Und wenn man nun vollends alle die magischen Künste erwähnen wollte,

wodurch man das Verborgene und Zukünftige erräth oder einen Blick in

weite Ferne empfängt, Todte beschwört und das Bild der Lebendigen, auch

wenn sie in fernen Lande wohnen, klar und deutlich vors Auge ruft,

dann könnte man lange erzählen. Viele dieser Künste scheinen schon

in uralter Zeit ihren Ursprung und ihr Vaterland in Aegypten gehabt

zu haben, aus welchem sie, in verschiednen Formen, über andre Länder

sich verbreiteten. Dahin gehört die Anwendung der Punktirtafeln, das

Geschäft der Traumausleger und der Tagewähler, welche nicht bloß, was

alles Volk weiß, den Sonnabend jeder Woche für einen ungünstigen zum

Beginnen oder Verrichten eines bedeutenden Geschäftes, und namentlich

den letzten Mittwoch im Monat Sufar für einen so unglückbringenden

halten, daß es rathsam wäre an diesem Tage gar nicht auszugehen;

sondern welche nach ihrer großen Kunst auch für andre, gemeine Tage die

Voraussicht stellen, ob sie Glück oder Unglück bringend seyn könnten.

Ein hiesiger, noch immer fort sich erhaltender Stand solcher

Tausendkünstler erinnert übrigens wirklich, durch seine schwer

zu erklärenden und zu begreifenden Fertigkeiten an die Seher,

Geisterbeschwörer und Zauberer des frühesten Alterthumes. Von diesen

habe ich in Kairo Dinge berichten hören, die ich kaum nacherzählen

möchte, wenn nicht ein trefflicher Beobachter und Kenner der jetzigen

Aegypter, der Engländer Lean beinahe dieselben oder ganz ähnliche

Thatsachen bekannt gemacht hätte. Ohne hier ins Einzelne gehen zu

können erwähne ich nur daß diese Leute bei ihren Beschwörungen sich

einer Art von Spiegel bedienen, der in der Regel nur eine schwarze

Flüssigkeit ist, welche in die Hand eines unschuldigen Knäbleins,

oder einer Jungfrau oder einer Mutter, die in der Hoffnung ist,

geschüttet wird; denn nur auf diese drei eben genannten Arten von

Personen kann die Sehergabe übergetragen werden. Dem Knaben oder wer

sonst die Erscheinung sehen soll, wird geboten unverwandt in diese

spiegelnde Flüssigkeit hineinzuschauen. Wenn dann der Geisterbeschwörer

seine vorbereitenden Künste gemacht hat, unter welche auch starke

Räucherungen gehören, fragt er den Knaben ob er nichts sehe? Das erste

Gesicht, was diese Frage nach einigen Augenblicken hervorruft, ist

die Erscheinung eines Mannes der mit einem Besen den Boden kehrt.

Eine junge Engländerin, die aus Neugier sich den Ceremonien des

Geisterbeschwörers unterworfen hatte, erblickte auch in dem Spiegel

der Tinte, welche der Beschwörer ihr in die rechte Hand geschüttet

hatte, einen Besen welcher kehrte, erschrak aber hierüber so heftig,

daß sie die Tinte wegschüttete und davon lief, und auch die kleinen

Knaben, welche man willkührlich von der Gasse hereinruft und zum

Geschäft des »Sehens« gebraucht, pflegen bei dieser ersten Erscheinung

zu erschrecken und zu zittern. Hierauf nennt der Magier seinem Seher

allerhand diesem wohlbekannte Dinge, Fahnen, Zelte, Soldaten, Leute

welche einen Ochsen schlachten und sein Fleisch verzehren, und indem er

die Bilder dieser Dinge in der Phantasie des Kindes aufregt, läßt er

sie wie im Spiegel der Tinte erscheinend sehen. Wenn auf diese Weise

der Rapport zwischen dem Geisterbeschwörer und dem Seher bis zu einem

gewissen Grad gesteigert ist, heißt jener die Anwesenden eine (ihnen

bekannte) nahe oder weit entfernte, lebende oder verstorbene Person

nennen, von welcher sie wünschen, daß sie sich im Spiegel zeigen solle.

