Zweiter Akt

Halle.

Früher Morgen. Thoas tritt auf.

Thoas.

Ich will und muß noch einmal mit ihm reden,

Was hab ich hören müssen diese Nacht!

Ich ging gewiß nicht um zu horchen aus,

Doch komm ich so beladen heim, als wär' ich

Ein wandelnd Ohr des blutigsten Tyrannen

Und traute mich nur kaum zum Herrn zurück.

Empörung! Naher Überfall von Feinden,

Ja, eine neue Königswahl! Ist's möglich!

Ich ahnte viel, doch so viel ahnt' ich nicht!

Still, still! Sind das nicht Schritte? Ja! Wer steht

Denn mit den Greisen schon vor Morgen auf?

Der junge Gyges! Ei, wenn du das wüßtest,

Was ich jetzt weiß, du gingest nicht gebückt.

(Er zieht sich zurück.)

Gyges (tritt auf).

Schon wieder bin ich hier! Was will ich hier?

Es duldet mich im Freien nicht, ein Duft

Liegt in der Luft, so schwer und so betäubend,

Als hätten alle Blumen sich zugleich

Geöffnet, um die Menschen zu ersticken,

Als atmete die Erde selbst sich aus.

Thoas (tritt hervor).

Schon munter, Karna? Herr, vergib, ich hielt dich

Für einen andern! Du noch nicht zu Bett?

Der Ehrgeiz läßt dich wohl nicht schlafen, wie?

Gyges.

Der Ehrgeiz!

Thoas. Nun, du hast so viele

Kränze

Davongetragen--

Gyges. Daß

der Lorbeer sich

Vor mir nicht mehr zu fürchten braucht! Ich wollte

Nur zeigen, daß man Knochen haben kann,

Und Mark in diesen Knochen, wenn man auch

Die Saiten einer Zither nicht zerreißt,

Sobald man sie berührt. Dies weiß nun jeder,

Der es bisher vielleicht bezweifelt hat,

Und so ist's gut.

Thoas. Doch,

warum schläfst du nicht?

Gyges.

Ei, warum trinkst du nicht?

Thoas.

Du standest wohl

Schon wieder auf?

Gyges. Wenn ich schon lag:

gewiß!

Thoas.

Das wüßt' ich eben gern! Denn, wenn er hörte,

Was ich gehört--Nun, nun, er wird wohl nicht!

(Langsam ab.)

Gyges.

Sie schlummert noch! Oh, wer sie wecken dürfte!

Das darf die Nachtigall, die eben jetzt

Noch halb im Traum ihr süßes Lied beginnt,

Das darf--Er kommt! Was denkt er wohl von mir?

Kandaules (tritt auf).

Sie wacht und stellt sich doch, als ob sie schliefe!--

Du, Gyges? Schon?--Wie, oder sag ich. Noch?

Doch nein, ich hab dein Wort!

Gyges.

Hier ist der Ring!

Kandaules.

So früh? So schnell?

Gyges.

Er ist dein Eigentum.

Kandaules.

Du traust dich nicht, ihn länger zu behalten?

Gyges.

Warum nicht? Doch wozu? So nimm ihn hin!

Kandaules.

Dies sagt mir mehr noch, als dein Seufzer mir

Schon in der Nacht gesagt.

Gyges.

Vergib ihn, Herr!

Kandaules.

Wie sprichst du nur? Er war ja mein Triumph.

Gyges.

Hast du ihn denn allein gehört?

Kandaules.

O nein!

Sie fuhr empor, sie schrie--Ist alles das

Dir ganz entgangen? Nun, da brauch ich dich

Nicht erst zu fragen, ob ich Sieger bin!

Gyges.

Es ist mir nicht entgangen!

Kandaules.

Leugne noch,

Daß du verwirrt gewesen bist! Ich habe

Noch einen besseren Beweis, du hast

Sogar den Ring gedreht und weißt es nicht.

Gyges.

Und weiß es nicht!

Kandaules.

Sie zitterte, als sie

Den Laut vernahm, sie rief: steh auf, steh auf,

Im Winkel ist ein Mensch versteckt, er will

Dich morden oder mich! Wo ist dein Schwert?

Ich stellte mich erschreckt, wie sie, und tat's,

Und plötzlich standest du, vom hellsten Strahl

Der Ampel grell beleuchtet, vor mir da,

Ist das genug? Verstummst du nun vor mir?

Gyges.

Ich wollte sichtbar sein!

Kandaules.

Das sagst du jetzt,

Um meinen Sieg zu schmälern! Wäre ich

Nicht zwischen dich und ihren Blick getreten,

Bevor er dich noch traf, so hätte ich

Dich töten müssen!

Gyges.

