Zweites Buch

Die erste Zeit in Berlin war für Hansen recht traurig, denn sie brachte

ihm große Enttäuschungen, weil er gemeint, auf der Universität müsse

ganz Besonderes und Herrliches sein, und unter der Wissenschaft dachte

er sich etwas Befreiendes und Beglückendes, das ihm in unklarer Weise

als das höchste aller irdischen Hoheit vorschwebte; er konnte noch nicht

wissen, daß dieses Besondere und Herrliche nicht ein greifbar

Vorhandenes ist, sondern vielleicht nur eine Gemütsverfassung sein kann,

die einige begabte Menschen mit der Zeit durch ihre Beschäftigung mit

wissenschaftlichen Dingen erhalten. Und nun fand er ein großes und

graues Gebäude, das nach Staub aussah, dann eine Diele, in der sehr

viele Studenten standen und gingen, die gar nicht der Vorstellung

glichen, die er sich von Studenten gemacht, sondern eher wie recht

unelegante Kaufmannskommis schienen und fast alle außerordentlich

spießbürgerliche Gesichter hatten; und endlich war da ein niedriger

Kollegsaal mit vielen Bänken, mit einem muffigen Geruch. Der Professor

trat ein und wurde mit Trampeln begrüßt, und war ein ganz kleiner Mann

in einem dicken Pelz und mit einem recht abgenutzten Zylinder; wie er

diese Stücke an den Kleiderhaken hängte, machte er eine komische

Hüpfbewegung, und dann trat er auf den Katheder, nickte mit dem Kopf und

entfaltete ein uraltes, gebräuntes Heft, aus dem er mit monotoner Stimme

außerordentlich lange Perioden vorlas, indessen sein schwarzer Rock

speckig glänzte. Die Studenten schrieben mit heftigem Eifer nach, ohne

daß einer den Kopf hob, und nachdem Hans zuerst immer gedacht hatte, es

müsse noch etwas kommen, schrieb er am Ende auch nach; weil er aber

langsam mit der Feder war, so kam er bald zurück und konnte nicht mehr

folgen, und so saß er zuletzt recht ratlos und unglücklich da. Wie die

Glocke zum Schlagen aushob, ließ der Professor plötzlich seine Stimme zu

einem Murmeln sinken, hörte mit dem Ende des Satzes auf, klappte das

gebräunte Heft zusammen, hüpfte nach seinem Pelz und Hut und ging

hinaus. Die Studenten aber schnappten ihre Tintenfässer zu, steckten die

Hefte in die Mappen und gingen gleichfalls.

Das war die erste Vorlesung, und die weiteren hatten einen ähnlichen

Charakter. So wurde Hans niedergeschlagen und bekümmert, denn wie er nun

mit seinen Heften unterm Arm zum Essen ging und sich bedachte, was er

gelernt habe in diesen Stunden, da fand er gar nichts in seinem

Gedächtnis, außer die Vorstellung von einem ungeheuren und wüsten Raum,

in den er hineingestoßen war, damit er weitergehen solle, und sah weder

Weg noch Wegweiser.

Gleich hinter der Universität, am Kastanienwäldchen, war damals ein

Speisehaus, wo ein sehr großer Teil der Studenten aß. Hans folgte der

Menge und kam in kleine Stuben, wo an Tischen dichtgedrängt die jungen

Leute saßen und eilig ihre Speisen verzehrten, indessen Kellner in

jägergrünen Joppen mit Hirschknöpfen geschwind mit Schüsseln und Tellern

herumliefen und der Strom der eintretenden Gäste dem Strom der

herauskommenden begegnete. Wie Hans einen Platz gefunden an einem Tisch,

dessen übrige Stühle besetzt waren, und die fleckige Speisekarte

genommen, kam hastig ein Kellner im Vorbeilaufen heran und fragte, so

daß Hans erschreckt aufs Geratewohl bestellte, denn er war schon durch

die Eile und Menschenmenge geängstigt. Dann aß er und trank mit der

Schnelligkeit, die er bei den andern sah, denn hinter dem einen

Tischgenossen wartete bereits einer auf dessen Platz; und wie er fertig

war, kam der Kellner wieder, zählte zusammen, und Hans bezahlte, und

weil ihm gesagt war, daß man in Berlin den Kellnern Trinkgeld geben

mußte, so legte er ihm fünf Pfennige in die Hand mit einem höflichen und

verlegenen Murmeln, denn er scheute sich und fürchtete, der Kellner

würde beleidigt sein. Wie alles abgemacht war, hatte er ein leichtes

Herz und ging durch die gedrängten Zimmer zurück aus dem Hause. Da

fühlte er sich recht einsam und verlassen; denn einige gelbe Blätter

hingen an den Kastanienbäumen, Sperlinge zankten sich auf der Straße,

ein grauer Dunst war in der Luft, und häßliche Farbentöne hatte alles,

schmutzige und stumpfe; nichts Leuchtendes war da, welches das Herz

leicht macht. Er wunderte sich, daß das Studentenleben so aussah; ganz

anders hatte er es sich vorgestellt.

Seine Stube war ein langer und schmaler Raum, der eine Form hatte wie

ein Handtuch; oben am Fenster stand der Schreibtisch mit einem Stuhl

davor, dann kam ein Sofa mit einem Sofatisch, dann das Bett, endlich der

Waschtisch; und bildeten diese Möbel eine Reihe, so daß man sich an

ihnen allen vorbeidrücken mußte, wenn man zum Schreibtisch gehen wollte.

Auf dem Waschtisch hatte er seine neue Spiritusmaschine aufzustellen

gedacht; denn das hatte er sich so schön ausgemalt, wie er sich den

Kaffee nachmittags selber kochen werde, und dabei wollte er dann fleißig

studieren; aber die Wirtin sagte, das könne sie nicht erlauben, weil es

ihre guten Möbel ruinieren werde, und er solle den Kaffee bei ihr in der

Küche bereiten. So ging er jetzt mit der Kaffeemaschine, der Mühle und

dem andern Gerät in der Wirtin Küche, und hatten die Leute nur die

beiden Räume, also die vermietete Stube und die Küche, in der sie

kochten, wohnten und schliefen, nämlich eine sehr dicke und schmutzige

Frau, ein finsterer Mann, über den die Frau meistens schimpfte, eine

Tochter von achtzehn und einen Sohn von zwölf Jahren.

Hans fand die Frau allein vor, die ihm seine Sachen abnahm und sagte,

sie wolle ihm den Kaffee schon bereiten, und obzwar ihm die Leute

widerstrebten, ohne daß er freilich den Grund recht wußte, so tat doch

diese Freundlichkeit seinem einsamen und bedrückten Gemüt wohl, daß er

in dem Augenblick eine Zuneigung zu der dicken Frau faßte und sich nach

ihrer Einladung auf den Stuhl setzte, den sie vorher mit der Schürze

abgewischt. Die Frau begann gleich zu klagen, daß ihr Mann oft keine

Arbeit habe und alles vertrinke, und daß die Ferien über das Zimmer leer

stehe, und seien die Studenten meistens unsolide und meinten, die Stube

sei ungeniert, aber was wolle sie machen, sie sei eine arme Frau; und

nachdem sie sich die Augen mit der schmutzigen Schürze gewischt, fuhr

sie fort, daß ihre Tochter ihr auch Sorgen mache, die sei hinter den

Herren her, mit der werde es noch einmal ein schlimmes Ende nehmen, aber

sie könne es nicht halten. Wie sie noch so im Klagen war, kam die

Tochter nach Hause und trug einen neuen Hut und fragte ihre Mutter, wie

der ihr stehe; die schlug die Hände zusammen und jammerte über den Hut,

da antwortete das Mädchen, den habe sie geschenkt bekommen von einem

Herrn, und was sie treibe, das gehe die Mutter gar nichts an. Darauf zog

die Frau Hansen in den beginnenden Streit und fragte ihn, ob wohl eine

Tochter so antworten dürfe, das Mädchen ließ ihn aber gar nicht zu Worte

kommen, sondern sagte, sie wolle essen, und schalt darüber, daß so

weniges im Eßschrank lag. Inzwischen war der Kaffee fertig geworden, daß

Hans gehen konnte; er hörte aber noch eine höhnische Bemerkung der

Tochter, die auf ihn zielte, die verstand er zwar nicht, indessen machte

sie ihn verlegen, und er wußte nicht recht, wie er sich benehmen solle,

wenn er wieder in die Küche gehen mußte; durch die Tür drangen dann noch

Worte der Mutter zu ihm, die eine Zustimmung zu den Reden der Tochter zu

enthalten schienen. Da fühlte er sich wieder recht elend und

unglücklich, und mit Sehnsucht dachte er an seine Heimat und an den

Wald, und selbst sein Dachkämmerchen auf dem Löwenhof war ihm jetzt

vertraulich in der Erinnerung, wiewohl er nie ein heimliches Gefühl

darin gehabt, sondern es immer nur als bloße Unterkunft betrachtet

hatte. Denn alles erschien ihm namenlos scheußlich, weil er sich auch

eine Studentenbude immer ganz anders gedacht hatte, nämlich als ein

Mansardenstübchen, niedrig und klein, aber von quadratischem Grundriß,

mit einem alten ledernen Sofa und einem kleinen eisernen Ofen, in dem

ein lustiges Feuer brannte, und mit einem großen Bücherbrett voller

Bücher.

Nach dem Plane, den er sich von seiner Tagesarbeit gemacht, mußte er nun

die gehörten Vorlesungen durcharbeiten. So nahm er das erste Heft vor,

das enthielt lauter Literaturangaben über den Gegenstand, und er wußte

nicht, was er mit diesen beginnen sollte, dachte, er müsse sie wohl

auswendig lernen und schreckte dann zurück vor den vielen fremden Namen,

an die sich ihm keine Vorstellung knüpfte; und bei dem zweiten Heft ging

es nicht besser, denn hier hatte der Professor ganz weit hergeholte

Dinge als Einleitung behandelt, die mit dem Gegenstand nichts zu tun

hatten, und weil Hans nicht genau nachschreiben konnte, sondern hatte

Lücken lassen müssen, so wurde er aus dem Ganzen gar nicht klug. Derart

stieg seine Betrübnis auf einen solchen Gipfel, daß er gar nichts mehr

mit sich anzufangen wußte, und weil er gegen seine Unruhe doch irgend

etwas tun wollte, so verließ er seine Stube und ging durch die Straßen.

Er wurde bald müde, denn das Gehen auf dem harten Pflaster war ihm

ungewohnt, und das Geräusch und die Menge der Menschen strengten ihn an,

und wenn er die lange Straße hinuntersah, so erblickte er nur himmelhohe

Häuser, Drähte und Steinpflaster, und nirgends ein Fleckchen Erde, wäre

es auch nur so groß gewesen wie eine Hand. Nirgends war ein Fleckchen

Erde, alles war mit Steinen bedeckt. Über eine Brücke ging er, aber auch

die Ufer des Flusses waren mit Steinen vermauert. Da fiel ihm ein, daß

in dieser Stadt ein Kind geboren werden konnte und aufwachsen, das gar

nicht wußte, wie Erde aussieht, und wie ein Wald und ein Kornfeld und

eine Wiese aussieht; und als er das dachte, hatte er ein großes Mitleid

mit sich selbst.

So ging er, und die Füße taten ihm weh und die Schultern, und ein Ring

lag ihm um die Stirn, und war ihm, als habe er sich ausgeweint und könne

nicht mehr weinen. In solcher Verfassung blieb er, indem es begann zu

dunkeln, und die Laternen wurden angesteckt und die Läden mit stechendem

Licht erleuchtet, und die Menschen rasten immer gleichgültig vorbei. Am

Ende trat er aus Müdigkeit in eine Wirtschaft, und weil er sich graute

vor seinem Zuhause und es zudem doch noch am Anfang des Semesters war,

so beschloß er, hier in der Wirtschaft zu Abend zu essen und nicht zu

Hause, und wollte hier so lange bleiben, bis es spät genug war, daß er

zu Bette gehen konnte.

Eine Kellnerin brachte, was er bestellte und setzte sich dann zu ihm an

seinen Tisch, indem sie sagte, er sei gewiß erst seit kurzem in Berlin,

und dann erzählte sie, ihr gefalle es sehr gut hier. Hans antwortete in

der Weise, wie er gewohnt war, mit allen Menschen zu sprechen; da stand

sie plötzlich auf, mitten in seinem Satze, in einer Art, als sei er ihr

ganz verächtlich, und nachher war sie ganz fremd zu ihm, als habe sie

nie freundlich an seinem Tische gesessen.

Inzwischen füllte sich die Wirtschaft mit Gästen und die meisten taten

sonderbar vertraulich zu den Kellnerinnen, und es war als ob alle, die

hier in dem rauchigen und niederen Raum saßen, miteinander nahe bekannt

seien. Nach einer Weile setzte sich an Hansens Tisch ein junger Mann,

der aussah wie ein Künstler; dem brachte die Kellnerin ein Glas Bier und

zwei Butterbrote, die aß er gierig, als sei er sehr hungrig. Wie er mit

dem Essen zu Ende war, knüpfte er ein Gespräch an und erzählte, er wolle

eine Operette komponieren und spiele hier in der Wirtschaft abends

Klavier, wofür er fünfzig Pfennige und das beschriebene Abendbrot

erhalte; aber von diesem Erwerb könne er nicht leben, und wenn nicht die

gutherzigen Kellnerinnen wären, so müßte er verhungern, und seine

Operette würde viel besser werden wie der »Zigeunerbaron«. Wie Hans

antwortete, daß er dieses Werk nicht kenne, vertiefte sich der andre in

musikalischen Erörterungen, und zwischenhindurch klagte er bitter über

das Los der Künstler in der heutigen Gesellschaftsordnung. Am Ende

verbeugte er sich mit großer Eleganz vor Hans, daß dieser sehr verlegen

wurde, und ging zum Klavier, setzte sich, fuhr mit den Fingern durch

sein langes und dichtes Haar und begann mit großer Geläufigkeit Tänze zu

spielen; sein Spiel schien Hansen aber ganz seelenlos, obschon das

Pianino viel besser war wie des Lehrers im Dorfe altes Klavier.

