Mit diesem geringen Gelde zog er nun nebst seiner Frau nach Berlin, wo

sein Sohn schon früher lebte als ein frischer und unbefangener junger

Offizier, der mäßig war und sehr verständig an seine Zukunft dachte. Die

Frau beschloß, eine große Wohnung zu mieten und Fremde bei sich

aufzunehmen um Geld, welcher Plan ihr auch gelang, da sie manche

Familienbeziehungen hatte, der alte Mann aber, welcher einsah, daß er

dergestalt keine Tätigkeit für sich selbst fand, durch die er zum

Unterhalt der Familie beitragen konnte, wollte nicht durch seiner Frau

Arbeit leben, und mühte sich so lange, bis er eine Anstellung bei der

Pferdebahn erhielt als ein Aufseher über die Schaffner, damit die immer

ordentlich alles Geld abliefern und nicht betrügen. Und wiewohl sein

Körper schon gebrechlich war und dieser Dienst ihn recht anstrengte, so

fühlte er sich doch nunmehr glücklich und zufrieden und erzählte seiner

Frau des Abends vieles über die verschiedenartigen Charaktere der

Schaffner, indessen die mit einer Küchenarbeit für das Mittagessen des

nächsten Tages beschäftigt war.

Bei diesen Eltern lebte der junge Offizier, und weil er gesund und

rotwangig war, auch vor seinen Vorgesetzten angenehm und bei seinen

Kameraden beliebt, so dachte er, daß er wohl eine Heirat machen könne,

durch die er seine Glücksumstände wieder aufbesserte. Und wie in Berlin

alle verschiedenen Kreise der Gesellschaft sich in der wunderlichsten

Weise berühren, so hatte er bei einer gewissen Gelegenheit Luise kennen

gelernt und durch ein lange geführtes Gespräch liebgewonnen, denn bis

dahin hatte er nur solche jungen Damen gekannt, die mit ihm über

Beförderungen und Rangliste sprachen. Nun bedachte er zwar, daß sie eine

Jüdin war und wenig angenehme Eltern hatte, auch blieb es ihm nicht

unanstößig, daß sie Studentin gewesen, wenn schon ihr Benehmen nichts

Auffälliges zeigte; indessen wußte er doch, daß sie eine große Mitgift

erhoffen konnte, auf die er ja angewiesen, und dann hoffte er, daß der

Umgang mit den Damen vom Regiment sie bald zu einer richtigen

Offiziersfrau machen werde; über das alles hinaus gab bei ihm aber den

Ausschlag, daß er eine große Zuneigung zu ihr gefaßt hatte, was freilich

verwunderlich schien in Anbetracht der sonderlichen Verschiedenheit

zwischen den beiden. So entschloß er sich denn und schrieb ihr einen

wohlgesetzten Brief, in dem er sie fragte, ob er ihren Vater um ihre

Hand bitten dürfe.

Ihre Eltern hatten aus Anzeichen schon vorher die Werbung geahnt, die

von der Mutter begünstigt wurde, der Vater aber, der früher oftmals

heftig gegen reiche Glaubensgenossen gesprochen, die ihre Töchter an

Christen gaben, war der Verbindung feindlich gestimmt, und so wurde

schon lange bevor der Brief ankam, in der Familie lebhaft und nicht mit

Würde über das Kommende gesprochen, unter tiefem Leiden Luisens, die den

jungen Mann wohl ganz gern sah als einen gesunden und tüchtigen

Menschen, aber keine weitere Neigung zu ihm verspürte; denn durch diese

Gespräche wurde ihr, als werde ihr Innerlichstes und Heimlichstes ans

Licht gezogen und vor den Menschen zu Schau ausgebreitet. Und wie nun

der Brief wirklich ankam, da hatte sie eine heftige Angst vor den

Gesprächen und Reden, die noch folgen würden, und zudem wurde der

Überdruß, den sie schon lange empfunden, plötzlich sehr viel heftiger;

so beschloß sie, daß sie aus dem Leben gehen wollte, ohne daß sie

eigentlich einen augenscheinlichen Grund gehabt hätte. Ehe sie aber ihre

Tat ausführte, schrieb sie noch einen Brief an Hans, der ihrer Seele

wohl am nächsten gestanden haben mochte. In dem sagte sie ungefähr

folgendes:

»Ich sterbe, weil ich auf keinerlei Weise sehen kann, wie ich zu leben

vermöchte, und weiß auch nicht, wie andre Leute leben können. Lange habe

ich nachgedacht, denn ein jeder hat doch einen Willen zu leben; und

vielleicht wäre es am besten für mich gewesen, ich hätte jung geheiratet

und Kinder gekriegt; denn nachdem wir für uns selbst an das Ende

gekommen sind, daß wir nichts mehr zu erstreben sehen, haben wir dann

noch Ziele für die Kinder und ihr Größerwerden. Und so ist meine

törichte Liebe zu Peter wohl noch das klügste gewesen in meinem Leben,

die ich durch zu viele Klugheit zerstört habe, weil ich geistig

hochmütig war und keinen Glauben fassen konnte zu einem Mann. Wenn du

einmal heiraten solltest und Töchter haben, so erziehe sie nicht so, daß

sie viel wissen, denn schon Männer macht das unfroh, aber Frauen

vermögen dann nicht zu leben, weil sie nicht mehr sehen, wie sie das

können.«

Diesen Brief erhielt Hans am Weihnachtsabend, als er allein in seiner

Stube saß und über sein bisheriges Leben nachdachte. Da fand er, daß er

war wie ein Baum im Herbstwinde, denn wie trockene Blätter waren die

Freunde abgefallen, und der Wind trieb sie hierhin und dorthin. Und als

er den Brief gelesen, dachte er sich, daß dieses das Ende aller sei, und

nur einige wenige Jahre waren doch vergangen, daß so viele junge Leute

zusammengewesen waren und Kraft gehabt hatten und einen starken Willen

zu allem, was das Schicksal ihnen auch aufgeben mochte; und nun saß er

selbst am Weihnachtsabend einsam in seiner Stube und dachte nach, wie

Luise nachgedacht hatte, denn auch er hatte einen Willen zu leben; aber

er fand nicht, wie das alles so gekommen sein konnte.

Und indem er angestrengt nachdachte, und es schien ihm zuweilen, als

sehe er ganz von weitem das letzte Ende des Gedankens, den er erreichen

wollte, da öffnete sich die Tür und jener Russe trat ein, den er gleich

in der ersten Zeit seines Berliner Aufenthaltes kennen gelernt; später

war er immer in Beziehung zu ihm geblieben, aber er mochte ihm nicht

wieder so nahe kommen wie in jener Nachtstunde. Dieser trat jetzt ein,

begrüßte ihn und sagte, er habe ein belastetes Herz und suche einen

Mann, zu dem er sich aussprechen könne. Dann erzählte er folgendes:

Vor Jahren, wie er noch in Rußland lebte, hatte er einen Freund, der ein

stiller Mensch war, der von den revolutionären Wünschen und Gedanken

ihres Kreises nichts wissen mochte, sondern sein Studium liebte, nämlich

die Mathematik. Dieser lebte mit seiner Schwester zusammen, einem sehr

schönen Mädchen, das aus Liebe zu einem andern Studenten philosophische

Schriften las und bedachte.

Nun war damals ein neuer Polizeimeister in Petersburg eingesetzt, der

eine heftige Verfolgung solcher Personen begann, die ihm politisch

verdächtig schienen. Bei dieser Gelegenheit wurden auch das junge

Mädchen und ihr Bruder verhaftet, und weil man bei ihr verbotene Bücher

gefunden hatte, so untersuchte man sie besonders genau, und befahl der

Polizeimeister, daß die Jungfrau in seiner Gegenwart nackt ausgezogen

werde, damit man nachsehen könne, ob sie nicht noch heimlich an ihrem

Körper etwas verborgen hatte. Hierüber und wie sie die lüsternen Augen

des Polizeimeisters sah, ward sie von so heftiger Scham ergriffen, daß

sie ein Messer nahm, das da auf dem Tische lag zum Spitzen der

Bleistifte, und es sich in die Brust stieß; und weil sie gerade auf die

Stelle des Herzens getroffen hatte und der Stoß nicht durch Kleider

abgeschwächt wurde, so sank sie gleich um und verschied in wenigen

Augenblicken.

Wie der Bruder, dem nichts Verbotenes nachgewiesen werden konnte, aus

dem Gefängnis entlassen war, bereitete er eine Rache vor, denn seine

frühere Gesinnung hatte sich durch dieses Ereignis gänzlich in ihr

Gegenteil verwandelt, und da er die notwendigen chemischen Kenntnisse

besaß, so gelang es ihm leicht, ein Sprengwerkzeug zu machen, durch das

er den Polizeimeister töten wollte. Er hatte aber das Mißgeschick, wie

er das Kästchen sorgsam über die Straße trug, daß die Masse sich

vorzeitig entzündete und ihm einen Arm wegriß und beide Augen blendete.

So wurde er vom Pflaster aufgenommen und durch geschickte Ärzte wieder

geheilt; dann aber klagte man ihn seines Versuches wegen an und

verurteilte ihn zu einer zehnjährigen Gefängnisstrafe.

Die hatte der Mann nun abgebüßt, und zwar zum Teil in Einzelhaft, und

dann war er aus Rußland fortgegangen und nach Berlin gekommen. Solches

Geschick aber hatte ihn jedoch zu einem ganz merkwürdigen Menschen

gemacht; denn er war damals achtzehn Jahre alt gewesen; und zwar in

seinem Fach recht tüchtig, sonst aber etwas unreif und kindisch. In den

zehn Jahren, die er seitdem in Finsternis und ohne alle Möglichkeit der

Bildung verbracht, war sein Geist dann nicht älter geworden, und auch

seine Erfahrungen hatten sich nicht vermehrt; nur zweierlei war in

seinem Innern geschehen, nämlich erstens, er hatte die revolutionären

Gedanken, die er damals ohne Interesse angehört, in sich befestigt und

in einer Art von mathematischem Sinn und ohne Verständnis für die

Wirklichkeit in sich gestaltet, und zweitens, er hatte sehr viele und

lebhafte Träume gehabt und konnte in seiner Erinnerung nicht mehr

unterscheiden zwischen Erlebtem und Geträumtem; und indem er auch jetzt

noch derart träumte, und zwar häufig Vorgänge in solcher Weise, wie er

sie sich wünschte, so befand er sich in Wahrheit in einer ganz andern

Welt wie seine Umgebung; denn wenn ihm ein Wunschgebilde dieser Art

abgestritten wurde als nicht wirklich, so hielt er den Menschen für

erträumt, der gegen ihn stritt, nicht aber seine Vorstellung, weil diese

sich bereits ganz mit seinem gesamten Weltbilde verschmolzen hatte.

Wie dieser Mann nun eine kleine Weile in dem Kreise der russischen

Freunde in Berlin gelebt hatte, die fleißig zusammenkamen auf ihren

Zimmern und viel disputierten, stellte sich das wunderliche Wesen

heraus, daß er auf alle Mädchen und Frauen des Kreises eine große

Anziehungskraft ausübte, trotzdem er schauerlich anzusehen war durch die

Verstümmelungen an seinem Körper und im Gesicht, und wollten ihm alle

dienen und helfen. Er aber hatte sich besonders an des Erzählers Frau

angeschlossen, bei dem er auch wohnte und aß.

So verging nun eine Zeit, während welcher die Frau nachdenklich und

schweigsam war; dann aber sagte sie zu ihrem Mann, daß sie ja doch beide

sich von den Vorurteilen der bürgerlichen Gesellschaft befreit hätten

und sich als Pfadsucher der neuen Menschheit wüßten, die, wie sie das

oft besprochen, auch eine andre Form der Ehe bringen werde; in dieser

solle die Freiheit der Persönlichkeit gewahrt bleiben; und da die

Persönlichkeiten sich heute immer verschiedenartiger entwickelten, so

werde die neue Ehe viele voneinander abweichende Typen aufweisen. Nun

wisse er wohl, daß sie ihn liebe, aber es sei zu dieser Liebe eine neue

Zuneigung in ihr Herz gekommen, nämlich für ihren gemeinsamen Freund;

und anfänglich habe diese Erscheinung sie recht beunruhigt, denn da die

Gefühle zu ihm als ihrem Mann noch immer die alten seien, so habe sie

ihn doch nicht verlassen mögen um den neuen Geliebten; am Ende aber habe

sie sich gedacht, daß auch solches in der künftigen Gesellschaft möglich

sei, daß eine Frau mit zwei Ehegatten lebe, wie umgekehrt ein Mann mit

zwei Ehefrauen, was wir ja beides auch heute schon bei barbarischen

Völkern in der Wirklichkeit sehen; und da sie doch die künftige

Gesellschaft in ihrer Lebensführung vorbilden wollten, so schlage sie

ihm vor, daß der Freund in ihren Ehebund als Gleichberechtigter

aufgenommen werde.

Auf diese Rede konnte der Mann nichts erwidern, da sie aber eine

Angelegenheit von großer Bedeutung für die künftige Ordnung der

Menschheit betraf, so entschloß er sich, daß er alles seinen Freunden

unterbreitete, damit vorher eine gründliche Besprechung über die

soziologischen und sittlichen Fragen stattfinde, die diesen Fall

betrafen. Dies geschah nun alles, und nach einer sehr genauen Prüfung

kamen die Freunde zu dem Urteil, daß die Frau recht habe und nach ihrer

Rede geschehen müsse. Dem Spruch fügte sich der Mann, und so begannen

die drei ihre neue Ehe.

Nun zeigten sich aber bald Unzuträglichkeiten, die sich aus dem Wesen

des zweiten Gatten ergaben. Durch seine Eigenart war er nämlich allen

Vorstellungen unzugänglich, die bezweckten, ihn zu etwas seinem Willen

Entgegengesetzten zu bewegen; und nachdem zuerst aus Schonung alles nach

seinen Wünschen gegangen war, herrschte er nachher hierdurch

vollständig, zur großen Beschwernis des ersten Mannes. Und während sonst

das neue Verhältnis wohl hätte Dauer haben können, wurde es ihm nun

unerträglich, so daß er aus der Familie ausschied, denn die Frau hing

mehr an dem zweiten Manne wie an ihm. Derart lebte er nun schon seit

Wochen allein. Hans wußte auf diese Bekenntnisse wenig zu antworten;

aber da jemand, der sein Herz erleichtern will, denn der Mann hing noch

an seinem Weibe und sehnte sich nach ihr, nicht verlangt, daß man viel

zu ihm spricht, sondern er ist froh, wenn er selbst ohne Störung seine

Beichte beenden kann, so fiel das dem andern nicht auf.

Nach einer Weile fuhr der fort, nachdem er nun dergestalt allein lebe,

habe er wieder mehr für die Verbreitung ihrer gemeinsamen Ideen tun

wollen. Und da sei ihm Hans eingefallen, daß er es in der Hand habe, der

Sache einen wichtigen Dienst zu leisten.

Er wisse nämlich, daß er gelegentlich noch jenen Kurt besuche, den

Schwager Hellers, den er gleichfalls an jenem ersten Abend kennen

gelernt. Wenn er nun dem auf seiner Schreibstube einmal sage, er wolle

telephonieren bei ihm, so werde er und der andre den Raum verlassen, und

er, nämlich Hans, bleibe allein. Dann könne Hans auf einer Wachstafel

Abdrücke der Schlüssel machen, nach denen er selbst, der solche Künste

gelernt habe, Nachschlüssel anfertigen werde; und wenn dann einmal

gelegene Zeit sei, so würde er mit einem Freunde des Nachts das ganz

unbewachte Geschäft öffnen und aus dem Geldschrank eine Summe nehmen,

die seine Freunde in Rußland brauchten, um eine Druckerei anzulegen; und

da keinerlei Spuren eines Einbruchs zu bemerken wären und man nicht

erfahren könne, auf welche Weise das Geld verschwunden sei, so müsse

dieser Plan ganz sicher auszuführen sein. Bedenken sittlicher Art aber

werde er, Hans, doch wohl nicht haben, da man doch nur einem Ausbeuter

nehme, was er zu Unrecht besitze, und das verwende für die Befreiung der

Menschheit.

