entwickelte sich die ziemlich lange Unterhaltung. Zuerst sprach der
Aegyptische Herrscher auf sehr rühmliche Weise von unserm König
Ludwig von Bayern. Da er sich beständig den Inhalt der europäischen
Zeitungen mittheilen läßt und in seinem glücklichen Gedächtniß viel
von diesem Inhalt behält, wußte er ziemlich gut Bescheid über das
was bei uns geschahe; er wußte, daß wir in Bayern eine Eisenbahn
haben (die er sich freilich viel weiter ausgedehnt zu denken schien
als sie damals wirklich war) und daß man an einem Verbindungskanal
zwischen zwei großen Flüssen (Donau und Rhein) arbeite, und erzählte
mir bei dieser Gelegenheit, daß auch er damit umgehe eine Eisenbahn
und einen großen Kanalbau zu begründen. Auch daß wir bei uns sehr
schöne neue Gebäude haben, wußte er und fragte mich, ob ich schon
die Arbeiten an der neuen Moschee gesehen habe, welche er nahe bei
seinem Pallaste anlegen lasse, eine Frage, die ich damals noch nicht
bejahen konnte. Er fragte mich nach dem Alter unsres Königes und da
er hörte, daß dieses noch ein so wenig vorgerücktes sey und wußte,
daß Seine Majestät erst ein Jahr vorher Griechenland und Kleinasien
besucht hätte, äußerte er den Wunsch den Monarchen einmal in Kairo
zu sehen, das noch schöner sey als Smyrna. Auch über König Otto von
Griechenland fragte und sprach er Vieles; schien von den dortigen
politischen Verhältnissen gut unterrichtet und äußerte sich mit
Theilnahme. Darauf wendete sich das Gespräch auf meine Hieherreise und
zu der Einrichtung der Dampfschifffahrt auf der Donau. Was die Zahl der
dort im Gange begriffenen Dampfschiffe, und den Verkehr derselben mit
beiden Ufern betraf, so wußte er darüber, wie mir aus seinen Fragen
schien, fast besser Bescheid als ich selber. Zuletzt gab es denn
auch noch Gelegenheit auf mich selber, auf meine wissenschaftliche
Beschäftigung und den Zweck meiner Reise zu sprechen zu kommen und die
Bitte anzubringen, Seine Königliche Hoheit möchten mir zu der Reise
durch die Wüste und durch Syrien die nöthigen Empfehlungen, vor allem
einen kräftigen Firman zukommen lassen. Zu dem ersteren schwieg seine
Hoheit, doch gab mir bald nachher das Geschenk eines lebenden Löwen und
eines lebenden Caracals, das ich von ihm erhielt, die Ueberzeugung,
daß er das was ich sagte beachtet hatte; zu der Bitte um seinen Schutz
nickte er bejahend. Der gefällige Herr hatte jetzt weder noch etwas
Weiteres zu fragen noch zu sagen; wir dankten für die empfangene Gnade,
bezeugten mit schweigendem Gruße unsre Ehrfurcht, stunden auf und
entfernten uns. Freund Champion sagte mir später, daß der Vizekönig,
als er in so langes Gespäch mit einem deutschen Professor sich einließ,
für diesen ganzen Tag (denn er hält die Gebräuche des Ramadans ziemlich
streng) noch gar nicht gegessen und wenigstens schon seit vier Stunden,
zuerst seinen Ministern, dann den fremden Abgeordneten Audienz gegeben
hatte; und dennoch war weder seinen Mienen noch seinen Gesprächen eine
Ermüdung anzumerken.
