gab, würden Dir freilich die hiesigen

Romanzenerzähler gemacht haben, wenn Dir ein sprach- und landeskundiger

Freund den Inhalt ihrer Erzählungen übersetzt hätte. Du solltest

nur sehen, mit welcher gespannten Aufmerksamkeit und Theilnahme die

hiesigen so wie fremden Araber diesen Meistern der Erzählungskunst,

denn das scheinen sie mir wirklich zu seyn, zuhören; wie ihnen, beim

Hinhorchen selbst die Pfeife ausgeht oder die Hand, wie erstarrt auf

ihrem Wege mit der Kaffeetasse nach dem Munde still stehen bleibt.

Der Schaër oder Dichter sitzt gewöhnlich etwas erhöht auf einem aus

Palmenzweigen geflochtenen Schemel auf einem Mustubah (steinernen Bank)

entweder in oder auch außen vor dem Kaffeehaus, wo dann am Abend, wenn

die Passage minder lebhaft wurde, sein versammeltes Auditorium sich

bis auf die Mustubahs der gegenüberstehenden Häußer ausdehnt. Er hat

eine stockartig gestaltete, zweisaitige Violine in der Hand, denn er

trägt seine Erzählungen nicht bloß in Prosa und im sprechenden Tone,

sondern wenigstens zum Theile in Reimen und singend vor. Der Stoff der

Geschichtlein ist theils der bekannte aus »tausend und eine Nacht,«

theils gleicht derselbe den romantischen Dichtungen unsers alten,

deutschen Heldenbuches und dem Sagenkreis aus Karls des Großen Zeiten.

Die Erzählungen aus tausend und eine Nacht (Elf Leyleh we Leyleh), so

wie die von den Thaten Antars haben vielleicht durch ihr höheres Alter,

so wie durch ihre Sprache einen Vorrang vor den jüngeren, doch fehlt

es auch diesen nicht an Anmuth des Inhaltes und Ausdruckes. Namentlich

gilt dieß von der Geschichte des Emir Gundubah, der in den Zeiten der

Omejaden der waffenkundigste Held unter den Stämmen der Hedschas war.

Seine Mutter, Rabab, aus einem edlen Stamme der Beduinen entsprossen,

hatte der tapfere Herrscher der Beni Kilab: Emir el Hharis, dessen

Hand gegen Jedermann, so wie Jedermanns Hand gegen ihn war, im Krieg

erbeutet und zur Gemahlin genommen; noch als Mutter in Hoffnung wird

sie durch einen Traum erschreckt, welcher auf ihr eignes unglückliches

Schicksal bei der Geburt und auf die künftige Heldenmacht des Kindes

hindeutet. Jener Magier, der den Traum deutete, giebt ihr ein Amulet,

das soll sie dem Neugebornen an seinen Arm binden. El Hharis stirbt

noch vor der Geburt seines Sohnes; die Stämme, welche sein Schwert oft

gedemüthigt und beraubt zugleich aber in Furcht gehalten hatte, rüsten

sich um Rache an dem Blut ihres Feindes zu nehmen; Rabab entflieht,

mit einem schwarzen Sklaven der ihrem Gemahl gehört hatte, um zu ihrem

elterlichen Stamm zurückzukehren. In der Nähe des Zeltendorfes des

Emir Darim, des mächtigsten und erbittertsten Feindes des verstorbenen

El Hharis, wird sie von dem Sklaven absichtlich irre geführt; dieser

entdeckt ihr seine verbrecherische Liebe, welche die edle Rabab mit

Zorn und Abscheu von sich weiset, während die Folgen des Schreckens

ihre Niederkunft beschleunigen. Sie gebiehrt einen Sohn, wickelt ihn in

ein Tuch, bindet den Talisman an seinen Arm, legt ihn an ihre Brust,

da zieht der rachsüchtige Sklave sein Schwert, schlägt ihr den Kopf ab

und entflieht. Als die Sonne aufgeht versammelt sich eine Wolke von

Gundabheuschrecken über dem Leichnam der Mutter und über dem Kinde um

beide zu beschatten; Emir Darim der zur Jagd gehen will, sieht den

enthaupteten Körper, der von wunderbarer Kraft gehalten noch aufrecht

sitzt, noch immer das saugende Kind an seiner Brust hält; sieht das

Dach der Heuschrecken und erkennt die höhere, bewahrende Fügung die

über dem, zu großen Dingen bestimmten Neugebornen waltet. Er bringt das

Kind seiner Gemahlin ins Zelt, der kurz vorher ein neugebornes Kind

gestorben war; sie säugt und erzieht den Knaben wie einen eignen Sohn.

