Wir treten, einige Gassen weiterhin, nahe bei einer Moschee in eine

Kutab oder Kinderschule ein, deren Ficki oder Schulmeister uns Franken

bekannt und befreundet ist, weil er öfters für Franken etwas Arabisches

abschreibt und von ihnen besser dafür bezahlt wird, als von seinen

Landsleuten[10]. Laß Dich das Geschrei der lautstimmigen Büblein und

ihre sonderbaren Verbeugungen bei jeder Silbe nicht verwundern; der

Araber kann nicht mit schweigender oder leiser Stimme lesen oder

lernen und das Verneigen des Leibes jetzt zur Rechten, dann zur

Linken, vorwärts und rückwärts hält man beim Lernen für eine ganz

besondre Erleichterung des Gedächtnisses. Jeder der Knaben, die mit

untergeschlagnen Beinen auf den Binsenmatten am Boden dasitzen, hat

eine Schreibtafel vor sich, darauf seine heutige Lektion: bei den

kleinsten etliche einzelne Buchstaben, bei den Größeren etwa einige

von den 99 Namen oder Eigenschaften der Gottheit, geschrieben stehet,

da schreit nun freilich der Eine dieß der Andre jenes, so daß man

sein eignes Wort nicht hören kann. Jetzt giebt aber der ernste, in

einer Ecke, auf einem Gebetsteppich kauernde Ficki ein Zeichen; der

Arif oder älteste Schulknabe eröffnet eine Art von Chorus oder Zikr,

wobei man die Eigenschaften Gottes, dann den Fathah oder das erste

Kapitel des Korans mit singendem Tone hersagt. Die kleinen Leute

sind schon gar gelehrt, sie stimmen fast alle in den Zickr ein und

nach dem Herschallen des ersten Kapitels geht man sogleich an das

Absingen des letzten, wobei schon ein ziemlicher Theil der kleinen

Schulmannschaft schweigend zurückbleibt, noch Mehrere aber, wenn es

zum vorletzten kommt. Es wird indeß bald unter ihnen, besonders wenn

sie in eine höhere Schule vorrücken, Manche geben, deren glückliches

Gedächtniß, worauf sich die Araber mit Recht etwas zu Gute thun können,

den Marsch des Chorgeschreies vom Anfang des Korans zum Ende und vom

Ende wieder vorwärts zum Anfange mitmachen kann, denn nach hiesiger

Sitte lehrt man der Jugend gleich nach dem Fathah oder ersten Kapitel

das letzte, dann das vorletzte, hierauf das vorvorletzte und so geht

man in rückwärtsschreitender Bewegung bis zum zweiten, mit welchem,

als dem längsten von allen der Beschluß gemacht wird. Bilden sich

doch selbst die Erwachsnen noch auf diese in den Schulen erworbene

Gelehrsamkeit so viel ein, daß man öfters in einem Kaffeehause oder

in irgend einer anderen Gesellschaft von Männern einen unter ihnen,

mitten unter den gleichgültigsten oder zum Koran gar nicht passenden

Gesprächen ein oder etliche Kapitel desselben hersagen hört; die Andern

schweigen, bewundern dann, wenn der Koranbeter ein vornehmer Mann

war, und fahren, wenn er fertig ist, im Gespräch wieder fort wo sie

stehen blieben. Oefters pflegt auch der Geringere den Zorn des Höheren

zu beschwichtigen oder ihn zu irgend einem erwünschten Entschluß zu

bringen, indem er seinem Gespräch irgend eine passende Stelle des

Korans einwebt.

Da kannst Du auch sehen wie man hier zu Lande Briefe schreibt.

