Bei den übrigen Gebeten, welche der Moslim in oder auch außer der

Moschee (nach geschehenen Abwaschungen) verrichtet, bedient er sich

einer Art von Rosenkranzes (Sebchah) an welchem 99 und drei Kügelchen,

meist aus wohlriechendem Aloëholz gefertigt, sich befinden. Denn er muß

zuerst 33 Male die Worte wiederholen Unbegränzter Preis sey Gott; dann

einmal die Worte: unbegränzter Preis sey Gott, dem Großen, und ewiges

Lob. Hierauf wieder 33 Male: Preis sey Gott, dann einmal: Erhoben sey

seine Majestät; es ist kein Gott außer Ihm. Zuletzt noch einmal: Gott

ist der Mächtigste an Größe, und Preis sey Gott überall und zu aller

Zeit.

Wenn in diesen 99 und drei Ausrufungen der Betende sich durch kein

Gespräch mit einem Nachbarn oder irgend ein andres Begegniß stören

läßet, -- denn in diesem Falle muß er die Reihe seiner Gebetlein wieder

von vornen anfangen, kann er ganz wohl in drei bis vier Minuten damit

fertig werden, dann steht er wieder auf, zieht seine am Eingang oder

unterhalb der Stufen stehen gebliebenen Pantoffeln wieder an und geht

zu seiner Tabakspfeife oder zu seinem Geschäft.

Von dem jetzigen Herrscher in Aegypten, von Mehemed Ali hat mir ein

zuverlässiger Freund erzählt, daß er sich vom englischen Consul die

heiligen Schriften der Christen, in der Türkischen Uebersetzung bringen

und sich öfter (am Abend) daraus vorlesen ließ, weil, wie er sagte, er

gerne wissen wollte, was doch seine vielen christlichen Unterthanen

eigentlich glaubten. Sollten wir uns deshalb schämen auch darnach zu

fragen und zu sehen, was der Glaube der Millionen Bekenner des Islams

und was die Aeußerung dieses Glaubens sey; da ja auch das Sehnen

ihrer Seele mit dem großen Fragezeichen endet, welches die Antwort

herausfordert von welcher nur Jene wissen, die den Frieden selber

erfuhren, mit dem auch der Islam seine Gläubigen zu grüßen gebeut.

Was übrigens die 99 und drei Ausrufungen, so wie vieles Aehnliche

im Gottesdienst der Moslemen betrifft; so erinnern sie mich, im

günstigsten Falle an eine Lerche unsrer grünenden Felder und Auen. Ich

kann bei diesem Hermurmeln der Gebetlein nicht ins Menschenherz sehen,

kann nicht wissen, ob die Seele dabei wirklich, vom Boden hinweg,

zum Gedanken an ein Göttliches erhoben wird. Ist diesem aber also,

so geschiehet ihr wie der Lerche, die, wenn sie über unsre grünenden

Felder singend emporsteigt, öfter vielleicht als 99 und dreimal

dieselben Töne trillert und wirbelt und dabei wirklich, das zeigt die

That, von dem Drange eines Emporschwunges ergriffen ist, den ich nach

seinem Maaße mit dem Gefühl der Andacht vergleichen möchte. Indeß ist

es doch etwas ganz Andres dieses Trillern aus der thierischen Seele

der Lerche, als das kindliche Sprechen mit Dem der oben ist, aus dem

Geist des Menschen. Nur dieser, der Geist, ist ein ewig bleibendes;

die Seele des Thieres, von sterblicher Natur, entfleucht, wir

wissen nicht wohin. So waltet auch im Wesen des Islam das Sterbliche

und Vergängliche vor; in jenem des Christenthums herrschet ein

Unsterbliches und Ewiges. Das Sterbliche aber kann und wird anziehen

das Unsterbliche und von ihm überkleidet werden, wenn nur erst der

Islam statt seiner falschen Schamhaftigkeit, welche nur das Angesicht

verstecken und verhüllen will, die rechte lernet, die den unbekleideten

Zustand fühlt.