Einer nannte den berühmten Nelson und als der Knabe, nach einigen

vergeblichen Versuchen den ihm ganz fremden Namen nachgesprochen hatte,

sahe er eine Gestalt im Spiegel die er so beschrieb, daß man sogleich

Nelson in ihr erkennen mußte, nur daß er dieselbe in jener Stellung

erblickte, wie man sich selber oder andre Gegenstände im Spiegel sieht,

so daß das was rechts ist links erscheint. Denn er berichtete, daß

dem Manne im Spiegel der linke Arm fehle und der linke Ermel über die

Brust gelegt sey; während Nelson den rechten Arm verloren hatte und

gewöhnlich den rechten Ermel über die Brust angesteckt trug. In einem

andern Falle beschrieb ein solcher Seherknabe den Vater eines an der

ganzen Sache ungläubigen, anwesenden Engländers, den außer dem Frager

Keiner unter allen Gegenwärtigen kannte, so genau mit seinem steifen

Knie, mit seiner, wegen des fast beständigen Kopfwehes vor die Stirne

gehaltenen Hand, daß jener die Thatsache, so unglaublich sie ihm war,

nicht mehr läugnen konnte. Ich halte dafür, daß in solchen Fällen

etwas Aehnliches geschehe, als bei den Erscheinungen des magnetischen

Hellsehens: die Gedanken und Vorstellungen der einen Seele werden

in den Kreis der Wahrnehmungen der andern hinübergetragen, so daß

diese das, was bei jener ein Innerliches ist wie etwas Aeußerliches

erscheinen sieht. Dieß mag auch noch für solche Fälle gelten in

welchen, wie dieß einst im Hauße des Generalconsul Salt geschahe,

von dem Seherknaben der Thäter eines vor Kurzem verübten Diebstahles

so genau beschrieben wurde, daß der, welcher die Frage nach dem Dieb

stellte, ihn erkannte, denn vermutlich war das Bild der verdächtigen

Person ganz so in der Seele des Fragenden, oder auch des Magiers,

wie der Seher in seiner Hand es abgespiegelt erblickte. Auch jene

Aeußerungen des Ferngesichts, durch welche es dem Schwarzkünstler

möglich wird das genau anzugeben, was eben jetzt in dem entfernten

Hauße und in der Familie eines der Anwesenden geschieht, lassen sich

an schon bekannte Erscheinungen des Hellsehens anreihen; manche andre

Dinge aber, die auf eine reelle, sinnlich sich äußernde Wirkung in die

Ferne hindeuten, gehören zu einem nicht leicht erklärbaren Kreise, der

uns in der Geschichte der »Zaubereien« des Alterthums nicht selten

begegnet.

Alle solche Dinge, behaupten die Magier, geschähen durch den Beistand

und die Hülfe der guten oder der bösen Genien, deren Hülfe sie anrufen,

wobei sie häufig, erinnernd an ein verwandtes Verfahren bei den

sympathetischen Kuren, welche unser Volk verrichtet, aufgeschriebene

Sprüche aus dem Koran anwenden. Es werden wenig Haushaltungen in Kairo

seyn, wo nicht im Harem, unter den Frauen, denn da treiben solche

Phantasieen ganz vorzüglich ihr Spiel, ein und der andre talismanische,

von allerhand abwehrenden oder heilenden Kräften besessene magische

Zettel aufbewahrt und bei Gelegenheit gebraucht würde.

So haben sich hier die Menschenseelen in ihrer geistigen Wüste statt

einer wahren Welt eine Scheinwelt erschaffen, ähnlich jener der Fata

morgana, welche dem getäuschten Auge des durstigen Wanderers in der

leiblichen Wüste Bilder von Wasserströmen und Teichen, beschattet

von üppig grünenden Bäumen vorstellt, die, wenn er sich ihnen nahen

und an ihnen erquicken will, alsbald zerrinnen und verschwinden. In

der That diese Mittelwelt der Genien ist der träumenden Seele ein

dürftiger Ersatz für die Welt der Seligen und Engel, wohin vielleicht

die armen Frauen auch keinen sonderlichen Zug haben können, wenn der

Koran ihnen lehrt, daß sie auch da jenseits die Liebe des Gemahles mit

72 himmlisch-schönen Jungfrauen des Paradieses theilen werden, welche

dort jeden Gläubigen begleiten, und wenn auf diese Weise ihr armes Herz

niemals zu der Hoffnung eines Zustandes sich erheben lernt, wo nicht

mehr seyn wird freien noch sich freien lassen.

