Drittes Buch

Einige Tage nach der Haussuchung bekamen Hans und Karl eine Vorladung

vor den Universitätsrichter, denn die Polizei hatte der

Universitätsbehörde Mitteilung davon gemacht, daß sie die beiden in

Weilands Wohnung angetroffen, auch weitere Angaben über ihren sonstigen

Umgang zugefügt, den sie bereits seit einiger Zeit mit Sorgfältigkeit

beobachtet hatte.

Ein alter Herr empfing sie in seinem Amtszimmer mit ernsten und

bekümmerten Mienen, legte ihnen erst die Anzeige vor und fragte, ob sie

die Nachrichten für richtig anerkannten; da waren allerhand wunderliche

Dinge berichtet, daß die beiden einmal in einer Wirtschaft an einem

Tische mit bekannten Sozialdemokraten gesessen, und daß sie ein andermal

auf der Straße beim Abschiednehmen gerufen: »Auf Wiedersehen am

Wahltage!« Die beiden waren durch die Feierlichkeit der Umstände

befangen und gestanden mit stockender Stimme zu, daß die Nachrichten

alle richtig seien; da begann der alte Herr ihnen herzlich ins Gewissen

zu reden, daß sie doch noch so jung seien und sich mit solchen Menschen

zusammentun wollten, welche die Fürsten ermorden und alles umstürzen

möchten, was uns heilig sei. Über diese Rede kam Hans in einen heftigen

Ärger, daß er die jugendliche Schüchternheit gegen den weißhaarigen und

würdigen Mann überwand und entgegnete, solche Meinungen über ihre

Absichten seien unrichtig und wollte eine lange Auseinandersetzung

beginnen. Diese schnitt der Richter aber kurz ab, indem er mit

verächtlicher Gebärde fragte, ob er sich denn zu der Partei zähle; und

wie Hans mit einem Ja antwortete und in seiner Erklärung fortfahren

wollte, unterbrach er ihn wieder und sagte, es sei gut so. Hierdurch

stieg noch die Empörung Hansens, und er sagte schnell, alle ehrlichen

Leute müßten zu der Partei halten. Wie der Richter diese kecken Worte

hörte, verfinsterte sich sein Gesicht sehr, und er neigte bedenklich den

Kopf.

Auf dem Flur draußen, nachdem sie entlassen waren, machte Karl Hansen

Vorwürfe über seine Heftigkeit und unbedachtsame Rede; aber er

antwortete, er habe nicht anders gekonnt, und ihm sei gewesen, als sitze

plötzlich ein andrer Mensch in ihm, der sich auf den Richter losstürzen

wolle, und er habe den noch zurückgehalten, und nur einmal als Kind habe

er ein ähnliches Gefühl gehabt, wie er mit den Kindern des Grafen habe

spielen sollen; und selbst noch jetzt, wo er vor der Tür stehe und alles

abgetan sei, geschehe ihm innerlich, als treibe ihn der andre,

zurückzukehren und den Richter totzuschlagen. Das erschrecke ihn selber,

denn er sei doch sonst ein sehr ruhiger Mensch.

Nun nahm die Angelegenheit der beiden ihren weiteren behördlichen Gang

mit Vernehmungen, Verhandlungen und Beschlüssen, und am Ende wurde ihnen

»wegen unzulässiger Begünstigung der sozialdemokratischen Bestrebungen«

das ^Consilium abeundi^ erteilt. Für Karl hatte der Schlag eine geringe

Bedeutung, denn der hatte sich in der letzten Zeit gänzlich in

die Literatur begeben und war ohnehin nicht willens, seine

Universitätsstudien fortzusetzen; Hans aber arbeitete an einer

Doktorarbeit und hatte den Gedanken, später durch die Empfehlung seines

Lehrers eine Beschäftigung bei einem großen gelehrten Unternehmen zu

finden; und so war für ihn dem Anschein nach eine große Gefahr

vorhanden, daß sein Leben scheiterte; denn es war wohl schwer, eine

Universität zu finden, wo er nunmehr zur Promotion zugelassen wurde, und

wenn ihm das wirklich gelang, so hatte es gewiß große Schwierigkeiten,

nachher die gewünschte Beschäftigung zu bekommen.

Weiland war aus Berlin ausgewiesen und hatte zunächst seine Familie

zurückgelassen und sich auf die Suche nach einer neuen Stelle in einem

andern Orte begeben; aber mehrmals war es schon geschehen, wenn er bei

seiner Arbeit war, daß Polizeibeamte in die Fabrik kamen und ihn

durchsuchten. Anfänglich schrieb er mit Lustigkeit, wenn er alsdann von

seinem erschreckten Herrn verabschiedet wurde und wieder weiterreisen

mußte; aber zuletzt lauteten seine Briefe ganz verzweifelt; denn er

schämte sich, daß er kein Geld nach Hause schicken konnte. Die junge

Frau hatte das Glück gehabt, daß sie die beiden Zimmer vermietete, und

so schlug sie sich denn ärmlich mit dem Kinde durch, indem sie in der

Küche wohnte; aber sie verbrachte ihre Tage mit manchen heimlichen

Tränen, wenn der eine Mieter ihre geliebten Möbelstücke rücksichtslos

behandelte, etwa mit den Stiefeln auf dem Sofa lag oder mit der Zigarre

ein Loch in die Tischdecke brannte. Sie klagte auch zuweilen dem andern

Mieter, dem, welcher in der früheren Schlafstube wohnte; derselbe war

Aufseher in einer Fabrik, ein ruhiger und ordentlicher Mann von etwa

dreißig Jahren, der verheiratet gewesen und von seiner liederlichen Frau

verlassen war. Dieses Unglück Weilands drückte Hans noch besonders

nieder, und wie er auch für sich so nirgends einen rechten Weg sah, den

er gehen konnte, so erschien ihm sein ganzes Leben in trüber

Zwecklosigkeit. Da bekam er unerwartet einen Brief von seinem Lehrer,

daß er ihn aufsuchen möge; denn wiewohl er dem durch sein Arbeiten

nähergetreten war, hatte er doch nicht gewagt, jetzt zu ihm zu gehen,

weil er sich schämte, wie denn Unglück argwöhnisch macht und die

Menschen zu einem unsinnigen Stolz verhärten kann. Hansens Lehrer war

ein alter Mann mit schneeweißen Haaren und blitzenden blauen Augen, den

die Jahre nicht versteinert hatten wie die einen, daß er bei seinen

vormaligen Meinungen stehen geblieben wäre, noch hatten sie ihn schwach

gemacht wie die andern, daß er sich zu Gesinnungslosigkeit entwickelt

hätte, sondern als eine nicht auf das Handeln angelegte Natur hatte er

sich zu einer milden Skepsis entwickelt, die in verständigem Zuschauen

ihr Genüge fand, und die Wärme seines Herzens hob er für die einzelnen

Menschen auf, die ihm irgendwie nahetraten, wie unser Hans. So begrüßte

er den mit dem Troste, er wolle dafür sorgen, daß er an einer

schweizerischen Universität promoviere, und alsdann werde er auch eine

Stelle für ihn finden, wo er zuerst in untergeordneter gelehrter Arbeit

tätig sein könne und aber doch Zeit habe, eigenes zu leisten, wenn er es

vermöge. Dann fuhr er fort: »Ich meine, daß für jeden jungen Menschen,

wenn er anders Kraft in sich hat, eine Zeit kommen muß, wo ihm alle

bestehenden Einrichtungen unsinnig erscheinen; denn die haben ihren

Grund ja nicht in den sittlichen Idealen, sondern in der menschlichen

Gebrechlichkeit. Ein junger Mann aber kennt nur die sittlichen Ideale,

weil er die in sich trägt; von der menschlichen Gebrechlichkeit aber

weiß er nichts, die lernt er erst durch das Leben kennen, an sich wie an

andern. So erneuert sich, um nur ein Beispiel zu nehmen, für jede

Generation immer wieder der Zweifel an der bestehenden Eheform, und wie

der junge Mensch an die Stelle der Ehe die Liebe setzen möchte, so soll

auch in allen andern Verhältnissen an den Platz des Rechtes die

Sittlichkeit treten. Bei tüchtigen Personen kommt mit der Zeit die

Erfahrung, die ihnen die relative Vernünftigkeit alles Bestehenden zeigt

und sie bewegt, daß sie von ihrer Schwärmerei ablassen und vielmehr das

Bestehende durch Liebe und Geistigkeit verklären, weil sie anders keinen

Ausweg für ihren guten Willen haben; untüchtige Personen aber lernen

nicht durch die Erfahrung; und indem sie bei der Schwärmerei verharren,

werden sie am Ende aus ursprünglich guten und edeln Menschen zu Narren

und Verbrechern, denn weil sie darin beharren, das Gesetz für

unrechtmäßig zu halten und allein ihrer Sittlichkeit folgen wollen,

verwechseln sie mit der Zeit die Sittlichkeit mit ihren Trieben, weil ja

die Menschen bei zunehmenden Jahren immer selbstsüchtiger werden;

außerdem aber gibt es schon von Anfang an unter euch Verbesserern der

Welt schlechte Menschen, nämlich solche, bei denen nicht das sittliche

Ideal und der Mangel an Erfahrung der Grund ihres Abscheus gegen das

Bestehende ist, sondern ein Mangel an Zucht und leerer Hochmut. In

deinem Falle, mein lieber Hans, kommt noch dazu, daß wir heute in einer

Zeit leben, wo ein jugendlicher Stand, nämlich die Klasse der

industriellen Arbeiter, die erst vor kurzem durch die gesellschaftliche

Entwicklung geschaffen ist, die ihm historisch gebührende Stelle

erstrebt, welche um einiges wenige höher ist wie die, welche er

gegenwärtig inne hat. So vereinigt er mit diesem Streben alle die

jugendlichen Anschauungen von Gleichheit der Menschen, von erhöhter

Sittlichkeit in allen Beziehungen und noch viele andere, die du ja

kennst. Und wende mir nicht eure merkwürdige geschichtliche Auffassung

und eure Entwicklungsvorstellungen ein: denn auch die sind nur eine

jugendliche Illusion neben andern, besonders bezeichnend für unser

braves, nachdenkendes und vielstudierendes deutsches Volk. Wenn erst die

Verfolgung aufhört, so wird mit der Zeit auch die Illusion schwinden,

wenn auch die Terminologie noch beibehalten werden mag.«

Inzwischen bereiteten sich für Karl neue Liebesbande vor. Unvergessen

war noch in seiner Seele die Leidenschaft für Johanna, die ihm die Jahre

seiner angehenden Jünglingszeit verzehrt hatte, und es war nicht selten,

daß ihm ihr eindringliches Gesicht des Nachts in verwirrten Träumen

erschien, die wohl keine Erinnerung zurückließen, aber eine dunkle

Sehnsucht und ein unbestimmtes Fühlen in der Helle des Tages erzeugten.

Nun kam Johanna in diesen Zeiten nach Berlin und hatte bald, wie denn

die Welt ja so klein ist, Beziehungen zu dem Kreise Karls gefunden, so

daß sie ihm unerwartet entgegentrat. Das geschah aber so.

In ihre kleine Stadt war ein Fremder gezogen, ein etwa fünfzigjähriger

Herr, der ein berühmter Geigenkünstler gewesen; der hatte sich ein

altertümliches Haus am Bergabhang gekauft, dessen großer Garten mit

weitschattenden hohen Bäumen sich den Berg hinaufzog. Die alte Mauer um

den Garten wurde durch ein eisernes Staket erhöht, an dem sich im

zweiten Jahre Ranken des wilden Weins zeigten, die in Bälde so dicht und

hoch wuchsen, daß niemand von irgend einem Punkte draußen in den weiten

und schattigen Garten blicken konnte, und das Haus wurde fest

verschlossen und nur auf langes Pochen mit dem alten Türklopfer den

Boten und Geschäftsleuten geöffnet; denn ein Besuch kam niemals an diese

hohe und finstere Tür; und als einzige Bedienung hatte der Herr ein

altes Weib nebst deren gleichfalls nicht mehr jungen Tochter, die beide

abenteuerliche Gerüchte über ihn in dem neugierigen Städtchen

verbreiteten.

Der Künstler hatte ein langjähriges Virtuosenleben geführt, war an Höfen

und in Großstädten herumgereist, zuerst mit Übermut und Stolz, nachher

in Langeweile und Ekel, und wie er alle Künstlereitelkeit bis auf das

letzte befriedigt hatte und der Geschmack auf der Zunge ihm immer

bitterer wurde, war ihm der Gedanke gekommen, sich an diesen stillen Ort

zurückzuziehen und ganz nur sich selbst zu leben, denn in seinen

zerstreuten und verwirrten Umständen zwischen vielen Menschen, die alle

leer waren und ihm schmeichelten, war er auf den Gedanken gekommen, er

sei ein Selbst, und es sei wichtig und sogar nötig, daß er dieses Selbst

in Sammlung und Ruhe rein und groß aus sich herausstelle.

Indessen vergingen ihm in dem alten Hause und stillen Garten die Tage

und Wochen; und zuerst hatte er gedacht, dieses müßige Dahingleiten der

Zeit sei für das Nächste nötig, damit sich sein Geist erhole von dem

zerreißenden Leben, das er geführt. Aber auch späterhin wartete er

vergeblich auf eine Sammlung und Zunehmen der Kraft, vielmehr glitten

die Tage und Wochen wie vorher dahin, wie in einem tiefen Flusse,

schnell und ohne Halt, und auch seine Unruhe vermochte dieses

Unheimliche nicht zu hemmen. Und während er vorher gedacht hatte, er

könne keine Liebe zur Kunst in sich bilden, weil er nach der Willkür des

Zufalls fremden Leuten an verschiedenen und gleichgültigen Orten

äußerliche Musik vorspielen müsse, so zeigte es sich nun, daß er in der

Einsamkeit gar nicht den Bogen anrühren mochte und es ihm ein heftiges

Unbehagen bereitete, wenn er seinen kostbar eingelegten Geigenkasten

ansah.

Unterdessen hatten sich aus den Erzählungen der beiden Weiber in dem

Städtchen viele Legenden um ihn gebildet, von denen er nichts ahnte;

denn er war als ein hochgewachsener und schlanker Mann von

künstlermäßigem Aussehen ganz zu einem Helden phantastischer Bilder

geschaffen. Auf Johanna, die damals gegen ihr neunzehntes Jahr ging,

hatten diese Geschichten und der Anblick seiner Gestalt einen sehr

tiefen Eindruck gemacht, so daß sie eine heftige Liebe zu ihm faßte und

auf Mittel sann, wie sie sich mit ihm bekannt machen könne. Und am Ende

fand sie eines, das freilich sehr gefährlicher Art war, aber dadurch

gerade ihrem erregten Gemüt besonders zusagte. Der Fremde hielt sich

nämlich zwar von aller Gesellschaft des Städtchens zurück, aber im

Winter, wo auf dem großen See eine prächtige Schlittschuhbahn war,

verschmähte er es nicht, sich auf dem Eise zu zeigen, denn er war von

Jugend an ein eifriger Läufer gewesen; und zwar ging er immer des

Morgens auf die Eisbahn, wenn die andern Bewohner der Stadt durch ihre

Tätigkeit verhindert waren, so daß er seine kunstvollen Zirkel fast

allein und ohne lästige Gesellschaft zeichnen konnte. Hierauf baute

Johanna ihren Plan; denn an einer Stelle war das Eis dünn durch einen

Quell, der vom Boden aus das Wasser bewegte, und wiewohl der gefährliche

Punkt durch Tannhecke immer genügend gekennzeichnet war, so hatten sich

an ihm doch schon zwei Unglücksfälle ereignet; die Vorfahren erzählten,

daß durch diesen Quell der See mit dem großen Netz der unterirdischen

Wasseradern in Verbindung stehe, welche den Wassergeistern als Wege

dienen zwischen ihren Städten und Schlössern. Johanna beschloß nun, an

einem Morgen, wenn sie den Fremden auf dem See wußte, gleichfalls zum

Schlittschuhlaufen zu kommen, und wenn er in der Nähe war, mit

scheinbarer Ungeschicklichkeit an die dünne Stelle zu geraten, damit sie

einbreche und von ihm gerettet werde, denn daß er vielleicht nicht so

mutig sein könne, wie sie annahm, das kam ihr gar nicht in den Sinn.