Endlich komme ich denn auch dazu Dich an den Ort zu führen, der im

doppelten Sinne die ganze Hauptstadt beherrscht; durch die Macht

dessen, der da wohnt und durch seine Aussicht: zu der auf einem

Vorsprunge des Mokkatamberges gelegnen Akropolis oder Citadelle.

Jusuf Salahedin (Saladin) der berühmte Herrscher aus dem Hauße der

Ejubiten begründete diesen mächtigen, aus den verschiedenartigsten

Theilen wunderlich zusammengesetzten Bau; spätere Herrscher fügten

und veränderten daran was ihnen gut dünkte. Unser Weg führt uns an

der großen, schönen Moschee des Sultan Hassan vorbei zuerst nach dem

freien, am Fuße des Citadellenhügels gelegenen Platze Rumeyleh oder

Romeli, an welchen im Süden der lange Ckara Meydan-Platz angränzt.

Wir steigen die breite, mit Steinpflaster belegte Straße hinan,

gelangen dann zum Asab Burgthor (Bab el Asab). Hier oben, links ist

die Menagerie des Pascha, in der sich mehrere schöne lebende Löwen

und Löwinnen befinden. Noch bemerkt man zwar bei dem Eintritt in die

innren Räume der Citadelle die Spuren der alten Abtheilungen in den

Bezirk des Pallastes des Pascha, in die Caserne der Janitscharen und

in die der Asabs, ein großer Theil jedoch der alten Mauern des Innren

ist durch die Pulverexplosion im Jahr 1824, ein noch viel größerer

durch die Umgestaltung zur modernen Burgveste, in Europäischer Weise,

welche der jetzt regierende Pascha der Sarazenischen Citadelle gab,

hinweggenommen worden. Anjetzt findet sich innerhalb des Umkreises

der Akropolis die Aegyptische »hohe Pforte,« das heißt jener Diwan el

Khidiwi oder oberste Gerichtshof, bei welchem der Pascha oder in seiner

Abwesenheit sein Kikkya (Stellvertreter) der Habib Effendi präsidirt.

Diesem obersten Gerichtshofe sind als Theile unter- und zugeordnet

der Staatsrath, Kriegsrath und Handelsrath, so wie die Geschäfte des

Oberrichters oder Kadi's der Stadt, der zu seinem Amte, das nur ein

Jahr dauert, von Konstantinopel bestellt und früherhin wenigstens von

hier aus zu der gleichen Würde in Medinah befördert wurde.