Ein an der offenstehenden Schulhalle Vorübergehender hat sich

dem ernsthaften, langbärtigen Ficki genaht und halblaut mit ihm

gesprochen. Wahrscheinlich begehrt er von ihm, daß er einen Kaufbrief

für ihn schreibe. Der Ficki rückt sein Dawajeh oder Schreibzeug, das

er beständig an seinem Gürtel trägt, zurecht, legt ein Stücklein

dickes Papier in seine linke Handfläche, welche ihm die Stelle des

Schreibtisches vertritt, taucht dann seine Rohrfeder in die aus Sepia

bereitete, mit Gummi verdickte Tinte und schreibt nun leicht und

flüchtig den Brief, den der Andre mit seinem Khatim oder Siegelring,

welchen er am kleinen Finger der linken Hand trägt, unterzeichnet,

indem er zuerst mit dem am Munde befeuchteten Finger das Papier

berührt, dann mit einem andern Finger Tinte an den mit seinem

Namenszuge bezeichneten Ringstein bringt und den Abdruck davon auf die

befeuchtete Stelle macht.

Der Lohn den der Ficki für das Schreiben des Briefes bekommt

ist freilich ein sehr geringer; doch scheint dieser mit seinem

Nebenverdienst vergnügt und hält sich wohl überhaupt für einen

der ansehnlichsten Männer in der Stadt, denn jeden Donnerstag

bekommt er von den einzelnen Knaben einen halben Piaster (drei

österreichische Kreuzer Silbergeld) und außer dem, wie uns auch

heute sein neuer, rother Tarbusch mit der halb seidenen Quaste

daran erinnert, zur Zeit des Ramadan aus dem allgemeinen Schulfond

eine neue Tuchkappe (Tarbusch), ein Stück Muslin um dieselbe zum

Emameh (Turban) aufzustutzen, ein Stück Leinwand und ein Paar neue

Schuhe. Außerdem werfen auch die Beschneidungs-, die Hochzeit- und

Leichenbegängniß-Ceremonien noch Manches ab, und würden dieß auch

thun, wenn er nicht Lesen und Schreiben, sondern nur den Koran und

die gewöhnlichen Gebete auswendig gelernt hätte. Denn zu dem hohen

Grade von Gelehrsamkeit wie hier der unsrige, haben es nicht alle

Schulmeister in Kairo gebracht. So erzählt man namentlich von einem,

der war eben Ficki geworden, konnte aber weder lesen noch schreiben.