Nach diesem Plane ging sie nun vor, und es geschah alles, wie sie

gewollt hatte, wenn schon ihr zuletzt schien, als handle sie gar nicht

absichtlich, und das Eis gab an der Stelle nach, und sie sank ein, mit

einem wunderlichen Gefühl darüber, daß das Wasser doch nicht so kalt

war, wie sie sich gedacht, und obwohl sie hatte standhaft sein wollen,

schrie sie doch laut nach Hilfe, aber es schien ihr, als habe sie dabei

gar keine Angst. Der Musiker kam eilfertig auf sie zu, und wie sie seine

Figur so von unten sah, erschien er ihr komisch; ohne daß ihr der Grund

recht klar wurde, rief sie dem ratlos Ängstlichen zu, er solle sich

flach auf das Eis legen und ihr von weitem die Hand reichen; unterdessen

hielt sie sich aufrecht im Wasser, indem sie sich an das Eis

festklammerte und die Beine nicht in die Höhe ziehen ließ. Er tat nach

ihrer Vorschrift, und sie sah vor sich eine vornehme und schmale Hand in

feinem Handschuh, die ergriff sie, und so kam sie aus dem Wasser. Wie

sie beide aufrecht auf dem Eis standen und sie sein entsetztes Gesicht

sah, in dem unter grauem Haar sich schon tiefe Runzeln zogen, da wurde

sie so aufgeregt, daß sie ihm um den Hals fiel und ihn mehrmals auf den

Mund küßte. Er brachte sie schnell nach Hause, und indem ihre

erschreckten Leute sie empfingen, ging er mit dem Versprechen, daß er

sich morgen nach ihrem Befinden erkundigen wolle.

Wie er am nächsten Tage kam, war sie gesund und fröhlich, denn der

Unfall hatte ihr nicht im geringsten geschadet, und empfing ihn mit

heiterm Lachen, er aber stand mit einer fremden Verlegenheit vor ihr,

die indessen ihr den schlanken und nicht jugendlichen Mann noch

liebenswerter erscheinen ließ. Und indem an die ersten Fäden sich bald

weitere anspannen, schien es ihm, daß er eine unwiderstehliche Liebe zu

dem jungen Mädchen gefaßt habe, denn in seinem unsteten Leben hatte er

zwar manches verliebte Abenteuer bestanden, aber es hatte noch nicht ein

Weib wirklichen Einfluß auf ihn gewinnen können. So geschah es am Ende,

daß die beiden sich heirateten, wider den Willen des Vaters und zur

großen Verwunderung der kleinen Stadt.

Schon am Hochzeitstage wurde sie ungeduldig über ihn und sprach

verletzende Worte; er schwieg, aber seine Lippen zitterten und sein

Gesicht sah alt aus; da hängte sie sich um seinen Hals und sagte ihm,

daß sie ihn lieb habe. Nun geschahen geheimnisvolle Dinge in dem

stillen, alten Hause. Einmal wurde bekannt, daß der Mann ein junges

Dienstmädchen, das sie angenommen hatten, in ihrer Gegenwart mit einer

Feuerzange geschlagen hatte, und war nachher zu dem Mädchen auf ihre

Kammer gegangen, hatte ihr Geld gegeben und gesagt, seine Frau sei

schuld, er habe nicht anders gedurft, und sie solle heimlich aus dem

Hause gehen. Noch viele andre sonderbare Geschichten wurden verbreitet,

und am Ende, nachdem die beiden noch nicht ein Jahr verheiratet waren,

wurde eines Morgens in der Stadt erzählt, daß der Mann sie

heimlich verlassen habe. Es folgte dann nach einiger Zeit eine

Ehescheidungsklage, in welcher die Frau einen Eid schwor, der mit der

Aussage des Mannes nicht übereinstimmte, aber da dieser seine Aussage

nicht auf seinen Eid nehmen wollte, so wurde ihr von den Richtern

geglaubt, wenn schon die ganze Stadt der Meinung war, daß sie im Unrecht

sei. Nach dieser Scheidung mochte sie nicht mehr zu Hause bleiben, weil

niemand mit ihr verkehren wollte, und deshalb kam sie nach Berlin, wo

sie bei einem Meister Malunterricht zu nehmen gedachte. Hier gewann sie

bald eine gewisse Stellung; denn wenn früher und auch noch jetzt in der

ruhigeren Gesellschaft eine instinktive Abneigung gegen die geschiedene

Frau herrschte, weil in ihr sich eine Verneinung dessen verkörperte, was

der allgemeine Wille der Gesellschaft war, so wird jetzt in den

unruhigeren Kreisen umgekehrt eine Geschiedene mit besonderer Freude

empfangen als eine Verkörperung der neuen Bestrebungen, und auch ohne

daß Johanna selbst Erfindungen zu machen brauchte, wurde von ihren

Mitkämpferinnen gleich angenommen, daß sie eines der Opfer der bekannten

männlichen Untugenden sei und beklagt werden müsse, und auch Männer

schlossen sich der Meinung an.

Inzwischen war jene Luise, welche die kindliche Entführungsreise mit dem

Dichter Peter gemacht hatte, zu weiteren Jahren gekommen, und durch

jenes unklare Streben und den Drang, eine Kraft zu betätigen, welche

damals die Flucht veranlaßt hatten, war sie zu einer Beschäftigung mit

dem getrieben, was man die Frauenfrage nannte, und hatte für sich selbst

einen Ausgang gefunden, denn sie lernte fleißig bei Lehrern, weil sie

das Abiturientenexamen machen wollte und dann in der Schweiz Medizin

studieren; und indem auch hier noch keine Scheidung eingetreten ist

zwischen den tüchtigen Menschen, auf denen die Zukunft ruht, die ja

irgendwie anders sein wird als die Gegenwart, und den zerfaserten und

untüchtigen, die nur aus Schlechtigkeit und Ohnmacht mit allem Neuen

gehen, so kam sie in ihren Kreisen mit Johanna zusammen und gewann eine

Zuneigung zu ihr, wie ja solche innerlich gänzlich zerstörten Personen

von Johannas Art oft die Liebe gerade der Besten gewinnen.

Karl hatte durch seine Natur die Gewohnheit, daß er gern mit Frauen

sprach, und nachdem seine wunderliche und unpassende Liebschaft ein Ende

genommen, besuchte er wieder häufiger eine solche Gesellschaft, wo er

Frauen und Mädchen antraf, die zu seiner Klasse gehörten. So kam er

jetzt auch oft wieder zu Luisen, die ihn in ihrem jungfräulichen

Stübchen empfing, mit ihrem Bruder zusammen, der sich immer mehr zu

einem wortkargen und scheuen jungen Gelehrten entwickelt hatte, und

saßen die drei dann behaglich um den runden Tisch, wo Luise mit

Freundlichkeit als Wirtin waltete, und eine besondere Wärme, die von den

friedlichen Wänden, der reinen Luft des Zimmers und der Stille ihrer

Bewegungen ausging, bewirkte in seinem Herzen ein besonderes Wohlgefühl;

dann wurde nicht gestritten und disputiert, nur Kleinigkeiten wurden

erzählt, oft in Andeutungen, die bloß den drei verständlich waren, und

zuweilen brachte Karl eine Blume mit, und wenn Luise die in einem zarten

Glase auf den Tisch setzte, so freute er sich.

Schon länger hatte er von der neuen Freundschaft gehört, aber wegen des

veränderten Namens war ihm keine Ahnung gekommen. So fand er

unvorbereitet an einem Tage Johanna beim Eintritt in das Zimmer vor, wie

sie an dem Platz gegen das einzige Fenster saß, den er selbst sonst

innehatte, und so kam es, daß er sie bei der Vorstellung nicht erkannte,

sich gleichmütig verbeugte und unbekümmert setzte. Da sprach Johanna zu

ihm: »Ich denke, wir müssen uns kennen.« Dieser Worte Klang trieb ihm

plötzlich das Blut zum Herzen, er sprang auf und zitterte, und war ihm,

als müsse er ohnmächtig werden; sie aber brach in ein silberhelles

Gelächter aus, das von einer wunderbaren Lieblichkeit anzuhören war. Da

schien es ihm, als geschehe das alles meilenweit entfernt von ihm.

* * * * *

Es geschah Karl, daß unter seinem gewöhnlichen Menschen, den er kannte,

sich plötzlich ein andrer und neuer Mensch erhob, den er nicht kannte,

denn der hatte bis dahin unbewegt geschlummert. Ganz plötzlich erhob

sich der und zeigte sich als blind und ganz erfüllt von einer unsinnigen

und leidenschaftlichen Liebe zu Johanna, und während er sonst alle

andern Regungen durch genaue und kranke Selbstbeobachtung in klares

Licht stellen konnte, war an diesem Treiben gar keine Beobachtung

möglich, denn es schien, als sei es ebenso einfach und nicht zu

untersuchen wie der Hunger oder Durst. Gleichzeitig mit diesem verspürte

er einen neuen Wunsch, nämlich, daß er an Gott glauben könnte, und indem

er meinte, daß es keinen lebendigen Gott gibt, betete er zu dem, daß er

ihm Glauben geben möge an ihn. Aber es war ein tiefes Dunkel und

Schweigen, und kein Trost kam herab in sein furchtsames Herz.

Ehe er Johanna wiedersah, hatte er oft an Luise gedacht und sie sich

vorgestellt, und solches Bild hatte ihn dann getröstet. Etwa sie saß

unter einem blühenden Kirschbaum, in welchem die Bienen summten, und ein

Blütenblatt fiel langsam sich drehend in ihren Schoß, oder ihre großen

und dunklen Augen hatten jenen wunderbaren, tiefinnerlichen Ausdruck,

den viele durchweinte Nächte erzeugen, wenn es die Dinge unsrer Seele

gewesen sind, um die wir geweint haben; und ihre kühle Hand lag auf

seiner Hand, Ruhe in ihm verbreitend und den Frieden, den sie sich

erkämpft hatte. Denn auch sie hatte schwere Zeiten in ihrem Innern

gehabt, aber wenn es im Gespräch an diese kam, so glitten die Worte an

ihr ab ohne Wirkung, und nur im Gefühl teilte sie mit von dem, was sie

besaß. Und er wußte, das Leben entflieht, wie der Schatten einer Wolke

dahinzieht über schweigende Wälder und Berge.

Nun waren zu dem noch die Gefühle und Triebe des andern und

untenliegenden Menschen gekommen, die sich um Johanna bewegten.

Sehr merkwürdig war es, welche Übereinstimmung er mit ihr in scheinbar

unbedeutenden Dingen hatte, die doch auf Tieferes in uns weisen; so

liebten sie beide, wenn im Bücherbrett die Bände eng zusammenstanden,

und wo eine Anzahl Werke von geringerer Höhe neben größeren aufgestellt

waren, legten sie andre oben quer über, damit die Lücke ausgefüllt

wurde. Eine eigne Rührung überfiel ihn, als er das bemerkte. Auch schien

es, als seien sie in allem der gleichen Meinung, und eine Uneinigkeit

entstehe nur scheinbar und durch Mißverständnisse. So gelangte er auch

neben Johanna oft zu dem Gefühl der Beruhigung. Zuweilen, wenn seine

Gedanken einander widerstritten, sagte sie ihm, welches seine richtige

Meinung war, ehe er selbst Klarheit gewonnen hatte; bei solchen

Gelegenheiten konnte sie ihm scherzend vorwerfen, er rede oft

doppelsinnig.

Aber plötzlich wurde ihm dann klar, daß sein Kreis enger geworden, und

daß er das frühere Gefühl verloren hatte, hinter seinem Bewußtsein

breite sich noch ein großer und dunkler Raum aus, der ihm gehörte, wenn

er nur seine Schritte in diese Pfadlosigkeit lenken wollte; dann überkam

ihn eine heftige Angst vor ihr, die ihn körperlich peinigte.

Einmal spielte er Schach mit ihr; sie hatte einen Zug getan, der das

Spiel gegen sie entschied, und als es schon zu spät war, wollte sie ihn

zurücknehmen. Er antwortete, daß das gegen die Regel sei, da stand sie

auf und sagte, nun wolle sie nicht zu Ende spielen. Wie er ihren

Gesichtsausdruck sah, wurde ihm plötzlich bewußt: sie brauchte ihn nur;

und wie sie in diese Klarheit hinein noch sprach, daß er ihrem früheren

Mann sehr ähnlich sei, da spitzte sich in ihm plötzlich ein starker Haß

zu, und er empfand fast körperlich, wie sie einen selbstsüchtigen Willen

auf ihn wirken ließ und durch den vieles aus ihm herausholte, was ihm

gehörte, um es sich anzueignen und sich in roher Weise damit zu

schmücken. Unter solchen Umständen gelangten sie zum Einverständnis. Und

zwar geschah das scheinbar unvorbereitet, aber er hatte es

vorhergefühlt. Sie stand von ihrem Stuhl auf, legte die Hände auf den

Rücken und ging im Zimmer auf und ab wie ein Mann. Vorher hatte sie

geraucht, und von dem Ende ihrer Zigarette im Aschenbecher stieg noch

eine dünne Rauchsäule in die Höhe, die jedesmal in Verwirrung geriet,

wenn sie in die Nähe kam. Sie begann damit, daß es doch nötig sei für

sie beide, zu Klarheit zu kommen, und weil für sie selbst die

Peinlichkeit des Anfangens geringer sei, so wolle sie beginnen; denn in

seiner Natur liege es, daß er endgültige Entschlüsse scheue. Und wie sie

so sprach, arbeiteten in ihm Furcht und Scheu, und er sah unglückliche

Zeiten voraus, und doch konnte er nicht aufspringen und ihr

entgegentreten, denn sein Herz bebte in tiefer Sehnsucht zu ihr.

Dämmerung sammelte sich in den Winkeln des Zimmers. Sie ging auf und ab,

sprach stockend und langsam. Es fiel ihm ein, daß er einen Vorwand haben

mußte, um das Gespräch abzubrechen, aber seine Angst fand keinen

Vorwand, und sein Herz schlug ihr entgegen.

Ihr Tonfall war fremdartig; und es wurde ihm plötzlich klar, daß sich

hier für einen Augenblick in ihr der Vorhang lüftete, durch den ihr

eignes Innere sich vor ihr verbarg, und daß sie erschrak vor sich

selbst; hätte er ihr jetzt alles sagen können, was er wollte, seinen

Haß, seine Liebe, seine Furcht und seine Verachtung, so hätte sie alles

begriffen und hätte ihn ziehen lassen. Aber er brachte kein Wort über

seine vertrockneten Lippen, und schämte sich für sie. Und weil sie im

Staube lag und sich selbst verachtete in dieser Minute, so sagte er,

wider seinen Willen und tonlos: »Du hast recht, ich liebe dich über

alles.« Wie diese Worte verhallt waren, sonderbar waren sie verhallt in

dem dunkelnden Raume, und sein Herz krampfte sich zusammen, da war auch

in ihr der Vorhang wieder zugezogen, und sie wußte nicht mehr, daß sie

im Staube gelegen hatte. Karl aber fühlte sich vernichtet, daß er hätte

mögen ohnmächtig werden.

Sie kam zu ihm und legte ihm die Arme um den Hals; und er mußte sie

küssen; das war eine Heuchelei, daß er sie küßte, und eine Qual war es

für ihn. Sie wich seinem Kuß aus, scheu und befangen; aber auch sie

heuchelte ja, indem sie auswich, nur wußte er, daß ihr das keine Qual

war. Sie hatte jetzt einen Menschen, der ihre Leiden tragen mußte, einen

Feigling, der am Abgrund gestanden hatte und hinuntergesprungen war in

die Tiefe, trotzdem er wußte, daß er unten zerschmettern würde, aber er

sprang hinunter, weil etwas in ihm war, das ihn zwang, sich in dieses

Verderben zu stürzen. Und siehe, jetzt lachte sie schon, mit jenem

melodischen Lachen, das ihm so furchtbar war. Er hätte sie fassen mögen

und weit von sich schleudern, aber er zog sie an sich und flüsterte

Liebesworte. Und an Luise dachte er und ihren ruhigen Blick, und wußte

jetzt mit Klarheit, daß es nur seine Schwäche war, die sie fern von ihm

gehalten. Denn ihre Seele hatte sich zu ihm geneigt und wollte ihm ihre

sanfte Blüte erschließen.