Bald darnach fragte die Kellnerin Hansen, ob sie dem Klavierspieler ein

Glas Grog bringen solle, weil er sich doch mit ihm unterhalten habe, und

indem Hans dachte, das müsse wohl so sein, bejahte er die Frage, aber er

schämte sich doch sehr für den Musiker. Dieser nahm das Glas, wendete

sich zu Hans, nickte ihm dankend zu, führte es an den Mund und fing dann

gewandt einen neuen Tanz an.

Den ganzen Abend quälte sich Hans mit dem Gedanken, daß er nachher der

Kellnerin ein Trinkgeld geben sollte, denn das kam ihm unzart und

beleidigend vor, weil es nicht mit Herzlichkeit geschehen konnte und

deshalb keine Freundlichkeit war, die den Empfänger zu ihm in solche

menschliche Beziehung brachte, daß dessen menschliche Würde die gleiche

blieb, sondern er hatte das Gefühl, daß er das Mädchen dadurch unter

sich drückte, ebenso wie am Mittag den Kellner und vorhin den Musiker.

Viel Schmutz muß ein Mensch erst an seinen weißen Kleidern haben, bis er

gleichmütig das Geldstück in die vorgestreckte Hand eines dienernden

Menschen gleiten läßt und unbewußt jede Liebenswürdigkeit, die ihm ein

Niedrigerstehender erwiesen, durch eine kleine Münze vergilt, statt

durch einen einfachen Dank; und nicht nur seinen Bruder zieht er herab,

sondern auch sich selbst.

Wie Hans den peinlichen Augenblick überstanden hatte und sich zum Gehen

wendete, verspürte er mit den geschärften Sinnen, die ein Mensch

innerhalb einer feindlichen Umgebung hat, daß die Kellnerin sich hinter

seinem Rücken gegen eine andre über ihn lustig machte, wie schon einmal

an dem Tage die Wirtstochter gegen ihre Mutter getan. So wurde immer

stärker das Bewußtsein in ihm, daß er lächerlich und dumm sei, und alle

andern Leute waren viel gewandter, klüger und erfahrener wie er; denn

solange wir die Welt noch nicht kennen, wissen wir die sittlichen

Gegensätze nicht zu verstehen und beurteilen und halten sie für

Gegensätze des Verstandes und der Erfahrung, und ist das einer der

Gründe, weshalb mancher junge Mensch schlecht wird, der von Natur nur

oberflächlich war.

Langsam und müde ging Hans heimwärts, und war es eben nach zehn Uhr, wie

er an sein Haus kam, und deshalb war es schon dunkel auf den Treppen,

aber er tastete sich schnell am Geländer nach oben. Als er fast oben

angekommen, trat er auf einen Menschen, der dalag. Wie er schon ohnehin

in erregter Verfassung war durch alles vorige, so stieß er einen Schrei

aus und prallte zurück, daß er fast die steile Treppe hinabgefallen

wäre. Auf das Geräusch wurde die Korridortür geöffnet und Hansens

Wirtsleute, später auch die Nachbarn erschienen mit Lichtern, und da

zeigte sich, daß eine betrunkene Weibsperson von etwa fünfzig Jahren auf

den Stufen lag, die sich hatte auf den Hausboden schleichen wollen, um

dort zu nächtigen, und nun hier von Trunkenheit und Schlaf übermannt

war.

Der finstere und schwarzbärtige Wirt Hansens stieß das Weib mit dem Fuße

an, bis sie sich halb erhob in ihren stinkenden Lumpen, und starrte mit

dem aufgedunsenen Gesicht sinnlos in die Lampe, die der Mann in der Hand

hielt; er brüllte, er wolle die Polizei holen, und gab ihr allerhand

gemeine Schimpfworte, das Weib aber schien nichts zu merken, sondern

hockte da und sah zwinkernd mit rotgeränderten und tränenden Augen in

die Lampe. Deshalb versetzte der Mann ihr wieder Fußtritte, um sie zum

Aufstehen zu bewegen; aber da empfand Hans einen wilden Schmerz im

Innern und rief, er solle das lassen und die Frau menschlich behandeln.

Hierüber war der Mann erstaunt und erwiderte, wenn er selber betrunken

sei, so werde er auch so behandelt, und das noch dazu von den

Schutzleuten, die doch von den Steuern lebten, die er zahle, diese

Person jedoch zahle keine Steuern. Über diese Worte aber schien seine

Frau sich zu ärgern, denn die rief ihm verächtlich zu, er verdiene doch

nichts und bezahle auch keine Steuern, und da lachten die andern Leute.

Das brachte den Mann in Wut, so daß er sich nun mit seinen Schimpfworten

an seine Frau wendete, und die Tochter griff mit in den Streit ein,

indem sie in derselben verächtlichen Weise zu ihm sprach wie die Mutter.

Da wollte der Mann die beiden schlagen, aber indem nun die Tochter

kreischend fortlief und die fette Frau, die Arme in die Seite stemmend,

ihn mit wackelndem Busen erwartete, hielten ihn die Nachbarn fest und

suchten ihn zu beruhigen. Inzwischen hatte sich die Betrunkene unsicher

erhoben, und weil sie noch ihren alten Plan in dem umnebelten Gehirn

festhielt, so wollte sie höher steigen, sie trat aber auf ihre Lumpen,

fiel halb, hielt sich mit den Händen an den schmierigen Stufen und

starrte wieder in die Lampe. Nun erschien ein Schutzmann, den ein andrer

geholt hatte. Der packte die Betrunkene und stieß sie vor sich her die

Treppe hinunter, daß sie hätte kopfüber stürzen müssen; aber sie

klammerte sich am Geländer fest und wimmerte. Hans konnte den Anblick

nicht mehr ertragen, denn ihm wurde, als sei er krank, deshalb ging er

in seine Stube, schloß hinter sich zu und schob den Riegel vor. So

verlief der erste Tag von Hansens Studentenleben, und noch nie war er so

unglücklich gewesen wie an dem Abend. Weshalb er ein so heftiges Gefühl

von Jammer hatte, konnte er sich nicht klarmachen, und es war auch gut,

daß er es sich nicht klarmachen konnte, denn sonst wäre er gänzlich

verzweifelt. Denn dieser Tag führte den ersten und heftigsten Streich

gegen seinen Glauben, und von heute an wurde ihm, Stück für Stück, Gott

geraubt, denn alle diese Menschen, die er getroffen hatte, waren ohne

Würde gewesen: der Lehrer, der mechanisch sein Pensum ablas, und der

Kellner, der gleichmütig seine Speisen brachte, und die Wirtin, und der

Musikant, und die Betrunkene endlich. Und wenn es Menschen gibt, die

keine Würde haben, so müssen wir an unsrer eignen Würde zweifeln: nicht

mit dem Verstande, denn das ist alles über den Verstand, aber wir können

nicht mehr den reinen Glauben und die klare, unschuldige Zuversicht

haben.

Und wenn wir an unsrer Würde zweifeln, so können wir an keinen Gott mehr

glauben, der über uns ist, und durch den unser kleines Leben einer

Eintagsfliege am Sommertage eine Bedeutung bekommt, die höher ist wie

die Bedeutung von Millionen Welten; und auch dieser Zweifel kommt nicht

aus dem Verstande, denn dieser ist noch weit mehr über allem Verstande;

aber er kommt aus unserm ganzen Menschen.

Dergestalt bereitete sich bei Hans der Glaube vor, daß er ein Rad sei

neben andern Rädern in einem großen Räderwerk, das für sich keinen Sinn

hatte, welches die allgemeine Ansicht der Menschen war, mit denen er nun

zusammenkam.

* * * * *

In einer philosophischen Vorlesung fand Hans seinen Platz neben einem

älteren Studenten, der ihm durch seine eigne Art sehr auffiel, denn er

hatte seine Stelle genau ausgemessen und durch Bleistiftlinien

bezeichnet und erklärte Hansen, wie er das unumschränkte Recht innerhalb

dieser Linien habe, außer daß er seine Nachbarn zur andern Seite müsse

bei sich vorüber zu ihren Plätzen gehen lassen, und wenn jemand Bücher

oder Hefte über die Linien hinaus neben ihn lege, so dürfe er die

zurückschieben. Mit diesem jungen Mann wurde Hans schon beim zweiten

Wiedersehen näher bekannt, indem sich die beiden nach jugendlicher Art

über die philosophischen Fragen unterhielten, welche die ihre Generation

beschäftigenden waren; und indem sie nicht wußten, daß das, was jeder

für sich gedacht, von vielen Altersgenossen geteilt wurde, waren sie

recht verwundert über häufige Übereinstimmungen ihrer Ansichten und

empfanden die als Veranlassung zu engerem Verkehr; und es bewirkte der

Jahresunterschied gleich, daß Hans als der Nehmende erschien und Heller,

denn so nannte sich der andere, als der Gebende, der ihm lehrte mit

Freude und Genugtuung. Dieses war das erste Mal, daß Hans das Gefühl der

Freundschaft empfand, welches der Liebe verschwistert ist, und so folgte

er mit Bewunderung, Glauben und Zuversicht allem, was ihm Heller sagte;

der aber stand völlig, wie er sich ausdrückte, auf dem modernen

Standpunkt und hatte auch einen Kreis von gleichgesinnten Freunden, die

zu bestimmten Zeiten zusammenkamen, das waren Studenten, junge

Kaufleute, junge Schriftsteller, Maler, Musiker und ähnliche. Bei diesen

führte er Hansen ein, wiewohl der eine große Besorgnis hatte, daß er

werde vor solchen Leuten nicht bestehen können mit seinem kleinen Wissen

und Vermögen, und saßen sie in einem engen Hinterzimmer einer geringen

Wirtschaft, das an den übrigen Tagen von Gesellschaften und Vereinen

kleiner Bürger eingenommen war, die sich in sonntäglicher Gewandung und

mit Bierfässern hatten photographieren lassen, um die Wände des Zimmers

zu schmücken.

Hans fand seinen Platz zwischen zwei jungen Mädchen, die sich mit großem

Eifer an den Reden beteiligten. Die eine war eine Russin und hatte einen

russischen Studenten als Begleiter, mit dem sie in freier Liebe lebte;

das war ein schweigsamer Mensch, von einer leuchtenden Blässe des

Gesichtes, mit hoher Stirn und ganz dunklem Haar und langem schwarzen

Bart, den er unablässig strich. Der lange Bart, den bei uns einer als

Vierzigjähriger haben würde, sah sehr merkwürdig aus in dem ganz

jugendlichen Gesicht. Eine Zeitungsnotiz wurde in der Ecke gelesen und

besprochen, die mitteilte, daß des Russen Bruder, der als ein

hervorragender Revolutionär galt, in Petersburg gefangen genommen war

und in Schlüsselburg untergebracht; und wie über den Tisch herüber der

Russe nach der Art des Gefängnisses gefragt wurde, machte er mit

unverändertem Gesicht eine Handbewegung, die bedeutete, daß sein Bruder

dort sterben werde, dann bat er mit fremdartiger Aussprache seinen

Nachbar um eine Zigarette. Er war ärmlich gekleidet, und es wurde

erzählt, er sei sehr wohlhabend und gebe fast alles für die

Unterstützung der Arbeiterbewegung aus; auch die Frau trug sich sehr

einfach und schien dazu unordentlich und sollte von sehr vornehmer

Abkunft sein und aus Überzeugung ihre Familie verlassen haben.

Hans kam in eine weihevolle Stimmung, und ihm war, als sitze er neben

Aposteln; denn diesen Leuten erschien ihre Pflicht einfach, und sie

taten sie ohne Ruhmredigkeit. So erzählte der Russe, er wolle mit seiner

Frau bald in sein Vaterland zurückkehren und hoffe, daß er etwa ein Jahr

lang wirken könne, bis man ihn nach Sibirien schicke. Am allgemeinen

Gespräch beteiligte er sich sehr wenig und hatte eine sonderbare Art,

verächtlich über Menschen und Gedanken zu reden.

Die andere Dame, welche Helene genannt wurde, hatte die Begleitung ihres

Bruders, und waren die beiden das erstemal in der Gesellschaft und wurde

von ihnen erzählt, daß sie soeben sich von ihren Eltern getrennt hätten

und allein lebten; der Vater der beiden war ein kleiner Kaufmann, dessen

älterer Sohn war befreundet mit einem Mitglied des Kreises, der

offiziell zur sozialdemokratischen Partei gehörte; der hatte ein Paket

verbotener Schriften bei seinem Freunde hinterlegt, weil bei dem niemand

einen Verdacht haben werde, der Vater aber hatte die Schriften gefunden,

wie er in argwöhnischer Besorgnis seines Sohnes Sachen durchsuchte, und

war mit ihnen gleich auf die Polizei gegangen aus Angst und aus

unbedachtem Ärger über seines Sohnes Verkehr. Weil nun einige der

Schriften in mehreren Stücken vorhanden waren, so nahm die Polizei an,

das Paket sei zur Verbreitung bestimmt, und verhaftete den Sohn des

Angebers zu dessen großer Bestürzung, und weil sich bei weiterem

Nachsuchen der eigentliche Besitzer leicht ermitteln ließ, nachher auch

den sozialdemokratischen Freund. Der andre Sohn und die Tochter waren

über die Handlung ihres Vaters so entrüstet, daß sie erklärten, sie

wollten nunmehr nicht mehr in ihrer Familie bleiben, gingen von Hause

fort und mieteten sich zwei Zimmer, um für sich zu leben, was ihnen

dadurch möglich war, daß sie beide Geld verdienten, nämlich der junge

Mann als Reisender und das Mädchen als Buchhalterin in einem Geschäft.

