war eine Nachricht durch die Zeitungen gegangen, daß er und seine
Freunde sehr viel hatten erdulden müssen. Da streifte Jordan seine Ärmel
hoch, zog die Manschette ab und wies an seinem mageren Arm einen
geröteten Streifen um den Knöchel, denn man hatte ihnen Ketten angelegt;
aber wie die Zuhörer Ausrufe machten, erzählte er, daß das Tragen der
Ketten nicht so schlimm sei, wie man sich vorstelle, denn man habe ja
ohnehin nicht viel Bewegung; nur müsse man immer Vorkehrungen treffen,
daß die Haut nicht durch das Eisen gescheuert werde, denn solche Wunden
heilten sehr langsam und seien schmerzhafter wie manche gefährliche
Verletzung. Und wie einige darauf wieder über den Leiter der Gefängnisse
schalten, daß er sie unnützerweise mit diesen Ketten gequält habe,
entschuldigte er von neuem, indem er sagte, man habe sie erst nach einem
Fluchtversuch von zweien unter ihnen geschlossen, und wenn er selbst
auch die Ketten für ein sehr wenig wirksames Mittel gegen die Flucht
halte, so sei doch der Leiter der Anstalt andrer Meinung gewesen und
habe gedacht, daß er auf diese Art weitere Fluchtversuche unmöglich
mache. Der Erzähler schloß dann, indem er auseinandersetzte, ein jeder
Mensch stehe auf seinem Posten, den er ausfüllen müsse, und anders könne
er nicht, und er selbst glaube, daß unter den niederen Gefängnisbeamten
mancher sei, der ihre Meinungen teile, aber er müsse doch seine Pflicht
tun. Und deshalb kämpfen ja auch sie, er und die andern, nicht gegen die
Menschen, sondern gegen die Verhältnisse, und man müsse auch nicht
glauben, daß es in den höheren Ständen nur lauter rohe und gefühllose
Menschen gäbe, vielmehr lebe da mancher, der selbst in großer Bedrängnis
sei.
Dieser Jordan war ein langer und hagerer Mann, dem man in seinem
kummervollen Gesicht deutlich seine früheren Leiden ansah, und sprach
langsam und gemessen und mit einer kindlichen Wichtigkeit. Die Zuhörer
schienen alle recht ernst geworden; als aber ein neuer sich zwischen sie
setzte, wurden plötzlich alle heiter und begrüßten den lachend, denn
auch der hatte zwar erst vor kurzem das Gefängnis verlassen, wohin er
wegen einer Majestätsbeleidigung gekommen, aber sie fingen an, ihn zu
necken, und erzählten, er sei bis über beide Ohren verliebt in ein
Mädchen, die ganz außerordentlich zielbewußt war, denn so nannten sie
es, wenn jemand ihre Anschauungen teilte, und die habe ihm einmal
gesagt, sie könne ihn nicht lieben, weil er noch keine Opfer gebracht
habe und sei nicht ein einziges Mal verurteilt; das habe er sich so zu
Herzen genommen, daß er noch denselben Abend in einer Versammlung eine
Rede mit den heftigsten Majestätsbeleidigungen gehalten, für die man ihn
sofort arretiert habe. Über diese Geschichte lachten alle, und wie er
selbst den Erzähler zum Scherz mit dem Ellbogen stieß, entstand unter
Gelächter und Späßen ein allgemeines scherzhaftes Schieben und Stoßen um
den Tisch wie bei fröhlichen Jungen, daß der ernste Polizeileutnant
seinen gesträubten Bart von dem Papier, auf dem er fleißig die Reden
niederschrieb, nach der Richtung wendete und der Vorsitzende eine Glocke
erklingen ließ und zu parlamentarischer Ordnung mahnte.
Auf der Bühne stand gerade ein Redner, der seine abweichende Meinung von
den Gedanken des Vortragenden mühsam in recht unklaren Sätzen erklärte,
die doch von den Versammelten mit musterhafter Geduld und Ruhe angehört
wurden; seine Meinung aber war, daß die Arbeiter die Bildung schon
errungen hätten, weil sie »aufgeklärt« seien, aber es gäbe noch eine zu
große Menge von »unaufgeklärten« Arbeitern, und die seien der wahre
Feind, gegen den man kämpfen müsse. Zum Schluß trug er einen Vers vor,
der gegen den »Unverstand der Massen« gerichtet war und großen Beifall
erhielt.
Inzwischen erzählten die jungen Leute mit leiser Stimme wieder andere
Scherze. Auf einen gewissen Polizeibeamten, den sie den Spitzohrigen
nannten, hatten sie einen besonderen Ärger, und deshalb wurde ihm zum
Verdruß regelmäßig die neue Nummer des »Sozialdemokrat« in den
Briefkasten gesteckt, ohne daß er je den Täter ausfindig machen konnte;
der »Sozialdemokrat« war damals das anerkannte Blatt der Partei und
wurde in England gedruckt und heimlich nach Deutschland gebracht und
hier im stillen verbreitet, und besonders stolz waren die Leute darauf,
daß das Blatt immer mit der pünktlichsten Regelmäßigkeit in die Hände
der Leser kam. Über den Spitzohrigen erzählten sie noch andere
Geschichten; der hatte bei einer Haussuchung in einer gipsernen
Kaiserbüste wichtige Schriftstücke der Partei entdeckt, die der Besitzer
an ihrem Ort ganz sicher geglaubt; aber nach einigen Tagen, wie des
Kaisers Geburtstag war, hing bei ihm eines Morgens eine blutrote Fahne
aus dem Fenster statt der schwarz-weißen, und hier vermochte er den
Mann, der ihm diesen Streich gespielt, nicht aufzufinden. Mit besonderer
Freude erzählte diese und andre Geschichten der junge Mann, der mit
seiner zielbewußten Geliebten geneckt war und Weiland genannt wurde, und
seiner Lustigkeit merkte man wohl an, daß er nicht unbeteiligt war an
derartigen Späßen.
Während diesem hatte der Redner auf der Bühne eine unvorsichtige
Äußerung getan; über die erhob sich der Polizeileutnant, setzte seinen
Helm auf und erklärte die Versammlung für aufgelöst. Da standen sofort
alle auf, und indem sie sich mit Ruhe zum Gehen bereiteten, stimmten sie
die Marseillaise an, der ein besonderer, für ihre Verhältnisse passender
Text untergelegt war.
Das machte auf Hans und Karl einen gewaltigen Eindruck, wie die mutigen,
leidenschaftlichen und jubelnden Töne dieses Liedes, von Hunderten
begeisterter Männer gesungen, in dem vorher so nüchternen Saale
ertönten, und es war, als wollten diese Leute jetzt alle gleich zum
Kampf eilen, und als müßten sie siegen, und die beiden Studenten waren
so hingerissen von der Wucht, daß sie sich gleich dem Haufen
angeschlossen hätten, wenn die zu einer Barrikade gezogen wären, denn es
war, als sei ihnen die eigene Überlegung geraubt und als folgten sie nur
dem gemeinsamen Impuls der Menge, so schritten sie im Takt mit den
andern, und ihre Herzen schlugen hoch, und nur ein Trieb war ihnen, nach
vorwärts zu gehen.
Indessen währte das wunderliche Gefühl nur wenige Augenblicke, denn auf
der Straße verstummte das Lied; vor der Tür standen zwei Reihen
Schutzmänner, zwischen denen alle hindurchgehen mußten. Eine Stimme
rief: »Laßt euch nicht provozieren«; daraufhin war es mit einem Male,
als sei jetzt alles harmlos, kleine Gruppen schwenkten nach
verschiedenen Richtungen ab, ein Schutzmann mahnte einmal zum
Weitergehen, und willig gingen alle weiter und zerteilten sich, es war
nicht anders, als seien alle von einem einfachen Vergnügen gekommen.
Ohne weitere Überlegung hatten sich die beiden Studenten den Leuten
angeschlossen, mit denen sie zusammengesessen und gingen, die einen
fragend und die andern erklärend, durch die Straßen, welche so
gleichgültig aussahen wie sonst, nur war es Hansens angestrengten
Nerven, als hallten ihre Schritte ganz besonders auf dem Pflaster. Nach
kurzem Bereden traten sie in eine Wirtschaft, in der die Arbeiter
bekannt waren, denn der Wirt begrüßte sie mit Vertraulichkeit; die
Vertraulichkeit von dem ungesunden und dicken Mann war Hansen
unangenehm.
Es stellte sich heraus, daß der ältere Arbeiter von den beiden Studenten
eine Belehrung haben wollte, denn er erzählte, daß er viel gelesen habe,
und besitze zu Hause eine Menge Bücher, deshalb habe er auch keine Frau
genommen, und ihn beschäftige vornehmlich eine Frage, die sei ihm aber
noch in keinem Buch beantwortet, wiewohl er keine Mühe gescheut, denn er
sei doch nur ein Arbeiter und besitze nicht die rechte Vorbildung;
nämlich, es werde gesagt, daß unsre Gedanken und auch das, was wir
wollen, durch die Verhältnisse bestimmt werde, in denen wir leben, und
daß also die Verhältnisse schuld sind an allem Übeln, das geschieht.
Wenn das richtig sei, dann könne man also dem Menschen, der Böses tut,
mit Recht keinen Vorwurf machen und dürfte ihn auch nicht strafen, und
auch dieser Schluß werde von vielen für richtig gehalten. Er aber meine,
das alles könne nicht so sein, denn dann verlohne es sich ja gar nicht,
daß man lebt, und er für sein Teil wolle lieber tot sein als leben, wenn
es so sei.
Der Mann, der zu Hans das sagte, mochte etwa fünfzig Jahre alt sein und
war ein Schuhmacher, und seine Gestalt und Gesicht waren auch die eines
armen Schuhmachers, der vielleicht nach seines seßhaften Gewerbes Art
zuweilen wunderliche Gedanken hat. Aber diese Worte rührten Hans ans
Gewissen, denn plötzlich merkte er, daß er ein ganz andrer Mensch
geworden war wie früher, und daß er früher gedacht hatte, er wolle
lieber tot sein als so leben, wie der Mann schilderte, und daß er jetzt
so lebte. Und dazu wurde ihm klar, daß er jetzt viel log; denn der
fröhliche Weiland redete wohl die Wahrheit, und der ernsthafte Jordan
redete die Wahrheit, und dieser Mann; aber er selbst hatte sich in Lügen
gefangen und war dadurch in Gewissensangst geraten.
Er wußte aber nicht, was er antworten sollte; denn nicht nur gibt es ja
keine Antwort auf die Frage, sondern er selbst war auch so verwirrt, daß
er auch sonst nichts Rechtes zu sagen gewußt hätte. Deshalb sprach er
nur, daß das eine Sache des Glaubens sei; wenn einer glaube, daß er in
seinen Gedanken und Entschlüssen durch die Verhältnisse bestimmt werde,
so sei es so, und wenn er das nicht glaube, so sei es nicht so. Hiermit
war dem Mann nun wohl nicht sonderlich gedient; aber er merkte wohl, daß
Hans ihm nicht mehr zu sagen wußte, und deshalb forschte er nicht
weiter.
Jordan hatte mit Anstrengung zugehört. Jetzt sagte er, es sei richtig,
daß die Verhältnisse unser Denken und Wollen bestimmen; denn wenn wir
alle in der herrschenden Klasse geboren wären, so würden wir so denken
und handeln wie die, und die Arbeiter verurteilen, und doch wären wir im
übrigen genau solche Menschen wie jetzt. Hierüber versuchte Karl zu
bemerken, daß sie beide als Studenten doch der höheren Klasse
angehörten; es zeigte sich aber, daß die Arbeiter die beiden gar nicht
recht ernst nahmen, sondern sie mit einer liebenswürdigen Nachsicht
betrachteten, etwa wie ein alter Förster einen jungen Herrn mit auf den
Anstand genommen hat, und dieses Urteil ergab sich nicht aus den Worten,
die sehr zartfühlend waren, aber man merkte es doch in der Gesinnung.
Der alte Mann jedoch sagte zum Schluß, wenn die Gerechtigkeit nur ein
Rauch sei, so sei die ganze Welt sinnlos; damit erhob er sich zum Gehen
und war erregt wie einer, der einen heftigen Kampf für sein Liebstes
streitet und dabei doch das Gefühl hat, daß sein Kampf nutzlos ist.
