Während wir uns so, wenigstens an der Beschreibung eines guten,

arabischen Frühstückes gesättigt haben, ist das Gedräng und Leben

auf der Straße immer stärker geworden. Die Kaufmannsläden haben

sich aufgethan, die Esrefs oder Geldwechsler sitzen wieder an ihren

Tischchen; man hört aus der Ferne die Hämmer der Kupferschmiede und

andrer Handwerker die hier nicht, wie bei uns, in ihren Häusern,

sondern in den offnen Läden ihrer Suks oder Marktplätze arbeiten.

Allmälig läßt sich nun auch die vornehmere Welt der Stadtbewohner

unter dem Trosse der Andren sehen; reitend auf Eseln und zierlich

aufgeschirrten Maulthieren. Unter den Maulthierreutern zeichnet sich

der gelehrte Ulema durch seinen Muckleh oder Turban, mit dickem,

weit hervortretendem Bunde und durch den schönen Sechschadeh oder

Gebetsteppich aus, der über dem Sattel liegt; sein Stallknecht, im

blauen Hemde springt voraus, ein andrer Knecht trägt die lange,

durch ihr kostbares Bernsteinmundstück werthvolle Pfeife seines

Herrn. Ueberhaupt geht der bemittelte Türke oder Araber, wenn er

nicht gerade auf dem Wege zur Moschee ist, niemals ohne das Geleite

seines Schibuk oder Tabakspfeife aus, die dem Vornehmeren ein Diener

nachträgt. Doch habe ich dieses in den ersten Tagen meines Hierseyns

auch anders gesehen. Damals war noch Ramadan oder Fastenzeit, wo

die Anhänger des Islams vor Sonnenuntergang nicht rauchen und selbst

keinen Tropfen Wasser in den Mund nehmen dürfen; da giengen denn die

guten Leute ganz traurig und verdrießlich statt mit den Pfeifen mit

kleinen Stöcklein in der Hand herum oder spielten mit den Kugeln ihres

Sebchah (Rosenkranzes) und sahen jedem Christen und Juden, welcher

ungestört seinen Schibuk rauchte, mit unverkennbarer Gemüthsbewegung

zu. Uebrigens darfst Du sie, wegen der Strenge ihres Ramadan nicht

zu sehr bedauern, jene guten Leute. Ohnehin sind von der Pflicht

des Fastens alle Kranke, Fußreisende und Soldaten auf dem Marsche

ausgenommen, und wenn auch wirklich dem gemeinen Volke, das am Tage

seine Arbeit zu verrichten hat, die Einrichtung ein wenig schwer

fallen mag, so verschlafen dagegen die Wohlhabenderen den Tag und

schmaußen des Nachts. Manche nehmen auch wohl, wie unser Freund Hassan

auf dem Schiffe schon am Tage heimlich manches respektable Bröcklein

zu sich, und, wenn sie ja, dem Gesetz gehorsam, kein Wasser trinken,

so kosten sie doch dabei einen Schluck Wein[2]. Und selbst abgesehen

hiervon kann man sagen, daß man gewiß nirgends eine so zärtliche

Sorgfalt für den liebwerthen Magen finden wird, als während des

Ramadans bei den hiesigen Muselmännern. Wenn sich am Nachmittage die

Gassen allmälig wieder mit Leuten aus dem wohlhabenderen Mittelstande

und der vornehmen Welt füllen, da ziehen zwar Manche ehrenhalben

nach der Hhosseynsmoschee hin, sie werfen aber schon vorläufig im

Vorbeigehen gar bedeutsame Blicke auf die allmälig sich öffnenden

Läden der Kuchenbäcker, Scherbetverkäufer und Köche. An der Moschee