Zehn Uhr war längst vorbei, als wir aus dem Palast hinaustraten und
unsre Thiere bestiegen und dennoch schlug Herr von Champion es vor,
wir sollten jetzt auch noch den ersten Minister, den Habib Effendi
besuchen. Als wir in den Pallast dieses vielbeschäftigten Mannes
eintraten, konnten wir freilich aus keinem einzigen Anzeigen bemerken,
daß es bereits so spät sey. Da gab es im Vorsaal noch Kläger und
Beklagte und viele Andre, welche bei der obersten Behörde etwas
anzubringen hatten. Wir wurden dennoch -- denn der Oesterreichische
Consul steht hier in großer Achtung -- sogleich eingeführt ins
Audienzzimmer, das voller Leute war, wurden zum Niedersitzen auf dem
Divan genöthigt und mit Tabak und Kaffee bewirthet. Der Minister war
sehr zuvorkommend freundlich; als ihm Herr von Champion sagte, daß
ich das Glück gehabt habe ein Lehrer Sr. Majestät des Königes Otto
von Griechenland zu seyn, sagte er in seiner orientalisch höflichen
Ausdrucksweise: »ich wollte ich wäre noch ein Knäblein um dein Schüler
zu seyn.« Wir brachen, sobald die Schicklichkeit es erlaubte, auf, um
dem viel geplagten Geschäftsmann nicht zu viel Zeit zu nehmen.
Da wir jetzt, vom Hügel der Citadelle hinab, wieder in die Gassen der
Stadt kamen, war es mir, als befände ich mich nicht in einer Wohnstätte
der Lebenden, sondern unter Grabgebäuden der Todten. Kein Lichtlein
zeigte sich auf den Gassen und in den Häußern; die Fußtritte unsrer
Thiere regten aus weiter Ferne den Wiederhall auf; die Thore der
einzelnen Stadtteile waren geschlossen und wurden, ohne daß sich unser
Janitschar sonderlich auf das in meinem vorigen Brief beschriebene
Zeremoniell einließ, eins nach dem andern geöffnet; es fehlte nicht
mehr viel an Mitternacht da ich zu der ängstlich harrenden Hausfrau
zurückkam, welche, Gott weiß welche orientalische Verhängnisse und
Strafen, die in so langer Zeit über ihren Eheherrn ergangen seyn
könnten, gefürchtet hatte.
Versprochenermaßen gebe ich Dir nun auch gleich nach der Beschreibung
der Audienz bei Mehemed Ali die der Hoffeierlichkeiten am Beiramfeste.
Die Mohamedaner haben nicht Sonnenmonate deren Anfang und Ende im
Kalender fest vorausbestimmt steht, wie bei uns, sondern Mondenmonate,
welche dann ihren Anfang nehmen, wenn man am Abend zum ersten Male mit
bloßen Augen wieder die zarte Sichel des Neumondes sieht. Beim Monat
Schowal, welcher auf den Monat Ramadan oder der Fasten folgt, und in
dessen erste Tage die Feier des ersten Freudenfestes fällt, ist dieser
Augenblick von besondrer Wichtigkeit; hier in Kairo reiten dann gleich
am ersten oder doch zweiten Abende nach unserem Kalenderneumond Leute,
die hiezu eigends bestellt sind, hinaus in die Wüste, wo die Luft
durchsichtiger und reiner ist, um sich nach der zarten Mondssichel
umzusehen, und wenn sie diese erblickt haben eilen sie alsbald zur
Stadt zurück, verkünden hier freudig den Anfang des Bairam und der
Donner der Kanonen, herab von den Mauern der Citadelle bringt die Kunde
weiter zu den Ohren aller Bewohner der Stadt und der nächstumliegenden
Landschaft. Wir selber waren auf das platte Dach unsres Wohnhaußes
hinaufgestiegen und betrachteten den klaren, blauen Himmel, da
hörten wir den Donner der Kanonen und das scharfe Auge der Hausfrau
entdeckte den kaum noch erkennbaren am Saume des Horizontes schwebenden
Silberfaden der Mondssichel.
Nun war also am Morgen darauf das Bairamfest; Ibrahim, unser berühmter
Tabakh oder Koch war heute früher aufgestanden als gewöhnlich, denn
er mochte sich doch wohl gedacht haben, daß er, wie jeder arabische
Knecht an diesem Tage ein Geschenk bekäme, und er hatte sich nicht
geirrt; statt der neuen Schuhe, die man gewöhnlich giebt, erhielt er
die ihm noch nothwendigere Gabe eines neuen, rothen Tarbusch (Mütze).