Niemand erräth von welcher Abkunft das Wunderkind sey, das von der

Heuschreckenwolke den Namen Gundubah empfängt; der Talisman an seinem

Arme hätte Auskunft geben können, aber diesen darf Keiner ohne den

Willen dessen lesen, der ihn trägt. Als Gundubah zum Jünglingsalter

kommt macht er sich bald durch Heldenkraft und Tapferkeit berühmt. Sein

Pflegevater mit seinen Söhnen und den tapfersten seiner Krieger, war

in Gefangenschaft der grauen Riesin gerathen, die mit eiserner Kraft

auch die stärksten Helden bezwang; die Gefangenen seufzten hoffnungslos

im Kerker zu El Schumta; Gundubah erschlägt die Riesin und befreit

Darim mit den Seinen. Aber das Lied von Gundubahs Heldenruhme, das

jetzt aus allen Zelten und von allen Lippen der Jungfrauen und Frauen

ertönte, regt in Darims und seiner Söhne Brust die neidische Eifersucht

auf; Darim heißt den Fündling von seinem Zeltendorfe sich entfernen.

Gundubah, da seine sanften und bescheidnen Gegenvorstellungen

unbeachtet bleiben, willigt in die Trennung ein; vorher will nur noch

der Pflegevater den Talisman lesen. Gundubah erlaubt es ihm und nun

sieht erst Darim, daß er bisher den Sohn seines alten Todfeindes, des

El Hharis bei sich erzogen habe. Da erwacht in ihrer ganzen Gewalt

die Blutrache; mit lautem Geschrei ruft er die Seinen, damit sie den

Sohn Dessen tödteten, der so Viele ihrer Väter und Brüder erschlug.

Gundubah, der Einzelne, fordert nach altem Recht der Kämpfer, daß

Einzelne, nicht Alle zugleich sich mit ihm messen möchten. Emir Darim

sprengt zuerst heran; Gundubah versucht Alles um den Kampf mit dem

Pflegevater zu vermeiden, dieser aber stürzt sich in blinder Wuth

selber Gundubahs Speer entgegen und fällt vom Eisen durchbohrt. Hierauf

dringt der ganze Haufe der Krieger auf den Helden ein; einige von

Darims Söhnen fallen; die andern entfliehen zum Zelte ihrer Mutter,

welche klagend und bittend hervortritt und den Pflegesohn ermahnt

seinem Zorn gegen die Kinder der Mutter die ihn wie einen eignen

Sohn liebte, Einhalt zu gebieten. Gundubah, nachdem er kindlich der

Mutter für ihre Treue gedankt hat, nimmt Abschied und reitet nach

dem Schlosse der von ihm erschlagenen Riesin, dessen Mannschaft sich

ihm als ihrem Herrn unterworfen hatte. Er wählt sich einen Theil der

Männer zur Begleitung auf seinen Ausgang nach Abentheuern und nach

Thaten des Krieges; nur zu bald bemerkt er aber, daß diese Gesellen mit

heimlichem Verrath gegen ihn umgehen; er erschlägt sie alle und setzt

seinen Zug allein fort. Da begegnet er, im palmenreichen Thale der

noch nie besiegten Heldenjungfrau Ckattelet esch Schugan (Vertilgerin

der Helden) der Tochter des El Melik Ckabus. Diese, da sie an der Art

seines Reitens schon von fern erkannte, daß er ein starker Krieger

sey, war ihm entgegengeritten um, wenn er nicht stärker wäre als sie,

ihren Speer mit seinem Blute zu röthen. Vor dem Kampfe begrüßt er sie

wie Helden pflegen, mit dem Gruß des Friedens, und ermahnt auch den

vermeintlichen Gegner dasselbe zu thun; dieser aber, damit die Stimme

das Geschlecht nicht verrathe, nimmt schweigend seinen Anlauf. Die

Speere sind schon zerbrochen, die Schwerter zerhauen, da wirft mit

überlegner Ringerkraft Gundubah den Gegner zum Boden, und will eben mit

dem Dolch den Kampf enden, als die Heldin sich ihm zu erkennen giebt.