Es folgten die äußerlichen Dinge, Verlobung und Hochzeit, und die

Aufmerksamkeit der Menschen, und inzwischen ging der seelische Kampf der

beiden weiter, denn auf der einen Seite drang sie in ihn hinein als

etwas Fremdes, suchte ihn auszufüllen und sich an Stelle seines Eigenen

zu setzen, so daß er hätte mit ihren Augen sehen müssen und mit ihren

Gedanken urteilen, und auf der andern Seite nahm sie räuberisch von ihm,

paßte das Geraubte sich an, daß es ihr altes Eigentum schien und zeigte

ihm das gelegentlich ganz unbefangen. Dann erkannte er mit Wut Stücke

von sich in fremder Gefangenschaft, die er nicht befreien konnte.

Doch er kam am Ende dazu, daß er sich gegen das erste mit einem Erfolg

verteidigte, und zuletzt wieder allein in sich war; aber gegen das

zweite gab es für ihn keine Waffen. Indessen stellte sich da unerwartet

eine Hilfe für ihn ein, denn je mehr er sich abschloß und sie aus sich

entfernte, desto geringer schien ihre Kraft zum Rauben zu werden,

wiewohl sie den Trieb dazu behielt. Dadurch kam sie in eine

Enttäuschung, die sie jedoch nicht verstand, denn die Lage erschien ihr

jetzt so, daß sie glaubte, sie habe die ganze Welt aufgefaßt, aber die

sei ganz einfach und immer gleichmäßig und verursache ihr eine quälende

Langeweile. Deshalb glaubte sie sich betrogen, weil man doch die

Erwartung habe, daß das Leben mehr sei, und in Haß und Erbitterung über

diesen vermeintlichen Betrug schloß auch sie sich nun immer mehr ab und

wendete die wenigen und geringen Vorstellungen, die sie erobert hatte,

mit Wut immer hin und her, ob sie nicht doch Neues an ihnen entdecke.

Darauf gewöhnte sie sich an, zu klagen, und erzählte in allgemeinen

Ausdrücken, daß sie vom Unglück verfolgt sei und alles fehlschlage, was

sie beginne, und alle andern Menschen mehr Glück haben, und so fort; so

wurde sie endlich auch in ihrer Ausdrucksweise pöbelhaft, denn nichts

zieht Menschen so sehr ins Gemeine wie solches Klagen. Mehr und mehr

wendete sie sich in diesen Reden mit einer Spitze gegen Karl; und am

Ende, nachdem alles, was geschehen war, sich ihr ganz verkehrt hatte,

sagte sie sogar, daß sie gegen ihre eigentliche Neigung und Absicht und

nur aus Mitleid Karls Weib geworden sei, welches Mitleid ihr nunmehr

übel vergolten werde.

Johanna hatte den Plan aufgegeben, eine bei ihr vorhandene geringe

malerische Begabung auszubilden, weil ihr die Beharrlichkeit fehlte,

sich das handwerksmäßige Können anzueignen, das für den Maler nötig ist,

und wie so viele dachte sie, daß der Schriftsteller dieses Könnens

entraten kann; und wie denn damals, als durch eine mißverstandene

Rückkehr zur Natur die Meinung aufkam, durch die Wiedergabe einer

zufälligen Beobachtung könnte man ein Dichterwerk schaffen, viele Frauen

solche Fähigkeiten zeigten, so wendete sie sich nun der Schriftstellerei

zu. Hierdurch entstanden auch äußere Gegensätze zu Karl, denn wenn auch

bei ihm selbst die Begabung nicht zum Kunstwerk ausreichte, so wußte er

doch um diesen Mangel schon bei sich genau, denn er beschränkte als Mann

sein Wollen nicht auf sein Können, und noch deutlicher sah er den Mangel

aber bei seiner Frau, deren Begabung zudem noch geringer war wie die

seinige, da sie noch mehr lediglich Ausdruck einer problematischen Natur

war und von jener Art, wie sittlich geringwertige Menschen sie oft haben

durch ihre Minderkraft.

Aber auch diese Kämpfe der Ehegatten fanden keine rechte äußere und

anschauliche Form, die eine eigentliche Erzählung möglich machen würde,

und so muß es auch hier am bloßen Bericht genügen.

Inzwischen hatten auch Karls frühere Geliebte und ihr Verlobter Jordan

geheiratet, nachdem sie ihren gebührlichen Brautstand gehabt, und hatte

sie wohl große Sehnsucht, daß sie ihr Kind wollte zu sich nehmen, das

sie von Karl bekommen, aber sie scheute sich; wie sie aber am

Hochzeitstage von ihrem Mann in die Wohnung geführt wurde, die sie

zusammen eingerichtet für sich, da fand sie in einem Kinderwagen liegen

und ruhig schlafen das kleine Söhnchen, denn ihr Mann wollte ihr eine

Freude machen. Da weinte sie vor großem Glück, küßte und herzte den

guten Jordan, und weil das Kindchen eben aufwachte und nach einer

Nahrung schrie, ging sie schnell in die Küche, woselbst schon alles

bereit stand, und richtete ihm seine Flasche, und inzwischen spielte der

Mann mit dem Kleinen, indem er ihm seine Uhr vorhielt und mit Schlüsseln

klingelte. Sie aber bei ihrer Hantierung überlegte sich, was sie ihm

sagen wolle, und wie sie wieder in die Stube kam und das Kind besorgt

hatte, sprach sie zu ihm: »Ich bin sonst stolz gewesen und hätte von

einem andern keine Gabe angenommen, auch wenn ich ihn lieb hatte, wie

ich ja in Wahrheit Karl lieb gehabt habe. Von dir aber nehme ich alles

an; und das nicht deshalb, weil ich weniger stolz geworden bin, sondern

weil du ein solcher Mensch bist, daß sich einer nicht schämt, wenn du

ihm gibst. Und nicht eine gewöhnliche Dankbarkeit habe ich gegen dich,

sondern weil ich weiß, daß das Glück, das du andern schenkst, durch

deine Güte wieder reicher zu dir zurückgeht, so liebe ich dich nur mehr

in größerer Fröhlichkeit.«

Nun lebten die beiden in ruhigem Glück, das sie dadurch noch mehr

wärmte, weil sie beide vorher durch schweres Unglück gegangen waren, und

genossen das Glück mit klarem Bewußtsein, daß dieses Unglück notwendig

für sie gewesen war.

Recht bald begann der Kleine aufrecht zu sitzen, und dann wurde er aus

dem Wagen genommen und erhielt ein kurzes Kleidchen und versuchte zu

gehen; und wiewohl er seinen Pflegevater nur eine kurze Zeit zu sehen

bekam des Abends, wenn der von der Fabrik heimkehrte, hatte er ihn doch

besonders in sein Herz geschlossen, sah ihn viel an und hielt sich zu

ihm, denn auch ganz kleine Kinder wissen schon den Gesichtsausdruck der

Erwachsenen zu deuten und haben nach dem ihre Gefühle. Schon in den

ersten Tagen, wo er sich frei auf dem Fußboden bewegen durfte, hatte er

gemerkt, daß der Vater, wenn er gekommen war, seine Schuhe wechselte,

und so brachte er ihm, ohne daß es die Mutter ihm aufgetragen, seine

Pantoffeln. Hierüber erhob sich bei den Eltern eine große Freude und ein

besonderes Rühmen seiner Klugheit, das bewirkte, daß er auch fernerhin

bei dieser Erfindung verharrte. Es bewunderten auch die andern Frauen im

Hause den Kleinen sehr und erzählten ihren Männern von dem Kind, und der

Kaufmann an der Ecke fragte jedesmal die Mutter nach ihm, wenn sie

einholte. Über alles dieses wurde sie noch glücklicher, und ihr Gesicht

war so, daß jeder froh werden mußte, der sie ansah.

Weil sie doch nun einen Mann hatte und sich nach ihrer Vorstellung nicht

mehr des Kindes vor andern zu schämen brauchte, so bekam sie eine

besondere Lust, einmal mit den beiden zu ihren Eltern zu reisen, die auf

einem Dorfe und mit der Bahn nicht allzu entfernt wohnten. So beredete

sie denn eine lange Zeit mit ihrem Mann diesen Plan, und wie die

Witterung passend war und sie beide mit Kleidung wohl versehen, daß sie

den Eltern gefallen mochten, da erbat er sich für einen Montag Urlaub,

und sie fuhren auf zwei Tage nach dem Ort mit großer Freude; der Kleine

war sehr artig unterwegs, und viele, die mitreisten, fragten die Eltern

über ihn, ließen sich erzählen und freuten sich seiner.

Die Eltern der Frau waren Instleute, die zu einem großen Gute gehörten

und ein Häuschen für sich hatten, eine Kuh und zwei Schweine, und ein

Stück Acker bekamen sie von der Herrschaft. Sie verwunderten sich sehr

über ihre Tochter, daß sie so schön gekleidet war, und über den

Schwiegersohn, und über den Enkel, und waren über die Maßen stolz und

fröhlich, und mußten die Kinder von allem erzählen, von der Arbeit des

Mannes, und von seinem Lohn, und von ihrer Wohnung in einem so großen

Hause, daß in dem einen Hause so viele Menschen wohnten, wie hier in dem

ganzen Dorfe, und daß sie polierte Rohrstühle in ihrer Stube hätten.

Über das alles schlug die Mutter die Hände überm Kopf zusammen, und der

Vater sagte nur: »Ei, ei!« Und bei dieser freudigen Verwunderung der

Alten wurde es den beiden erst so recht klar, wie gut sie es hatten, und

wie glücklich sie lebten.

Dann nahm die alte Mutter den Enkel auf den Arm, der ganz fein und

vornehm aussah in seinem großen, weißen Hut neben ihrem verbrannten und

verarbeiteten Gesicht, und ging mit ihm hinaus in den Hof, ließ ihn die

Schweine im Stall sehen und erzählte ihm, daß die zu Martini

geschlachtet würden, und daß dann Wurst gemacht würde, und er solle dann

auch eine kleine Wurst haben, und dann zeigte sie ihm die Kuh, die vor

der Krippe stehend zurücktrat und sich umsah nach den beiden mit ihren

großen, sanften Augen. Und wie die Alte so allein mit dem Jungen war und

keiner sie sehen konnte, herzte sie und küßte den Enkel fortwährend,

denn vorhin hatte sie das nicht gewagt, und das Kind streichelte ihr die

Backe und faßte lachend an ihre Nase. Der Alte aber führte den

Schwiegersohn im Häuschen herum und zeigte ihm alle Einrichtungen, wie

er die Wurst räucherte, und wo er sein Korn aufhob, denn er bekam

Dreschanteil, auch das Dach zeigte er ihm und erzählte, daß es früher

mit Stroh gedeckt gewesen sei, aber er habe jetzt ein Ziegeldach

hergestellt, und zwar habe er Falzziegel genommen, was das Neueste sei

und sehr viel besser als die Hohlziegel, die man früher gehabt, und so

redete er noch vieles Wirtschaftliche und Verständige mit dem

Schwiegersohn. Und weil ihm der so gut gefallen hatte, und er selbst

hatte doch auch seinen kleinen Stolz, so nahm er ihn am Ende beim Ärmel

und sprach zu ihm, er müsse nicht denken, daß die Eltern seiner Frau

Habenichtse wären; und wenn sie einmal starben, so kamen doch auf jedes

Kind etwa hundertundfünfzig Taler, die sie dann erbten.

Wie es gegen den Abend ging und die alte Frau daran dachte, das Essen zu

bereiten, da taten sich die beiden Alten zu einer heimlichen Unterredung

zusammen, und dann brachten sie eine Flasche Wein zum Vorschein, die

hatte die Herrschaft vor Jahren einmal geschickt als eine Stärkung für

die alte Frau, die damals recht krank gewesen war, aber sie hatte aus

eigener Ehrfurcht nicht gewagt, das Geschenk anzurühren, sondern es

aufgehoben, wenn einmal ein besonderer und festlicher Tag sein sollte.

Sie lachten beide viel in Behaglichkeit und in Unruhe über das Ereignis,

daß die Flasche nun entkorkt werden sollte, dann bereiteten die beiden

Frauen am Herde das Essen, und die Mutter freute sich, wie flink ihre

Tochter war, dachte auch seufzend früherer Zeiten, wo ihre Glieder noch

nicht so steif geworden; ganz leichtfertig ging sie an den Speck und

schnitt ein großes Stück ab, auch viele Eier nahm sie und ein großes

Stück Butter stellte sie auf, und wenn sie auch eine heimliche Furcht

hatte, ob nicht zu viel aufgehe, wenn sie den Tisch so üppig bereite, so

freute sie sich doch wieder, daß es ihren Kindern gut schmecken sollte.

Das gute Essen und der Wein machte alle Lebensgeister noch froher und

munterer, und der alte Vater erzählte aus seiner Jugend und rühmte die

heutige Zeit, daß es da jeder besser habe, und wer ordentlich und brav

sei, der erreiche auch etwas, sei es nun in der Heimat oder in Amerika;

und seine Bäcklein röteten sich unter den grauen Stoppeln, und er begann

sogar die alte Mutter an die Zeit ihrer Verlobung zu erinnern, daß die

erst sich schämte und ihm verbot und nachher gerührt wurde und sich mit

dem Schürzenzipfel ein Tränlein aus dem Auge wischte; am meisten lag ihm

jedoch das neue Dach aus Falzziegeln am Herzen, und er wurde nicht müde,

dessen Vortrefflichkeit zu preisen. Die beiden Alten hätten in ihrem

Stolz das Enkelkind gar zu gern ihrer Herrschaft gezeigt, nur wußten sie

nicht recht, wie sie das beginnen sollten, denn sie hatten Furcht, daß

sie aufdringlich erscheinen möchten, und die Herrschaft denke

vielleicht, sie wollten etwas geschenkt haben für das Kind; da kamen sie

am Ende überein, daß die Tochter mit dem Kleinen den alten Vater morgen

auf dem Felde besuchen sollte zu einer Zeit, wo der Herr gewöhnlich

geritten kam, dann würde der fragen, und er wollte ihm alles erzählen

und ihm seine Tochter zeigen und das Enkelkind, und das sähe doch dann

aus, als sei es bloßer Zufall gewesen. Und wie sie so sprachen, begannen

sie allerhand Vergleiche mit diesem Nachbarskind und mit jenem; und

keines, fanden sie, war so prächtig wie das ihre, denn an dem war alles

zu bewundern.

So gingen am Ende alle schlafen, und wie sie in den rundlich gestopften

und weichen Betten lagen, denn die Alten hatten zwei leere Betten stehen

und die Federn waren von ihren Gänsen, die sie selbst gezogen, da waren

alle so froh, daß es gar kein größeres Glück geben konnte, und schliefen

fest und ohne Träume. Und am andern Tage wurde die geplante Begegnung

mit dem Herrn auch durchgeführt, und der Herr fragte auch, und wie er

alles gehört hatte, sprach er freundlich mit der Mutter und dem Kind,

und wiewohl er nur einige gleichgültige Worte gesagt hatte, so

wiederholten die beiden Alten die doch immer wieder und waren froh.

Dann aber ging es an das Abschiednehmen, und die Eltern mit dem Kind

fuhren wieder nach Berlin zurück, unter vielen Versprechungen und

Plänen, daß sie selbst bald wieder kommen wollten, und daß die Eltern

sie in Berlin besuchen sollten, und dem Jungen hatte die Großmutter noch

zwei schöne, große Äpfel heimlich in die Hand gegeben, die vom vorigen

Herbst waren und aussahen wie eben gepflückt, die hielt er mit großer

Sorgfältigkeit fest, bis die Mutter sie ihm abnahm, weil er müde wurde

und schlafen wollte.