stehen dann bereits, nur auf den günstigen Augenblick wartend, die

Austheiler des Brodes unter das arme Volk, so wie die von Gaben der

Frommen bezahlten Chemalehs oder Wasserschenken, welche die Wohlthat

des frischen Wassers in Trinkschalen an Jeden spenden der es begehrt

und dabei, während man trinkt ein Liedlein singen, worinnen dem Trinker

die Freuden des Paradieses verheißen werden. Noch darf Keiner weder

essen noch trinken noch rauchen; jetzt aber verkündet, vier Minuten

nach Sonnenuntergang der Knall der Kanone die Zeit des Abendgebetes und

nun solltest Du die Freude sehen. Der Arme außen vor der Moschee fällt

nach einem kurzen Stoßgebet über das dargebotne Brod her und trinkt

beim Gesange des paradiesischen Liedleins sein »Moie helba« (frisches

Wasser); in jedem Privathause steht schon auf einer Art von rundem

Schemel ein Gericht von »Nockl« oder getrockneten Früchten, dabei der

»Kahk« oder honigsüße Kuchen und die »Kullehs« oder Krüglein, gefüllt

mit Scherbettrank. Das erste was der zu Hause sitzende Gläubige,

nach vernommenem Kanonenschuße thut, ist, daß er Eins trinkt, dann

betet er eben so wie die Leute draußen ein ziemlich kurzes Gebet,

greift hierauf nach den getrockneten Früchten und zugleich nach der

Pfeife auf deren Tabak schon die glühende Kohle bereit liegt. Der

Schibuk ist noch kaum ausgeraucht da dampfen schon die Schüsseln mit

den Gerichten der ersten Mahlzeit, welche man ehrenhalber Frühstück

(Fatur) nennt. Sobald man dieses eingenommen hat, macht man Besuche

bei Freunden oder in den Kaffeehäusern, welche eben so wie die Läden

der Köche beleuchtet sind, selten in den Moscheen, obgleich auch diese

der Glanz unzähliger Lampen erhellt. Auf die Entbehrung des Tages

läßt man es sich jetzt ganz besonders wohl seyn, man ißt, raucht und

trinkt und hört dabei die fröhligen Weisen der Musikanten sowie die

Mährchen der Romanzenerzähler. Doch nun kommt, nach dem Abendgebet,

das Sachur oder die Hauptmahlzeit. Damit ja kein Gläubiger, der etwa

aus alter Gewohnheit, weil es Nacht ist eingeschlafen seyn könnte, den

günstigen Augenblick versäume, seinen Magen in die rechte, kräftige

Haltung gegen den morgenden Fasttag zu setzen, hat man in jeder Gasse

oder kleinem Stadtdistrikt einen Musachir bestellt, den man eben so

gut einen Magenwächter als einen Nachtwächter nennen könnte. Der gute

Mann, welcher, wenn er mit dem zu hoffenden Trinkgeld beim Ende der

Fastenzeit sein Glück machen will, ein Erzähler von Schwänken seyn

muß, beginnt seine Aufwartung vor den Häusern der Wohlhabenderen schon

zwei Stunden nach Sonnenuntergang und singt da aus dem Stegreife eine

gereimte oder ungereimte Lobrede auf die vortrefflichen Bewohner des

Hauses ab. Die Weiblein drinnen, welche ja nicht mit zu Besuche oder in

die Kaffeehäuser gehen dürfen, warten schon längst auf sein Erscheinen;

sie werfen, sobald das Loblied geendet ist, dem Sänger aus den

vergitterten Fenstern einige ägyptische Kreuzerlein (fünf Fuddahstücke)