Wie Hans diese Rede hörte, wurde ihm wie durch einen Blitz sein eignes

Leben und das Leben aller dieser Menschen erleuchtet, und wurde von

tiefem Entsetzen fast geschüttelt, und war ihm, als müsse er den Russen

niederschlagen in Entrüstung; und so sehr konnte er sich nicht

bezwingen, daß der andre nicht seine Verfassung gemerkt hätte; die war

aber derart, daß er in Angst geriet und verlegen wurde und dann

plötzlich ging. Wie der andre fort war, kamen dem Hans die Tränen über

sein Leben, er legte das Gesicht auf seine Arme und weinte bitterlich.

Aber noch nicht war die Zahl der Boten zu Ende, die ihm an diesem

Weihnachtsabend geschickt wurden, nämlich der Brief der toten Luise, und

dieser Mensch, der sich eben vom Narren zum Verbrecher entwickelte; es

kam noch ein Wort von der treuen Dienstmagd seiner Eltern, und das traf

ihn am tiefsten.

Die Mutter schickte ihm zur Bescherung aus der Heimat ein Kistchen, in

das sie allerlei gepackt, was sie nützlich für ihn meinte, denn

Überflüssiges zu schenken war ihrer sparsamen Art zuwider, und auf dem

Boden lag der Brief, der fest zusammengefaltet war; in dem schrieb sie,

daß Dorrel gestorben war, und erzählte die Art ihres Hinganges, und was

sie ihr aufgetragen für ihn. Denn nachdem sie ihrer Frau alle ihre Habe

nochmals gezeigt und gesagt, daß dies alles Hans erben solle, sagte sie:

»Wie er zuletzt hier im Hause war, zum Tode seines Vaters, da fiel mir

auf, daß sich sein Wesen verändert hat und daß seine Augen anders sind

wie früher. Hierüber habe ich eine große Angst bekommen, aber als eine

ungebildete Dienstmagd, die keine Kenntnis hat von einer Gelehrsamkeit,

wagte ich ihm nichts zu sagen. Nun ich aber fühle, daß ich sterben

werde, und ich hoffe, daß unser himmlischer Vater mich zu sich in sein

Reich nimmt um seines Sohnes willen, so will ich versprechen, daß ich

oben fleißig Fürbitte tun will für ihn bei Gott, damit der sich seiner

erbarme und recht bald ihn frei mache aus seiner jetzigen üblen

Verfassung.«

Es wohnte Hans bei braven und ordentlichen Leuten, die gleich ihm ein

trübes Weihnachten feierten. Der Mann war ein Zuckerbäcker gewesen und

als ein fleißiger und ordentlicher Mann, der auch eine sparsame und

häusliche Frau hatte, war er in seinen Verhältnissen recht

vorwärtsgekommen. Die beiden hatten einen einzigen Sohn, den sie mit

vieler Liebe erzogen, und vielleicht waren sie allzu nachsichtig gegen

ihn gewesen. Sie hatten ihn auf die gute Schule getan, wo er als ein

begabter und leicht auffassender Junge anfänglich rasche Fortschritte

machte, aber wie er in die höheren Klassen kam, wurde er träge, hielt

sich zu den leichtsinnigen und schlechten Schülern, und durch Rauchen

und Trinken vergnügte er sich in einer Weise, die seinem Alter noch

nicht zukam. So geschah es, daß er die Schule nicht beenden und dann

studieren konnte, wie die Eltern gedacht, sondern er mußte aus der

Sekunda abgehen. Da ließen sie ihn eine mittlere Beamtenlaufbahn

ergreifen und brachten ihn bei der Steuerverwaltung unter, und waren

sehr stolz, wenn er sie in seiner schmucken dunkelgrünen Uniform

besuchte, zahlten auch viel Geld für ihn, denn er machte große Ausgaben,

weil er immer fein und vornehm erscheinen wollte. Dann heiratete er

frühzeitig die Tochter eines andern Beamten, die ein sehr schönes

Mädchen war, und es wurde erzählt, sogar ein Offizier habe um sie

anhalten wollen. Die war nun freilich nicht vermögend und wußte nicht

gut hauszuhalten, sondern hatte ihre größte Lust am Putz und Vergnügen;

aber da ihre Art der seinigen zusagte, so lebten sie doch recht

unbekümmert und fröhlich zusammen.

Die alten Eltern gerieten in große Sorgen, wie sie dieses Leben sahen

und die großen Ausgaben merkten, und nachdem sie lange mit sich zu Rate

gegangen, wie sie dem abhelfen könnten, besuchte am Ende der Vater

seufzend seinen Sohn, ermahnte ihn zur Sparsamkeit, warnte ihn und sagte

am Ende, wenn er vielleicht Schulden gemacht habe, so solle er sie ihm

nennen, denn er wolle lieber für ihn bezahlen, als daß er ins Unglück

komme. Und über die herzlichen Worte war der Sohn fast gerührt geworden,

wie es leichtfertiger Leute Art ist, aber im Nebenzimmer hatte die

Schwiegertochter alles gehört, die kam herein und schalt auf den alten

Mann, sagte ihm, daß er ihr Leben nicht verstehe und sie beide beständig

kränke und fügte noch viele bittere Worte hinzu über ihre vornehmere

Herkunft und besseren Gewohnheiten. Über dieses alles wurde der Sohn

beschämt, teils wegen seines Vaters, daß ihm der ins Gewissen geredet,

teils wegen seiner Frau, weil die ihre Geburt gegen seinen Vater

hervorhob; der Zorn aber, der aus dieser Beschämung entstand, richtete

sich gegen seinen alten Vater, als der es gut gemeint hatte, und so

wurde er heftig und verbot dem am Ende sein Haus. Da ging der gute alte

Mann wortlos aus der Stube, küßte noch einmal den Enkel und es flossen

ihm Tränen über die Backen, und dann mied er seinen Sohn; dieser aber,

da er sich schuldig fühlte, mied ihn gleichfalls.

Nun geschah es nach nicht langer Zeit, daß in der Kasse, welche der

junge Beamte verwaltete, Unterschleife entdeckt wurden, denn weil sein

Einkommen bei weitem nicht ausreichte für sein Leben, so hatte er erst

Schulden gemacht, und wie die Schuldleute drängten, hatte er fremdes

Geld angegriffen. So wurde er denn gleich verhaftet und ihm der Prozeß

gemacht und zu Zuchthaus verurteilt. Die junge Frau, die doch

mitschuldig an seinem Verbrechen war, gebärdete sich wie irrsinnig,

beschimpfte ihren Mann vor andern Leuten und ließ sich von ihm scheiden

als von einem Ehrlosen. Dann brachte sie das einzige Kind zu den

Schwiegereltern und sagte denen, sie wolle eines solchen Mannes Sohn

nicht erziehen, denn der schlage gewiß nach seinem Vater, und sie selbst

wolle nun ein neues Leben anfangen, nachdem ihr früheres zerstört,

nämlich sie habe eine große Begabung für den Gesang und wolle Künstlerin

werden. Dann ging sie aus dem kleinen Orte fort, und es wurde erzählt,

daß sie Sängerin in einer großen Stadt in einem jener Häuser geworden

sei, wo die musikalischen Darbietungen nur andre Dinge verbergen sollen.

Auch die Eltern verließen ihre Stadt, in der sie jung gewesen waren und

gearbeitet hatten und alt geworden waren, und nahmen den Enkel mit sich,

denn sie konnten die Schande nicht ertragen und meinten, in der

Großstadt vermöchten sie sich am besten zu verbergen, daß sie niemand

sähe, der sie gekannt, und daß das Kind ohne Vorwurf um seinen Vater

aufwüchse.

Über dem allen waren nun Jahre vergangen, und das Kind hatte zugenommen

an Größe und Verstand und sich zu großer Ähnlichkeit mit seinem

Großvater entwickelt, war auch recht brav in der Schule und saß immer

als einer der Ersten. So kam nun die Zeit heran, daß ihr Sohn entlassen

werden mußte aus dem Zuchthause, dem Jungen hatten sie aber erzählt, er

sei in Amerika. Und wiewohl der Vater ihn noch einmal gesprochen nach

seiner Verurteilung und sie sich Briefe schrieben, so wußten sie nicht,

ob er zu ihnen kommen werde, und hatten zwar große Sehnsucht nach ihm,

aber der Vater wagte doch nicht, nach dem Orte seiner Strafe abzureisen

und ihn dort zu empfangen, denn er fürchtete, daß ihm das wieder

mißfallen möchte und ihn wieder verhärte. Deshalb waren jetzt ihre

Herzen gespannt in Furcht und Hoffnung, denn gleich nach den Feiertagen

waren die Jahre abgelaufen. So hatte nun dieses Weihnachtsfest für sie

eine besondere Bedeutung. Und wie es oft geschieht, daß guten Menschen

Not und Sorge das Herz offen machen für andere, wie bei bösen sie es

verschließen, so sprach die Frau zu dem Mann, er solle zu dem Mieter

hinübergehen und den einladen zu ihrem Weihnachtsbaum, denn sie hatte

wohl gemerkt, daß er ein einsamer Mensch war, um den sich niemand

kümmern mochte an diesem Abend. Aber als der Mann nun in seiner

festlichen Kleidung anklopfte und endlich die Tür öffnete, da fand er

Hansen ohne Besinnung im Zimmer auf dem Boden liegen, und neben ihm lag

das geöffnete Kistchen von der Mutter, welches ein paar Schuhe enthielt,

Strümpfe und Taschentücher, und ein Stück Honigkuchen.

Wie der Arzt kam, erkannte der schweres Nervenfieber, und ordnete an,

daß Hans gleich in ein Krankenhaus gebracht wurde. So geschah, und war

Hans die ganze Zeit besinnungslos, wie er im Krankenwagen gefahren

wurde, und nur für einen Augenblick hatte er eine gewisse Klarheit, wie

man ihn durch einen langen Gang trug, an vielen Türen mit Nummern

vorbei. Der Mann zu seinen Füßen war ganz weiß gekleidet, und wie er

sich umwendete, sah er, daß der andre Mann ebensolche Tracht hatte; das

war ihm wunderbar, was das bedeuten mochte. Auch standen da zwei

Krankenschwestern, von denen sagte die eine: »Und nicht einmal am

Weihnachtsabend hat man Ruhe, das ist hier wie im Gefängnis.« Da

vergingen ihm die Sinne wieder, aber um das Wort »Gefängnis« bildeten

sich allerhand wirre und unfaßbare Phantasien, die ihm eine große Angst

einflößten.

* * * * *

Nach seiner bestimmten Zeit kam Hans wieder zur Besinnung, aber da war

sein Körper sehr schwach, und lag in großer Mattigkeit in einem Bett;

seine Seele indessen war erfüllt von Bangigkeit, Reue und Angst, und

erschien ihm sein Leben nutzlos verschleudert, und er meinte, daß er mit

allem am Ende sei.

Dieses merkte die Pflegerin, die ihn besorgte, daß er nicht die

friedliche und ruhige Stimmung des Gemütes hatte, die nach einer

schweren Krankheit uns trösten soll und wieder ganz gesund machen.

Deshalb fragte sie ihn, weshalb er sich verzehre, und hörte mit Geduld,

wie er sich selbst anklagte. Da antwortete sie ihm, daß er sich

aufrichten müsse und den Willen haben zu Kraft und Freude, und um ihm

Mut zu machen, sagte sie, daß er sie selbst betrachten solle, wie sie

ruhig sei und in Ordnung ihre Pflicht erfülle, und habe doch Schweres in

ihrer Vergangenheit begangen, das sie ihm erzählte.

Ihr Vater war ein einfacher Mann gewesen, der in seiner frühen Jugend

weit in die Welt gekommen war, und hatte da manches gesehen, davon in

seiner Heimat niemand etwas bekannt war. Deshalb kehrte er nach Hause

zurück mit einem wenigen von Geld, das er in der Fremde verdient, und

tat sich mit einem reichen Bürger seines Ortes zusammen, einem

Schlächtermeister, und mutete auf Kohlen. Und so hatte er Glück und fand

reiche Kohlenlager, und war auch weiterhin verständig, indem er sich

nichts abschwatzen ließ, sondern mit seinem Genossen sein Gefundenes

selber ausbeutete, und gelangte auf diese Weise zu großem Reichtum, daß

er viele Zechen besaß und auch Eisenwerke baute und Bahnen anlegte; und

ward seine Heimat durch ihn ganz verändert aus einem grünen und frischen

Lande, wo Holzhauer wohnten und Gebirgsbauern, zu großen Orten mit

düsteren Häusern und Straßen voll schwarzen Staubes und zu Luft voller

Qualm der rauchenden Schlote, und zogen viele fremde Leute zu, und auch

die Einheimischen arbeiteten bei ihm in Schächten und Hütten, mit

Verdrossenheit und Unmut. Er selbst aber ward ein schweigsamer und

stiller Mann, der des Morgens in der Frühe in seine Arbeitsstube ging,

Briefe las und Antworten diktierte, und wenn er einen ansah von seinen

Leuten, so war sein Gesicht seltsam zerstreut, denn er dachte an eine

Zeche oder eine Schwankung der Preise; und seine Erholung war, daß er am

Abend in das Klubhaus ging, wo auch seine studierten und feinen

Angestellten sich erfreuten, da setzte er sich allein in eine bestimmte

Ecke und hatte vor sich ein Glas eines bestimmten Weines, und saß stumm

da, spielte etwa einmal mit seinen Fingern. Dann ging er nach Hause und

wanderte lang auf und ab in seiner Wohnstube, und am Ende legte er sich

schlafen in seinem Schlafzimmer, das war eingerichtet mit fürstlicher

Pracht. Er hatte als junger Bursche geheiratet, ein Mädchen seines

Standes, die war an zehn Jahre älter wie er; von der hatte er zuerst

keine Kinder, aber später bekam er mit ihr eine Tochter. Nun war er

selbst mit der Zeit in Aussehen und Benehmen ein Mann geworden, wie wenn

er immer in seiner jetzigen Lage gelebt hätte, und hatte auch auf seiner

Wanderschaft fremde Sprachen gelernt und redete seine Muttersprache fast

ohne Dialekt; die Frau aber konnte sich nicht recht in die neuen

Zustände passen, denn nur, daß sie prunksüchtig wurde und zänkisch,

sonst behielt sie alle ihre alten Gewohnheiten und Sitten bei. Das hatte

den Mann nicht sehr gestört, solange das Kind nicht da war, denn er

lebte wenig mit ihr zusammen; wie jedoch das Kind geboren war und einige

Jahre alt wurde, da schied er sich von ihr, und sie zog weit weg, er

aber behielt das Kind.

Nun wurde das Mädchen erzogen von teuren Erziehern, und am Mittag, wenn

gegessen wurde, sah sie der Vater immer, denn sie mußte ihm gegenüber

sitzen, sonst sah er sie aber nicht, weil er zu viel zu bedenken hatte.

Da wuchs denn das Kind auf, wie es mochte, denn die Erzieher wagten

nicht, streng zu sein, und der Vater erfüllte ihr alle Wünsche, weil er

sie so wenig sah und doch wollte, daß sie ihn lieb hätte, und wie er

nicht mehr wußte, was einem Kinde recht und passend ist, so schenkte er

ihr viel kostbares Spielzeug. Hierdurch gewöhnte sich das Kind, daß

alles seinen Einfällen gehorchen mußte, und daß es teure Dinge für

nichts achtete und keine Grenze fand für seine Wünsche, und das ganze

Leben erschien ihm langweilig. So wuchs das Mädchen heran zu einem

schönen Fräulein, und ihre Erzieherin redete ihr allerlei vor von der

Liebe und von vornehmen Heiraten. Da kamen auch bald Freier von allerlei

Art. Es wollte aber der Vater gern, daß sie einen jungen Mann ehelichte,

der bei ihm diente in seinem Geschäft und tüchtig war in aller Hinsicht.