Der junge Mann, der sich in der fremden Gesellschaft einsam fühlte,

begann ein Gespräch mit Hans, weil der gleichfalls hier unbekannt war,

und als ein redegewohnter Herr fing er bald an zu erzählen, und Hans

hörte zu. Er erzählte aber mit Stolz, welche Kunstgriffe er auf seinen

Geschäftsreisen anwende, um den Bürstenbindern, denn sein Artikel war

Schweineborsten, Ware zu verkaufen; so habe er auf einer Tour dem jungen

Mann eines Konkurrenten alle Aufträge vorweggenommen, indem er sich mit

ihm angefreundet habe und ihn abends eingeladen und so betrunken

gemacht, daß er sein Notizbuch durchsehen konnte. Über diese Erzählung

erstaunte Hans sehr und sagte, eine solche Handlungsweise sei doch nicht

redlich, der andre aber erwiderte, im Geschäft sei das nun einmal nicht

anders, und wer ein guter Geschäftsmann sein wolle, der er selbst auch

wirklich sei, der müsse so handeln. Die Schwester aber nickte Hansen zu

und gab ihm recht; und indem sie sagte, daß sie zu ihrem Bruder schon

immer ähnlich gesprochen habe wie er, setzte sie ihre Worte so, daß

gleich eine freundliche und vertrauliche Beziehung zwischen ihr und

Hansen entstand. Dann sagte sie zu ihm, er dürfe es nicht unpassend

finden, daß sie zwischen so vielen jungen Herren sei, denn die seien

doch alle Männer, die das Höchste wollten, und zudem werde sie ja auch

von ihrem Bruder beschützt.

Inzwischen hielt jemand einen Vortrag darüber, ob man wohl auf der Bühne

das wirkliche Leben ganz genau darstellen könne, und kam zu dem Ende,

daß das nicht möglich sei, weil man ja auf der Bühne immer eine Wand

fehlen lassen müsse, nämlich nach dem Zuschauerraum hin; über diesen

Vortrag bezwangen die meisten ein Lachen, Heller aber lobte den Redner

laut, das Hansen sehr von seinem Freunde verdroß, denn es schien ihm

unehrlich. So folgten noch allerhand Reden und Gespräche.

Hans brach mit den Russen zugleich auf, und wiewohl es schon recht spät

war, nahmen ihn die beiden doch noch mit sich in ihre Wohnung. Dieselbe

bestand aus drei recht elenden Räumen, die hatten aber eine besondere

Bedeutung, denn ein großer Teil der Freiheit, welche das Paar genoß,

wurde durch diese Wohnungseinrichtung erzeugt. Sie wollten nämlich wie

zwei gute Kameraden zusammen leben, nicht so, wie es in der heutigen Ehe

sei, daß das Weib vom Manne unterdrückt und ausgebeutet wird; deshalb

hatte der Mann eine Stube für sich, und die Frau hatte eine Stube; und

nur in wichtigen Fällen und nach besonderer Anfrage und Einwilligung

durfte einer des andern Raum betreten; in der Mitte aber lag ein Zimmer,

das ihnen beiden gemeinschaftlich gehörte und vornehmlich für die

Einnahme der Mahlzeiten bestimmt war. Hatte einer Lust, mit dem andern

zu plaudern, so ging er in dieses Zimmer und klopfte an der Tür des

andern, und wenn der wollte, so kam er heraus, wenn er aber nicht

wollte, so beachtete er das Klopfen nicht, und jener ging wieder in

seine Stube zurück.

Auf dem Tisch in diesem Mittelzimmer stand eine russische Teemaschine,

deren Schlot der Mann mit Kohlen füllte, die er schnell zum Glühen

brachte, und unterdessen legte die Frau einen Hering, in Zeitungspapier

gewickelt, auf die Tafel, ein Brot und ein Messer. Das geschah beim

Schein einer alten Petroleumlampe, der die Glocke fehlte. Der Mann ging

mit weiten Schritten in dem Stübchen auf und ab, und indem er seinen

weichen und schwarzen Bart langsam strich, blickte er gradeaus ins

Leere, wie wenn er in weiter Ferne ein Ziel sehe, das für andre

unsichtbar war durch die Wände mit den schmutzigen Tapeten; dazu

erzählte er in abgebrochenen Sätzen mit fremdartigen Tönen von

Schlüsselburg, daß dort die Zellen der Gefangenen unter dem

Wasserspiegel lägen, und die Gefangenen würden nach zwei oder drei

Jahren wahnsinnig. Die Lampe flackerte durch den Luftzug, wenn er

vorbeiging. Seine Frau saß auf dem verdrückten und lumpigen Sofa und

hatte die Beine auf den Sitz gezogen und die Arme um die Knie

geschlagen; sie starrte unbeweglich vor sich hin.

Der Bruder war ein Künstler gewesen, ein Musiker. Ganz zarte, weiche

Hände hatte er gehabt, die schonte er ängstlich seiner Kunst wegen, daß

er sogar im Bette des Nachts Handschuhe trug. Ein merkwürdiges Leben

hatte er in seinen Fingerspitzen; einmal durchblätterte er ein Buch, da

sagte er plötzlich, das Blättern mache ihn krank, und war ganz blaß

geworden und hatte fieberige Augen. Wie nun sein erstes Werk gedruckt

wird und er der Korrekturen wegen in der Druckerei zu tun hat, da sieht

er, wie die Bogen von der Maschine gebracht werden, in hohen Stößen, an

einen Tisch, wo Kinder sitzen, welche die Bogen falzen müssen; ganz

kleine Kinder waren das, von neun Jahren höchstens, Knaben und Mädchen,

die sahen blaß aus und hatten fieberige Augen, und griffen eilfertig ein

jedes zu, nahmen den Bogen vor sich und falzten. Als er sie befragte,

antworteten sie, daß sie oft Kopfschmerzen haben, weil sie vierzehn

Stunden lang jeden Tag gedruckte Bogen von einem Stoß nehmen müssen,

knicken und falzen; aber es war nicht wegen der Fingerspitzen, die waren

hart geworden. Zum Spielen hatten sie keine Lust, sondern sie wollten

Geld verdienen und hofften, wenn sie erst erwachsen waren, so wollten

sie sich Branntwein kaufen, jetzt nahmen ihnen die Eltern immer ihr Geld

weg. Wie er das gehört hatte, da warf er seinen kostbaren Pelz ab und

schenkte den einem Kinde, es solle ihn seinem Vater geben, und dann

setzte er sich zu den Kindern, nahm einen Stoß Notenbogen und falzte

Bogen, und wie seine Fingerspitzen bald rot wurden und feurig, da begann

er plötzlich irr zu reden und wurde nach Hause gebracht in einem Wagen

und verfiel in eine schwere Krankheit, in der er nichts von sich wußte,

sondern schrie beständig, daß er Kinder gemordet habe, und einmal schrie

er auch, er habe Kinderfleisch gegessen. Wie er wieder aufstand, mochte

er nichts mehr von seiner Kunst hören, sondern kleidete sich in Lumpen

und ging ins Volk, pilgerte auf der Landstraße, arbeitete, was seine

schwachen Kräfte konnten, und sagte den Leuten, der Kaiser und die

Beamten und die Reichen müßten ermordet werden. Einmal banden ihn die

Arbeiter, die ihm zuhörten, und führten ihn vor den Richter, aber er

entsprang wieder aus dem Gefängnis. Ein verlorenes Mädchen lachte ihm

zu, eine ganz niedrige Dirne, die von den Soldaten geliebt wurde. Zu der

sagte er, daß er sich vor ihr schäme, weil sie ein größeres Leiden

trage, wie einem Menschen möglich sei, da weinte sie, ging mit ihm und

diente ihm. Zuletzt wollte er sich als Arbeiter verdingen bei einem Bau,

wo er Gelegenheit hatte, etwas gegen den Kaiser zu unternehmen, da wurde

er verhaftet, und nun wird er bald sterben, denn er ist ganz krank.

Eine Zeitlang ging der Mann stumm auf und ab. Dann sagte seine Frau:

»Ich weiß, woran er sterben wird, an der Lüge. Denn wir sind alle krank

an der Lüge.« Darauf sprach sie ein heftiges Schimpfwort gegen die

Deutschen. »Ich habe uns durchforscht«, erwiderte der andre, »und ich

glaube, wir lügen nicht. Aber wir sind feige. Das ist das Verzehrende.«

Nun begannen die beiden einen Streit und erniedrigten jeder sich selbst

und einer den andern, und ein sonderbarer Haß war in ihnen, und ihre

Augen leuchteten voll Feindseligkeit. Auf Hansen nahmen sie gar keine

Rücksicht, als sei er nicht vorhanden, und begannen russische Sätze zu

sprechen, und plötzlich, inmitten einer großen Erbitterung, sprang die

Frau vom Sofa und warf ihre Arme um den Hals des Mannes und redete ihn

mit heftigen Liebkosungen an; da strömten aus seinen Augen die Tränen,

und sie beklagte ihn, wollte ihn begütigen und war glücklich und froh.

Indessen kam unter dem Sofa ein Kätzchen hervor, das dehnte sich, sprang

auf das Polster und machte einen krummen Rücken, da eilte Natascha zu

ihm und liebkoste es stürmisch.

In übler Verfassung verließ Hans das Haus der Russen, und mochte es

gegen drei Uhr in der Nacht sein, wie er durch die verödeten Straßen

fröstelnd ging. Straßenreiniger mit einer sonderbaren Maschinerie

begegneten ihm. An der Ecke stand ein Mann, der in einem blankgeputzten

Kessel warme Würstchen zum Verkauf bot, dessen Kundschaft bestand

vornehmlich aus Studenten, die in später Nachtstunde nach Hause gingen,

und von diesen sowie in Erinnerung an vorige Tage, die besser waren,

hatte er sich ein eignes Wesen angewöhnt. Hans blieb vor der

jammervollen Gestalt mit dem aufgedunsenen Gesicht zerstreut stehen.

»^Dic, cur hic?^« redete ihn der Mann an, dann holte er mit der Gabel

ein Würstchen hervor und begann mit Berliner Redensarten seine

Anpreisung. Hans nahm und bezahlte, und wie der Mann sein Gesicht sah,

fuhr er mit Erzählungen und Ruhmredigkeit fort und sagte, Hans habe wohl

keinen Sinn für das studentische Leben, und ein jeder müsse der Gottheit

folgen, die ihn antreibt; so habe er für seine Person immer eine

besondere Neigung zur Germanistik gehabt, und wenn er nicht durch den

Trunk so heruntergekommen wäre, so könnte er jetzt wohl auf einem

Lehrstuhl sitzen mit mehr Recht wie mancher andre, der weniger wisse wie

er. Aber auch so, wie er jetzt nachts an der Straßenecke stehe, sei noch

ein Drang zum Höheren in ihm, wie in jedem Menschen, denn er sei

Volksanwalt und setze für das Volk Klageschriften und Gesuche auf, und

wenn er freie Stunden habe, so lese er; so habe er Claurens sämtliche

Schriften durch studiert, weil der Mann heute unterschätzt werde, denn

keiner von den gelehrten Herren gebe sich die Mühe, ihn durchzulesen.

Über diesem Geschwätz befiel Hansen ein heftiger Widerwille und zugleich

eine sonderbare Angst, daß er sich von dem Manne losmachte und

weiterging; und es war nun das erstemal, daß ihn die Angst befiel, die

ihn von dieser Zeit an immer begleiten sollte. Sie war ganz unbestimmt

und richtete sich auf nichts nach vorwärts noch nach rückwärts, aber ihm

war, als begehe er ein großes Verbrechen. Jetzt schien ihm das Gefühl

noch sonderbar, und er suchte nach Gründen oder Ursachen; und wie er in

seinem Verstande nichts fand zur Erklärung, so wurde sie immer heftiger,

daß er am Ende Furcht hatte vor dem Alleinsein und nicht nach Hause

gehen mochte. In solcher Verfassung traf er einen jungen Dichter namens

Krechting, den er vorher in der Gesellschaft gesehen; den begrüßte er

und folgte ihm in ein Café. Krechting war ein kleiner und verwachsener

Mensch, der schweigend mit langen und dünnen Beinen rüstig ausschritt,

bis sie an ihren Ort kamen. Da setzten sie sich, und Krechting blickte

finster vor sich hin; ganz unvermittelt fragte er dann Hansen, ob er bei

den Russen gewesen sei, und wie der bejahte, pfiff er leise und

trommelte mit den Fingern auf dem Marmortischchen. In dem hellen Raum

saßen viele verlorene Mädchen, die sich geschminkt und geputzt hatten,

und deren Augen glänzten; einige suchten die Aufmerksamkeit auf sich zu

ziehen, viele aber waren müde und ausdruckslos. Hans hatte den Drang,

von sich zu erzählen und hätte mögen über seine Angst klagen, wenn der

andre ihn nicht so kalt und zerstreut angesehen hätte, daß er nicht

sprechen konnte. Auf der Schule hatte er den Namen Krechtings gelesen

und eine undeutliche Kunde von ihm war zu seinen Ohren gedrungen, daß er

eine große Achtung vor ihm gehabt; aber dieser Mensch hier entsprach gar

nicht seiner Vorstellung. So stieg seine Angst und Unruhe, bis er aus

Verlegenheit eine gleichgültige Erzählung begann, der Krechting eben mit

so viel Aufmerksamkeit zuhörte, indem er flüchtig eine Zeitung überflog,

daß Hans nicht verstummte; einmal machte er eine bissige Bemerkung über

einen Schriftsteller, dessen Namen in dem Blatt erwähnt war, dann legte

er es weg und sah trübsinnig vor sich hin. Endlich begann auch er zu

reden und sprach abgerissen und fast für sich selbst, daß er nun zehn

Jahre so lebe, indem er die Nächte durch irgendwelches Geschwätz anhöre,

dann an solch ekelhaften Ort gehe wie hier, und in der Frühe komme er

nach Hause; den Tag verbringe er mit sinnlosem Tun, und er wisse gar

nicht, wozu das alles sei. Unterdessen seien alle seine Freunde zu Ruhm

und Reichtum gestiegen, um ihn aber bekümmere sich kein Mensch. Deshalb

habe er sich immer gewünscht, wenigstens einen Hund möchte er halten,

damit ihn doch ein lebendes Wesen erwarte bei seiner Heimkunft, indessen

seine Wirtsleute hätten ihm das nicht zugegeben. So habe er sich denn

ein Glas mit zwei Goldfischen gekauft, aber die seien ihm langweilig.