oder Sechskreuzer (Piaster) hinunter, die, wie mans auch bei uns zu

halten pflegt in ein Papierstücklein gewickelt sind das man vor dem

Hinabwerfen anzündet, und begehren dafür, daß der Musachir ihnen ein

frommes Fathah (das erste Kapitel des Korans) hersage. Aber auf das

Fathah allein ist es dabei nicht abgesehen, das weiß der Schelm von

Magenwächter recht gut. Denn kaum hat er, in ziemlicher Schnelle,

denn er hat noch weiter zu gehen, sein Fathah hergeplappert, da fängt

er an ihnen Geschichtlein, in Reimen oder Prosa zu erzählen, welche

bei uns zu Lande gerade nicht für sehr anständig gelten würden. Indeß

die Frauen und Fräulein stehen dabei hinter den stark vergitterten,

dunklen Fenstern, man kann also nicht wissen ob sie nicht, wie wir

dies hoffen und wünschen wollen, gleich nach dem Gebeth des Fathah

sich zurückgezogen haben. Bald nach dieser Function des Lobpreisens,

Fathahbetens und Schwänkeerzählens, die, weil sie an mehreren Häußern

sich wiederholt, keine ganz kurze ist, beginnt nun die wichtigste

Amtsverrichtung des Musachirs. Anderthalb Stunden vor dem Imsak, das

ist die Zeit des Morgens wo die Tagesfasten beginnt, pocht er an die

Thüre jedes einzelnen Haußes so lange an, bis man ihm drinnen antwortet

und warnt zugleich Alle vor der möglichen Gefahr des Hungerns. Damit

aber die Leute ja, wenn sie etwa wieder einschlafen sollten, nicht

versäumen mögen, den Magen auf Vorrath zu füllen, kommt noch ein

Mann von untergeordneterem Range, der Thorhüter des Stadtviertels

hinterdrein und ermahnt nochmals die Leute doch ja, ganz gewiß und

ohne Säumen, so viel als möglich zu essen. Auch das Morgengebet der

Mueddins, der Adan wird in dieser Zeit früher als gewöhnlich gesungen

um die Moslimen an das Einnehmen des Sachurs (Mahlzeit) zu erinnern

und noch 20 Minuten vor dem grausamen Augenblick des Imsak oder

Fastenbeginns ertönt ein Adan, so laut als möglich. Sobald aber, bei

Tagesanbruch der unverbrüchliche Augenblick der Enthaltung gekommen

ist, dann ruft der Mickatih oder Gebetankündiger sein lautes Ir-fa-uh,

das heißt thut hinweg (eure Speisen) was indeß viele neugläubige,

jetztlebende Moslimen des aufgeklärten Kairo so verstehen, als sollten

sie ihre Honigkuchen und Fleischpasteten nur in einem Winkel des

Zimmers verstecken an dem man während des Tages zuweilen vorbeikommt.

Die ganze Einrichtung der moslemitischen Fasten soll eigentlich

nur eine Vorbereitung auf die recht andächtige Feier der Nacht des

(göttlichen) Rathschlußes (Lailet el Kudr) seyn, in welcher der Koran

dem Menschengeschlecht herabgesendet wurde; denn »diese Nacht sey

besser als tausend Monate.« Die Altgläubigen, deren in Cairo nur noch

wenige seyn mögen, meinen, daß in dieser segensreichen Nacht auf

einmal alles salzige Wasser süß werde, sie setzen deshalb, wenn sie

die letzten Nächte des Ramadan, etwa in der Hosseynsmoschee betend

hinbringen, eine Schaale mit gesalzenem Wasser vor sich hin und wenn

ihrer schlaftrunkenen Zunge einmal in einer dieser Nächte das Wasser

minder salzig (süß) schmeckt, dann halten sie dafür daß heute die Nacht

der Segnungen, die Nacht der sehr erhörlichen Gebete sey.

Neben dem eben nicht sehr schweren, sogar lustigen Ramadan der

Mohammedaner erscheint freilich die Fastenzeit ihrer christlichen

Mitbürger und Landsleute in Kairo und ganz Aegypten: die der Kopten

von ungleich schwererem Gewichte. Dieses Volk der ernsten Trauer, an

welchem jeder Ton der Harfe wie eine innigtiefe Klage tönet; das arme

Volk, dessen Glaube wie ein gelähmter Greis an Krücken geht[3] hat

nicht bloß jährlich einmal, sondern vor jedem großen Feste eine so

strenge Zeit des Fastens, daß die Zeit der lieblichen Erwartung ihm zu

einer Zeit der Beschwerde und Angst werden muß. Wenn der Kopte fastet

darf er entweder, wie dies Viele vor dem Anfang der großen Fasten drei

Tage und Nächte lang aushalten, gar nichts essen und trinken, oder er

muß sich wenigstens aller Nahrung vom Abend an bis nach Beendigung

der Kirchengebete am nächsten Mittag enthalten und darf auch dann

keine Speise die von thierischer Natur ist, weder Fleisch noch Fisch,

noch Eier, noch Milch, Butter und Käse, sondern nur Brod mit Dockckah

(Pfeffersalz) oder Bohnen und andere Früchte genießen. Solcher Fasttage

hat aber der Kopte nicht nur fast jede Woche zwei, sondern während

seiner großen, österlichen Fastenzeit 55; vor Pfingsten wie vor Mariä

Himmelfahrt 15, vor Weihnachten 28, so daß für ihn die bei weitem

größere Hälfte des Jahres eine Zeit der Enthaltung ist. Und doch

ist auch diese bei den meisten Kopten nur scheinbar, denn obgleich

sie strenger an der buchstäblichen Erfüllung ihres Gesetzes haften,

als ihre Moslimitischen Mitbürger, setzen sie dennoch sich für die

Entbehrung der Speisen durch Branntweintrinken schadlos.