Es ist ein belustigender Anblick, den an diesem Tage ein Ritt oder
Gang durch die Gassen einer morgenländischen Stadt gewährt. Jeder
Moslim wirft sich bald nach Sonnenaufgang in seine besten Kleider,
oder zieht, wenn er es vermag, ganz neue an; und so geht man, wenn man
nicht zur großen Zahl der Ausnahmen gehört, in die Moschee. Wo sich
auf der Straße zwei Freunde und Bekannte begegnen, die wünschen sich
Glück zur überstandnen Fasten und küssen sich dabei; die Frauen wandeln
mit Palmenzweigen in der Hand herum, denn heute beginnt der Zug ihrer
Schaaren nach den Gräbern der Verwandten. Die meisten Kaufläden, mit
Ausnahme derer wo etwas Eßbares feil ist, sind geschlossen, nicht wegen
einer besondern Heiligkeit, sondern wegen der großen Vergnüglichkeit
des Tages, an der ja auch der Kaufmann Theil nehmen will. Es ist als
wollte man jedermänniglich zeigen, wie heute das Essen, nicht bloß
bei dunkler Nacht und im dunklen Winkel des Haußes, sondern auch bei
hellem Tage erlaubt sey, denn wohin man sich wendet da sieht man Leute
welche essen. Vorzüglich wird heute vom Volke im Verzehren der Kakhs
oder honigbestrichnen Kuchen und der Fesikhs oder gesalznen Fische
viel geleistet; die letzteren genießt man deshalb, damit man den
ganzen Tag durch die That es zeigen könne, daß das Trinken vom Aufgang
der Sonne bis zu ihrem Niedergang und auch nachher noch erlaubt sey,
und damit man die umsonst, auf Kosten der Frommen gespendete Gabe des
meist versüßten Wassers, welches die Hhemalis heute in allen Straßen
unter dem Gesang eines Paradiesesliedes darreichen (nach S. 20) in
recht reichlichem Maaße zu sich nehmen möge. Damit auch der heute
häufig von den Lebenden besuchte Weg nach dem Grabe, der ohnehin,
nach der »fröhlichen« Moral der Bekenner des Islam unmittelbar zum
Paradiese geht, im rechten Lichte erscheine, findet man gleich außen
vor dem Thore, das zur größesten Begräbnißstätte von Kairo, zu Bab
en Nusr führt, so wie vor andern Begräbnißstätten Schaukeln und
Caroussels angebracht; Zelte in und vor welchen Tänzer, Musikanten und
Romanzenerzähler ihre Künste zeigen, stehen allenthalben; die Frauen,
die mit ihren Kindern die Gräber besuchen, haben sich mit einer Fülle
der Kakhs und der Schureikhs (einer Art von Fladen) versorgt, und
wer noch keine hat der kann sie bei den Verkäufern überall zwischen
den Gräbern haben, denn man baut sich da, wo keine Gebäude über den
Familienbegräbnissen angebracht sind, Zelte, in denen manche Frauen --
doch nicht gerade jene, welche in strengster Aufsicht stehen, oder
welche sich ihren Ruf unbescholten erhalten möchten -- sogar die Nacht
hindurch verweilen.
Den ersten Tag des Bairamfestes benutzten wir zu einem Ausritt nach
Heliopolis; den zweiten Feiertag aber, der wie auch bei manchen
Christenfesten der ansehnlichste ist, brachten wir mit dem Beschauen
der heute stattfindenden Hoffeierlichkeiten und dem Besuche der
Gräberstadt der Mameluckenkönige, so wie des angrenzenden Mokkatam zu.