Nun geschah es aber, daß das Kind krank wurde, und fiel der Mutter

zuerst eine seltsame Aufgeregtheit auf und besondere Röte des kleinen

Gesichtes, dann wurde der Arzt gerufen und erkannte einen heftigen

Anfall von Scharlach. Wie die Eltern seine Worte hörten, bekamen sie

zwar erst einen Schreck, aber darauf bedachten sie, daß doch die meisten

Kinder von dieser Krankheit befallen werden und wieder genesen, und das

machte sie wieder guten Mutes. Dann folgte ein seltsamer Vorgang,

nämlich das Kind wurde immer kränker, die Eltern aber, als ob sie eine

heimliche Furcht hätten, die sie durch gewollte Hoffnung beschwichtigen

könnten, wurden gleichzeitig immer zuversichtlicher. Aber am Ende

geschah es in einer Nacht, wo die Mutter am Kopfende des kleinen

Bettchens saß, daß das Kind plötzlich schneller atmete, und weil die

Mutter vom Arzt gehört hatte, daß die Entscheidung bevorstand, so dachte

sie bei sich, jetzt überwindet es die Krankheit, das macht ihm Mühe;

plötzlich aber verzog sich der kleine Mund wie zu einer kläglichen

Bitte, und das Gesichtchen sah mit einem Male viel älter aus, und da

blieb der Atem stehen. Das war der Mutter zuerst recht sonderbar; aber

mit einem Male verstand sie, was das bedeutete, und schrie: »Er stirbt,

er stirbt!« Da sprang der Mann vom Lager auf und kam mit einem

ungläubigen Lächeln und wollte beruhigende Worte sagen, indem er die

kleinen Händchen erfaßte; die waren aber ganz anders geworden, und das

Wort stockte ihm.

So standen nun die beiden vor dem Leichnam und verstanden nichts, nur

daß dem Mann einfiel, daß er die Augen zudrücken mußte. Und wie die

Augen geschlossen waren und der Schatten der langen Wimpern sich

abzeichnete, war der klägliche Ausdruck um den Mund des Kindes

verschwunden, und in dem wachsfarbenen Kindergesicht zeigte sich ein

tiefer Ernst und eine wunderbare Entschlossenheit, wie eines Helden, der

einen schweren Gang zu tun hat. Da sank die Mutter auf die Kniee und

begann zu schluchzen. Dem Mann aber zerstreuten sich noch immer die

Gedanken durch den Gram, weil er keine Handlung zu tun hatte, denn noch

eine lange Zeit war ihm, als müsse er verlegen sein und lächeln, und

wunderte sich über sich selbst, denn er hatte das liebe Kind sehr gern

gehabt, und am Morgen geschah ihm wunderlich, wie er seine Hausschuhe

erblickte, die ihm der Kleine abends immer angeschleppt hatte, jeden

einzeln, und drückte ihn ungeschickt an sich; da strömte es ihm

plötzlich aus den Augen, ohne daß ein Aufhalten möglich gewesen wäre,

unaufhörlich, wie eine Quelle, und ohne Schluchzen. Da schonten die

beiden einander und sprachen nicht miteinander und taten ein jedes, was

nötig war.

Am Abend des zweiten Tages sagte die Frau: »Ich habe bis nun nicht an

Gott geglaubt und war stolz auf diesen Unglauben. Jetzt aber weiß ich,

daß es einen Gott gibt, und zu einer Strafe für mich habe ich diese

Einsicht gewonnen, denn ich habe dahingelebt in Leichtfertigkeit und

ohne Gedanken, und wie dieses Kind kam, habe ich es nicht aufgenommen

als eine Bestrafung dafür, daß ich nicht an mich dachte und an die

Aufgabe, die ich erfüllen soll, und auch nicht als ein Geschenk, das

mich zur Besinnung, Liebe und Nachdenken bringen konnte, sondern als

eine zufällige und ungerechte Last, die ich verabscheute, und auch die

Freude, die ich später an ihm gehabt, ging nicht aus einer Belehrung und

Besserung hervor, sondern nur aus derselben alten Leichtfertigkeit und

Gedankenlosigkeit, nach der ich dahin gelebt habe wie ein Tier im Walde.

So ist mir dieses Kind nun wieder genommen, und ich habe meine Strafe

dahin und weiß nun, daß alles das nicht möglich wäre, wenn es nicht

einen Gott im Himmel gäbe. Durch dessen Nachsicht habe ich bis jetzt

gelebt, nun aber kann ich nicht mehr leben. Wenn ich aber das tote

Kindchen ansehe, so ist mir, als habe es alles das gewußt, und wiewohl

es nur eben anfing, die ersten Laute zu sprechen und ganz kindisch war

in seinem Wesen, so hat es mich doch ganz durchschaut, und in seinem

Innern hat es mich gerichtet; das sehe ich an dem Ausdruck seines

Gesichtes.«

An Karl war eine Nachricht von dem Geschehnis gesendet; er kam zu den

beiden, und wie die Beerdigung war, wohnte er der mit seiner Frau bei.

Für das Kind hatte er keine rechten Gefühle gehabt, da er es kaum

gesehen, denn die väterliche Liebe wächst erst, wenn ein Vater in einem

größer werdenden Kinde sein eignes Bild wiedererkennt, und jene

besondere Liebe, die wir zu den ganz Kleinen haben, auch wenn sie uns

fremd sind, in deren großen und unbestimmten Augen noch ihre himmlische

Heimat träumt, die entsteht doch nur im ganz nahen Zusammenleben. Auch

hatte er nicht mehr genug Zuneigung zu seiner früheren Geliebten, um mit

ihr zu empfinden und zu verspüren, was für sie das alles bedeutete. So

überwog bei ihm das Gefühl der Peinlichkeit seiner wunderlichen Lage,

und er hatte eine Empfindung von Leerheit; die aber machte ihn

betroffen, wie er neben den beiden tiefgebeugten Menschen stand; und

seine Frau war von äußerlicher Höflichkeit und zeigte eine gewisse

Neugierde. So kam es, daß sie auf die hochgespannten und empfindlichen

Seelen der andern verletzend wirkten und denen ein häßliches Gefühl

verursachten. Nur einen Augenblick tauchte bei Karl etwas Besonderes

auf, als er sah, wie Jordan mit Zartheit seiner Frau den Arm

streichelte, als könne er sie dadurch trösten; da wurde ihm klar, wie

die beiden zusammengehörten und eins waren, und was in Wahrheit die Ehe

bedeutet, und empfand ein tiefes Mitleiden mit sich selbst.

Auf dem Heimweg sprach Johanna gleichgültige Dinge in kalter und

selbstsüchtiger Weise und erregte in Karl eine tiefe Erbitterung. Jordan

und seine Frau waren schweigend nach Hause gegangen; denn der Mann wußte

nicht, was er zu dem sagen sollte, was in ihr sich jetzt bewegte und

Gestalt annahm, und hatte Scheu und Ehrfurcht vor ihr; ihr aber hatte

dieses Zusammenkommen mit dem früheren Geliebten einen neuen Eindruck

gemacht, dessen Folgen sich erst nach Wochen zeigten. Da sprach sie zu

ihrem Manne: »Ich habe ein herzliches Erbarmen mit Karl, denn er ist ein

ganz unglücklicher Mensch; und das nicht nur durch sein ganz schlechtes

Weib, sondern auch durch sich selbst. Es ist mir aber sein Anblick eine

Tröstung gewesen in meinem gegenwärtigen Leiden, denn durch ihn habe ich

gesehen, daß ich doch nicht verworfen bin. Wir haben die christlichen

Lehren ja alle gehört, aber weil sie uns nur äußerlich gelehrt wurden

und nicht eine Antwort auf das Fragen unseres Herzens waren, so haben

wir sie nicht verstanden und dadurch sind sie uns fast in Vergessenheit

geraten. Jetzt weiß ich, was Gottes Liebe bedeutet, und weiß, daß Gott

mich liebt. Deshalb habe ich keine Unruhe mehr, mache mir auch keine

Vorwürfe und Sorgen, denn ich weiß, daß mir nur Gutes geschehen ist, und

daß mir nie Übles geschehen wird, durch die Liebe Gottes. Diese

Erkenntnis ging mir auf, wie ich Karl beobachtete, denn der gehört nicht

zu den Auserwählten; weshalb das aber so ist, weiß ich nicht, und das

wird wohl ein Geheimnis sein, das Gott sich vorbehalten hat.« So sprach

die Frau; und wiewohl der Mann den eigentlichen Sinn ihrer Worte auch

später nicht verstanden hat, denn er war ein Mensch, der auf anderm Wege

zu seinem Ziele kam, nämlich durch seine eigne Milde und Güte, so wußte

er doch, daß auch solches gut ist, und ließ sie nach ihrer Art denken.

Und so lebten die beiden sich immermehr ineinander, und am Ende

erreichten sie dasjenige Maß von Vollendung, das bestimmt ist für solche

Leute, wie sie sind, mögen das nun gelehrte und hochmächtige oder schöne

und berühmte Menschen sein, oder ein armes und unbeachtetes

Arbeiterpaar, das nicht unterschieden von den andern in einer

menschenerfüllten Stadt wohnt.

* * * * *

Hans erhielt einen Brief von seiner Mutter, er solle recht schnell nach

Hause kommen, denn sein Vater sei sehr krank, und weil er wußte, daß das

eine gefährliche Krankheit war, denn sonst hätte sie nicht so dringend

geschrieben, so machte er sich eilig und voll Sorge auf die Heimfahrt;

und fuhr denselben Weg wie damals, als er vor Jahren nach Berlin

gekommen war, nur fehlte ihm jetzt der Glanz der Erwartung, und alles

erschien ihm wie einem Enttäuschten, und sonderbar nüchtern war es auch

in der Heimat, die Luft, und die Frische, die wohlbekannte Art von

Menschen mit luftgefärbten Gesichtern, und die Häuser und Wälder. Wie er

den alten Weg zum Forsthause ging, da kam ihm keinerlei freudiges

Gefühl, und nur auf den gemeinen Nutzen waren die Holzstöße, das dünne

Waldgras und die hohen, grauen Baumstämme gestimmt, und das alte Haus

erschien ihm klein und dürftig mit der niederen Haustür und den winzigen

Fenstern, und es war, als hänge alles hier nur von der täglichen

Notdurft ab, in einer kleinlichen, beengenden und drückenden Weise, und

wiewohl das Stübchen genau so war wie früher, so schien es gering und

unwohnlich, und ganz jämmerlich waren die häßlichen Lithographien vom

Leichenzug des Jägers und des Fischers, die über dem schwarzen Sofa

hingen. Der Vater ging mit großen Schritten in der Stube auf und ab und

begrüßte den Sohn in zerstreuter Weise, ohne nach etwas zu fragen, die

Mutter kam mit verweintem Gesicht aus der Küche; wie alt und gebückt

erschienen die beiden, die er als so stattlich in der Erinnerung gehabt;

waren denn das die wenigen Jahre gewesen, die derart alles verändert

hatten? Der Vater begann gegen Hans gleich über einen Holzarbeiter zu

schelten, der etwas versehen hatte, denn er konnte seine Gedanken nicht

mehr recht bewegen, und weil er den Mann eben im Sinne gehabt, so mußte

er über ihn sprechen; auch vermochte er sich keine Vorstellung zu

machen, welche Sorgen und Gedanken in seinem Sohne sein mochten, den er

früher doch so zärtlich geliebt hatte; und die Mutter fing an zu klagen,

wie sie mit Hans allein war, über Schmerzen und allerhand

Krankheitserscheinungen bei sich und über die Teuerung aller notwendigen

Waren, und daß der Vater so stumpf geworden war; und auch sie schien

über allerlei Kleinigkeiten das Wichtigste zu versäumen, und ihre

Anteilnahme an Hansen zeigte sich nur in Erkundigungen über allerhand

äußerliche und geringe Dinge.

Da kam er sich fremd vor und ganz einsam und verlassen, da fiel es ihm

schwer aufs Herz, wie er die ganzen Jahre kaum an seine Eltern gedacht

hatte und ihnen selten etwas von dem Wichtigen mitgeteilt, und besann

sich, wie sie mochten gelitten haben unter seiner Kälte. Er fragte nach

dem Hühnerhund, den hatte der Vater totschießen müssen, weil er durch

das Alter die Räude bekommen hatte. Wunderlich, der Hund hatte schon

seinen Lebenslauf beendet, den er hatte aufwachsen sehen von einem

täppischen, dickbeinigen und spielerischen Wesen zu einem pflichttreuen

und verständigen Jagdhund, und er selber, Hans, war nahe an das

Mannesalter gekommen und hatte nicht die Arbeit für sein Leben.

Die alte Dorrel faßte seine Hand mit beiden Händen und streichelte sie,

dabei fielen ihr die Tränen aus den Augen, denn sie freute sich, daß er

so groß und stattlich geworden war, und beseufzte, daß sie daraus ihr

Alter erkannte. Dann erinnerte sie ihn, wie sie zusammen Kartoffeln

gerodet hatten, und dabei ging ihm zum ersten Male das Herz auf, und es

war, als ob sich der Panzer lockere, der ihn fest umfing. Aber nur einen

Augenblick war das, dann hatte er wieder das Gefühl, daß er nun an die

Stelle der Eltern treten mußte, die im Absterben waren, und daß er doch

das nicht konnte, denn er fühlte sich noch als ein Kind, das geleitet

wird, und das Leben erschien ihm übermäßig schwer, daß er es gar nicht

tragen konnte. Das kam ihm aber vornehmlich vom Vater, denn der tat wohl

scheinbar alles wie sonst, aber alles, was er tat, hatte einen seltsamen

Anblick fast gespenstiger Art, denn es ging aus einer zwecklosen Unruhe

hervor und nicht aus bedachten Absichten; so stand er morgens lange vor

Tag auf und ging in den Wald, vieles vergessend und sich um

Kleinigkeiten erregend, und kehrte zu wechselnden Zeiten nach Hause

zurück, eine zerstreute Ratlosigkeit mit sich führend. Und indem Hans

seiner Eltern Leben überdachte, fand er, daß sie immer ehrlich und

redlich ihre Pflicht getan, für ihr Kind gesorgt und auch andern

Menschen geholfen hatten nach ihren Kräften. Und wenn nun solches das

Ende war, welchen Sinn und welche Bedeutung hatte dann wohl überhaupt

das Leben? Da überkam ihn eine Furcht, und es wurde ihm klar, daß er bis

dahin gewandert war wie ein Träumender auf einem hohen Gebäude, und

jetzt war er aufgewacht und sah ein, daß man sich in die Tiefe stürzen

muß. In der Nacht stand die Mutter mit dem Licht an seinem Bett, denn

der Anfall des Vaters, wegen dessen sie ihn hatte kommen lassen, war

wiedergekehrt. Da lag der alte Mann in dem engen Bett, unbeweglich, und

ein Auge war geschlossen und war tief eingefallen und das andre rollte

in der Höhle hin und her, als wolle er jeden besonders ansehen, er

konnte aber auch nicht sprechen. Am Fußende stand die Mutter und weinte

still, und in der Tür stand Dorrel, die schluchzte, und das Auge des

Sterbenden rollte stumm in seiner Höhle. Es war, als ob jetzt ganz

besondere Gedanken in dem Vater waren, an die er sonst nie gedacht, die

ganz neu und unerhört waren, und seinem Sohne mußten sie eine besondere

Aufklärung geben. Aber die Zunge war gelähmt, und nur einmal rief eine

besondere Anstrengung ein unverständliches Murren hervor. Kurze Minuten

dehnten sich endlos aus, und das flackernde Licht erzeugte hüpfende

Schatten an der geweißten Wand. Dieser Mann war nun alt und wollte

sterben. Und nun war Hans ein Mann geworden und war so, wie er selbst

vor langen Jahren seinen Vater gekannt hatte, der nun ein alter Mann war

und sterben wollte. Grauenhaft war das. Denn es waren doch auch nur

wenige Jahre, dann war er selber gleichfalls so alt wie dieser Mann, der

jetzt im Sterben lag, und dann mußte er gleichfalls sterben. Da war es

ihm, als verstehe er innerlich, was der Vater dachte und wollte, kniete

nieder vor der niedrigen Bettstelle und legte seinen Kopf auf das Kissen

neben den Kopf des Vaters, und das rollende Auge beruhigte sich, und

Hans verspürte, wie aus seines Vaters Herzen eine heiße Liebe zu ihm

herüberströmte, und die Mutter kniete auch vor dem Bett und hatte seine

Hand gefaßt, und auch auf die Mutter strömte Liebe und freundliches

Wohlwollen. Und Hansens Herz erwiderte die Liebe, und er fühlte

deutlich, daß er zu seinem Vater gehörte, denn alles andre, was ihm

geschienen, war falsche Äußerlichkeit gewesen. Wie er sich dergestalt

glücklich fühlte, ging von dem Sterbenden ein erleichtertes Seufzen aus,

und eine Bewegung ging durch den ganzen Körper; da erhob sich die Mutter

und drückte ihm das Auge zu.