Diesen ladete er oftmals zu Tisch ein und fragte seine Tochter, wie er

ihr gefalle; da antwortete sie, daß sie ihn sich gar nicht recht

angesehen habe; und wie er ärgerlich wurde über diesen Hochmut und ihr

sagte, daß er selbst ein armer Arbeitsjunge gewesen, der mit einem

Schnupftuchbündel in der Hand in die Fremde gezogen sei, da zuckte sie

nur die Achseln, und er vermochte nichts weiteres über sie, denn er

mußte zu viel an seine Geschäfte denken und konnte deshalb ihr Wesen

nicht erfassen.

Nun drängten sich um sie viele glänzende und vornehme Herren und

schmeichelten ihr, und da sie unerzogen war und nicht bedachtsam, weil

sie niemals auf Festes gestoßen war, so glaubte sie wörtlich alles, was

ihr Schönes gesagt wurde, und ward noch hochmütiger; lieb gewinnen aber

konnte sie niemand, in der Art, wie ihre Erzieherin ihm das geschildert

hatte, die ein häßliches und armes Mädchen gewesen war, das immer

sehnsüchtig zur Seite gestanden hatte; und am Ende dachte sie, daß sie

ein Wesen von ganz besonderer Art sei, das beglücken könne, wen sie

wolle, wie der Zufall aus den vielen Mitspielern einer Lotterie einen

herausgreift, blindlings und ohne Grund. Da war nun in dem Kreise ein

junger Offizier, der ganz arm war und von bürgerlicher Herkunft und

nicht besonders ansehnlich, aber er hatte ein braves Gemüt und einen

rechtlichen Charakter; der durchschaute wohl ihr Wesen, und weil er

zudem bei so vielen glänzenden Bewerbern doch gar keine Aussichten zu

haben schien, so hielt er sich ganz still und ruhig im Hintergrunde und

bekümmerte sich nicht um sie. Diesen nun, weil er allein von allen

abseits stand, suchte sie gerade aus, denn für so hochstehend hielt sie

sich, daß seine Unansehnlichkeit und der Glanz der andern vor ihren

Augen ein ganz gleiches Verdienst hatten. Der Jüngling, der zuerst

glaubte, daß sie nur mit ihm spielen wolle, zog sich noch mehr zurück,

wie er ihre Annäherungen bemerkte, und das wiederum machte sie nur

hartnäckiger, so daß er am Ende verspüren mußte, es sei ihr Ernst mit

ihrem Entgegenkommen. Da verfiel er der menschlichen Schwachheit, daß

die Hoffnung, welche derart in ihm erweckt wurde, ihm einen glänzenden

Schleier vor ihrem Bilde ausbreitete, daß er die Fehler und Mängel nicht

mehr sah, die er früher recht scharf bemerkt, denn er war auch stolz und

kannte seinen Wert in seinem geringen Äußern, und es schien ihm ein

Besonders von ihr, daß sie ihn unter den andern nun herausgefunden

hatte; so meinte er denn, daß sie in einer glücklichen und redlichen Ehe

ihr voriges Wesen bald ändern werde, das ihr ja nur äußerlich angeflogen

sei. Und auch ihr Vater wurde getröstet über ihre Wahl, denn er hoffte,

daß er aus diesem jungen Mann sich werde einen Nachfolger erziehen

können. Derart wurde dann die Hochzeit der beiden gefeiert; aber schon

an dem Tage der Feier und vor der Trauung kam zwischen den beiden der

erste Streit, um eine geringe Kleinigkeit, und die Braut, die schon

festlich geschmückt war und nur noch des Kranzes harrte und des

Schleiers, zog den Ring vom Finger und warf ihn auf die Erde. Da wendete

sich der Bräutigam und wollte zur Tür hinausgehen; aber schon hatte er

eine zu große Liebe gefaßt, daß er nicht mehr sich trennen konnte,

deshalb kam er zurück, hob den Ring auf und gab ihn ihr wieder mit

bittenden Worten.

Nun führten die beiden eine recht unglückliche Ehe, denn der Mann war

ernsthaft und wollte lernen, damit er später alles leiten könnte, wenn

sein Schwiegervater einst tot wäre; die Frau aber verspottete und

kränkte ihn, und er war ganz weich in ihrer Hand und konnte ihr nicht

antworten, wie er gemußt hätte; und sie selbst war dabei ohne Tröstung

und langweilte sich, weil sie nicht wußte, was sie wollte. Ihr Vater

indessen gewann mit der Zeit den Mann lieb wie seinen Sohn, denn er war

viel um ihn, und waren beide vom gleichen Schlage; deshalb sagte er ihm,

er solle sein Weib gehen lassen, wie sie wolle, denn es sei ja auch eine

Torheit, wenn man sich Ruhe wünsche und Zufriedenheit, weil kein Mensch

die erreichen könne, außer etwa in ganz jungen Jahren, wo man nur seine

Sehnsucht vor sich habe und nicht die Wirklichkeit. So wurde denn der

Mann zu einem Menschen wie der Alte war.

Inzwischen waren noch viele Verehrer um die Frau, die wohl sahen, daß

sie unglücklich war, und ihr weiter schmeichelten und sich kränken

ließen von ihr. Da fiel es ihr ein, aus Hochmut und Überdruß, und weil

sie ihren Vater und Mann beleidigen wollte, daß sie sich einen Liebhaber

aussuchte; das war ein windiger junger Mensch, der ein groß Wesen machte

von sich, aber von Schulden lebte und von niemand geachtet wurde; mit

dem ließ sie sich ein, denn es war ihr recht, daß er sie in wunderlicher

Weise vergötterte, wie es wohl in törichten Büchern beschrieben wird.

Ihr Mann und Vater merkten nichts von dem Wesen, trotzdem sie recht

offen war, denn die hatten ihre Arbeit und dachten nicht an weiteres,

sie aber trieb es so weit, daß sie ein Kind bekam, und ihr Mann meinte,

es sei sein Kind, und freute sich über das Söhnchen, und ihr Vater

hoffte, daß es auf einen von ihnen beiden schlagen möge und nicht auf

die Mutter. Danach entzweite sie sich mit dem leichtfertigen Menschen,

denn der wurde von den Gläubigern gedrängt und war in seiner beständigen

Angst gegen sie nicht mehr so aufmerksam gewesen wie vorher; lieb gehabt

aber hatte sie auch ihn nicht.

Nun geschah es, daß die beiden Männer eine Erholung haben wollten von

ihrer schweren Arbeit, kauften sich eine Lustjacht und machten mit der

Frau und dem Kinde eine Seereise. Wie sie unterwegs waren, bezog sich an

einem Nachmittag der Himmel und kam Regen und stürmisches Wetter, so daß

sie alle nach unten gingen in die Kajüte, indessen die drei Leute,

welche das Schiff bedienten, auf dem Deck arbeiteten. In der engen und

dumpfen Kajüte aber befiel sie alle eine eigne Gereiztheit, und sie

begannen sich untereinander Vorwürfe zu machen, indessen draußen die

Wogen wunderlich gingen; da warf der Vater der Tochter vor, daß sie an

nichts Freude habe und keinen Menschen liebe, und die Tochter sprach

gegen den Vater, daß er immer nur an sein Geschäft denke und sich nicht

um sie bekümmere, und wie der Mann gut zureden wollte, da höhnte sie

den, daß er nichts verstehe, wie in seiner Schreibstube sitzen, und auch

der Mann wurde heftig und sagte, daß er ihr Herr sei; inzwischen war der

Knabe, der damals dreijährig sein mochte, ängstlich geworden und

schmiegte sich an den Vater; die Frau aber geriet in einen maßlosen Zorn

und schrie, niemand sei ihr Herr, und indem der Mann das Kind halten

wollte, weil das Schiff sehr schaukelte und er Furcht hatte, der Sohn

möchte fallen und sich verletzen, da rief sie, das Kind gehöre ihr und

nicht ihm, denn sie habe es von einem andern.

Wie sie diese Worte in blindem Haß hervorgestoßen hatte, taten sie ihr

leid, denn die beiden Männer wurden ganz bleich, aber in dem Augenblick

rief das Kind in großer Angst ihren Namen, und da fielen sie alle um von

einem starken Stoß und rollten durch die enge Kajüte und konnten sich

nur mit großer Mühe wieder aufrichten, aber wie sie sich aufgerichtet

hatten, da waren der festgeschraubte Tisch und Stühle über ihren Köpfen

in der Luft, und das Geschirr, das auf dem Tisch gestanden, lag auf dem

Boden mit samt dem Tischtuch, und nach einer Weile sagte der Vater, daß

das Schiff gekentert war. So trieben sie nun auf der See mit dem Kiel

nach oben und das Deck war unter dem Wasser, und das Wasser drückte und

klopfte gegen die Decke der Kajüte und klatschte gegen die Tür, und in

solcher Lage erhielt sich die Jacht durch die eingepreßte Luft, die

nicht hatte entweichen können, weil sie so ganz schnell umgeschlagen

war, die Männer aber, die oben gewesen, waren fortgeschwemmt und

ertrunken. Erst langsam wurde den Eingeschlossenen das klar, denn sie

hatten eine große Angst. Es quoll auch bald Wasser von unten, denn das

beständige Schlagen der Flut machte die Bretter locker, und so mußten

sich denn die Menschen beizeiten umsehen, wo sie sich besser sicherten,

und da sie nicht hinausgehen konnten aus dem kleinen Raum, denn vor der

Tür war ja Wasser, so blieb ihnen nichts, als daß sie sich recht hoch

machten. Deshalb schwang sich der Mann erst auf den Tisch, der oben

festgeschraubt war in dem früheren Boden und prüfte die Haltbarkeit, und

dann hob er die Frau hoch mit dem Kind und half dem Vater. Wie das

geschehen war, suchte er auf dem Boden nach Essen und fand einige

Brötchen und Zwiebäcke und ein Töpfchen mit Eingemachtem, das reichte er

alles hinauf, und dann las er noch die Messer und Gabeln auf, die

herumlagen, denn mit denen wollte er oben eine Diele entfernen, damit

sie noch höher kommen konnten in den hohlen Kielraum des Schiffes. So

schnitt er erst den Fußteppich durch und machte sich dann daran, mit dem

unpassenden Werkzeug die Schrauben herauszuschneiden, welche die Dielen

auf den Sparren festhielten; denn aufdrehen konnte er sie nicht, weil er

dabei sein Messer zerbrach. Über diesen Anstrengungen verspürten sie,

wie das geringe Licht, das von unten durch das runde Fenster im Wasser

kam, immer geringer wurde, denn es waren ja auch nur wenige

Lichtstrahlen, die durch die schaumbedeckten Wellen bis zu dem Fenster

drangen; und dazu stand unten das Wasser in der Höhe von mehreren Fuß in

der Kajüte, auf dem lustig eine Schachtel mit Streichhölzern und zwei

Korke schwammen; die Luft aber wurde immer verbrauchter und schien immer

schwerer zum Atmen, entwich auch an einer Stelle durch den Druck des

Wassers unten mit einem leisen Pfeifen, und dadurch stieg das Wasser in

dem Raum langsam immer höher. Die beiden Männer arbeiteten fleißig, und

der alte Mann hatte einen Überschlag gemacht, daß bis zum andern Morgen

die ganze Luft aus dem Raume entwichen sein mußte und das Wasser bis

oben stand und sie alle erstickte, wenn sie nicht die Diele bis dahin

gelöst hatten und sich in den Kielraum retten konnten, der aber würde

wohl immer über dem Wasser bleiben, weil er ja durch das viele Holzwerk

unten getragen wurde.

Wie es nun gänzlich Nacht geworden war und sie alle sehr müde waren,

beschlossen sie, daß sie eine kurze Weile schlafen wollten, um neue

Kräfte zu schöpfen, und der Vater erbot sich zur ersten Wache und wollte

inzwischen weiterarbeiten im Dunkeln, und die zweite Wache sollte der

Schwiegersohn übernehmen. So taten sie; aber nach einer unbestimmten

Zeit schreckte der Mann aus dem Schlafe auf und hörte nicht mehr das

leise Geräusch des arbeitenden Messers, das kleine Späne loslöste, da

wußte er, daß der alte Mann ertrunken war, und deshalb arbeitete er

allein weiter. Es erwachte dann auch die Frau durch große Beklommenheit

des Atems, und das Wasser klatschte schon leise an die Platte des

Tisches, auf dem sie saßen. Indessen war es dem Manne gelungen, daß er

die Schrauben der einen Diele an seiner Seite herausgeschnitten hatte,

und nun riß er die Scheuerleiste fort und faßte vorsichtig mit zwei

Gabeln von beiden Seiten, um sie zu biegen, bis er sie mit den Händen

fassen konnte; und indem die Frau half, gelang es auch, daß sich die

Diele so weit bog, und nun ergriff er sie und riß an ihr mit aller

Kraft, daß sie in der Mitte abbrach und über ihnen eine schmale Öffnung

in den Kielraum wurde. Aber durch das Gegenstemmen hatten sich zwei

Schrauben gelöst, durch welche die Tischbeine befestigt waren, und der

Tisch glitt schräg ins Wasser. Die Frau hielt sich noch an der Diele

über ihnen fest und schwang sich durch die gebrochene Öffnung in den

Kielraum, das Kind aber war ins Wasser gerollt, und der Mann wollte das

Kind retten und stürzte sich nach, aber er stieß mit dem Kopf gegen

etwas, tat einen lauten Schrei und kam nicht wieder, und auch das Kind

ist ertrunken.

Nun kauerte die Frau oben im Kielraum vor der Öffnung, und der kalte

Hauch des Wassers drang zu ihr empor. Nach langer Zeit kam eine geringe

Helligkeit in das Wasser unten; da war es noch höher gestiegen, und wie

sie genau zusah, erblickte sie unter sich eine Hand mit gekrampften

Fingern.

Wie sie gerettet war und sich erholt hatte von allem, was sie

ausgestanden, verspürte sie, daß eine Wandlung in ihr vorgegangen.

Vornehmlich hatte sie jetzt den Wunsch, daß sie etwas tun wollte, aber

der war ihr nicht gekommen durch Ängste des Gewissens, Reue und

Absichten von Buße, sondern ohne einen andern Grund, nur weil sie ein

neuer Mensch geworden war. Deshalb überlegte sie sich alles, ihr

früheres Leben und seine Bedingungen, da fand sie, daß ganz notwendig

alles so geschehen mußte, wie es wirklich geschehen war, und sie selbst

hatte keine Schuld und auch andre nicht. Denn ihr Vater konnte nicht

leben, wie er wollte, sondern war einem Zwange unterworfen, daß er immer

an seine Arbeit denken mußte und keine andern Gedanken haben durfte. Und

da er nun in einer andern Klasse der Gesellschaft lebte wie vorher und

sein Kind auch in dieser Klasse leben mußte, so konnte er seine Frau

nicht behalten; deshalb war es nötig, daß er sein Kind Fremden

anvertraute, die aber waren arme Menschen, welche gänzlich von dem Kinde

abhingen, deshalb vermochten sie ihm nicht zu widerstehen. So war sie

denn zu einem solchen Wesen geworden, wie sie bis dahin war, und nur das

blieb zu verwundern, daß sie nicht noch Schlimmeres getan. Nun aber

wollte sie einen neuen Weg gehen, und da schien es ihr das beste, wenn

sie Krankenpflegerin würde, weil sie da wirklich tätig sein konnte, denn

alle Untätigkeit war ihr jetzt ein Ekel. So lebte sie nun schon seit

einigen Jahren und war sehr ruhig und genoß dasjenige Maß von Glück, das

ihrer besonderen Art bestimmt war und wohl freilich nicht sehr groß sein

mochte.