Wir haben jedoch hier oben, im allüberblickenden Haupte der

Aegyptischen Hauptstadt vorerst noch andre Dinge zu beachten, als

die neuen Gebäude und Befestigungswerke; die Aussicht von da ist

es werth, daß man sich ihr auf einige Momente ganz hingiebt. Sie

ist noch eine ungleich gewaltigere als die vom Dache unsrer Wohnung

und in ihrer Art eine einzige in der Welt. Wir besuchen zuerst den

vormaligen Burgbezirk des Asabs und treten über die Haufen der Trümmer

und des Schuttes hinein zwischen die vereinzelten Granitsäulen von

Saladins Herrscherpalast, dann vorwärts auf die Plattform und an

ihre Balustrade. Auch hier übt zuerst die Region der Pyramiden ihre

magnetisch anziehende Kraft auf das Auge aus, jenseit dem grünumsäumten

Nil in West und Südwest liegt diese in ihrer ganzen Ausdehnung vor

Augen. Es sind hier nicht mehr allein die drei großen Pyramiden von

Ghizeh mit ihren sechs kleinen Gesellen, welche wir erblicken,

sondern zur Rechten (im Norden) derselben erscheint wie ein kleiner,

unförmlicher Hügel der Tumulus, oder wie man gewöhnlich annimmt, die

zusammengestürzte Pyramide von Abu Roasch, dann folgen, in einem

Abstand von einer geographischen Meile, unsre vom Hausdach so oft

gesehenen Pyramiden von Ghizeh, die jetzt eben vom hellsten Strahle der

Sonne beschienen so weiß erglänzen als Schnee; dann kommen zur Linken

(südwärts) von ihnen die Gruppe der minder bedeutenden Pyramiden von

Abusir, endlich noch weiter nach Süden die auch aus solcher Ferne noch

scharf und entschieden hervortretenden Pyramiden von Sakkarah. Nach

einer alten Sage sollte der Königsadler einen todtenstarren Stein in

seinen Horst tragen und zu seinen Eiern hineinlegen. Während dann das

von mütterlicher Liebe schlagende Herz, brütend über den Eiern wie

über dem Steine, in jenen das muntre, thierische Leben aufregt und

bekräftigt, weckt sie in diesem geistig magische Kräfte einer andern

Art. So erzeugte sich hier bei dem uralten Königssitze des Nilthales

der Geist des Lebens auf der einen Seite das grünende und blühende

Paradies des Thales mit den Schaaren seiner Bewohner, daneben aber, am

Saume der Lybischen Wüste erschuf er sich diese Gebilde voll magisch

reizender Kraft; die Reihe der Pyramiden. Während die jungen Adler nach

wenig Monaten sich zum Fluge ihres eignen sterblichen Lebens erheben

und den Horst verlassen, bleibt der Adlerstein in unzerstörbarer

Festigkeit darinnen liegen und macht von hier, mit schützender Kraft

die vergängliche Brut der Geschwister begleitend, den für das Auge

unmerklichen, magischen Ausflug. So stehen auch die Pyramiden, mitten

in dem vorübereilenden Fluß der Zeiten zwar unbeweglich da, wenn

man sie aber hier von der fernen Höhe in dem weißen Gewande womit

der Sonnenstrahl sie bekleidet über die Ebene sich hinziehen sieht,

da ist es als nähme der aufmerkende Geist in dieser Adlerbrut aus

Stein emporhebende Kräfte wahr, auf deren Schwingen er selber, der

Menschengeist, hinaufgetragen wird, in eine Heimath, die, wie der blaue

Aether oberhalb des Zuges der Wolken, unwandelbar dieselbe ist.

Wie majestätisch führt da der Nil seine Wogen zwischen Ghizeh und

Altcairo vorüber; wie lieblich grünen, neben den noch in der Ebene

stehenden Seen die Felder jenseits des Stromes, und diesseits die

Gartenanlagen des Ibrahim Pascha; von den mehr als sechs Millionen

Dattelpalmen, welche man (nach den Tabellen der jährlich von

ihnen erhobenen Abgaben) in ganz Aegypten zählt[16] ist es kein

unansehnlicher Bruchtheil, den man hier auf und abwärts im Nilthale

überblicket.