Er lag mit einem friedlichen und beruhigten Gesichte da, und war, als

habe er in den letzten Minuten nicht nur etwas Schönes empfangen,

sondern auch eine große Weisheit, die ihn in ein gläubiges Erstaunen

versetzte und seine Züge hell machte. Hans sprach: »Mutter, ich kann

nicht weinen, denn er ist sehr glücklich geworden.« Die treue Dorrel

aber kam an das Bett, nahm die Hände ihres Herrn und faltete sie; und

dann faltete sie ihre eigenen Hände, die von vieler harter Arbeit

zeugten, und betete leise. Hans sprach zu seiner Mutter: »Ich habe es

nicht um ihn verdient, daß er mich so geliebt hat, aber ich will sein

Andenken lieb haben.«

Viel dachte Hans darüber nach, woher es gekommen sein möge, daß seines

Vaters Liebe erst in den letzten Minuten zu ihm sprach, und daß die Tage

vorher so wunderlich verwirrt gewesen, und am Ende fand er darin eine

Erklärung, daß seines Vaters Jugend zu schwer gewesen war und ohne

Glück. Es muß aber jegliches Lebensalter auch das seiner Art

entsprechende und gebührende Glück haben, sonst gedeiht der Mensch nicht

zu seiner Vollkommenheit, sondern wird wie ein Baum, der in seiner

Jugend nicht nach allen Seiten hat frei wachsen dürfen. Und wie er

weiter nachdachte, fand er, daß dieses Glück viel weniger von der

äußeren Gelegenheit abhängt, wie vom Menschen selber, ob er es aus sich

herausbilden will, so daß also ein Mann wie sein Vater doch in seinem

Innern einen Fehler gehabt hat. Aber diesen Fehler hatte er auch selber,

und glich wohl sehr seinem Vater; das wollen wir bedenken, da unser Hans

doch von deutscher Art und Sorte ist.

Als ein sehr veränderter Mensch kehrte Hans nach Berlin zurück, und es

schien in Wahrheit, als ob er durch den Tod seines Vaters viel älter und

ein Mann geworden sei, und besonders zeigte sich das, indem seine

Gefühle gegen Personen, die ihm bis dahin nahegestanden, plötzlich ganz

anders waren, ohne daß er einen Grund wußte. Am ersten kam es zu einem

Bruch mit Heller. Der war längst in der früher beschriebenen Art

verheiratet und hatte sich ein kleines und bürgerliches Leben begründet,

indem er seine Anschauungen in Zeitungen verbreitete, die von Arbeitern

und kleinen Leuten gelesen wurden. Hans besuchte ihn, wie er einen

heftigen Einsamkeitsgram hatte, und traf ihn in seinem ärmlichen und

sauber eingerichteten Zimmer, wie er in einem großen und gestickten

Schlafrock am Schreibtisch saß; er hatte etwas an Umfang zugenommen, und

im Gesicht war ein Ausdruck eines herablassenden Wohlwollens ständig

geworden, der sehr aufreizend wirkte. Da verspürte Hans zu seiner großen

Verwunderung, wie er ihm die Hand gab, eine tiefe Verachtung gegen den

alten Freund, und ihm war, als sähe er eine unerträgliche und

widerwärtige Maske, die ganz hohl war und unbewegte Züge hatte, und

alles ärgerte ihn, der Schlafrock und der anspruchsvolle lehrhafte Ton,

und besonders einige hochtrabende Worte. Und wie ihm Heller am Ende

erzählte, daß er beabsichtige, sich für den Reichstag aufstellen zu

lassen, und daß sein Wahlkreis ziemlich sicher sei, da entfuhr es Hans,

daß er grob wurde und Heller einen Intriganten nannte, und das

Sonderbare kam ganz gegen seinen Willen und auch gegen seine vorherige

Meinung; aber die Bezeichnung hatte den wunden Punkt des andern

getroffen, den Hans nur unbewußt geahnt hatte, denn er antwortete sehr

gereizt, und das Ende war, daß Hans fortging mit dem klaren Bewußtsein,

daß er für immer mit Heller auseinander war.

Nicht lange währte es, da hatte er einen ähnlichen Vorfall mit

Krechting; der sagte ihm, er sehe aus ganz andern Augen wie früher und

zeige einen besonderen Stolz, und aus diesem erkenne er, daß sich sein

Wesen geändert habe und ein starkes Wollen in ihn gekommen sei, und so

würden wohl ihrer beiden Wege jetzt auseinandergehen. Denn wir erwürben

uns Freunde und zehrten diese innerlich aus, und hierdurch wie durch

anderes würden wir mit der Zeit neue Menschen; dann seien diese Freunde

geschmacklos für uns geworden und wir würfen das Geringe, das von ihnen

übrig sei, gleichgültig zu anderm Unrat, der sich aus unsrer

Vergangenheit um unsre Hütte ansammle; und etwa wie ein neugieriger

Gelehrter die Küchenabfälle vorgeschichtlicher Völker durchwühle, so

könne einmal ein Seelenforscher, wenn einer von uns einmal für einen

solchen interessant wird, den Abfallhaufen studieren und aus ihm die

Geschichte des Mannes erraten.

Krechting saß in seiner Stammkneipe an seinem gewohnten Tisch, und wie

er mit seinem unglückseligen und verkümmerten Körperchen dasaß in seiner

Ecke und verbissen vor sich auf sein Glas sah, da wurde Hans von tiefem

Mitleid ergriffen, der andre aber verspürte seine Bewegung, und sein

Hochmut machte, daß er sich deren schämte, und so wurde seine Stimme

plötzlich heiser und rauh, wie er fortfuhr, daß er keinerlei

Empfindungen von Hans wünsche, denn er selbst habe vielleicht nur einen

gewissen Neid auf ihn, weil er für sich immer an der Seite stehen werde

und bittere Urteile aussprechen, indessen andre sich zu handelnden

Menschen bildeten; aber im Grunde wolle er ja dieses Leben; und nach

einem Jahrzehnt werde Hans ihn immer noch hier in dieser Ecke sitzen

sehen und in der gleichen Weise sprechen wie jetzt, und werde inzwischen

eine neue Anzahl jüngerer Freunde mit ihm zusammengekommen sein und nach

ihrer bestimmten Zeit ihn wieder verlassen haben, und so werde es gehen,

bis er zu alt sei für junge Freunde. Alles das sei ihm ganz klar, und es

müsse wohl so sein; nur grüble er vergeblich, welches doch der Grund

eines solchen Zustandes sein möge; aber wahrscheinlich habe auch der

bezauberte Merlin nicht gewußt, aus welchem Grunde er in seiner

Rosenhecke träumen müsse.

So zeigte Krechting doch wider seinen Willen seine Schwachheit, und

dadurch bewies er, daß er in Wahrheit eine Liebe zu Hans gehabt, die

sich freilich nie geäußert hatte. Aber Hans verspürte das Nichtgesagte,

und eine wunderliche Wehmut befiel ihn, eine Art Gefühl, als trenne er

sich von einer warmen und treuen Heimat, um auf das hohe Meer zu gehen,

und doch wußte er, daß Krechting ganz recht hatte, und es war besser für

beide, daß sie sich in Freundschaft und Ruhe trennten, denn sonst wäre

bald ein Streit zwischen ihnen ausgebrochen, und sie hätten sich

gegenseitig tiefe Wunden geschlagen zum Abschied.

Inzwischen hatte Weiland noch mehrmals seine Stadt gewechselt, weil er

überall durch die Nachforschungen der Polizei und auch durch

Ausweisungen vertrieben wurde, bis er endlich nach gut zwei Jahren in

Süddeutschland einen ruhigen Aufenthaltsort fand, zu dem er hoffte,

seine Familie nachkommen zu lassen, die er in der ganzen Zeit nicht

gesehen; und schon begann sich sein Gemüt wieder zu erheitern durch die

Hoffnung auf ein friedliches und anständiges Leben. Zu Hause aber war

seine Frau mit jenem Zimmerherrn, von dem schon berichtet, immer näher

gekommen.

Das war eine ganz ruhige und einfache Entwicklung gewesen, deren Ende

beiden unerwartet kam; denn der einsame und stille Mann, der bei seinen

Arbeitsgenossen in der Fabrik und im Wirtshaus nicht Gelegenheit hatte,

von dem zu sprechen, was ihn bedrückte, fand in der engen und sauberen

Küche der Frau, wo das Kindchen auf der Erde spielte und sich auch wohl

an seinem Knie hochrichtete, eine Wärme und Zuneigung, und so berichtete

er sein Leben und hörte ihre Geschichte, die sie unter häufigem Weinen

erzählte, und bald teilte sie ihm aus ihres Mannes Briefen mit von den

vielen fehlschlagenden Hoffnungen und Versuchen, und er tröstete sie und

freute sich an der Entwicklung des Kindes; dann machten sie ab, daß die

Frau für ihn kochen sollte, und mit der Zeit besorgte sie alle seine

Angelegenheiten, und wie sie nun immer mehr wirtschaftliche Dinge gemein

bekamen, die besprochen werden mußten, zu den andern Angelegenheiten,

die sie sonst schon besprachen, da geschah es, daß er die ganze Zeit

über, wenn er zu Hause war, bei ihr in der Küche saß. Sie schrieb in

ihren Briefen an ihren Mann vieles von dem Fremden und rühmte ihn sehr,

bis ihr endlich ihr Mann einmal in neckischem Tone antwortete, sie solle

sich nur nicht in den andern verlieben, denn er selbst sei doch so lange

von Hause fort. Über diesen Scherz wurde sie sehr nachdenklich, und wie

sie sich alles überlegt hatte, sagte sie zu dem Fremden, daß die Leute

im Hause Übles reden könnten, wenn sie so oft zusammen seien, deshalb

scheine es besser, wenn er nicht zu häufig zu ihr komme. Aber schon

hatte die Gewohnheit einen zu tiefen Eindruck gemacht, und wenn der Mann

abends nach Hause kam, hatte sie immer etwas, das sie mit ihm bereden

wollte, und so kam sie jetzt zu ihm auf sein Zimmer.

Aber doch hatte sie nun ein Bewußtsein, daß sie etwas tat, das nicht

recht gehörig war, und deshalb fing sie an, sich selbst Entschuldigungen

zu machen; auch erwähnte sie des Fremden nicht mehr in ihren Briefen.

Ihre Hauptentschuldigung aber, die sie sich machte, war die, daß sie

noch jung sei und ihr Leben genießen wolle; denn in dieser kindischen

und offenherzigen Art wissen die Leute sich ihre Vergehen darzustellen.

Und auch der Fremde, der ein braver und ordentlicher Mensch war, hatte

bis dahin aus allem kein Arg gehabt; aber nun, wie ihn die Frau öfter

besuchte und in ihrem geheimen Schuldbewußtsein einen wunderlichen und

verführerischen Reiz ausübte, den sie vorher gar nicht gezeigt, da kam

auch er zu Nachdenken und Verlangen; und so steigerten sich beide

unbewußt immer gegenseitig, bis der Mann eine leichte Zärtlichkeit

wagte, die zwar anfänglich zurückgewiesen wurde, aber wie es denn

geschieht, in solcher Art, daß er Mut bekam für einen neuen Versuch, und

bald ahnten sie jeder, daß sie auf brüchigem Eis wandelten.

Hierüber war der Frühling ins Land gekommen, und die beiden verabredeten

sich zu einem Ausflug am Sonntag und fuhren mit der Bahn in einem

überfüllten Zuge zu einem der Orte, nach dem sich diese Ausflüge

richten, gingen dort im Walde, der von vielen Menschen belebt war, dann

aßen sie in einer Wirtschaft zu Abend und kehrten am Ende zum Bahnhof

zurück, um nicht allzu spät wieder in Berlin zu sein. Es war eine schöne

und etwas strenge Frühlingsluft gewesen, welche die Nerven anspannt und

ein Gefühl in uns weckt, als stehe ein besonderes Glück vor uns. Auf dem

Bahnsteig trafen sie einige andre Paare, die gleich ihnen frühzeitig

zurückfahren wollten, und war ihnen ein eignes und sehnsüchtiges Gefühl,

wie sie so diese heimlich flüsternden und vertraulichen jungen Leute

sahen. In dem Zuge, der wegen der Frühe fast leer war, hatten sie ein

Wagenabteil für sich, so fuhren sie allein durch das Dunkel nach Hause.

Da wurde die Frau von einem neuen bräutlichen Gefühl übermannt, und die

Tränen kamen ihr, sie lehnte sich an die Schulter des Mannes, der faßte

ihre Hände, und so fuhren sie schweigend.

In der Folge entwickelte sich ein Trotz bei der Frau, weil sie ihr

Unrecht fühlte, sie behielt ihren Grund, daß sie ihr Leben

genießen wolle, solange sie jung war, und sagte auch, daß die

Wohnungsverhältnisse Ursache seien, und endlich fand sie sogar, daß ihr

Mann, weil er zu sehr an die Partei gedacht, die Familie vernachlässigt

habe. Wie sie aber ihrem Manne von allem schrieb, erwähnte sie von

diesen Gründen und Ursachen nichts, sondern sagte nur, daß sie den

andern lieber gewonnen habe, und als freier Mensch wolle sie sich von

ihm trennen und sich mit dem verbinden.

Dieser Brief kam gerade in Weilands schönste Hoffnungen und machte ihm

einen sehr tiefen Schmerz, denn es war ihm, als sei er plötzlich wie

eine Pflanze, die aus der Erde gerissen ist, und nachdem er etwa eine

Woche in dieser Stimmung verharrt hatte, wurde ihm in seinem ganzen

täglichen Leben so trostlos zumute, daß er dachte, es könne so nicht

bleiben, sonst werde ihn der Überdruß zum Trinken verführen, deshalb

beschloß er, daß er Deutschland gänzlich verlassen wollte, und nach

Amerika gehen, um in eine völlig neue Umgebung zu kommen und hier durch

die Arbeit der Anpassung vielleicht neuen Sinn zu kriegen, denn er

dachte sich, daß er noch jung war und sein Leben noch nicht verloren zu

geben brauchte, weil er es ja immer noch ganz von neuem zu begründen

vermochte.

Indem er aber vorher noch von seiner Frau und seinem Kinde Abschied

nehmen wollte und besonders das Kind noch zum letzten Male sehen, dachte

er, erst nach Berlin zu fahren, und zwar war er ja dort ausgewiesen,

aber er hoffte, daß die Polizei, wenn er die Reise geheim betreibe, doch

nichts von ihm erfahren werde; und zur besonderen Vorsicht ließ er sich

den Bart abnehmen und das Haar schneiden, um weniger leicht erkannt zu

werden; aber gerade diese Vorbereitung erweckte einen Verdacht, denn da

er aus irgend einem Grunde für einen besonders gefährlichen Menschen

gehalten wurde, so war er sehr genau beobachtet. So kam er in Berlin an

und ging die bekannten alten Wege zu seiner Wohnung, die er früher immer

mit großer Fröhlichkeit gegangen war, und klingelte an der Tür, und weil

ihn seine Frau nicht gleich erkannte auf dem dunkeln Flur, so hieß sie

ihn unbefangen eintreten; da stand er auf der Küchenschwelle, und der

Tisch, der damals ganz neu gewesen, hatte auf der Platte seine Farbe

verloren durch den Gebrauch; aber es war eine weiße Gardine vor dem

Fenster, und plötzlich wurde ihm so wehmütig zu Sinn, daß er hätte

weinen mögen. Seine Frau stand in der äußersten Ecke und sah erschreckt

auf ihn hin, und das Kind war auf ihn zugeeilt und hatte »Papa« gerufen,

in der Meinung, er sei der neue Vater, aber dann hatte es seinen Irrtum

erkannt und war vor dem fremden Manne erschreckt zurückgelaufen und

versteckte jetzt sein Gesicht in der Schürze der Mutter. Das

erschütterte ihn mehr wie das Entsetzen seiner Frau, daß sein Kind sich

vor ihm fürchtete, da rief er mit schluchzender Stimme: »Sehe ich denn

aus wie ein Verbrecher, daß ihr vor mir Angst habt?« Aber die Frau

starrte ihn nur immer besinnungslos an, und das Kind machte das Köpfchen

etwas los und blickte scheu zurück; da kamen ihm die Tränen, und er

wagte nicht, einen Schritt vorzusetzen.