Mein Eselein, das ich heute ritt, war gar zu demüthig; es blieb immer
weit hinter dem schönen Rosse des Herrn von Champion zurück, so daß
dieser liebe Freund oft lang auf mich warten mußte, und wenn es dann
seinen edleren Vorläufer eingeholt hatte, da stieß es, denn lenken kann
man es nicht, weil es eben nicht Zaum und Gebiß, sondern statt dessen
nur seinen Seis oder Eseltreiber hat, bald rechts bald links, mit mir,
seinem Reiter, so an die Füße des Freundes an, daß ich mich freute, daß
endlich der Hinaufweg zur Citadelle erreicht war. Hier gab es viel zu
sehen. Das Militär und die Schaaren aller hohen und niederen Beamteten
zogen hinauf zur großen Parade im Schloßhofe; wir mußten mehr denn
einmal zur Seite reiten und stillhalten, wenn ein wohlberittener Zug
nach dem andern in die Engpässe eintrat. Unser liebevoll vorsorgender
Freund hatte für uns in einem Nebengebäude, das an den Haupthof des
Pallastes stößt, ein Zimmer ausersehen, aus dessen offnen Fenstern
wir den ganzen Aufzug des Militärs und der Staatsdiener, denen sich
auch die Consuln und Abgeordneten der fremden Mächte beigesellten,
zuschauen konnten. Was das hiesige Militär betrifft, so schien es
mir immer, als wenn es an Taktik jenem des Großherrn weit überlegen
sey; das Auge wird durch die wahrhaft folgerechten und wohlgeordneten
Bewegungen vergnügt, wenn auch das Ohr, beim Hören der Musik nur von
sehr gemischtem Gefühle ergriffen wird. Denn die europäischen Märsche
und Ouvertüren, die man sich angelegentlich bemüht hat den Aegyptern
einzustudieren, wollen dem Gehörsinn wie den Händen dieses Volkes
schwer eingehen. Es fielen mir dabei mancherlei vergleichende Gedanken
ein. Die fremden Tonweisen, die man da in Aegypten einheimisch machen
will, sind zuletzt doch von verwandter Art und Abstammung mit jenen,
in denen in den Ländern der Christenheit auch die Hymnen im höheren
Chore ertönen. Wenn der ungeschickte oder unglückliche Instruktor, der
mit Gewalt ein europäisches Orchester hervorzüchtigen will, indem er,
ohne an die künftigen Folgen zu denken, dem Gebot eines Mächtigeren
folgt, nur erst, im unvollkommneren Nachhall die Ohren und Hände zur
Folgsamkeit gegen den neuen Rythmus gewonnen, sollte er damit nicht
die Ohren des musicirenden Volkes auch für das Eingehen andrer geistig
bedeutungsvollerer Weisen desselben Rhythmus geöffnet oder vorbereitet
haben? Du verstehest wohl was der rohe Vergleich andeuten sollte.
Mitten in den Mißtönen und Klaglauten, welche aus dem jetzigen Aegypten
vernommen werden, bemerkt ein aufmerksamer Sinn die freilich noch sehr
stümperhaften Studien zu der volltönigen Ausführung eines Liedes, das
von den Hoffnungen einer neuen, besseren Zeit singt.
Die Feierlichkeiten, welche nach der Parade in der Residenz statt
fanden; wie da die Abgeordneten der fremden Mächte und mit ihnen manche
Andre schon beim Vizekönige eingeführte Fremde, wie die Staatsdiener
und Ulemas, die Offiziere des Militärs und Vorstände der Bürgerschaft
dem Vizekönig ihren Glückwunsch brachten, dieß alles kann Dich nicht
sonderlich interessiren; ich führe Dich lieber ein wenig zuerst in das
muntre Treiben und Vergnügen des Volkes auf und bei dem freien Platze
der an dem Fuße des Kastellberges gränzt, dann bei der Stätte der
Gräber.
Fast in derselben Zeit, in welcher oben auf dem Schloßplatze das
Militär seine Parade macht, üben sich hier unten einige Fellahs oder
Beduinen, auf schnellen und gewandten, doch sehr abgemagerten Rossen
sitzend, im Werfen der Dscherids oder Wurfspieße, die sie auf einander
schießen und durch schnelle Wendung des Leibes auspariren. Zuweilen
wird dieses Spiel gefährlich und wenn bei manchen Festen die Fellahs
verschiedner Dörfer so mit einander kämpfen und ohne Absicht ein
Wurf tödtlich wird, entzündet sich (wenigstens geschah dies früher)
nicht selten aus dem scherzhaften Anfange eine ernste Blutrache[18].