Der Mann, der sich zu helfen weiß, sagt zu dem ältesten Schulknaben

(Arif): »höre du, mir thun die Augen weh, laß du einmal die andern

Knaben schreiben;« er selber aber der Ficki, welcher nicht bloß die

99 Eigenschaften Allahs, sondern auch die gemeinen Gebete des Islams

und den ganzen Koran auswendig weiß, leitet dabei scheinbar dennoch

den ganzen Unterricht, denn wenn ein Knabe einen Spruch oder ein Wort

falsch sagt, berichtigt er es, so daß die Leute meinen er könne das

lesen was die Kinder auf ihre Schreibtafeln geschrieben haben. Eines

Tages kommt aber eine Bürgersfrau zu dem Ficki. Sie hat einen Brief

von ihrem Sohne bekommen, der sich als Hadschi auf der gefahrvollen

Pilgerreise nach Mekka befindet; sie bittet den Herrn Schullehrer,

er möge ihr den Brief lesen. Dieser nimmt ihn in die Hand und blickt

ihn so lange schweigend und mit sehr ernsthafter Miene an, daß es der

guten Frau ganz angst wird. Sie fragt zuletzt: »soll ich schreien?« er

antwortet: »ja, schreie nur;« sie fragt weiter »soll ich mein Gewand

zerreißen?« er sagt: »ja, zerreiße es.« Die Frau, welche nicht anders

meint als der Brief enthalte die Nachricht vom Tode ihres Sohnes,

erhebt mit lauter Stimme den Wilwal (das Klagegeschrei), zerreißt

ihr Gewand und geht nach Hause, wo alle ihre Nachbarinnen mit in die

Weheklage einstimmen. Wenig Tage nachher tritt der Sohn gesund und

wohlbehalten zu seiner Mutter ins Haus herein. Sie, nach den ersten

lauten Ausbrüchen der erstaunten Freude fragt ihn, warum er sie denn

mit der falschen Nachricht von seinem Tode habe so betrüben lassen. Ich

dich betrüben, spricht der Sohn, habe ich dir denn nicht geschrieben,

daß ich gesund und schon auf dem Rückwege begriffen sey? -- Die Frau

geht darauf wieder zu dem gelehrten Ficki hin und fragt diesen, warum

er sie neulich beim Lesen des Briefes so in Angst und Schrecken

gesetzt habe, da doch ihr Sohn darinnen nur von seiner Rückkehr aus

Mekka schrieb? »Wie?« sagt der Ficki, »bin ich denn Gott? Konnte ich

denn vorauswissen, daß dein Sohn, nachdem er freilich aus Mekka ein

Stück Weges herausgekommen, auch noch den Weg der Wüsten glücklich und

unverletzt zurücklegen würde? Konnte er nicht selbst in den letzten

Tagen der Reise noch sterben und war es nicht besser dich auf das

Schlimmste vorzubereiten, als dir eine Hoffnung zu machen, die so

leicht fehlschlagen konnte?« -- Und siehe, die Umstehenden bewunderten

die weisliche Rede des frommen Mannes, dessen Ansehen bei den Nachbarn

durch jenen Vorfall eher stieg als abnahm.

So hatte es jener guten Frau wenig genützt, daß der tröstliche

Brief ihres Sohnes wirklich in ihre Hände gekommen war, was bei der

bisherigen Einrichtung gerade nicht bei allen Briefen der Mekkapilgrime

der Fall seyn mochte. Denn der Seltsamkeit wegen beschreibe ich Dir

nur die alte Art, wie man die Briefe der Hadschis zu expediren pflegt.

Wenn nämlich im Monat Sufar die Hauptcaravane der Pilgrime auf der

Heimkehr ist, da reitet ein Offizier (der Schawisch el Hadsch) nebst

zwei Arabern auf schnellen Dromedaren voraus, so daß er vier bis

fünf Tage vor der Caravane in der Stadt eintrifft, wo er jedem ihm

Begegnenden sein »Sallih an nebih« (segne den Propheten) laut zuruft

und dann an die schleunigste Besorgung der ihm mitgegebenen Briefe

denkt. Dabei verfährt er folgendermaßen. Er sieht auf den Adressen

oder Ueberschriften nach, welche der Briefe an besonders vornehme oder

reiche Leute lauten, diese, weil sie ein sichres, gutes Botenlohn

abwerfen, behält er für sich. Die andern Briefe aber theilt er in

einzelne, gleich große Päcktlein ab und verkauft jedes dieser Päcktlein

um einen Dollar oder Speziesthaler an die Leute. Die Käufer einer

solchen kleinen Briefsammlung sehen die Ueberschriften an, tragen die

Briefe aus und machen sich für ihre Auslage durch das Botenlohn meist

gut bezahlt, doch mag es auch schon manchmal geschehen seyn, daß eine

solche Masse von Pilgrimsbriefen in die Hände eines andern Käufers

-- etwa eines Europäers kam, der diese Gelegenheit benutzte um seine

Sammlung von neu Arabischen Vulgärhandschriften zu vermehren, wo dann

freilich die Nachrichten, die der Hadschi den Seinigen gab, nicht so

leicht an den rechten Ort kommen konnten.