Wir rufen jedoch das Auge von seiner Wanderung in die Ferne zurück,

zu dem Anblick des Nahen. Da zu unsern Füßen breitet sich die

Aegyptische Hauptstadt aus, Kairo, wie dieser Name bedeutet, die

siegreiche und zugleich auch, wie eine andre Nebenbedeutung des

Namens aussagt die (oft) geplagte und beunruhigte. Nach Süden

gränzt die Ckarafehgräberstadt an ihre Mauern, mit der Moschee des

»heiligen« Imam Esch Schafee, dessen Mulid oder Geburtsfest an einer

der ersten Mittwochen des Monates Schaaban ein großes Volksfest

ist; unter den Haufen des Schuttes zeigt sich weiter zur Rechten

das Grabmahl des heiligen Abu Soud; aus dem Dunkel der Scene glänzt

das Familienbegräbniß des Vizeköniges hervor; die Aussicht gen

Süden begränzt, jenseits dem herrlich gelegnen Torrah mit seinen

Klostergebäuden und Burgruinen, der Anfang der Höhenzüge, welche den

Lauf des Nils durch Oberägypten an seiner rechten Seite begleiten. In

Südwesten sieht man den alten Aquädukt, welcher das Wasser vom Nil

herführt; im südlichsten Theile der Stadt die uralte, nach dem Plane

der Kaaba in Mekka erbaute Moschee Taylun, mit der schneckenartig

ansteigenden Stiege[17], dann folgt weiter nach West, Nord und Nordost

die mächtige, über die Strecke fast einer Quadratmeile ergoßene Stadt,

deren viele, während der Stromschwelle mit Wasser gefüllte Teiche

anjetzt trocken liegen; deren vielfache (äußre und innre) Mauern,

Moscheen, unter ihnen vor allen die nahe des Sultan Hassan, mit den

zwischen den Häußchen hervortretenden Palmenbäumen ein buntes Gemälde

bilden.

Eine hiervon verschiedene Aussicht öffnet sich auf einer andren,

nördlichen oder nordöstlichen Seite der Burg. Hier sieht man

nach Nordost, nahe bei den äußern Mauern der Stadt, die große

Begräbnißstätte von Bab en Nusr mit ihren zahlreichen, domartig

gewölbten Familienbegräbnissen; weiterhin und neben dem großen

Todtenfelde dehnt sich, am Abhange des Mokkatam die Gräberstadt

der Mamelucken-Könige aus mit ihren Moscheen und hohen Gebäuden,

untermischt mit den niedern Wohnungen der Vorstadt Beladinsan. Die

Länge dieser alten Gräberstadt beträgt wenigstens drei Viertelstunden

Weges; jenseit derselben sieht man die weite Ebene, auf deren meist

nackter Fläche hie und da grünende Oasen von Datteln-Tamarisken und

Sykomorenwäldern, untermischt mit weißen Gebäuden sich hervorheben. Von

Nord in Ost bemerkt man als äußerste Gränzpunkte des Gesichtsfeldes den

hohen Obelisken von Heliopolis und, wenn mein Auge sich nicht täuschte,

den Hügel jenseits Abusabel, mit den Ruinen der Judenstadt. Nach Ost

und Südost schließt sich mit den grotesken Formen ihrer zerrissenen

Hügel die Wüste an.

Noch auf zwei Gebäude muß ich im Vorbeigehen aufmerksam machen; auf das

neueste und älteste im ganzen Umfange der Burg. Jenes ist die schöne

neue Moschee, welche Mehemed Ali in der Nähe der Ruinen von Saladins

Pallaste bauen läßt. Das Baumaterial ist großentheils ein prächtiger

Alabaster, der in den nachbarlichen Höhen gefunden wird; die ganze

Anlage des Gebäudes, dessen untrer Theil schon halb vollendet ist,

verspricht dem Auge der künftigen Beschauer großen Genuß.

Das andre Gebäude, welches ich noch nennen wollte, ist der oft erwähnte

Josephsbrunnen, der seinen Namen vom ersten Herrscher aus der Dynastie

der Ejubiten: von Jusuf, mit dem bekannteren Beinamen Saladin führt.

Dieser Kalif, der die Anlage der jetzigen Burg begründete, mag da

freilich schon die Reste uralter Bauwerke angetroffen haben; zu diesem

gehörte auch, wie man mit Recht vermuthet, jener Brunnen, den Saladin

nur erweitern und reinigen ließ von dem Sand der Wüste, mit welchem

die Reihe der Jahrhunderte seit Zerstörung des einst hier gelegenen

Liui Tkeschromi ihn erfüllt hatten. Der Brunnen ist keinesweges so enge

und schachtartig gebaut wie unsre Brunnen, sondern er ist eine weite,

trichter- oder sackartige Eintiefung die in den Felsen hineingehauen

wurde. Man steigt auf einem schneckenartig an seinem innern Umfange

hinablaufenden Gange, wenn man will bis zu seiner untersten Tiefe,

welche gegen 250 Fuß beträgt, hinunter. Hier ist der Teich des

Brunnenwassers, das aus dem Nil eindringt; die Wärme der Luft wie die

des Wassers beträgt da unten 18 Grad des Reaumurschen Thermometers; wir

würden eine solche Temperatur bei uns zu Lande lau nennen, obgleich sie

dem Gefühl, während der heißen ägyptischen Sommertage, als eine kühle

erscheinen mag. Der Brunnen besteht eigentlich aus zwei Abtheilungen:

einer obern weiteren und einer unteren engeren; am Boden der ersteren

treiben etliche Ochsen jene Räder, welche das Schöpfwerk in Bewegung

setzen.

Aber ich habe unter den Merkwürdigkeiten, welche die Citadelle

umfasset, vor allem noch eine zu erwähnen: das ist der Mann der sie

und von ihr hinab eine Weite der Länder beherrscht: der Vicekönig

~Mehemed Ali~. Ich erzähle Dir zuerst von der Antritts-Audienz

die ich bei ihm hatte, und nehme Dich dann im Geist zu einem andren

Besuche des Residenzpallastes mit, bei welchem wir, am Bairamfeste, den

Herrscher von aller Pracht seines Hofstaates umgeben finden.

Schon am dritten Tage nach meiner Ankunft in Kairo, am 6ten Januar,

wurde ich zur Audienz bei dem Vicekönige gerufen, dem ich namentlich

durch das k. k. Oesterreichische Consulat sehr gütig empfohlen war. Es

war damals noch Ramadan; die Stunde ward auf Abends acht Uhr angesagt.

In Begleitung des Mannes der sich mir hier in Kairo auf jedem meiner

Schritte als ein treuer Freund und einsichtsvoller Führer bewährt hat:

des österreichischen Herrn Consuls Champion und meines theuren Lieder

ritt ich durch die große Stadt, die ich damals noch nie bei Nacht

gesehen hatte; mit uns war zum Schutz und Trutz des kleinen Zuges ein

stattlicher Janitschar, während mehrere Diener mit ihren Leuchten

nebenher giengen. Wie ganz verschieden ist der Anblick der Aegyptischen

Hauptstadt von dem jeder eben so großen Stadt in Europa zur Zeit der

Nacht. Es war doch jetzt Ramadan; jener Monat des Jahres in welcher der

Moslim, wie ich Dir schon erzählte, die Nacht zum Tage macht; die Zeit

seines Faschings. Wie lebhaft ist es bei solcher Gelegenheit, Abends um

acht Uhr auf unsern Münchner Straßen und anderwärts in den europäischen

Städten. Hier aber hatte sich die Menge des Volkes fast ganz verlaufen;