* * * * *
Karl hatte sich mit Weiland angefreundet und mit dem verabredet, daß sie
gemeinsam am Sonntag einen Ausflug in einen Vorort machen wollten, der
berühmt war durch seine Tanzgelegenheiten, und Hans ließ sich bereden,
mitzugehen. Sie kamen in einen niedrigen und sehr großen Saal, der mit
Zigarrenqualm und Menschengeruch angefüllt war; ein Lärmen, Lachen und
Schwatzen stieg in die Höhe, auf einer Bühne saß eine kleine Kapelle,
und die Paare drängten sich durch die Menge zum Antreten. Nach vielem
Suchen fand Weiland seine Braut, die mit zwei andern Mädchen
zusammensaß, welche von verlegener Freude ergriffen wurden, wie sie die
drei sahen; aber die Lustigkeit Weilands und der leichte Sinn Karls
überwanden bald die Befangenheit der ersten Minuten, und nur Hans fügte
sich nicht so recht ein, wofür er auch der besonderen Aufmerksamkeit der
Mädchen teilhaftig wurde. Bald begann Weilands Braut mit Geläufigkeit zu
erzählen und redete mit Verachtung von ihren Eltern, deren Anschauungen
zurückgeblieben seien, denn ihr Vater war ein alter Achtundvierziger,
der immer noch auf dem Standpunkt der bürgerlichen Demokratie stehe, und
der habe ihr ein Sparkassenbuch angelegt und gehöre zur freireligiösen
Gemeinde. Ihr Wunsch wäre, daß sie mit Weiland in freier Liebe
zusammenleben wollte, aber ihr Vater verlangte, daß sie sich der
bürgerlichen Trauung unterzögen. Hans sprach am meisten mit der einen
Freundin, einem stillen und blassen Mädchen, das ein schwarzes und oben
geschlossenes Kleid trug und ihre Hände mit einem eigenen schwermütigen
Ausdruck lässig im Schoß liegen hatte. Die erzählte, daß sie Weißnäherin
war und für ein Geschäft arbeitete; sie konnte nicht tanzen, und ihre
Reden waren sonderbar müde und unfroh. Einmal antwortete sie auf eine
Bemerkung: »Ach, was hat man vom Leben, den ganzen Tag sitzt man vor der
Maschine, und wenn man heiratet, so hat man dazu bloß noch Sorgen und
Kummer.« Etwa achtzehn Jahre mochte sie alt sein. Auch klagte sie in
ihrer Art darüber, daß sie sich nun schon so lange gewünscht habe,
einmal einen feinen Herrn kennen zu lernen, und nun, da sie das
erreicht, sei sie in solcher Verfassung, daß sie ihn von sich
abschrecke. Über diese Reden bekam Hans bald ein peinliches Gefühl und
war ihm, als müßte er eine Schuld haben, und zugleich war er aber auch
gereizt gegen das Mädchen; die begann in klagender Weise weiter zu
erzählen von ihrem Leben und von ihren Verhältnissen; da zeigte es sich,
daß ihre Eltern sich ganz jung geheiratet hatten, weil ihr Vater in
Schlafstelle gewohnt bei den Eltern der Mutter, und daß sie von
Leichtsinn schnell in Sorge geraten waren und ihren Körper noch nicht
hatten entwickeln können, wie sie auch keine Ersparnisse gehabt hatten
für die Einrichtung des Hausstandes, und wie dann in schlechter und
lichtloser Wohnung viele schwächliche und freudlose Kinder gekommen
waren, die aufwuchsen in Bitterkeit und ohne Kraft, mit blassen Backen
und hinschmachtendem Leib. Über alle diese Umstände urteilte das Mädchen
mit wunderlicher Klarheit, und am Ende sprach sie, die armen Leute
hätten sehr unrecht, wenn sie immer mehr Freiheit haben wollten, denn
sie seien wie die Kinder, die von guten Menschen beaufsichtigt werden
müßten, damit sie sich nicht schädigten durch ihre eignen Torheiten, und
dieses Urteil hätten unter ihnen viele Frauen, aber die Männer
verhöhnten sie deswegen und sagten, sie seien nicht aufgeklärt.
Wie das Gespräch diese Wendung genommen hatte, verschwand ihnen beiden
die peinliche Stimmung, und es entstand bald eine gewisse Behaglichkeit
zwischen ihnen, indem sie auf die Dinge des gewöhnlichen Lebens kamen
und das Mädchen eine ernsthafte Mütterlichkeit gegen Hansen entwickelte,
gegen ihren Willen, denn sie hatte sich die ganze Woche darauf gefreut
gehabt, ein leichtes und fröhliches Liebesband zu knüpfen mit einem
Studenten, den sie sich als einen besonders lustigen und ganz
außergewöhnlichen Menschen vorgestellt; aber nun erzählte sie, wie sie
und ihre Mitarbeiterinnen kochendes Wasser geliefert bekamen für ihren
Kaffee, und daß sie sich Geld gespart zu einem neuen Kleid, und wenn er
sich nicht schäme, mit ihr auszugehen, so wolle sie dieses Kleid tragen,
denn sie wisse bereits eine billige Gelegenheit für einen guten Stoff,
der ihr auch zu ihrem Gesicht und Figur stehe.
Inzwischen tanzten die andern, und die dünne Musik tönte durch das
Lärmen; Zigarrenrauch ringelte sich in die Höhe zu der allgemeinen Wolke
und Kellner drängten sich eilfertig und aufgeregt durch die Menge; wie
Hans sie nach schüchternem Bedenken zum Trinken aufforderte, nippte sie
zart an ihrem Glase und klagte dann, daß sie wenig vertragen könne.
Die andre Freundin war ein übermütiges, gesundes und rotbackiges Wesen,
deren Augen in Fröhlichkeit blitzten, die hatte solche Lust zum Tanzen,
daß sie nicht still sitzen mochte, wenn die Musik ertönte, und Karl, der
ein geschmeidiger und leichter Tänzer war, führte sie immer mit heiterer
Aufforderung in den Reigen. Bald fand sie heraus, wie sie Hansen und die
Freundin necken konnte, und Karl, der durch alles gleichfalls in frohe
Laune geraten war, stimmte mit ein; aber obschon beide eine gutherzige
Gesinnung dabei hatten, wußten sie doch nicht eine gewisse Taktlosigkeit
zu vermeiden, die durch das Dissonieren der Meinungen ja leicht in dem
lebendigeren Teil erzeugt wird, und so entstand ein nicht ganz
behagliches Gefühl bei allen, durch das besonders Hansen plötzlich die
schlechte Luft, der Menschengeruch und der unfeine Lärm häßlich
auffielen, so daß er stiller wurde und in sich versank.
Wenn Leute aus dem Volk recht gesund und in ihrer Art wohlgeordnet
leben, so haben sie einen zutraulichen Glauben an sich selbst und an
alles, was sie tun, der sie sehr glücklich macht. Von dieser
Beschaffenheit war Karls Freundin. Die diente bei einer vornehmen
Herrschaft und war recht tüchtig in ihrer Tätigkeit, und indem sie aus
diesem die Überzeugung herausnahm, daß alles, was sie tat, überhaupt
nicht besser getan werden könne, hatte sie in ruhiger Zuversicht bald
die Herrschaft über den kleinen Kreis gewonnen, daß selbst Weilands
Braut sich ihr unterordnete. Es war für Hansen recht unbehaglich, daß er
sich dieser an sich harmlosen Herrschaft nicht zu erwehren vermochte,
wenn er nicht eine Mißstimmung schaffen wollte; und so hatte er hier zum
ersten Male das Gefühl, daß doch eine Kluft zwischen den verschiedenen
Klassen der Gesellschaft ist, die nicht überbrückt werden kann, und wenn
jemand den Versuch dennoch machen will, so begeht er vielleicht eine
schlechte Handlung, denn er zerstört die Wurzel des Dranges nach
Höherem.
In der Folge stellte sich heraus, daß Karl bei dieser Zusammenkunft mit
dem Mädchen eine Liebschaft angeknüpft hatte, die man mit dem Berliner
Ausdruck als Verhältnis bezeichnet. Er bewegte sich in den seltsamsten
Vorstellungen, indem die modernen sozialistischen Ideale mit alten
romantischen Bildern vom Volk bei ihm zusammenschmolzen, und so erschien
ihm dieses Mädchen aus dem Volke mit ihrem Drange nach Freiheit und nach
ungestümem Glück zugleich als eine kräftige und ursprüngliche Natur und
als ein Erstling einer großen Zukunft. Es kamen die beiden aber zusammen
an Sonntagen, die das Mädchen frei hatte, und indem zu der Zeit der
Frühling begann, daß er die Menschen aus den kahlen und grauen Straßen
hinauslockte in helles Grün, fuhren sie aus der Stadt, bis sie an Orte
kamen, wo sie allein waren und sich auf heimlichen Wegen ergingen unter
Kiefern, welche die ersten hellgrünen Spitzen vorsteckten. Da sah sie
viele Dinge, die ihr früher nicht bekannt gewesen waren, weil sie vorher
die nicht beachtet, Vögel von allerlei Art und Frühlingsblumen und einen
reinen, klaren Himmel; und zuerst war sie einem gedankenlosen Drange
gefolgt, der sie nach Glück und Genuß trieb, wie sie aber ein Vögelchen
gesehen hatte, das einen Halm im Schnabel trug zu seinem Neste, und ein
Himmelschlüsselchen, das schüchtern sein Köpfchen beugte auf einer
großen Wiese, da verschwand ihr das laute Lachen, und ihre Augen wurden
ernster, und ihr war, als müsse Karl ein Halt sein für sie, und das
Leben schien ihr nicht mehr eitel Jubel wie vorher. Aber wie sie sich so
änderte, da begann Karl seine Seele vor ihr zu verschließen, denn auch
ihn hatte nicht Liebe zu ihr getrieben, sondern Leichtfertigkeit und
eine falsche Vorstellung, die er sich selbst geschaffen; aber bei ihm
wandelte sich der leichte Sinn nicht in Treue und Zuneigung. Das merkte
sie gar bald, und da seufzte sie heimlich und kehrte bei sich ein; aber
schon war ihre Liebe zu groß geworden, als daß sie hätte sich entfernen
können von ihm, und so hing sie ihm weiter an in bitterer Demütigung,
und ihr Kummer machte sie besser, wie sie gewesen, und ihr Gesicht
verlor zwar seine jugendliche Frische, aber es bekam edlere Züge, und
selbst ihre Bewegungen erhielten etwas Vornehmes, das ihren Bekannten
auffiel, daß sie es dem Einfluß Karls zuschoben. Dieser aber lebte in
Haltlosigkeit; schämte sich seiner selbst und war deshalb hart gegen
sie; denn schwache Menschen können es nicht leiden, daß sie geliebt
werden und müssen den Liebenden plagen. Unter solchen Umständen geschah
es, daß sie sich gesegneten Leibes fühlte; da erschrak sie heftig und
hatte zugleich eine heimliche Freude, und außerdem überkam sie, wie aus
einer Nacht, die Erinnerung an ihre Heimat und an ihre Eltern, und wie
sie sich schämen mußte zu Hause, wenn dort jemand etwas von ihr wüßte;
vor ihren Freundinnen in Berlin aber schämte sie sich nicht, auch hatte
sie keine Freude auf das Kind, wenn sie bei denen war. Wie Karl die
Neuigkeit erfuhr durch Weilands Braut und nicht durch sie selber, da
hatte auch er einen starken Schrecken, und indem sich verwirrte
Gewissensbedenken in ihm erhoben, die nicht auf klaren und verständigen
Gefühlen ruhten, sondern auf Unwahrheit, so beschloß er bei sich, daß er
sie heiraten wolle. Wie er ihr diesen Entschluß mitteilte, sprach sie zu
ihm: »Wenn du mir solche Worte gesagt hättest in unsrer ersten Zeit,
bevor ich dich wirklich lieb hatte, so wäre ich sehr stolz geworden
durch sie und hätte mich ohne weitere Gedanken gefreut, deine richtige
Frau zu werden. Nun aber weiß ich, daß es ein Gefühl gibt, das ich
damals nicht kannte, und das wahrscheinlich viele Menschen nicht kennen,
und vielleicht hätte ich unter andern Verhältnissen auch selbst bis zu
einem späten Tode nichts von diesem Gefühl erfahren; da ich es nun aber
kenne, so kann ich nicht mit dir zusammenleben, denn du kannst mich
nicht so ehren, wie es nötig wäre, weil ich geringer Herkunft bin und
mir nicht feine Art angewöhnen kann, auch nicht der rechten Bildung
fähig bin; was alles wohl jetzt in unserm Kreise und so lange wir jung
sind nicht so schlimm erscheint, aber mir viele schmerzliche Stunden
erzeugen würde, wenn ich erst älter bin und du in eine andre
Gesellschaft gelangt bist.« Wie sie das gesagt hatte, spürte Karl, daß
sie aus übergroßer Liebe ihm mehreres verschwieg, von dem sie gedacht
hatte, daß es ihn kränken könne, und es war ihm, als ob er sich recht
schämen müsse vor ihr. Damals zog zuerst Bitterkeit in sein Herz, denn
er sah plötzlich ein, daß er ein niedriger Mensch war, und er begann
sich selbst zu hassen und versuchte, ob er andre verachten könne; denn
solche Hölle entbrennt in unedlen Leuten, wenn ihnen durch die
Betrachtung Edler ihr Unwert klar wird; deshalb begann er lügnerische
Worte zu machen, die sie schmerzten und in ihm am Ende eine große Leere
schufen.
Wie nun ihre Zeit herannahte, mußte sie ihre gute Stelle aufgeben, und
indem sie unwillig abwehrte, daß er ihr in irgend etwas half, nahm sie
ihr erspartes Geld von der Sparkasse und zog zu einem alten Kunkelweibe,
das in solchen Fällen Mädchen Unterkunft gewährte; hier saß sie in einer
großen Hinterstube, die ein Fenster in der äußersten Ecke auf den Hof
hinaus hatte, und saß an dem Fenster im trüben Winterlicht und nähte
Windeln, Binden und Hemdchen für das Kind, das sie erwartete. Und daran
dachte sie, daß das ein kleines Wesen sein werde, das sie sich an die
Brust legen wollte, und alle andern Gedanken waren ihr versunken; nur
stellte sie es sich immer wieder mit Absicht recht klar vor, wie klein
das Kind sein werde, weil sie es sich sonst zu groß gedacht hätte, etwa
wie es auf einem Stühlchen sitzt und nach seinem Schüsselchen verlangt.
Mit Kraft und Anstrengung vergaß sie, daß sie es nicht bei sich behalten
konnte, sondern sie mußte nach ein paar Wochen wieder in Dienst gehen,
und das liebe Kind mußte bei der Frau bleiben; denn wenn sie daran
gedacht hätte, dann hätte sie immer weinen müssen; so aber konnte es ihr
vorkommen, als gehöre ihr diese Stube, und sie sei verheiratet, und am
Abend komme ihr junger Mann, und zuweilen bedachte sie bei sich, wie sie
die Möbel anders stellen wolle und alles recht reinlich halten. Aber
dann tat sich die Tür auf, und das alte Kunkelweib kam herein und
erzählte ihre Geschichten, wie sie sich mit den Leuten gezankt hatte. Da
mußte sie sehr an sich halten, daß sie nicht weinte; denn wenn Karl sie
besuchte, so war ihr das auch kein Trost, weil sie sah, daß er nur um
sich ängstlich war und an sie dachte er eigentlich gar nicht; ja es war
zuzeiten, als sei es ihm ein besonderes Opfer, welches er ihr brachte,
daß er sie besuchte.