Dieses alles erzählte die Schwester dem Hans, und der wunderte sich sehr

über ihren Frieden. Aber nachdem er ihre Geschichte lange bedacht hatte,

da fand er am Ende doch, daß sie wohl ein andrer Mensch war wie er; denn

wiewohl er sich viele Mühe gab zu Ruhe, so hatte er doch beständig

Gewissensbisse und Selbstvorwürfe, und das Leben erschien ihm ganz

schwierig. So sah er ein, daß die Gottlosen leichter leben wie die, so

an Gott glauben, und ergab sich ihm, daß wir höher kommen sollen

dadurch, daß wir an Gott glauben, denn wenn uns das Leben schwierig

wird, so steigen wir indessen auf einen hohen Berg, wo die Luft härter

und reiner ist, und die Arbeit der Menschen ist tief unter uns, die sie

treiben, damit sie ihr fleischliches Leben erhalten.

Die meisten der Pflegerinnen hatten keine Geschichte gehabt und waren

nur so gewöhnliche Menschen, die mit Widerwillen ihre Aufgabe erfüllen;

aber noch eine andre Schwester wurde für Hans merkwürdig, denn die

bildete ein Gegenstück zu jener ersten. Deren Erlebnis war folgendes

gewesen:

Sie war als Tochter eines höheren Beamten geboren, und ihre Eltern

lebten in beständigen Sorgen, weil ihre Mittel zu gering waren, um den

Aufwand zu befriedigen, den sie für nötig hielten. So wurde sie schon

frühe gewöhnt, überlegend und sparsam zu sein und nach außen doch eine

gewisse Unbefangenheit zu zeigen, und ihr Wunsch war von Jugend an, sie

möchte einmal ein recht tüchtiger Mensch werden, damit sie ihrem

späteren Mann in ihrer Art behilflich sein könne.

Wie sie noch jung war, bewarb sich ein recht gut gestellter Mann um sie,

ein Rechtsanwalt, der sie an Jahren ziemlich übertraf, und auf das

Zureden ihrer Eltern heiratete sie den, wiewohl sie keine besondere und

außergewöhnliche Zuneigung zu ihm verspürte; aber ihre Mutter hatte ihr

in vertraulicher Weise gesagt, daß wohl überhaupt nur wenigen Menschen

das Glück einer wirklichen Liebe werde, die man sich vorstelle in der

Jugend. Sie gewann mit der Zeit den Mann auch in ruhiger und einfacher

Weise lieb, denn er war gut zu ihr und sehr zuverlässig und tüchtig, daß

jeder vor ihm Achtung haben mußte. Kinder indessen bekam sie nicht von

ihm. Nun stellte es sich aber heraus, daß sie einen verschiedenen Willen

hatten über das, was die Frau tun soll, denn sie hatte gemeint, daß sie

eine rechte Tätigkeit haben werde in Leitung des Hausstandes, guter

Wirtschaft und umsichtiger Fürsorge; er aber, da er keine Kinder hatte

und viel verdiente, wollte gar nicht, daß seine Frau so viel Eifer auf

diese Dinge verwendete, denn er mochte lieber, daß sie sich schön putzte

und darauf sann, wie sie ihm allerhand Spiel und Gaukelwerk vormachte,

wenn er von seiner Arbeit kam. Und ferner hatte sie gemeint, daß die

Frau mit dem Mann viel Ernsthaftes reden werde und von ihm manches

lerne, er aber war nicht zu gründlichen Gesprächen mit ihr aufgelegt,

sondern wendete alles zu Scherz und Kurzweil, wenn er mit ihr war.

Hierüber wurde sie recht traurig und fühlte sich ohne Glück und

Befriedigung und empfand eine große Langeweile und zuweilen sogar einen

Ärger über ihren Mann.

Als dieses so ging, kam in das Haus ein Verwandter des Mannes, ein

junger Herr, welcher seine Universitätsstudien beendet hatte und auch

seine ersten praktischen Jahre und nun als junger Assessor bei seinem

geschickten und klugen Oheim noch lernen wollte. Dieser hatte viel Liebe

zu aller Art von Kunst und Dichtung und hatte auch über die Fragen

unsers gesellschaftlichen Lebens nachgedacht und besonders über die

Bestrebungen der Frauen, die heute mehr Selbständigkeit und Beachtung

wünschen. Da geschah es bald, daß er mit der Frau in eifrige Gespräche

kam, und lieh ihr Bücher, erzählte ihr von allem, was heute geschieht

und was viele denken, und sie stritten oft miteinander; und weil sie

beide gute und harmlose Menschen waren und auch der Mann ohne Arg war,

so dachte keiner von ihnen, was aus diesem entstehen konnte. Am Ende

aber kam die Frau als erste zur Klarheit, was ganz plötzlich geschah, es

wurde nämlich ihr Mann unvermutet von einer elektrischen Bahn überfahren

und in solchem Zustand ins Haus gebracht, daß sie zuerst meinte, er sei

tot, da verspürte sie plötzlich, daß sie den Jüngling liebte, und in

heftiger Verzweiflung kamen ihr die Tränen aus den Augen; der Mann war

aber nur leicht verwundet gewesen und genas wieder nach einiger Zeit. Da

beschloß sie, wie er wieder ganz gesund war, daß sie ihm alles sagen

wollte, ging zu ihm und erzählte von Anfang an und schloß, daß sie eine

Liebe zu dem andern gefaßt habe. Hierüber wurde der Mann sehr bekümmert,

wie er aber sah, daß sie selbst so verzweifelt war, tröstete er sie und

machte ihr Mut, sagte ihr, daß er sie liebe und schonen wolle, und sie

werde die Neigung überwinden, und alles werde wieder gut sein, wie es

früher war, und darauf ging die Frau aus dem Zimmer und war in getroster

Hoffnung, daß alles so geschehen müsse, wie der Mann gesagt.

Der aber ließ sich alles noch eine Weile durch den Sinn gehen, und dann

verblaßte ihm die Rede seiner Frau und schien ihm nach einiger Zeit ganz

unwichtig, denn sie schämte sich auch und sprach nie wieder zu ihm von

dem vorigen, und ihre Scheu bemerkte er nicht. Deshalb tat er nichts, um

das Verhältnis zu ändern, das bis dahin bestanden, sondern ließ alles

beim alten, und der Jüngling war nach wie vor in ihrer beider Nähe. Und

sie verschloß sich immer mehr innerlich und hatte eine große Angst und

fühlte sich einsam und ohne Schutz.

Wie sie nun in diesen Gesinnungen sich von dem Jüngling ferner hielt wie

sonst, da kamen auch diesem neue Gedanken, und es wurde ihm bewußt, daß

auch er seinerseits eine Neigung gefaßt habe, und so erklärte er sich

die Zurückhaltung der Geliebten so, daß er meinte, sie habe etwas von

seiner Neigung verspürt und sei etwa gekränkt und beleidigt, und über

diesem Gedanken wurde er recht unglücklich und härmte sich ab mit

Vorwürfen. Und wie sie beide auf solchem Wege waren, da geschah es nach

einiger Zeit mit Notwendigkeit, daß sie zueinander sprachen, und am Ende

wuchs dem Jüngling die Kühnheit, und er gestand mit Worten seine Liebe.

Da erhob sie sich, sah ihn zärtlich an und ging von ihm auf ihre Stube

und hatte da einen Dolch heimlich verborgen, eine altertümliche Waffe,

die sie einmal in Italien gekauft hatte aus Freude an dem kunstvollen

Griff und in romantischer Spielerei, den stieß sie sich in die Brust,

und sie stieß ganz sicher, und um ein Haar wäre sie da gleich gestorben,

aber durch einen glücklichen Zufall und später durch die Kunst eines

geschickten Arztes blieb sie doch am Leben und genas langsam wieder,

indem sie in ihrem Stübchen am Fenster saß und sehnsüchtig in die

frühlingsblühenden Bäume vor ihrem Hause blickte. Und war in dieser Zeit

ihr Mann sehr gut zu ihr, brachte ihr viele Geschenke von kostbaren

Kleiderstoffen und schönem Schmuck und klagte, daß er sich ihr nicht so

widmen könne, wie er möchte, weil seine Arbeit ihn festhielt; von dem

jungen Vetter aber erzählte er nie, der war fortgezogen in eine andere

Stadt.

Wie sie nun wieder ganz gesund war, setzte sich der Mann öfter mit ihr

zusammen und besprach mit ihr solche Dinge, über die sie mit dem

Jüngling geredet hatte, mit ihm aber früher nie, denn mit ihm hatte sie

nur Kindereien getrieben. Aber er war viel klüger und erfahrener wie der

junge Mann und stammte aus einer älteren Zeit, die einen andern Glauben

hatte, und so stimmten seine Worte nicht zu den Worten seiner Frau und

waren wie die eines Lehrers zu einem widerwilligen Schüler. Hierüber kam

es, daß sie einen neuen Entschluß faßte und aus ihres Mannes Haus ging

bei der Nacht und in die Stadt reiste, wo der Neffe lebte in einem

Studentenstübchen unterm Dach. Den suchte sie auf in seiner Wohnung und

sprach, sie wolle mit ihm leben.

Es wurde nun viel Übles geredet, und das Gericht schied sie von ihrem

Manne, und sie dachte, daß sie jetzt den Geliebten heiraten wolle, auch

war alles schon vorbereitet für dieses Ende. Da geschah es, daß sie an

einem Abend mit ihm ausging, und er führte sie an seinem Arm, sie gingen

aber eine breite Straße, wo viele Geschäftsläden waren, in denen große

Spiegel stehen, welche die Auslage sollen reicher erscheinen lassen; und

die Spiegel stehen häufig so, daß man sich in ihnen ganz genau erblickt,

wenn man vorbeigeht, und es ist, als komme man sich selbst entgegen. So

sah sie auch sich selbst am Arm ihres Geliebten, und durch einen Zufall

erblickte sie neben dem ein sehr schönes Mädchen, das etwa einen Schritt

vor ihm ging. Da fiel ihr auf, daß sie älter war wie der Mann, und

dachte, daß sie ein Unrecht tue, indem sie ihn heiraten wollte, und er

werde die Heirat später bereuen. Sie sagte aber nichts, sondern ging

ruhig weiter; nur machte sie sich zu Hause heimlich zurecht, schrieb ihm

einen Brief zum Abschied und reiste von ihm fort, und weil sie

nirgendshin wußte, denn alle hatten sie ausgestoßen, so ging sie in eine

Gesellschaft von Krankenschwestern, lernte bei denen mit großem Eifer

und war nun am Ende in das Haus gekommen, wo Hans jetzt krank lag.

Diese hatte eine ganz andere Gemütsart wie jene erste, denn sie lebte in

beständiger Gewissensnot und tat viel um ihrer Seele willen. Es kam aber

wohl alles, was sie tat, aus ihrer Güte und Liebe, und deshalb übte es

eine gute Wirkung; sie selbst aber hatte dabei immer das Ende vor sich,

daß sie eine Qual und Überwindung haben wollte, deshalb ging sie zu

denjenigen Kranken, welche die widerwärtigsten schienen, und so hatte

sie eine wahrhafte Buße.

Weil nun Hans doch seine Seele gesund machen wollte, so sprach er auch

mit dieser über seine Furcht und Gedanken. Da antwortete sie ihm, daß

sie ruhig sei und keine schweren Gedanken habe, wenn sie etwas

Mühseliges und Widerstehendes tue, das in Wahrheit ein Opfer sei; wenn

sie aber äußerlich wohllebe, so könne sie nach einiger Zeit ihre

Gedanken nicht mehr aushalten, die sich untereinander anklagen und

verteidigen.

Hierdurch wurde es Hansen klar, daß auch diese Frau wohl den Weg

gefunden habe, der für sie selbst gangbar sei, aber für einen andern Fuß

war der nicht geschaffen, denn es war ja klar, daß diese Frau ihre

Geschichte nicht verwinden konnte wie die erste, sondern sie vermochte

sich nur für eine Zeit zu betäuben; er aber wollte ein freier Mensch

werden, der nicht von Furcht, Hoffnung und Geschichte abhing, sondern

jede Handlung wollte er immer als ein Neuer und Frischer tun; nur konnte

er zu diesem Wesen nicht auf die Weise kommen wie die erste Frau,

sondern es mußte eine besondere Weise für ihn geben. Wie er in dieser

Verfassung lag und vieles grübelte hierüber, besuchte ihn der alte Mann,

bei dem er gewohnt, und der ihn hatte einladen wollen zu seiner

Weihnachtsfreude, als er ohnmächtig in seiner Stube auf dem Boden lag.

Der erzählte allerlei mit fröhlichem Gesicht, was sich ereignet unter

den kleinen Leuten, die in dem Hause lebten; und am Ende konnte er es

nicht mehr verschweigen, was er vornehmlich auf dem Herzen hatte und

doch nicht gleich zu Anfang sagen wollen, aus Bescheidenheit, weil er

sich nicht mit seinen eignen Angelegenheiten vordrängen mochte, denn

sein Sohn war zurückgekommen aus dem Zuchthaus, wo er Wolle gesponnen

hatte, und hatte einen kahlen Kopf gehabt und ein rasiertes Gesicht, und

hatte sehr blaß ausgesehen, und die Augen lagen ihm tief. Er war

eingetreten, und die Eltern hatten ihn zuerst nicht erkannt, da sagte

er: »Wollt Ihr mich denn verstoßen?« Da erkannten sie ihn an der Stimme

und sprangen auf vom Stuhl und freuten sich, ihm aber rollten große und

runde Tränen aus den Augen über die abgehärmten Backen, und mußte sich

auf das Sofa setzen, und die Mutter lief gleich in die Küche und kochte

ihm Schokolade, die hatte er als Kind immer gern getrunken, und der

Vater sprach mit ihm von den Ernteaussichten und klagte über die

Fleischpreise, denn er wollte sich anstellen, als sei nichts Bedeutsames

geschehen. Dann kam der Knabe aus der Schule, und wie der seinen Vater

sah, der so lange in der Fremde gewesen war, da freute er sich und

kletterte an ihm in die Höhe, denn er war ein dreister Junge, und von

seines Vaters Schande wußte er nichts. Alles das erzählte der alte Mann

und freute sich über seines Sohnes Heimkehr, der im Zuchthaus gesessen

hatte und hatte Wolle gesponnen, und mehrmals sagte er: »Er hat uns doch

nicht vergessen in den Jahren, und alles wußte er noch, wie es früher

gewesen war, als wir ihn noch bei uns hatten.«

Das war Hansen wunderlich, daß der alte Mann sich so freute und gar

keinen Vorwurf hatte, sondern nur zu rühmen und zu loben wußte. Da fiel

ihm das Evangelium vom verlorenen Sohn ein, der hatte die Säue gehütet

und machte sich auf und kam zu seinem Vater. Wie er aber noch ferne von

dannen war, sah ihn sein Vater, und jammerte ihn, lief, und fiel ihm um

seinen Hals und küßte ihn. Und als Hans an dieses dachte, da ging es ihm

wie Schuppen von den Augen und sank ihm wie eine Last von den Schultern

und sein Herz ward leicht, und er wußte, daß wir einen Vater im Himmel

haben, der uns lieb hat und sich freut, wenn wir zu ihm kommen, keinen

Vorwurf sagt, sondern uns rühmt und lobt und spricht: »Laßt uns fröhlich

sein, denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, er

war verloren und ist gefunden worden.« So geschah in einem Augenblick

die Wendung in Hansens Leben und wurden seine Jünglingsjahre

abgeschlossen, denn nun sah er einen ebenen Weg vor sich, der durch Tage

ruhiger Arbeit zu einem friedsamen Alter führt. Da wußte er, daß auch

die Not und Sorge nötig gewesen war, und aller Irrtum und das

überflüssige Grübeln, nicht zu dem Ende freilich, das er damals gemeint

hatte, zu einer abschließenden Erkenntnis zu kommen, denn was half es

ihm, daß er wußte: Nach der letzten Denker Meinung ist mein Ich kein

Wesen, sondern ein Geschehen, eine Beziehung, eine mittlere Linie aus

subjektlosen Willensenergien; sondern zu dem Ende, daß er gänzlich die

jugendbegehrliche Vorstellung von Gott abstreife, als einem Wunschwesen,

von dem man allerlei erbittet, und die neue gewann, daß er so wenig

Wesen ist wie ich selber, und doch mein lieber Vater im Himmel ist, der

sich freut über meine Heimkehr.