Er allein unter Allen die um ihre Hand warben und von ihr besiegt und

getödtet wurden ist ihrer Verbindung werth; sie wird seine Braut; er

nimmt die Bewirthung bei ihren Zelten, unter den Kriegern ihres Vaters

an, welche mit ihr hierher auf Wegelagerung gezogen waren. In der Nacht

beim Feuer, erzählten sich die Kriegsleute ihre Thaten; ein schwarzer

Sklave erzählt, er habe die Gemahlin des großen Emir El Hharis

enthauptet; Gundubah zieht sogleich sein Schwerdt und nimmt Blutrache

an dem Mörder seiner Mutter. Die Andern wollen jetzt ihrerseits an

ihm den Tod ihres Spiesgesellen rächen; von dem Waffenlärme erwacht

die Fürstin Ckattelet, schlichtet vor der Hand den Kampf, indem sie

verspricht am andern Tage Urtheil und Recht zu sprechen, entflieht

aber noch bei Nacht mit Gundubah. Auf seinem weitern Zuge begegnet das

junge Heldenpaar abermals, in einem Feld der Palmen, einem blutigen

Kampfe der Männer; aus dem Schlachtgeschrei der schwächeren, fast schon

unterliegenden Parthei, erkennt Gundubah die Söhne seines Stammes, die

Beni Kilab, die Verwandten seines Blutes, und als nun sein tapfrer Arm

im Bunde mit dem der Heldin die stärkeren Feinde zurückgeschreckt und

geschlagen hat, wird er Emir der Beni Kilab, deren Stamm sich durch

ihn von neuem, und mehr denn jemals zum Range des mächtigsten und

geehrtesten unter allen Stämmen der Hedschas erhebt.

Von nicht minder anziehender Kraft, durch Stoff und Inhalt ist auch die

Romanze von Abu Zeyd oder Barakat, die man öfters in den Kaffeehäusern

oder unter den Zelten von den Romanzendichtern erzählen hört. Wir

haben uns jedoch schon zu lange auf und bei dem Rumeylehplatze

unter dem gauklenden, singenden, zuschauenden und zuhörenden Haufen

herumgetrieben; es ist Zeit, daß wir uns auch an einer andern Stätte

der Bairamsfestlichkeiten umsehen.

Ein Hauptort des Begegnens der festlich, in ihren neuen Kleidern

prangenden Leute, besonders der Frauen, sind heute, wie ich schon

vorhin sagte, die Begräbnißstätten, vor allen die große, nordwärts

von der Stadt, gegen die Gräber der Mameluckenkönige gelegene. Der

heutige Tag ist nicht nur ein Fest der Lebenden, sondern diese wollen

ihn auch für ihre Todten als einen solchen gelten lassen. Darum gehen

fast Alle, mehr jedoch die Frauen als die Männer, mit den Zweigen der

Palmen oder mit Basilikumkraut in der Hand hieher, scheinbar um eine

Klage zu halten; die Klage aber, wenn sie schon eine alte und verjährte

ist, wird gewöhnlich bald zu einer Aeußerung und Genuß der Freude. Es

ist für die Charakteristik des Lebens und religiösen Glaubens eines

Volkes von höchster Wichtigkeit die Form zu betrachten, in welcher den

Vorstellungen der Ueberlebenden der Tod der Ihrigen erscheint, und

die Weise in der sie den Todten die sogenannte letzte Ehre, bei der

Bestattung seines Leibes zur Erde bezeugen, darum beschreibe ich Dir,

zum Schluße meines heutigen Briefes und meiner Erzählungen aus dem

Leben der jetzigen Kahiriner, die Feierlichkeiten der Sterbehäußer und

der Begräbnisse.

Der Tag wo sich Jeder auf den möglichen Fall, daß er in diesem Jahre

sterben werde, vorbereitet ist der vierzehnte des Monates Schaaban.