So müht sich die edle Menschennatur, getrieben von einem ihr

inwohnenden, unabweisbaren Sehnen allenthalben ab, das Ziel eines

ewigen Friedens, das sie sich bald höher, bald niedrer gesteckt

hat, durch die That des eignen Armes zu erringen. Der Ernst ist gut

und löblich; das Ziel das zu erringen ist wäre jedes Opfers, selbst

des Lebens werth, und der Leib selber ist uns ja zu einer Opfergabe

geschenkt und bestimmt; läge nur nicht dem ganzen Beginnen der Irrthum

des unmündigen Kindes zu Grunde, das nach dem Monde oder den Sternen

greift; der Irrthum daß Etwas das von der Natur des Geistes nur vom

Geiste erfaßbar ist, durch das Fleisch und seine eigengesetzlichen

Geschäfte erlangt und ergriffen werden könne.

Zweiter Brief.

=Leben der hiesigen Frauen, Beschreibung des innren Haushaltes, wie der

innren imaginären Welt der Kahiriner.=

Am 24. Januar.

Ich habe Dich, Du liebe Schwester, in meinem letzten Brief nach einer

kurzen Sättigung, welche die Beschreibung eines Frühstückes gab, in

eine lange Fastenbeschreibung hineingeführt, und dabei noch immer,

in einer der ersten Morgenstunden des Tages vor oder in dem Laden

des Herrn Baumgärtner, in der Frankengasse von Kairo stehen lassen.