Und wie das scheinbar zufällige äußere Wesen das innere umhüllt als sein

rohes Abbild, so kamen nun auch die äußeren Ereignisse, die den Übergang

zum Mannesalter bestimmen.

Die Tröstung, die Hans gewonnen hatte aus dem Evangelium vom verlorenen

Sohne, wirkte darauf, daß er sich schnell kräftigte und von Tag zu Tag

zunahm an Stärke und Freude. So geschah es, daß er bald sein

Krankenstübchen verlassen konnte, dessen Wände eng waren mit einer ganz

hohen Decke, und ging in den allgemeinen Saal hinunter. Hier saß er in

einer seligen Müdigkeit am offenen Fenster, und frische Luft wehte an

seinem lächelnden Gesicht vorbei in das große Zimmer, wo viele saßen und

leise miteinander sprachen.

Da öffnete sich die Tür gegenüber, und in dem Luftzug blähte sich die

Gardine auf, und wie Hans zur Seite blickte, sah er in der Türöffnung

eine Krankenschwester stehen in der schwarz und weißen Tracht, die einen

Blick hatte, der über vieles Nahe und Kleine hinweg in die Ferne zu

schauen schien. Für einen kurzen Augenblick traf dieser Blick in seine

erstaunten Augen, dann wendete sich die Schwester langsam und war wie

unschlüssig und ging wieder zurück, woher sie gekommen, und die Tür

schloß sich hinter ihr; auf deren weißen Fläche aber hob es sich

deutlich ab wie ein leichter Schatten der Entschwundenen, welcher in dem

Geiste Hansens gewesen war und nun von den körperlichen Augen gesehen

wurde.

In Hansens Herz fiel eine schwere Ahnung, daß hier eine

Schicksalswendung des äußeren Lebens begann, und auch das Mädchen hat in

jenem Zusammenstoßen des Blickes ihr Herz erbeben fühlen. Nach der Zeit

erfuhr er, daß das Mädchen jene Gräfin Maria war, mit welcher er als

Kind gespielt hatte in dem Forsthause seines Vaters. Die hatte bei ihrer

Arbeit nicht gefunden, was sie erwartet. Eintönig ging das Leben hin

zwischen gewöhnlichen Menschen, die nur an die kleinen Sorgen des Lebens

dachten, und deren Aufschwung nur etwa einmal ein gemeines Vergnügen

war, in dem sie sich von der Gleichmäßigkeit der täglichen Pflicht

erholten. So kam sie dahin, daß sie ganz allein war und sich fremd

fühlte zwischen den andern, wie sie sich schon zu Hause fremd gefühlt

hatte, und weil sie nichts andres wußte, so meinte sie am Ende, das

müsse so sein, und es gebe keine Gemeinsamkeit mit andern, und ein jeder

Mensch sei ein tiefer Brunnen, den eine Mauer umzieht, der kann die

Wolken wohl spiegeln, und das tiefe Blau des Himmels, und die goldenen

Sterne, aber weiß nichts von den andern Brunnen im Garten, die

schweigen, wie er selbst schweigt, und ihr dunkles Auge blickt

sehnsüchtig in den hohen Himmel. Und so war sie zu der Meinung gekommen,

daß wir zwar in unsrer Jugend glauben, es sei ein Glück und ein Ziel

unsres Lebens für uns bereitet irgendwo, aber das ist nur ein Glaube

unsrer Jugend, der bewirkt, daß wir wachsen und groß werden, und dann

ist er nicht mehr notwendig und verschwindet in Dunst vor unsern Augen.

So war sie zu dem Punkt gekommen, wo die Liebe das größte Glück für sie

werden mußte, denn die zeigte ihr ein Ziel und Ende des Lebens.

Und desgleichen war Hans nun auf diesem Punkt, denn er war ein Mann

geworden, und nun mußte er Weib und Kind haben und eine Stelle in der

Gesellschaft, wo er arbeiten konnte mit den Kräften, die er in den

Jünglingsjahren sich erworben hatte.

* * * * *

Unterdessen fand auch Karl den Hafen, in dem er jene Art von Ruhe haben

sollte, die für ihn bestimmt war.

In Italien traf er ein Kloster, das ganz abseits lag von der Straße, in

einem großen Frieden einer Landschaft, die mit weiten Zügen das Auge

wunderbar beruhigte, daß ein Mensch keine Sehnsucht mehr empfand. Da war

ein heimlicher und stiller Kreuzgang um einen kleinen Hof, in dessen

Mitte wuchs ein uralter Ölbaum in tiefem Frieden, dessen Blätter doch

die salzige Luft atmen mochten, die vom Meere her über das Dach der

Kirche wehte in diese Ruhe und Abgeschlossenheit. Vor vielen

Jahrhunderten war der Baum gepflanzt und waren die zierlichen Säulen des

Kreuzganges gemeißelt von liebevollen Händen nach Gedanken voller

Gestalten und Bilder, und damals war wohl lebendig, jung und bunt

gewesen, was heute so beruhigte und freundlich machte, als ein

abgeklärtes Alter. An drei Seiten, denn auf der vierten lag die Kirche,

führte Tür neben Tür jede in ein kleines und abgeschlossenes Häuschen

mit einem winzigen Garten, umgeben von hoher Mauer; in jedem Häuschen

wohnte ein Mönch still für sich, der die Blumen seines Gartens pflegte

und Bücher las, alte Bücher, in Pergament gebunden und mit großen

Schließen, die auf den Seiten bunte Anfangsbuchstaben hatten, und oft

waren die Anfangsbuchstaben vergoldet. Wenn die Glocke erklang vom Turm

der Kirche herab, dann kam jeder aus seiner Tür, in seinem weißen

Gewande, und mit freundlichem Lächeln begrüßten sie einander durch

wortloses Neigen des Hauptes und gingen in den dämmernden Chor in die

hohen geschnitzten Stühle, beteten und sangen. Und wie über dem

gewundenen Ölbaum die Jahrhunderte still hingezogen waren, daß es

schien, als seien sie kurze Tage gewesen, denn in gleicher Ruhe lächelte

der helle Himmel auf ihn nieder und in gleicher Stille wehte die salzige

Luft über das Dach der Kirche, so war noch heute der Zug der

weißgekleideten Mönche wie zu der Zeit des heiligen Benedikt, und waren

die Jahrhunderte still hingezogen wie freundliche Sommertage, indessen

draußen in der Welt Unruhe gewesen war, Krieg, Aufstand,

Gewissenszweifel, Umsturz, Neues und wieder Neues; nur daß die uralten

Säulchen der Kreuzgänge nicht mehr an Jugendfrische denken mochten und

an bunte Keckheit, sondern an ein friedliches und beruhigtes Alter.

Hier verbrachte Karl erst eine Prüfungszeit, nachdem er zur katholischen

Kirche übergetreten, und am Ende wurde er mit unter die Zahl der Mönche

aufgenommen.

Da sah er, daß auch hier Wirkungen der heutigen Zeit zu verspüren waren.

Denn zwar fand er einige unter seinen neuen Freunden, die kaum etwas

wußten von dem, was ihn bewegt, und die nichts erlebt hatten, wie das

Alte, das in ihren viel gelesenen Büchern stand; aber zwei Männer waren

da, die waren gleich ihm geflohen in diesen Frieden, weil sie zu schwach

gewesen, nur daß ihre Geschichte grausiger war wie die seine und sie

gänzlich gebrochen hatte.

Der eine war ein Deutscher, der aus einer sehr alten und vornehmen

katholischen Familie stammte, die indessen durch viele Unglücksfälle im

Laufe der Zeiten fast gänzlich verarmt war. Seine Eltern lebten in einer

ganz entlegenen Gegend auf einem kleinen Gut, das seit vielen

Jahrhunderten der Familie gehört hatte; und auch jetzt noch, in ihrer

Armut, erschienen sie den Gutsleuten als besondere und höhere Wesen,

denn auch die Leute waren hier seit undenklichen Zeiten ansässig, und

einer jeden Familie Geschichte war in irgendwelcher Art mit der

Herrschaft vielfach verknüpft, und alles, was die Herrschaft tat, war

ihnen bekannt. Noch der Großvater der jetzt Lebenden hatte auf seinem

Sterbebette bestimmt, daß ein Totengericht über ihn abgehalten werden

sollte von den armen Leuten der Gegend, denn er wollte aufgebahrt werden

im großen Saale, und die Leute sollten hereinkommen, und der Priester

sollte sie fragen, was sie urteilten über ihn und seinen Wandel.

Dieser Familie Sohn kam als junger Offizier nach Berlin und sah hier die

Leichtigkeit des Lebens, und wie keiner einen Willen hatte, sondern alle

umgetrieben wurden durch den reißenden Maelstrom, und dabei glaubten

sie, es geschehe durch ihre eigne Kraft, daß sie schwammen, und sei ihr

Wille so. Da wirkte dieser Strudel so auf ihn, daß er unmerklich wurde

wie die andern und ihm das Leben leicht ward, weil er keinen Willen mehr

hatte und nicht mehr dachte, was morgen geschehen werde. So geriet er

schnell in Schulden, und war ihm das gar nicht wichtig, denn er sah, daß

alle andern gleichfalls verschuldet waren. Aber wie er nun wegen der

Bezahlung gedrängt wurde und sich an seinen Vater erinnerte, der bei

Tische abmaß, wieviel Brot er abschneiden durfte, damit der Laib auch

hinreichte, und dann dachte er, daß das gar nicht zu Erzählungen paßte,

welche die andern von ihren Eltern machten, da wurde es ihm unmöglich,

daß er fernerhin so war wie die andern. Nun fand er indessen aber auch

nichts in sich selbst, wie er handeln sollte, und so geschah es, daß er

etwas ganz Neues beging, welches in dem gesamten Kreise noch nicht

erhört war, er hat nämlich das Geld einem Kameraden gestohlen.

Wie er das getan, hatte er keine Ruhe mehr, sondern machte sich heimlich

auf und entfloh nach Holland, weil er dort wollte sich anwerben lassen

für das Heer, das auf Java unterhalten wird. Es glückte ihm aber nicht

gleich, an die rechte Stelle zu kommen, und so hielt er sich eine kurze

Zeit in Antwerpen auf, und in dem Wirtshaus, wo er speiste, ward er mit

einem ganzen Kreise von Abenteurern bekannt, die alle ähnliche Pläne und

Absichten hatten, indem der eine in dieser und der andere in jener Weise

gescheitert war. In dieser Gesellschaft kam einmal die Rede darauf, was

ein jeder früher getrieben, und so wurde auch dieser Jüngling nach

seiner Geschichte gefragt. Da er nach seinem ganzen Aussehen, Manieren

und Haltung sich als früheren Offizier erwies, so mochte er nichts

Ausgesonnenes angeben, wie viele von den andern getan hatten, sondern

erzählte, daß er ein Offizier gewesen sei und wegen eines Ehrenhandels

den Dienst verlassen haben; nur nannte er ein andres Regiment. Wie er

den Namen genannt hatte, da stand ein Mann auf, der rechts zur Seite

gesessen und ihm immer am wenigsten gefallen von allen; er war ein

großer Mensch von soldatischer Haltung, der einen starken Schnurrbart

und gebräuntes Gesicht hatte und über dem einen Auge eine schwarze Binde

trug, vielleicht, weil er sich unkenntlich machen wollte. Der stand auf

und rief, jetzt erkenne er den Sprecher, denn er habe in demselben

Regiment gestanden und sei sein Kamerad gewesen; damit ging er

freundschaftlich auf ihn zu und drückte ihm mit großer Freude die Hand.

Der Jüngling bekam einen heftigen Schrecken über diese Anrede, aber der

Fremde ließ ihn nicht zu Worte kommen, sondern fragte ihn nach allerhand

Namen, Personen und Geschichten, und erkundigte sich und beantwortete

selbst seine Fragen; da wurde dem Jüngling klar, daß der Fremde

ebensowenig bei dem Regiment gestanden wie er selber, aber er hatte

gemerkt, daß seine Rede gelogen gewesen war, und da war er auf die

Meinung gekommen, daß er etwas auf dem Gewissen haben müsse, was

verborgen bleiben solle, und deshalb dürfe er ihn nicht Lügen strafen,

wenn er selber sich auch auf das Regiment und alte Kameradschaft berief

und dadurch vor den andern, die ihm mißtrauten, eine Art Beglaubigung

beibrachte, daß er wirklich der sei, für den er sich ausgab. Und wie dem

Jüngling das plötzlich klar wurde, da sah er des Fremden unverbundenes

Auge mit einem ganz schlechten und widerwärtigen Ausdruck auf sich

ruhen; und wie der wieder seine Hand faßte unter allerhand Beteuerungen,

da war ihm nicht anders, als wenn ihn jetzt der Satan ganz gefangen habe

und ihn nicht loslassen werde; und so begann der Fremde auch schon mit

Vorschlägen, daß sie wollten zusammenziehen und gemeinsame Wirtschaft

machen wegen der alten Kameradschaft.

Durch diese große Angst wurde die Reue in ihm lebendig und er ging in

sich und sah ein, was er begangen hatte. Darauf bedachte er sich, daß er

sein Verbrechen sühnen müsse, denn sonst konnte er sich nicht erretten

aus der Hand des Satans. Da wurde ihm klar, daß er allein keinen Ausweg

finden konnte, weil er zu geringe Erfahrung hatte und noch ohne Umsicht

war, und fuhr deshalb zu seinem Vater, dem alles zu erzählen und um

seinen Rat zu bitten, wie er sühnen solle; er meinte aber, das

angemessenste sei, daß er sich den Gerichten anzeigte und ins Zuchthaus

ging.

Sein Vater war ganz alt geworden, sein Haar war weiß geworden und er

sagte ihm, daß er nicht als einzelner auf der Welt dastehe, sondern er

sei der letzte eines ruhmreichen Geschlechtes, das immer in Ehren

gelebt. Das sei nun schon ein sehr schweres Angehen, daß er nach solcher

Tat das Geschlecht nicht fortsetzen dürfe, sondern es müsse mit ihm

aussterben, denn wenn ein Dieb Kinder kriege, so werden die noch

schlechter wie der Vater, und so müßte der Name ganz in Unehre fallen,

wie so vielen alten und vornehmen Namen heute in unsern Tagen geschieht.

Deshalb dürfe er aber auch das nicht tun, daß er seine Tat anzeige und

vor aller Welt die Buße auf sich nehme, denn wenn die Welt erfahre, daß

einer des Namens gestohlen habe, so sei es ganz umsonst, daß die

Vorfahren gelebt hätten und hätten Ehre gehabt, denn alsdann ziehe er

alle mit sich in seinen Schmutz. Darum solle er eine heimliche Sühne auf

sich nehmen, die gab er ihm an, und die war schwerer, wie der Richter

sie ihm auferlegt hätte. Denn fünf Jahre lang sollte er in einem Kloster

die niedrigsten Arbeiten tun und den andern aufwarten, und dazu mußte er

besondere Fasttage halten und hatte ein schlechteres Lager wie die

andern, und mußte sich mit einer festgesetzten Zahl von Geißelhieben

kasteien.

Dieses alles erfüllte der Jüngling genau, wie es ihm vorgeschrieben war,

und nach einer Zeit wurde er ruhig in seiner Seele und kriegte eine neue

Freudigkeit. So kam das Ende heran, wo er das Kloster verlassen durfte;

aber da hatte er Angst vor der Welt, denn in der Welt hatte er Unrecht

gehabt und Mißmutigkeit, und er dachte, er sei zu schwach, um draußen zu

leben, deshalb blieb er in dem Kloster und war immer ein zufriedener und

heiterer Mensch.