Denn in der Nacht, welche in die Mitte dieses Monats fällt, nach

Sonnenuntergang, schüttelt der Engel jenen Lotusbaum (Sidr) des

Paradieses, an dem so viel mit Namen beschriebene Blätter stehen als

Menschen auf Erden leben. Die, deren Blatt (das ihren Namen führt)

herunterfällt, müssen ohne Widerruf in diesem Jahre sterben. Die

Gläubigen bringen deshalb diesen Tag im Gebet zu, wenn aber einmal

die Zeit des Schüttelns vorbei ist, warten sie in phlegmatischer Ruhe

den Erfolg ab. Ueberhaupt machen sich die Bekenner des Islam eben

so, wie sie es mit dem Leben gethan haben, auch den Tod so anmuthig

und leicht als möglich. Nach ihrer Vorstellung ist es ohnehin eine

ausgemachte Sache, daß jeder Gläubige, d. h. Mohamedaner, selig werden

kann und zuletzt wohl auch muß, die Ungläubigen aber, Christen, Juden

und Heiden ewig verdammt sind, wenn sie nicht noch zuletzt zum Islam

sich bekehren. Daher würde es auch, nicht bloß nach dem Gebot des

Propheten: die Todten nicht zu klagen, sondern auch nach der Sitte des

Volkes sehr tadelnswürdig erscheinen, wenn ein Mann bei dem Tode der

Seinen der Wehklage sich überließe; in der Geschichte der Sterbe- und

Begräbnißgebräuche haben wir es deshalb vorzüglich nur mit dem Benehmen

und den Handlungen der Frauen, nicht der Männer zu thun.

Sobald der letzte Kampf des leiblichen Lebens mit dem Tode beginnt,

legt man den Sterbenden so, daß sein Angesicht gegen Mekka gewendet

ist. Wenn der Kampf geendet ist drückt man dem Verstorbenen die Augen

zu; die anwesenden Männer rufen den auswendig gelernten Spruch:

Allah; es ist keine Kraft noch Macht außer in Gott; wir gehören Gott

an und zu Ihm müssen wir zurückkehren; Gott habe Erbarmen mit ihm

(dem Verstorbenen). Die Frauen aber erheben das durchdringende, laute

Klaggeschrei (den Welweleh oder Wilwal) untermischt mit Aeußerungen des

Schmerzens wie sie die Natur oder die angelernte Sitte ihnen eingiebt.

Unter den schon oben (S. 16) erwähnten ländlich sittlichen, hört man

auch die rührenden: o Theurer (ja ezzih); o mein Vater (ja abuja).

Sobald der Wilwal vernommen wird kommen auch Nachbarinnen und stimmen

in die laute Klage ein. Hierauf verstummt diese; die Verwandtinnen

des Verstorbenen sitzen mit verhülltem Haupte, schweigend auf dem

Diwan, dessen Polster, eben so wie die Teppiche, zum Zeichen der

Trauer umgekehrt (das unterste zu oberst) worden sind. Nun treten die

Neddabehs oder Klageweiber (deren noch jetzt fortwährendes Geschäft das

ausdrückliche Verbot des Propheten nicht aufheben konnte) herein ins

Zimmer. Die, welche ihren Chor anführt, hat sich vorher genau nach den

Umständen und Familienverhältnissen, nach den gewöhnlichsten Ausdrücken

und Redensarten des Verstorbenen erkundigt; sie erzählt jetzt von

diesem, stellt in dieser Erzählung mit theatralischer Kraft die Weise

dar, in welcher der nun Hingeschiedne, am Morgen wenn er an sein

Tagesgeschäft gieng, oder am Mittag und Abend wenn er wiederkehrte, die

Seinen begrüßte; sie beschreibt einzelne vorzüglich rührende Züge aus

seinem Leben, dazwischen bejammert sie ihn, und die andern Neddabehs

stimmen in die Klage ein. Der Eindruck auf die von Natur oder aus Sitte

verstummte Wittwe oder andre nahe Verwandtinnen des Verstorbenen ist

hiervon so mächtig, daß der laut sich erneuernde Jammer öfters Ohnmacht

herbeiführt.