So bedauernswürdig ich jedoch auch durch und durch die Frauen der

hiesigen Moslemen finde, scheinen sie mir dennoch durch Eines

glücklich: durch die Liebe ihrer Kinder, besonders durch die der Söhne,

in deren Hauße und Pflege sie nach dem Tode des Vaters bleiben. Die

treue Erfüllung des vierten Gebotes ist einer der wenigen gesunden

Flecken im Glauben und Leben der Bekenner des Islam, und wie ich an

eine unausbleibliche, wörtliche Erfüllung der mit dem Gesetz zugleich

gegebenen Verheißungen glaube, so bin ich überzeugt, daß die Moslemen,

wenn es ihnen, wie die Erfahrung lehrt, in allen Ländern die sie

eingenommen haben noch immer so andauernd äußerlich wohl ergeht,

hierbei die Kraft der Verheißung zu genießen haben, welche dem treuen

Gehorsam gegen das vierte Gebot, »du sollst Vater und Mutter ehren,«

beigefügt ist. Der Ungehorsam gegen die Eltern wird für eine eben so

große Sünde gehalten als Götzendienst, Mord, Meineid, Berauben der

Waisen und Flucht im heiligen Kriege. Die Söhne, auch der bemittelten

und vornehmeren Eltern sitzen, essen, rauchen nie in Gegenwart ihres

Vaters bis dieser es ihnen geheißen. Besonders pflegt die Aussaat der

Liebe, welche die einsame Mutter dem Kinde, das ja lange Zeit ihre

einzige Unterhaltung und Freude war, in den ersten Lebensjahren erwieß,

im späteren Alter Früchte der zärtlichsten Erwiederung zu tragen und

mein Freund Lieder erzählte mir, daß ein hiesiger, in ansehnlichem

Amte stehender Mann seine Eltern, die von geringem Stande sind, nicht

bloß täglich besuche und reichlich versorge, sondern auch ohngeachtet

seines hohen Standes, niemals sich setze, bis die Eltern mehrmalen ihn

dazu eingeladen haben, ja daß er dann mit kindlicher Bescheidenheit und

Gedult, so weit er es kann, alle neugierigen Fragen der alten Mutter

beantwortet und ihre Bemerkungen mit Achtung anhört.

So fällt doch wenigstens auf die letzten Lebenstage der hiesigen

Mütter ein erquickender Abendsonnenstrahl der Liebe, der, wenn sie

seine Bedeutung recht verstünden, ihnen Zeugniß geben könnte von dem

Daseyn einer Liebe, welche über dem aufgehenden, künftigen Leben als

Morgenglanz leuchtet. Die Mutter ist glücklich in und durch ihren Sohn.

Darum kann mich die Geschichte jener kinderlosen Wittwe in Kairo

ganz rühren, die ihr verarmtes Herz an ein treues Hündlein gehangen

hatte, das sie wie ein Kind des Hauses pflegte. Das Hündlein stirbt;

ihr scheint der Gedanke unerträglich, daß es wie andre todte Hunde

hingeworfen und den Geiern zur Speise werden sollte, sie bestellt eine

Bahre, miethet einige blinde Jemenijehs und eine Anzahl Schulknaben die

vor dem Sarge hergehen und singen; sie selber, mit einigen gemietheten

Klageweibern geht hinter der Bahre her und jammert. Da begegnet dem

Leichenzuge eine Nachbarin. -- Wen willst du begraben, fragt diese? --

Ach mein armes Kind, antwortet die Andere. Die Nachbarin aber, welche

wußte daß die Wittwe kinderlos sey, entdeckt den Betrug.

Die arme, einsame Frau! sie kannte nicht jene Liebe die sich dem

Menschen genaht hat in menschlicher Gestalt, um ihrem Herzen ganz und

in überschwenglich reichem Maaße die Stelle des Vaters und der Mutter

wie des einzigen lieben Kindes zu ersetzen, weil sie selber die Gestalt

und Weise des liebenden Kindes, wie die Macht und Würde des weislich

regierenden, liebevoll führenden, allversorgenden Vaters an sich nahm

und trug.

Dritter Brief.

=Das öffentliche Leben der Kahiriner.=

Wir haben in meinem letzten Briefe den Bewohnern der großen

Aegyptischen Hauptstadt in den innersten Räumen und Gemächern ihrer

Häußer einen neugierig freundschaftlichen Besuch gemacht; in der Stadt

selber sind wir aber noch wenig von der Stelle gekommen. Es wird

nun Zeit daß ich Dich, meine liebe Schwester, auch ein wenig in das

Volksgedränge der Gassen und zu einigen der namhaftesten Plätze führe,

wobei sich noch ein und das andre nachträglich auch über die Bewohner

wird sagen lassen.