Hans fühlte, wie aus dem andern ein Haß gegen ihn strömte, und in ihm

erhob sich ein Widerwille, wie vorher gegen den Menschen auf der Straße.

Indessen erklärte Krechting sein Wesen, daß er einen Jugendfreund

gehabt, mit dem habe er alle Gedanken geteilt, und seit der tot sei,

bleibe für ihn die Welt leer und kalt, denn er brauche einen Menschen,

von dem er zehren könne, und für sich allein sei er nur ein Schemen.

Hans solle das nicht für Eitelkeit halten, wenn er ihm solche

Geständnisse mache, denn ihm sei es gleich, daß er gerade zuhöre, nur

habe er ein Bedürfnis, zu irgendeinem Menschen zu sprechen.

Ein Mädchen setzte sich an den Tisch der beiden, indem sie ihnen den

Rücken drehte, und es fiel Hansen auf, wie durch die dünne Seidenbluse

sich die Bewegungen ihrer Schulterblätter bemerkbar machten bei den

Gesten, durch die sie einen Eindruck in einem verschlafenen jungen

Menschen erwecken wollte, der in ihrer Nähe saß. Krechtings Augen waren

wunderlich trübe geworden, wie er sie auf den Rücken des Mädchens

geheftet hielt; und indem sein Gesicht eine große Anstrengung des

Überlegens aufwies, fuhr er fort, daß er den Russen beneide, trotzdem

der ein unreinlicher Mensch sei, ein Stück Heiliger, ein Stück Narr und

ein Stück Schuft; aber dem sei es doch möglich geworden, sich die

letzten Zwecke zu verschleiern durch seine sozialistischen Banalitäten,

und dadurch sei der glücklich; er jedoch, Krechting, könne sich nicht

blind machen, denn er wisse, daß es ein Ziel geben müsse jenseits des

banalen Glückes für sich selbst oder für andre; aber er vermöge nicht zu

erkunden, welcher Art und Natur dieses Ziel sei, denn er sei kein

vollständiger Mensch und ihm fehle irgend etwas, das sein Jugendfreund

gehabt, und den habe er verzehren müssen. Indem fühlte das Mädchen die

Augen Krechtings im Rücken, drehte sich um und lächelte den beiden zu.

Über Hansen kam ein Schauer als vor etwas Grausigem und

Gespensterhaftem; eilig stand er auf, entschuldigte sich verwirrt und

ging fort, denn es war ihm plötzlich gewesen, als sehe er zwei leblose

Masken und als sei Vernichtung und Nichtsein hinter dem gedankenlosen

Lächeln der Dirne und hinter den trüben Augen und den gespannten Zügen

Krechtings.

Lange irrte er noch durch die Straßen, die bereits wieder lebendig

wurden durch die Menschen, welche in der Frühe ihre Geschäfte betreiben

müssen, bis er endlich todmüde war, und seine Gedanken waren gänzlich

verschwunden; so ging er nach Hause und legte sich zu unruhigem Schlaf.

Aus dem erweckte ihn am andern Morgen Heller, der unerwartet zu ihm kam;

und indem er auch im Schlummer noch unter dem Eindruck des Abends

gestanden, fuhr er erschreckt in die Höhe durch den Anruf des Besuchers.

Heller begann damit, daß man vor wichtigen Entscheidungen des Lebens das

Bedürfnis habe, sich einem Freunde mitzuteilen, weniger, um dessen Rat

einzuholen, denn ein jeder tue ja doch, was er schon vorher gewollt

habe, als um selbst zur Klarheit des Willens zu kommen durch die

Aussprache. Nach dieser Einleitung erzählte er, daß Helene, die er

gestern zum ersten Male gesehen, einen sehr starken Eindruck auf ihn

gemacht habe, vornehmlich durch eine gewisse Kühnheit und Überlegenheit

des Willens, die er in ihren Zügen bemerkt, wozu dann noch der Gedanke

gekommen sei, daß sie sich dieselben Gedanken errungen habe, die er

selbst vertrete und voraussichtlich, denn ganz sicher könne man ja nie

wissen, ob man seine Meinungen nicht ändern werde mit den älter

werdenden Jahren, auch immer vertreten werde; und sei sein Geist so sehr

mit diesem allen beschäftigt gewesen, daß er wohl gemerkt, dieses seien

die Anfänge der Liebe. Nun halte er es für eine große Verschwendung von

Kraft, wenn sich jemand einem solchen Gefühl hingebe, das durch die Zeit

und die Hoffnung immer stärker werde, und dann vielleicht am Ende

erfahre, daß die geliebte Dame seine Gefühle gar nicht erwidern könne

oder möge; denn nicht nur die Zeit, die in der Hoffnung verbracht, sei

alsdann für eine andere Tätigkeit verloren, die vielleicht mehr beglückt

hätte, und wir sollten doch immer in unserm Leben das größte Glück zu

erringen suchen, das uns möglich sei, ohne unsern Mitmenschen zu

schädigen; sondern auch nachher, wenn er die Enttäuschung gehabt, komme

eine verlorene Zeit, die je nach der Persönlichkeit des Betreffenden

länger oder kürzer sei, in der einer sich nicht glücklich fühle und für

alles andre unzugänglich bleibe. Aus diesen Gründen habe er sich

entschlossen, schon jetzt dem Fräulein seine Gefühle zu entdecken,

obgleich dieselben noch gar nicht bis zur Liebe gediehen seien, sondern

nur die Möglichkeit böten, daß sich aus ihnen Liebe entwickle, welches

er ihr genau und psychologisch auseinandersetzen werde, und sie dann nur

fragen, ob sie meine, daß unter Umständen, wenn nämlich er sich so

entwickle wie er denke, auch sie sich so entwickeln werde, daß sie seine

Liebe erwidern könne; über das sie ihm ja wohl keine ganz sichere

Antwort geben werde, denn durchaus Gewisses vermöge in psychologischen

Dingen kein Mensch zu sagen; aber einen ungefähren Anhalt könne sie ihm

wohl bieten. Sollte alsdann die Antwort so ausfallen, wie er annehme, so

wolle er ihr vorschlagen, daß sie öfters zusammenkämen, vielleicht eine

Stunde täglich, und in dieser Zeit wollten sie über Literatur,

Psychologie oder Sozialismus sprechen, wobei sie sich dann genauer

kennen lernen würden, und so werde sich ihre Liebe nicht in

phantastischer Weise entwickeln, sondern in genauem Zusammenhang mit der

Wirklichkeit und den beiderseitigen psychologischen Tatsachen.

Dieser Plan erschien Hansen sehr schön und würdig solcher neuen und

vollkommenen Menschen, wie Heller und Helene waren, deshalb lobte er ihn

sehr und wunderte sich viel im Innern über die Menschenkenntnis und

Klugheit seines Freundes. Da er aber durch seine häusliche Erziehung

gewöhnt war, immer an die notwendigen Unterlagen des Lebens zu denken,

so fragte er, wie der Freund sich nun seine Absichten weiter ausgedacht

habe, wenn alles so eintreffe, nämlich er zu Helene und Helene zu ihm

eine Zuneigung fasse.

Hierauf erwiderte Heller, daß allerdings an eine bürgerliche Ehe nicht

zu denken sei, indessen könnten sie beide als gleichberechtigte und

freie Menschen einen Vertrag abschließen, da sie ja ihre Gesinnungen

hätten, und er selbst verdiene durch Stunden, die er Gymnasiasten gebe,

so viel, daß er seinen eigenen Lebensunterhalt bestreite, und Helene

habe gleichfalls ihr Auskommen, da sie einen Beruf und eine Stellung

habe; indem sie aber zusammenlebten, würden sie in manchem noch

sparsamer wirtschaften wie jetzt jeder einzelne, wie sich ja im

kleinsten schon der Vorteil des Großbetriebes erweise; so würden sie zum

Beispiel das Mittagessen zwar wie vorher in einer Gastwirtschaft zu sich

nehmen, aber das Abendessen würden sie sich zu Hause bereiten, wobei sie

nicht nur mehr Glücksempfindungen in sich auslösen könnten, sondern auch

sehr viel sparen. Nach diesem fuhr er fort, was Hans in seiner Antwort

noch gar nicht beachtet habe, das sei, daß hier einmal eine der seltenen

Gelegenheiten gegeben werde, wo zwei Menschen verschiedenen Geschlechtes

in durchaus sittlicher Weise zusammenleben könnten. Denn in der auf

Unterdrückung und Ausbeutung beruhenden bürgerlichen Ehe, wie wir

wissen, ist ein wirtschaftlicher Zwang da für die Frau, daß sie beim

Manne bleibt, auch wenn sie aufgehört hat, ihn zu lieben, denn sie würde

ohne Unterhalt sein, wenn sie von ihm ginge. Dagegen in dem vorliegenden

Falle halte nur die Liebe die beiden Gatten zusammen, und wenn bei dem

einen das Gefühl erlösche, das doch das Natürliche sei, weil alle unsere

Gefühle eine Kurve beschreiben bis zu einer Höhe und von da wieder bis

zum Nullpunkt, so könne dieser dem andern ruhig seinen Zustand

enthüllen, und die Trennung des Verhältnisses, das alsdann ja unsittlich

sein werde, sei sehr leicht.

Nachdem Heller sich durch seine Erzählung und Darlegung Klarheit über

seine Absichten verschafft, machte er sich gleich ans Werk, seinen Plan

durchzusetzen, ging zu der Speisewirtschaft, wo Helene in ihrer

Mittagspause ihr Essen einnahm, und traf sie dort allein an einem Tische

sitzend. Es war eine Wirtschaft, wo man für billiges Geld ißt, und die

Tischtücher hatten viele Flecken, und ein häßlicher Geruch war in der

Luft, und eilfertige Kellner liefen hin und her, indem sie ein großes

Klappern mit den Tellern machten.

Wie Heller seine Rede ungefähr in der Art vortrug, mit der er zu Hansen

gesprochen hatte, wurde Helene ziemlich verlegen, denn in Wirklichkeit

wußte sie gar nichts von den Ansichten, die er bei ihr voraussetzte, und

hatte nur öfters über manche Reden ihres Bruders lustig gelacht, der

jetzt im Gefängnis war, denn sie hielt den für etwas töricht. Nun

verstand sie zwar nicht alles von dem, was Heller ihr erklärte, und

wußte auch nicht recht, welche Absichten er ihr ausdrücken wollte, weil

sie aber sich nie andres gedacht hatte, als daß sie einmal nach ihres

Kreises Sitte heiraten werde, etwa einen elegant gekleideten

Geschäftsreisenden, der ihr jeden Sonntagvormittag einen Blumenstrauß

schickte, solange sie mit ihm verlobt war, so fand sie doch aus der

Verwirrung heraus, daß Heller sich mit ihr verloben wolle, aber das

solle noch eine Weile geheim bleiben. Deshalb sagte sie unter häufigem

Stocken ihrer Rede, sie könne ihm auf seinen Antrag nicht recht

antworten und wolle sich das überlegen, was er gesagt habe; denn da er

ein Student war und ihr feiner erschien wie ein Kaufmann, so hatte sie

wohl eine gewisse Zuneigung zu ihm. Auf diese Worte erwiderte Heller,

daß er keinen andern Bescheid gehofft habe, und sehr zufrieden mit

diesem sei; nur bitte er sie alsdann, daß er sie nun täglich zu einer

bestimmten Stunde besuchen dürfe. Auf dieses antwortete Helene, daß ihr

Bruder, mit dem sie zusammenlebte, augenblicklich nicht auf einer

Geschäftsreise war, und sie verbrächten die Abende immer zusammen in

ihrer Stube, und wenn es ihm recht sei, so würden sie beide sich sehr

freuen, wenn er sie da besuche; sobald ihr Bruder aber reise, was in

etwa zwei Wochen geschehe, weil da die Saison für den Einkauf der

Schweineborsten anfange, so dürfe er nicht mehr kommen, weil sie alsdann

allein bleibe, und die Leute würden ihr Übles nachreden, wenn sie ohne

Beschützer seinen Besuch empfinge, obwohl er ja ein gebildeter Mann sei.

Zwar schien diese Rede Heller nicht ganz das zu sein, was er gemeint

hatte, trotzdem aber war er voller Freude und Hoffnung, verabschiedete

sich von ihr mit Liebe und erwartete mit Zuversicht den Abend.

Unterdessen besuchte Hans den Bruder Helenens, der Kurt hieß, und tat

das nicht aus einer besonderen Zuneigung, sondern aus Bescheidenheit,

weil er gern die andern näher kennen wollte und doch nicht wagte, an sie

heranzutreten, mit Kurt aber hatte er an dem Abend manches besprochen.

