wodurch man das Verborgene und Zukünftige erräth oder einen Blick in
weite Ferne empfängt, Todte beschwört und das Bild der Lebendigen, auch
wenn sie in fernen Lande wohnen, klar und deutlich vors Auge ruft,
dann könnte man lange erzählen. Viele dieser Künste scheinen schon
in uralter Zeit ihren Ursprung und ihr Vaterland in Aegypten gehabt
zu haben, aus welchem sie, in verschiednen Formen, über andre Länder
sich verbreiteten. Dahin gehört die Anwendung der Punktirtafeln, das
Geschäft der Traumausleger und der Tagewähler, welche nicht bloß, was
alles Volk weiß, den Sonnabend jeder Woche für einen ungünstigen zum
Beginnen oder Verrichten eines bedeutenden Geschäftes, und namentlich
den letzten Mittwoch im Monat Sufar für einen so unglückbringenden
halten, daß es rathsam wäre an diesem Tage gar nicht auszugehen;
sondern welche nach ihrer großen Kunst auch für andre, gemeine Tage die
Voraussicht stellen, ob sie Glück oder Unglück bringend seyn könnten.
Ein hiesiger, noch immer fort sich erhaltender Stand solcher
Tausendkünstler erinnert übrigens wirklich, durch seine schwer
zu erklärenden und zu begreifenden Fertigkeiten an die Seher,
Geisterbeschwörer und Zauberer des frühesten Alterthumes. Von diesen
habe ich in Kairo Dinge berichten hören, die ich kaum nacherzählen
möchte, wenn nicht ein trefflicher Beobachter und Kenner der jetzigen
Aegypter, der Engländer Lean beinahe dieselben oder ganz ähnliche
Thatsachen bekannt gemacht hätte. Ohne hier ins Einzelne gehen zu
können erwähne ich nur daß diese Leute bei ihren Beschwörungen sich
einer Art von Spiegel bedienen, der in der Regel nur eine schwarze
Flüssigkeit ist, welche in die Hand eines unschuldigen Knäbleins,
oder einer Jungfrau oder einer Mutter, die in der Hoffnung ist,
geschüttet wird; denn nur auf diese drei eben genannten Arten von
Personen kann die Sehergabe übergetragen werden. Dem Knaben oder wer
sonst die Erscheinung sehen soll, wird geboten unverwandt in diese
spiegelnde Flüssigkeit hineinzuschauen. Wenn dann der Geisterbeschwörer
seine vorbereitenden Künste gemacht hat, unter welche auch starke
Räucherungen gehören, fragt er den Knaben ob er nichts sehe? Das erste
Gesicht, was diese Frage nach einigen Augenblicken hervorruft, ist
die Erscheinung eines Mannes der mit einem Besen den Boden kehrt.
Eine junge Engländerin, die aus Neugier sich den Ceremonien des
Geisterbeschwörers unterworfen hatte, erblickte auch in dem Spiegel
der Tinte, welche der Beschwörer ihr in die rechte Hand geschüttet
hatte, einen Besen welcher kehrte, erschrak aber hierüber so heftig,
daß sie die Tinte wegschüttete und davon lief, und auch die kleinen
Knaben, welche man willkührlich von der Gasse hereinruft und zum
Geschäft des »Sehens« gebraucht, pflegen bei dieser ersten Erscheinung
zu erschrecken und zu zittern. Hierauf nennt der Magier seinem Seher
allerhand diesem wohlbekannte Dinge, Fahnen, Zelte, Soldaten, Leute
welche einen Ochsen schlachten und sein Fleisch verzehren, und indem er
die Bilder dieser Dinge in der Phantasie des Kindes aufregt, läßt er
sie wie im Spiegel der Tinte erscheinend sehen. Wenn auf diese Weise
der Rapport zwischen dem Geisterbeschwörer und dem Seher bis zu einem
gewissen Grad gesteigert ist, heißt jener die Anwesenden eine (ihnen
bekannte) nahe oder weit entfernte, lebende oder verstorbene Person
nennen, von welcher sie wünschen, daß sie sich im Spiegel zeigen solle.