Ich kann eben nirgends mein Handwerk verleugnen, darum habe ich mich

auch so lang und breit hier bei meinem Kollegen, dem Schulmeister

niedergelassen; es ist aber Zeit, daß ich Dich weiter führe. Wir

begrüßen den Herrn Ficki, wie es uns Franken geziemt, mit dem

Teimineh-Gruß, indem wir die rechte Hand an die Brust legen[11] und

dabei den Kopf ein wenig vorwärts beugen. Denn den Friedensgruß

»Selamun aleykum« dürfen eigentlich bloß die »Gläubigen« (die Moslemen)

den Gläubigen zurufen, welche dann darauf antworten: mit euch sey der

Friede (Aleykum es Selam), während sie, wenn ein Christ sich solches

Grußes anmaßt, entweder gar nicht, oder im Fall sie der alten Sitte

folgen, mit den Worten antworten: »Friede sey mit uns und mit allen

rechten Gottesverehrern.«

Da kommen wir nun wieder einmal, in der Hauptstraße, recht in das

Bewegen des Volkshaufens hinein. Höre nur die sonderbare Art in welcher

hier die Verkäufer ihre Waaren ausrufen. Der mit den süßen, lieblichen

Orangen (ich habe sie noch niemals so süß gegessen als hier) schreit

»Honig, o Orangen, Honig« (Asal ja Burtukan, Asal) und doch hat der

gute Mann wenig für sein Geschrei, denn er verkauft zwei Dutzend seiner

guten Burtukans um sechs Kreuzer Münze; eine um einen Pfennig. Der

Verkäufer der Tirmis oder Lupinenkerne, der noch weniger für seine

Waare einnimmt, schreit eben darum noch lauter sein Meded ja Imbabeh,

Meded, d. h. Hülfe o Imbabeh, Hülfe, womit er darauf anspielt, daß

seine Tirmis daher sind, wo die beßten ihrer Art gebaut werden: von

der Gegend des Grabmahles eines moslemitischen Heiligen Namens Imbabeh

und des gleichnamigen Dörfleins. Ein junger Mensch, welcher Wollenzeug

verkauft das mit einer Maschine gefertigt wird, die ein Ochse treibt,

ruft: »Schukt es tor ja Benat,« d. h. das Werk eines Ochsen, o Töchter;

der Verkäufer der Zitronen singt mit heller Stimme, »Gott mache sie

leicht o Citronen« weil er wahrscheinlich die Last seines Korbes, den

er auf dem Kopfe trägt, lieber ganz als halb los wäre. Am lautesten

von all diesen Verkäufern schreien aber zwei arme Kerle, denen man

es ansieht, daß aus ihnen der bittre Hunger mitschreit: der Ausbieter

von Libb oder von gerösteten Melonenkernen und der von einer Art von

Scherbet, das meist nur aus einem mit Süßholz verzuckertem Wasser

besteht. Jener brüllt in tiefem Baßtone »o Tröster der Betrübten, o

Melonenkerne,« dieser läßt sich dazwischen in einem hohen, gellendem

Tone vernehmen: »für einen Nagel o Süßmeth,« weil nämlich der Lohn für

einen Trunk seines Süßholzwassers gewöhnlich in einem alten Nagel oder

in einem andren Stücklein alten Eisens besteht, das die Arabischen

Dienstboten und Gassenbuben, die im Vorübergehen sich hier laben im

Schutt und Kehrich gefunden oder entwendet haben. Der Verkäufer von

Kunafeh oder Nudeln, dort im gegenüberstehenden Laden, hört, ganz ruhig

seine Pfeife rauchend, diesen Schreiern zu, und meint mit Recht seine

Waare werde sich wohl stillschweigend verkaufen, auch kann der gute

Mann jetzt ganz ruhig seyn, seitdem der große Popanz Mustapha Kaschif

todt ist[12].