es war so still wie bei uns kurz vor Mitternacht; außer den Leuchten

auf den Madnehs und dem Lampenlicht das aus einigen Moscheen und

Brunnenhäußern hervorschimmerte, erhellte kein Licht die dunklen

Straßen; nur in den Buden und Läden der Kaffeeschenken und Köche war

noch Leben; alle andre Läden und Häußer waren geschlossen; auf den

stillen Straßen begegneten uns nur sehr wenige, mit Laternen versehene

Menschen. Diese nächtliche Stille, welche dem Europäer in den meisten

morgenländischen Städten anfangs so auffällt, ist theils eine Folge des

Naturells der Morgenländer, welche die Nacht gern unter dem Obdach der

Häußer und Mauernwände zubringen, theils aber der polizeilichen Zucht

und Strenge. Anderthalb Stunden nach Sonnenuntergang darf sich, außer

den Blinden, niemand ohne Laterne auf den Straßen blicken lassen; ein

Polizeiofficiant (der Zabit), begleitet von mehreren Soldaten macht

mehrmalen die Runde durch die Gassen seines Stadtviertels; einer seiner

Begleiter trägt ein Bündel von brennbarem Gestrüpp, das in seiner Mitte

glimmt und durch eine Schwenkung leicht zur hellen Flamme entzündet

werden kann; sobald dem Zabit irgend ein verdächtiger Gegenstand

aufstößt, läßt er diese Leuchte entflammen, obgleich nur selten auf

diese Weise Diebe, auf deren Entdeckung die Runde vorzüglich ausgeht,

ertappt werden, weil diese, im eigentlichen Sinne des Wortes, die Lunte

von weitem riechen. Selbst in das Innre der Kaffeehäuser erstreckt

sich die nächtliche Aufsicht des Zabit, der sich hierbei öfters der

begnadigten Diebe zu seinen Kundschaftern und Aufpassern bedient. Da

bei solchen Gelegenheiten vor allem das ärmer gekleidete Volk, welches

vielleicht nicht einmal mit einer Papierlaterne sich versehen kann, den

leicht zu erregenden Verdacht des Zabits auf sich ziehen kann, bleibt

dieses, bald nach Sonnenuntergang, lieber in seiner Hütte, oder sucht

sich sein Lager in irgend einem Hofraum der Karawanen.

Wir kamen jetzt in die Nähe der Residenz. Hier wurde es heller;

einzelne Pechpfannen und Laternen erhelleten den Weg hinan zum

Schloßhofe und das Innre seiner Thore. Noch heller waren alle Eingänge

und Treppen zum Pallast des Viceköniges, so wie die Säle des Pallastes

beleuchtet. Da wir unten in diesen hineintraten und die breite,

steinerne Treppe hinanstiegen, tönte uns ein von ferne lieblich

lautender Gesang von Männerstimmen entgegen; ich glaubte es sey Conzert

im Schlosse, es war aber der Gesang der Leibwache den diese beim Gebet

des Eschi, oder der völlig eingetretenen Finsterniß anstimmte.

Ich hatte zu meiner heutigen Audienz einen ganz besonders merkwürdigen

Tag getroffen. Die ganze hohe, islamitische Geistlichkeit von Kairo,

Muftis und Ulemas, so wie andre Vorstände der einzelnen Sekten und

geistlichen Orden saßen in einem der großen Vorsäle auf Polstern

versammelt, um dem Vizekönige ihre Ramadansvisite zu machen; in

dem Saale wandelten vornehme Araber und Türken zum Theil vermischt

mit orientalisch gekleideten Franken durcheinander; denn es waren

Abgeordnete aus Mekka da, die sich durch die gelbe Farbe ihrer

Kleidung, durch den großbauschigen Turban, und, wie mein Freund

bemerkte, durch den grimmig verächtlichen Blick auszeichneten, den

sie im Vorübergehen auf uns fränkisch gekleidete Christen fallen

ließen. Es war aber überdieß heute ein Botschafter des Großsultans

aus Konstantinopel angelangt; dieser hatte eben eine geheime Audienz

bei Mehemed Ali, bei welcher nicht einmal der gewöhnliche Dolmetscher

desselben, der Artin Bey zugegen war.