Einer nannte den berühmten Nelson und als der Knabe, nach einigen
vergeblichen Versuchen den ihm ganz fremden Namen nachgesprochen hatte,
sahe er eine Gestalt im Spiegel die er so beschrieb, daß man sogleich
Nelson in ihr erkennen mußte, nur daß er dieselbe in jener Stellung
erblickte, wie man sich selber oder andre Gegenstände im Spiegel sieht,
so daß das was rechts ist links erscheint. Denn er berichtete, daß
dem Manne im Spiegel der linke Arm fehle und der linke Ermel über die
Brust gelegt sey; während Nelson den rechten Arm verloren hatte und
gewöhnlich den rechten Ermel über die Brust angesteckt trug. In einem
andern Falle beschrieb ein solcher Seherknabe den Vater eines an der
ganzen Sache ungläubigen, anwesenden Engländers, den außer dem Frager
Keiner unter allen Gegenwärtigen kannte, so genau mit seinem steifen
Knie, mit seiner, wegen des fast beständigen Kopfwehes vor die Stirne
gehaltenen Hand, daß jener die Thatsache, so unglaublich sie ihm war,
nicht mehr läugnen konnte. Ich halte dafür, daß in solchen Fällen
etwas Aehnliches geschehe, als bei den Erscheinungen des magnetischen
Hellsehens: die Gedanken und Vorstellungen der einen Seele werden
in den Kreis der Wahrnehmungen der andern hinübergetragen, so daß
diese das, was bei jener ein Innerliches ist wie etwas Aeußerliches
erscheinen sieht. Dieß mag auch noch für solche Fälle gelten in
welchen, wie dieß einst im Hauße des Generalconsul Salt geschahe,
von dem Seherknaben der Thäter eines vor Kurzem verübten Diebstahles
so genau beschrieben wurde, daß der, welcher die Frage nach dem Dieb
stellte, ihn erkannte, denn vermutlich war das Bild der verdächtigen
Person ganz so in der Seele des Fragenden, oder auch des Magiers,
wie der Seher in seiner Hand es abgespiegelt erblickte. Auch jene
Aeußerungen des Ferngesichts, durch welche es dem Schwarzkünstler
möglich wird das genau anzugeben, was eben jetzt in dem entfernten
Hauße und in der Familie eines der Anwesenden geschieht, lassen sich
an schon bekannte Erscheinungen des Hellsehens anreihen; manche andre
Dinge aber, die auf eine reelle, sinnlich sich äußernde Wirkung in die
Ferne hindeuten, gehören zu einem nicht leicht erklärbaren Kreise, der
uns in der Geschichte der »Zaubereien« des Alterthums nicht selten
begegnet.
Alle solche Dinge, behaupten die Magier, geschähen durch den Beistand
und die Hülfe der guten oder der bösen Genien, deren Hülfe sie anrufen,
wobei sie häufig, erinnernd an ein verwandtes Verfahren bei den
sympathetischen Kuren, welche unser Volk verrichtet, aufgeschriebene
Sprüche aus dem Koran anwenden. Es werden wenig Haushaltungen in Kairo
seyn, wo nicht im Harem, unter den Frauen, denn da treiben solche
Phantasieen ganz vorzüglich ihr Spiel, ein und der andre talismanische,
von allerhand abwehrenden oder heilenden Kräften besessene magische
Zettel aufbewahrt und bei Gelegenheit gebraucht würde.
So haben sich hier die Menschenseelen in ihrer geistigen Wüste statt
einer wahren Welt eine Scheinwelt erschaffen, ähnlich jener der Fata
morgana, welche dem getäuschten Auge des durstigen Wanderers in der
leiblichen Wüste Bilder von Wasserströmen und Teichen, beschattet
von üppig grünenden Bäumen vorstellt, die, wenn er sich ihnen nahen
und an ihnen erquicken will, alsbald zerrinnen und verschwinden. In
der That diese Mittelwelt der Genien ist der träumenden Seele ein
dürftiger Ersatz für die Welt der Seligen und Engel, wohin vielleicht
die armen Frauen auch keinen sonderlichen Zug haben können, wenn der
Koran ihnen lehrt, daß sie auch da jenseits die Liebe des Gemahles mit
72 himmlisch-schönen Jungfrauen des Paradieses theilen werden, welche
dort jeden Gläubigen begleiten, und wenn auf diese Weise ihr armes Herz
niemals zu der Hoffnung eines Zustandes sich erheben lernt, wo nicht
mehr seyn wird freien noch sich freien lassen.