Und hier, an dem etwas freieren Platze, bei der Moschee, siehst du auch

jene Attars oder Droguisten, welche unter andrem die berauschenden

Zubereitungen aus Hanf und Opium (Afijun) verkaufen. Der Mensch,

wenn ihm auf seinen Irrsalen der Weg zu dem Quell der ächten, wahren

Begeisterung zu fern oder gar verschlossen ist, sucht eben dafür die

Pfützen der falschen, bestialischen Begeisterung auf. Die, welche

sich durch das Käuen oder Rauchen der Hanfblätter und der aus ihnen

gemachten Zubereitungen in lustige und dabei dennoch Gefahr drohende

Tollwuth versetzen, heißen Haschaschin; ein Name, aus welchem jener

der berüchtigten Assassinen hervorgieng. Eine, meist mit Zucker,

gleich unsern Ingwertafeln zusammengeschmolzene Masse von Opium, Hanf,

Nieswurz und allerhand Gewürzen wird in vier bis fünferlei Sorten

verkauft, davon die eine bloß als Arzneimittel gegen die gewöhnlichsten

Folgen der Erkältung des Unterleibes gerühmt wird, die andre aber, wie

man sagt zum Singen, eine dritte zum fröhligen Schwatzen, eine vierte

zum Tanzen aufregen soll, während die fünfte Denjenigen der sie genießt

mit lieblich-wunderlichen Visionen beglückt[13].

Wir kommen hier an dem Tollhaus, in der Nachbarschaft einer Moschee

vorüber, welches zwar jetzt besser eingerichtet ist, als alle ähnliche

von mir im Morgenlande gesehene Anstalten, dennoch aber, im Vergleich

mit unsern Europäischen, Vieles zu wünschen übrig läßet. Die Zellen,

deren Fensteröffnungen mit eisernen Gittern verwahrt sind, gehen

auf den Hof heraus, unter deren Säulengängen man herumwandelt. Am

meisten rührte mich ein junger, äußerlich sehr wohlgebildeter Türke,

der auf einem halbzerstörten Saiteninstrument -- einer Art von Rabah

oder Violine -- wenigstens scheinbar sich Musik machte und dazu mit

rührender Stimme sang; denn er schien noch ein Gefühl seines Elendes zu

haben, während einige Frauen, die ohne Aufhören jenen glucksenden oder

trillernden Jubellaut hören ließen, den man wie ich im vorhergehenden

Briefe erzählte, so häufig bei Hochzeiten und andern Freudenfesten

vernimmt, wohl schwerlich noch eine Spur jenes Gefühles hatten.

Ich erzähle Dir nun auch noch etwas von den hiesigen Moscheen,

deren einige bei den Bekennern des Islam in einer besonders hohen

Achtung stehen, weil, wie man sagt, die ersten Kalifen aus dem Hauße

der Fatimiden, vor allem Moez, die Gebeine und Ueberreste einiger

Nachkommen des Propheten, namentlich das Haupt des Hhosseyn, Mohameds

Enkel, die Reste der Seijideh Zeyneb, Mohameds Enkelin, der Sekineh

seiner Ur- und der Nefisch seiner Ur-ur-enkelin, hieherbrachten und in

den nach ihnen benannten Moscheen beisetzten. Die berühmteste, wenn

auch nicht die schönste von allen ist dennoch die Dsjamea el Ashar

oder die Ashar-Moschee. Hier in der Nähe begegnet man freilich, wie an

andern dergleichen Orten zuerst der Dürftigkeit. Ein armes Gesindel

sonnt sich da und wartet auf Gaben der Mildthätigkeit; die Fakire

schreien: »O Erwecker des Mitleides, o Herr Gott« (Ja Mohannim ja Rub)

oder um Gottes Willen ihr Mitleidigen (Lillah ja Moheinin), doch gehen

sie seltner die Franken an und die jetzige polizeiliche Einrichtung

der Stadt hat ihren Zudringlichkeiten sehr bedeutenden Einhalt gethan.

Ohnehin sind diese halbnackten Bettler nicht immer so hülfsbedürftig

als sie aussehen, wie dieß vor mehreren Jahren die Geschichte eines

blinden Mannes vom Lande bewieß, der sich, wie dieß bei Gelegenheit des

Diebstahles herauskam, den ein andrer blinder Bettler an ihm verübte,

eine Summe von nahe 5000 fl. unsers Geldes erbettelt und, in kleine

Goldstücke verwechselt hatte, die er in einem Topf verwahrte.