Auf das jetzige Kairo passen selbst die Beschreibungen solcher

Reisenden, welche vor wenig Jahrzehenden hier waren, nicht mehr

vollkommen, noch weniger die solcher Reisenden, welche vor mehreren

Menschenaltern die Stadt besuchten. Zwar die Straßen sind noch immer

ungepflastert wie zu Clarkes Zeiten; der lästige Staub und Schmutz

aber, über welchen damals die Fremden sich beklagten, ist sehr

vermindert; nirgends sieht man mehr, auch in den abgelegenen Gegenden

der Vorstädte, das Aas eines todten Thieres und bei ihm die Schaaren

der verwilderten Hunde; selbst ein großer Theil der Schutthaufen,

welche eine Reihe von Jahrhunderten außen vor der Stadt abgelagert

hatte, und von welchen zur Zeit der Stürme ganze Staubwolken über die

Stadt sich ergossen, ist unter der jetzigen Regierung, vorzüglich durch

Ibrahim Pascha's Vorsorge, in Gartenanlagen und Felder verwandelt

worden. Zwar sind die meisten Straßen noch immer sehr eng und winklich,

doch ist das Durchkommen der Fußgänger und Reiter dadurch vielfach

erleichtert, daß auf Mehemed Alis Befehl in den engen Straßen die hohen

steinernen Bänke oder Mustubahs, die sonst vor den Häußern angebracht

waren, ganz hinweggenommen, in den weiteren aber schmäler gemacht

worden sind. Jene Decken, welche vormals, auf Stangen ruhend, die von

den Dächern der einen Reihe der Häußer einer engen Gasse auf die der

andern gegenüberstehenden hinüberreichten, einen düstern Schatten auf

die Straßen verbreiteten, haben sich zwar in einigen Gegenden der

Stadt, wo die Häußer noch von bedeutenderer Höhe sind erhalten, sind

aber sonst an den meisten andern Punkten hinweggenommen oder besser

eingerichtet worden. Da wo man jetzt Häußer neu aufbaut oder reparirt,

wird nur noch selten die ältere Bauart angewendet, die ich in meinem

vorigen Briefe beschrieb, sondern man fängt allmälig an sich der

modernen, Europäischen Bauart zu nähern; gemeine Glasfenster statt der

künstlich geschnitzten, hölzernen Gitter und ebne Fußböden einzuführen.

Nur noch wenige Menschenalter mehr in solcher fortschreitender

Bewegung, und Kairo hat seinen Charakter einer alten Sarazenischen

Stadt ganz oder wenigstens zum größten Theil verloren.

Und doch, ich läugne dieß nicht, thut mirs überall wohl, wo ich in

den Gassen noch die alte, so oft von den Reisenden beschriebenen

Formen der Häußer sehe. Diese vorspringenden Erker, die zierlichen

Zinnen und Mauerkränze; die schön geschnitzten Thüren; die vielen

Brunnen in den Vorhöfen und selbst Vorzimmern der Häußer, Alles das

zusammen macht auf mich in seiner Art einen ähnlichen Eindruck, als

etwa manche alte, deutsche Stadt, namentlich Nürnberg in mir weckte.