So bedauernswürdig ich jedoch auch durch und durch die Frauen der
hiesigen Moslemen finde, scheinen sie mir dennoch durch Eines
glücklich: durch die Liebe ihrer Kinder, besonders durch die der Söhne,
in deren Hauße und Pflege sie nach dem Tode des Vaters bleiben. Die
treue Erfüllung des vierten Gebotes ist einer der wenigen gesunden
Flecken im Glauben und Leben der Bekenner des Islam, und wie ich an
eine unausbleibliche, wörtliche Erfüllung der mit dem Gesetz zugleich
gegebenen Verheißungen glaube, so bin ich überzeugt, daß die Moslemen,
wenn es ihnen, wie die Erfahrung lehrt, in allen Ländern die sie
eingenommen haben noch immer so andauernd äußerlich wohl ergeht,
hierbei die Kraft der Verheißung zu genießen haben, welche dem treuen
Gehorsam gegen das vierte Gebot, »du sollst Vater und Mutter ehren,«
beigefügt ist. Der Ungehorsam gegen die Eltern wird für eine eben so
große Sünde gehalten als Götzendienst, Mord, Meineid, Berauben der
Waisen und Flucht im heiligen Kriege. Die Söhne, auch der bemittelten
und vornehmeren Eltern sitzen, essen, rauchen nie in Gegenwart ihres
Vaters bis dieser es ihnen geheißen. Besonders pflegt die Aussaat der
Liebe, welche die einsame Mutter dem Kinde, das ja lange Zeit ihre
einzige Unterhaltung und Freude war, in den ersten Lebensjahren erwieß,
im späteren Alter Früchte der zärtlichsten Erwiederung zu tragen und
mein Freund Lieder erzählte mir, daß ein hiesiger, in ansehnlichem
Amte stehender Mann seine Eltern, die von geringem Stande sind, nicht
bloß täglich besuche und reichlich versorge, sondern auch ohngeachtet
seines hohen Standes, niemals sich setze, bis die Eltern mehrmalen ihn
dazu eingeladen haben, ja daß er dann mit kindlicher Bescheidenheit und
Gedult, so weit er es kann, alle neugierigen Fragen der alten Mutter
beantwortet und ihre Bemerkungen mit Achtung anhört.
So fällt doch wenigstens auf die letzten Lebenstage der hiesigen
Mütter ein erquickender Abendsonnenstrahl der Liebe, der, wenn sie
seine Bedeutung recht verstünden, ihnen Zeugniß geben könnte von dem
Daseyn einer Liebe, welche über dem aufgehenden, künftigen Leben als
Morgenglanz leuchtet. Die Mutter ist glücklich in und durch ihren Sohn.
Darum kann mich die Geschichte jener kinderlosen Wittwe in Kairo
ganz rühren, die ihr verarmtes Herz an ein treues Hündlein gehangen
hatte, das sie wie ein Kind des Hauses pflegte. Das Hündlein stirbt;
ihr scheint der Gedanke unerträglich, daß es wie andre todte Hunde
hingeworfen und den Geiern zur Speise werden sollte, sie bestellt eine
Bahre, miethet einige blinde Jemenijehs und eine Anzahl Schulknaben die
vor dem Sarge hergehen und singen; sie selber, mit einigen gemietheten
Klageweibern geht hinter der Bahre her und jammert. Da begegnet dem
Leichenzuge eine Nachbarin. -- Wen willst du begraben, fragt diese? --
Ach mein armes Kind, antwortet die Andere. Die Nachbarin aber, welche
wußte daß die Wittwe kinderlos sey, entdeckt den Betrug.
Die arme, einsame Frau! sie kannte nicht jene Liebe die sich dem
Menschen genaht hat in menschlicher Gestalt, um ihrem Herzen ganz und
in überschwenglich reichem Maaße die Stelle des Vaters und der Mutter
wie des einzigen lieben Kindes zu ersetzen, weil sie selber die Gestalt
und Weise des liebenden Kindes, wie die Macht und Würde des weislich
regierenden, liebevoll führenden, allversorgenden Vaters an sich nahm
und trug.
Dritter Brief.
=Das öffentliche Leben der Kahiriner.=
Wir haben in meinem letzten Briefe den Bewohnern der großen
Aegyptischen Hauptstadt in den innersten Räumen und Gemächern ihrer
Häußer einen neugierig freundschaftlichen Besuch gemacht; in der Stadt
selber sind wir aber noch wenig von der Stelle gekommen. Es wird
nun Zeit daß ich Dich, meine liebe Schwester, auch ein wenig in das
Volksgedränge der Gassen und zu einigen der namhaftesten Plätze führe,
wobei sich noch ein und das andre nachträglich auch über die Bewohner
wird sagen lassen.