Wenn der Todte am Morgen starb geschieht die Bestattung noch an

demselben, wo nicht, am andern Tage. In der ersten Nacht nach dem

Tode werden im Hauße des Verstorbenen, wenn dieser nicht ganz arm

war, von einigen Ficki's vor allem die Gebete des großen Sebchah oder

Rosenkranzes gesprochen und der Koran gelesen. Der Rosenkranz dessen

sich die Fickis bei dieser Gelegenheit bedienen hat 1000 Kugeln, so

groß als ein Taubenei; so oft eine solche Kugel durch die Finger

gleitet, murmelt der Betende die Worte: es ist keine Gottheit außer

Gott; wenn er dieß 1000 mal gethan hat bekommt er eine Tasse Kaffee,

und beginnt dann von neuem das Spiel der Kugeln wie der Worte, denn

er hat dieses in Allem 31000 Male zu wiederholen. Sobald er sein la

ilaha zum 31000sten Male gesagt hat wird ihm eine ordentliche Mahlzeit

gereicht. Während des Gemurmels der Sebchahbeter und Koranleser setzen

auch die Klageweiber in Gemeinschaft mit den Frauen des Sterbehauses

ihren Wilwal fort.

Dieses Jammergeschrei erneut sich in größerer Heftigkeit, wenn jetzt

der Augenblick der Bestattung kommt. Der Todte, von den Mughossils

(Leichenwäschern seines Geschlechtes) gewaschen und in den Kefen oder

Todtenkittel gekleidet liegt auf der Bahre, die sich bei den Leichen

der Frauen und jungen Knaben durch einen eignen Aufsatz unterscheidet

und welche von Freunden des Verstorbenen getragen wird. Zuerst geht

paarweise geordnet eine Anzahl der Fakirs oder andrer armer meist

blinder Männer welche in tiefem, dumpfen Tone das Glaubensbekenntniß

beten, dann folgen einige Freunde des Todten, unter ihnen nicht selten

Derwische mit Fahnen, hierauf paarweise eine Schaar von Knaben, welche

den Chasrijeh oder Sterbegesang singen, dessen Inhalt eine Art von

Beschreibung des jüngsten Gerichtes ist. Nun kommt die Bahre und hinter

ihr die klagenden Frauen. Ihre Klage wird übrigens nicht laut beim

Begräbniß einer Jungfrau und bei diesem gehen auch die Verwandtinnen

nicht zu Fuße, sondern reiten. Noch weniger darf sich der Wilwal

vernehmen lassen, bei dem Begräbniß eines Welih oder vermeintlichen

Heiligen, unter welchem Titel der Mohamedaner nicht selten auch

Blödsinnige verehrt. Bei der Bestattung eines solchen müssen vielmehr

die begleitenden Frauen ihren Zugharit oder Jubeltriller anstimmen,

weil sonst, so sagen die Träger, die Bahre, durch den Geist des Welih

gehalten, schlechterdings nicht vorwärts geht[19].