Selbst die vielen Thore im Innern der Stadt, wodurch die eine Gasse

mit ihren Nebengäßchen von der andern Straße und ihren Töchtergassen

abgegränzt, und bei Nacht förmlich abgeschlossen ist, sind durch den

Reiz der Neuheit höchlich interessant[8]. Am Tage merkt man kaum auf

diese Abscheidungen des einen Stadttheiles vom andren, wodurch es kommt

daß oft ein Nachbar, der von seinem platten Dache aus ganz gemächlich

mit diesem sprechen könnte, dennoch, um zur Hausthüre des andern zu

gehen länger als eine Viertelstunde Zeit braucht. Neulich aber als

ich von der Audienz bei Mehemed Ali und seinem Minister zurückkehrend

mit zwei Freunden erst nach neun Uhr am Abend durch die Stadt ritt

nach unserm Koptenviertel hinüber, da sahe ich recht, wie viele

Thorsperren mitten in der Stadt zu beseitigen sind um von einem Ende

derselben zum andern zu kommen. So oft wir wieder an ein solches Thor

kamen und unser Janitschar daran pochte, rief die Wache »Kim dur o«

(wer ist das), der Pocher antwortet »Ibn Beled« ein Bürger der Stadt,

oder nennt wohl auch, wenn er einen fränkischen Consul geleitet, den

Stand des vornehmen Mannes der mit ihm ist. Im erstern Falle, wenn

es noch auf alte Weise mit Frage und Antwort hergeht sagt die Wache

»Wach hid Allah« (bezeuge daß ein Gott sey); der draußen muß dann

das Glaubensbekenntnis »Es ist kein Gott außer Gott« sagen, weil man

vormals wenigstens meinte kein Dieb oder andrer Mensch, der ein böses

Gewissen habe, könne das aussprechen. Unser Janitschar aber sprach

nebst einigen donnernden Worten der Ungedult sein Glaubensbekenntniß

nur durch eine kleine Silbermünze aus, die er der Wache gab.

Wenn man am Tage durch eine der Hauptstraßen geht und da das Gedränge

nicht bloß sieht, sondern an seinen Rippen fühlt, kömmt man fast in

Versuchung den früheren Angaben über die große Volksmenge der Stadt

Glauben zu schenken. Freilich hat Kairo noch immer wie sonst, außer

den Lehmhüttchen der Vorstädte über 30000 Häußer, aber es ist viel

gesagt, wenn man im Mittel auf ein Haus acht Bewohner rechnet, denn

die Gesammtzahl der Bewohner beläuft sich gewiß nicht über 240000; ja

sie ist vielleicht noch geringer. Unter dieser Zahl, so sagt man, sind

fast vier Fünftheile Aegyptische Moslemen, mehr denn ein Siebentheil

Türken, Franken und andre Fremde, nur noch etwa ein Zwanzigtheil

Koptische Christen und nicht viel mehr denn ein Sechszigstheil Juden.

Bei einem solchen Uebergewicht der Zahl der Moslemen über die Bekenner

der andern Religionen sollte man beständige Reibungen und Belästigungen

für uns Europäer fürchten und es ist auch noch nicht so gar lange her

da mußte jeder Franke, wenn er einem vornehmen Türken begegnete von

seinem Eselein (denn auf einem Rosse durfte sich damals noch kein

Christ blicken lassen) absteigen, und der selige Stephan Schulze wäre

einmal in dieser Stadt von den Gassenbuben, die in ihm, ohngeachtet

seiner orientalischen Kleidung dennoch den Franken erkannt hatten,

beinahe gesteinigt worden, wenn er nicht, zu seinem Glück auf den

Einfall gekommen wäre, sich wie ein Derwisch im Kreise herum zu drehen.

Kaum hatte er aber diese Drehungen angefangen da riefen einige ältere

Männer den bösen Buben zu sie sollten ablassen von dem heiligen Manne.

Jetzt kommt man auch ohne sich zu drehen und zu tanzen unangefochten

durch alle Gassen und Winkel von Kairo; der Franke bleibt in seiner

europäischen Kleidung, sogar die Frauen behalten dieselbe bei, ohne daß

irgend ein hiesiger Einwohner einen Anstoß daran nimmt; der fanatische

Widerwille der Moslemen gegen die Christen und Juden der vormals grob

äußerlich heraustrat, während aus dem Innren mancher erfreuliche

Zug von Wohlwollen und Gastfreundlichkeit, wie ein Sonnenstrahl aus

dichtem Gewölk hervorleuchtete, ist bei der Mehrzahl durch äußre

Gewalt ins Innre zurückgedrängt worden, wo er stärker vielleicht

als sonst fortglühet, während Mienen und Geberden den Anschein der

zuvorkommendsten Höflichkeit und Nachgiebigkeit gegen die hochgeehrten

Franken an sich tragen. Doch gilt dieß nicht von Allen. Es hat sich

wirklich hie und da eine bessere Beachtung und Anerkennung der Christen

und ihrer geistigen Vorzüge wo nicht vollkommen entwickelt, so doch

angesponnen und vorbereitet.

Dieß ist der allgemeine Eindruck, den das jetzige Kairo auf den

Europäer macht, welcher etwa noch das Bild des vorigen, aus ältern

Beschreibungen in sich trägt. Laß uns nun auch eine und die andre

Parthie desselben im Einzelnen betrachten.