Während ich Dir aber so erzählte ist die Sonne höher gestiegen, der

Tag ist weiter vorgerückt mit all seinen Mühen, Zerstreuungen und

Freuden; an der großen Blumenuhr der hiesigen Stände, Geschlechter

und Gewerbe sind nun auch jene Blüthen erwacht, welche, wie die

Skorzoneren unsrer Wiesen und Felder erst kurz vor Mittag ihre

bunten Blätter öffnen. Da taucht denn auch eine Sitteh, eine Dame

aus dem wohlhabenden Mittelstande, aus dem Gedränge des Volkes auf,

umgeben von mehreren dienstbaren Begleitern und Begleiterinnen. Sie

selber reitet auf einem schönen Esel, der sich durch sein reicher

aufgeputztes Geschirr und den schönen Teppich vor den Thieren ihrer

beiden, hinter ihr reitenden Dienerinnen auszeichnet; vor ihr sitzt

ein etwa zweijähriges Knäblein. Betrachte nur die abentheuerliche

Verhüllung unsrer Sitteh. Die ganze, etwas breite Gestalt steckt in

dem gräumigen, violet seidenen Sebleh oder Ueberrock mit unmäßig

weiten, fast am Boden aufschleifenden Ermeln; das Oberhaupt bedeckt der

schwarzseidene Chabarah, der sich weit über den Rücken und die Seiten

hinabbreitet; das Gesicht, unmittelbar unter den Augen verhüllt der

weiße, bis an die Füße und ihre gelben Babuschen reichende Schleier

oder Burko. Freilich ist dieß alles nur die Schaale unter der sich

die eigentliche Kleiderpracht unsrer vornehmen Aegyptierin verbirgt,

namentlich der Robtah oder Frauenturban, unten mit kostbaren Tüchern

umwunden, der Kuhrs oder Kranz von Gold, mit Edelsteinen verziert, der

Tarchah oder goldgeschlickte Schleier des langlockigen Hinterhauptes

und der Schläfe; der Dschibbeh oder Umwurf und der langermelige Jelek

oder Hausüberrock, sammt den weiten, seidnen Beinkleidern. Aber selbst

an der verhüllten Gestalt fallen die seltsam schwarzumrandeten Augen

und, so weit sie sichtbar werden, die orangegelb gefärbten Finger

und Handflächen auf. Denn auf den Kopfputz, auf die allein über den

Schleier hervorblickenden, von Natur meist sehr schönen Augen und

auf die ebenfalls bei Gelegenheit sichtbar werdenden Hände wendet

die Kahirinische Dame eine ganz besondere Sorgfalt. Für den Kopfputz

hat jede wohlhabende Frau so wie ihr Eheherr einen eigenen Stuhl,

denn diese Stühle, meist die einzigen im Haushalt, sind nicht zum

Ruhesitz für Menschen, sondern nur zum nächtlichen Ablagerungsort, der

eine für den Robtah oder weiblichen Hauptschmuck, der andre für den

Emameh oder männlichen Turban bestimmt. Die Augenlider schwärzt sich

die ägyptische Schöne, wenn sie Zeit dazu gewinnen kann, am Morgen

mit dem Kuleh: Pulver von verbranntem Weihrauch und Gummi, oder Rus

von verbrannten Mandeln, worin der mit Rosenwasser befeuchtete Stift

eingetaucht wird; die Unterhände und Fingernägel aber werden durch

einen Brei der Blätter des Hhennastrauches (+Lawsonia inermis+)

den man eine Nacht hindurch auf der Haut liegen läßt, für mehrere

Wochen dauerhaft rothledergelb gefärbt, damit das Wenige, das man vom

Körper zeigen darf, desto greller und schreiender in die Sinne falle.

Neben der so sorgfältig aufgeputzten oder doch reich verhüllten Dame

nimmt sich freilich das schmutzige Knäblein, das vor ihr sitzt, recht

contrastirend aus. Die abergläubige Mutter hat nämlich aus Furcht, daß

ihr Kind von einem misgünstigen Auge könne beschädigt (beschrieen)

werden, den armen Kleinen in seinem schlechtesten Aufzuge mitgenommen

und nur die Goldstücklein die am gesegneten Aschura-Tage von Bekannten

und Unbekannten erbettelt, und eben weil man ihnen abwehrende Kräfte

gegen das mißgünstige Auge zuschreibt um den rothen Tarbusch (Mützchen)

genäht worden sind, bezeichnen das Kind wohlhabender Eltern.

Man pflegt bei uns, wenn man als Gast in ein Haus oder in eine

Gesellschaft eingeführt wird, vor allem der Dame vom Hauße vorgestellt

zu werden, und mit dieser, durch einige begrüßende Worte sich bekannt

zu machen. So will ich auch Dich, meine liebe Schwester, gleich beim

Eintritt vor allem andren mit der weiblichen Welt der Stadt und des

Landes bekannt machen, nicht zunächst deshalb, weil sie als Deines

Geschlechtes, Dich näher angeht, sondern weil mir der Schlüssel zum

Verständniß des Glaubens und Lebens des ganzen hiesigen Volkes in der

Stellung und Behandlung des Weibes zu liegen scheint. Ich enthalte

mich vorerst aller Bemerkungen und erzähle Dir blos, was ich von den

Töchtern des Landes gesehen, gehört und erfahren habe.

* * * * *

Des selbst Gesehenen ist äußerst wenig, denn ich hatte nur einige Male

Gelegenheit, namentlich im Hauße eines hiesigen vornehmen Franken,

als mich dieser seiner kranken Gemahlin als einen »Arzt« vorstellte,

vornehme Araberinnen, die sich gerade hier zum Besuch befanden, ohne

die gespenstische Verhüllung des Sebleh und Chabarah, übrigens noch

immer verschleiert genug zu sehen; mein Arabisch konnte sich in keine

Conversation mit ihnen einlassen, das reicht nur zum Handel und Wandel

mit den Eselverleihern, Käuflersleuten und Kaffeschenken hin, ich kann

Dir daher nur das wiedergeben, was ich aus der guten Quelle meiner hier

lebenden, zuverläßigen Freunde empfangen habe.

* * * * *

Die Aegyptierinnen werden als sehr schön gepriesen und ich selber habe

unter den unverschleierten Gesichtern der Frauen und Mägdlein des

gemeinen Land- und Stadtvolkes einzelne sehr wohlgebildete gesehen.