Er traf ihn im Geschäft in einem kleinen Stübchen, wo er einem

Arbeitsgenossen gegenüber an einem Schreibpult stand und an

Geschäftsbriefen schrieb. Im Zimmer war nur noch der Telephonkasten und

ein großer Geldschrank, in dessen offener Tür steckte der Schlüssel, und

an dem Bund hingen noch andre Schlüssel. Es war die Zeit der

Mittagspause, und wie Kurt Hansen begrüßte, richtete sich auch der andre

Herr von seiner Arbeit auf, schloß den Geldschrank ab und steckte die

Schlüssel in die Tasche und bereitete sich zum Essen. Kurt sagte ihm, er

werde noch einmal ein Unglück erleben, wenn er die sämtlichen

Geschäftsschlüssel, von der Haustür angefangen bis zum Geldschrank, so

leichtsinnig behandle. Inzwischen machte auch er sich straßenfertig und

wanderte mit Hans zu der Wirtschaft, wo die beiden zusammen Mittag essen

wollten. Wiewohl Hans zu Kurt keinerlei geistige Verwandtschaft spürte,

wurde er in der Folge doch weiter mit ihm bekannt, und weil seine

Wohnung nicht weitab vom Geschäft des andern lag, so machte es sich wie

von selbst, daß er ihn öfters zum Mittagessen abholte, bei dem sie dann

über allerhand gleichgültige Dinge mit einer gewissen Behaglichkeit

redeten. Auch den Besitzer des Geschäftes lernte Hans kennen, der ein

recht wunderlicher und altväterischer Mann jüdischer Abkunft war,

welcher zu Hause unterdrückt wurde durch seine Frau; die hatte allerhand

Bildungsinteressen und ließ ein verstiegenes Wesen schauen. Diese traf

Hansen einmal im Geschäft, redete ihn an, und nachdem sie schnell

allerhand aus ihm herausgefragt, lud sie ihn zu sich ein, weil er ihren

Kindern Freude machen werde. Sie hatte eine hohe Haarfrisur und rauschte

stattlich mit einem schwarzseidenen Kleide in dem engen Raume.

Unterdessen nahm Hellers Liebschaft ihren weiteren Verlauf. Er war mit

Zolas Buch über den Experimentalroman angekommen und hatte den

Geschwistern vorgelesen und erklärt, was für Kurt zwar recht langweilig

war, aber Helene faßte eine stärkere Zuneigung zu ihm, wiewohl auch sie

nur wenig von dem begriff, was er vortrug; und da einem Verliebten

solche Zuneigung nicht verborgen bleiben kann, so kamen die beiden bald

zu einer Aussprache, wobei Helene jedoch immer noch in ihrem Irrtum

verharrte, daß es sich bei Heller um regelmäßige und bürgerliche

Absichten handle. Unter solchen Umständen, und da ihr schien, als wolle

Heller aus Zartgefühl nicht mit ihren Eltern reden wegen der

Handlungsweise ihres Vaters, ging sie zu ihrer Mutter, um der ihr Herz

auszuschütten und ihren Rat einzuholen, und die, welche niemand aus dem

ganzen Kreise kannte und sich keine rechte Vorstellung von allem machen

konnte, teilte alles dem Vater mit. Dieser war zwar im Grunde

einverstanden mit Helenens Wahl, weil er dachte, daß ein Studierter,

wenn er erst angestellt sei, ein angesehenes Amt und sicheres Einkommen

habe; aber weil er über Hellers Studien und Aussichten nichts wußte, so

beschloß er, seine Zustimmung erst noch zurückzuhalten und vorerst den

Bewerber um alles zu fragen, was ihm nötig erschien.

Er kam deshalb am Sonntagvormittag im Besuchsanzug und mit dem Zylinder,

der von sehr alter Form war, in Hellers Wohnung und begann in

freundlicher Weise mit dem zu reden, indem er Helene lobte und erzählte,

daß er selbst immer sehr viel Sinn für Bildung gehabt habe und auch das

Konversationslexikon in Lieferungen beziehe, und für eine Ehe sei

natürlich das Wesentliche gegenseitige Liebe und Hochachtung, er aber

als Vater habe doch die Verpflichtung, außerdem noch einen Punkt zu

bedenken; und bei diesen Worten machte er die Gebärde des Geldzählens

und sah Heller erwartungsvoll an. Der war recht verlegen über das

Mißverständnis und schwieg, denn es fiel ihm nichts ein, was er hätte

sagen können. Der Alte schob sein Schweigen auf die natürliche

Schüchternheit eines jungen Mannes, der vor dem Vater seiner Braut

steht, wollte ihn zutraulich machen und sprach deshalb weiter, indem er

die Macht der Bildung rühmte und die Neuzeit lobte, welche die Bildung

auch dem Volke zugänglich mache, wodurch Aberglaube und schlechte Sitten

ausgerottet würden. Wie er sich bei dieser Gelegenheit erkundigte,

welchem Studium sich Heller im besonderen zugewendet habe, fand der eine

Möglichkeit, aus seinem peinlichen Schweigen herauszukommen, indem er

ausführlich erklärte, daß er ursprünglich Theologe gewesen sei, aber

nachdem er sich aus seinen ersten Ansichten heraus entwickelt habe, so

verzichte er jetzt auf das theologische Studium und wolle zunächst seine

Persönlichkeit bilden dadurch, daß er die verschiedensten Dinge auf sich

wirken lasse. Hierüber wiegte der Alte den Kopf und hielt ihm entgegen,

daß doch die theologische Laufbahn sehr viele Vorteile biete, besonders

indem ein junger Mann in ihr rasch zu Brot komme, was eine sehr wichtige

Sache sei, zumal wenn einer daran denke, einen Hausstand zu gründen.

Hierauf sprach Heller wieder von seinen Überzeugungen, und der Vater im

schwarzen Rock wurde hingegen noch dringender mit den Anspielungen auf

die künftigen Erwerbsverhältnisse; da erschien es Heller plötzlich als

eine Rettung, wenn er diese als recht schlecht hinstellte, und so

erzählte er, daß er nicht gesonnen sei, einen bestimmten Beruf zu

ergreifen, sondern er gedenke vornehmlich für seine Ansichten zu wirken.

Nachdem der Streich mit der Übergabe der verbotenen Schriften so übel

abgelaufen war, hatte der Alte seine Sicherheit verloren, und deshalb,

wiewohl er aus allem verspürte, daß Hellers Absichten und Verhältnisse

ganz anderer Art waren, wie er gedacht, wurde er doch nicht ärgerlich,

wie ihm wohl sonst geschehen wäre, sondern er machte ein bekümmertes

Gesicht, seufzte, und gab Heller die Hand zum Abschied, indem er sagte,

die Welt sei heute anders wie früher, und ein Vater mit erwachsenen

Kindern habe viele Sorgen; er vertraue aber Heller, daß er nicht

schlecht an seiner Tochter handeln werde; darauf ging das alte Männchen

unter vielem Dienern aus der Tür.

Nach diesem Besuch dachte Heller in einer neuen Gesinnung über seine

Liebe nach und kam zu dem Schluß, daß bei dem Verhältnis doch auf beiden

Seiten ein Irrtum gewaltet habe, indem Helene eigentlich noch gänzlich

in den bürgerlichen Anschauungen befangen war und sich nicht, wie er

vorher gemeint, zu den modernen Ideen durchgerungen hatte, und ihn auch

nicht richtig verstanden hatte, und auch sie hatte sich etwas andres von

ihm gedacht. Dazu kamen psychologische Erwägungen, denn es war ihm nicht

entgangen, daß sie in ihrem Anzuge sehr ordentlich, aber recht einfach

war und keinerlei Reiz entfaltete, wo doch offenbar ein Mädchen, wenn es

liebt, den Wunsch hat, dem Mann auf jede mögliche Weise, namentlich aber

durch den Anzug, zu gefallen; deshalb, wenn sie in Wahrheit eine Neigung

für ihn hätte, so müßte sich ihr Gefühl irgendwie in kleinen Koketterien

der Haartracht, oder eines einfachen Schmuckes, oder einer gefälligen

Bluse, oder sonstwie äußern, aber weil nichts dergleichen geschehen, so

mußte er zu dem Schluß kommen, daß ihre Zuneigung zu ihm nur auf einem

Irrtum beruhte, der ja erklärlich war, daß sie unter ihren

eigentümlichen Umständen sich das einreden konnte, sie liebe ihn,

während sie vielleicht nur Achtung empfand.

Wie Heller sich das klar gemacht, beschloß er ohne Zögern so zu handeln,

wie es die Umstände forderten, denn für sie beide schien es ihm das

beste, wenn sie nunmehr, nachdem sie diese Einsicht gewonnen, in den

gewöhnlichen Zustand zurückkehrten, in dem sie sonst gelebt hätten;

deshalb schrieb er gleich in diesem Sinn an Helene einen Brief. Diese

aber war sehr traurig, als sie Hellers Meinung erfuhr, und weinte

heftig, denn sie dachte, daß sie durch irgend etwas seine Zuneigung

verscherzt habe, prüfte alle ihre Handlungen und fand endlich als

einzigen Grund, der möglich war, daß sie die Angelegenheit ihrer Mutter

erzählt, und daß vielleicht von ihrem Vater Schritte geschehen seien,

die ihn verletzt hatten. So ging sie zu ihren Eltern, um sich zu

erkundigen, und wie sie alles gehört, machte sie unter vielen Tränen

ihrem Vater heftige Vorwürfe und sagte, er habe gegen sie ebenso

gehandelt wie gegen ihren Bruder, und der alte Mann geriet in große Not

und versuchte sie mit allerhand Versprechungen und Liebkosungen zu

beruhigen, aber sie sagte immer, ihr Leben sei zerstört, und keinerlei

Trost wollte helfen. Es muß aber in solchen Fällen auf einen immer alle

Schuld geworfen werden, und so vereinigte sich bald die Mutter mit der

Tochter gegen den Vater, und am Ende kam Helene derart zu einer gewissen

Beruhigung, weil sie beides, Vorwürfe machen und Klagen auslassen

konnte. Wie Heller den üblen Erfolg seines Planes vernommen hatte,

geriet er in große Verlegenheit und beschloß, daß er Helene weiterhin

besuchen und scheinbar ganz in der früheren Weise mit ihr verkehren

wollte, dabei aber sollte sein Zweck sein, sie sowohl durch Gründe wie

durch Erregung von Stimmungen zu andern Gefühlen zu bringen, so daß sie

ihre gefaßte Liebe vergäße. Indem er nach diesem neuen Plan handelte,

geschah es indessen, daß die beiden als zwei junge und harmlose Leute

sich immer weiter in dem Netz der Liebe verstrickten; und wie es öfter

geschieht, so kam es auch hier dazu, daß der weibliche Teil schnell ein

Übergewicht erhielt, nachdem erst einmal eine gewisse Klarheit in den

Beziehungen eingetreten war, und da Helene als ein braves und

ordentliches Wesen keine Neigungen für Hellers neue Theorien aufwies, so

endeten die beiden zuletzt mit einer gewöhnlichen und bürgerlichen

Verlobung. Und dieses Ende machte zwar Heller manche Unruhe, denn er

vermochte nur schwer seine Gedanken auf solche unerwartete

Handlungsweise einzurichten, im Grunde aber hatte er doch ein großes

Glück durch diesen Ausgang, denn nun wurde seinem Bedenken und Reden ein

Schluß gemacht, und er mußte sich auf einen Broterwerb einrichten, was

für einen solchen Mann doch nötig ist, sonst wird er mit den Jahren

anstatt klüger, immer läppischer, und zuletzt gelangt er vielleicht

sogar zu Bösartigkeit.

Diese geschilderte Entwicklung von Hellers Liebe ging naturgemäß in

einem längeren Zeitraum vor sich, währenddessen unser Held Hans

verschiedenes kennen lernte, von dem er vieles noch nicht gewußt. Die

Berichte Hellers vom Fortgang seiner Geschichte hörte er zuletzt mit

Kopfschütteln an, denn wiewohl der andre älter war wie er, kamen ihm

doch jetzt Bedenken über ihn, und er schätzte ihn nicht mehr so sehr

hoch wie anfangs. Da sich eine solche Wandlung aus der größten

Hochachtung nicht verbergen läßt, so verspürte sie Heller wohl, und

indem er durch sie an einer Stelle getroffen wurde, wo er am leichtesten

verwundbar war, nämlich in der besonderen Achtung, die er vor sich

selbst hatte, so wurde er merklich kühler. Hans aber wurde inzwischen

durch die Zufälle solcher unbestimmten Situationen des Lebens, wie er

sich jetzt befand, zu einem weiteren Verkehr mit Krechting getrieben und

zu einer Bekanntschaft in der Familie von Kurts Herrn.

* * * * *

Über diesen Geschäftsmann und seine Frau ist nichts Wichtiges zu sagen,

denn sie sind ganz gleichgültige bürgerliche Personen gewesen. Der Mann

hatte sich von unten in die Höhe gearbeitet, und weil er nicht Zeit

gehabt, bei steigendem Wohlstand sich geistig weiterzuentwickeln, so

hatte er nun immer ein Gefühl der Scheu und Befangenheit in seinem neuen

gesellschaftlichen Leben; dazu hatte er seine alten Gewohnheiten zum

Teil beibehalten, die er als ganz armer Mensch gehabt, und hielt viel

von dem alten Aberglauben fest, der sich bei den Juden aus dem Osten

untrennbar mit ihrer Religion gemischt hat. Dergestalt trat er in seinem

Hause nicht hervor, denn die Frau, die er geheiratet, als er schon

wohlhabend war, mochte im Grunde wohl auch nicht mehr Bildung besitzen

wie er, hatte sich aber die äußeren Formen angeeignet und zeigte eine

verwirrte Freundschaft zu vielen unzusammenhängenden Dingen, mit denen

man sich in der gebildeten Gesellschaft beschäftigt, und leitete nach

diesen Wünschen das Haus.