Man hat es hier leicht einen Ueberblick über den Kunst- und Gewerbfleiß

der Einwohner zu bekommen, weil die Arbeiten und Waaren der einen

Art, meist in eignen Märkten (Sucks), unter denen man sich freilich

nicht gerade freie Plätze, sondern nur Gassen zu denken hat, beisammen

gefunden werden. So begreift ein Theil der Hauptstraße den Markt der

Kupferschmiede (Suck en Nahhassin); in einer andern Gegend die ihren

Namen von einer benachbarten Moschee Ghunijeh führt, findet man die

Läden der Juweliere. Die meisten und wohl auch kostbarsten Waaren sind

jedoch in den Wikabehs oder Kaufmannshöfen enthalten, deren Hallen

und Läden nach einem Hofe herausgehen, welcher einen, zuweilen auch

mehrere Ein- und Ausgänge hat, die bei Nacht verschlossen und durch

eigne Thürhüter bewacht werden. Dergleichen Kaufhöfe oder Hallen giebt

es gegen dreihundert in der großen, vormals von so reichen Kaufleuten

bewohnten Stadt; unter die ansehnlichsten darunter gehören jener

worinnen auf Rechnung des Viceköniges der Kaffee verwahrt, gebrannt,

gestoßen und an die Bewohner der Stadt und des Landes verkauft wird,

so wie jene in denen man Edelsteine und andre kostbare Schmucksachen

und Kleiderstoffe feil bietet. Ich weiß Dich aber doch noch in einen

andern zu führen, in welchem nicht nur etwas Kostbares, sondern das

Kostbarste zu verkaufen ist, das man in Kairo zu Markte bringt. Ich

meine damit nicht die schönen Felle von Löwen, Tigern, Panthern,

Antilopen und allerhand andern Thieren des heißen Afrika's, auch

nicht die Straußenfedern die in den Läden jenes Kaufhofes gesehen

werden, sondern die armen, da am Boden auf Binsenmatten oder Teppichen

sitzenden Kinder und Jungfrauen der Abyssinier und Neger, die man

hier wie andre Waare verhandelt. Sieh' nur wie bitterlich mehrere der

kleinsten Kinder weinen; vielleicht noch über die thierische rohe

Mißhandlung ihrer Dschellabs oder Sklavenhändler, vielleicht auch aus

Sehnsucht und Heimweh nach ihren Müttern und väterlichen Hütten, aus

denen man sie raubte. Andre, unter den größeren Mägdlein und Knaben,

sitzen freilich auch neben jenen Weinenden, welche lachen und ganz

vergnügt mit einander schwatzen, wer kann aber wissen ob nicht diese

schnell verfliegende Fröhlichkeit nur eine Wirkung des berauschenden

Haschisch (Hanfextraktes) ist, das der Dschellab ihnen beibrachte.

Da tritt etwa ein vornehmer Türke näher, seine Begleitung, vor allem

der Kabasch (Janitschar) mit silbernem Stockknopfe, lassen auf seinen

Stand, der prächtige, um den Turban gewundene Kaschemirschawl und die

Pfeife mit dem von Diamanten besetzten bernsteinenen Mundstück oder

Turkibeh, welche ein Diener trägt, auf seinen Reichthum schließen. Er

deutet, gegen seine Begleitung gewendet, auf eines und das andre der

kleinen Negerkinder, geht dann gravitätisch vorüber und steigt wieder

auf sein Pferd. Die Mägdlein werden nun wahrscheinlich in den Harem

seiner Gemahlin auf etliche Tage zur Probe hingesendet, damit man sehe

ob sie keinen Hauptfehler an sich haben. Unter solche Hauptfehler

gehört es namentlich auch, wenn eines der armen, ermüdeten Kinder

des Nachts im Schlafe schnarcht, oder spricht, oder mit den Zähnen

knirscht, denn bei allen solchen Dingen denkt man gar leicht an die

Mitwirkung eines Effried oder Spuckgeistes und der Sklavenhändler muß

die Kleinen wieder zurücknehmen[9]. Aber es geht Deinem leise fühlenden

Herzen bei dem Anblick jener Schmerzenskinder wie mir; Du kannst ihn

nicht lang ertragen; darum laß uns aufbrechen von hier und ein andres

Schauspiel aufsuchen, welches uns gerade auf dieses da am meisten

wieder zu erheitern vermag.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Zweiter Band · 第 5 / 42 段