Wie es oft geht, daß Verhältnisse, die eigentlich längst sinnlos
geworden sind, doch noch fortbestehen, weil keine äußere Gelegenheit
kommt, die sie zum Aufhören bringt, so geschah es auch hier. Denn
nachdem das Mädchen wieder eine neue Stellung erhalten hatte, schien es
äußerlich, als sei zwischen beiden alles wie vorher, da sie doch beide
mit Mühe und Verdruß ein drückendes Joch trugen, und Karl war oft heftig
und ungerecht gegen sie, und sie schwieg voller Sanftmut. Da bat sie
ihn, es war gerade am Jahrestag ihrer ersten Begegnung, daß sie wollten
wieder an jenen Ort hinausfahren, wo sie sich kennen gelernt. Sie kamen
an, und es schien äußerlich alles unverändert, denn wie im vorigen Jahre
war der große und niedrige Raum vollgedrängt mit Menschen, und spielte
auf der Erhöhung die geringe Kapelle, und es war fast, als schlage der
Lärm der Gespräche, des Klapperns, des Gehens und Kommens, des Tanzens
und der Musik im gleichen Zeitmaß an ihr Ohr, nur saßen sie jetzt allein
und ohne die Freunde.
Aber da wurde ihnen klar, wie sie selbst sich verändert hatten, denn sie
wurden von Widerwillen und heftiger Langeweile befallen, und wo im
vorigen Jahr ihnen die Hoffnung einen weiten Raum gezeigt hatte hinter
diesen tanzenden Paaren, da war es jetzt, als sei das alles hier nicht
räumlich, sondern geschehe in einer Fläche, und sie hätten fliehen
mögen, weil das Gewühl ihnen nahe kam. Mit einem erzwungenen Lächeln
führte Karl sie zum Tanze, aber ihre Hände lagen schlaff ineinander, und
sie beide dachten an den ersten plötzlichen Händedruck, den sie sich
damals beim Tanz gegeben, der sie beide elektrisch durchzuckt hatte.
Während diesem überlegte sie sich eine Absicht, führte ihn aus dem Saal
in den winterlichen Garten und sprach zu ihm: »Ich sehe ein, daß es für
uns beide am besten ist, wenn wir nun auseinandergehen. Wohl haben unsre
Eltern recht gehabt, daß sie uns warnten vor der Leichtfertigkeit und
sagten, gleich gesellt sich zu gleich. Ich habe geglaubt wie viele
heute, das Leben sei leichter geworden und die Alten seien altfränkisch,
und unter den Menschen herrsche mehr Gleichheit wie früher. Aber jetzt
verspüre ich, daß ich einem falschen Scheine gefolgt bin, denn in
Wahrheit ist das Leben schwerer geworden, weil ein jeder allein steht in
der Welt und keinen Menschen hat, noch Meinung, an die er sich halten
kann; und in Wahrheit ist eine tiefere Ungleichheit unter die Menschen
gekommen, wie sie früher war; denn als du versuchtest, wie du es
nanntest, mich zu bilden, da verspürte ich eine tiefe Kluft, die nicht
überbrückt werden kann; und wenn ich redlich sprechen soll, so muß ich
sagen, ich weiß nicht, welches mehr wert ist, deine Bildung oder das,
was ich für mich habe und auch behalten will. Und vielleicht ist das der
einzige Unterschied gegen früher, daß ich als ein Dienstbote solche
Gesinnungen habe und ausspreche. Aber wir wollen nicht in Haß und
Erbitterung voneinandergehen, denn wir haben doch einmal gedacht, wir
gehören zusammen, und ich wenigstens bin durch dich ein andrer Mensch
geworden. Und wie ich dir schon sonst sagte, will ich das Kind für mich
behalten und will mich seiner auch allein freuen, du aber sollst keine
Furcht haben durch uns beide. Und denke auch nicht, daß ich ein
trauriges Leben haben werde; denn ich will suchen, daß ich einen guten
und tüchtigen Mann bekomme, der für mich paßt, und will heiraten und ein
rechtschaffenes Leben führen.«
Nach diesen Worten geschah nur noch Unbedeutendes; und so trennten sich
am Ende die beiden, nachdem einer den andern sonderbar beeinflußt hatte
und dessen Leben in eine neue Bahn geleitet.
Bei Karl kam es in den folgenden Wochen, daß eine dichterische Begabung,
die sich bis dahin nicht hatte zu äußern vermögen, einen ihr
angemessenen Ausdruck fand. Freilich war seine Dichtung nicht ein Kind
der Kraft und Gesundheit und ein freiwilliges Überfließen, sondern wie
bei so vielen Menschen unsrer heutigen Zeit war sie ein Kind der
Schwäche, die hier dem Seelenunkundigen durch scheinbar scharfe
Wiedergabe der Natur gerade als Stärke zu erscheinen vermochte. Zu jener
Zeit kam aus dem Auslande der Einfluß gleichgestimmter Seelen, und weil
der leere Nachton früherer Kunst, der bei uns damals vornehmlich zu
hören war, die Ohren und Geister nicht gegen die fremden Klänge
einzunehmen vermochte, so geschah es, daß gerade die Dürftigen und
Schwächlichen zu einer besonderen Entfaltung kamen und ein seltsames
Gaukelspiel vortäuschen konnten. Karls Geschick wollte, daß er mit in
diese Bewegung geriet. Aber weil er ein schwacher Mensch war, so hatte
er nicht die Liebe zu den Dingen und Menschen, die ein Dichter haben
muß, der die Welt in sich aufnimmt in Heiterkeit und Ruhe und sie
vergoldet durch seine Freude, Hoffnung und Willen zum Guten und dann
wieder aus sich heraus stellt in einen Rahmen, damit die Menschen das
Bild anschauen mögen und glücklicher und besser werden, sondern er
beobachtete das einzelne und zerfaserte es und wollte aus den
untersuchten Stücken des Leichnams wieder lebendige Körper schaffen, und
zerfaserte sich selbst in Hochmut und Selbstverachtung und wollte neue
seelische Wahrheiten bilden aus diesen Quellen der Eitelkeit. Und dieses
alles bedeutete für die Geschichte seines Wesens einen weiteren Schritt
in die Auflösung. Wie aber eine Frucht, die sich aus der Blüte
entwickelt hat zum Fruchtansatz und allmählich gereift ist zum
rotbackigen Apfel und dann vom Baum gepflückt wird und aufgehoben im
dunkeln Raum, wie solcher Frucht alles weitere Geschehen als eine
weitere Entwicklung erscheinen muß, nicht nur, daß sie noch reift auf
dem Stroh und schmackhafter wird, sondern auch, daß sie endlich vom
Kernhause aus zu faulen beginnt und die Fäulnis sich immer mehr
ausdehnt, bis der ganze Apfel verfault ist und der Schimmel ihn bedeckt,
so muß auch solchem Menschen seine Auflösung als eine Weiterentwicklung
erscheinen, und er mag sich sogar als einen Erstling preisen der
künftigen Zeiten, wo eine neue Art Menschen leben wird, die ihm gleich
sind, da er doch nur ein fauler Apfel ist und nicht mehr wert, als daß
ihn die Hausfrau ausliest und wirft ihn auf den Mist.
* * * * *
Es ist schon früher berichtet, daß die Gräfin viele Jahre lang
bettlägerig gewesen ist. Welche Krankheit sie haben mochte, das konnten
die Ärzte nicht bestimmt sagen, denn es wechselten die Schmerzen und die
Stellen des Leidens und alle Anzeichen, und nur das war immer das
gleiche, daß sie nicht ihr Bett verlassen konnte.
Sie war eine harte Frau und hatte einen unruhigen Verstand, der zu allen
Dingen schweifte, und seit ihrer Krankheit vornehmlich aber zu den
verschiedenen Angelegenheiten des Haushaltes. Diesen wollte sie
beständig von ihrem Lager aus leiten, und die Dienstboten mußten ihr
alles genau berichten und erklären, und indem sie in ihrer Einsamkeit
nach diesen Antworten und Erzählungen sich ein vollständiges Bild von
allem machte, befahl sie ihnen genau alles bis in das geringste, was
getan werden sollte. Aber da die Dienstboten sich sehr häufig nicht an
ihre Befehle kehrten und nach ihrem Belieben wirtschafteten und ihr dann
später trügerischerweise Falsches berichteten, bildete sie sich doch
eine unrichtige Vorstellung von allem, was vorhanden war und was
geschah. Dann kam es, daß die Leute ihre früheren Lügen vergaßen und
nach dem wirklichen Stande erzählten, auch sonst sich Widersprüche
herausstellten zwischen ihrem Bilde, das sie sich gemacht, und den
wirklichen Zuständen. Hierüber geriet sie immer in großen Zorn, schalt
viel und klagte dann das Geschehene ihrem Mann, der sich hierdurch noch
mehr von ihr entfremdete, als ohnedies durch ihre Krankheit geschah. Wie
sie das verspürte, machte sie ihm Vorwürfe und trieb sich und ihn immer
weiter in den Unfrieden hinein.
Die beiden Söhne, die mit alten und in der Familie erblichen Namen Bolko
und Ivo genannt wurden, hatten sich inzwischen in der bereits früher
geschilderten Art entwickelt und waren von Hause fortgekommen als
Offiziere. Die ganze Zeit über verlangten sie von ihrem Vater immer sehr
viel Geld, der zwar für sich selbst leichtfertig und unbedacht war, für
seiner Söhne zielloses Leben aber doch einen klaren Blick hatte; auf
seine Ermahnungen freilich hörten sie nicht, sondern hielten ihm keck
sein eignes Beispiel vor; und indem er Furcht hatte, über seine
Verhältnisse selbst klar zu werden, vermochte er ihnen auf diesen
Einwurf nicht eindringlich zu antworten, denn sie lebten in der Meinung,
daß das elterliche Vermögen viel größer sei, als es in der Tat war. So
war er dahin gelangt, daß er schon Geld auf Wechsel genommen hatte, und
war in die Hände der Wucherer geraten; nun befiel ihn zuzeiten eine
heftige Angst und sinnlose Reue; und während solche Stimmungen früher
von selbst wieder verschwunden waren durch die Wirkung seines leichten
Gemütes, kostete es ihn jetzt Anstrengung, sich von ihnen frei zu
halten. Die Frau durfte von allen diesen Sorgen nichts erfahren, und
wenn sie in ihrer Unwissenheit oft Verfügungen traf, die ihm in seinem
Mangel schwierig wurden, so mußte er allerhand Ausflüchte ersinnen,
Lügen erzählen und lange Geschichten vorbringen und zuweilen sich
gekränkt stellen oder Vergeßlichkeit heucheln.
Die Tochter, die allein zu Hause geblieben war, stand ohne eine rechte
Bedeutung an der Seite, denn sie merkte wohl, daß der Vater Geheimnisse
hatte, und aus Scheu und Mitleid wurde dadurch ihr Benehmen fremd gegen
ihn, was er nach seinem bösen Gewissen ausdeutete, als wisse sie vieles
und zürne ihm; und die Mutter hielt sie von den Angelegenheiten des
Hauses entfernt aus Eifersucht, weil sie selbst die Leitung behalten
wollte, und auch aus geheimer Furcht, daß ihre Unzulänglichkeit
aufgedeckt werde. So brachte die junge Dame ein freudeloses Leben hin in
Sehnsucht nach einer Tätigkeit und Wirkung.
Indem die Dinge so lagen, kam plötzlich der älteste Sohn Bolko
unvorbereitet zu einem kurzen Besuch: der Vater erschrak, als er das
Telegramm erhielt, und wie des Sohnes sporenklirrender Schritt auf dem
Gange hörbar wurde, stockte ihm das Blut. Er führte ihn zur Mutter, die
den Ältesten immer besonders geliebt hatte, indem sie von seinem wahren
Leben gar nichts wußte, sondern ihn immer nur kannte, wie er als ein
hübscher und schlanker Mensch mit offenem Gesicht ehrerbietig in ihrem
dämmerigen Krankenzimmer stand. Sie freute sich mit einem glücklichen
Gesicht, wie er ihr die Hand küßte, und mit großer Zärtlichkeit
streichelte sie seine blonden Haare. Dann ließ sie sich von ihm
erzählen, und er mußte Bälle beschreiben und Schlittenfahrten, und auch
von seinen Pferden sprach er. So hörte sie immer mit glücklichem Lächeln
zu, und als sie selbst einmal einiges sprach, suchte sie seinen Gedanken
eine leise Richtung zu geben, denn sie hatte eine Heirat für ihn im Sinn
und hätte gern gewußt, welches seine Meinung sei; und in dieser kurzen
Zeit erschien ihr plötzlich ihr eignes Leben gar nicht so unglücklich
wie sonst, und ihres Sohnes künftiges Leben war ihr heiter und sonnig.