Unter solchen Verhältnissen waren zwei gute und brave Kinder

aufgewachsen, ein Sohn und eine Tochter, und hatte der Sohn, der jetzt

ein junger Student war wie Hans, schon von Kindheit an eine sonderbare

Neigung für ganz entlegene Gelehrsamkeit gehabt und vermochte es

durchzusetzen bei dem bekümmerten Vater, der in seines Herzens Grunde

alle Leute, die nicht viel Geld verdienen, trotz vieler Mühe zum

Gegenteil für dumm halten mußte, daß er Vorlesungen über orientalische

Sprachen hören durfte; die Tochter aber, die vor Fremden Luise genannt

wurde, war ein fünfzehnjähriges Mädchen von früher Entwicklung, die eine

große Liebe für die Dichtung aufwies. Bei diesen Leuten war Krechting

sehr bekannt, und als Hans hier das erstemal einen Besuch machte, mit

großer Schüchternheit, und empfangen von einem erstickten Lachen der

lustigen Luise, da traf er den dort an.

Krechting war gleichfalls jüdischer Abkunft und mochte damals

achtundzwanzig Jahre zählen. Vor etwa zehn Jahren war er als Student

nach Berlin gekommen und hatte sich einer Gesellschaft gleichalteriger

Schriftsteller angeschlossen, in der er nach kurzem berühmt geworden als

ein Dichter von ganz besonderer Begabung, indem er auf eine neue und

unerhörte Art sah und darstellte. Dann hatte er ein Büchlein drucken

lassen, und weil dieses gerade in die Zeit kam, wo immer Neues sich

ablöste, und die Kunstrichter, einmal aus ihrer alten Ruhe geschreckt,

gegen sich mißtrauisch geworden waren und begannen, alles Neue und

Unerhörte ebenso hoch zu preisen, wie sie es bis vor kurzem verhöhnt

hatten, so fehlte es ihm nicht, und der verwachsene junge Mann wurde als

der Begründer einer besonderen Richtung gepriesen und als ein solcher

sogleich den übrigen jungen Größen der Dichtkunst beigezählt. Seit

dieser Zeit aber hatte er kein weiteres Buch geschrieben; und zwar

folgten ihm nun andere Neutöner und wurden neben ihn gestellt, aber sein

Name war befestigt und blieb, gerade durch sein Schweigen, indem die

Leute zwar mehr und mehr vergaßen, was er eigentlich damals gesagt

hatte. Dann sammelte von den jüngeren Kunstrichtern, die zu jener Zeit

den Ton angegeben, allmählich einer nach dem andern seine Aufsätze, und

in jeder solcher Sammlung war auch ein Aufsatz über ihn, darauf

erschienen zusammenhängende Bücher über die geistige Bewegung jener

Zeit, und in jedem hatte er eine besondere Stelle; und so bekam sein

Ruhm bereits eine gewisse geschichtliche Art, und war anzunehmen, daß

man auch weiterhin über ihn schreiben werde wie bis jetzt, und nach

langer Zeit, etwa einige fünfzig Jahre später, würde dann ein jüngerer

Gelehrter Quellenstudien über sein Leben machen, seine Briefe

herausgeben und auch sein alsdann sehr selten gewordenes Buch (denn nur

wenige Abzüge waren verkauft) neu drucken lassen.

Seine Eltern hatten ihn nach Berlin geschickt, damit er

Rechtswissenschaft studiere und dann Anwalt werde und als solcher einen

großen Namen bekomme und viel Geld verdiene, er aber hatte das

Berufsstudium bald aufgegeben und allerlei anderes getrieben, um seine

Persönlichkeit auszubilden. Da er von ärmlichem Herkommen war, so

blieben endlich die Zuschüsse von zu Hause aus, und indem er trotz

seiner Berühmtheit und seiner vielen und verschiedenen Kenntnisse und

Fähigkeiten doch nicht viel verdienen konnte, außer etwas Geringes durch

Musikstunden, so gelangte er zu der Meinung über sein Schicksal, die er

mit der Redewendung ausdrückte, er sei unter den Frachtwagen gekommen.

Den meisten Menschen war es wunderbar, wie er sich zu ernähren

vermochte, indessen hatte er sich doch immer durchgeschlagen bis jetzt,

vornehmlich durch Bekanntschaft in wohlhabenden Kaufmannsfamilien, dann

durch Unterstützungen, die er sich so geschickt zu verschaffen wußte,

daß sie nicht kleinlicher Art waren und von vielen kamen, denn geringe

Summen, die er geliehen, zahlte er pünktlich zurück.

Unter solchen Umständen hatte er jene zehn Jahre verbracht, die in eine

wichtige Lebenszeit fielen, wo sich Wesentliches im Menschen bildet. Als

er noch Kind war, machte einmal auf ihn eine Stelle aus dem Talmud einen

besonderen Eindruck, wo geschrieben stand: Wer eine gerechte Handlung

tut, ist ein Geselle Gottes in der Weltschöpfung. Solange er an Gott

glaubte, hatte er diesen Gedanken als seinen Mittelpunkt, und

seinetwegen glaubte er später nicht mehr an Gott, denn solches Wort ist

ja nur ein mythischer Ausdruck der Gottlosigkeit, die aus dem Hochmut

kommt. Deshalb hatte er nachher überhaupt keinen Mittelpunkt mehr für

sein Selbst, und das einzige Feste in ihm war der Hochmut. Seiner Eltern

schämte er sich bald, die ordentliche Leute waren nach ihres Volkes Art,

denn er schämte sich auch seines Volkes, ja er legte den Namen seiner

Eltern ab und nahm einen fremden an. Dabei fühlte er aber wohl, daß er

immer mit sich tragen mußte, was er hierdurch fliehen wollte, nämlich

das Erbteil der Schlechtesten unter ihm, den Sinn eines frechen

Knechtes. Dem hatte das Schmarotzerleben seine besondere Farbe gegeben,

indem es seine innere Verlogenheit so vergrößerte, daß er endlich selbst

bei ganz unmittelbaren Äußerungen seines Gefühls nicht mehr wußte, ob es

wahr sei. So kam es, daß er scheinbar unvereinbare Eigenschaften

vereinigt, nämlich Bosheit und Empfindsamkeit. Etwa, als er einmal nach

seiner Weise über sich selbst, seine Figur und seine Art bei diesen

bürgerlichen Leuten Späße gemacht hatte und sich umblickte mit unruhigen

Augen, um ganz die Wollust seiner Hanswurstdemütigung zu genießen, sah

er die kleine Luise mit unmutigen Tränen kämpfen zwischen den lachenden

und sich schüttelnden Menschen, denn einem edlen Herzen mag solche

Niedertracht als eine bittere Kränkung seiner selbst erscheinen; da

trieb ihn die Bosheit, sich immer mehr preiszugeben, und weil er

zufällig Schillers Schrift über die Schaubühne als sittliche

Erziehungsanstalt bei ihr gesehen, so zog er auch Gedanken aus dieser

Schrift mit in seine Gemeinheit; hier ging das Mädchen aus dem Zimmer,

mit krummem Rücken, und als er diese Bewegung eines unschuldigen und

hochgesinnten Kindes sah, hörte plötzlich die Bosheit auf zu wirken, und

über ein jammervolles Bedauern mit sich selbst hinweg gelangte er in

eine empfindsame Stimmung, schlich dem weinenden Kinde nach, legte

seinen Arm um sie, die sich zornig sträubte, und weinte mit ihr.

Außer jenen Leuten, wo er Parasit war, hatte er zwei Arten von Freunden

und Bekannten. Die erste Klasse waren seine Altersgenossen, gleich ihm

Zerstörte oder Gescheiterte, Menschen mit Instinkten, die gegen sie

selbst gerichtet waren, die große Worte machten und an ihnen zweifelten,

ja sie selbst verlachten, wenn man sie nur fest ansah, Menschen mit

unruhigen Augen und Vogelprofilen, ungleichem Gang und verwirrtem

Sprechen, liederlich und schmutzig angezogen; und die meinten, sie seien

die Herren des geistigen Lebens, und über alle war in jenen

Aufsatzsammlungen und Geschichtswerken geschrieben, und untereinander

verachteten, haßten und verleumdeten sie sich. Die zweite Klasse bestand

aus ganz jungen Leuten, nämlich treuherzigen Studenten, reichen

Jünglingen und unruhigen Menschen von allerlei Begabung, die hochkommen

wollten, das heißt zu einer Stellung, wie die erste Klasse sie hatte.

Und diesen Männern entsprachen die Mädchen und Frauen des Kreises. Mit

unordentlichem Haar und schlecht sitzenden Blusen waren sie zwischen den

Männern und redeten mit denen ohne Scheu. Alle diese Menschen wähnten

frei zu sein, aber sie waren nur losgekettet von den Banden, in denen

die Gesellschaft die Schwachen hält, und hatten sich schnell härtere

Fesseln selbst geschaffen durch ihre leichtfertige und unbehütete erste

Jugend. Nach jenem Vorfall mit Luise geschah es, wie Krechting das

nächste Mal zu ihren Eltern kam, daß sie verwirrt war und gab ihm die

Hand nicht zur Begrüßung. Er rief: »Und Sie geben mir die Hand nicht?«

Sie sah ihn unwillig an und legte flüchtig ihre Hand in seine; die war

ganz kalt vor Aufregung. Da wurde er verlegen und begann sehr schnell zu

reden, vom Wetter und den vielen Leuten auf der Straße, und sie lachte

und lief aus der Tür, daß die Mutter tadelnd hinter ihr her rief und sie

entschuldigte. Als er allein mit ihr war, sprach er ganz anders, wie er

sich vorgenommen. Er wußte, daß sie eine schwärmerische Vorstellung von

ihm hatte als von einem reinen und edlen Dichter, und daß er für sie ein

Ideal war, wie sich junge Mädchen oft aus der Unschuld und Größe ihres

Herzens ein Bild schaffen, das sie einem beliebigen Mann vorhängen,

ihrem Lehrer, oder einem jungen Offizier, einem Schauspieler oder

ähnlichen. Mit spöttischem Hohn hatte er bei sich hierauf ein Gespräch

aufgebaut; aber wie sie nun jetzt schüchtern und demütig vor ihm saß,

fühlte er unerwartet Mitleiden mit sich selbst, und um das zu

unterdrücken, fing er gleich mit Reden an, die noch mehr gelogen waren

wie seine beabsichtigten Lügen und zugleich so ungeschickt in Beziehung

auf das Kindchen, daß dieses gar nichts zu antworten wußte und immer nur

dasaß mit gesenktem Köpfchen, und er fühlte dann einen Zwang, immer

weiterzureden, daß er immer läppischer wurde. Er sprach: »Sie müssen

mich sehr verachten, daß ich so über mich selbst spotte und auch über

Schiller, aber diese beiden Dichter verehre ich am höchsten, nämlich

mich und Schiller, und welchen Sinn hätten Götterbilder, wenn man sie

nicht von ihren Sockeln stürzte? Und haben Sie nicht schon bemerkt, daß

man ein eigenes Machtgefühl bekommt, wenn man sich selbst der Verachtung

preisgegeben hat und sieht die Gesichter der Höflichen ringsum, die

ihren Ausdruck zu Liebenswürdigkeit zwingen? Daß das Gefühl mehr wert

ist wie sein Gegenstand, wissen Sie am besten« -- hier spürte er

herzklopfend seine Schamlosigkeit wie die eines dritten -- »nämlich aus

der Liebe. Und ich will nicht Macht, ich will nicht Liebe, ich will nur

den flüchtigen Rausch einer Sekunde genießen, denn dieser enthält alles

Wertvolle aus ihnen; jeder Besitz ist Enttäuschung, deshalb lebe ich als

Chambregarnist nicht nur mit meinem physischen Menschen ...«

Luise war aufgestanden, schwer wurde ihr das Sprechen. »Sie sind so

unglücklich«, sagte sie schamhaft; er spürte plötzlich ihre Lippen auf

seiner Stirn wie einen kühlen Hauch; dann war sie unversehens aus dem

Zimmer. Da kam Scham über ihn, und er wußte nicht, daß er sich nach ihr

sehnte, so zerstört war er, daß er das nicht wußte. Hans wurde um eben

jene Zeit mit der Familie befreundet, als sich diese Dinge abspielten.

So erlebte er auch den weiteren Verlauf.

Zu Krechtings größerem Kreise gehörte ein junger Dichter, den wir hier

Peter nennen wollen; den hatte er schon vor langem mit der Familie

bekannt gemacht, und war der merkwürdigerweise der einzige von den

jungen Genies der Frau, zu welchem der Mann in eine Art von Beziehung

geriet, indem er nämlich gelegentlich kleine Scherze über ihn machte,

die der harmlos erwiderte, denn in so verschiedenen Welten lebten die

beiden, daß sie sich gar nicht kränken konnten.

Peter war gleichfalls vor etwa zehn Jahren nach Berlin gekommen, in

einer freilich unbekannten Absicht, und hatte eine Anzahl seltsam

ungeschickter und kindischer Gedichte mitgebracht, die recht töricht

schienen, wenn man sie für sich las, obschon zwar aus dem wirren und

gleichgültigen Zeug zuweilen einmal ein Wort, besonders ein Beiwort oder

ein Satz auffiel, der dem Leser ans Herz rühren mochte. Las er aber

selbst vor, so bekamen diese schülerhaften Reime ein ganz neues Leben,

denn seine guten und sanften Augen leuchteten, und sein Gesicht hatte

einen Schein von innen heraus, und die abgenutzten Worte und Wendungen

erhielten ein frühlingsmäßiges und feines Gefühl. Dann sagte jeder

lächelnd: »Er ist ein großes Kind«, aber alle wurden sonderbar froh,

glücklich und gut, als wenn seine bescheidene Seele mächtig geworden

wäre über sie, und lächelten auch über ihn und dachten: >Er ist doch ein

Dichter<; und das war mit einer Freude empfunden, wie gegenüber einem

kleinen Kinde geschieht.