Der erste Weg vom Leichenhauße hinweg geht nach einer der großen

Moscheen. Hier verrichtet der Iman die Tekbirs oder Todtengebete und

spricht darauf die Formeln des Glaubensbekenntnisses des Islam. Dieser

Todte da hat, so fährt er fort, das Alles bekannt, darum schenke ihm,

o Gott, Befreiung von Strafe und Segnungen des Paradieses. Wenn hier,

unter den Anwesenden einer ist, welcher gute Thaten gethan hat, so

lasse die Kraft derselben dem Verstorbenen zu gute kommen. -- Nach

einer kurzen Pause wendet sich der Iman zu den Engeln, welche, obwohl

vom Menschenauge ungesehen zur Rechten und Linken der Bahre stehen,

und grüßt sie mit dem Gruße des Friedens und der Segnungen. Endlich

wendet er sich an die Anwesenden und ruft laut: gebt über den Todten

euer Zeugniß. In der Regel antworten diese: er war unter den Guten. Als

jedoch vor mehreren Jahren der Wüthrich Ali Bey durch ein merkwürdiges

Gericht der Wiedervergeltung, sein Ende in den Flammen einer (im Jahr

1824) auf der Citadelle entstandenen Pulverexplosion genommen hatte

und nun sein entstellter Leichnam zur Hhosseynsmoschee gebracht war,

da wagte es bei der Aufforderung des Imams: »gebt nun Zeugniß über

den Todten,« keiner, auch der anwesenden Verwandten, die gewöhnlichen

Worte der Gutheißung auszusprechen. Der Imam wiederholte noch einmal

seine Aufforderung; man hörte ein dumpfes Murmeln des Unmuthes unter

den Anwesenden; er schloß mit den halblauten Worten: »Gott sey ihm

gnädig[20].«

Wenn diese Ceremonie, die wie ein schwacher Ueberrest der alten

Todtengerichte erscheint, vorüber ist, und wenn die Moschee zugleich,

wie die des Hhosseyn, Verwahrungsort der Ueberreste eines Heiligen ist,

trägt man die Todtenbahre noch vor die Mocksurah oder den Aufbau des

Grabmahls, dann beginnt der Zug nach dem Gottesacker. Das Grab ist ein

gleich einem Backofen ausgemauertes Gewölbe, auf dessen geschlossenem

mit Erde bedeckten Bogen oben der Turkibeh oder Grabstein liegt. Das

Gewölbe muß so hoch seyn, daß der Todte, wenn in der ersten Nacht nach

der Beerdigung die beiden Engel Munkir und Nekir hineinkommen um ihn

zu verhören, darinnen aufrecht sitzen kann; gewöhnlich hat ein Grab

Raum für mehrere Leichname; der Eingang ist nach Nordost gerichtet.

Hier schiebt man den Leichnam hinein, legt ihn so, daß sein Angesicht

nach Südost (gegen Mekka) gekehrt ist und sucht ihm diese Stellung

durch Unterlegen eines Steines zu sichern. Wenn dies geschehen ist,

setzt sich ein Ficki als Mulockkin oder Todtenlehrer vor das Grab und

ruft zu dem Leichnam hinein: »o Knecht (Magd) Gottes, o Sohn (Tochter)

einer Magd Gottes, wisse, daß jetzt zwei Engel zu dir kommen werden.

Wenn diese dich fragen, wer ist dein Herr, da antworte du: Gott ist

mein Herr; wenn sie dich fragen nach deinem Glauben, antworte der Islam

ist mein Glaube; nach den Propheten, da sage nur Mohamed ist Gottes

Gesandter; nach dem Buch der Gebote: der Koran ist das Buch meiner

Gebote; nach der Richtung deiner Gebete: die Kaaba ist der Ort dahin

ich betend mein Haupt wende und ich lebte und starb in dem Bekenntniß,

daß keine Gottheit ist außer Gott und Mohamed ist Gottes Gesandter.

Wenn du so wie ich dir sagte geantwortet hast, dann werden die Engel zu

dir sagen: Schlafe o Knecht Gottes, im Schutze Gottes.«

Am Grabe eines Bemittelten wird nach vollbrachten Gebräuchen der

Bestattung ein Büffel als Kaffarah oder Versöhnungsopfer geschlachtet

und sein Fleisch an die Armen vertheilt. Am Donnerstag nach der

Beerdigung des Abends wiederholen die Frauen ihr Klaggeschrei; am

Freitag besuchen sie mit Palmenzweigen in der Hand das Grab. Dasselbe

geschieht an jedem Donnerstag und Freitag der beiden nächsten Wochen

und zuletzt noch mit besonderer Feierlichkeit in der sechsten Woche,

wo sich die 40tägige Periode der Klagezeit schließt. In Oberägypten

halten die Frauen in den ersten drei Tagen nach dem Tode eines nahen

Verwandten nicht bloß laute Klagen, sondern zugleich auch, dreimal

täglich und zwar jedesmal eine Stunde lang, Todtentänze von ganz

besondrer Art, wobei sie Angesicht und Gewand mit Staub und Asche

bestreuen, Palmenstöcke oder scharfe Waffen in den Händen, einen Gürtel

von Stroh oder Grashalmen um den Leib tragen. In diesem Tanze kehren

vorzüglich oft jene Bewegungen wieder, wobei die Tänzerinnen sich tief

zur Erde beugen und dann wieder aufrichten. Nach drei Tagen wird der

Strohgürtel auf das Grab des Verstorbenen gelegt. -- Die Farbe der

Trauergewänder, die übrigens nur von Frauen getragen werden, ist in

Aegypten die dunkelblaue.