Er lachte aber über ihre Anspielungen und machte Scherze, so daß sie ein
wenig gekränkt wurde; aber nur ein wenig, sie verzog den Mund, wie sie
als junges Mädchen getan, und ganz schnell wurde sie wieder zufrieden
und heiter; seit sehr langer Zeit war sie nicht in solcher Verfassung
gewesen. Nach einer Weile stand er auf, um das Zimmer zu verlassen; groß
und stattlich war er vor ihr, und sie blickte in ein ungetrübtes und
lachendes Gesicht. Da überkam sie eine besondere Zärtlichkeit und gab
ihm einen Wink, daß er sich über sie beugen mußte, und sie selbst hob
ihren Kopf und drückte ihm einen Kuß auf die Stirn; dabei überflog Röte
ihr ganzes Gesicht, und ihre Augen glänzten. Wie er zum Vater
zurückkehrte, fand er den in einer Ecke seines großen Lehnstuhls, da sah
er ganz verfallen und grau aus; schweigend wies er dem Sohn einen Platz
an. Die Furcht vor dem Gespräch lastete auf beiden, und um die Stille zu
brechen, sagte der junge Mann endlich gleichgültige Sätze über die
Ernte. Der Vater nickte nur, denn ihm verschloß die Angst den Mund noch
fester wie dem Sohne, zuletzt aber fragte er doch nach dem Grund des
Besuches, unvermittelt. Da schwieg der junge Offizier zuerst lange, und
endlich erzählte er, daß er Abschied von den Eltern nehmen wolle, weil
er am andern Tage einen Zweikampf habe, in dem er fallen werde. Nichts
weiter sagte er, aber der Vater merkte, daß sein Sohn sich schämen mußte
über die Ursache, und daß alles unabwendbar war, und saß da mit
entsetztem Ausdruck und offenem Munde, und den Sohn überkam ein Ekel vor
dem gedunsenen und schlaffen Schlemmergesicht; deshalb fügte er in
härterer Sprache hinzu, daß er seine Schulden und andre Verpflichtungen
aufgeschrieben habe und ihm das Verzeichnis geben wolle, damit der Vater
später alles begleiche.
Da war es, als sei dem Alten das Wichtigste gar nicht klar geworden, und
nur das Geringere berühre ihn, und fing an, mit heftigen Worten auf den
Sohn zu schelten, daß der Schulden gemacht habe, und in seiner
Verstörtheit gebrauchte er ganz gemeine Ausdrücke. Hierdurch geriet der
Junge in eine feindliche Erregung und sprang ungestüm von seinem Stuhl
auf und erwiderte die Vorwürfe und sagte dem Vater, daß er keine Eltern
gehabt habe, und auch sein Bruder habe keine Eltern gehabt und auch
seine Schwester nicht; niemand habe sich um sie gekümmert wie bezahlte
Leute, denn den Eltern waren sie zur Last, weil die andre Dinge
vorhatten; nur wurden sie zuweilen der Mutter vorgeführt in geputzten
Kleidern und mit einstudierten Reden; nie haben die Eltern ein Herz
gehabt für die Kinder, deshalb seien die nie mit einer Bitte zu ihnen
gekommen; ein einziges Mal habe er erlebt, daß die Schwester gebeten,
sie möchte gern Kaninchen haben, da sei ihr von der Mutter geantwortet,
daß kein Raum vorhanden sei. Viele Vorwürfe habe er sich selbst schon
gemacht über sein verkehrtes Leben, das nun jetzt in jungen Jahren zu
Ende sei, und er wisse wohl, daß er selbst schuld habe, denn trotz allem
hätte er ein andrer Mensch werden können; aber außer ihm selbst seien
die Verursacher seines Unterganges sein Vater und seine Mutter. Und
nicht lange könne es dauern, dann werde sein Bruder Ivo nach Hause
kommen in derselben Weise wie jetzt er. Damit warf er das Verzeichnis
der Schulden auf den Tisch und sagte, sein Erbteil müsse hinreichend
groß sein, daß diese Summen nur eine Kleinigkeit dagegen ausmachten, und
dann ging er aus der Tür; erleichterten Herzens, denn er war ein
schwacher und schlechter Mensch und war nun beruhigt in seinem Gewissen,
weil er sein Unrecht einem andern aufgeladen hatte. Wie nun die
Nachricht kam von dem Tode des jungen Herrn, da ereignete sich das
Sonderbare, daß die alte Gräfin plötzlich von ihrem Lager aufstand, auf
dem sie fünfzehn Jahre lang verharrt, und war, als sei sie nie krank
gewesen. Sie ließ sich die Kleider kommen, die sie damals zuletzt
getragen, als sie sich gelegt, und wählte sich ein dunkelfarbiges Gewand
aus; es schien aber, als sei sie größer geworden, und ihre Figur hatte
sich verschmälert, so daß das Kleid in sonderbarer Weise auf ihr hing,
und indem es gleichzeitig unmodern geworden war und für einen
jugendlicheren Menschen gearbeitet, machte sie einen seltsam
unheimlichen Eindruck in ihrem Aufzug. Mit Leichtigkeit stieg sie die
Treppen und besuchte alle Räume und Winkel und betrachtete Vorräte und
Einrichtungen und fand alles ganz anders, wie sie es sich auf ihrem
Lager gedacht, und geriet in heftige Erregung über die Dienstboten; und
so schalt sie im Hause herum und zankte mit Bosheit, während die Leiche
des Erstgeborenen gebracht wurde und der alte Herr verstört in seinem
verschlossenen und verriegelten Zimmer saß. Nach dem Herkommen wurde der
Tote in einem großen Saal aufgebahrt, der mit Tannengrün geschmückt war;
in dem Saal hatten seit vielen hundert Jahren die Toten des Geschlechtes
gelegen, von Lichten auf alten Leuchtern ihre wachsfarbenen Gesichter
beschienen. Die Leute aus der Gegend und die Bedienten und die Arbeiter
von den Gütern kamen, die Leiche anzusehen; sie kamen mit ihren Frauen
und den schüchternen Kindern und hatten ihre Sonntagskleider angezogen.
Da sahen sie die Gräfin in wunderlicher Kleidung, die über die Leiche
des Sohnes ausgestreckt lag und schluchzte, daß ihre Gestalt erschüttert
wurde. Viele Stunden lag sie so, und wie sie sich erhob, begann sie
wieder ihr mißtöniges Schelten mit den erschreckten Leuten und eilte
aufgeregt durch alle Räume, Kommodenschubladen aufziehend, in denen sie
vor fünfzehn Jahren alte Flicken aufgehoben, in Schränken wühlend und
nach längst vertragenen Kleidern forschend, das Porzellan und Glas
betrachtend, das die Wirtschafterin mit zitternden Händen auf den großen
Ausziehtisch stellen mußte, und das Silber nachzählend, das sie selber
putzen wollte.
Der alte Herr hatte mit schweren Sinnen gerechnet und gezählt; zum
ersten Male kam ihm jetzt eine Art Klarheit seiner Lage, und er fühlte
sich gänzlich hilflos. Mit schweren Schritten ging er die Treppe hinab,
und gebeugt bestieg er den Wagen, um nach dem Orte zu reisen, wo sein
Sohn gestanden. Hier suchte er den Wucherer auf in seinem Hause, das
erst neu gebaut war, denn der Mann war ein Bauunternehmer; eine marmorne
Treppe erstieg er, die mit einem teuren Teppich belegt war, und kam in
ein prunkvolles Gemach; es war ihm, als verlasse ihn alles
Selbstbewußtsein, das ihm sonst immer natürlich gewesen war, wie er dem
stiernackigen Menschen gegenüberstand, der seine gewöhnliche und gemeine
Art mit Kaltblütigkeit hinter einer eignen Höflichkeit verbarg, welche
der Graf in den Kreisen, welche er sonst gekannt, noch nie getroffen
hatte; vielleicht war der Mensch erst vor kurzem aus dem Zuchthause
entlassen, und trotzdem wußte er sich so zu haben, daß der adelige Mann
verwirrt wurde vor ihm. Vergeblich versuchte der in einer vornehmen und
nachlässigen Manier zu sprechen, er mußte abbrechen und nach einer
andern Weise suchen; am Ende legte er dem andern mit Schüchternheit
seine Verhältnisse offen dar, als sei der gegen ihn ein alter und
würdiger Herr, dem er vertrauen müsse, und der ihn ermahnen und tadeln,
aber auch unterstützen werde. In diesen Minuten, als ihm der künstlich
erhaltene Stolz vor der Kraft eines ehrlosen Menschen zusammenbrach,
begann in dem Grafen eine Verstörtheit, die ihn am Ende kindisch machte.
Der andre, der seinen Vorteil bald bemerkte, wußte ihn zu den Absichten
zu bestimmen, die er selbst sich gesetzt, und so wurden die Schulden
derart geordnet, daß der Graf ihm kaum je wieder aus den Händen kommen
konnte. Ivo, der zweite Sohn, wurde zu der Beerdigung erwartet; er
verspätete sich aber in auffälliger Weise und kam erst, als die Träger
den zugeschraubten Sarg eben auf die Achseln nehmen wollten. Nachdem die
Feierlichkeit beendet war, saßen die vier Familienmitglieder in trüben
Gedanken beisammen. Am Ende begann der Sohn mit einem Scheine, als
handle es sich nur um Unbedeutendes, daß er den Vater auf andre Gedanken
bringen wolle, und habe er in der letzten Zeit Unglück im Spiel gehabt,
und brauche er bis zum übernächsten Tage eine bestimmte Geldsumme, die
ihm der Vater gewiß geben werde; absichtlich brachte er die Bitte in
Gegenwart der beiden Frauen vor, weil er dachte, daß für das erste sein
Anliegen dadurch geringfügiger erscheinen müsse.
In dem alten Herrn wurden durch diese Worte längst vergessene
Erinnerungen lebendig, und deren Drang übertäubte in seinem geschwächten
Geist das Verständnis dessen, das er gehört. So begann er von seiner
Jugend zu erzählen, und wie man damals anspruchsloser gelebt habe, denn
nur an Königs Geburtstag habe man Wein getrunken, und sonst Kofent, und
er selbst habe einmal seinem Vater kleine Schulden beichten müssen, da
habe ihn der übel aufgenommen und ihm vorgerechnet, was er selbst
arbeite und verbrauche, und habe ihm dann Hausarrest gegeben vier Wochen
lang. Heute aber sei die Jugend leichtfertig, und das Eindringen der
reichen Bürgerlichen in die Armee habe die Zeiten vornehmer Einfachheit
verdrängt. Ivo saß da in großer Besorgnis, denn in Wahrheit hatte er
große Schulden und wußte nicht, wie er seines Vaters Reden auffassen
sollte. Und wie der Vater geendet hatte, begann die Mutter, schalt auf
die heutigen Zeiten, in denen es keine treuen und sorgsamen Dienstboten
mehr gäbe, und erzählte weitläufig von ihrer Leinenaussteuer,
wieviel Dutzend sie von jeder Sache gehabt, und wie das alles
auseinandergerissen sei, so daß sie nichts Vollständiges mehr vorfinde,
und das Wenige, das noch in den Schränken liege, sei übel gewaschen.
Dabei war, als seien die fünfzehn Jahre ihres Krankenlagers gar nicht
gewesen, und sie verwechselte die Zeiten, denn indem sie von einigen
Leuten sprach, dachte sie an deren Eltern, die in den Jahren, welche sie
im Sinn hatte, so aussahen wie die jetzt. Dem Ivo wurde es unheimlich
durch seine eigne Angst und durch das wirre Sprechen der Eltern, und er
blickte hilfesuchend auf seine Schwester; die aber hatte ihren eignen
Gedanken nachgehangen und seine Bitte überhört, weil sie im Ton nicht
auffällig gewesen war, und da sie den Verfall der Eltern allmählich
hatte vor sich gehen sehen, so waren ihr auch diese Reden nicht
auffällig gewesen. So saß sie da im schwarzen und geschlossenen Kleid,
die Hände im Schoße liegend und ins Leere blickend; sie bedachte aber,
wie sie es erreichen könne, daß sie diesem Leben entfliehe, denn bis zur
Unerträglichkeit hatte sich der Überdruß in ihr gesteigert.
Aber wie der junge Offizier sich derart ganz allein zwischen diesen drei
Menschen fühlte und seine Sorge ihm mit Schwere auf das Herz fiel, stieg
es ihm heiß in die Augen, und zwei Tränen rannen ihm über die Backen und
in die Winkel des zuckenden Mundes. Hierdurch wurde die Schwester
aufmerksam, und indem ihr nun seine früheren Worte in klares Bewußtsein
traten, fragte sie erschreckt, ob seine Schuldenlast vielleicht sehr
hoch sei; er aber war so bekümmert, daß er nicht zu reden vermochte, und
so nickte er nur mit dem Kopfe. Dann, während sich inzwischen unter den
Eltern ein Streit entspann um ein silbernes Salzfaß, das die Mutter
vermißte, klagte er mit abgerissenen Worten der Schwester, daß es ihm an
Mut fehle, um seinem Leben ein Ende zu machen, denn das sei ja doch der
einzige Ausweg. Als er das sagte, schrie sie laut auf und verhüllte ihr
Gesicht; der Vater wendete sich langsam zu ihr und fragte sie nach der
Ursache ihres Schreiens, und indem er an den Wortwechsel über das
Salzfaß dachte und in seinen trüben Gedanken meinte, daß es sich bei
diesem um etwas Wichtiges handle, das auch seine Tochter schwer betrübe,
suchte er mit der alten Gewohnheit liebenswürdiger Gesinnung sie zu
trösten, indem er sagte, daß dieses Salzfaß sich schon noch wiederfinden
werde, und sie als ein Kind brauche sich nicht solche Sorgen zu machen
wie die Erwachsenen. Bei diesen Reden wurde dem jungen Ivo der Zustand
seiner Eltern endlich ganz klar, und er verspürte mit Erschrecken, daß
er zu seinen eignen verworrenen Verhältnissen nun auch noch das Bedenken
der Familienangelegenheiten auf sich nehmen müsse, und nur geringer
Trost war es ihm, daß er jetzt die Möglichkeit in der Hand habe, seine
Lage in die Richte zu bringen, denn es ahnte ihm wohl, wie arg alles
verwickelt war. Indessen besprach er sich nun mit der Schwester, was zu
tun sei, und beruhigten die beiden die Eltern und brachten die mit
Schonung dahin, daß sie ungestört von ihnen blieben und sich mit Ruhe
beraten konnten.