Die Asharmoschee, von der ich vorher sprach, ist ein weitläufiges

steinernes, aus mehreren verschiedenartigen Theilen zusammengesetztes

Gebäude, welches sich fast nur durch seine Minares als Moschee zu

erkennen giebt. Wenn man in das Innre hineintritt, sieht man da,

wie in vielen hiesigen Moscheen, nichts als einen viereckten, nach

oben offenen Hofraum, um welchen bedeckte Säulengänge herumlaufen.

Die breiteste und ansehnlichste dieser Säulenhallen ist die an der

Südostseite; denn hier in der Richtung nach Mekka, befindet sich der

Versammlungsort zum Gebet, das Wandgehäuße für den Koran und die

Kanzel des Freitagspredigers. Die drei andren Säulengänge, welche den

Hof umgeben, sind ungleich schmäler, weil hier der größere Theil der

Seitengebäude zu Wohn- und Lehrzimmern für Lernende und Lehrer benutzt

sind. Denn mit der Asharmoschee ist eine Hochschule verbunden, die noch

jetzt bei den Moslemen des Morgenlandes in größester Achtung steht,

weil sie von ihnen als der Hauptsitz der Arabischen Gelehrsamkeit

und wissenschaftlichen Bildung betrachtet wird. Man zählt an dieser

Hochschule noch immer gegen 1200 Mugawirin oder Studenten aus den

verschiedensten Gegenden Aegyptens und der angränzenden Länder, unter

den Professoren derselben finden sich einige in ihrer Art gelehrte

Männer, denen aber auch das Ansehen, welches ihre Wissenschaft ihnen

giebt und die Hoffnung, etwa bei Gelegenheit in die einträgliche Stelle

eines Ulema oder eines Kadi einzurücken, fast ihr einziger äußrer Lohn

seyn muß, da sie, statt der Besoldung nur auf den Ehrenlohn angewiesen

sind, welchen sie von ihren Zuhörern empfangen. Dieser mag aber sehr

gering seyn, denn der bei weitem größeste Theil der Studirenden

ist bettelarm, so daß er sich, um das tägliche Brod zu haben, mit

den Fickis oder Schulmeistern in den kleinen Verdienst theilen

muß, den das Herbeten des Korans in Leichenhäußern wie bei andern

Gelegenheiten und (wenn er dies vermag) das Abschreiben desselben zu

talismanischem Gebrauche abwirft. Ohnehin werden die meisten dieser

Studenten Fickis oder widmen sich dem Handel, den auch manche ihrer

Lehrer nebenher betreiben; wenige von ihnen, welche zu diesem Zwecke

längere und gründlichere Studien machen, gelangen zu höhern Aemtern bei

öffentlichen Gerichten oder als Nasir d. h. Quardian bei den Moscheen.

Vor Errichtung der trefflichen medicinischen und chirurgischen

Bildungsanstalten in und um Kairo unter Clot Bey's Leitung gieng aus

der Ashar-Hochschule auch eine Klasse jener Afterärzte hervor, die

entweder als Attars oder Droguisten allerhand sogenannte Arzneimittel

verkauften, oder auch wohl solche angebliche Heilkünste trieben, wobei

man auf einen Teller gewisse Koransprüche und Worte von magischer

Bedeutung schreibt, die dann mit Wasser abgewaschen werden, welches

man dem Kranken zu trinken giebt, während man andre Male die nämlichen

magischen Zeichen in fester stehender Weise auf Trinkschaalen ätzt

oder einschreibt. Die gesammte Gelehrsamkeit einer solchen Arabischen

Hochschule, mit ihrer Rhetorik, Logik, Algebra und Zeitrechnungskunde

erscheint mir, in ihrer sarazenisch-mittelalterlichen Starrheit gleich

der Inschrift an einem jener magischen Trinkbecher, aus welchem

sich schon längst keiner der Gäste mehr den Rausch der Begeisterung

trank, dessen trübem Wasser aber, so meint man, die bloßen Namen der

Wissenschaften, die da angeschrieben stehen, eine Kraft verleihen.