In diesem Augenblick traten Schutzleute durch die Flurtür herein, die in

der Aufregung der beiden offen geblieben war, und einer legte die Hand

auf Weilands Schulter und erklärte ihn für verhaftet wegen Bannbruchs;

zerstreut sah er dem bärtigen Mann ins Gesicht, dann schrie er laut den

Namen seiner Frau, der kamen jetzt auch große Tränen über die Wangen,

aber sie stand noch immer gelähmt. Vor der Tür draußen sammelten sich

neugierige Hausbewohner, ein Murmeln und die befehlende Stimme eines

Schutzmannes wurde gehört. Da wendete sich Weiland langsam um und ging

die Treppe hinab mit den Männern, die ihn verhaftet hatten, und die Knie

zitterten ihm, und seine Frau mit dem Kind waren oben in der Küche.

Wie er zwischen den Polizisten aus der Haustür auf die sonnenhelle

Straße trat, in deren Mitte ein Pferdebahnwagen fuhr, da flüsterten

Leute hinter ihm, er sei betrunken; da ergriff ihn eine unbändige Wut

und eine sinnlose Verzweiflung, daß er sich auf den einen Mann stürzen

wollte. Wie er eben die Bewegung begann, hörte er eine scharfe und

schneidige Stimme rufen: »Achtung!« Das durchzuckte ihn, und das alte,

bekannte Schlagwort, das er selbst vielhundert Mal gerufen, kehrte in

ihn: »Laß dich nicht provozieren.« So ging er denn ruhig mit, nur die

Fäuste hatte er geballt.

Er wurde wegen des Bannbruches zu einigen Wochen Gefängnis verurteilt,

und während dieser Zeit hoffte er immer, daß ihn seine Frau noch einmal

mit dem Kinde aufsuchen werde, aber die schämte sich und so nahm der

Mann von Deutschland Abschied mit Bitterkeit im Herzen. Aber als er vom

Schiff aus New York erblickte, wo sich über dem breiten Lager der

gewöhnlichen Häuser wie gewaltige Türme des Mittelalters die

Riesenbauten erhoben, die mit ihrer obersten Galerie die Wolken streifen

und deren Wände doch blitzen von spiegelnden Fensterscheiben, denn nur

aus Eisen und Glas sind sie erhoben, da war es, als ob in ihm

Begeisterung, Kraft und neue Freude erwachten. Und wie er durch die

breiten Straßen ging, wo die Menschen sich rücksichtslos drängten mit

willensstark geradeaus gerichteten Blicken und jeder ein Ziel verfolgte

und Mut und Hoffnung hatte, da richtete sich auch seine Haltung, nicht

in der militärischen Art wie zu Hause, sondern nach amerikanischem

Wesen, und ein Einheimischer sah wohl verwundert den Einwanderer mit dem

kleinen Bündel an, der gar nicht aussah wie ein gewöhnliches Grünhorn.

Und es glückte ihm, daß er gleich Arbeit bekam in seinem Geschäft, und

schon nach einem halben Jahre, wie er sich an das Neue gewöhnt hatte,

rückte er zu einem Meisterposten auf, dann wurde sein Ehrgeiz immer

lebendiger, und nicht lange währte es, da mußte ihn sein Herr, der einst

gleich ihm als armer Schustergeselle eingewandert war, mit am

Unternehmen beteiligen, und nun hatte er den Weg frei vor sich, der ihn

einst zum Reichtum führen mußte. Ganz sonderbar schnell hatte er sich

seiner Sprache entwöhnt und waren alle seine Manieren amerikanisch

geworden, und weit, weit in den Hintergrund traten ihm seine

jugendlichen Bestrebungen und die Erinnerung an Weib und Kind, denn nur

zuweilen im Traum kam es ihm, daß er die alten Zeiten sah. Später

heiratete er eine amerikanische Frau, die ein schlankes und stolzes

Wesen war mit offenem Gesicht, die ihm erschien wie eine Königin,

trotzdem sie nur Buchhalterin gewesen war in seinem eignen Unternehmen,

und so bereitete er mit die neue Gesellschaft vor, die freilich ganz

andrer Art ist wie die einst von ihm geträumte, und die einmal

unbarmherzigen Krieg führen wird gegen uns Altväterliche.

In Hans begann jetzt allmählich ein Gefühl der Einsamkeit, denn die

Jahre waren vorüber, wo man die Vorstellung hat von vielen unbekannten

Freunden, die man nur anreden müßte, auch verliert am Ende der

Jünglingsjahre das Bewußtsein gemeinsamer Überzeugungen seine Bedeutung,

das leicht Menschen zur Freundschaft zusammenbringt, denn in Wahrheit

fängt jetzt das Alter an, wo die Ehe eintreten muß und die erfolgreiche

Berufsarbeit, in welcher die Fähigkeiten und Kenntnisse verwendet

werden, die suchende Jünglingsjahre erworben haben. Aber weder konnte

Hans an eine Ehe denken, auch wenn er eine Liebesneigung gefaßt hätte,

denn er vermochte nur eben sich selbst zu ernähren, noch erschien ihm

seine Tätigkeit als eine Berufsarbeit für das Leben, denn sein Lehrer

hatte es ihm wohl nach seinem Versprechen verschafft, daß er bei einem

großen wissenschaftlichen Unternehmen mitbeschäftigt wurde, aber die

Arbeit war ihm nur ein gemeiner Broterwerb. Aber welche Tätigkeit er

sich aussuchen sollte, das konnte Hans auch nicht sagen, und so machte

er sich jetzt oft Vorwürfe, daß er sich früher durch zu vielerlei

Interessen zersplittert habe.

Derart sah er nun auch andre Dinge in einem grauen und unerfreulichen

Schein, die ihn früher glücklich gemacht hatten, die unreife

Begeisterung der Jugend war erloschen, und Erfahrung und Verständigkeit

hatten noch nicht ein neues Bild der Welt geschaffen; so wunderte es

ihn, wie er in einer Volksversammlung ein ganz neues Bild bekam, wo er

eine Rede von Heller hörte, in welcher der gehässig über die höheren

Stände sprach und den Arbeitern schmeichelte, und die Versammelten

jubelten ihm Beifall; aber der Hochmut und die kindische Art der Leute

tat ihm weh, und weil er selbst ein Mensch mit Ehrfurcht war, so kamen

sie ihm vor wie freche Knechte. Da erschien ihm plötzlich der Drang nach

Gerechtigkeit und der Wunsch auf Gleichheit als ganz unreif und er kam

sich vor wie das Kind, das den Ozean mit der Nußschale ausschöpfen

wollte, weil er einst geglaubt hatte, er könne durch ein Urteil über

Recht und Unrecht in diesen gesellschaftlichen Vorgängen eine Einsicht

haben, die doch durch den geheimen Lebenstrieb der gesamten Gesellschaft

bestimmt werden; und in Wahrheit hatte er vielleicht die Auflösung und

den Tod der Gesellschaft erstrebt durch seinen Drang und seinen Glauben.

Ganz neu und unbestimmt kam ihm nun zuerst der Gedanke, daß dieser

Maurer oder Zimmermann neben ihm nicht behaglich leben dürfe, wenn er

selbst oder ein andrer sollte höher kommen können, nicht zu Behagen,

sondern zu höherer Wesenheit, und indem fühlte er plötzlich, daß er

diese Menge von dumpfen und selbstzufriedenen Menschen haßte. Aber so

einsam war er, daß er von dieser Unruhe und Verzweiflung niemand

mitteilen konnte, und er hätte auch ein weibliches Wesen haben müssen,

dem er seine Gedanken erzählte. So fühlte er sich nun näher hingezogen

zu Luise; die hatte ihr medizinisches Studium beendet und war nach Hause

zurückgekehrt, und ihre Absicht war gewesen, nun sich als Ärztin

niederzulassen. Aber wie sie das gewollte Ziel erreicht hatte, war

plötzlich eine seltsame Müdigkeit und gleichgültiger Sinn über sie

gekommen, und sie lebte wochenlang und dann durch Monate untätig, und

wie es Menschen in dieser Verfassung geschieht, häuften sich allerhand

Schwierigkeiten um sie, als seien sie durch ihre Stimmung herbeigezogen.

Hans verspürte nichts von dieser Lage und freute sich nur, daß er ihr

manches mitteilen konnte; aber einmal, bei einem recht gleichgültigen

Gespräch sprach sie mit ihrer Stimme, die jetzt müde war, von

Zwecklosigkeit. Da tat er einen erschreckten Blick in die dunkle Tiefe

ihres Überdrusses und ihrer unerklärten Verzweiflung, und für sich

selbst wußte er plötzlich, daß er an demselben Überdruß litt. Und wie er

sich nun so umsah nach andern, da fand er, daß ihr Bruder ein

glücklicher Mensch war. Den hatte er früher immer verachtet, weil er gar

keinen Sinn besaß für die Dinge, die Hans und den andern wichtig

erschienen, sondern er verharrte nur immer mit unverdrossenem Eifer bei

seiner kleinen Gelehrsamkeit. Eben trat er ins Zimmer, als Luise jene

Worte gesagt; der Vater hatte ihm zum Geburtstag eine Geldsumme

geschenkt, und er hatte sich dafür schmutzige Trümmer eines alten Buches

gekauft, ohne Titel und ohne Schluß, das ein Stück eines im siebzehnten

Jahrhundert in Venedig gedruckten arabischen Werkes war; sein ganzes

Gesicht strahlte von innerer Heiterkeit, liebkosend strich er über den

zerfetzten Einband, und Hans wechselte einen schnellen Blick mit Luise,

und beide dachten, sie möchten wohl gern solchen Glückes fähig sein, und

verwunderten sich, weshalb sie das nicht konnten.

* * * * *

Die Ehe von Karl und Johanna hatte sich immer grausiger entwickelt in

Haß und Sehnen; und er gewann bald das heimliche Gefühl des Sieges und

wußte, daß er in Kürze frei sein mußte von seiner Kette, und sie war

gänzlich ratlos und sah sich von Unverständlichem umgeben. Unmerklich

hatte sich eine Wand erhoben zwischen ihnen, deren Wachsen hatte er

gesehen und kannte ihre Fugen, sie aber war erstaunt über die neue

Mauer, denn ganz plötzlich merkte sie von ihr, dann schlug sie zornig

gegen die empfindungslosen Steine, und zuletzt sank sie in sich zurück.

Er hatte schon lange geahnt, daß sie ihn nach einiger Zeit vor andern

lächerlich machen werde, und nun hatte sie damit begonnen, indem sie

über seine Tracht spottete, seine Gangart, seine Art zu sprechen. Und

wiewohl sie wußte, daß er sehr litt und sich in ihm Bitterkeit häufte,

so fuhr sie doch fort in dieser Weise; aber der Grund war, daß sie die

Mauer einreißen wollte, denn sie verspürte wohl, daß sie ihn gar nicht

hatte, weil sie nichts von ihm wußte wegen dieser Mauer, und sie wollte

ihn ja verzehren. Auch stellte sie in seiner Gegenwart Betrachtungen

über seinen Charakter an. So fühlte er zuzeiten deutlich hinter diesen

Roheiten ein Flehen zu ihm, eine Sehnsucht, und einen Willen, der ihn

halten wollte; das machte ihn glücklich durch befriedigte Rache. Ihr

dunkler Trieb suchte weiter und äußerte sich in andrer Form, und dachte,

daß Karl vielleicht nach irgend einer andern Seite eine starke Neigung

hatte, die ihn unangreifbar machte; deshalb suchte sie mit heftiger

Eifersucht in allem, was ihn beschäftigte, und begann Bücher zu hassen,

Bekannte zu verfolgen, gegen Gewohnheiten zu schelten, aber fand nichts,

das ihr eine Erklärung gab. Da bezwang sie ihre Natur zu Freundlichkeit,

zu Entgegenkommen, suchte ihn auf seinem Zimmer auf, indem sie eine

andre Absicht vorschützte, und wollte ihn bewegen, zu ihr zu sprechen,

ja, sie ging zu ihm, der gebückt über seinem Buche saß, und streichelte

ihm die Stirn mit ihrer Hand, und ihre Hand war weich und kühl, und

etwas Seltsames floß aus ihr. Aber sein Haß wurde so heftig, daß er sich

nicht ruhig halten konnte, und er stand hastig auf und ging fort. Da

setzte sie sich und weinte; und wie er zurückkam und sie mit verweintem

Gesicht in seiner Stube fand, mußte er sich zwingen, daß er sich nicht

auf sie stürzte, um sie zu töten.

So war die Vorbereitung zum Ausbruch. Sie hatte eine große Gesellschaft

ihrer Freunde, die ihm alle verhaßt waren, denn er sah in einem jeden

von ihnen einen Teil ihres Wesens lebendig vor sich. An jenem Tage

erschienen ihm alle Gesichter unnatürlich verzerrt, und wie sie um den

runden Tisch sich drängten und verwirrt durcheinander sprachen, da saß

er für sich und war zusammengesunken und vergrübelt. So hörte er wie

durch einen Schleier eine Weile einzelne Worte aus dem allgemeinen

Gespräch, die Johanna mit Krechting wechselte, und langsam wurde es ihm

bewußt, daß sie sich auf ihn bezogen, und wie er aufblickte, nahm er

einen Blick des Einverständnisses der beiden wahr, das auf seine Kosten

ging. Da stand gerade vor ihm ein Tellerchen mit Backwerk, das nahm er

und warf es Johanna ins Gesicht. Er warf mit Absicht so, daß es ihr

Gesicht flach traf, nicht mit der Kante, damit sie nicht verletzt wurde.

Während er das tat, war es ihm, als ob nicht er es sei, der das tue,

sondern ein andrer, der ihn gar nichts anging, denn er war ganz ruhig,

äußerlich wie innerlich, und wunderte sich, wie er den Teller vor ihrem

Gesicht sah. In dem Augenblick, wo er zielte, waren alle stumm geworden

und hatten erstarrt auf ihn geblickt. Das Tellerchen traf, und das

Backwerk fiel wohl vor ihm auf die Erde, aber das Tellerchen traf sie

mitten ins Gesicht. Sie fing es im Herabfallen auf und hielt es in der

Hand, ohne Gedanken, indes sie ihn mit großen und erstarrten Augen

ansah; mit einem Male schrie sie laut auf und warf es auf den Boden, als

sei es glühend. Er aber erhob sich und ging aus der Tür, machte sich in

seinem Zimmer straßenfertig und schritt langsam die Treppe hinunter und

aus dem Hause. Alles ließ er dort, und nie kehrte er wieder zurück.

Ruhe und Frieden suchte er und etwas, das er nicht nennen konnte. So

ging er zu Luise. In ihren Schoß hatte er seinen Kopf gelegt, und

langsam stiegen ihm die Tränen in die Augen, denn er hatte nicht

sprechen müssen, sondern sie hatte ihn angesehen, und dann hatte er sein

Gesicht in ihren Schoß gelegt, und nun streichelte sie ihm die Haare.

Ruhig wurde ihm, wie wenn nun alles Meer glatt wäre, und er dachte an

nichts, nur fühlen konnte er, und er fühlte, wie Ruhe in sein Herz floß.

Dann wußte er, daß er aufstehen mußte, und er stand auf und setzte sich

neben sie; und sie sagte mit gütigem Gesicht, daß er älter geworden war.