Wir durften nicht lange im Vorsaal stehen; ein vornehmer Diener der

den Oesterreichischen Konsul kannte, führte uns hinein in das Zimmer

des Artin Bey, der uns freundlich empfieng, zum Niedersitzen auf die

Polster nöthigte und mit Kaffee und Tabak bewirthete. Wir fanden hier

den Leibarzt des Vizeköniges: den um die Bildungsanstalten so wie um

das Medicinalwesen des Landes hochverdienten Clot Bey. Nach etwa einer

Stunde wurde der Artin Bey abgerufen; auch wir traten wieder hinaus in

das für mich sehr unterhaltende, bunte Gedränge der Vorsäle. Die lange,

geheime Audienz war endlich geschlossen; der Türkische Botschafter,

empfangen von dem Geleite hoher Offiziere und seines eignen Gefolges

trat heraus. Jetzt begrüßte der Leibarzt auf einige Minuten seinen

Herrn, dann erhielten die Abgeordneten von Mekka einen kurzen Zutritt,

dann einen noch kürzeren die hohe Geistlichkeit der Stadt, welche unter

vielfachen Ceremonien und wie mir schien in strengster Rangordnung ein

und austrat und beim Fortgehen sehr ehrfurchtsvoll von der Dienerschaft

und den Soldaten begrüßt wurde. Jetzt kam denn auch, nach einer

kleinen Pause die Reihe an uns; der Artin Bey führte uns hinein in

den Audienzsaal, zum Vicekönig. Dieser saß rechts, in einer Ecke des

Saales, auf dem prächtigen Divan; neben ihm, in derselben Ecke, doch

auf dem Divan der andern, nicht derselben Wandseite wurde mir der

Ehrensitz angewiesen. Mein Freund Champion hatte mich von den einfachen

Gebräuchen der Begrüßung unterrichtet; sobald ich mich gesetzt hatte,

bezeugte ich mit Auflegung der rechten Hand auf die Brust dem gnädigen

Herrn meine schweigende Ehrfurcht und wartete nun auf das, was er

durch den vor uns stehenden Artin Bey zu mir sagen würde. Den schönen

morgenländischen Gruß des Viceköniges, »Preis sey Gott« (el hham du

lillah) »für deine glückliche Ankunft bei uns,« übersetzte der Artin

Bey auf Französisch »Seine Kön. Hoheit freuen sich über Ihre glückliche

Ankunft in Kairo,« und so stachen auch die Türkischen Ausdrücke des

Vizeköniges im übrigen Verlauf des Gespräches wie mir dieß später mein

sprachkundiger Freund Lieder weiter auseinandersetzte, sehr gegen die

Worte der französischen Uebersetzung ab. Ehe ich jedoch in meinem

Bericht über den Inhalt des Gespräches fortfahre, muß ich Dir doch den

äußren Eindruck beschreiben, den der Mann welcher jetzt mit mir sprach,

auf mich machte und auch die Art der Bewirthung, die mir und meinen

beiden neben mir sitzenden Begleitern während des Sprechens widerfuhr.

Mehemed Ali ist ein wohlgebildeter, kräftiger Greis, mit durchdringend

blickenden Augen. In seinen Mienen spricht sich das Gefühl, nicht

allein der äußren Macht aus die ihm verliehen ist, sondern auch jener

inneren, welche das Talent und der feste, entschiedene Wille dem einen

Menschen über viele andre giebt. Ich dachte bei dem Anblick des Mannes

an Vieles das ich von ihm gelesen und gehört hatte; es war mir als

sagten seine Mienen: ihr beachtet den eisernen Pflug der die Furchen

durchschneidet, nicht aber die Hand, die auf dem Pfluge ruhet.

Wir hatten uns kaum gesetzt, da bot uns ein Page auf prachtvollem

Präsentirteller ein Glas frisches Wasser und allerhand eingemachte

Früchte an; ein andrer reichte die lange Pfeife, auf deren Tabak schon

die glühende Kohle lag, doch ruhte der Kopf derselben, um die kostbaren

Teppiche des Fußbodens zu schonen in einem eignen Untersatz. An der

Pfeife, welche ich erhielt, war das große, bernsteinene Mundstück

so reich mit Demanten, das Rohr mit anderem Schmuck verziert, daß,

wie mir Herr Champion auf dem Heimwege sagte, ihr Werth zu 8000

Dollars (Speziesthalern) anzuschlagen war, und Mehemed Ali habe noch

wertvollere Pfeifen. Gleich nachdem wir die Pfeife empfangen bot uns

ein dritter Page den Kaffee an. Sobald man eine dieser Gaben genossen

hat wendet man sich gegen den Wirth und bezeugt seinen Dank durch

Auflegen der rechten Hand, zuerst an den Mund, dann an die Stirne; dieß

thaten wir auch hier bei unsrem hohen Wirthe.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Zweiter Band · 第 7 / 42 段