ein neues Familienfest, eben so wichtig und pomphaft als das einer
Hochzeit: das Fest des Sirafeh oder der Beschneidung. Der Knabe gelangt
erst im 5ten oder 6ten Lebensjahr zu der Ehre ein Motahir zu werden,
den man durch jene Ceremonie den Bekennern des Islams zugesellt. An
diesem ersten öffentlichen Ehrentage seines Lebens ziert sein Haupt ein
rother, mit dem Kaschemirschawl umwundener Turban, die übrige Kleidung
ist mädchenhaft; vor den Mund hält er ein gesticktes, golddurchwirktes
Schnupftuch. Eltern vom Mittelstande, um den Aufwand zu sparen, richten
es gewöhnlich so ein, daß der Aufzug dieses Familienfestes mit dem
Aufzug einer Braut aus einer befreundeten Familie zusammenfällt, dann
zieht der kleine Motahir (zuweilen sogar zwei zugleich auf einem
Esel oder Pferde) dem Brautzug voran, vor ihm aber schreitet, sehr
prosaisch der Barbierknecht mit seinem Hheml oder kurzvierbeinigem
Kasten auf den Schultern her; hinter dem Motahir gehen einige
weibliche Verwandte. Bei den Kindern der Vornehmen, der Reichen und
der Gelehrten von Kairo, zu denen auch die Fiki's oder Schulmeister
gehören, ist jedoch die Ceremonie noch viel feierlicher. Da ziehen die
Schulkameraden des Motahir, in ganz schönen, eignen oder zu diesem
Ehrentag geborgten Kleidern kurz vor der Mittagsstunde in eine der drei
großen Moscheen, wohin auch der Motahir mit seinen Verwandten sich
verfügt. Selbst der prosaische Barbierknecht mit seinem Hheml stellt
sich ein; man wartet das Mittagsgebet ab. Hierauf beginnt der Zug nach
dem Elternhause des Motahirs; voraus der Barbierknecht, dann etliche
Paare von Fickis oder Schulmeistern, welche das Muwesch Schah, einen
Lobgesang auf den Propheten absingen; dann folgen, je zwei oder je vier
die Schulknaben, welche in Wechselchören gegen einander singen: 1) o
Nächte der Freude, Nächte der Wonne; 2) Wohlgefallen und Lieblichkeit
wo Freunde einträchtiglich beisammen sind. 1) Sey huldreich o unser
Gott dem hellscheinenden Lichte; 2) Mohamed (Achmed) dem Erwählten,
dem Ersten der Apostel. -- Hinter dem Zug der Knabenchöre gehen die
männlichen Verwandten des reichen Motahirs, dann folgen wieder sechs
Knaben mit silbernen Flaschen in denen Rosen- und Orangenwasser
enthalten ist, das sie auf die Begegnenden und Zuschauer sprützen,
und mit einem silbernen Rauchfaß (Mibkarah), aus welchem köstliches
Rauchwerk duftet. Zu ihnen ist ein Sackhah oder Wasserträger gesellt,
welcher den Armen Wasser (meist versüßtes) austheilt, dann kommen
einige Diener mit der Kaffeekanne im Kohlenbecken und einem silbernen
Präsentirteller mit Tassen, welche einer von ihnen, so oft er dem Laden
eines Kaufmannes und bemittelten Bürgersmannes sich nahet oder einem
wohlhabend Gekleideten begegnet, vollschenkt und jenen darreicht, wofür
er das Geschenk eines halben Piasters erwartet und annimmt. Nach den
Kaffeespendern kommt wieder ein Knabe, der die schön aufgeschmückte
Schreibtafel des kleinen Motahirs an seinem Nacken hängen hat,
dann dieser selber in der Mitte zweier Knaben und dahinter die dem
Hauße angehörigen oder sonst befreundeten Frauen, welche, wie bei
Hochzeitszügen die Jubeltriller des Zugharit vernehmen lassen, während
zugleich eine hinter ihnen drein geht, die beständig Salz, als Mittel
gegen das mißgünstige Auge, herumstreut. Angelangt bei der Hausthüre
der Eltern des Motahirs singen die Wechselchöre der Knaben: 1) du bist
eine Sonne; 2) du bist der Mond; 1) du bist das Licht der Lichter; 2) o
Mohamed, mein Freund, du mit den dunklen Augen. -- Ein Theil der Knaben
geht nun mit hinauf in die Rubah, wo sie unter anderm auch den Dank an
die Mutter singen, dessen ich schon früher gedachte; das Fest endet
mit Geschenken an den Schulmeister, der dem kleinen Motahir schreiben
und lesen lernte und durch eine Bewirthung der begleitenden Knaben mit
allerhand Süßigkeiten; nach acht Tagen, wenn man den Motahir ins Bad
führt, folgt abermals eine kleine Gastung.