Der andre Freund, den Karl gewann, war ein geborener Protestant, ein

Engländer. Der stammte von strengen und gläubigen Puritanern ab, die

sich alle Lust verboten und nichts haben wollten im Leben wie Arbeit und

Tugend, und reich geworden waren durch harte und kalte Tätigkeit. Von

Geburt an war er blaß und kränklich gewesen und hatte als Kind solche

Augen gehabt, die in den Himmel zu weisen schienen und sich fortsehnten

aus den großen und leeren Stuben seiner Eltern in heitere und hohe Räume

voller Luft und Licht.

Schon frühzeitig hatte er eine besondere Lust zum Zeichnen bewiesen, und

nicht nur traf er immer mit großem Geschick die Ähnlichkeit, die er

wollte, sondern es war auch ein Reiz von Schönheit und Anmut in seinen

kleinen Bildern, der aus den Beziehungen der Linien kam und der

Verteilung des Schwarzen und Weißen. Seine Eltern aber verboten ihm

diese Übungen, wie sie seine heftige Leidenschaft sahen und wollten ihn

zu einem klugen und gebildeten Kaufmann erziehen, der Gewinn finden

konnte, deshalb betrieb er seine Künste im Verborgenen, unter häufigen

Gewissensbissen, aber zuzeiten, wenn er es nicht mehr ertragen konnte,

daß er sich Vorwürfe um seinen Ungehorsam machte, erzählte er seinem

Vater von seiner Verfehlung, und dann wurde er streng bestraft; dann

nach einer Weile konnte er seiner Lust doch nicht weiter widerstehen und

verschaffte sich auf eine neue Weise die Möglichkeit, daß er sie

befriedigte, und zeichnete was er mochte, denn die vorige Weise, die er

seinem Vater gestanden hatte, war ihm unmöglich gemacht.

So wuchs er heran zum beginnenden Jünglingsalter, da veränderte sich

plötzlich die Art seines Zeichnens und seiner Vorwürfe. Denn vorher

hatte er Menschen, die er kannte, auf dem Papier abgerissen und sie

verschönt, so daß sie einen himmlischen Ausdruck bekamen und edler

schienen wie im Leben, und am liebsten hatte er ganz reine weibliche

Gesichter gezeichnet, auf denen Gedanken zu lesen sein mochten, wie sie

ein Engel ihnen in seltenen Augenblicken ins Ohr flüstert. Nun aber

wendete sich alles Himmlische ins Teuflische, und in demselben

Gesichtsschnitt war statt Reinheit und Klarheit wüste Unreinheit und

gemeine Begierde, und nicht auf einfach Sinnliches ging das, sondern auf

etwas Schmerzensvolles und wider alle Natur Scheußliches. Er selbst aber

beharrte in seinem bisherigen Leben und war fleißig in seiner Arbeit,

die ihm aufgezwungen war durch die Eltern, und keine Handlung beging er

von unkeuscher oder unreiner Art; vielmehr war er vor Mädchen und Frauen

von seltsamer Befangenheit und Furcht, und oft errötete er im Gespräch

mit ihnen und schlug die Augen nieder; nur, daß er seinem Vater nichts

mehr gestand von seinen heimlichen Kunstübungen, und so verborgen trieb

er die, gelehrt durch die früheren Jahre und ihre Heimlichkeit, daß der

Vater gar keinen Argwohn mehr hatte und ganz fest glaubte, sein Sohn

habe das Zeichnen endlich aufgegeben. Daß er aber seinem Vater nichts

mehr gestand, war seit dem ersten Bilde in seiner neuen Art.

Nun trieb es ihn indessen immer weiter in seiner eingeschlagenen

Richtung und dachte sich aus, daß er nackte weibliche Körper zeichnen

wolle in wunderlichen Bewegungen, und sollte etwa eine solche Figur

Handschuhe tragen oder einen Schnürleib und strengte seine Gedanken ganz

stark an, daß er sich ein solches Bild denken konnte, indem er nachts

heimlich in seiner Kammer sich nackt auszog und vor dem kleinen Spiegel

über dem Nachttisch seinen eigenen Körper betrachtete, der schmal war

und ganz unreif, und in einem japanischen Bilderbuch, welches er

verborgen aufhob, studierte er die nackten Frauenleiber, und auf der

Straße achtete er auf die Frauen, die ihm begegneten, besonders wenn

etwas Wind war und ihr Körper sich durch die Gewänder beim Schreiten

abzeichnete, und entkleidete sie in seiner Vorstellung, daß sie nackt

dahergingen; und in alledem war eine schmerzliche Sehnsucht und eine

tiefe Lust.

Unter diesem Studieren und Arbeiten bekam er eine Sammlung von

Heiligengeschichten in die Hand, die las er sehr eifrig, und besonders

die Geschichten von den heiligen Frauen, wie der heiligen Katharina von

Siena und der heiligen Rosa von Lima. Denen ahmte er nach in den

Kasteiungen und beschaffte sich eine Kette, schlang sich die um den

Leib, und die Kette rieb ihn blutig und drang ihm ins Fleisch, aber die

Schmerzen taten ihm wohl, und damals wäre er glücklich gewesen, wenn es

ihn nicht zu gleicher Zeit nach dem andern gedrängt hätte; so zeichnete

er die heilige Rosa, wie sie als ganz junges Mädchen auf einer Wiese

steht und von vielen Schmetterlingen umflattert wird, die in ihrer

Heimat Peru wunderbare große Flügel und herrliche Farben haben, und ein

ganz großer Falter hatte schwarze und weiße Flügel, der setzte sich auf

ihre Schulter, und das war eine Berufung für sie, welchem Orden sie

angehören sollte. Dieses Bild zeichnete er, aber die heilige Rosa hatte

er ganz nackt gemalt, als ein dürftiges weibliches Wesen mit langen

Haaren, die in sonderbaren Schlangenlinien gingen, und um ihren Mund

spielte es wie eine schmerzliche Wollust und zugleich eine Unfähigkeit

zur Lust. Solche Bilder aber mußte er immer zeichnen und seine seelische

Unkeuschheit wurde immer stärker.

Am Ende wurde er sehr leidend, und wie ihn die Ärzte untersucht hatten,

sagten sie, daß seine Lungen erkrankt seien und er müsse nach dem Süden

gebracht werden. Da ließ ihn sein Vater gen Italien reisen, und wie er

eine Weile an der Riviera gelebt hatte und gesünder geworden war, erfuhr

er, daß sein Vater plötzlich gestorben sei. Da machte er sich gleich auf

und ging zu dem Kloster und lebte dort eine Weile, bis er es endlich

erlangte, daß er in die Zahl der Mönche aufgenommen wurde.

Außer diesen zwei Männern waren in dem Kloster nur Brüder, die keinerlei

Geschichte gehabt hatten. Ein ruhiges und fröhliches Leben führten sie

unter allerhand sonderbaren Sachen; da hatten sie ein Schränkchen, das

war ganz mit Ruinenmarmor ausgelegt und eine Sammlung von Stücken aller

Holzarten besaßen sie, die geschnitten und behobelt waren wie Bücher,

auch ein Stück Zedernholz vom Libanon war darunter; eine besondere

Kostbarkeit schien aber ein Bildnis der Muttergottes, das aus bunten

Vogelfedern hergestellt war, und ein Kirschkern, auf dem ein Bruder die

ganze Leidensgeschichte geschrieben hatte, daß man sie mit der Lupe

lesen mußte, und fehlte kein Buchstabe.

Sehr selten geschah es, daß Fremde das Kloster besuchten, die alte

Wandbilder aus Giottos Schule betrachten wollten; dann sprachen die

Brüder bei Tische viel darüber, aus welchem Lande die Reisenden wohl

stammen mochten und ob sie Protestanten waren oder Katholiken, wunderten

sich auch, daß sie so wenig Freude an dem Kirschkern und dem

Muttergottesbild zu haben schienen. Zuweilen wurde dann wohl darüber

gestritten, ob die Protestanten bald zur Kirche zurückkehren würden oder

noch lange in ihrer Verstocktheit beharren.

So lebte Karl, und von seiner früheren Welt erfuhr er fast nie mehr

etwas, nur einmal kam zu ihm eine Nachricht über seine geschiedene Frau.

Johanna hatte nach der Trennung ihren Kreis von alten Freunden

beibehalten und auch durch neue vermehrt, und hatte ein Ansehen in ihrer

Gesellschaft, daß viele auf ihre Meinung hörten und sie selbst

hochhielten als eine Vorkämpferin und Befreierin. Alle in diesem Kreise

lobten unsre heutigen Zustände und sagten, daß in unsern Tagen zum

ersten Male das Individuum die Möglichkeit gänzlicher Freiheit erhalten

habe, denn indem die Gesellschaft nicht mehr die volle Person in

Anspruch nehme, sondern nur Betätigungen der Person verlange, so könne

sich jeder zu dem entwickeln, was er werden wolle und unterliege keinem

äußeren Zwange; und so dachten sie, daß aus jedem von ihnen ein Eigner

und Besondrer werden müsse. Indem Johanna in diesen Anschauungen

beharrte, schloß sie einen Liebesbund mit einem jungen Mann aus ihrer

Gesellschaft und lebte mit ihm, und nach einiger Zeit sagten die beiden

einander, daß ihre Liebe erloschen sei, und daß sie unsittlich handeln

würden, wenn sie nun noch länger zusammenlebten, und so gingen sie in

Freundschaft voneinander. Dann folgte eine neue Liebe, und in solcher

Weise führte sie ihr Leben.

Es geschah aber, daß sie sich in diesen Umständen in Hoffnung fühlte,

und hatte ein Kind. Da sagte der Vater zu ihr, daß sie nun sich

gesetzlich heiraten müßten, weil die heutige Welt, obschon sie im Grunde

wohl ganz neu sei, doch noch die alten Formen bewahrt habe, und deshalb

sei in ihr kein Ort für eine solche Gruppe wie er, sie und das Kind,

wenn sie keine Ehe nach der gebräuchlichen Form bildeten. Sie antwortete

ihm jedoch, daß sie ihre Freiheit bewahren wolle und keinem Zwange

unterliegen, und wolle ihr Kind auch allein aufziehen; und so tat sie

auch, lebte für sich und besorgte das Kind, indem sie allen erzählte,

daß sie eine geschiedene Frau sei, und das Kind habe sie von einem

Freund; sie wurde aber sehr stolz und froh, wie sie verspürte, daß sie

von vielen deswegen übel angesehen wurde, und meinte, daß alle Erlöser

der Menschen beständigen Undank geerntet hätten, bis man später erst

ihre Tat richtig erkannt. Dann begann sie und beschrieb ihr Leben von

Kindheit an, und sagte, daß sie genau alles erzählen wolle, wie es in

Wahrheit gewesen sei, und nichts wolle sie verschleiern, und dieses Buch

dachte sie dann herauszugeben, damit jeder es lesen könne.

* * * * *

Die Komtesse Maria bewohnte ein kleines Stübchen, das auf einen stillen

Hof hinausging, mit Möbeln, welche der Vermieterin gehörten, und hatten

wohl deren gute Stube geschmückt, als der Mann noch lebte. Das Mahagoni,

das die über ein Menschenalter gepflegt, war von einer gewissen

Traulichkeit, und die Komtesse hatte durch allerhand kleines Wesen das

Behagliche noch erhöht; so empfing eine gewisse Wärme des Frauenhaften

Hansen beim Eintritt und erzeugte in ihm eine freundliche und friedliche

Stimmung.

Es war einen Augenblick lang, wie sie aus der Kanne in seine Tasse goß;

sie hatte eine nicht allzugroße Figur, und in ihrer Bewegung war etwas

Hausmütterliches; er stand aufrecht da und schien groß und energisch;

einen Augenblick lang hatten sie beide ein Gefühl: wie es wäre, wenn sie

einander angehörten als Mann und Weib, und dieses wäre ihr Heim, das die

Frau freundlich und friedlich machte, damit der Mann Ruhe fände, und der

Mann erhielte es, und die Frau hätte bei ihm Sicherheit. Aber schnell

verschwand das Gefühl durch Demut und Stolz, denn sie meinten jeder, der

andere sei höheren Glückes wert, und er wolle nicht unbescheiden sein.

Dann erzählten sie sich. Zuerst war das Gespräch recht zaghaft, denn als

Menschen, die viel für sich gelebt, verstanden sie nicht die Kunst der

leeren Worte und scheuten sich, formelhafte Reden zu gebrauchen, bei

denen sie nichts empfanden; aber bald wurden sie recht eifrig, denn sie

waren auf etwas gestoßen, dafür sie beide Wärme hatten, nämlich auf

gelesene Bücher.

Da ereignete sich etwas Wunderbares. Sie sprachen von diesem Buch und

jenem, und beide hatten dieselben Bücher gelesen und waren auf die

gleichen Fragen gekommen und hatten die gleichen Gedanken gehabt. Sie

vertieften sich ganz im Zeigen und Wiedererkennen, und vergaßen sich,

und im Eifer geschah es Hans, daß er zu der Gräfin sagte »Du«, worüber

sie rot wurde, er aber merkte nichts. Und dann wieder kam ihnen das

Märchenhafte zum Bewußtsein, daß sie sich gesehen hatten als kleine

Kinder vor vielen Jahren, und jetzt waren sie beide erwachsene Menschen,

und in der Zwischenzeit hatten sie ihre Köpfe über dieselben Schriften

gebeugt, hatten dieselben Lehren ihren Geist erschüttert, dieselben

Fragen sie umhergetrieben, und hatte doch keiner vom andern gewußt, als

daß sie einmal zusammen gespielt im Heu und im alten kleinen Forsthause

im Walde. Und jedem war gewesen lange Jahre hindurch, als sei er allein

in der Welt, und die Menschen waren ihm nur Schatten und Geräusche und

lebten nicht, und nun zeigte es sich, daß es noch einen Menschen gab,

der alle diese Gedanken und Gefühle gehabt hatte; und plötzlich war es

jedem, als sei die Welt nun lebendig geworden aus einem Zauber, und alle

Menschen hätten Seelen bekommen. Hans hatte wohl viele Menschen

getroffen, die ähnlich sprachen und dachten und ähnliches studiert

hatten wie er, aber die waren ihm doch tot gewesen, das wußte er jetzt.

Denn was das Lebendige zwischen ihnen schuf, das merkten sie beide nicht

in Harmlosigkeit, nämlich, es kam zu den gleichen Meinungen und den

gleichen Büchern, daß er ein Jüngling war und sie eine Jungfrau, und daß

sie an seiner Brust liegen konnte und er sie umschlungen halten konnte.

Das war ein Glück in ihnen, das sie noch nie gespürt. Sie überhasteten

sich in ihren Reden, fragten und erwarteten keine Antwort, machten

Pläne, nahmen sich Vorsätze vor, und lachten, ohne daß sie einen rechten

Grund hatten.

Noch vor einer Stunde waren sie einander fast fremd gewesen, und nun

schien es ihnen, als ob sie zueinander gehörten, so hatten sie ohne

Scheu ihre natürlichen Bewegungen, und Maria legte ihre Füße auf einen

kleinen Schemel, wie sie gewohnt war, ohne daran zu denken, daß sie

einen fremden Herrn zum Besuch hatte, nicht einen Bruder oder Gatten;

plötzlich fiel ihr die Unschicklichkeit auf, und sie errötete. Wie ein

kleines Mädchen errötete sie, und so glücklich sah sie aus, wie ein

kleines Mädchen in ihrer Schwesterntracht und glattgestrichenem Haare.

Durch ihre Bewegung wurde er aufgeschreckt, sah nach seiner Uhr und fand

mit großer Bestürzung, daß er ganz unschicklich lange geblieben war, so

stand er hastig auf, und mit einer gewissen Befangenheit trennten sich

die beiden.

Als Hans sie das zweite Mal besuchte, waren sie verlegen und kalt, und

in ihre Worte wollte keine Wärme kommen, und was sie sagten, sagten sie

nicht aus Liebe und Überfluß, sondern um ein schleppendes Gespräch zu

erhalten; und weil alles, was vorher so rosig erschien, jetzt grau war,

so prüften sie nach bei sich und fanden, daß sie eine eigentliche

Belehrung doch das vorige Mal nicht voneinander empfangen hatten, und

daß sie ein jeder das schon gewußt, was besprochen war; aber weder er

noch sie warfen die Schuld davon auf den andern, sondern meinten jeder,

der Grund liege bei ihnen selbst; so trennten sie sich sehr früh.