Der bräunlichen Haut merkt man allerdings die Kraft der Sonne an,

mehr aber als diese natürliche, dunkle Färbung entstellt das Einätzen

von allerhand Figuren (das Tättowiren) das Angesicht und die Arme der

hiesigen Weiber. Die Schönheit, deren man sie rühmt, ist von sehr

vergänglicher Dauer; ihre Blüthe fällt in die Zeit zwischen dem 14. und

20. Jahre, das vierzigste findet gewöhnlich an dem welken, runzlichen

Angesicht nichts mehr zu verheeren, weil dann alles Verheerbare,

ausser dem Glanz der dunklen Augen, schon verschwunden ist. In einem

vorzüglichen Maße scheint demnach von den zartesten Schönheiten dieses

Volkes und Geschlechtes der alte Vergleich mit den Blumen des Feldes zu

gelten, welche im Thau des Morgens lieblich erblühen, dann aber schon

am Abend wie Heu verdorren.

* * * * *

Es dürfte uns nicht wundern, wenn hie und da unter den Stimmführern des

Volkes und Augenzeugen des schnellen Wechsels der Vergleich noch weiter

getrieben würde; wenn man diesen flüchtigen Erscheinungen auch nur eine

solche bald sich verflüchtigende Seele zuschriebe als die ist, welche

in den Blumen lebt. Und wirklich macht sich unter den Moslimen hie und

da das Sprüchwort laut, »daß im Weibe keine Seele sey.« Mit diesem

Sprüchwort ist es indeß nicht so ernst gemeint. Denn der Koran verheißt

nicht allein den Frauen, wenn sie treue Bekennerinnen sind, die ewigen

Freuden des Paradieses, sondern verspricht auch den gläubigen Männern

dort jenseits eine Wiedervereinigung mit den Frauen die sie hier auf

Erden hatten, wenn sie anders dieses begehren, »und der Gute (so fügt

der Koran hinzu) wird immer nach den guten verlangen.« Auch in den

Gesängen und Gebeten bei manchen religiösen Gebräuchen, namentlich

bei dem Fest der Beschneidung, kommen Ausdrücke vor, welche sich auf

den Glauben an eine unsterbliche Seele des Weibes gründen, denn bei

dem letzteren Feste redet das Chor der Schulknaben, welches vor der

Ceremonie mit eingeführt wird in die innern Zimmer des Haußes, die

Mutter des Knaben, der jetzt zum Moslem geweiht werden soll und im

Namen desselben an: »du meine Mutter, empfange meinen Dank, für deine

Sorgfalt um mich vom Morgen bis zum Abend; Gott gebe, daß ich dich

möge sehen einst sitzend im Paradiese, begrüßt von Maria[4], Zeynet

und Fatime« (der Tochter des Propheten). Was hilft es aber den armen

Weiblein, daß man ihnen den Besitz einer unsterblichen Seele zugesteht,

wenn man sie fast durchgängig wie eine gestohlene, seelenlose Waare

betrachtet, die der Dieb, aus Furcht es möchte sie jemand bei ihm

entdecken, im innersten Winkel seines Hauses verbirgt. Sind doch die

Frauen der Bekenner des Islams wirklich etwas Gestohlenes, das man der

Welt und dem Leben dem sie angehörten entwendet und dem man zugleich

selber das Edelste das in ihm war: den Anspruch der Seele auf höhere,

geistige Belebung und Bildung entzogen hat. Denn nicht einmal in der

Moschee dürfen die Bewohnerinnen von Kairo zur Zeit des öffentlichen

Gebetes erscheinen; in der Regel gestattet man ihnen den Eintritt dahin

nur außer den Zeiten des täglichen Gottesdienstes, und auch an andern

Orten, wo diese Beschränkung nicht statt findet, müssen sie streng

von den Männern abgesondert ihr Gebet verrichten. Doch möchte dieses

noch eher erträglich seyn, wenn man nur nicht auch bei jeder andern

Gelegenheit Dein Geschlecht hier zu Lande wie ein fein geschnittenes

Kraut behandelte, das man mit Salz gemischt in ein gut verpichtes Faß

hineinsteckt, wo es nothwendig in seiner eigenen Sauçe gähren und sauer

werden muß.