Indeß die Festlichkeiten sind nicht immer; wie die vielen
Zwischenzeiten in der langen Weile des Harems ausgefüllt werden
mögen, das ist kaum zu begreifen. Doch kann man in dieser Beziehung
den Kahirinerinnen im Allgemeinen zu ihrem Lobe nachsagen, daß sie
sich zu beschäftigen und dadurch zu unterhalten wissen. Abgesehen
von den Aermeren, welche die Noth zum arbeiten treibt, nehmen viele,
auch der Wohlhabenderen, sich selber des Hauswesens und der Küche
an, und man rühmt ihre Geschicklichkeit in der Kochkunst. Ich muß
Dir doch, die Du selber in dieser Kunst Meisterin bist, Einiges aus
den Küchengeheimnissen der hiesigen Frauen verrathen und Dir als
Laye etliche Gerichte nennen, deren einige, wenn man sie genauer zu
beschreiben wüßte, wohl werth wären, daß sie Freund v. Rumor in sein
originelles Kochbuch aufnähme. Man kocht eigentlich in den Häußern,
auch der hiesigen bemittelten Bewohner, täglich nur einmal, zum Ascha
oder Abendessen, das man kurz nach Sonnenuntergang zu sich nimmt; das
was von dieser Hauptmahlzeit des Tages übrig bleibt, wird zum Ghuda
oder Mittagsessen für den andern Tag benutzt. Eine der gewöhnlichsten
Speisen, die man auch bei den Garköchen häufig zu sehen und zu genießen
bekommt ist das Kebab: Lammfleisch das in kleinen Stückchen am Spieß
gebraten ist; Yucknih nennt man ein gedämpftes Fleisch mit einer
Zwiebelsauce oder auch mit einer durch Annab (Jujuben) und Zucker
versüßten Brühe; ein wohlschmeckendes und leicht verdauliches Essen
ist das Waruck Mahschih, eine Art von Kohl- oder Endivienblättern, die
man mit einer angenehm gewürzten Mischung von gehacktem Fleisch und
Reis gefüllt hat. Man füllt dieses Maschih auch in kleine Kürbisse
oder Karakusch. Ueberhaupt liebt die Aegyptische Kochkunst die
wechselseitige Ueberkleidung, jetzt der Gaben des Pflanzenreiches
mit denen des Tierreiches, dann wieder umgekehrt dieser durch jene,
denn nicht selten kommen Hühner oder Aegyptische Enten aus denen man
die Knochen herausnahm mit Rosinen, Pistazien, gekrümelten Brod und
Petersilie gefüllt, auch wohl ganze Lämmer mit Pistazien ausgestopft
auf die Tafel, dazu noch Kunafeh oder Nudeln, versüßt mit Honig
und Zucker mit Rosenwasser, oder die süße, aus gekochten Rosinen
und etwas Rosenwasser bereitete Sauçe Khuschaf. So ungewohnt auch
unserm Gaumen und Magen diese beständig in der Küche des Orients
wiederkehrenden Süßigkeiten sind, erschienen sie mir doch erträglicher
als die Badingans oder Früchte von verschiedenen Solanumarten und
die schleimigen Fruchtkapseln des eßbaren Hibisch (+Hibiscus
esculentus+) oder die Bamiyehs. Denn das Süße hat in der Regel
durch einen Zusatz des Gewürzhaften einen ernsteren Charakter
angenommen und stimmt bei einem Volke, dem der Wein und alle geistige
Getränke versagt sind, gut zum Wasser und bittern Kaffee, weshalb man
auch ohne Ueberdruß zu empfinden nach dem Genuß der süßen Gerichte
noch den Scharab el tut (Scherbet von schwarzen Maulbeeren) oder den
grünlichen Veilchenscherbet (Scharab el benefseg) und die liebliche
Dattelnconserve zu kosten vermag oder andre Arten des Scherbet und
der eingemachten Früchte, auf deren Zubereitung die Araberinnen sich
meisterhaft verstehen[6].