Die ganze Nacht brannte in dem Arbeitszimmer des alten Grafen eine
schlechte Lampe ohne Glocke, die sie sich aus der Küche hatten
heraufbringen lassen; bei ihrem Schein lasen sie Aufzeichnungen,
Ausgabenberechnungen, Einnahmenverzeichnisse und allerhand Aufstellungen
über die Vermögensverhältnisse, und als letztes fiel ihnen das Blatt
Bolkos in die Hand und die Urkunden über die Unterhandlungen mit dem
Wucherer. Es war den Ungeübten nicht möglich, ein klares Bild aus dem
Wirrwarr zu gewinnen, in dem sich der alte Herr selbst ja schon seit
langen Jahren nicht mehr zurechtgefunden hatte; aber eine recht
deutliche Vorstellung von ihrer Lage gewannen sie doch vornehmlich aus
einem Schreiben, in welchem der frühere Vermögensverwalter um seine
Entlassung bat, der eine andre Stellung angenommen hatte. Indessen
drängte die Zeit, denn Ivos Hauptschuld war fällig, und er hatte seine
Ehre verpfändet, und so ersparte die Notwendigkeit eines schnellen
Entschlusses ihnen die Verzweiflung, die sie überfallen hätte, wenn sie
sich länger hätten bedenken können, und es blieb kein weiterer Ausweg,
als daß sich Ivo an den Wucherer seines Vaters wendete, da dieser die
Verhältnisse am besten kannte und deshalb am leichtesten geneigt sein
mußte zur Aushilfe. Was dann weiter geschehen sollte, insbesondere mit
dem Vater, und wie Ivo die Ordnung und Verwaltung der Geschäfte in die
Hand nehmen würde, das mußte man nachher bedenken.
Eine kurze Zeit war noch bis zur Abfahrt des Wagens für den Zug, den Ivo
benutzen mußte. Er trat zu seiner Schwester, und sein Gesicht, das
gestern noch leichtfertige und leere Züge aufgewiesen hatte, erschien
gealtert und männlicher geworden; und indem er ihre Hand erfaßte, sprach
er zu ihr in einem neuen und tiefen Ton, den sie bis dahin nicht von ihm
gehört.
»Liebe Schwester, wir sind die letzten von einem alten Geschlecht, zu
dem viele Menschen durch Jahrhunderte aufgesehen haben. Nun gehe ich
einen schweren Weg, denn ich weiß nicht, ob ich bekommen werde, was ich
suche; bekomme ich es aber nicht, so muß ich sterben, denn wenigstens
liegt mir das ob, zu achten, daß unser Name nicht in Unehren erlischt.
Du bleibst dann allein zurück, aber ich habe um dich keine Sorgen, denn
du wirst schon eine Stelle für dich finden in der Welt; das sehe ich
jetzt mit ruhigen Augen, denn seit mir offenkundig geworden ist, vor
welcher Entscheidung und Ernsthaftigkeit ich stehe, habe ich plötzlich
einen neuen Blick bekommen, Leben und Menschen zu betrachten, über die
ich vorher gar nicht nachgedacht. Ich weiß, daß mein Bruder meinte,
unsers verfehlten Lebens Ursache seien unsre Eltern, und ich selbst habe
wohl dieser Meinung beigepflichtet in Stunden, wo das Gewissen mich
mahnen wollte; aber dabei wußte ich doch immer im Herzen, daß ich nur
eine schlechte Ausflucht meiner Angst suchte, und im Innern wußte ich
mit großer Furcht, meines verfehlten Lebens Ursache sei ich selbst, denn
ich gab mich hin an schlechte Menschen und war gedankenlos und überlegte
nicht meiner Schritte Folgen, und alles, was ich tat, verstrickte mich
immer mehr in das Netz, dessen Maschen mich nun so eng umschnüren; und
schon daraus, daß ich bisher immer mehr gefesselt wurde, würde ich
annehmen, wie auf die Stimme eines Dämons hörend, daß mein Suchen
vergeblich sein wird und meines Lebens Ende unabwendbar nahe ist. Nicht
wenig aber hat die heimliche Gewissensangst selber zu meiner
Verstrickung beigetragen, denn sie selbst machte blind, und
gleicherweise das Streben, ihr zu entgehen, indem ich sie mir leugnete,
machte blind. Nun aber, in dieser Nacht der Verzweiflung, habe ich ein
neues Licht gesehen, und ich weiß nun, daß niemand eine Schuld hat,
nicht meine Eltern und nicht ich, sondern wir sind getrieben durch eine
Macht zu dem Ende, das sie gewollt hat, und ich glaube, daß ihr Wille
gut und nützlich ist. Denn wenn die Macht den Willen hat, daß einer ins
Licht kommen soll und sein Geschlecht in die Höhe führen, so ist der
pflichtlos und heiter, sorgt nicht und ringt nicht, und ohne sein Zutun
wächst er, wie der Baum wächst, hoch wird und breit, und seine Form ist
ebenmäßig; aber wer ringt, und wessen Gewissen kämpft, und wer will und
wessen Verstand ein Ziel sieht, der ist ein Mensch, der zerfällt, denn
er hat sein Band nicht mehr; und was er auch tut, das gereicht ihm alles
zum Unsegen; und zum schlimmsten Unsegen gereicht es ihm, wenn sein
Gewissen ein eifriger Mahner ist. Den andern aber treibt es ruhig und in
Kraft zur Höhe, durch kluge Handlungen und törichte, und durch gute
Taten und schlechte. Und nun ist das sonderbarste, daß mir jetzt
plötzlich die Fähigkeit geworden ist, durch meinen Blick die Menschen zu
unterscheiden, ob sie von dieser Art sind oder von jener; denn zwar hat
unsre gegenwärtige Weise des Lebens die Kraft, die Menschen stärker zu
zersetzen und aufzulösen wie frühere Zeiten, und so entgehen auch die
zum Glück Bestimmten nicht solchen Jahren, wo es scheint, als haben sie
ihr Band nicht mehr, und ihre Gedanken klagen einander an, und ihre
Handlungen scheinen keinen guten Ausgang zu haben; aber dennoch kann ich
diese Guten deutlich unterscheiden von den Geringen; und indem ich die
Augen schließe, sehe ich deutlich vor mir, wie meine Freunde und
Bekannten sich teilen in die beiden Lager. Diese Worte wollte ich dir
hinterlassen zu einer Erinnerung an mich, und auch als einen Trost, wenn
du über mein Schicksal bekümmert sein solltest, was ich zwar nicht
denke, denn ich habe dir nichts erwiesen, aus dem du eine Liebe gegen
mich hättest schöpfen können, und nun ist es ja für solches zu spät.
Aber denke nur, daß ich ohne Bekümmernis und in Ruhe den Pfad schreite,
der mir vorgeschrieben ist.«
Nach dieser Rede ging Ivo und machte denselben Weg, den sein Vater
gemacht zwei Tage vorher; aber wie er vorausgesehen, hatte sein Suchen
nach Geld keinen Erfolg. Und so kam die Kunde in die Heimat, daß der
zweite Sohn seinem Leben selbst ein Ende gemacht habe, und mit dieser
Kunde kam eine verwirrte Erzählung von einem Mädchen, die zu derselben
Zeit in den Tod gegangen sei. Das war ein blutjunges Wesen, das kaum zur
Jungfrau herangereift war, die wohnte mit ihrer Mutter in einem kleinen
Stübchen, das ein schräges Dach hatte und ein einziges Mansardenfenster,
aus dem man über die Dächer und in den rauchverhängten Himmel der
Großstadt sah. Zwei weiß bezogene Betten, ein ärmlicher Tisch und zwei
schlechte Stühle waren in dem Kämmerchen, und ein herrlicher großer
Spiegel aus geschliffenem Glas in kunstvollem Glasrahmen aus Venedig,
der das Licht tausendfach widerblitzte.
Die Kleine war eine Schauspielerin, die zu einem großen Theater gehörte,
aber wegen ihrer Jugend, und weil sie sich auf der Bühne befangen und
eckig zeigte, erhielt sie keine großen Rollen, sondern wurde immer nur
zu ganz unbedeutenden Nebenfiguren verwendet, und meistens zu
Dienstboten, wo sie dann einige unwichtige Worte zu sprechen hatte. Es
lebte aber eine große Sehnsucht in ihr nach der Kunst, und es berauschte
sie, wenn sie an die Lampen dachte und an den dunkeln Zuschauerraum, und
an eine Leidenschaft, die ihr das Herz überfließend machte, daß sie
hätte die Arme öffnen mögen, und an den schönen Klang voller und tiefer
Worte. Deshalb lernte sie eifrig für sich und studierte, und wenn sie
einen Abend frei hatte, so zündete sie Lichte an, daß der herrliche
Spiegel blitzte und funkelte, und trat im Kostüm ihrer Rolle vor den
Spiegel und spielte, was sie am meisten liebte; vornehmlich aber war das
die Ophelia. Da trug sie ein weißes Kleid, das durch einen goldenen
Gürtel gehalten wurde, und ihre gelben Locken flossen über ihren zarten
Nacken. So stand sie vor dem blitzenden Spiegel und sprach:
»Da ist Rosmarin, das ist zur Erinnerung: ich bitte Euch, liebes Herz,
gedenket meiner! Und das Vergißmeinnicht, das ist für Liebestreue. Da
ist Fenchel für Euch und Aklei, da ist Raute für Euch, und hier ist
welche für mich, wir können sie auch Reue, Gnadenkraut nennen -- Ihr
könnt Eure Raute mit einem Abzeichen tragen. Da ist Maßlieb -- ich
wollte Euch ein paar Veilchen geben, aber sie welkten alle, da mein
Vater starb. Sie sagen, er nahm ein gutes Ende.«
Währenddem stand die alte Mutter in der Ecke, und Tränen des Glückes
liefen über ihr blasses Gesicht, und sie freute sich der lieblichen und
schön klingenden Stimme und der gelben Locken und zarten Gestalt. Und
die Tochter umarmte sie, küßte sie und fragte: »Wann werde ich die
Ophelia spielen dürfen? Meinst du, noch diese Spielzeit?« Und vor
Sehnsucht und Glück weinte auch sie klare Tränen.
Und an dem Abend, da Ivo auf seiner einsamen Stube saß und an sie einen
Brief schrieb voll schmerzlicher Worte des Abschiedes und der Sehnsucht
nach Glück, und dann holte er seine Waffen hervor und machte sie bereit,
da geschah es ihr, daß Hamlet gegeben wurde, und kurz vor dem Aufziehen
des Vorhanges fiel die Darstellerin der Ophelia, die eine berühmte
Künstlerin war, über einen vergessenen Bohrer, und verletzte sich den
Fuß derart, daß sie nicht auftreten konnte; und wie der Inspizient und
die Schauspieler in großer Verlegenheit standen, denn durch einen
besonderen Zufall war die Darstellerin, der die Rolle sonst in der
zweiten Besetzung anvertraut wurde, für den Abend krank gemeldet, da
trat die Kleine mit klopfendem Herzen vor und bot sich an, und in der
allgemeinen Kopflosigkeit nahm man ihr Anerbieten an, das in einem
ruhigen Augenblick wohl lächelnd abgewiesen wäre. Und nun stellte sich
die Kleine vor die Lampen und den dunklen Zuschauerraum, im weißen Kleid
mit dem goldenen Gürtel, wie sie so oft vor dem strahlenden Spiegel
gestanden. Wie Laertes sie ermahnt: »Schlaf nicht, laß von dir hören«,
antwortet sie in süßer Verwirrung ihr »Zweifelst du daran?« Und in den
drei Worten klang ihre Angst und Hoffnung, ihre Liebe und Furcht so
wunderbar an die Ohren der Hörenden, daß alle zusammenzuckten, als in
Ahnung des angeknüpften Unheils dieser lieblichen Gestalt; und in einem
Nu war ein Faden gesponnen zwischen ihrem Munde und den Herzen der
Zuschauer, den spürte sie immer stärker werden, wie sie dem Bruder ihre
kindliche Ermahnung gibt und ihrem Vater antworten muß, bis zu dem »Ich
will gehorchen, Herr.« Da war erst eine atemlose Stille, wie der
Zwischenvorhang fiel, und ihr schien, als müßten alle ihre Herzschläge
hören, und dann kam ein sonderbares Geräusch, das sie erst gar nicht
verstand, wiewohl sie schon oft den Beifall für andre gehört hatte, und
wie sie noch so zweifelnd harrte, da ging der Vorhang wieder in die Höhe
und ihre Mitspieler führten sie mit dankbarer Verbeugung vor die Rampe.
Dann sprachen andre mit ihr, und sie antwortete und fühlte, daß sie
beglückwünscht wurde, und trat wieder auf, und das Stück hatte seinen
Fortgang, und auch die Stelle sprach sie: »Da ist Rosmarin, das ist zur
Erinnerung: ich bitte Euch, liebes Herz, gedenket meiner! Und da ist
Vergißmeinnicht, das ist für Liebestreue.«
Schwankend und mit unsicheren Schritten ging sie nach Hause, wo ihre
Mutter sie erwartete, die noch nichts ahnte; und wie sie in das helle
Kämmerchen trat, wo das dürftige Abendbrot auf dem Tische stand und die
Mutter fleißig an einem Kleid für sie nähte, da konnte sie sich zuerst
gar nicht verständlich machen, aber die Mutter erriet schon und jubelte,
und eine Lustigkeit kam ihr über das verhärmte Gesicht, und sie wurde
beweglich und geschwätzig als eine alte Schauspielerin, die freilich nie
zum Höheren gekommen war, und indes die Tochter munter aß, erzählte sie
alte Bühnengeschichten und die Legenden, wie diese entdeckt war und
jener seinen ersten Erfolg gehabt hatte, fragte dazwischen und
beantwortete selbst ihre Fragen, und hatte endlich in allem ein so
wunderliches Wesen, daß die Tochter zuletzt in ein lautes und herzliches
Lachen ausbrechen mußte.