Wie sie das sagte mit gütigem Gesicht, strömte ihm das Blut zum Herzen,

und er sah zwei feine Linien um ihre Mundwinkel. Sie lächelte, wie sie

seinen Blick bemerkte und scherzte, daß auch sie nun die Jugend

verlassen habe. So plauderte sie weiter, und er wußte, daß ihr das

schwer wurde, jetzt so sorglos zu plaudern, und einmal fing er einen

besorgten Blick auf, den sie auf sein Gesicht warf; aber er selbst hätte

nichts sagen können, sondern er hörte nur zu, ihrem leisen und

freundlichen Wortfall. Von Bekannten erzählte sie und von Bäumen und

Blumen. Er liebte eine Bewegung an ihr, wenn sie mit beiden Händen

zurück an das Haar faßte. Seine Seele wiegte sich auf ihren Worten, und

er schloß die Augen, damit er nur den Klang allein habe.

Jetzt wußte er, daß er jeden Tag und jede Stunde an sie gedacht hatte,

und daß er zusammengeschreckt war, wenn jemand einmal aus Zufall ihren

Vornamen genannt hatte. Und nun saß sie neben ihm mit ihrer Güte und

wollte ihm Liebes erweisen in Zartheit. Sie hatte die Hände in den Schoß

gelegt, und wie er eine zufällige Bewegung machte, berührte ihn ihr

Kleid. Sie merkte das, und diese Berührung war ihr peinlich, aber sie

beherrschte sich und sah ihn mit gutem Lächeln an, und erst eine Weile

nachher nahm sie ihr Kleid zusammen und von ihm weg, mit einem

entschuldigenden Blick. Dann ging sie zu ihrem Flügel und spielte, und

die Töne fluteten langsam heran und schienen groß, und umgaben ihn weich

und hoben ihn, und er fühlte sie um sich, wie sie weich waren. Dann

begannen sie in ihn einzudringen, und mit einem leichten Schauer rührte

etwas an sein Herz, und dann noch etwas, da wurde es ihm frei im Haupte

und leicht, und es war, als ob alles sich im Herzen befinde, in dem war

eine süße Lust, und es verschwand auch alles um ihn, weil es unbedeutend

war, und er sah nur, wie Luise spielte, und in ihrem keuschen Nacken

kräuselten sich dunkle Löckchen.

Von nun an lebte Karl wieder in der Weise wie vor seiner Verheiratung,

nur daß auch ihn die Einsamkeit überkam und er viel auf seiner stillen

Stube saß, und in seiner Seele bewegte sich herzkränkendes Grübeln, und

es war, als sei ihm das Band lockerer geworden, das die verschiedenen

Eindrücke, Strebungen und Ausflüsse zu unserm Ich vereinigt, denn

hierhin und dorthin begaben sich Teile seines Selbst, und wie von

Schmetterlingen flatterte es bunt und willkürlich um sein Haupt. Aber

das machte ihn nicht unglücklich, sondern es schien ihm, als ob er zu

Frieden und Ruhe wolle, und wie wenn er in einem schweigenden Flusse

schwimme und seine Glieder sich lösten in dem Wasser mit leuchtenden

Spitzen.

In dieser Zeit wurde er vorbereitet auf das Einfließen eines Neuen in

ihn, das schon lange sich um ihn geballt hatte. Denn schon seit einiger

Zeit war er, was ein wunderlicher Zufall in einer Großstadt scheint, auf

seinen Wegen öfters einem Menschen begegnet, der ihm in eigener Art

auffiel, vielleicht hätten ihn andere kaum beachtet; das war ein seltsam

linkischer und verlegener Mann, dessen Kleidung nicht absonderlich war

und dessen Gesicht, Haltung und Gliedmaßen ebenfalls nichts Merkwürdiges

zeigten, und doch war er im ganzen so eigentümlich linkischer und

verlegener Art, wie Karl noch nie einen Menschen gesehen hatte. Wie das

so geht, schien der Mann umgekehrt auch für Karl ein gewisses Interesse

zu haben, denn er sah ihn immer mit einem gewissen Aufleuchten des

Gesichtes aus den andern Menschen auf der Straße hervortauchen. An einem

naßkalten Novemberabend etwa gegen neun Uhr, wo die entlegene Straße

recht einsam war, traf Karl den Fremden, wie er unter dem aufgespannten

Regenschirm mit Verdruß eine kalte Zigarre betrachtete, trat zu ihm und

bot ihm seine Streichhölzer an; der Fremde dankte mit etwas

übertriebener Höflichkeit, und dann begann ein Gespräch daraufhin, daß

sie sich so oft schon auf der Straße begegnet waren; und wie ihnen dann

die ersten gleichgültigen Worte bald ausgingen, da verspürten sie beide

den Wunsch, einander nahe zu kommen, und deshalb setzten sie sich

zusammen in eine Wirtschaft; es stellte sich heraus, daß sie Nachbarn

waren. Der Fremde, der sich Roch nannte, wußte das Gespräch bald auf

einen Weg zu leiten, den Karl mit großer Freude beging.

Er stammte aus einer wohlhabenden und guten Familie und war in

wohlerzogenem und bravem Zustande auf die Universität gegangen, um nach

dem Willen seiner Eltern Jurisprudenz zu studieren. Es entwickelte sich

in ihm damals eine ganz besondere Liebhaberei für Bücher, die fast die

Art einer Leidenschaft annahm, über der vernachlässigte er beinahe seine

Studien, und um die gewöhnlichen Vergnügungen seiner Altersgenossen und

Kameraden bekümmerte er sich gar nicht, so daß er sich zu einem etwas

sonderlinghaften Menschen entwickelte. Hierüber war seine Familie nicht

sehr vergnügt, die wünschte, daß er sich benehmen solle wie Andere, und

ihm auch einige Jugendtorheiten gern verziehen hätte, wenn sie von der

gewöhnlichen Art gewesen wären, denn sie befürchteten, daß er als ein

wunderlicher Mann später keine glatte Laufbahn haben werde, die ihnen

allen als das Erstrebenswerteste erschien. Deshalb wurde er in den

Ferien auf Besuch zu einem unverheirateten Oheim geschickt, der in einer

kleinen Stadt als Kreisarzt lebte und als ein fröhlicher und allen

Lebensgenüssen in Unbefangenheit ergebener Mann bekannt war. Vor dem

hätte man ein leichtes Blut wohl sehr gehütet, diesen jungen und

allzubraven Mann aber hoffte man durch ihn zu der gewünschten mittleren

Art von Führung und Auffassung des Lebens erziehen zu können.

Des Oheims Betragen machte aber einen ganz unerwarteten Eindruck auf den

Jüngling; denn der hatte bis dahin ganz treuherzig alles aufs Wort

geglaubt, was öffentlich von unserm gesellschaftlichen Leben gesagt

wird, und hatte nichts geahnt von den geheimen Veränderungen, durch

welche die einzelnen Stände, Berufe, Klassen und Personen diese

Meinungen ihren besonderen Bedürfnissen anpassen, und nun machte sich

der Oheim, der von altjunggesellenhaftem Zynismus war, einen besonderen

Spaß daraus, den jüngferlichen Neffen aus diesen Vorstellungen zu

entfernen und begann damit, daß er ihm seine sämtlichen

Liebesgeschichten nach der Reihe erzählte. Er war aber ein

hochgewachsener schlanker Mann mit schneeweißem Knebelbart, rötlichem

Gesicht und blitzenden blauen Augen, der so recht herzhaft aus der Brust

heraus zu lachen vermochte über den etwas verkümmerten Neffen. Wie er

noch Junge war, wohnte neben seinem Elternhause eine Hebamme, die eine

einzige Tochter hatte, in seinem Alter, ein schwarzäugiges, rasches und

hübsches Mädchen. Einmal mußte er eine Bestellung ausrichten und traf

sie allein in der Stube; da hängte sie sich um seinen Hals, küßte ihn

stürmisch ab und bestellte ihn auf den Abend in den Garten, und die war

seine erste Liebe gewesen, damals war er zwölf oder dreizehn Jahre alt;

eine Art Rührung huschte über das Gesicht des alten Erzählers, wie er

davon sprach. Vor wenigen Jahren kam er einmal wieder in seine Heimat;

und wie er allein durch das Holz ging, begegnete ihm ein sauberes und

freundliches altes Mütterchen, die sprach ihn an und fragte, er kenne

sie gewiß nicht mehr, und dann nannte sie sich ihm als diese alte

Liebste und sagte seufzend, es seien nun fünfundvierzig Jahre vergangen

seitdem, nun sei sie lange Großmutter, und da wolle er gewiß nichts mehr

von ihr wissen; aber da sei doch die Jugend noch einmal wieder in ihm

wach geworden. Es stand da aber eine schöne alte Buche, die ihre Äste

weithin breitete, daß in einem runden Kreise unter ihr kein Unterholz

war, sondern nur die gerollten braunen Blätter, zwischen denen einige

weiße Blümchen wuchsen.

Dem Jüngling tat sich in diesen Wochen ein zauberischer Garten auf voll

herrlicher Früchte, die ihn lockten, daß er sie pflücken sollte, nur

dürfe er nicht zu zaghaft sein, sondern müsse ohne Furcht den Fuß über

die Schwelle setzen; und so zog eine ganz unbändige und verstandlose

Lebenslust in die fast vertrocknete Seele des Jünglings. Es floß aber am

Ende des Gartens ein Fluß leise und rasch dahin, der sehr tief war und

klardunkles Wasser hatte, und über ihn neigte sich, genau auf der Grenze

des Nebengartens, eine alte Weide mit tiefhängenden gelben Ruten, an

denen der Frühling kleine helle Blättchen hervorgetrieben hatte. Hier

stand der Jüngling oft auf einer vorstehenden Wurzel, hatte den Stamm

umfaßt und sah in das still dahinschießende Wasser, denn in seiner

Klarheit schwammen kleine Fischchen in einem langen Zuge; sie schwammen

gegen den Strom, und oft standen sie unbeweglich, und plötzlich zuckten

sie einmal blitzschnell mit den Schwänzen und flohen auseinander. Diesem

Spiel sah er lange zu mit behaglicher Freude und ohne sich Gedanken zu

machen; denn wie der Frühling unsere Sehnsucht erregt und unsre Lust zum

Leben, so spendet er uns auch eine süße und träumerische Mattigkeit, in

welcher die Stunden rasch dahinfließen mit leisem und gleichmäßigem

Rauschen.

An einem Nachmittage, wie er an diesen Platz gehen wollte, erblickte er

auf der Nachbarseite durch das Gebüsch, das noch licht war, ein Mädchen

in hellen und zarten Kleidern, das ganz in derselben Stellung stand wie

sonst er selbst, denn sie stand auf der äußersten und unterspülten

Wurzel des schrägstehenden alten Baumes und hatte den zarten Arm um den

ausgehöhlten Stamm geschlungen und die Gestalt mit dem Köpfchen

vorgeneigt, und schaute angestrengt in das lautlos fließende Wasser. Wie

sie sein Rascheln hörte, blickte sie sich schnell um, und hatte

kornblumenfarbene Augen und ihre Gesichtshaut sah aus wie ein

Rosenblättchen, und schien verlegen, und es fiel ihm auf, daß unter der

Oberlippe, die etwas zu kurz war, weiße Zähnchen hervorblinkten, das

ganz wundervoll reizend erschien.

Nun wurden die beiden bald miteinander bekannt, und es zeigte sich, daß

sie die Tochter einer Witwe war, deren Mann einen Kaufmannsladen gehabt,

die recht ärmlich und allein in dieser kleinen Stadt ihr Leben

hinbrachte. Das Mädchen hatte viel gelesen aus den Büchern ihres Vaters,

aber nur unsre Klassiker, und zwar neben Schiller und Goethe auch

Wieland und Klopstock, und dann Bulwer und Cooper, und ein Buch, das

hieß das Buch der Natur. Hieraus hatte sie sich ein wunderliches Wesen

entwickelt, das ebenso weltfremd war wie des Jünglings, nur daß in

ihrer Seele sonderbare Phantasiegebilde lebten, in denen die

verschiedenartigen Helden ihrer Bücher sich zusammengeschlossen hatten.

So einigten sie sich bald zu gegenseitiger Liebe, und nachdem sie sich

zuerst am Tage häufig im Garten getroffen hatten, verabredeten sie sich

endlich auch zu Zusammenkünften in nächtlicher Weile.

Indem nun aber in dem Jüngling damals zweierlei entgegengesetzte Wesen

waren, kam er zu widersprechenden Handlungen, denn durch die Reden

seines Oheims war auf der einen Seite seine Phantasie derartig

verändert, daß er in seiner Liebe keine Grenzen mehr innehielt, auf der

andern Seite aber blieb er in seinem eigentlichen Kern doch ein ganz

andrer Mensch wie der Oheim, und wurde durch seine Liebe feinfühliger

und gewann eine mehr edle Gesinnung, so daß ihm nun dessen Gespräche

zuwider wurden, weil es ihm schien, als ob etwas Heiliges durch sie

beschmutzt werde, während er doch selbst nach dem Sinn dieser Gespräche

gehandelt hatte, und dann wurde ihm dieser Widerspruch immer quälender,

so daß er am Ende, trotz seiner immer noch wachsenden Leidenschaft für

seine Geliebte, nicht mehr bei dem Oheim ausharren konnte und Abschied

von ihm nahm. Dabei wußte er keinerlei Rat, wie nun mit seiner

Verbindung mit dem jungen Mädchen geschehen sollte, denn sie als seine

Braut zu erklären, wagte er vor seiner Familie nicht, und so schob er

diese Sorge auf die Zukunft, indem er sich für die Gegenwart nur dem

Gram über die Trennung hingab. Nun geschah es aber, daß die natürlichen

Folgen eintraten. Wie seine Geliebte das merkte, schrieb sie in ihrer

tödlichen Angst an ihn einen Brief und erzählte ihm das, er aber war

inzwischen wieder gänzlich in sein eigentliches Wesen verfallen, indem

er eine heftige Angst vor den Menschen hatte und nicht wußte, was er tun

müsse; aus dieser Verfassung heraus schrieb er an sie zurück, und wie

sie mit ihrem großmütigen Herzen diesen Brief verstanden hatte, da wußte

sie genau, daß sie nun allein stand in der Welt und ihr keinerlei Hilfe

kommen werde, und so gab es nach ihrer Vorstellung denn nur einen

einzigen Weg noch, den sie gehen konnte. Inzwischen war Roch wieder in

seine Universitätsstadt zurückgekehrt, und indem sein unruhig gemachtes

Gewissen ihn zwecklos hin und her trieb in einsamen Wanderungen, wurde

er noch einsamer, wie er schon gewesen, und hatte wenigen Schlaf. Da

geschah es ihm, daß er in einer Nacht ein Gesicht sah, nämlich, er saß

in seiner Stube und ohne Licht, und hatte seit Stunden schon sich in

Gedanken abgegrämt, und es mochte schon gegen Mitternacht sein, da

erblickte er plötzlich deutlich den Weidenbaum, auf dessen schrägem

Stamm jetzt Schnee lag, und unter ihm eine schwarze Stelle des Flusses,

der sonst unter schneebedecktem Eise dahinschoß, aber an dieser einen

Stelle war er frei, und an dem Baum, vor der eisfreien Stelle kauerte

seine Geliebte und hatte nackte Arme und loses Haar, wie sie aus dem

Bett gestiegen, und blickte in das dunkle Wasser, und ganz deutlich sah

er die kurze Oberlippe, welche die Zähnchen sehen ließ, und das rührte

ihn besonders am Herzen, daß er diese Oberlippe so deutlich sah, aber

ganz blaß war das Gesicht und grauenhaft ernst und entschlossen; er

schrie laut auf und stürzte auf das Bild zu, aber indem glitt die

Gestalt nach vorn über in das dunkle Wasser, und noch während er schrie,

war auch schon das ganze Bild verschwunden. Wie er die Nacht verbracht

hatte, erhielt er am andern Morgen einen Brief von ihr, in dem sie ihm

ihre Absicht mitteilte, daß sie aus dem Leben gehen wolle; und so hatte

er nun die Bestätigung, denn bis dahin hatte er noch nicht geglaubt, daß

das Gesicht ihm einen wahren Vorgang geoffenbart. Über dieses verfiel er

in eine schwere Krankheit, und nachdem er die überstanden, kam ein

langdauernder Trübsinn über ihn, er gab alle seine früheren Pläne auf

und verwendete seine Zeit auf die Arbeit in den okkulten Wissenschaften;

denn nach seinem Erlebnis hatte nichts mehr Bedeutung für ihn, was in

dem engen Kreise geschehen war, der durch das Licht erleuchtet ist, und

nur das erschien ihm wichtig, was in der unendlichen Dunkelheit

verborgen ruht, die jenseits dieser nahen Grenze liegt, und so fand er

eine Beruhigung für sein Gewissen, denn in Wahrheit war ja, was er

getan, unwichtig und sinnlos gewesen, und seine Bedeutung war gar nicht

verständlich für den blöden Blick, den wir hier haben. So war es möglich

für ihn, daß er sich am Leben erhielt.