* * * * *

Ist doch zur Bereitung dieses menschlichen Sauerkrautes Alles

eingerichtet; auf sie ist der Bau der Häußer, die Art der Zimmer, auf

sie sind Sitten und Gebräuche des bürgerlichen Lebens, Staatsverfassung

und Gesetzgebung abgemessen und berechnet.

Der Bau der hießigen Häußer, die noch auf alte Weise eingerichtet sind,

hat wirklich für das Auge des Europäers etwas Komisches. Es ist als

wenn da nicht bloß die einzelnen Flügel und Nebengebäude des Haußes,

sondern auch die einzelnen Zimmer und sogar Theile des Fußbodens mit

einander in Zank und Uneinigkeit wären, so daß immer eins über das

andre sich erhebt, ohne deshalb zum ruhigen, ungestörten Besitz der

Herrschaft zu gelangen. Hinter dem Schutz und Schirm der Hauptgebäude,

die nach der Straße und dem Freien herausstehen, erheben sich öfters

im Hofraume die Nebengebäude, eines höher, das andre niedriger, jedes

mit seinem platten Dache versehen, auf welches man aus den Zimmern der

Ruba oder obern Etage heraustreten kann. Da können dann die Weiblein

des Haußes der Luft genießen; hier sitzen die der mittlern Klassen mit

untergeschlagenen Beinen auf ihren Binsenmatten oder Matratzen und

besorgen manche Geschäfte des Haußes, ohne Furcht, daß ein fremdes

männliches Auge sie sehe, denn man würde es, wie ich schon in meinem

ersten Briefe sagte, einem Manne sehr übel nehmen, wenn er, besonders

in einer Gegend der Stadt wo lauter Moslimen wohnen, auf dem höheren

Dache seines Hauses stehen und auf die Nachbarschaft gaffen wollte;

auch hat man diese Neugier nicht von den Mueddins oder Gebetausrufern

zu fürchten, welche freilich auf ihren hohen Minares die weiteste

Aussicht genießen, denn man stellt zu diesem Amte meist Blinde an.

Und damit die fremden Männer nicht durch die Sorglosigkeit und

unbeschäftigte Lebensweise des ehelosen Standes zu solcher Neugier

verführt werden, nimmt man in vielen Gegenden der Stadt nicht leicht

einen Unbeweibten ins Logis, sondern solche Leute müssen öfters ihr

Unterkommen in den Wekalehs oder Absteigequartieren der Kaufleute

suchen.

Ich mag es übrigens den armen, so bald verwelkenden Blümlein der

mohamedanischen Frauen recht gerne gönnen, daß sie auch an ihrem

Hauße einen Ort finden wo sie Luft und Licht genießen, denn in den

Zimmern drinnen haben sie schon auf Erden einen Vorschmack vom Reiche

der Schatten. Beim Aufführen und Zusammenstellen der Häußer einer

Gasse ist nämlich das ein beständiges Augenmerk der Baumeister, daß

kein Vorübergehender oder Vorüberreitender und daß kein Nachbar

dem andren in die Fenster schauen kann. Darum liegen die kleinen

Fensterlein im untern Stock des Haußes überaus hoch und sind noch

dazu mit dichtem, hölzernem Gitterwerk verwahrt. Ein solches, oft

gar prächtig geschnitztes Gitter verdeckt auch den größten Theil der

Fenster der oberen Etagen, und damit man selbst zwischen den kleinen

Oeffnungen des Schnitzwerkes das Licht des Tages nicht ganz frei

passiren lasse, dämpft man seine Helle noch durch die bunten, blauen,

rothen und gelben Glasscheiben (Roschan) die sich in vielen der älteren

Häußer finden und zum Theil recht hübsche Blumenfiguren darstellen.

So wird in den Zimmern und Häußern auch am Tage ein künstliches

Helldunkel herbeigeführt, bei welchem es schwer ist über die rohen

architektonischen Malereien der Wände, in denen man meist den Tempel zu

Mekka oder das Grab des Propheten darstellt, einen kritischen Ausspruch

zu fällen.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Zweiter Band · 第 2 / 42 段