Erst spät gingen die beiden schlafen unter vielen Plänen und Hoffnungen,
und früher wie sonst wachten sie wieder auf, wie die helle Wintersonne
auf die gefrorenen Fensterscheiben schien. Lachend vor Kälte sprang sie
aus dem Bett, heizte schnell den kleinen Eisenofen an und kroch wieder
in das warme Lager, um noch in behaglichen Gesprächen abzuwarten, bis
das Stübchen sich erwärmte und das dicke Eis des Fensters abtaute. Dann
erhoben sich die beiden, kleideten sich an und bereiteten sich das
Frühstück; wie sie sich setzen wollten, klingelte der Briefträger; sie
kam jubelnd zurück; da war ein Brief von Ivo, der war gewiß gestern im
Theater gewesen und hatte gleich geschrieben.
Aber wie sie den Brief aufgerissen hatte, wurde sie totenblaß; hastig
kleidete sie sich für die Straße an und eilte in Ivos Wohnung. Da
standen schon Neugierige auf der Straße und Schutzleute bewachten den
Eingang des Zimmers, damit nicht Unberufene eindringen sollten, aber
durch ihren Anblick wurden sie bestürzt und ließen sie durch. Da lag Ivo
auf dem Fußboden, unentstellt, denn seine Kugel hatte gut getroffen, und
nur die Tischdecke war ein wenig verschoben. Der Pistolenkasten stand
auf dem Schreibtisch; sie nahm die andre Waffe heraus, ehe den
Schutzleuten ihre Bewegung klar wurde, und indem sie gegen sich
abdrückte, fiel sie neben ihrem Geliebten zur Erde.
Wie die Unglücksfälle über die gräfliche Familie hereinbrachen, bemühten
sich bereitwillige Verwandte um Hilfe. Ein Vetter erschien, ein älterer
und unverheirateter Mann, der als ein Sonderling galt, der ordnete, was
zunächst notwendig war, denn die junge Gräfin Maria war zu unerfahren,
und die alten Herrschaften schienen beide ihrer Sinne nicht mehr ganz
mächtig zu sein. Deren Schicksal war nun bestimmt und unabänderlich, und
so bemühte sich der Vetter vornehmlich, für die junge Dame etwas
auszudenken.
In der ersten Zeit erschien die recht verschlossen und ohne Teilnahme
für irgend etwas, bis an einem Abend der Vetter im Ärger aus sich
herausging und sie schalt, daß sie wohl auch nur so sei wie alle, die
etwas musizieren, etwas malen, englische Romane lesen und Konversation
machen. Auf die Vorwürfe erwiderte sie, daß sie gar keine besonderen
Talente gehabt habe und wohl gern die Hauswirtschaft geleitet hätte,
aber das habe sie nicht gedurft; aber wenn es möglich sei, daß sie etwas
nach ihrem Willen tun dürfe, so möchte sie wohl Krankenpflegerin werden.
Hierüber wurde der Verwandte recht erstaunt und fragte sie, ob sie denn
fromm sei; das verneinte sie und sagte, sie habe vieles gelesen, und
wenn sie sich auch kein Urteil anmaßen wolle, so müsse sie doch sagen,
daß sie nicht kirchengläubig sei; und wie der Verwandte weiter forschte,
stellte sich heraus, daß sie gänzlich atheistisch gesinnt war, und
wollte aber Menschen nützlich sein und eine Beschäftigung haben, die sie
befriedigte.
Da wurde der Verwandte gerührt und erzählte, daß er als junger Mann eine
große Neigung zur Medizin gehabt, und weil das damals nicht als
standesgemäß gegolten, ein solches Studium zu beginnen, so habe er sich
von seiner Neigung abwenden lassen; dadurch aber habe er sein Leben
eigentlich zugrunde gerichtet, denn indem er zu dem andern, das er nun
wirklich getrieben, keine innere Neigung gehabt, sei er nie zu
Befriedigung und rechter Arbeit gekommen. Deshalb, weil er selbst das
durchgemacht habe, wolle er ihr helfen bei ihrem Vorhaben, und es freue
ihn, daß sie ihrem jetzigen Leben entsagen wolle, denn das Leben der
Vornehmen werde im Grunde doch nur durch die Furcht vor den Leuten
bestimmt, die trotzdem nicht so schlimme Dinge verhüten könne, wie sie
eben mit Vater und Brüdern durchgemacht. Nach solchen Worten schloß er
sie in seine Arme und küßte sie auf die Stirn; und dann ermahnte er sie
nochmals, sie solle bei ihrem Mute verharren, denn der komme aus einem
guten Gewissen; und wenn Ängstliche ihr vorstellen würden, daß es ihre
natürliche Pflicht sei, daß sie ihre Eltern pflege, so solle sie nicht
darauf hören, sondern solle ruhig tun, was sie sich vorgenommen.
* * * * *
Weiland hatte sich bald nach dem letzten Zusammentreffen mit Hans und
Karl verheiratet. Um wenigstens äußerlich zu zeigen, welche geringe
Bedeutung sie der bürgerlichen Eheform beilegten, waren das Brautpaar
mit den beiden Zeugen, welche Freunde von Weiland waren, in
Alltagskleidung zum Standesbeamten gegangen; da hatten sie in einem
staubigen und leeren Vorzimmer gewartet und waren dann zu dem Beamten
eingetreten, der hinter einem gelbpolierten Tisch saß und einen
Federhalter im Mund hielt und in der Rechten ein Lineal hatte. Der
prüfte die Papiere der Zeugen, nahm die Aushangsbescheinigung zu seinen
Akten, füllte das Formular in seinem dicken Buche aus, las dann seine
Niederschrift laut vor und ließ die Anwesenden unterschreiben, indem er
mit ärgerlichen Worten mahnte, daß sie keine Kleckse machen und nichts
durchstreichen, auch ihre Vornamen nicht abkürzen sollten. Dann
unterschrieb er selbst, und indem das Paar und die Zeugen noch in
Erwartung weiterer Geschehnisse standen, winkte er ungeduldig mit der
Hand, daß sie entlassen seien und gehen müßten. Im Vorzimmer wünschten
die beiden Zeugen mit verlegenen Mienen Glück, und das Brautpaar lud sie
der Verabredung gemäß zum Mittagessen ein. So gingen die vier mit leerem
und verwirrtem Gemüt in eine Gastwirtschaft, da bestellte der junge
Ehemann nach der Karte das Essen, und die üble Stimmung besserte sich
ganz allmählich, indem alle zuerst die Speisen lobten und dann die
Unfreundlichkeit des Standesbeamten tadelten; nur die junge Frau blieb
fast stumm, und man sah, daß sie sich bezwang, um nicht zu stören. Nicht
lange verharrte die Gesellschaft an dem unbehaglichen Ort, sondern
nachdem sie gegessen hatten, standen sie auf und gingen, und auf der
Straße verabschiedeten sich die Freunde mit Danksagungen und nochmaligem
Glückwunsch, und dann faßten die Eheleute sich unter den Arm und gingen
ihrem Heim zu, das sie sich schon vorher eingerichtet hatten.
Sie gingen durch die Haustür und über den Hof und sahen die neugierigen
Gesichter der Mitbewohner an den Fenstern und erstiegen die schmalen
Treppen und gingen an den verschlossenen und mit Namenschildern
versehenen Türen der Wohnungen vorbei in die Höhe, und immer
niedergedrückter wurden sie, wie sie so immer höher stiegen auf der
schmutzigen und ungastlichen Treppe. Nur wie sie vor ihrer Tür ankamen,
an der bereits das neue Namenschild befestigt war, hatten sie ein
glücklicheres Gefühl, aber wie sie dann aufgeschlossen hatten und in dem
engen und dunklen Korridor standen, fiel sie ihm um den Hals, schluchzte
und weinte heiße Tränen aus dem tiefsten Herzen herauf, und die
Erinnerung an die schmutzige Treppe, die sich eintönig an den
gleichmäßigen Türen vorbei in die Höhe wand, bewirkte ihnen beiden eine
heftige Vorstellung von dem einförmigen, freudeleeren und gedrückten
Leben, das heute armen Leuten bevorsteht, wenn sie ihre Jugend verlassen
und die Sorgen der Ehe auf sich nehmen. Und wiewohl sie ja jetzt noch
jung waren und selbst die Sorgen noch nicht erlebt hatten, und ein
fröhliches Stübchen hatten mit neuen Möbeln und frischen Gardinen, und
die Sonne schien hier oben in ihre Fenster, so standen doch vor ihrem
Sinn die vielen beladenen, mißmutigen, vergrämten und besorgten
Menschen, die sie in ihrem Leben schon gesehen, und sie wußten, daß
nicht lange mehr ihre Heiterkeit und roten Backen andauern würden.
Aber wie den armen Leuten gegeben ist, daß sie die Gegenwart zu genießen
vermögen, so kamen auch die beiden bald über ihre Verstimmung hinweg,
freuten sich ihres Stübchens und ihrer Küche, des neuen Sofas und des
Salontisches, auf dem eine Visitenkartenschale stand, und des Vertiko;
und wiewohl Sofa, Tisch und Schränkchen, neben dem Teppich und den
Stühlen und allem anderen, ja neben den bunten Bildern von Marx und
Lassalle an den Wänden, genau gleich waren tausend andern Sofas und
Tischen, Schränkchen und Stühlen, die in tausend andern Wohnungen junger
Leute standen, so schien ihnen ihr Stübchen doch etwas Besonderes und
Schönes zu sein, das kein anderer Mensch hatte; und wenn sie zwar der
festen Meinung lebten, daß die Zukunftsgesellschaft auch das häusliche
Leben viel vernünftiger ordnen werde, wie es jetzt ist, so waren sie
doch jetzt glücklich und zufrieden, wie sie ehrfurchtsvoll vor ihrem
Salontisch saßen, auf dem die Visitenkartenschale aus bronziertem
Zinkguß in der Sonne blitzte.
So führten sie ihre erste Zeit in harmloser Freude und genossen beide
das Glück der jungen Ehe und die Vorstellung von einer besonderen
Freiheit in ihr, die sie durch ihre Anschauungen und Gesinnungen hatten,
daß nämlich die Frau nicht unterdrückt und ausgebeutet werde, und daß
sie so in Wahrheit in freier Liebe lebten.
Derart hatten sie ausgemacht, daß sie des Morgens abwechselnd früher
aufstehen wollten, denn beide mußten um sechs Uhr auf ihrer
Arbeitsstelle sein, und nun sollte den einen Tag der Mann und den andern
Tag die Frau zuerst das Bett verlassen, um für beide den Morgenkaffee
herzurichten. Nach dieser Verabredung begann den ersten Tag die junge
Frau, und mit sonderbarem Behagen erwachte der Mann von einem leisen
Huschen auf den Dielen, da sah er durch die halboffene Tür, wie sie den
neuen Petroleumapparat instand setzte und Wasser in das Blechgeschirr
mit prasselndem Geräusch aus der Wasserleitung ließ, und während das
heiß wurde, maß sie den Kaffee ab in die Mühle, nahm die zwischen die
Knie und begann zu mahlen. Dann wischte sie den sauberen Küchentisch
noch einmal ab und rückte die Stühle davor, holte den Frühstücksbeutel
herein und setzte den Topf mit der Milch zurecht. Und wiewohl das alles
nur ganz einfache Dinge waren, die nun von jetzt an jeden Tag geschehen
sollten, so kam ihm doch ein sonderbares Glücksgefühl ins Herz, indem er
zufrieden in seinem Bette lag.
Am andern Tag war die Reihe an ihm; da stand er vorsichtig auf, um seine
Frau nicht zu wecken, die indessen mit verbissenem Lachen sich nur so
stellte, als schlafe sie noch; mit ungeschickten Händen brachte er die
Kochmaschine in Ordnung, wie er es gestern gesehen; aber schon als der
das Wasser in die Kasserolle ließ, war er irr, und wie er die Bohnen
mahlen sollte, wußte er nicht, wie viel er nehmen durfte. Da mußte er zu
ihr gehen und sie fragen, sie aber antwortete, daß er ganz ungeschickt
sei und nie die Handgriffe lernen werde, und daß die Männer überhaupt
solche Sachen nicht verstünden, und dann sprang sie geschwind aus dem
Bett, nahm alles in ihre flinken Hände und besorgte mit Schnelligkeit
das Frühstück, indessen der Mann gehorsam zuschaute.
In solcher Weise geschah es, daß nach einiger Zeit die rasche Frau doch
alle frauenhafte Arbeit in ihre Hände nahm, indem sie freilich ihren
Mann häufig ausschalt; dieser aber, der sich schnell zu großer Geduld
entwickelt hatte, nahm solches Schelten nicht übel, da es ja nicht böse
gemeint war und eigentlich eine Zärtlichkeit ausdrücken sollte.