Minder gefährlich erscheint dann immer noch das Fechten mit Nebbuts,
obgleich dieß auch dicke, schwere Stangen sind, die den Kopf und die
Glieder hart treffen mögen; noch minder die Uebungen der Musarin oder
Fechter. Die einst so berühmten Künste der Aegyptischen Tänzerinnen
oder Ghazijehs, Künste, die, wie uns Abbildungen in den alten Gräbern
lehren, schon zu den Zeiten der Pharaonen geübt wurden, habe ich nicht
gesehen, denn seit dem strengen Verbot von 1834 dürfen diese Frauen des
Ghawizihstammes, der seinen angeblichen Ursprung von den berühmten,
reizvollen Baramikehs am Hofe des großen Harun al Raschid herleitet,
das Auge nicht mehr durch ihren öffentlichen Auftritt beleidigen. Die
männlichen Balletkünstler oder Khowals tragen, als ob sie fühlten wie
sehr sie ihrer Kunst sich zu schämen haben, Schleier.
Da man heute, am Bairamfeste, ohnehin alle Künste und Vergnügungsarten
der jetzigen Aegypter beisammen sehen kann, berichte ich Dir gleich
noch etwas von den Musikern, Romanzenerzählern und Gauklern. Die Musik
der hiesigen Araber soll viele Tonweisen umfassen, welche namentlich
den spanischen Volksliedern ähnlich lauten. Die einzelnen Töne sind
nicht nur wie bei uns in halbe, sondern in Drittelstöne getheilt, so
daß der Gesang sehr sanfter, zarter Uebergänge fähig wird. Die meisten
Melodieen lauten wie Klagen, obgleich der Inhalt oft ein scherzhafter,
fröhlicher ist. So bittet in dem einen Volksliede ein Liebender die
Taube, sie möge ihm doch ihre Schwingen leihen. Die Taube sagt sie
brauche sie heute selber. Nun dann, sagt der Liebende, leihe sie mir
morgen, denn sieh', ich will sie nur auf einen einzigen Tag haben um
meine Geliebte zu sehen; der eine Tag genügt um mich für ein ganzes
Jahr mit einer fortwährenden Kraft und Gluth der Liebe zu füllen. --
Uebrigens finden sich fast in allen solchen Liedern, auch wenn der
Inhalt ein sehr weltlicher ist, fromm scheinende Stellen, die vom Lobe
Gottes und des Propheten handeln, eingewebt; ein Gewebe des Frivolen
und scheinbar Heiligen, welches wenig oder keinen innren Zusammenhalt
hat. Der Alatih oder Sänger pflegt die Töne seines Liedes gewöhnlich
mit dem Spiel der Kemengeh, einer zweisaitigen Violine, welche so
lang ist wie ein Stock und nach unten einen beckenartigen Klangkörper
hat, oder der Rabab mit vierecktem Klangkörper, zu begleiten, oder er
bedient sich dabei des Kanun, einer Art von Hackebretes oder des Uhd,
welches unsrer Guitarre gleicht.
Hier auf dem Rumeyleh-Platze habe ich auch die Bekanntschaft
eines jener Psyllen oder Schlangenbeschwörer gemacht, welche seit
uralter Zeit in Aegypten ihr Wesen treiben. Der Mann gehört zu den
Sadiyeh-Derwischen, welche, sammt den Rifajehs in die Häußer gerufen
werden, sobald man Verdacht hat, daß eine giftige Schlange in diesen
versteckt sey. Unter allerhand Beschwörungen, wobei sie auf die Macht
des »größesten Namen« sich berufen und unter Locktönen, die dem
Glucksen der Bruthühner ähnlich lauten, gelingt es ihnen wirklich
die Schlangen aus ihren Schlupfwinkeln hervorzurufen; selbst wenn
sie im Getäfel der Decke oder hoch im Mauergesims verborgen waren,
fallen sie plötzlich herab auf den Boden; der angebliche Beschwörer,
seine Kunst mag nun bestehen worinnen sie wolle, ergreift sie dann so
geschickt, daß er von keiner verletzt wird, obgleich sie, wie wir uns
selber überzeugt haben, noch in vollem Besitz ihrer Giftzähne sind.
Unser Derwisch besucht uns fast täglich; bringt uns giftige Schlangen,
Skorpionen und andre dergleichen Raritäten ins Haus; unsre Sammlung hat
auf diese Art schon manche Bereicherung durch ihn erhalten.