Nachher machten sie sich schwere Gedanken, wußten sich nicht zu

erklären, woher die Kälte und Verlegenheit gekommen, und meinten jeder,

er selbst sei schuld daran, indem er das erste Mal aufdringlich gewesen

sei. Denn schon hatte in der Zwischenzeit die Liebe ihre seltsame Arbeit

in ihren Seelen ausgeübt, nämlich den Geliebten verschönt und erhöht und

so geschmückt, daß er ein ganz andres Wesen wurde, aus einem kleinen

Menschenkinde mit seiner Angst und Verlegenheit ein zürnender Engel, der

unnahbar ist durch seinen Glanz und Größe. Und so sagte Hans bei sich,

daß er von niederem Herkommen war und später selten vornehme Leute

getroffen, denn die meisten Bekannten und Gleichstrebenden waren

ähnlicher Abkunft wie er, deshalb wußte er manches nicht, was schicklich

war, etwa ob man die Beine übereinanderschlagen durfte, denn in einem

Buche über den feinen Anstand, das er durchstudiert, war das verboten,

und vielleicht habe er die Komtesse durch solche Nachlässigkeit

beleidigt, und sie denke etwa nicht, wie man sie erklären müsse bei ihm,

sondern meine, weil sie Krankenpflegerin geworden sei und ihren Stand

verlassen habe, so glaube er, daß man in solchen Dingen ihr gegenüber

nicht so sorgfältig zu sein brauche, und solche Ansicht müsse sie

natürlich kränken. Und Maria dachte, daß Hans schnell alles spürte, was

unsittlich oder unschicklich sein mochte, denn sie kannte auch seinen

Vater gut und sah ihn in ihrem Geiste neben ihrem Vater hergehen; da

schien ihr, daß sie nicht weiblich gewesen sei, und er könne meinen, sie

sei nicht zurückhaltend, und sie fürchtete, er halte sie für schamlos.

Zu diesen Sorgen kamen noch kleine Mißverständnisse und allerhand solche

Vorfälle, die bei Liebenden eintreffen; so lebten beide recht

unglücklich, wie es ja gewöhnlich ist, auch bei klugen und guten

Menschen, in den ersten Liebeszeiten; denn alles ist da noch trübe,

unbekannt und unausgesprochen, und erst wenn das klar und geordnet ist

und eine ebene Straße sich unter den Füßen hinzieht, kann ruhiges Glück

hereinfließen. Aber je selbständiger zwei Menschen sind, desto schwerer

ist offenbar ein solches Ziel zu erreichen.

Unter solchen allgemeinen Umständen hatten sie an einem Frühlingstage

einen Ausflug gemacht an einen abseits von der begangenen Straße

gelegenen Ort, wo ein See lag inmitten des eintönigen Kiefernwaldes, der

aus dem dürftigen Boden mit Anstrengung hervorwächst, und in dem ruhigen

Wasser spiegeln sich die Kiefern wider und der blasse Frühlingshimmel

mit weißen Wölkchen. Unter einer Birke saßen sie, die am Waldrande

allein stand und sich an den hängenden Zweigen mit ihren jungen

Blättchen schmückte, und wie sich Maria neigte, da wuchsen

Leberblümchen, wie zu Hause in dem hohen Buchenwalde, da pflückte sie

drei Blümchen ab, und Heimweh ergriff ihr Herz, und um ihr Gefühl zu

verbergen, tat sie behutsam die Blumen an ihre Brust. Dabei hatten sie

ein Gespräch über etwas andres, aber auch ihm war das Heimweh gekommen,

und hinter ihren gleichgültigen Worten teilte sich die Herzensbewegung

des einen dem andern mit. Hierüber entstand eine Pause voll

Befangenheit, die süß und sehnsuchtsvoll war, und wie sie so schwiegen,

kam ein ganz kleiner Schmetterling, der den Winter überlebt hatte, denn

er hatte recht abgenützte Flügel, und jetzt hatte ihn die liebe Sonne

gelockt aus seinem Versteck, der suchte nach Blumen, und es fror ihn;

und in ungeschicktem Fluge kam er zu Marias Brust, setzte sich auf ein

Blümchen und schlug freudig und zufrieden seine Flügel zusammen, wie er

früher getan hatte in dem warmen Sommer des vorigen Jahres. Sie sah mit

glücklichem Gesicht auf das Tierlein nieder und hielt sich ganz still,

und durch einen Blick, wie ihn ein Kind haben mag, rief sie ihm, daß er

auch sehen solle. Er neigte sich zu ihr, über die Blümchen mit dem

Schmetterling, und sein Gesicht kam vor das ihre, und beide verspürten

eine Scheu und ein Klopfen des Herzens, da faßte Hans sich Mut und sah

zur Seite, und sah, daß ihre Wangen rot waren und in ihren Augen Tränen

standen, und hierüber geschah ihm, daß er handelte, ohne sich zu

besinnen oder zu überlegen, er legte seinen Arm um sie und küßte sie,

und zwar verfehlte er ihren Mund, aber er verspürte doch, wie sie den

Kuß erwiderte, und sah, wie ihre Augen sich schlossen. Da tat sich ihm

weit, weit das Herz auf und ihm schossen die Tränen in die Augen, und er

warf das Gesicht in ihren Schoß und weinte, weinte; der Schmetterling

war davongeflogen, und Maria strich ihm sein Haar, leise, mit ihren

weichen Händen, und einmal sagte sie »Du Lieber«, mit Anstrengung sagte

sie das.

Und wie sein Haupt in ihrem Schoße lag und seine Augen weinten, und sie

streichelte ihm das Haar, das hell war und starr, und eine kleine Meise

hüpfte über ihnen in dem durchsichtigen Geäst der frühlingsgeschmückten

Birke, da kehrte ein in ihnen Zuversicht und Sicherheit und sie wußten,

daß sie neu geboren waren wie in einem Stübchen bei ihren Eltern, und

daß es nicht mehr Not, Sorgen und quälende Gedanken gab, und alles war

einfach und selbstverständlich, und ihre Gedanken waren, als gehörten

sie schon lange zusammen, seit vielen, vielen Jahren, und vor

undenklichen Zeiten sei etwas Unruhiges und Einsames gewesen, und alles

war eins bei ihnen, wie es natürlich ist bei einem alten Ehepaar. Lange

verharrten sie so; und es war, als ob alles Glück, nach dem sie sich

vergeblich gesehnt, so lange Jahre, jedes allein für sich, als ob das

aufgesammelt gewesen sei und nun auf sie herniederregnete in diesen

Minuten unter dem durchsichtigen Birkengeäst; und alles war ihnen

gleichgültig, ja sie dachten an nichts, und hatten nicht gewußt, ob es

Minuten waren oder Stunden, als ihm die Tränen des Glückes aus den Augen

flossen, unaufhaltsam, aus der Tiefe seines Herzens, in dem das Glück

saß, und sie streichelte sein Haar, das sie lieb hatte, und vielleicht

waren es sogar nur Sekunden gewesen, daß sie so gesessen.

Sie besannen sich auch, sahen sich ins Gesicht und lachten, ganz ohne

Grund lachten sie, Hansens Backen waren noch naß von Tränen. Plötzlich

errötete sie, ein ganz neuer, lieblicher Ausdruck zog sich über ihr

Gesicht und sie errötete bis an die Haarwurzel und an den Seiten bis zum

Ohransatz, und legte die Hand vor das Gesicht und sagte: »Ach, ich

schäme mich.« Da war er ganz ratlos, und es war ihm, als habe er unrecht

gehandelt, daß er sie geküßt, aber sie legte plötzlich ihre Hände um

seinen Hals und drückte ihm einen Kuß auf die Lippen, einen frohen und

innigen. Dann strich sie ihm das Haar aus dem Gesicht und sagte: »Ich

habe noch keinen Menschen lieb gehabt wie dich.« Hierüber wurde er

wieder verlegen und lachte.

Bald erhoben sie sich und gingen; zuerst schritten sie ganz ohne

Gedanken, dann besannen sie sich, daß sie zur Bahnstation gehen mußten,

suchten den Weg auf und gingen dann wieder in der vorigen Weise.

Plötzlich fiel es Hans ein, daß er Maria den Arm geben wollte, das tat

er aber ganz ungeschickt, und darüber lachte Maria, als wäre das etwas

sehr Komisches, und Hans lachte auch. Darauf trieben sie ganz kindische

Scherze, liefen eine ganze Weile mit untergefaßtem Arm und lachten

wieder, bis Maria die Tränen kamen, das waren zwei runde Perlen, die

nicht zerliefen, sondern rund blieben. Über diese freute er sich so, daß

er sie küßte.

Eine Weile gingen sie dann wieder in Gedanken und still. Da fing Hans

plötzlich an, daß er sich besonders darauf freue, wenn sie viele Kinder

bekämen. Hierüber wurde sie wieder rot, er aber merkte nichts und fuhr

fort in der Ausmalung seines Traumes, wie er dem ältesten Jungen ein

Steckenpferd kaufen wollte und dem kleinen Mädchen ein Korallenhalsband,

und abends wollten sie mit den Kindern in der dämmrigen Stube sitzen und

schöne Lieder singen, und Maria mußte auf dem Klavier begleiten. Auch

von der Erziehung sprach er, daß man hauptsächlich fest sein müsse und

die Kinder nicht verwöhnen dürfe, denn selbst Härte sei besser wie

übermäßige Weichheit. Und allmählich fiel auch Maria ein, und so

begannen die beiden fröhlich ihre Luftschlösser zu bauen. Es zeigte sich

aber, daß Hans ganz bestimmte Ansichten und Pläne hatte in allen diesen

Dingen, über welche sich Maria sehr verwunderte, und wiewohl vieles von

diesen Ansichten und Plänen ihren Wünschen nicht entsprach, so empfand

sie doch keinen Ärger, wie er so bestimmt war und ganz einfach annahm,

daß sie dasselbe wollen müsse wie er, aber sonst war sie immer gleich

erbittert gewesen, wenn sie gespürt hatte, jemand wolle, daß sie etwas

tue, was ihr nicht einleuchtete. So dachte sie jetzt, er sei wohl etwas

tyrannisch, aber sie freute sich heimlich darüber und war gar nicht

traurig, hatte auch gar keine Lust, daß sie sich ihre andre Meinung klar

machte, sondern dachte nur bei sich: >ach, es wird schon schön und recht

sein, wie er es meint<, und er meinte doch viel Törichtes. Plötzlich

aber bemerkte sie, daß sie selbst sich vorstelle, wie sie ihre Kinder

kleiden wollte, und indem sie gar nicht daran dachte, daß die zuerst

ganz klein waren, malte sie sich einen recht schönen Matrosenanzug aus

für den Jungen und stellte sich einen Florentiner Strohhut vor für das

Mädchen.

So gingen sie auf dem schmalen Weg durch den Wald. Und durch den Wald

zog der Atem des Frühlings, herb und streng, die Kiefern reckten sich

und hielten sich in Bereitschaft, ihre Kerzen aufzustecken, ein

Kreuzschnabel saß auf einem Zweige und sah ruhig das Paar an; das ist

ein Vogel, der auf Gott vertraut, denn er baut sein Nest mitten im

Schnee, wenn die andern Tiere allen Glauben verloren haben, und im

Frühjahr sind seine Jungen schon fast erzogen.

Das Stationsgebäude war ein Haus wie alle diese Häuser, und Menschen

warteten da, die sahen gleichgültig und mürrisch aus, wie sie immer

aussehen. Aber der beiden Glück machte das dürftige Haus schimmernd und

den glänzenden Schienenstrang glückverheißend, der sich gerade

hinauszog, weit fort, wer weiß wohin, und alle Menschen, die da warteten

und an den Zug dachten und an ihre kleinen Sorgen und Geschäfte, wurden

froh und glücklich. Die beiden aber dachten, daß das Leben leicht ist,

und wunderten sich, daß sie nicht schon längst das gewußt hatten. Und am

merkwürdigsten war, daß alle Menschen ihnen mit Liebe, Freundlichkeit

und Schonung zu nahen schienen, und es zeigte sich, daß alle Menschen

gut sind. Für den nächsten Tag hatten sie verabredet, daß sie sich im

Tiergarten treffen wollten; denn sie mußten einander viel sagen, und

vorher wollten sie manches bedenken, weil es doch überraschend gekommen

war, wie sie sich gefunden hatten. Hans war zuerst an der Stelle, dann

kam Maria, die hatte ein ernstes und ermüdetes Gesicht und begrüßte ihn

liebevoll, aber mit sonderbarer Zurückhaltung, und gab ihm einen Brief

in die Hand und sprach, während er lese, wolle sie sich auf eine Bank

setzen. In dem sehr langen Briefe stand geschrieben, daß sie viel mit

sich gekämpft, aber sie sei nun zu dem Entschluß gekommen, daß sie

einander nicht angehören dürften; denn gestern habe sie sich durch ihre

Gefühle, die sie nicht leugnen wolle, zu einer Übereilung hinreißen

lassen; ihr Grund aber sei, daß sie sich zu selbständig fühle, um

glauben zu können, daß sie eine gute Gattin sein werde. Dann erzählte

sie, wie sie ihre Jugendzeit zu Hause verbracht habe in den großen

Sälen, und habe keinen Menschen gekannt, denn mit den Offizieren und

Gutsbesitzern, die in ihrem Elternhause verkehrt, habe sie nichts zu

sprechen gefunden, außer ganz gleichgültige Dinge; und wie durch die

Luft sei es angeflogen, daß sie ganz andere Meinungen bekommen wie alle

Leute, die sie kannte, denn sie könne sich nicht entsinnen, daß jemand

ihr etwas erzählt über solche Gedanken. Deshalb habe sie auch immer

gedacht, ihre Gedanken und Pläne seien unrecht, weil sie niemand

gekannt, der sie geteilt, denn erst in ihrem neuen Kreise später habe

sie die Menschen getroffen, die ebenso dachten wie sie. Das erzählte sie

ihm, damit er sehe, wie ihre Gesinnungen nicht zufälliger Art seien und

sich ändern könnten, sondern sie seien aus ihrem Wesen mit Notwendigkeit

entstanden, und deshalb könne sie nicht anders werden, wie sie jetzt

sei. Dann fuhr sie fort, ihm zu schildern, welche große Anstrengung es

sie gekostet, bis sie alle Hindernisse und Vorurteile der Familie

überwunden und habe sich in Freiheit bilden dürfen; wenn sie jetzt an

diese Zeiten zurückdenke, so begreife sie oftmals nicht mehr, wie das

alles möglich gewesen sei. Und nun könne sie das alles nicht mehr opfern

und sich einem andern fügen, eine Hausfrau werden und an ganz neue Dinge

denken; und wenn sie es doch versuchen wollte, so würde sie selbst

unglücklich werden und ihn unglücklich machen, denn der Versuch werde

gegen ihre Natur gehen. Darum sei es das beste, er lasse sie, und sie

trennten sich jetzt, was zwar ihnen beiden schwer fallen werde; aber da

sie nun einmal in solchen unglücklichen Zwiespalt hineingeraten, daß sie

einander lieb gewonnen hätten und doch nicht als Gatten zusammenleben

könnten, so sei es besser, jetzt Kummer zu leiden und, wenn es möglich,

ihre Neigung zu überwinden und dann später in der früheren Art weiter zu

leben, wie eine Ehe zu führen, die sicher unglücklich werden müsse und

vielleicht ihre gegenwärtige Liebe in Haß verwandeln werde.