Alles muß hier wo möglich sehr weich und leicht zertheilbar bereitet
seyn; denn da man sich beim Essen keiner Messer und Gabeln und auch
beim Zerlegen, z. B. der Hühner nur der Hände bedient, indem der Eine
diesen der Andre jenen Fuß oder Flügel anfaßt und beide zugleich,
mit geschickter, schneller Wendung diese Theile ablösen, würde ein
Gericht, das nicht vollkommen weich wäre, nicht gut auf den Tisch des
Kahirinischen Bürgers passen.
Uebrigens mußt Du dir, um dieß im Vorbeigehen zu erwähnen, die hiesige
Art zu essen, ohne Messer und Gabel, ja zum Theil ohne Löffel, dessen
Stelle dann ein Stücklein rinnenartig zusammengebogenes Kuchenbrod
vertritt, nicht so gar abschreckend vorstellen. Ehe man sich zur
Mahlzeit niederkauert wird jedem der Gäste das Tischt und das Ibrick
gereicht; jenes ist ein musterhaft eingerichtetes (metallenes)
Waschbecken mit doppeltem Boden, davon der obere, etwas gewölbte,
siebartig durchlöchert ist, so daß das Wasser durch ihn abfließt auf
den untern Boden; das andre ist eine Wasserkanne aus welcher der
Diener, indem er dem Gast zugleich ein Stück Seife darreicht, Wasser
auf die Hände schüttet, dann das Handtuch (Futah) zum Abtrocknen
hingiebt. So pflegt der Morgenländer überall, wo er es haben kann, sich
vor und nach dem Essen mit Wasser und Seife zu waschen und in der Wüste
dient ihm der Sand zur Reinigung.
Es gewährt eine eigne Unterhaltung den hiesigen wohlhabenden
Bürgersmann essen zu sehen. In einigen Haushaltungen speißt der
Hausvater mit all den Seinigen; in andren, und nur bei solchen kann
der Europäer Augenzeuge seyn, essen die Männer in ihrem untern Zimmer
allein; die Frauen und kleinen Kinder halten ihre Mahlzeit oben im
Harem. Wo nur Wenige zusammenessen sitzt man mit untergeschlagenen
Beinen auf dem Divan oder der Matratze; wo Mehrere, da wird der niedre
Tischschemel oder Kursi, von dem ich schon sprach, mehr in die Mitte
der Zimmerbühne (Liwan) hingestellt, die runde Platte (Siniyeh) darauf
gelegt und nun ist der kleine Eßtisch oder Sufrah, an welchem auf unsre
Weise zu sitzen kaum drei Personen Raum hätten, für neun bis zehn Gäste
bereit. Jetzt legt der Diener oder Sohn des Haußes die kuchenartigen
Brode und Stücklein zerschnittner Zitronen hin, dazu hie und da Löffel
von Buxbaum oder Elfenbein, dann bringt man auf kupfernen oder irdenen
Platten die Gerichte. Die Gäste lassen sich auf das linke Knie nieder,
auf dem rechten, stehenden, liegt die Serviette, man streift die Aermel
auf, der Hausherr sagt Bis millah (in Gottes Namen) und fängt zuerst
an zu essen, dann die Gäste. Kommt ein Fremder dazu, so lädt ihn der
Wirth mit den Worten »tasud-dal« iß mit mir, ein, Jener, wenn er nicht
mitessen will, muß darauf antworten »Heni an« (möge es wohl bekommen)
und darf ja den Leuten nicht zu sehr in die Schüssel oder auf den Mund
sehen, weil man sonst gleich die Gefahr vor dem mißgünstigen Auge
fürchten würde. Bei und nach dem Essen kommen die Trinkschalen mit
Nilwasser, das durch die Poren der Krüge hindurchgeseiht und durch die
schnelle Abdünstung der feuchten Oberfläche angenehm gekühlt, dabei
auch noch mit Orangenblüthwasser versetzt ist. Man sagt zu dem, welcher
trinkt heni an, (unser »wohl bekomm es«) und Allah-jehen-nik, Gott
segne dirs. Zum essen bedient man sich immer nur der rechten Hand; mit
Hülfe eines halb zusammengerollten Stückes Brod oder des Löffels holt
man sich einen Theil des Gerichtes aus der Schüssel heraus, legt es
auf eine Brodscheibe und genießt es so. Sobald einer fertig ist mit
dem essen sagt er El hamdu lillah (Preis sey Gott), steht auf und geht
davon. Einige Neugläubige von höherem Stande trinken dann wohl auch,
wenn die Andern sich entfernt haben, Wein; eine Sitte welche mehr und
mehr überhand nimmt.