Während ich damals (es war nicht in der Zeit des Bairamfestes, sondern
etwas später) eigentlich ausgegangen war um einen Schlangenfänger zu
finden, gab ich selbst Gelegenheit zu einem Fange andrer Art. Ich
fand da einen Volkshaufen um einige Mohhabbazin oder Possenspieler
versammlet, deren Vorstellungen für die Kahiriner die Stelle unsrer
Volkstheater vertreten. Die kleine Truppe bestund nur aus einem Manne
und etlichen Knaben, davon der eine, verkleidete, die Rolle eines bösen
Weibes spielte die mit allem unzufrieden, was ihr der Mann brachte, und
im Bunde mit ihren Kindern, den Hausherrn mishandelte. Diese verkehrte
Welt, wobei die Frau und die Kinder den Herrn über den Mann und Vater
spielten, kam dem zuschauenden Volke über alle Maßen belustigend vor,
während ich aber selber stund und schaute, hatte mir einer meine
Rocktasche ausgeleert, welche zum Glück keine Dinge von gar hohem
Werthe enthielt.
Die hiesigen Taschenspieler oder Hhöwah haben es freilich in der
Meisterschaft ihrer Kunst weiter gebracht als die unsrigen. Man
begreift nicht, wie der Mann, den man an allen Gliedern fest gebunden
in einen engen Sack steckte, in diesem Künste treiben könne, welche den
freiesten Gebrauch der Glieder fordern; wie er die Hände, zum Empfang
der Gaben hervorzustrecken vermöge und einige Augenblicke hernach
dennoch, fest gebunden wie vorher aus dem Sacke gezogen werden kann;
auch sind die Verwandlungen, die beim Blasen eines Tritonshornes mit
den in einer Büchse verwahrten Gegenständen vorgehen, noch ungleich
riesenhafter, als bei unsern Gauklern, obwohl nicht zu verkennen
ist, daß alle diese Tausendkünste in den verschiedensten Ländern von
einerlei Abstammung sind. Ich halte die Länder am Nil und Ganges für
die rechte und ursprüngliche Heimath aller solcher Täuschereien.
Mitten unter den Musikanten, Klopffechtern, Taschenspielern,
Schlangenbeschwörern und Magiern, welche geschriebene Talismane gegen
Krankheiten und Stürme auf dem Meer so wie in der Wüste verkaufen,
schleicht sich still und behend, jeden Vorübergehenden schlau
betrachtend, das Volk der Zigeuner oder Ghujar's herum. Ihrer sind
nur noch Wenige hier in dem Lande, das von Einigen für ihr Vaterland
gehalten wird; sie sind, obgleich für Jeden, der schon öfter Zigeuner
gesehen hat, leicht erkennbar, dennoch hübscher gestaltet als man
sie in unsrer Heimath sieht, rühmen sich aber auch, gleich den
Tänzerinnen ihrer Abkunft von den reizend schönen Baramikehs aus
den Zeiten des Harun al Raschid. Die Männer treiben einen kleinen
Handel, besonders mit berauschenden und aufregenden Sachen, auch mit
wirklichen oder nachgemachten Alterthümern der Gräber, geschliffenen
Carneolen und Ringen, oder sie treiben auch das Handwerk wandernder
Schmiede und Kesselflicker; die unverschleierten Frauen wahrsagen aus
der Hand, vorzüglich aber, wie unsre sogenannten Kaffeegießerinnen
und Kartenschlägerinnen aus einer Anzahl von Schaalen. Ihren
Wahrsageapparat tragen sie gewöhnlich in einem Gazellenfell bei sich.
Hunde, wie allerhand andre zu Künsten abgerichtete Thiere sieht man
bei uns öfter; in Aegypten hat man aber auch gelehrte Kälber, die
vor dem Volk allerhand Künste machen und großen Verstand zeigen. Die
Hochschule, wo diese gelehrten Kälber gebildet werden, ist beim Grabe
eines Heiligen, welcher Meister David der Junggeselle (Sih Daud el
Azab) genannt wird.