Die Beschreibung der Bestattungsfeierlichkeiten der Kahiriner hat uns

zugleich an den Hauptort dieser Bestattungen: auf den Todtenacker von

Bab en Nusr geführt. Daran gränzt die prachtvolle Gräberstadt der

Großen (der Mameluckenkönige von Aegypten) deren schönste Moscheen

und alte Schulgebäude von den Herrschern der Cirkassischen oder

Borgitendynastie (zwischen 1382 bis 1512) erbaut sind. Viele köstliche

Trümmer und Hieroglyphenwerke sind in die Mauern dieser alten Gebäude

hineingeflickt. Sultan Kaitlag, dessen Moschee eine der schönsten von

Kairo ist, starb 1496; nächst dieser, ist die des Sultan Seegu sehr

sehenswerth. Der ganze lange Strich westlich am Fuß des Mokkatam hin

weiß von nichts zu sprechen als vom Grabe und von Todtensteinen.

So haben wir die Bekenner des Islam, welche das neuere Aegypten,

namentlich aber seine Hauptstadt beherrschen und bewohnen, durch die

Gebräuche ihres täglichen Lebens bis zum Grabe begleitet. Auch hier

wird noch der Unterschied deutlich, der zwischen der Tageshelle der

Sonne und zwischen dem Mondenschein sey; das Leben der Moslemen endet

und zerfließt zuletzt in einer Welt der Träume und selbst geschaffnen

Phantasieen, das der Christen endet an einer Welt der gewissen

Zuversicht und der offenkundigen Wahrheit; jenen geht da der Mond

unter, welcher mit einem nur von der Sonne erborgten Schimmer den

Lebenspfad beleuchtete und der Tag ist noch fern; dem Christen gehet

da die Sonne auf, deren Morgenlicht schon die Wege seines Lebens helle

gemacht und bestrahlet hatte.

Vierter Brief.

=Ausflüge in die Umgegend: an den Nil und nach Heliopolis. Beschreibung

der Kopten.=

Ich habe hier schon manche Seite, freilich in sehr abbrevirter

Sprachweise an Dich geschrieben, meine liebe Schwester; dennoch bin

ich des Schreibens noch nicht müde. Vielleicht liegt der Grund zu

dieser Schreibseligkeit in der milden Luft und zugleich in unsrer sehr

mäßigen und geregelten Diät, vielleicht auch in der aufregenden Kraft

des vielen Neuen, das man täglich sieht und hört; so viel ist gewiß,

daß ich selten eine solche Leichtigkeit und aufgelegte Stimmung zu den

ritterlichen Uebungen der Schreibfeder empfunden habe, als da oben

auf meinem Dache, neben dem großen Windfange; es ist als ob hier, im

Anblick der Palmenwälder und Pyramiden, in meinem sonst so schweren

Dache des Gehirnes selber eine Thür sich aufgethan hätte, durch welche

ein frischer, belebender Hauch hinabführe, der alle Lebensräder in

Bewegung setzt; in einer oder etlichen Stunden schreibe ich so viel als

daheim in einem ganzen Tage.

In meinem heutigen Briefe bin ich gesonnen Dich auch einmal aus der

ungepflasterten und dennoch so manches Heilpflasters bedürfenden Stadt

hinauszuführen in die Umgegend und freie Landschaft.