Wenn am Abend die Arbeit beendet war und das Abendbrot verzehrt und das
Geschirr aufgeräumt, so begann für die beiden der schönste Teil des
Tages, denn der Mann nahm vom Büchergestell an der Wand ein aufklärendes
Buch, etwa Bebels »Frau« oder Zimmermanns »Wunder der Urwelt«, las vor
und erklärte; die Frau aber, die fleißig stopfte und flickte, hörte
eifrig zu, fragte und widersprach, und recht oft kam zwischen beiden
eine lehrreiche Diskussion zustande. In den meisten Fällen drehte sich
der Streit darum, was die Arbeiter unter den gegenwärtigen Verhältnissen
tun könnten, indem der Mann meinte, daß sie sich aufklären müßten und
Bildung erwerben, die lebendige Frau aber schalt, daß die Männer träge
und mutlos seien und zu Taten vorgehen müßten, und wenn sie selbst ein
Mann wäre, so würde sie gewiß suchen, die Arbeiterklasse durch ein
Attentat von einem besonders schlimmen Bedränger zu befreien, damit die
andern Furcht kriegten. Hierauf erwiderte der Mann, daß sie durch solche
Handlungen ja Ausnahmegesetze rechtfertigen würde und den ruhigen
Fortgang der Entwicklung stören, von dem man alles erwarten müsse.
Indem die beiden dergestalt für sich lebten, geschah es ganz natürlich,
daß sie weniger in Versammlungen gingen und der Mann auch geringeren
Anteil nahm an der geheimen Tätigkeit seiner Freunde in Verbreitung
verbotener Schriften oder im Sammeln von Geld; er sagte ihnen aber, daß
er seinen Mann stehen werde, wenn es nötig sei; und wenn etwa die
zunehmende Macht der Arbeiter die Regierung zu weiteren
Unterdrückungsmaßregeln treibe und diese dann in einer bewaffneten
Erhebung antworteten, um die soziale Republik zu begründen, das etwa in
zwei oder drei Jahren geschehen könne, so wolle er selbstverständlich
sogleich mit in die Reihen der Kämpfenden treten.
Inzwischen zeigte es sich zu ihrer großen Freude, daß die Frau ein Kind
erwartete, und nun machten sie neue Pläne und Hoffnungen, wie sie das
nicht wollten taufen lassen und als ein freies Wesen auferziehen ohne
den Glauben an alle die Erfindungen, welche die herrschenden Klassen
benutzten, um das Volk niederzuhalten, und dazwischen erzählte die Frau
von einem schönen Kinderwagen, auf den sie jetzt schon sparte, denn er
sollte Gummiräder haben, und auch von Jäckchen und Mützchen sprach sie;
diese Gedanken schienen zwar dem Mann töricht, allein er mochte doch
nicht recht etwas gegen sie vorbringen, denn sie konnte viel schneller
sprechen wie er und auch viel mehr. Er selber trug sich indessen mit
noch andern Absichten; denn es war damals zuerst die Sitte aufgekommen,
daß die Spekulanten ihre unbenutzten Grundstücke, die zu Bauplätzen
bestimmt waren, in kleinen Abteilungen an Arbeiter verpachten, die
allerhand Gemüse und Blumen auf dem sandigen Boden zogen, und sich eine
Laube bauten, und am Feierabend mit Weib und Kind sich hier in
ländlicher Arbeit erfreuten. Einige Arbeitsgenossen von Weiland hatten
sich zusammengetan zu einer solchen Ansiedelung, die sie »Klein-Kamerun«
nannten; diesen dachte er sich anzuschließen, wenn er seine Frau von der
Vortrefflichkeit des Planes überzeugte, und die Frau sollte das
Abendbrot in der Laube zurichten, und da würden sie dann im Freien
essen, und das Kind sollte auch im Wagen anwesend sein und die frische
Luft mit genießen, und nach dem Essen wollte er dann immer graben,
pflanzen und jäten. Derart lebten die beiden als zielbewußte und ganz
umstürzlerisch gesinnte Arbeiter doch in allerhand Wünschen, wie sie
wohl kleine Bürger haben mögen, und es zeigte sich auch an ihnen, daß
die Gedanken der Menschen immer viel weiter greifen, wie ihr
eigentliches Streben ist, das für einen Arbeiter in Wahrheit ja doch
immer nur auf ein größeres Behagen gehen kann und auf die Art von
Freiheit und Sittlichkeit, welche er versteht, nämlich des kleinen
Bürgers, weil er den gerade über sich sieht.
So nahte sich die Zeit, wo die Frau entbunden werden sollte. Als eine
fleißige und rische Person ging sie noch bis in die letzten Tage auf
ihre Arbeit, und weil sie jung und gesund war, so geschah alles ohne
besondere Unfälle und in richtiger Weise. Und nun war das Leben und das
Glück, das sich jedesmal wiederholt, wo eine Familie wenigstens nicht
mit allzu großem Leichtsinn gegründet ist, wenn das Erstgeborene kommt;
zwar hatten sie nur ein Mädchen, aber doch war der Vater so stolz, daß
er meinte, er sei fast allen seinen Arbeitsgenossen überlegen, und die
Mutter dachte, ein so kräftiges, gesundes und kluges Kind sei doch eine
sehr große Ausnahme; den Namen gaben sie ihm nach den drei von ihnen am
meisten verehrten Männern, nämlich Marx, Lassalle und Bebel, als
Karoline Ferdinande Auguste. Es stellte sich naturgemäß heraus, daß die
Frau zunächst ihre Arbeit lassen mußte, und so hatten die Ehegatten
jetzt wieder viele Gelegenheit, über die bessere Organisation solcher
Dinge in der künftigen Gesellschaft zu reden, wo eine gelernte und
geübte Pflegerin eine Menge Kinder versorgen kann, indes die Mütter
ihrer Arbeit nachgehen, die wegen ihrer geringen Kenntnis und Übung,
auch wegen des bekannten Nachteils jeden Kleinbetriebes, doch gewiß
ungeeignetere Pflegerinnen wären wie jene, und meinte die Frau, sie
würde sich sehr gern von der Gesellschaft an solche Stelle als Pflegerin
setzen lassen, denn dabei hätte sie ihr Kind doch immer bei sich, das
sie auch nicht bevorzugen wolle. Inzwischen erwies sich das Kind als
kräftig wachsend und froher Gemütsart und bekam einen sehr schönen Wagen
mit Gummirädern, um den vorher die Frau eines Amtsrichters vergeblich
gefeilscht hatte, er war der aber zu teuer gewesen, und auch alle seine
Wäsche war sehr schön.
Hans und Karl hatten die Freundschaft mit den beiden aufrecht gehalten,
und obschon sie zwar kein rechtes Verständnis für kleine Kinder hatten,
so freuten sie sich doch des Glückes der Eltern mit. Zuweilen kamen sie
am Sonntagnachmittag in die kleine Wohnung mit den ängstlich geschonten
Möbeln, brachten allerhand Zugebröte in Papier gewickelt, wie Wurst und
Käse, und aßen dann mit der Familie unter fröhlichen Gesprächen zu
Abend; und erzeugte die Annäherung der Klassen in dem Schuhmacher und
den Studenten auf beiden Seiten ein besonderes Hochgefühl und eine
gewollte Freude, als kämen sie alle in eine neue Freiheit, indem es
ihnen freilich oft mit Schwere auffiel, daß es eigentlich wenig war, was
sie einander sagen konnten, und daß sie fast sich gegenüberstanden wie
Menschen verschiedener Sprachen, die durch einige allgemeinverständliche
Laute und Zeichen einander ihre Freundschaft versichern.
Auch Jordan war oft zu Besuch bei den jungen Leuten, jener ruhige Mann,
der damals in der Versammlung ihnen die Spuren der Ketten an seinen
Knöcheln gezeigt hatte. Einmal, als er mit den beiden Studenten zusammen
von dem Ehepaar wegging, war er in sehr trüber Stimmung und in jener
Verfassung, die zu Klagen und Erzählungen treibt. So sprach er von
seiner Heimat, wo er bei einem alten Meister gelernt, der ihn lieb
gewonnen hatte, weil er Sonntags nicht zum Tanzen ging und zu Biere,
sondern zu Hause blieb und Bücher las; der hatte ihm gesagt, wenn er
seine Wanderschaft beendet habe, so solle er wiederkommen, dann sei er
selbst so weit, daß er nicht mehr arbeiten könne, dann solle er seine
Werkstätte übernehmen und seine Kundschaft bekommen. Nun hatte er aber
gesehen, wie überall das Handwerk durch die Fabriken verdrängt wurde,
und auch die Schuhmacher konnten sich nicht lange mehr halten, und wenn
jetzt ein junger Mensch sich in einem kleinen Ort als Meister
niederließ, so mochte er ja wohl noch ein paar Jahre lang sein Auskommen
haben, aber dann ging das Handwerk doch zugrunde, und da war es besser,
gleich in jungen Jahren in die fabrikmäßige Produktion zu gehen, solange
man sich noch gewöhnen konnte, und vielleicht bekam er eine bessere
Stellung. Weshalb Jordan das erzählte, wurde nicht klar; aber der Grund
war, daß er Heimweh hatte und sich aus dem großen Fabriksaal mit den
schnurrenden Maschinen und der hastigen Arbeit wegsehnte in die kleine
Schusterwerkstätte mit dem Schemel, dem Knieriemen und der Glaskugel vor
dem Licht. Weiterhin erzählte er, daß er versprochen gewesen sei, kurz
vor seiner Verhaftung, und das Mädchen habe er auch von Jugend auf
gekannt, denn was man so in Berlin sehe von Mädchen, da wisse man bei
keiner, was der schon alles passiert sei, und das sei ja wohl nicht
richtig, wenn man als junger Kerl sein Herz an ein Mädchen hängt, denn
man könne ja tausend haben für eine, aber weil er sie so lange gekannt
und auch ihre Eltern, so sei er doch der Meinung gewesen, er habe etwas
Gutes. Wie er aber wieder aus dem Gefängnis herausgekommen sei, da habe
er sie mit einem andern verlobt gefunden, und sie habe ihm nur gesagt,
die Jugend gehe schnell vorbei, und nachher kommen die Sorgen, darum sei
man dumm, wenn man seine Jugend mit Warten hinbringen wolle. Damals sei
er an allem verzweifelt, und wenn er nicht aus der Schrift von Engels
gegen Dühring gelernt hätte, daß die Handlungen der Menschen durch die
Verhältnisse bestimmt werden, so hätte er vielleicht dem Mädchen etwas
angetan; nun aber sei das lange her, und er sehne sich nach Weib und
Kind, und besonders wenn er bei Weiland gewesen sei, der zwar sehr
leichtfertig gehandelt habe, daß er sich außer der Küche noch Stube und
Schlafzimmer gemietet; wenn er sich jedoch die Mädchen ansehe, so habe
er zu keiner Lust, daß er sie heiraten möchte, denn mit den Jahren werde
man immer bedenklicher, wiewohl ja alles Überlegen doch nicht vor einem
falschen Schritte bewahren könne, denn Heiraten sei immer ein
Glücksspiel.
Aus diesen Reden ging hervor, daß der treuherzige Mann wohl schon seine
Augen auf ein bestimmtes Mädchen gerichtet hatte, aber er scheute sich
vor dem letzten Schritt aus Furcht, wie denn ja auch Personen seines
Schlages, wenn sie nicht ein ganz besonderes Glück haben, übel
anzulaufen pflegen in der Ehe.
Als die Weihnachtszeit heranrückte, beschlossen Hans und Karl, nicht
nach Hause zu reisen, sondern sie wollten das Fest bei ihren Freunden
verleben, die ihrer Meinung nach ihrem Herzen jetzt am nächsten standen.
So besorgten sie in Fröhlichkeit die kleinen Geschenke, die sie für
einander und für die andern Freunde ausgesucht hatten, pilgerten hinaus
zu der entfernten Straße und erstiegen die vielen Treppen der hohen
Wohnung.
Hier zeigte es sich, daß die Frau den Baum herrichtete, und daß der Mann
mit den Gästen in der Küche warten mußte, und war außer den beiden
Studenten noch Jordan anwesend und jenes Mädchen, mit dem Karl sein
Liebeserlebnis gehabt; über dieses unerwartete Wiedersehen schien Karl
verlegener wie sie, denn sie reichte ihm unbefangen die Hand und
schüttelte sie kräftig; Jordan lachte, wie er Karls linkische Gebärde
sah, und die andern merkten wohl, daß zwischen ihr und Jordan
Einvernehmen war. Da wurde die Tür geöffnet und alle traten ins Zimmer,
wo auf dem deckengeschützten Salontisch ein niedlicher Weihnachtsbaum
brannte, und die Frau stand zur Seite und hatte das Kind auf den Armen,
das zwar noch ziemlich teilnahmslos war, und hielt in einem Händchen
seine Kinderklapper und sah mit etwas hängendem Kopf auf den Boden,
ungeachtet aller Aufmunterung der Mutter, es sollte den Weihnachtsbaum
betrachten. Die andern legten verstohlen die mitgebrachten Geschenke an
die passenden Plätze und zeigten dann ihre Bewunderung der Anordnung
durch Ausrufe und Lobpreisungen, welche die Frau mit bescheidenem Stolze
annahm. Der kleine Weihnachtsbaum mit seinen Kerzen zeigte sich noch
einmal im Spiegel, neben dem die Bilder von Marx und Lassalle friedlich
herabsahen. Aus vielen Wohnungen des viereckigen Hofes glänzten durch
das Fenster andre Bäume, und das Bewußtsein, daß hier überall sich
Menschen freuten, machte noch froher und glücklicher. Da stimmte Weiland
mit heller Stimme die Arbeitermarseillaise an:
Wohlan wer Recht und Wahrheit achtet,
Zu unsrer Fahne steht zuhauf.
Wenn auch die Lüg' uns noch umnachtet,
Bald steigt der Morgen hell herauf!
Ein schwerer Kampf ist's, den wir wagen,
Zahllos ist unsrer Feinde Schar,
Doch ob wie Flammen die Gefahr
Mög' über uns zusammenschlagen,
Nicht zählen wir den Feind, nicht die Gefahren all!