Mit diesem Roch nun freundete sich Karl an, und seine Lehren nahm er mit

großer Begierde auf. Wie die beiden derart vertraut miteinander geworden

waren, da erzählte ihm Roch, er habe sich schon lange einen Freund

gewünscht, mit dem zusammen er einen wichtigen Versuch anstellen könne,

der deshalb zwei Personen erfordere, weil er mit Gefahren verknüpft sei,

denn in einem alten mystischen Buche, das nur handschriftlich vorliege,

habe er eine Vorschrift für ein Räucherpulver gefunden, das früher von

Beschwörern benutzt wurde, um Geister erscheinen zu lassen, und enthalte

das in seinen wirksamen Bestandteilen gewisse berauschende Stoffe, die

wohl geeignet sein möchten, den gewünschten Zweck zu erfüllen, da von

ähnlichen Stoffen bekannt sei, daß ein südamerikanischer Indianerstamm

sich seiner mit den gleichen Absichten bediene, indem die Leute die

Geister ihrer Vorfahren sehen oder zu sehen glauben; denn eben inwieweit

hier eine wunderliche physiologische Wirkung oder wirkliches Hereinragen

andrer Welten stattfindet, das sei zu untersuchen.

Karl ging mit jener gewissen schauerlichen Freude auf den Vorschlag ein,

die wir alle in solchen Fällen empfinden mögen; und nachdem Roch auf

seinem Zimmer die Vorbereitungen getroffen, lud er nun Karl an einem

Abend zu sich. Sein Zimmer war ein sonderbarer Raum, der ganz hoch oben

in einem Hause lag, das nur von Arbeitern, und zwar recht geringen,

bewohnt war. Auf den Treppen spürte man einen namenlos scheußlichen

Geruch, den erklärten die vier und fünf Namenszettel übereinander an den

Korridortüren, indem sie zeigten, wie dicht die elenden Stuben bewohnt

sein mochten durch allerhand Schlafburschen und sonstige ärmliche Leute.

Von einem solchen Korridor ging es auch in Rochs Zimmer, das war etwa

drei Meter lang und zwei Meter breit, so daß schon das Eintreten

schwierig war, weil die Tür auch nach innen ging, und man sich neben dem

Bett durchdrängen mußte. An den Wänden hingen sehr viele Vogelbauer, in

denen Waldvögel auf Sprossen schliefen. Außer dem Bett standen nur noch

eine alte Kommode und zwei Stühle in dem Kämmerchen, das in der Tat für

weitere Möbelstücke keinen Raum aufgewiesen hätte. Nach einer verlegenen

Bemerkung über die Dürftigkeit seiner Wohnung wies Roch auf die Kommode,

wo bereits eine flache Schale mit dem Pulver neben einer Spirituslampe

bereit stand. Die Vorschrift des alten Zauberbuches lautete, nach Abzug

von allerhand Geheimniskrämerei, daß man vorher lebhaft an die Person

denken solle, deren Geist man zu sehen wünsche, wobei es gleich war, ob

man einen Lebenden oder Toten haben wollte, und daß man die Erscheinung

weder anrede noch sich ihr nähere, weil sonst ein großes Unglück

geschehen könne, denn es seien Beschwörer von den erzürnten Geistern

erdrosselt worden. Nachdem sich die beiden fest versprochen hatten, daß

sie dieses erste Mal die Vorschrift genau befolgen wollten, zündete Roch

die Spirituslampe an, welche in dem sonst dunkeln Zimmer mit blauem und

flackerndem Flämmchen brannte, und dann streute er etwas von seinem

Pulver auf.

Eine lange Weile warteten die beiden, indes das blaue Flämmchen hüpfte

und wie unentschlossen zuweilen ganz vergehen wollte. Aber es ereignete

sich nichts Auffälliges; nur war zuweilen ein Knistern hörbar,

wahrscheinlich wenn ein Körnchen von dem Räucherwerk verbrannte;

merkwürdig laut schien den beiden dieses Knistern. Aus dem engen Hofe

schallte in die Höhe, und war verstärkt durch die eng zusammenstehenden

Wände der Häuser, das Brüllen eines Betrunkenen; nach einer Zeit, die

den beiden wohl eine halbe Stunde schien, mischte sich in das Brüllen

das Schreien und Jammern seiner Frau, der hatte er heimlich das Geld

fortgenommen, das sie durch Scheuern verdiente, und sie konnte den

Kindern nichts zu essen geben. Roch und Karl dachten fast nur an den

Vorgang, der sich da unten im Hofe abspielte, aber sie hielten sich doch

noch immer ruhig. Plötzlich hob sich das blaue Flämmchen und erlosch.

Nun zeigte sich, daß der Lichtschein vom Hofe her eine ganz schwache

Helligkeit ins Zimmer verbreitete, so daß nicht gänzliche Dunkelheit

war. Ein schwerer Rauch legte sich den beiden auf die Brust, und die

Stimmen auf dem Hofe schienen sich in immer weitere Entfernung

zurückzuziehen, indessen die Vögel in den Käfigen mit einem Male in

seltsamer Weise flatterten und sich geängstigt zeigten.

Plötzlich war es aus der Erde gestiegen wie eine graue Gestalt; dann

schwebte es langschleppend in der Luft, in der Entfernung von den

beiden, die sie vorher auf dem Boden bezeichnet hatten. Nachdem erhob

sich aus dem Boden ein zweites Wesen, gekrümmt stieg es von unten auf

und mit Anstrengung. Nach einer Weile schwebte es ebenso langschleppend.

Aber ganz undeutlich war das alles, das waren Schatten ohne Wunsch und

Gesicht. Langsam schwebten sie.

Eine lange, lange Zeit währte das; aber es war nicht klar, ob Stunden

dahinflossen oder Minuten.

Da wurde langsam deutlich der ersten Gestalt Gesicht und Wesen und rann

zusammen zu der Figur Luisens. Gramvoll sah sie aus, und in ihren Augen

ruhten schwere Leiden, die keine Form annahmen. Eine heftige Liebe und

tiefes Mitleiden wallten auf in Karls Herzen, er hatte den Willen, auf

den Schimmer zu eilen und dieses schwermütige Gesicht an seine Brust zu

drücken. Aber indem erzitterte schon das schwanke Wesen wie ein Bild im

Wasser, das plötzlich bewegt wird durch eine Blüte, die von einem

überhängenden Baume leise herabfällt auf den glatten Spiegel. So bezwang

er sich und hielt still, und langsam glättete sich wieder das Wesen und

ward ruhig.

Derart verharrte alles eine lange Weile in atemlosem Schweigen; da

geschah etwas in der andern Figur, die bis dahin noch unbestimmt

gewesen, denn eilfertig schoß es in ihr hin und her, ballte sich und

trennte sich wieder; aber die Züge wurden fester und schärfer, und schon

hatte Karl eine heimliche Angst, daß ihm Johanna erscheinen werde; da

tauchten in dem leeren Gesicht auf die Linien von Johanna, und es

erschienen willensstarke Augen, und ein auf Böses gerichteter Blick

wurde klar, und haßerfülltes Gesicht. Bis ins Innerste erschauerte Karl

vor Entsetzen, denn alles Furchtbare, dessen dieses Weib vielleicht

einmal fähig war, hatte seine Äußerung in diesem Gesicht gefunden, in

den Linien sowohl wie im Ausdruck. Wenn im Leben solche Gesichter wären,

so würden alle Menschen Furcht haben voreinander, weil solches Aussehen

möglich ist.

Dann verging wieder eine endlos lange Zeit, und es war Karl, als

verrauschten vor ihm Jahre, während er angstvoll an seiner

vorgeschriebenen Stelle stand und sah; denn wiewohl die Wesen stumm

waren und ohne Bewegung schwebten, und ihre Gesichter rührten sich nicht

wie bei toten Menschen, und wiewohl er bei allem innerlich wußte, daß

diese Gesichte nur Trugbilder eines Rausches waren, den der betäubende

Rauch in seinem Gehirn erzeugt; ja er dachte sogar, daß andre solcher

betäubenden Mittel die Vorstellung eines schnellen Fahrens durch die

Lüfte verschaffen; trotzdem wußte er als ganz gewiß, daß zwischen den

beiden Wesen etwas geschah, und daß Entsetzliches zum Ende kommen mußte.

Siehe, da richtete das Wesen Johanna langsam, wie vom Tode erwachend,

die haßerfüllten Augen auf das schwache Wesen Luise; und erst ging der

Strahl der haßerfüllten Augen neben ihr vorbei, und dann streifte er

sie, und endlich traf er sie ganz, und das Wesen Luise erzitterte wie

ein Bild im Teiche, schwankte und wollte sich auflösen. Da durchfuhr es

Karl, daß er sie retten müsse, und er stürzte vorwärts mit erhobener

Faust auf den Schemen Johanna. Ein sehr lauter Schlag erscholl, dann

fielen Glasscherben klirrend auf die Erde, und das Fenster war gänzlich

zersplittert, auch die oberste Scheibe. Karl sah auf die Scherben vor

seinen Füßen und wußte nicht, wie ihm geschehen. Der andre suchte mit

zitternden Fingern das Licht anzuzünden. Durch das offene Fenster drang

kühle Nachtluft, und plötzlich wurde ihnen bewußt, daß der Betrunkene

unten auf dem Hofe lärmte, das war genau so wie vorhin; und mit einem

Male fiel auch das Jammern der Frau ein, genau so, wie sie es schon

gehört hatten, und der Mann antwortete dasselbe wie vorhin. Karl sah

nach der Uhr; noch nicht eine Minute konnte verflossen sein, seitdem

Roch das Pulver aufgeschüttet, und doch war es ihm wie vor einer ganz

langen Zeit.

Schweigend stiegen die beiden die Treppe hinunter; der Zank des

Betrunkenen und der streitenden Frau verfolgte sie Wort für Wort, wie

sie ihn schon kannten. Karl erschauerte und hielt sich am Geländer fest,

auch des andern Kniee zitterten. Und nachdem sie lange durch belebte

Straßen gegangen waren, sprach am Ende Karl: »Ich weiß, was ich gesehen

habe, und es ist Übernatürliches dabei, aber ich kann es doch nicht

glauben.« Roch schwieg lange, dann antwortete er: »Das eben ist das

Grausigste bei diesen Dingen, daß man immer zweifeln muß, ob man nicht

ein Betrüger ist oder ein Selbstbetrüger. Auch dies hat das Mittelalter

gewußt, das gesagt hat, daß der Teufel ein Lügner und Betrüger ist. Aber

ich muß tiefer hinein, wiewohl ich weiß, daß ich immer nur Lüge finden

werde und Selbstverachtung, und ich weiß es nicht, ob mich nicht das

treibt, daß ich mich nach der Selbstverachtung sehne, denn in der liegt

die tiefste Wollust beschlossen.«

Roch sagte nicht näher, was er mit diesen Worten meine, auch erzählte er

nie, was er selbst gesehen hatte. Und wie es oft geschieht, daß wir

eines Menschen Leben in einem für uns beide wichtigen Punkte kreuzen und

dann wieder so schnell von ihm gehen, wie wir ihn trafen, so kam Karl

recht schnell wieder mit ihm auseinander, durch ein Gefühl der Unruhe

und Nichtbefriedigung; für Karl war dieser einzige Versuch genügend

gewesen, mit den unterirdischen Mächten in Beziehung zu treten, der

andre aber verstrickte sich immer tiefer und fand endlich seinen Kreis,

für den er geschaffen war, in einer Anzahl gleich Zerstörter, die nicht

an Gott glaubten und eine Satansgemeinde gegründet hatten.

* * * * *

Um Luise schloß sich immer enger der Ring des Todes. Wir wissen ja

nicht, durch welche Kräfte am letzten Ende die entscheidende

Willensrichtung gebildet wird, deshalb ist uns auch in den menschlichen

Dingen so vieles unbegreiflich, nämlich alles das, wo wir nicht auf

irgend eine Weise Gründe unterbauen können. Deshalb kann ein Erzähler in

solchem Fall nur die Ereignisse berichten, die ihm irgendwelche

Bedeutung gehabt zu haben scheinen.

Es lebte damals ein früherer Gutsbesitzer mit seiner Frau und einzigem

Sohn in Berlin, der Offizier war. Der alte Mann hatte in jungen Jahren

sein Gut in fröhlicher Hoffnung übernommen, nachdem er seine Geschwister

ausgezahlt und eine brave und schöne Frau geheiratet. Nun war aber

damals eine Zeit, wo der Weizen und die Wolle immer billiger wurden und

die Arbeitslöhne immer stiegen, so daß die Ausgaben sich erhöhten und

die Einnahmen sich minderten. Er ging lange mit sich zu Rate, was er bei

dieser Erscheinung wohl tun könne, fragte auch seine Nachbarn, die zwar

sich in ähnlicher Lage befanden, und zuletzt las er selbst Bücher, wie

wohl er sonst wenig studiert, sondern hatte seine Universitätszeit

vielmehr mit lustigen und treuen Freunden in Heiterkeit ohne

sonderliches Arbeiten verbracht; aber auch aus den Büchern fand er keine

Auskunft, die er nicht zuvor schon selbst verworfen gehabt hätte. Nun

half er sich wohl mit großer Sparsamkeit, und seine treue Frau war sehr

fleißig, daß sie aus ihrer Wirtschaft herauszog, was möglich war, aber

mit der Zeit kam es sogar dahin, daß die Einnahmen geringer wurden wie

die Ausgaben für den Betrieb und Zinsen. Da gelangte er in seiner Not zu

Borgen und Wechselschreiben, und weil nun auch sein Gewissen schlecht

wurde, denn er wußte nicht, wie er den Wucherer einmal bezahlen sollte,

so schloß er die Augen und überlegte gar nichts mehr, sondern lebte wie

einer, der morgen sterben soll und Mut hat und sich heute noch freut; er

beruhigte sich aber immer, indem er sich sagte, daß der Wucherer schon

selbst wissen werde, wie er wieder zu seinem Gelde komme.

Aus dieser Betäubung riß ihn die Rede eines leichtfertigen Handwerkers.

Er mußte nämlich an einem Stall Reparaturen machen, der erst vor nicht

allzu langer Zeit gebaut war, aber weil der Zimmermann betrüglicherweise

frisches Holz genommen, so waren einige Balken stockig geworden. Wie er

den Menschen nun zu Rede stellte und ihn in scharfen Worten an seine

Handwerkerehre erinnerte, erwiderte der patzig, dafür sei ja der Bauherr

da, aufzuachten, daß alles ordnungsgemäß gemacht werde. Diese Worte

gingen dem alten Mann sehr nahe, denn er dachte bei sich, daß er selbst

ja ebenso vernünftelt habe wie dieser unredliche Handwerker, und dabei

war er ein vornehmer und adeliger Mann, der Stolz hatte. Deshalb fuhr er

gleich in die Stadt zu dem Wucherer und erzählte dem alles, der heftig

erschrak und nach Art solcher gemeinen Menschen in häßlichen Worten ihm

Vorwürfe machte. Indessen gelang es doch, das Gut vorteilhaft zu

verkaufen an einen wohlhabenden Herrn aus der Großstadt, dessen Vater

viel Geld verdient hatte, und der sich zu diesem ererbten Gelde nun eine

gesellschaftliche Stellung verschaffen wollte; so blieben dem alten

Herrn sogar noch mehrere tausend Mark übrig.

Der schmale Weg zum Glück · 第 6 / 9 题