Mit großer Trauer las Hans diesen Brief; und wie er ihn zu Ende gelesen,

sah er in Mariens Gesicht, das mit einem Ausdruck von unendlicher Liebe

zu ihm gewendet war; da lachte er, und sie hängte sich an seinen Arm und

fragte schüchtern, was er nun denke, und wie er sagte, es werde alles

gut werden, und sie wollten sich trotzdem ehelichen, da drückte sie

seine Hand und war glücklich. In diesem Augenblicke wurde ihm in seiner

ganzen Weise offenkundig, was sie zum Opfer brachte, nämlich die

Freiheit und das Glück eines Blickes von hohen Bergen, und daß sie in

Enge ging und kleine Sorgen auf sich nahm, und das tat sie, weil sie ihn

lieb hatte, nicht für sich, sondern für ihn. Und er wußte wohl, daß er

dieser Liebe unwert war und ihr nicht ein gleiches Opfer bringen konnte,

und in Demut sagte er sich, daß alles Herrliche, das wir erhalten, ein

unverdientes Geschenk ist, und in Dankbarkeit nahm er sich vor, immer an

diese Stunde zu denken. Er freute sich aber, daß er nehmen durfte und

dankbar sein, und schämte sich nicht, daß seine Hände leer waren.

Solches sind die Werke der Liebe in uns, daß sie unsre schlechteste

Eigenschaft überwindet, nämlich den Dünkel, der nichts umsonst empfangen

will.

Nachdem die beiden dergestalt zu einem unumstößlichen Entschluß gekommen

waren, beredeten sie untereinander, wie sie ihr äußeres Leben bilden

würden. Wie die beiden Brüder und die Eltern gestorben, war Maria die

Erbin aller Besitzungen der Familie. Solange sie für sich allein lebte,

blieb ihr das gleichgültig, und sie hatte die Verwaltung einem

Verwandten übergeben, denn sie war zufrieden, daß sie ihren Beruf hatte

und ihre Pflicht erfüllen konnte. Nun aber wurde das anders, denn eine

Familie will mehr Pflichten wie der einzelne. Hansens Tätigkeit war

nicht derart, daß sie ihn selbst auf die Dauer befriedigt hätte,

geschweige daß er auf sie hin hätte mögen mit seiner Familie leben. So

beschlossen die beiden, daß Hans die Verwaltung der Herrschaft

übernehmen sollte, und wußten wohl, wie verschuldet der gesamte Besitz

war, so daß er zurzeit im ganzen sogar eine passive Bilanz aufwies, aber

freuten sich, daß sie dadurch ein Ziel für frohe Arbeit bekamen, denn

sie glaubten, daß wir nur glücklich sein können in einer angestrengten

Arbeit, die einen Erfolg hat. Und nachdem sie dergestalt sich über den

Plan und die Absichten klar geworden waren, setzten sie schleunigst

alles Nötige ins Werk, benachrichtigten die entfernten Verwandten

Marias, die zwar den Kopf recht schüttelten, aber doch keine

Schwierigkeiten machen konnten, vielmehr recht gütig bei manchem halfen,

und dann wurde die Hochzeit bald gefeiert.

So nahmen sie denn die schwere Last fröhlich und guten Mutes auf sich,

zogen in ein kleines Häuschen, das früher eine Beamtenwohnung gewesen

war, und richteten sich ganz einfach ein. Wohl hatten sie einen Besitz,

der auch nach Abzug der Schulden noch Millionen wert war, und doch

lebten sie bescheiden, aber sie waren stolz und froh, daß sie Sparen und

Haushalten, Arbeiten und Sorgen vor sich hatten, dessen Ende doch

Sicherheit und ordentliches Leben für ihre Kinder wurde; denn wenn der

Besitz auch groß und wertvoll war, so blieb ihr Einkommen doch gering

und konnte nur durch langsames Abtragen der Schulden wieder groß werden.

Am frühen Morgen ging Hans schon in den Wald, und am späten Abend kehrte

er nach Hause. Ein unbändiges Frohgefühl überkam ihn, wenn er zwischen

den schweigenden Stämmen wanderte; das alles gehörte ihm, diese

gewaltigen Buchen, deren Zweige hoch oben sich wölbten, und die kleinen

Bäumchen in der Schonung gehörten ihm, wo ein Strohwisch an einer Stange

hing, und das trockne Laub gehörte ihm, und die kleinen weißen Blümchen,

und die flinke Eidechse und der Vogel auf dem Zweige, die waren in

seinem Walde, den er einst seinen Kindern vererbte. Ihm wuchsen die

kleinen einjährigen Pflanzen aus dem Samen, die dereinst über seines

Enkels Haupte mächtig rauschen sollten, für ihn saugten die Blätter

Sonnenschein ein, Luft und Regen. Deshalb forstete er auch nicht mit

Kiefern auf, wo Buchen abgetrieben waren, denn er wollte, daß wieder

Buchen wuchsen, wo Buchen gestanden hatten; wenn er alte Bäume mußte

schlagen lassen, so war es ihm, als müsse ihm das Herz bluten, und nur,

weil er doch Einnahmen wegen der Zinsen nötig brauchte, ließ er

abtreiben; dann schlief er nachts nicht, ging ans Fenster und sah im

Mondschein seufzend über den stillen Wald hin; mit Freuden aber ließ er

jungen Bestand ausholzen, wo Licht und Luft geschaffen werden mußten für

die Bäumchen. Abends erzählte er, wie er dies machen wolle und das, wie

an kahlen Hängen angepflanzt werden sollte, wenn er erst mehr Geld habe,

wie in den Bruch Erlenbestand kommen müsse, und wie ein vernachlässigtes

großes Gebiet am besten neu bepflanzt werde.

Seine schlimmste Sorge war, daß die Haupteinnahme aus einem unsicheren

Bergwerksertrage floß, und häufig überlegte er, was zu beginnen sei,

wenn dieser Ertrag einmal im Jahre geringer ausfalle. Wohl sagte er sich

dann heimlich, es sei leichtfertig von ihm gewesen, daß er nicht bei der

Übernahme mehr von dem Besitz verkauft, damit er das übrige desto

sicherer halten konnte, aber was er sich auch überlegte, nichts von dem,

was er besaß, wollte er hingeben; ja die beiden Güter, die er damals

fortgegeben, und die nun unter einem tüchtigen und wohlhabenden Besitzer

schnell gediehen, reuten ihn oft, und gab ihm einen Stich, wenn er in

die Nähe ihrer Felder kam und dachte, daß ihm die auch gehört hatten.

Deshalb wußte er keinen weiteren Ausweg, als daß er immer sparsamer zu

wirtschaften suchte, immer eifriger und umsichtiger alles

beaufsichtigte. Seine Figur änderte sich; er wurde hager und

vornübergeneigt, und seine Nase stand mit einem scharfen Haken aus dem

Gesicht, und sein Gang wurde schnell und weit ausschreitend. So

vergingen Wochen, Monate und Jahre im Rechnen und Arbeiten; aber Rechnen

und Arbeiten füllten das Leben der beiden nicht aus. Denn zu seiner Zeit

bekamen sie ein schönes und gesundes Kind, ein Knäblein; dem folgten

noch andre Kinder bis zu der Zahl von fünf. Für diese alle mußte die

Mutter sorgen, ohne große Hilfe, das tat sie heiteren Gemütes und

singend, und die Kinder wuchsen heran in Schnelligkeit, und wenn der

Vater des Abends nach Hause kam, so umringten sie ihn, klammerten sich

an seinen Beinen an und wollten an ihm hochklettern; und Maria begrüßte

ihn mit lachenden Augen. Sie war immer froh, auch ohne einen bestimmten

Grund, und hatte Beruhigung im Herzen und sichere Gedanken. Und auch

Hans war beständig froh und sicher, trotzdem er sich viele Sorge machen

mußte um Geld und pünktliches Zusammentreffen von Einnahmen und

Ausgaben, was für einen Mann sehr schwer ist, der keine Begabung für

Geldgeschäfte hat; bei seinen großen Rechnungen half ihm auch Maria,

denn er verzählte und verrechnete sich häufig und geriet dann in große

Ängste.

Was aber ganz besonders merkwürdig schien, das war, daß er sich gar

nicht mehr Gedanken machte über abstrakte Dinge und Fragen, denn ihm

war, als sei alles Grübeln plötzlich abgeschnitten und habe gar keinen

Liebreiz mehr, und hätte er sich früher so gekannt, so hätte er sicher

geurteilt, er sei beschränkt geworden, und doch war es ihm jetzt, wenn

er an sein früheres Wesen dachte, als sei er damals töricht und kindisch

gewesen. Und ebenso war es Maria, daß alle ihre Mühe und Arbeit, die sie

sich früher gemacht, ihr kindisch vorkam; und wenn es auch gering war,

zu bedenken, was ein Kind anziehen sollte und was ein andres essen

durfte, und ob an einem Bach Weiden gepflanzt werden sollten für die

späteren Korbflechtarbeiten, wenn die Äpfel aus einer neuen Anpflanzung

erst versendet wurden, so schien beiden das doch heute viel wichtiger

wie solche Fragen nach Freiheit und Verantwortlichkeit und ähnlichem,

die sie früher bedacht. Und als sie einmal an einem glücklichen

Nachmittag am Sonntag zusammen im Garten saßen und von weitem die

jubelnden Kinder hörten und sich über die Wandlung wunderten, kam ihnen

eine Zusammenfassung oder Erklärung dieser Erscheinung. Es geschah das

aber, indem sie ein Schwalbenpärchen sahen, die Lehm zusammentrugen zu

einem Neste für sich und ihre Kinder.

Da sagten sie: Wie die Vöglein, so leben auch die Menschen, wachsen,

freien sich, kriegen Kinder, ziehen sie groß, und dann sterben sie; und

ihre Kinder tun desgleichen; und so ist die Erde bevölkert mit lebenden

Wesen, auf welche die Sonne scheint. Und jedesmal, wenn Kinder

heranwachsen, denken sie, das ist etwas ungemein Merkwürdiges, daß wir

auf der Welt sind, und es gibt nichts Merkwürdigeres, und mit uns wird

alles neu, und vor uns ist nichts gewesen, nach uns aber wird alles das

sein, was wir einmal Großes und Wichtiges schaffen werden. In Wahrheit

aber erschaffen sie genau so Großes und Wichtiges wie die Menschen vor

ihnen geschaffen haben, das sie gar nicht beachten. Und in solcher

Gesinnung kommen sie auch zu weiterer Überhebung, daß sie in sich

hineinsehen wollen und wollen wissen, wie in ihnen alles zusammenhängt,

und woher es kommt, daß ihnen die Welt so erscheint, wie sie ihnen

wirklich erscheint; und dann denken sie, daß sie das alles ändern können

nach ihrem Wohlgefallen und können bauen, was sie wollen, und einreißen,

was sie wollen.

Wenn es nun Gott gut meint mit solchen besonders hoffärtigen Menschen,

so setzt er sie mitten in eine einfache und vernünftige Aufgabe; und da

sehen sie, daß einer mit dem andern zusammenhängt, und daß die Menschen

so leben, wie es ihnen vorgeschrieben ist, und solche Gedanken haben,

wie Gott will, daß sie Gedanken haben; ebenso wie diese Schwälblein

vielleicht denken, wunder welch ein Werk sie verrichten, und wie

merkwürdig es ist, daß sie Mann und Frau sind, und wie wunderbar einst

ihre Eier sein werden und wie eigen ihr Nest; und setzen doch bloß Dreck

zusammen wie alle Schwalben vor ihnen und nach ihnen, und haben Eier und

brüten nach aller Schwalben Sitte, weil so das Geschlecht der Schwalben

sich erhält auf der Erde, das Fliegen und Mücken fängt und zum Herbst

fortzieht und im Frühjahr wiederkehrt. Solche aber, die zerfahren sind

aus Hochmut, finden keine einfache und vernünftige Aufgabe, sondern tun

irgend eine widerwärtige Tätigkeit, damit sie ihr Brot verdienen, und

wenn sie ihr Tagewerk vollbracht haben, so brüten sie weiter und haben

dumme Gedanken über ihre Wichtigkeit und werden immer zerfahrener.

Inzwischen geht das Leben vor ihrem Fenster vorbei wie ein schönes

Mädchen, und sie merken es nicht, denn sie wissen nicht, daß sie dem

Mädchen nachgehen sollten, sie zur Frau begehren und mit ihr leben in

Freude und ohne überflüssige Gedanken. Und nachdem sie immer zerfahrener

geworden sind, beginnen sie auch immer dümmer zu werden; und zuletzt

enden sie in leerem und einfältigem Geschwätz.

In Wahrheit können wir doch nichts wissen, als daß wir hier auf dieser

schönen Erde wandeln und brave Menschen sein sollen und uns freuen. Dann

werden wir älter in Heiterkeit und Glück, und endlich sterben wir, und

im Gedächtnis der Menschen leben wir eine Weile noch als verständige

Leute oder als unverständige.

Als sie solche Gedanken hatten, blickten sie nach der Elsgrube hin, denn

die konnten sie sehen von ihrem Hause aus und dachten, daß hier einst

die alte Burg gestanden hatte, und daß das damalige Herrengeschlecht

heruntergegangen war, und ein treuer Diener hatte die letzte Tochter

geheiratet und das neue Geschlecht begründet. Das hatte lange geblüht

durch vielerlei Zeiten hindurch, die Urzeiten hatte es erlebt und das

Lebensalter und die Renaissance, das absolute Fürstentum und die

Neuzeit; endlich war es untergegangen durch Untüchtigkeit; und nun

gründete wieder ein treuer Mann aus der unteren Gesellschaft das dritte

Geschlecht; und vielleicht erlebte das auch durch die Jahrhunderte

Wandlungen der Dinge, Verhältnisse und Gedanken, und es zeigte sich, daß

jede Zeit meinte, sie habe in allem das Richtige gefunden; und vor

Gottes Augen war das alles doch nichts weiter wie die Reihenfolge der

Schwalben, die ein Nest unterm Hausdache beziehen; und wenn die Kinder

dieses Geschlechtes klug waren, so taten sie dasselbe, was jetzt Hans

und Maria taten: arbeiten und sich liebhaben, ihre Kinder erziehen und

fröhlich sein.

So waren ihre Gedanken, und die mochten wohl manchem von den andern

kleinbürgerlich erscheinen. Aber was wir wert sind, das sind wir ja

nicht wert durch unsre Gedanken, sondern dadurch, daß wir die Stelle

auszufüllen vermögen, in die wir gesetzt sind; denn wenn wir das können,

so bekommen wir Verstand und richtige Gedanken, und für die einen sind

diese Gedanken richtig, für die andern jene. Nur ist das eine Weisheit,

von der die Leute unsrer Zeit nichts wissen wollen, denn freilich ist

sie nicht zu sehen, sondern wir müssen sie glauben. Aber wissen wir dies

nicht, daß wir ja gar nicht die wahre Welt sehen, sondern nur einen

trügerischen Schein?

In der wahren Welt steht Gott als ein Bauersmann im blauen Kittel vor

dem Scheunentor und worfelt Weizen. Er nimmt eine Schaufel voll Weizen

und schleudert den in die Scheune. Da fliegen zusammen durch die Luft

Korn und Spreu und wissen nicht, wer sie in Bewegung gesetzt hat und

wohin sie getrieben werden; doch sie verspüren, daß eine Kraft in ihnen

ist, und daß dieselbe Sonne sie blitzend bescheint und daß dieselbe Luft

sie klar bestreicht. Da denkt die Spreu hoffärtig: >Siehe, wir sind wie

diese da, und vielleicht sind wir auch besser, denn uns scheint, wir

fliegen höher<, und die Körner denken demütig: >Es ist wohl so, daß wir

alle gleich sind.< Aber nur einen Augenblick verweilen sie beide in der

hellen Luft und unter der blitzenden Sonne; denn was Jahrhunderte sind

für uns und unsre Welt des Scheins, das ist ein Augenblick für Gott und

für seine wahre Welt. Dann senken sich die schweren Körner zu dem

Weizenhaufen, auf den sie fallen sollen, und die Spreu trägt der Zugwind

vor dem Scheunentor auf einen andern Haufen zu der früheren Spreu.

Der schmale Weg zum Glück · 第 7 / 9 题