Der kühnen Bahn nur folgen wir,
Die uns geführt Lassall'.
Den Feind, den wir am tiefsten hassen,
Der uns umlagert schwarz und dicht,
Das ist der Unverstand der Massen,
Den nur des Geistes Schwert durchbricht.
Ist erst dies Bollwerk überstiegen,
Wer will uns dann noch widerstehn?
Dann werden bald auf allen Höhn
Der wahren Freiheit Banner fliegen!
Das freie Wahlrecht ist das Zeichen,
In dem wir siegen; nun wohlan!
Nicht predigen wir Haß den Reichen,
Nur gleiches Recht für jedermann.
Die Lieb' soll uns zusammenkitten,
Wir strecken aus die Bruderhand,
Aus geist'ger Schmach das Vaterland,
Das Volk vom Elend zu erretten.
Alle fielen ein, und die mächtigen und jubelnden Töne des Liedes
erfüllten den engen Raum und klangen hinaus über den viereckigen Hof mit
den gleichförmigen Lichterreihen der Fenster; und bald öffneten sich
hier und da Fenster, und neue Stimmen aus den andern Wohnungen fielen
ein, und am Ende sangen alle die armen Leute, die rings um diesen Hof in
dürftigen und engen Stuben wohnten, und ihr Lied stieg in die Höhe aus
der Stätte ihrer täglichen Hoffnungslosigkeit und Sorge zu dem klaren
und sternenfunkelnden Himmel; und unser lieber Vater im Himmel hat es
gewiß gern gehört, wenn es auch nicht fromm war und die großen Kinder
nicht an ihn glauben wollten, und hat sich seines lieben deutschen
Volkes gefreut, daß auch solche Leute, denen so wenig Gutes geschieht,
doch so rechtlich und brav denken. Wie der Gesang beendet, waren alle
tief ergriffen; das waren einfache Arbeiter, die täglich in ihre Fabrik
gehen und Schuhe machen für den gemeinen Bedarf, die ganzen langen
Stunden des Tages hindurch; und Studenten, die eben den ersten Schritt
hinaus taten in die Freiheit des Geistes; die armen Leute, die an die
knechtische Arbeit für die Notdurft gefesselt sind, stehen gewiß auf der
tiefsten Staffel der Leiter, und diejenigen, die zu geistiger Freiheit
zu dringen vermögen, auch wenn sie äußerlich nur bescheidene Stellen
erringen, stehen doch gewiß auf der höchsten Staffel; aber wiewohl die
größte Entfernung zwischen ihnen war, die unter Menschen möglich ist, so
fühlten sie sich doch als wahre Brüder, die sich lieb hatten und sich
nicht einer über den andern erhoben dachten; und wurde so wieder einmal
lebendige Tat, was unsre Vorfahren meinten, wenn sie sagten, daß vor
Gott alle gleich sind, welches Wort heute für die meisten eine sinnlose
Rede ist. In dieser neuen und wunderlichen Stimmung erhielten die armen
Geschenke, die sie einander machten, und ihre Gefühle, die sie hatten,
einen ganz andern und ernsteren Sinn wie vorher, denn es war ihnen wie
frommen Leuten in der Kirche, und nachdem erst ein Schweigen auf den
Gesang erfolgt war, wagten sie eine kurze Weile nicht laut zu sprechen.
Hier begann nun Jordan, ergriff die Hand des Mädchens und sagte, daß er
sich diesen Abend ausgesucht, um ihnen als seinen Freunden mitzuteilen,
daß sie beide sich verlobt hätten. »Zwar weiß ich,« fuhr er fort, und
das Mädchen erglühte rot, »was vorher mit ihr geschehen ist; aber ich
habe bedacht, daß ich selbst sogar mehrere Liebschaften früher gehabt
habe, und deshalb wäre es ungerecht von mir, sie zu tadeln, vielmehr
wollen wir doch alle, daß auch die Liebe frei und ohne Zwang sein soll;
denn freilich wäre jede solche Verbindung unsittlich, die nicht frei
wäre, und wahrscheinlich werden in der künftigen Gesellschaft, wo die
Not und die Gewalt fehlen, die heute alles Böse erzeugen, die Menschen
in Bälde so veredelt sein, daß sie gleich zuerst und ohne einen Irrtum
erkennen, für welchen Gatten ein jeder bestimmt ist, dem sie dann
angehören ohne Wanken, in Freiheit, aber in Treue.« Nach diesen Worten
schwieg er; die andern aber freuten sich und wünschten ihnen beiden
Glück, und als erster gab Karl der Braut die Hand mit frohem Gesicht.
Hierauf mußte zuerst die Kleine zu Bette gebracht werden, und die Braut,
die aus Verschämtheit nicht in der Gesellschaft der Männer ausharren
mochte, ging in die Küche, den Tisch für alle zu decken und das
Mitgebrachte auszupacken, das jeder für das gemeinsame Abendbrot hier
niedergelegt hatte. Und während sie das glänzende Tischtuch ausbreitete
und in die Mitte die Lampe stellte, und das wenige Geschirr verteilte,
das nicht ausreichte für so viel Gäste, besprachen die vier Männer unter
dem brennenden Baum ernste Dinge des Parteilebens, denn bei einer
Haussuchung war eine Abrechnung gefunden, aus der auf die Einzelheiten
der Organisation geschlossen werden konnte, und gleichzeitig mutmaßte
man, daß die Polizei einen Angeber gefunden hatte, der vieles wußte,
weil sie in der letzten Zeit ganz sonderbares Glück gehabt bei ihren
Verhaftungen. Das erfüllte alle mit banger Sorge, und es wurde viel
geraten und gedacht, wo wohl der Verräter zu suchen sei, und Weiland
sagte, er habe jetzt immer ein schlechtes Gewissen, daß er in solchen
Zeiten der Gefahr sich vom Leben der Partei so fern halte, aber die
andern hielten ihm vor, daß es doch besser sei, wenn die Unverheirateten
sich den Gefahren aussetzen, weil diese durch Gefängnis und Ausweisung
ja nicht in ihrer Lebenshaltung bedroht würden wie ein Familienvater,
denn ein solcher könne vielleicht ganz zugrunde gehen durch eine
Verfolgung.
Inzwischen hatte die Frau das Kind besorgt und war dann in die Küche
gegangen, der andern zu helfen, und nun rief sie mit heiterem Gesicht
die Männer in den engen und reinlichen Raum, wo durch die Küchenbank und
den Holzstuhl und umgekehrte Kisten allerhand Sitzgelegenheiten
geschaffen waren um den sauberen Tisch. Aber als sie eben sich unter
allerhand Scherzen setzen wollten, ertönte plötzlich die Klingel im
Flur; die Frau rief noch fröhlich aus, das seien ihre Eltern, die sie
überraschen wollten, trotzdem sie erst für den Feiertag einen Besuch
verabredet hätten, und sprang glücklich zur Tür; doch wie sie ungestüm
öffnete und eben die Draußenstehenden umarmen wollte, prallte sie
erstaunt zurück, denn ein feiner Herr im Zylinder, ein andrer Herr im
gewöhnlichen Anzug, ein Polizeioffizier und zwei Schutzleute traten ein
und gingen in die Stube, wo noch der Weihnachtsbaum brannte; die andern
kamen ihnen aus der Küche entgegen, und so war der enge Raum plötzlich
ganz mit Menschen angefüllt. Da gab sich der Herr mit dem Zylinder als
der Staatsanwalt zu erkennen, der andre Herr war sein Sekretär. Er
teilte Weiland mit, daß er genötigt sei, bei ihm eine Haussuchung
vorzunehmen, und drückte sein Bedauern aus, daß er gerade am heutigen
Abend kommen müsse; Weiland lachte über diese letzte Rede und deutete
ihm an, er solle tun, was sein Amt verlange. Nun wurden zuerst die
Anwesenden nach Namen, Wohnung und Grund ihres Hierseins befragt und
ihre Antworten von dem Sekretär aufgeschrieben, dann begann das
Nachsuchen, währenddessen die Schutzleute die Freunde genau beobachten
mußten, wiewohl sie eine Art freundlichere Stimmung gegen die
Überfallenen zu haben schienen, die freilich durch den Ernst der
Amtspflicht verborgen wurde.
Mit umständlicher Gründlichkeit wurde erst das Schränkchen untersucht
nach etwaigen Schriftstücken; zornbebend mußte die arme Frau zusehen,
wie ihre geringe Wäsche von den Männern hin und her gewendet wurde, und
mit Mühe hielt Jordan sie zurück, daß sie nicht schalt. Endlich fand der
Polizeioffizier ein dünnes Paket Briefe auf, das er dem Staatsanwalt
reichte, aber plötzlich stürzte sich die Frau auf ihn zu, entriß ihm das
Paket und hielt es unter ihrer Schürze. Ein Lärmen und eine heftige
Bewegung entstand, sie rief, das seien ihre Briefe, die sie ihrem Manne
in der Verlobungszeit geschrieben; der Staatsanwalt suchte die
Peinlichkeit durch Beschwichtigungen zu heben, die Freunde redeten ihr
zu, daß sie nicht durch unnützen Widerstand noch etwas Schlimmes
anrichten möge; da gab sie die Briefe zurück, das feurige Rot der Scham
im Gesicht, warf die Schürze vor die Augen und setzte sich weinend in
die Sofaecke, wo die Freundin sie mit unterdrückter Stimme zu trösten
suchte. Unterdessen fuhren die andern mit ihren Nachforschungen fort in
der wunderlichsten Weise, indem sie selbst die Bilder von der Wand
nahmen und hinter ihnen versteckte Schriftstücke suchten, den Teppich
aufhoben und sich an den Dielen bemühten. Mit einem Eifer und einer
Ernsthaftigkeit verfuhren sie, als seien die wichtigsten Dinge hier
aufzufinden, durch welche das Bestehen des Staates in Frage gestellt
werde, und das glaubten sie auch wohl wirklich. Weiland hatte der
Gesellschaft den Rücken gekehrt und sah schweigend durch die
Fensterscheiben, weil er vermutete, daß er einen Ausweisungsbefehl
bekommen werde, wenn auch die Haussuchung fruchtlos verlaufen mußte, und
er wußte nicht, was dann mit seiner jungen Frau und dem Kinde werden
sollte, bis er an anderm Ort wieder Arbeit gefunden hatte; denn durch
die Natur seiner Arbeit war er auf die wenigen großen Städte angewiesen,
wo es Fabriken gab, in denen er arbeiten konnte; die standen aber
meistens unter dem Belagerungszustand. Und wenn er wirklich anderswo
eine Stelle für sich ausfindig machte, wo er vor neuer Ausweisung sicher
war, so dauerte es doch erst eine Weile, bis er wieder zu seinem
gegenwärtigen Lohn kam, denn als ein tüchtiger und erprobter Arbeiter
wurde er besonders gut bezahlt; und dann machte der Umzug noch große
Kosten, die er gar nicht aufzubringen vermochte, weil sie beide ihre
Ersparnisse für die Einrichtung ausgegeben hatten. In Gedanken sagte er
halblaut zu sich: »Das ist doch unrecht, das ist doch unrecht.« Hans,
der neben ihm stand, drückte ihm still in einem überquellenden Gefühl
die Hand. Auf dem Tisch unter dem Weihnachtsbaum lag der erste Band des
»Kapital« von Marx, als ein Geschenk von Hans. Der Sekretär schlug das
Buch auf, wies dem Staatsanwalt eine Seite mit vielen Formeln, die sehr
gelehrt und schwer verständlich schien, und zuckte dabei als ein
hochmütiger Subalterner die Schulter, indem er dabei doch die schuldige
Demut gegen den Vorgesetzten zur Schau trug. Hierauf wurde sehr genau
das kleine Bücherbrett durchsucht und die Bände einzeln herausgenommen
und nach Schriftlichem durchblättert, und weil sich in der kleinen
Sammlung mehrere Bücher und Hefte fanden, die verboten waren, so wurden
die dem einen Schutzmann zum Mitnehmen übergeben. So gedrückt und unfrei
allen zu Mute war, so mußte sich doch Hans fast des Lachens erwehren bei
dem verängstigten Gesicht, das dieser machte, wie er die gefährlichen
Drucksachen in seine braven, dicken Hände nahm. Wie die Nachforschungen
im Schlafzimmer fortgesetzt wurden, erwachte die Kleine und begann
jämmerlich zu schreien; die Mutter trocknete sich das Gesicht ab, ging
zu dem Wagen und nahm das Kind heraus; aber die vielen Menschen und die
ungewohnte Stunde mochten es wohl so erschreckt haben, daß es sich gar
nicht beruhigen wollte. Der Schutzmann, dem die Bücher anvertraut waren,
holte eine Uhr aus der Tasche und suchte die Kleine zufrieden zu
stellen, indem er die vor ihr bewegte, und zuletzt wurde sie auch auf
dieses Spielzeug abgelenkt, versuchte nach ihr zu greifen, fing endlich
an zu lachen, und am Ende packte sie den Mann mit beiden Händen in
seinen dichten, blonden Vollbart, und erst wie er mit ganz tiefer Stimme
zu lachen begann, zog sie erstaunt die Händchen wieder zu sich. Dadurch
aber war die Mutter so aufgeräumt geworden, daß sie gleichfalls lachte,
zu erzählen begann und zu dem Kinde sprach. Plötzlich zwar hielt sie
erschreckt inne, denn es kam ihr alles wieder zum Bewußtsein; aber es
war doch, als sei eine leichtere Stimmung über alle gekommen. Wie als
eine Entschuldigung sagte der Mann: »Wir müssen doch unsre Pflicht tun.«