Wie ich vorhin die Geschicklichkeit mancher (doch nicht aller und
vielleicht auch nicht der meisten) Bürgerinnen der ägyptischen
Hauptstadt in der Kochkunst rühmte so muß ich auch noch jener in
manchen weiblichen Arbeiten, besonders im Nähen und im Sticken der
schönen, bunten, golddurchwirkten Schnupftücher und Tabaksbeutel
gedenken, die man so oft in den morgenländischen Kaufmannsläden sieht.
Die Katibeh oder Unterhändlerin, welche die Einkünfte für das Harem
besorgt, übernimmt zugleich die Ausführung und den Verkauf der in ihm
gefertigten Arbeiten. Zuweilen verräth sich in solchen Arbeiten eine
gute natürliche Anlage zum Zeichnen. Auch Musik und Gesang übt das
arme, eingekerkerte Volk, es vergnügt sich, wenn es unter sich ist beim
Schall der Darabuckeh (Trommel) und des Tar (Tambourins) mit Tanzen;
viele rauchen Tabak aus eleganten Pfeifen mit korallenen Mundstücken
oder sie kauen Ladanum. Der Besuch der Bäder von denen manche bloß für
Frauen, andre wenigstens am Nachmittag ausschließend für dieselben
bestimmt sind, ist für jene Weiber und Töchter, denen die Hausherrn ihn
gestatten, ein großes Vergnügen; eben so der gegenseitige Besuch der
Frauen eines Harems bei denen eines andern, wobei die Leutlein öfters
einen ganzen Tag ungestört sich ihrem Vergnügen überlassen können, da
selbst der Herr des Haußes dann keinen freien Zutritt in die Gemächer
seines Harems hat.
Aber bei alle dem frage ich nochmals, wie füllt sich der edle
Menschengeist, der sich ja in seinem unabweisbaren Sehnen nach einer
ewigen und geistigen Befriedigung überall gleich bleibt, bei jenen
armen Eingeschlossenen den Mangel aus, zu dem er von der Geburt seines
Leibes an verurtheilt ist?
Eigentlich sind wir Alle, so lange wir im Leibe wallen eingeschlossen
in einem zerbrechlichen Hauße, das über und neben sich, auf allen
Seiten von einer ewigen und unvergänglichen Welt der geistigen Kräfte
umgeben ist, welche, wie die Luft, in das Häuslein hereindringt. Bei
einigen der Eingeschlossenen ist das innre Auge für die Welt des
geistigen geöffnet; das Haus worinnen sie wohnen hat Fenster, durch
welche man bemerken kann was draussen sich bewegt und sehen wer die
sind, deren Stimmen man bald näher, bald ferner drinnen vernimmt. Wo
aber nun, wie bei den verarmten Seelen der vernachläßigten Frauen der
Moslemen das kerkerartige Haus gar kein Fenster hat durch das man
hinausblicken kann, da hört man wohl drinnen die Töne und Stimmen der
großen Welt die das Gehäuße umgiebt, aber das Rollen des Donners im
hohen Gewölk des Himmels wird für ein Rasseln auf der Straße gehalten;
zu den Stimmen denkt man sich Gestalten, welche von den wirklichen die
draussen wandeln sehr verschieden sind. Und so ergeht es den Moslemen,
vor allem ihren Frauen, mit jener oberen, allen Menschenseelen nahen
Welt des Geistigen, in welche uns der Glaube den Blick eröffnet;
diese wird ihnen, weil sie dieselbe nicht sehen, sondern bloß die
mannichfachen, dem Ohr verworren erscheinenden Töne und Stimmen
derselben hören, zu einer Welt des Gespenstigen.