Auch dieser Jüngling hatte in jenen früheren Zeiten sein Bändchen

herausgegeben; nur kein Kritiker beachtete es, weder in feindlicher noch

in freundlicher Gesinnung, und so schrieb niemand etwas über seine

Gedichte; aber alle jene scharfsinnigen und klugen Schriftsteller

liebten ihn und sagten: »Er ist doch ein Dichter«, oder sie sagten: »Er

ist ein großes Kind.« Und so lebte auch er zehn Jahre lang in einer

Weise, die sich keiner erklären konnte, denn niemand nahm und druckte

seine Arbeiten, und er borgte von niemand, außer etwa einmal eine

rührende Kleinigkeit, zehn oder zwanzig Pfennige. Es fand sich aber, daß

er Unterkunft hatte bei ganz armen Leuten, bei denen er als Student

gewohnt; die gönnten ihm ein Plätzchen umsonst, am Tage auf einem Stuhl

in der Werkstatt, denn der Mann war Schuhmacher, und des Nachts in der

Küche in einer alten eisernen Bettstatt, die am Tage zusammengeklappt

wurde; sein weniges Essen aber fand er bei Freunden, wenn er die zur

Abendbrotzeit besuchte, oder die Schuhmachersleute gaben ihm auch wohl

von ihrer Suppe ab. Weil der nun in seiner Armut unterstützt werden

sollte und ihm doch niemand ein Almosen bieten mochte, so war er von der

Frau angenommen, der Tochter und einigen ihrer Freundinnen Unterricht in

der Literatur zu erteilen, wodurch er dreißig Mark im Monat verdiente;

und weil er seit langen Jahren nicht so viel Geld gehabt hatte, so

schöpfte er jetzt neue Zuversicht und hatte neue Kraft zu schaffen,

sagte auch, wie wohl es einem Dichter tue, wenn er eine feste Einnahme

habe, die ihn vor der Not schütze und ihm auch erlaube, sich zuweilen

ein gutes Buch zu kaufen. Bei seinen Schülerinnen hätte er wohl einen

recht schweren Stand gehabt, denn die hatten bald gemerkt, daß er vieles

Sonderbare glaubte, was man ihm aufbinden mochte, und daß sein Urteil

und Wissen in der Literaturgeschichte recht wunderlich schien; aber er

merkte es gar nicht, wenn sie über ihn lachten, sondern lachte fröhlich

mit, sagte auch wohl, wie gut es tue, so zwischen Jugend zu leben und

ihre glückselige Heiterkeit in sein Herz aufzunehmen. Und bald

entwickelte sich etwas Merkwürdiges, daß seine Schülerinnen ganz

mütterliche Gefühle für ihn zu bekommen schienen, und er folgte ihnen

treulich, wenn sie ihm dieses oder jenes richteten oder anbefahlen für

seine Kleidung oder seine Lebensweise, und wurden die Mädchen dabei dann

ganz ernsthaft und umsichtig, und zuletzt kamen sie auf den Gedanken,

weil er doch ein so guter Mensch sei, wenn auch nicht ganz klug, so

müsse er heiraten, weil ein solcher wie er bei den gegenwärtigen Zeiten,

wo die Männer meistens selbstsüchtig und ungebildet seien, eine Frau

sehr glücklich machen werde durch die Bildung seines Herzens, und er

selbst müsse auch jemand haben, der für ihn sorge, aber sehr reich müsse

die Frau sein, da er ja niemals viel verdienen werde. Dabei stellte sich

denn heraus, daß ihn alle diese zwitschernden und lachenden Mädchen so

herzlich lieb hatten, daß ihn jede genommen hätte, wenn nur die Eltern

einverstanden gewesen wären: denn um seine eigene Einwilligung machten

sie sich keine Sorgen.

Am nachdenksamsten aber wurde durch ihn Luise und faßte eine besondere

Neigung zu ihm, und geschah das so, daß Peter einmal mit ihr allein war,

und da sie zu ihm Vertrauen hatte, so erzählte sie ihm, daß in ihrer

Familie etwas vorgefallen sei, wie ja öfter geschah durch den Gegensatz

der beiden Eltern, und daß man ihr nichts davon mitteile. Auf diese

Klage antwortete er, daß den Eltern doch viel Trost im Leben fehle, wenn

sie die Kinder an ihrem Kummer nicht teilnehmen lassen, und den guten

Kindern machen sie auch das Herz schwer, denn sie spüren doch von dem

Unheil, aber müssen dann ihre Lust am Helfen und Trösten in ihrer Brust

verschließen; das nahm sie ihm nun zwar übel, daß er sie für ein Kind

hielt; aber wie er dann fortfuhr, daß den Erwachsenen die Kinder gegeben

seien, damit sie besser und heiterer würden, und wie sie ihn fragte, ob

er selbst durch sie besser geworden sei, lachte er freundlich und

sprach: »Ja, ich habe Sie doch lieb«; da fiel sie ihm um den Hals und

küßte ihn, und dann lief sie schnell weg. Nach Wochen aber sagte sie

ihm, daß sie ihn geküßt habe, sei geschehen, weil er doch ein

erwachsener Mann sei und sie noch ganz jung, und er sei doch ihr Lehrer.

Peter teilte ihr auch mancherlei Pläne und Wünsche mit, so vor allem

seinen Gedanken, eine Zeitschrift zu begründen, die nur der reinen Kunst

und dem Schönen dienen solle und nicht abhängig sei von Rücksichten auf

Gewinn und Verdienst, und meinte, da er selbst jetzt doch für sich eine

passende Einnahme habe, die für seine Bedürfnisse genüge, so könne er

die Leitung dieser Zeitschrift ohne Belohnung übernehmen, und solche

Dichter, die wohlhabend seien, würden ihre Werke umsonst zum Abdruck

geben, und die ärmeren Dichter müßten sehr viel bezahlt bekommen. Dann

müßte sich ein Reicher finden (oder es gebe vielleicht auch mehrere

reiche Leute, die der Kunst helfen wollten, man kenne sie nur nicht, und

sie wüßten nicht wie, weil sie vielleicht in entlegenen Schlössern

wohnten, und es sei auch noch nicht eine solche Zeitschrift da), der

sehr viel Geld schenke; das müsse man dann natürlich recht sorgsam

verwalten, damit auch das gewollte Ziel erreicht werde und es nicht

Unwürdigen zugute komme. Wenn dann die Zeitschrift recht viele Leser

habe, dann könne man das Volk zur wahren Kunst erziehen, daß es sich

nicht mit den schlechten und dummen Büchern abspeisen lasse, die ihm

heute gegeben würden, sondern gute Kost wolle, und dadurch würden auch

wieder in Rückbeziehung die Dichter gehoben, denn die würden mehr Freude

an ihrem Schaffen haben, und manche gebe es, von denen er für seinen

Teil glaube, wennschon er keinen Namen nennen wolle, die gewiß Schöneres

und Edleres schaffen würden, wie sie jetzt täten, wenn sie sehen, daß es

seine Leser fände.

Durch solche gegenseitige Vertraulichkeit kamen sich die beiden immer

näher, und wie nun in den Kindern der Plan entstanden war, daß sie Peter

verheiraten wollten, so kam sie zu dem Entschluß, sie selbst wolle ihn

zum Manne nehmen, wenn sie zu ihrem Alter gekommen wäre, welche Gedanken

sie aber noch verschwieg aus Scham und Bedenken.

Es hatten aber die Eltern der jungen Mädchen am Ende gespürt, daß in den

Literaturstunden mancher Unfug getrieben wurde, und daß die Kinder

seltsame Ansichten und schlechte Kenntnisse erwarben. Hierdurch kam

zuletzt Zwistigkeit und Ärger mit dem Lehrer, und so wurden am Ende die

Stunden aufgekündigt, und Luise erhielt von ihrer Mutter noch außerdem

viele Vorwürfe über ihre besondere Vertraulichkeit mit dem Dichter, und

wurde häßlich über ihn gesprochen. Gegen solche Reden wehrte sie sich

zuerst und verteidigte ihn, aber endlich, wie sie spürte, daß sie durch

ihre Widerworte das Übel nur ärger machte, schwieg sie und ersann einen

Plan. So erwartete sie ihn auf der Straße, sprach ihn an und sagte ihm,

daß er wohl gemerkt haben werde, welche Wünsche sie habe, nämlich später

einmal seine Frau zu werden; aber jetzt sei ihr das Leben bei den Ihren

so unerträglich geworden, daß sie nicht mehr so lange zu Hause bleiben

wolle, bis sie sich ihnen, weil sie dann ganz erwachsen sei, offenbaren

könne, sondern sie wolle mit ihm von Hause fliehen. Sie würden aber

sicher schon einen Ort finden, wo gute Menschen sie aufnähmen, und sie

seien doch beide auch nicht hochmütig, sondern würden gern jede Arbeit

übernehmen, um sich ihr Brot zu verdienen. Peter erwiderte ihr, daß das

zwar sehr schwer sei, was sie vorhabe, aber wenn sie nicht mehr bei

ihren Eltern bleiben könne, welches er glaube, wenn er ihrer beider Art

betrachte, so wolle er ihr helfen und mit ihr entweichen, und denke er

aber, sie zu seiner alten Mutter zu bringen, die weit weg in Westfalen

lebe in einer kleinen Stadt und zwar recht arm sei, aber sie habe ihn

sehr lieb und mache ihm nie Vorwürfe, daß er in den Augen der Welt kein

großes Wesen geworden sei, wenn er ihr freilich auch immer erzählt habe,

daß er viel Geld verdiene, welches man als Schriftsteller ja könne,

indem mancher für einen kurzen Artikel, den er in einer Stunde schreibe,

hundert Mark oder noch mehr bekomme. Dieser Mutter solle sie dann

behilflich sein, weil sie nämlich außerdem, daß sie für Leute wasche,

einen kleinen Laden halte mit Schreibwaren für die Schulkinder, und so

könne sie ohne Sorge und in Liebe leben.

Wie das Mädchen einverstanden war, machten sie sich gleich auf den Weg

nach dem Bahnhof und kauften Fahrscheine, und da sie nicht genug Geld

hatten, konnten sie freilich nicht bis zum Ende fahren, aber Peter

tröstete sie und sprach, daß sie nur eine ganz kurze Strecke gehen

müßten, acht oder zehn Stunden, durch einen schönen Wald. Und so fuhren

sie nun, und am Ende stiegen sie aus, machten sich auf die Füße und

gingen; und wie sie zu dem Walde kamen und hochwipflige Bäume sie

empfingen, da faßten sie sich freundlich an die Hand und schritten

weiter fröhlichen Mutes wie zwei Kinder. Laub raschelte unter ihren

Füßen, und hoch über ihren Köpfen bogen die Zweige sich wölbend zur

Höhe, und durch grünes Laub leuchtete Sonnenschein, und Tropfen des

Lichtes fielen auf den Boden voll goldbraunen Laubes. Und allerhand

geheimnisvolle Märchenlaute waren da hinter den Bäumen, ein Klopfen und

Zirpen, und ein leises Huschen, und ein Knistern; eine blitzende Fliege

summte in einem schrägen Sonnenstrahl, und ein ganz großer Käfer flog

mit tiefem Gebrumm rund um einen Baumstamm. Der Dichter erzählte von den

Waldvögelchen, von den kleinen Meisen, die so klug schauen, und von den

Finken, vom Zeisig und Hänfling, und von den wunderlichen Spechten, und

das kleine Mädchen schmiegte sich an ihn, ängstlich und voll Liebe, und

das Herz tat sich ihr auf, denn sie hatte bis dahin den Wald noch nicht

gekannt, weil ihre Eltern immer mit der Eisenbahn an vornehme Orte

gefahren waren, bei denen es Bäume auf Rasenplätzen gab und sorgfältig

geharkte Wege.

Viele Stunden gingen die beiden, und sie wurde recht müde, denn sie war

solcher Wege nicht gewohnt, er aber schritt immer freudig und

zuversichtlich weiter, und deshalb mochte sie ihm nichts klagen, denn

von selbst merkte er nicht ihre Ermüdung; und so kamen sie am Ende vor

das kleine Städtchen, wo Peters Heimat war, und gingen durch das alte

Tor die große Straße hinunter, wo neugierige Gesichter hinter blitzenden

Fensterscheiben ihnen nachsahen, und in Nebengäßchen, und in einem ganz

versteckten Winkel da stand ein uraltes Häuschen, ganz schmal und

niedrig, unter einem blühenden Lindenbaum, und war die obere Hälfte der

Haustür geöffnet, und man konnte durch den dämmerigen Hausflur in ein

Gärtchen sehen, wo rote Rosen an hohen Stöcken blühten. Da traten sie

ein, und da kam Peters alte Mutter aus ihrem Stübchen, und trug ihre

alten mageren Arme nackt, und legte die Hand über die Augen, um die

Fremden zu betrachten, da umarmte sie schon ihr Sohn und küßte sie, und

in ihrem ehrlichen Gesicht ging die Freude auf.