Die alten Aegypter hatten, wie Du weißt die Sitte, ihre Todten zu

ihren Festen einzuladen und den ernsten Anblick der Mumien zu den

fröhlichen Eindrücken des gastlichen Mahles zu gesellen; diese Sitte

der Menschen erscheint in der That nur als eine bewußtlose Nachahmung

der Natur und Weise des hiesigen Landes. Auch die Natur hat ihre Mumien

und Grabmähler; nirgends hat sie dieselben in solcher riesenhaften Art

und Menge und so nahe zu dem noch fortwährenden Gastmahle des jungen,

frischen Lebens gesellt als in Aegypten. Hier sind fast alle Hügel des

Nummulitenkalkes von einem Gewimmel der Ueberreste jener lebendigen

Wesen erfüllt, die sich in dem Muttergewässer der Schöpfungstage regten

und bewegten; die große, allgemeine Fluth, welche mit ihren schwer

lastenden Wassermassen über die Oberfläche der Erde dahinschritt, hat

nirgends mächtigere, unverhülltere Fußtritte zurückgelassen, als da in

der Wüste, wo der Druck ihrer Wassersäule ganzen Waldungen der Vorwelt

die Form der versteinerten, vegetabilischen Mumien gab, Thäler und

Klüfte in das Land hineinriß und die Felder der runden Kiesel wie die

unübersehlich weiten Landstriche des Sandes bildete. Und wo sonst auf

Erden hätte wohl die älteste und ältere Geschichte der Völker, mit

den Werken ihrer Hand sich unbesiegbarer und unverrückbarer fest,

neben die noch immer forthandthierende neueste Zeit hingestellt als in

Aegypten, wo selbst die anderwärts Alles auflösende und zur Verwesung

führende Zeit den Leichnam des Vergangenen und Gewesenen zur bleibenden

Mumie machte, als wolle sie dem am Gastmahle des Lebens sitzenden Volke

es bezeugen, daß nur ein Ereigniß dem Menschenleben gewiß sey, der

Tod; nur eine Kraft die Menschenseele in all ihrem täglichen Treiben

aufrecht stehend erhalte: die Kraft der Ewigkeit, welche in ihren

Werken wie in den Worten ihres Hoffens von einem Fortwähren der That

ihres Seyns auch nach dem Tode spricht.

Betrachten wir zuerst das immergrünende Zweiglein des alten Baumes,

dessen Stamm und Aeste schon längst abgestorben dastehen; treten

wir an die noch immer mit Fülle gedeckten Tische hin, an denen ein

großentheils sehr armes, genügsames Volk seine Tage theils verschläft,

theils in einem, nicht selten sehr schwerem Traume hinbringt.

Der Diener, welcher im großen Haushalt des Landes die Tische mit

Lebensmitteln versorgt, ist der Nil, dessen gesegnetes Wasser auch ich

rühmen und besingen sollte, da ich seinen Kräften, wie mir es scheint,

zum Theil die in Kairo wiedererlangte Gesundheit verdanke, welche durch

die Beschwerden der Herreise so wankend geworden war.

Unser diesmaliger Weg am Saume des nun trocknen Teiches von El

Esbekieh hin, in dessen Mitte jetzt auf Mehemed Ali's Befehl ein

botanischer Garten begründet wird, dann zum Thore von Boulack hinaus,

führt uns links, auf wohlgebauter Straße, durch die neuen Garten-

und Felderanlagen des Ibrahim Pascha, gen Fostat oder Altkairo und

an den Nil. Wenn es uns der Kalender nicht sagte, daß wir im Januar

leben, die Landschaft würde uns das nicht verrathen, denn auf diesen

Feldern, die aus den alten Schutthäufen der Stadt entstanden sind,

und deren Boden eine Menge der Wasserräder und Gräben befeuchtet,

grünen alle Gemüse unsrer Sommermonate; von den hohen Bäumen der

Röhrencassie (+Cassia fistulosa+) hängen die Guirlanden der langen

Röhrenschoten in Menge herab. Wir halten uns vor der Hand nicht bei

diesen beachtenswerten Anlagen und ihren Erzeugnissen auf; erfreuen

uns nur auf einige Augenblicke an den munteren Spielen der vielen

militärisch (europäisch) gekleideten Knaben, welche Mehemed Ali hier

in einer wohleingerichteten Soldatenschule erziehen und verpflegen

läßet, deren weitläufige Gebäude nahe bei Ibrahim Pascha's prachtvollem

Pallaste stehen, sondern begeben uns vor allem einmal zur Quelle all

dieses wirklichen und scheinbaren Wohlstandes: zum Nil. Wir kommen hier

zuerst an dem großen Kanal vorüber, welcher zur Zeit der Stromschwelle

das Wasser in die Stadt leitet und an dem Gemäuer der plumpen, vom

Sultan El Guri erbauten Wasserleitung, dann aber auf einer außen, vor

den Mauern von Altkairo hinlaufenden Straße, in welcher vor dem Thore

der Höfe und Landhäußer manches beachtenswerte Bildwerk des alten

Aegyptens stehet, zum Ufer des Stromes, der hier mit seinen zwei Armen

die Insel Ruda umschlingt.

* * * * *

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Zweiter Band · 第 9 / 42 段