Auf das jetzige Kairo passen selbst die Beschreibungen solcher
Reisenden, welche vor wenig Jahrzehenden hier waren, nicht mehr
vollkommen, noch weniger die solcher Reisenden, welche vor mehreren
Menschenaltern die Stadt besuchten. Zwar die Straßen sind noch immer
ungepflastert wie zu Clarkes Zeiten; der lästige Staub und Schmutz
aber, über welchen damals die Fremden sich beklagten, ist sehr
vermindert; nirgends sieht man mehr, auch in den abgelegenen Gegenden
der Vorstädte, das Aas eines todten Thieres und bei ihm die Schaaren
der verwilderten Hunde; selbst ein großer Theil der Schutthaufen,
welche eine Reihe von Jahrhunderten außen vor der Stadt abgelagert
hatte, und von welchen zur Zeit der Stürme ganze Staubwolken über die
Stadt sich ergossen, ist unter der jetzigen Regierung, vorzüglich durch
Ibrahim Pascha's Vorsorge, in Gartenanlagen und Felder verwandelt
worden. Zwar sind die meisten Straßen noch immer sehr eng und winklich,
doch ist das Durchkommen der Fußgänger und Reiter dadurch vielfach
erleichtert, daß auf Mehemed Alis Befehl in den engen Straßen die hohen
steinernen Bänke oder Mustubahs, die sonst vor den Häußern angebracht
waren, ganz hinweggenommen, in den weiteren aber schmäler gemacht
worden sind. Jene Decken, welche vormals, auf Stangen ruhend, die von
den Dächern der einen Reihe der Häußer einer engen Gasse auf die der
andern gegenüberstehenden hinüberreichten, einen düstern Schatten auf
die Straßen verbreiteten, haben sich zwar in einigen Gegenden der
Stadt, wo die Häußer noch von bedeutenderer Höhe sind erhalten, sind
aber sonst an den meisten andern Punkten hinweggenommen oder besser
eingerichtet worden. Da wo man jetzt Häußer neu aufbaut oder reparirt,
wird nur noch selten die ältere Bauart angewendet, die ich in meinem
vorigen Briefe beschrieb, sondern man fängt allmälig an sich der
modernen, Europäischen Bauart zu nähern; gemeine Glasfenster statt der
künstlich geschnitzten, hölzernen Gitter und ebne Fußböden einzuführen.
Nur noch wenige Menschenalter mehr in solcher fortschreitender
Bewegung, und Kairo hat seinen Charakter einer alten Sarazenischen
Stadt ganz oder wenigstens zum größten Theil verloren.
Und doch, ich läugne dieß nicht, thut mirs überall wohl, wo ich in
den Gassen noch die alte, so oft von den Reisenden beschriebenen
Formen der Häußer sehe. Diese vorspringenden Erker, die zierlichen
Zinnen und Mauerkränze; die schön geschnitzten Thüren; die vielen
Brunnen in den Vorhöfen und selbst Vorzimmern der Häußer, Alles das
zusammen macht auf mich in seiner Art einen ähnlichen Eindruck, als
etwa manche alte, deutsche Stadt, namentlich Nürnberg in mir weckte.