Ein ganz besondrer Anhang zu der Asharuniversität ist die Schule der

Blinden, welche in einem ostwärts von der Moschee stehenden Gebäude

enthalten ist. Einige Hundert solcher Unglücklichen werden hier auf

öffentliche Kosten erhalten und in allen Wissenschaften der Hochschule

unterrichet, so daß schon Namhafte arabische Gelehrte aus ihnen

hervorgingen, während freilich der größere Theil derselben nur für die

Stellen der Gebetsausrufer auf den Minares verwendet wird, oder nach

dem Austritt aus der Schule unter jene Chöre der Fakirs (Bettler) sich

begiebt, die man unter andrem bei Leichenbegängnissen, zum Hersagen des

Glaubensbekenntnisses dingt oder auch umsonst mit Almosen versieht.

Wer sollte es aber meinen, daß diese blinden Studenten nicht bloß

nebst den schwarzen, neumuhamedanischen Sklaven die fanatischsten und

undultsamsten gegen alle Bekenner anderer Religionen, sondern auch

die aufrührerischsten sind; die eigentlichen Dämagogen von Kairo.

Zwar hat Mehemed Alis polizeiliche Strenge auch diesem »jungen Kairo«

kräftigen Zaum und Gebiß angelegt, doch ist es nicht so gar lange

her, daß jene blinden Studenten einen ihrer Lehrer, von dem sie sich

beleidigt wähnten, gemißhandelt haben und früher waren sie, geführt

von einigen Sehenden, bei allen Volksaufständen wo nicht die Anfänger

doch Theilnehmer.

Weil wir da einmal bei einer Moschee der Aegyptischen Hauptstadt

verweilen, füge ich noch einige Worte im Allgemeinen über diese

Gebäude und über die in ihnen statt findenden Gebräuche bei. Man

kann hier leichter denn vielleicht in allen mohamedanischen Städten

des Morgenlandes gegen ein Trinkgeld an den Buab oder an den Iman

den Eintritt in das Innre mancher Moscheen erhalten, nur bei solchen

wie die des Hhosseyns möchte es Schwierigkeiten machen. Selbst

die Fränkische Kleidung ist hiebei kein Hinderniß, wenn man zur

Befriedigung seiner Wißbegier solche Tage und Stunden wählt, die

nicht gerade Tage eines hohen Festes oder Stunden des Gebetes sind.

Am leichtesten hat man den Eintritt zu der ansehnlichen, alten

Amra-Moschee in Altkairo oder Fostat, deren Innres, wie bei der Ashar

ein offner, viereckter, von hohen Säulengängen umschlossener Hof ist,

oder bei einigen der schönsten Moscheen in der Gräbervorstadt der

Kalifen, bei deren einer der Buab den neugierigen Fremden zugleich

schöne Stücke Aegyptischen Jaspis zum Verkauf anbietet. Die meisten

Gebäude der Art sind aus Quaderstücken des hiesigen (Nummuliten-)