Das was noch fast allein eine Art von geistigem Reiz und Aufregung
in den dumpfen, blos auf das Sinnliche beschränkten Kreis der
Vorstellungen der hiesigen weiblichen Seelen hineinbringen kann,
ist der Aberglaube an eine Welt der Genien und magischen Kräfte,
welche gleichsam vor allen Thüren steht und anklopft; bereit alsbald
hereinzudringen, sobald sich, mit oder ohne unsern Willen die
Thüre öffnet. Dort, die hohen Pyramiden und alle die riesenhaften
Werke des Aegyptischen Alterthumes, welche man in der Umgegend
von Kairo und anderwärts sieht, sind nach der Meinung des Volkes
durch den Riesenkönig Gan Ibn Gan erbaut, den letzten Herrscher
eines geisterhaften Geschlechtes der Dschinn oder Genien, welches
vor Erschaffung des Adam auf der Erde wohnte und waltete[7]. Das
Geschlecht der Genien, das seiner Natur nach zwischen den Menschen und
Engeln mitten innen steht, und nicht wie der Mensch aus Erde, sondern
aus Feuer geschaffen wurde, ist keineswegs ausgestorben, sondern es
wandelt noch immer, bald sichtbar bald ungesehen unter den Menschen
herum, denn es ist ihm die Macht verliehen, jetzt sich unsichtbar zu
machen, dann aber die Gestalt von Menschen, von Thieren oder allerhand
Ungeheuern anzunehmen. Seinen Hauptsitz hat das Reich der Genien auf
und in dem Gebirge Kaf, das die Ebene des Erdkreises gegen den Ozean
hin umgürtet; viele von ihnen, und zwar meist nicht die gutartigen,
bewohnen als Effrieds oder Gespenster das Innere der Pyramiden, der
Gräber und andrer alter Gebäude, so wie die dunklen und unreinen
Stellen der Wohnhäußer. Da sie aber auf den Wirbelwinden reiten und mit
der Schnelle des Blitzes sich fortbewegen können, ist man nirgends und
in keinem Augenblick vor ihrer Annäherung sicher. Die Genien essen und
trinken; sie vermählen sich sowohl unter einander als mit Menschen, und
erhalten hierdurch ihr Geschlecht fortdauernd auf der Erde; sie sind
auch wie wir Menschen dem Tode unterworfen, nur mit dem Unterschiede,
daß ihr Leben Jahrhunderte, statt der einzelnen Jahrzehnte des
unsrigen dauert. Ein Theil dieser halb geisterhaften Wesen bekennt
sich zum Islam und dieser ist den Gläubigen hold; ein andrer Theil ist
ungläubig, dieser ist von zweideutiger oder selbst von Gefahr drohender
Natur und öfters schleudert die Gottheit gegen diese Abtrünnigen ihre
Geschosse, die man bei Nacht als Sternschnuppen herabfahren sieht.