Selbst die vielen Thore im Innern der Stadt, wodurch die eine Gasse
mit ihren Nebengäßchen von der andern Straße und ihren Töchtergassen
abgegränzt, und bei Nacht förmlich abgeschlossen ist, sind durch den
Reiz der Neuheit höchlich interessant[8]. Am Tage merkt man kaum auf
diese Abscheidungen des einen Stadttheiles vom andren, wodurch es kommt
daß oft ein Nachbar, der von seinem platten Dache aus ganz gemächlich
mit diesem sprechen könnte, dennoch, um zur Hausthüre des andern zu
gehen länger als eine Viertelstunde Zeit braucht. Neulich aber als
ich von der Audienz bei Mehemed Ali und seinem Minister zurückkehrend
mit zwei Freunden erst nach neun Uhr am Abend durch die Stadt ritt
nach unserm Koptenviertel hinüber, da sahe ich recht, wie viele
Thorsperren mitten in der Stadt zu beseitigen sind um von einem Ende
derselben zum andern zu kommen. So oft wir wieder an ein solches Thor
kamen und unser Janitschar daran pochte, rief die Wache »Kim dur o«
(wer ist das), der Pocher antwortet »Ibn Beled« ein Bürger der Stadt,
oder nennt wohl auch, wenn er einen fränkischen Consul geleitet, den
Stand des vornehmen Mannes der mit ihm ist. Im erstern Falle, wenn
es noch auf alte Weise mit Frage und Antwort hergeht sagt die Wache
»Wach hid Allah« (bezeuge daß ein Gott sey); der draußen muß dann
das Glaubensbekenntnis »Es ist kein Gott außer Gott« sagen, weil man
vormals wenigstens meinte kein Dieb oder andrer Mensch, der ein böses
Gewissen habe, könne das aussprechen. Unser Janitschar aber sprach
nebst einigen donnernden Worten der Ungedult sein Glaubensbekenntniß
nur durch eine kleine Silbermünze aus, die er der Wache gab.
Wenn man am Tage durch eine der Hauptstraßen geht und da das Gedränge
nicht bloß sieht, sondern an seinen Rippen fühlt, kömmt man fast in
Versuchung den früheren Angaben über die große Volksmenge der Stadt
Glauben zu schenken. Freilich hat Kairo noch immer wie sonst, außer
den Lehmhüttchen der Vorstädte über 30000 Häußer, aber es ist viel
gesagt, wenn man im Mittel auf ein Haus acht Bewohner rechnet, denn
die Gesammtzahl der Bewohner beläuft sich gewiß nicht über 240000; ja
sie ist vielleicht noch geringer. Unter dieser Zahl, so sagt man, sind
fast vier Fünftheile Aegyptische Moslemen, mehr denn ein Siebentheil
Türken, Franken und andre Fremde, nur noch etwa ein Zwanzigtheil
Koptische Christen und nicht viel mehr denn ein Sechszigstheil Juden.
Bei einem solchen Uebergewicht der Zahl der Moslemen über die Bekenner
der andern Religionen sollte man beständige Reibungen und Belästigungen
für uns Europäer fürchten und es ist auch noch nicht so gar lange her
da mußte jeder Franke, wenn er einem vornehmen Türken begegnete von
seinem Eselein (denn auf einem Rosse durfte sich damals noch kein
Christ blicken lassen) absteigen, und der selige Stephan Schulze wäre
einmal in dieser Stadt von den Gassenbuben, die in ihm, ohngeachtet
seiner orientalischen Kleidung dennoch den Franken erkannt hatten,
beinahe gesteinigt worden, wenn er nicht, zu seinem Glück auf den
Einfall gekommen wäre, sich wie ein Derwisch im Kreise herum zu drehen.
Kaum hatte er aber diese Drehungen angefangen da riefen einige ältere
Männer den bösen Buben zu sie sollten ablassen von dem heiligen Manne.
Jetzt kommt man auch ohne sich zu drehen und zu tanzen unangefochten
durch alle Gassen und Winkel von Kairo; der Franke bleibt in seiner
europäischen Kleidung, sogar die Frauen behalten dieselbe bei, ohne daß
irgend ein hiesiger Einwohner einen Anstoß daran nimmt; der fanatische
Widerwille der Moslemen gegen die Christen und Juden der vormals grob
äußerlich heraustrat, während aus dem Innren mancher erfreuliche
Zug von Wohlwollen und Gastfreundlichkeit, wie ein Sonnenstrahl aus
dichtem Gewölk hervorleuchtete, ist bei der Mehrzahl durch äußre
Gewalt ins Innre zurückgedrängt worden, wo er stärker vielleicht
als sonst fortglühet, während Mienen und Geberden den Anschein der
zuvorkommendsten Höflichkeit und Nachgiebigkeit gegen die hochgeehrten
Franken an sich tragen. Doch gilt dieß nicht von Allen. Es hat sich
wirklich hie und da eine bessere Beachtung und Anerkennung der Christen
und ihrer geistigen Vorzüge wo nicht vollkommen entwickelt, so doch
angesponnen und vorbereitet.
Dieß ist der allgemeine Eindruck, den das jetzige Kairo auf den
Europäer macht, welcher etwa noch das Bild des vorigen, aus ältern
Beschreibungen in sich trägt. Laß uns nun auch eine und die andre
Parthie desselben im Einzelnen betrachten.
