Gyges.
Warum gab ich den Ring zurück! Ich hätte
Verschwinden, nie mehr sichtbar werden sollen,
Dann könnt' ich ewig um sie sein, dann würd' ich
Sie sehen, wie sie nur die Götter sehn!
Denn irgend etwas sparen die sich auf:
Ein Reiz der Schönheit, den sie selbst nicht kennt,
Ein Blitzen in der tiefsten Einsamkeit,
Ein letzter, ganz geheimnisvoller Zauber,
Das ist für sie und wär' jetzt auch für mich!
Zwar würd' ich ihrer Rache nicht entgehn,
Wenn ich verstohlen aus dem Kelche nippte,
Der einzig für sie selber quillt und schäumt.
Es würde plötzlich in den Lüften klingen,
Und Helios, durch einen Flammenwink
Der zorn'gen Aphrodite angefeuert,
Den sichersten von all den sichren Pfeilen
Versenden, welche er im Köcher trägt.
Dann stürzt' ich hin, allein das täte nichts,
Denn im Verröcheln würde ich den Ring
Noch einmal drehen und zu ihren Füßen,
Mein Auge zu dem ihrigen erhebend
Und ihre Seele, wie die meine wiche,
Aus ihren Blicken durstig in mich saugend,
Verhaucht' ich meines Odems letzten Rest!
(Thoas kommt mit der verschleierten Lesbia.)
Thoas.
Der König schenkt dem Gyges, seinem Günstling,
Die schöne Sklavin, die ihm wohlgefällt!
Gyges.
Der König will mich höhnen, und das habe
Ich nicht um ihn verdient, auch duld ich's nicht!
Thoas.
Die Gabe ist zwar reich und auserlesen,
Doch zweifle nicht, es ist des Königs Ernst.
Gyges.
Schweig, Unverständigster der Unverständ'gen,
Der Ernst des Königs ist der ärgste Spott!
Thoas.
Tu du den Mund auf, Mägdlein, sag's ihm selber,
Wenn er's dem meinigen nicht glauben kann!
Gyges.
Kein Wort!
Thoas. Verschmähst du das Geschenk des
Königs?
Gyges.
Ja!
Thoas. Gyges! Doch, du weißt ja, was du tust!
Gyges.
Der König schlug mich tot und drückt der Leiche
Jetzt ein Juwel für's Leben in die Hand.
Thoas.
Ich kann dich nicht verstehn und werde melden,
Was ich gehört!--So komm mit mir zurück!
Lesbia.
Du siehst mich nicht zum zweiten Mal! Vergib,
Daß ich gesprochen, klingt es doch gewiß
In deinen Ohren rauh!
Gyges.
Nein, holdes Kind!
Stell dich nur hinter den Platanenbaum,
Und sprich, wie jetzt. Dann ruft ein heißer Jüngling:
Die erste Nachtigall, die nicht bloß singt!
Lesbia.
Du bist kein Jüngling!
Gyges.
Ich bin weniger!
Das siehst du ja! Zwar kam es mir schon vor,
Als sei ich nicht der Letzte in den Waffen,
Als hätt' ich dies und das getan, als zupfe
Mich keiner ungestraft mehr bei den Ohren,
Als rufe man mich gar, wenn just kein beßrer
Zu Haus sei, in der Stunde der Gefahr;
Doch das sind Knabenträume! Peitscht den Buben,
Er trank wohl Wein zur Nacht!
Lesbia.
Erst bringe mir
Ein Reis vom Lorbeerbaum, dann peitsch ich dich
Und winde dir nachher den Kranz!
Gyges.
So
hast
Du's mit geträumt? So wär's vielleicht gar wahr?,
Und doch den Hohn?
Lesbia.
Den Hohn? Wo ist denn Hohn?
Gyges.
Stehst du nicht da?
Lesbia.
Das schmerzt!
Gyges.
Nicht so! Nicht
so!
Gewiß, nicht so!
Lesbia. Du
tötetest schon manchen,
Hast du je einen wieder aufgeweckt?
Gyges.
Du bist sehr schön! Ei freilich! Ein Gemisch
Von Lilien und Rosen, die im Beet
Bunt durcheinander stehn, und die der Wind
In gauklerischem Spiel so neckisch schaukelt,
Daß man sie nicht mehr unterscheiden kann!
Jetzt bist du rot, jetzt blaß! Und nicht einmal!
Du bist's zugleich!
Lesbia.
Was weißt denn du von mir?
Das träumtest du! Ich seh ganz anders aus!
Erschrick! (Sie will sich entschleiern.)