Da man niemals wissen kann, ob nicht ein Dschinni in unsrer Nähe ist,
welcher uns sieht, obgleich man ihn nicht bemerkt, muß man sich sehr
in Acht nehmen ein solches gar leicht zu reizendes Feuerwesen zu
verletzen. Wenn deshalb der Ofenheizer eines Bades oder einer Bäckerei
mit seinem Werkzeug in das Ofenloch hineinstößt, oder wenn einer das
Messer oder Beil in die Höhe hebt, versäumt er nicht vorher zu rufen
destur (mit Verlaub oder Entschuldigung); wenn der Lastträger seine
Last zu Boden wirft, ja wenn man nur Wasser oder besonders wenn man
Unreinigkeiten ausschüttet sagt man destur, damit ja nicht etwa ein
solcher Unsichtbarer verletzt oder beschmutzt werde. Denn diese lassen
es oft darauf ankommen; sie weichen dem Unhöflichen, der sich nicht bei
ihnen entschuldigt, absichtlich nicht aus, lassen sich lieber ein wenig
quetschen oder beschmutzen, nur um eine Ursache der Feindseligkeit
gegen den Menschen zu finden. Und wer kann wissen unter welcher
Gestalt er einen Genius bei sich im Hauße hat. Besonders als schwarze
Katzen finden sie sich öfters in den Wohnungen ein; man hat zuweilen
eine solche Katze lange, hält sie immer für eine gewöhnliche, auf
einmal, wenn sie gelegentlich bei der Nacht Besuche von ihres Gleichen
empfängt, hört man, daß die vermeintlichen Thiere unter einander reden
wie Menschen; doch von so gräßlichen, gespenstischen Dingen, daß
einem die Haare zu Berge stehen; das beste Mittel einen solchen Gast,
wenn man ihn entdeckt hat, los zu werden ist es, wenn man ihn höflich
ersucht, er möge doch einen und den andern Schatz aus den verborgenen
Grüften des Gan Ibn Gan ins Haus bringen; er merkt dann ohne doch
eigentlich beleidigt worden zu seyn, daß er entdeckt ist, verschwindet
und läßt sich niemals wieder sehen. Hat doch jedes Stadtviertel seinen
eigenen Trutz- und Schutzgenius oder Agathodämon, der sich meist in
die Form einer Schlange verkleidet und manche Frau glaubte schon einen
lieblich singenden Vogel vor oder in ihrem Zimmer zu hegen, der sich
auf einmal durch Wort und Handlung als ein Dschenni kund that.
Ein Hauptzeitpunkt im Jahre, an welchem die Genien, vor allem die
mildthätigen und guten den Gläubigen erscheinen und sie beglücken,
sind die ersten zehn Tage des ersten Monates: des Moharrems. In
früherer Zeit als noch der alte Sarcophag, den die Franzosen von dort
hinwegnahmen und der sich jetzt im Brittischen Museum befindet, in
der Gasse es Salibeh, im südlichen Stadtviertel stund, hielten die
Dschinn vor jenem Sarcophagen in den ersten zehn Tagen des Jahres einen
Markt, wo sie, in Gestalt gewöhnlicher Fakihanis oder Fruchtverkäufer,
oder als Zeijats die mit Butter, Käse, Honig und Oel handeln, manchen
Menschen sichtbar wurden. Wer so glücklich war, diese Handelsleute
zu sehen und bei ihnen zu kaufen; der fand beim Hinwegtragen seiner
Waaren diese auf einmal, wie in dem Mährchen vom Rübezahl, in Gold
verwandelt. In andern Fällen machen es jene wohlthätigen Halbgeister
den Menschen, die sie bereichern wollen, noch leichter, indem sie ihnen
ihre Gaben, besonders am Tage des Aschr, wo jeder Gläubige reichlich
Almosen giebt (und sie sind ja auch zum Theil Gläubige) selber ins
Haus bringen. Einige kommen dann bei stiller Nacht in Gestalt eines
Bughlet oder Maulesels, der sein Annähern durch den Klang der Schellen
zu erkennen giebt, mit denen er behängt ist. Man schaut hinaus vor die
Thür; aber wer nicht Muth hat der fährt zurück, denn am Sattel des
Maulesels hängt das Haupt eines todten Mannes. Wer jedoch entschlossen
genug ist der packt getrost die Ladung des Thieres ab, denn seine
beiden Satteltaschen sind gefüllt mit Gold, statt dessen der Empfänger
Kleien oder Spreu hineinfüllt und den guten Buglet laufen läßt. Auch
als Sack-cka oder Wasserträger klopft der Genius in jener Nacht an
die Zimmerthür, fragt wohin er das Wasser schütten solle und man sagt
getrost: »in den großen Krug,« denn am andern Morgen findet man in
diesem eine reiche Ladung Goldes.