Man hat es hier leicht einen Ueberblick über den Kunst- und Gewerbfleiß
der Einwohner zu bekommen, weil die Arbeiten und Waaren der einen
Art, meist in eignen Märkten (Sucks), unter denen man sich freilich
nicht gerade freie Plätze, sondern nur Gassen zu denken hat, beisammen
gefunden werden. So begreift ein Theil der Hauptstraße den Markt der
Kupferschmiede (Suck en Nahhassin); in einer andern Gegend die ihren
Namen von einer benachbarten Moschee Ghunijeh führt, findet man die
Läden der Juweliere. Die meisten und wohl auch kostbarsten Waaren sind
jedoch in den Wikabehs oder Kaufmannshöfen enthalten, deren Hallen
und Läden nach einem Hofe herausgehen, welcher einen, zuweilen auch
mehrere Ein- und Ausgänge hat, die bei Nacht verschlossen und durch
eigne Thürhüter bewacht werden. Dergleichen Kaufhöfe oder Hallen giebt
es gegen dreihundert in der großen, vormals von so reichen Kaufleuten
bewohnten Stadt; unter die ansehnlichsten darunter gehören jener
worinnen auf Rechnung des Viceköniges der Kaffee verwahrt, gebrannt,
gestoßen und an die Bewohner der Stadt und des Landes verkauft wird,
so wie jene in denen man Edelsteine und andre kostbare Schmucksachen
und Kleiderstoffe feil bietet. Ich weiß Dich aber doch noch in einen
andern zu führen, in welchem nicht nur etwas Kostbares, sondern das
Kostbarste zu verkaufen ist, das man in Kairo zu Markte bringt. Ich
meine damit nicht die schönen Felle von Löwen, Tigern, Panthern,
Antilopen und allerhand andern Thieren des heißen Afrika's, auch
nicht die Straußenfedern die in den Läden jenes Kaufhofes gesehen
werden, sondern die armen, da am Boden auf Binsenmatten oder Teppichen
sitzenden Kinder und Jungfrauen der Abyssinier und Neger, die man
hier wie andre Waare verhandelt. Sieh' nur wie bitterlich mehrere der
kleinsten Kinder weinen; vielleicht noch über die thierische rohe
Mißhandlung ihrer Dschellabs oder Sklavenhändler, vielleicht auch aus
Sehnsucht und Heimweh nach ihren Müttern und väterlichen Hütten, aus
denen man sie raubte. Andre, unter den größeren Mägdlein und Knaben,
sitzen freilich auch neben jenen Weinenden, welche lachen und ganz
vergnügt mit einander schwatzen, wer kann aber wissen ob nicht diese
schnell verfliegende Fröhlichkeit nur eine Wirkung des berauschenden
Haschisch (Hanfextraktes) ist, das der Dschellab ihnen beibrachte.
Da tritt etwa ein vornehmer Türke näher, seine Begleitung, vor allem
der Kabasch (Janitschar) mit silbernem Stockknopfe, lassen auf seinen
Stand, der prächtige, um den Turban gewundene Kaschemirschawl und die
Pfeife mit dem von Diamanten besetzten bernsteinenen Mundstück oder
Turkibeh, welche ein Diener trägt, auf seinen Reichthum schließen. Er
deutet, gegen seine Begleitung gewendet, auf eines und das andre der
kleinen Negerkinder, geht dann gravitätisch vorüber und steigt wieder
auf sein Pferd. Die Mägdlein werden nun wahrscheinlich in den Harem
seiner Gemahlin auf etliche Tage zur Probe hingesendet, damit man sehe
ob sie keinen Hauptfehler an sich haben. Unter solche Hauptfehler
gehört es namentlich auch, wenn eines der armen, ermüdeten Kinder
des Nachts im Schlafe schnarcht, oder spricht, oder mit den Zähnen
knirscht, denn bei allen solchen Dingen denkt man gar leicht an die
Mitwirkung eines Effried oder Spuckgeistes und der Sklavenhändler muß
die Kleinen wieder zurücknehmen[9]. Aber es geht Deinem leise fühlenden
Herzen bei dem Anblick jener Schmerzenskinder wie mir; Du kannst ihn
nicht lang ertragen; darum laß uns aufbrechen von hier und ein andres
Schauspiel aufsuchen, welches uns gerade auf dieses da am meisten
wieder zu erheitern vermag.