Kalksteines aufgeführt und streifig roth und weiß angestrichen. Zu

der mächtig großen Hassan-Moschee, in der Nähe des Citadellenplatzes,

wie zu allen ihren Nebengebäuden und Ringmauern, ist das Baumaterial

von einer einzigen jener kleinsten Pyramiden entnommen, welche neben

den drei großen von Ghizeh wie Püppchen neben erwachsenen Menschen

dastehen[14],

Nicht alle Moscheen sind Game's oder wie wir bei uns sagen würden

Sonntagskirchen; manche sind nur den Kapellen der christlichen Länder

ähnlich, welche von einzelnen Betenden besucht werden, und, weil in

ihnen irgend ein moslemitischer Heiliger oder ein Kalif begraben

liegt, ihre besondre Jahresfeier haben. Game's sind die, welche zum

Versammlungsort der Moslemen am Freitage dienen, denn der Freitag

wurde von Mohamed »dem Propheten« zum Wochensabbath gewählt, weil

an einem Freitag der Mensch geschaffen wurde, und nach einer alten

Sage des Orients Adam auch an einem Freitage starb; weil, so sagt

der Islam weiter, auch die Auferstehung der Todten und das jüngste

Gericht an einem Freitag seyn wird und mithin es immer rathsam seyn

möchte, sich, weil man den Tag nicht weiß, wenn der Richter kommt,

im Gebet finden zu lassen. Uebrigens halten die Bekenner des Islams

ihren Sabbathstag keinesweges so heilig wie die gläubigen Israëliten

und etliche christliche Länder den ihrigen; denn nach und außer den

Stunden des Gebetes treiben sie ihren Alltagsverkehr: ihren Kauf-

und Verkauf, so wie ihre gewöhnlichen Geschäfte gerade so fort, wie

in den andern Wochentagen. Ueberhaupt sind die jetzigen Kahiriner

schlechte Kirchengeher die sich am Freitag den Besuch der Moschee

ersparen, weil man ja auch an einem andern Tag hineingehen kann, und

in der Woche, weil vielleicht der Freitag besser wäre; auch sieht man

in den Säulenhallen der Moscheen außer den Stunden des Gebetes gar

verschiedne Leute die da essen, trinken, schlafen, und sich von dem

Buab oder Iman Parfümerieen und andre Waaren kaufen, weil meist jeder

dieser Leute einen kleinen Handel treibt.

Wir wollen jedoch hier ausnahmsweise noch einen der (seltenen)

Altgläubigen zu seinen gottesdienstlichen Verrichtungen begleiten.

Er geht, nach seinem Eintritt in die Moschee zu der Fontäne oder dem

Wasserbehältniß, das meist in der Mitte des Hofes ist, und sagt: Ich

will die Abwaschung zum Gebet verrichten. Hierauf wäscht er dreimal die

Hand mit den Worten: »im Namen Gottes des Gnädigen, des Erbarmenden.

Preis sey Allah, der uns das Wasser zur Reinigung gab und den Islam als

Licht und Führer zu Deinen Gärten, den Gärten des Vergnügens und zu

Deiner Wohnstätte, der Stätte des Friedens.« Hierauf spült er dreimal

den Mund aus und sagt: »o Gott stehe mir bei im Aussprechen der Worte

deines Buches, bei dem Gedanken Deiner und bei dem Danke den ich dir

darbringe in der Schönheit deiner Wohnung.« Darauf wird auch die Nase

dreimal ausgespült und der Betende sagt: »O Gott, lasse mich riechen

die Wohlgerüche deines Paradieses, nicht den Gestank der Hölle.« Zum

dreimaligen Waschen des Gesichtes spricht er: »O Gott, mache mein

Angesicht weiß, am Tage wenn du das Angesicht deiner Freunde verklären

wirst; nicht schwarz wie das deiner Feinde.« Beim Waschen des Kopfes:

»o Gott, bedecke mich mit deiner Gnade.« Bei den Ohren: »lasse mich

hören was gesagt wird und dem Wort gehorchen;« beim Waschen der Füße:

»mache meinen Fuß fest und sicher auf dem Sirat[15].«

Wenn man, auf der Reise durch die Wüste zu diesen Waschungen, deren

ganze Reihenfolge ein geübter Moslim in zwei bis drei Minuten

vollendet, kein Wasser hat, kann man eben so gut Sand dazu nehmen, und

eine solche Reinigung mit Sand heißt Teyem mum.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Zweiter Band · 第 6 / 42 段