Herr, dies wußt' ich wohl,

Und nur, weil ich dich dazu zwingen wollte,

Dreht' ich den Ring in hast'gem Ruck herum.

Kandaules.

Wie, Gyges?

Gyges. Ja!--Denn frevelhaft

erschien

Das Wagnis mir!

Kandaules. Ich hatt' es dir

erlaubt.

Gyges.

Wohl! Doch mir war in jener schwülen Stunde,

Als hättst du nicht das Recht dazu gehabt,

Und strafen wollt' ich dich, wie mich, denn gern

Hättst du mich nicht getötet!

Kandaules.

Bösewicht!

Gyges.

Und jetzt noch schauert's durch die Seele mir,

Als hätt' ich eine Missetat begangen,

Für die der Lippe zwar ein Name fehlt,

Doch dem Gewissen die Empfindung nicht.

Ja, wenn ich dir den schnöden Totenring,

Den du mir wieder aufgesteckt, im Zorn

Nicht vor die Füße warf, anstatt mich seiner

Zur raschen Flucht noch einmal zu bedienen,

So unterließ ich's bloß aus Scheu vor ihr.

Ihr wollt' ich das Entsetzen sparen, ihr

Die ewige Umschattung ihres Seins,

Dir nicht--Verzeih's, mich fieberte--die Tat!

Kandaules.

Du bist ein Tor!

Gyges. Ein Tor!

Es trieb mich fort,

Als müßte sich, wenn ich noch länger weilte,

Ein neuer reinrer Sinn in ihr erschließen,

Wie vor Aktäons Spähn in Artemis,

Und ihr, wie der, verraten, was geschehn.

So werd ich nicht nach einem Morde fliehn.

Kandaules.

Doch war's kein Mord!

Gyges.

Wer weiß! Die Götter wenden

Sich vom Befleckten ab! Wie, wenn sich jetzt

Die goldne Aphrodite, schwer beleidigt,

Von ihrer liebsten Tochter wenden müßte,

Weil sie ein Blick aus fremdem Aug' entweiht!

Sie tut's nicht gern, sie säumt noch, weil sie hofft,

Daß eine rasche Sühne folgen wird,

Oh, Göttin, lächle fort! Ich bringe sie!

Kandaules.

Das sprach der Grieche.

Gyges.

Herr, gewähre mir

Die letzte Bitte!

Kandaules. Tausend, wenn du

willst,

Nur nicht die letzte! Diese kommt zu früh!

Gyges.

Nimm mich als Opfer an! Ich schenke dir

Mein junges Leben! Weis es nicht zurück!

Es sind noch viele schöne Jahre mein,

Und jedes wird dir zugelegt, wenn du

Sie am Altar des Zeus empfangen willst!

So folge mir, daß ich mit einer Hand

Dich fasse und mich mit der anderen

Durchstoße, wie der heil'ge Brauch es fordert:

Frohlockend, ja mit Lächeln, soll's geschehn.

Kandaules.

Fast reut mich, was ich tat! Hier Raserei

Und drinnen Argwohn--Ei!

Gyges.

Was zögerst du!

Wie oft ward solch ein Jünglingsopfer willig

Nicht einem Kriegesfürsten dargebracht,

Wenn ihn des Todes Schatten auch nur streifte,

Wie oft nicht einem bloßen Wüterich!

Warum nicht einmal einem Seligen,

Warum nicht dir, damit du lange noch

Beglücken und dich glücklich fühlen kannst!

Mir raubst du nichts! Was hab ich, und was kann ich

Erlangen, sprich? Doch dir gewinnst du viel,

Denn neidisch sind die Götter, und vielleicht

Zerschneidet dir die eifersücht'ge Parze

Nur allzu schnell den goldnen Lebensfaden,

Indes sie meinen tückisch weiterspinnt.

Komm ihr zuvor und gib der Lust die Dauer,

Die sie der Qual bestimmte! Tu's sogleich!

Kandaules.

Nichts mehr davon! Du weißt, was du mir bist!

Und würd' ich auf der Stelle auch ein Greis

Mit trocknen Lippen und mit welken Adern,

Ich borgte mir nicht neue Glut von dir!

Gyges.

Doch würdest du dabei auch jetzt nichts wagen,

Denn könnte ich mein Blut mit deinem mischen:

Wie heiß es sei, es bliebe, wie es ist!

Kandaules.

Du bist in dieser Stunde noch verwirrt,

Und weißt nicht, was du sprichst und was du tust.

Gyges.

Vergib's mir, Herr!

Kandaules. Ich schelte

dich ja nicht!

Das ist ein Rausch, wie der vom Duft der Reben,

Ein kühler Hauch des Morgens bläst ihn fort.

(Indem er geht.)

Gyges und sein Ring · 第 9 / 15 题