Wie sie nun alle drei in dem heimlichen und sauberen Stübchen saßen, auf

dem schwarzledernen Kanapee unter den bunten Öldruckbildern, und Peter

erzählte seine Geschichte und Vorhaben, da schlug die alte Frau wohl

immer nur die Hände zusammen vor Verwunderung und wiegte den Kopf und

sah liebevoll das zarte Mädchen an; aber nicht einmal kam ihrem braven

Herzen der Gedanke, daß ihr großer Junge doch noch ein rechtes Kind sei,

denn sie hatte eine besondere Hochachtung vor ihm. Deshalb war sie mit

allem einverstanden, und jetzt lief sie nun eilfertig hinaus in die

Küche, einen kräftigen Kaffee zu bereiten auf die Anstrengungen der

Reise. Aber als die beiden jungen Leute allein waren, begann Luise

plötzlich heftig zu weinen, und wie er sie trösten wollte und

streichelte ihr die schwarzen Haare, da machte sie eine unwillige

Bewegung mit der Schulter, daß er ganz ratlos dastand. Bald blickte sie

wieder auf und sah in sein Gesicht, und da mußte sie plötzlich hell

auflachen, aber das Weinen war noch nicht ganz vorüber, und das Böckchen

stieß sie mitten im Lachen, und ihre Augen füllten sich wieder mit

Tränen. Indem kam die gute alte Mutter wieder in die Stube und trug auf

einem Präsentierbrett den Kaffee in einer sehr großen Kanne, und zwei

Tassen, denn sie selbst wollte nicht mittrinken, weil sie sich für zu

gering hielt, und eine rotlackierte Zuckerdose aus Blech stand bei der

Kanne; und wie sie die Weinende erblickte, fing auch sie an zu trösten

und empfahl den Kaffee, indem sie eine lange Geschichte begann, wie er

eine wunderbare Heilung einer Lahmen bewirkt hatte; da lugten durch die

Türspalte die beiden Mieterinnen, die sie in ihrem Häuschen hatte, das

waren zwei uralte Weiberchen, sauber und ordentlich und über die Maßen

neugierig. Wie die Mutter die beiden bemerkte, nötigte sie, daß sie

hereinkommen mußten; die entschuldigten sich vielmals, und standen

hintereinander, dann aber kamen sie in die Stube, indem sie sich die

blanken Hände an den reinlichen blauen Schürzen abwischten und neugierig

das Pärchen betrachteten. Aber bald wurden sie recht vertraut, prüften

mit den Händen den Stoff von Luisens Kleid und fragten nach dem Preis,

tranken vergnügt von dem schwachen Kaffee aus der großen Kanne, nachdem

sie zuerst vielmals abgelehnt, erzählten von ihren Krankheiten und

fragten, ob Luise auch die Kaiserin recht oft sehe. Peter war fröhlich

und unbefangen zwischen den drei gutherzigen alten Frauen, lachte viel

und erzählte so, daß die drei nicht aus dem Verwundern kamen; Luise aber

hatte inzwischen einen Entschluß gefaßt, zog Peter auf die Seite und bat

ihn, daß er ein Telegramm an ihre Eltern schicke, das denen ihren Ort

anzeige, welches der sehr richtig fand, und tat sofort, was sie

begehrte.

So geschah es denn, daß am nächsten Tage die Eltern des Kindes kamen, in

großer Aufregung und Sorge; aber wie sie den frohmütigen und harmlosen

Dichter, die geschäftige und saubere alte Mutter und die braven andern

Weiberchen um ihre Tochter versammelt fanden, die lachend ihrem Vater an

den Hals flog, da vermochten sie nicht die empörten Reden an Peter zu

führen, die sie sich vorgenommen, sondern die Mutter machte nur ein

gekränktes und kaltes Gesicht, und der Vater brummte etwas, das nicht

deutlich wurde durch die Liebkosungen der lachenden Tochter, und

zuletzt, weil sie ganz ratlos waren, was das Ganze bedeutet habe, nahmen

sie das Mädchen mit sich in ihr Gasthaus und luden den Dichter zum

Mittagessen ein, das er ohne Schuldbewußtsein auch freundlich annahm.

Nach diesem Anfang fanden die Eltern bald, wie sie das ganze Begebnis

als einen Kinderstreich auffassen konnten, was die ihrem Wesen

angemessene Art einer Erklärung war, und so überwanden sie leicht ihren

Groll, und am Ende lachten sie mit ihrer Tochter zusammen, indem die

Fröhlichkeit des unbefangenen Kindergemütes auf sie überstrahlte.

Wie sie alle in dem Gasthause versammelt waren, sprach Luise, daß sie

gedacht habe, sie wolle später, wenn sie in ihre Jahre gekommen wäre,

den Dichter heiraten; aber nun sei ihr doch klar geworden, daß sie ihn

zwar immer noch so lieb habe wie früher, und vielleicht noch lieber,

aber seine Frau könne sie nicht werden. Das wolle sie ihm gesagt haben,

und weil sie sich noch nicht geküßt hätten bis jetzt, so wolle sie ihm

nun, zum Abschied von ihrem gemeinsamen Plane, einen Kuß geben; als sie

das gesprochen hatte, faßte sie sein Ohrläppchen, beugte seinen Kopf zu

sich nieder und küßte ihn auf die Lippen; dann lächelte sie, indes ihr

eine Träne in die Augen trat; und auch der Dichter lächelte. So endete

der beiden Liebesverhältnis.

* * * * *

Indem Hans immer weiter in die Gedanken hineinkam, die in dem Kreise der

Menschen um ihn herrschten, gelangte er bald zu dem Entschluß, daß er

sein Studium ändern müsse. Aber Scheu vor den Eltern und Furcht vor dem

Ungewissen hielten ihn eine Zeit in einem peinigenden Zustande, bis er

sich am Anfang des zweiten Semesters zu einer schnellen Tat entschloß;

denn durch Zufall war die Tür der Amtsstube in der Universität einmal

offen, wie er gerade vorbeiging: da trat er ein und erklärte, daß er

sich in eine andere Fakultät umschreiben lassen wolle, und wie ihn der

Beamte fragte, was er denn zu studieren gedenke, da sagte er ohne

Besinnen und ohne daß er vorher eine Absicht gehabt hatte, er wolle

Historiker werden. Dann belegte er seine neuen Vorlesungen, faßte sich

auch ein Herz und besuchte einen der Lehrer; der empfing ihn freundlich

und hatte bald Hansens Meinungen erkundet, denn er hatte selbst in

jungen Jahren freiheitlich gesinnte Ansichten gehabt, und wie damals

gerade die Revolutionszeiten gewesen waren, hatte er als junger

Gymnasiallehrer seinen Schülern lateinische Aufsätze aufgegeben über die

Vorzüge der Republik vor der Monarchie und darüber, daß die Verbrennung

der Leichen richtiger sei wie das Begraben. Wegen solcher Betätigung

seiner Gesinnungen hatte die Behörde ihn damals abgesetzt, aber später

wurde er an die Universität berufen. Dieser alte Mann bekam eine Freude

an Hans, und der gewann so einige geringe Aussichten für seine Zukunft.

Inzwischen war sein Jugendgenosse Karl gleichfalls nach Berlin gekommen

und zeigte sich als von gleichen Ansichten. So beschlossen die beiden,

eine nähere Bekanntschaft mit wirklichen Arbeitern zu machen, und da sie

keinen andern Weg wußten, so dachten sie eine Volksversammlung zu

besuchen, und gerieten in die Versammlung eines großen Fachvereins, in

der ein Vortrag über die materialistische Geschichtsauffassung gehalten

wurde; denn damals, wo das Sozialistengesetz noch bestand, hatten diese

Fachvereine in Wahrheit eine Art politischer Bedeutung, die zwar nicht

ausgedrückt war, aber sich doch mit Notwendigkeit von selbst aus den

Umständen ergab. Mit einer großen Furcht wie vor etwas Außerordentlichem

hielten sich die beiden bescheiden im Hintergrund, wo neben ihnen am

Tisch einige Arbeiter saßen, ein alter Mann und zwei junge Leute, die

sie zuerst mißtrauisch betrachteten, und endlich sagte der eine junge

Mann gerade heraus, sie seien doch keine Schuhmacher, es war nämlich der

Fachverein eine Verbindung der Schuhmacher, und sie sollten ihm ihre

Absichten sagen. Darauf erwiderte Hans, daß sie Studenten wären und gern

die Verhältnisse der Arbeiter kennen lernen wollten. Hierüber wurden die

Gesichter der andern freundlich und bewillkommten die beiden und zogen

sich noch weitere Arbeiter an ihren Tisch, die alle fröhlich und

liebenswürdig waren. Dabei stellte sich heraus, daß sie Hans und Karl

für zwei Spitzel gehalten, weil man an ihren Daumen gesehen, daß sie

keine Schuhe machten, und Hans trug Stiefel, die zu Hause von einem

schlichten Schuster genau in der Form gearbeitet waren wie die

Kommißstiefel, an denen die Geheimpolizisten erkannt wurden.

Hans war recht erstaunt über die braven und ordentlichen Gesichter der

Leute und über ihre sonntägliche Kleidung und fröhliche und ruhige Art.

Einen gewissen Ernst hatten sie wohl alle, aber der war mehr ehrbarer

und bürgerlicher Art, und sie zeigten nichts Düsteres oder Trauriges,

sondern schienen, als wenn sie alle zufriedener und glücklicher Hoffnung

lebten. Die meisten der Anwesenden waren jung, und man sagte Hansen, daß

die Älteren, weil sie verheiratet seien, gewöhnlich das Geld nicht

aufwenden könnten, welches das Gehen in die Versammlung koste, weil man

doch sein Glas Bier trinke, oder auch zwei, und seine Zigarre rauche.

Ganz vorn, auf einer Erhöhung, saßen an einem langen Tisch die

Vorstandsmitglieder und an einem Tischchen daneben ein Polizeioffizier

mit einem Schutzmann. Nach einiger Zeit eröffnete der Vorsitzende die

Versammlung, und es wurden einige Angelegenheiten des Vereins erledigt

in merkwürdig förmlicher und formelhafter Weise, indem der Vorsitzende

häufig erklärte, so oder so sei die parlamentarische Sitte: denn das

schien als besondere Hauptsache betrachtet zu werden, daß alles bis ins

kleinste parlamentarisch zuging. Bei einem Punkte fragte Hansen sein

Nachbar leise, indem er annahm, ein Student wisse diese wichtigen Dinge,

ob das so richtig sei. Man verspürte bei allen, daß sie einen freudigen

Wunsch nach Form und Regel hatten und nach Kräften eine Ordnung suchten,

um sich ihr zu unterwerfen. Dann stand der Vortragende auf, der über die

materialistische Geschichtsauffassung reden wollte. Der war ein älterer

Arbeiter, in dessen Gesicht sich eine merkwürdige geistige Anstrengung

zeigte, wie er redete, denn er holte mit schwerer Arbeit die Gedanken

herauf und drückte sie mit Mühe in Worten aus, und deshalb sprach er

sehr langsam und eindringlich; alle aber folgten ihm mit eigner großer

Anstrengung. Was er sagte, hatte eigentlich mit der Marxschen Theorie

wenig zu tun; es kam aber seine Herzenssehnsucht heraus und die

Herzenssehnsucht der Hunderte von Arbeitern, die ihm lauschten, denn er

meinte, die Arbeiter seien heute von der Bildung abgeschnitten und

müßten sich die Bildung erwerben, dann seien sie die Herren der Welt,

und jeder von diesen Männern dachte bei seinen Worten, daß er die

Bildung haben wolle, und malte sich ein Gedankenbild zukünftigen Lebens

der Menschheit, wo alles Leid verstummte, Haß, Neid und Unterdrückung

verschwand und die Menschen in gegenseitiger herzlicher Freundschaft

lebten und sich bildeten.

Wie der Vortrag beendet war und einige aus der Versammlung nacheinander

auf die Stufe traten und ihre beistimmende oder abweichende Meinung

sagten, sprachen Hans und Karl weiter mit den Männern, die an ihrem

Tische saßen. Der eine war erst vor kurzem aus dem Osten nach Berlin

gekommen, nachdem er zu Hause eine mehrjährige Gefängnisstrafe abgebüßt

hatte wegen Geheimbündelei. Der erzählte seinen Prozeß und stellte seine

Sache so dar, daß er mit seinen Freunden, die das Gesetz wohl kannten,

keinerlei Geheimbund gehabt, indem sie sich immer nur freundschaftlich

zu Ausflügen oder Zusammenkünften getroffen hatten. Dann fuhr er fort,

daß er zuerst der Meinung gewesen, er sei ungerecht verurteilt, nicht,

daß die Richter gegen ihn besonders etwas gehabt hätten, aber sie seien

durch ihre Klassenvorurteile verblendet; dann aber habe er sich die

Sache weiter bedacht und sich im Geiste auf den Standpunkt des Richters

gestellt, denn wenn einmal ein Gesetz sei, und wenn es auch ungerecht

ist, so müsse doch der Richter danach entscheiden, und da habe er sich

denn gesagt, daß er und seine Freunde eigentlich nur eine Umgehung des

Gesetzes begangen hätten, denn alles, was das Verbot des Geheimbundes

bezwecke, hätten sie doch getan und sich nur gehütet, die äußeren Formen

eines Vereins anzunehmen, und das habe der Richter wohl eingesehen, und

darum müsse er sich jetzt selber sagen, daß er gerecht verurteilt sei,

und wenn er selbst Richter gewesen wäre, so hätte er auch nicht anders

gekonnt.

Über diese Worte entstand eine Meinungsverschiedenheit, indem einige

sagten, wenn kein wirklicher Verein mit Satzungen und Vorsitzenden und

festen Versammlungen gewesen sei, so wären sie in unrechtmäßiger Weise

bestraft, und es könnten ja dann alle andern Menschen auch verurteilt

werden, weil doch jeder einen Kreis von Bekannten habe, die mit ihm

einer Gesinnung seien; die andern aber schlossen sich der Meinung des

Erzählers an, den sie Jordan nannten, und sagten, Recht müsse sein, und

wenn sie selbst erst die politische Macht errungen hätten, was wohl

schon in zehn oder zwanzig Jahren sein könne, so müßten die Gegner auch

den Gesetzen gehorchen, die sie selbst dann geben würden; zwar würden

diese freilich auf keine Unterdrückung ausgehen, und deshalb würden auch

die Gegner wohl willig sich ihnen fügen.

Der schmale Weg zum Glück · 第 4 / 9 题