Man hat zuweilen behauptet, die Bewohner der südlicheren, mehr vom
hellen Tage bestrahlten Länder, wären der Furcht vor dem nächtlichen
Spuck der Gespenster weniger unterworfen, als die Bewohner des
dämmernden Nordens. Auf die Aegypter wenigstens paßt diese Behauptung
nicht, denn diese glauben stärker denn unsre Nordländer an das
Erscheinen der Efrids, unter denen auch die Seelen verstorbener
Menschen begriffen sind; an Vampyre oder Menschenfresser (Guhls) und
ähnliche Spuckgeschichten. Und was ist im Grunde die Furcht vor der
Wirkung des mißgünstigen Auges anders, als eine gespenstige. Darf
doch keiner ein Kind oder ein schönes Kamel, oder edles Füllen nur
scharf ansehen ohne daß man die Vergiftung durch sein Auge fürchtet;
niemand darf sich des Ausdrucks bedienen, dies ist schön, sondern Mesch
allah, »der Wille Gottes.« Eine Frau bewunderte in ihrer Einfalt zwei
ungewöhnlich große Wasserkrüge, die ein Kamel trug, und sogleich fiel
der eine davon herunter und zerbrach; ein andrer bewunderte die schöne
Schischi (ein Apparat zum Tabakrauchen, bei welchem der Rauch durch
das Wasser einer Glaskugel hindurchgeleitet wird) seines Nachbarn,
und das Glas zersprang. Als in neuerer Zeit die Metzger zum Theil
ihr Fleisch auf europäische Weise heraushiengen um es den Käufern
zu zeigen, wollten viele Gläubige keines kaufen, weil es durch die
magische Kraft des Auges eines vorübergehenden Hungrigen schädlich
könne geworden seyn. Gute Mittel nun, gegen das Beschreien oder
Vergiften durch Blick und Rede sind die Amulete, die man nicht bloß den
Menschen sondern auch den Thieren anhängt. Ein solcher Talisman sind
die sieben Namen der Siebenschläfer und ihres Hundes, die man deshalb
auch auf die kupfernen Teller, Tischplatten und Trinkschalen schreibt;
ein andres probates Mittel ist ein Verzeichniß von dem Nachlaß des
Propheten Mohamed, in welchem namentlich seine beiden Sebhhahs oder
Rosenkränze, das Büchschen mit dem schwarzen Augenpulver, der weiße
Maulesel Dul-Dul und das Leibkamel Abda aufgeführt sind. Nächst diesen
ein Verzeichniß der 99 Eigenschaften Gottes; Stücke aus dem Koran, oder
wenn mans haben kann ein Muschhaf, das heißt eine Abschrift des ganzen
Buches. Bei Kamelen sollen die sogenannten Otternköpfchen (die kleinen
Kauriscypräen) die man auch bei uns am Geschirre der Pferde sieht,
vor dem Beschreien schützen, dessen schon beginnende Folgen durch das
Räuchern mit Mejah oder Storax, der unter gewissen Ceremonien gekauft
und gesegnet war, so wie selbst mit verbrennenden Lumpen wenigstens
gelindert, wo nicht gar gehoben werden. Außerdem giebt es hier noch
eine unzählige Menge abergläubischer Gebräuche, die man ganz öffentlich
kann üben sehen, und welche gegen Augenkrankheiten, gegen Schwäche der
kleinen Kinder in den Füßen, sowie gegen viele andre Krankheiten helfen
sollen. Und wer unter den Moslims der Hauptstadt sollte nicht von den
Wunderkräften des heiligen Wassers aus dem Brunnen Zem Zem in Medina,
so wie der kleinen Pasten, ähnlich denen unsrer +terra sigillata+,
gehört haben, welche aus dem Staub vom Grabe des Propheten und aus
dem Speichel der dortigen Imams bereitet werden und die, wenn man sie
ißt, von großer heilender Wirkung sind. Beide Mittel, so wie mehrere
ähnliche, bringen die Hadschis von ihrer Pilgerreise nach Mekka mit.
Auch die Aloëpflanze, die man öfters vor den Hausthüren aufgehängt
sieht, wo sie dann, auch vom Boden getrennt und entwurzelt noch mehrere
Jahre grünt und sogar blüht, ist nicht bloß in der Blumensprache des
Morgenländers ein Sinnbild der Gedult, weil sie bitter, aber auch
unversiegbar an innerer Lebenskraft ist wie die Gedult; sondern sie
trägt auch für den im Hauße wohnenden zur Lebensverlängerung das ihrige
bei. Eine den Giften widerstehende Kraft wird dem Rhinozeroshorn
zugeschrieben.