Frau keine Kinder hatte, so schien es, als wolle die Natur nicht, daß er
seine Art fortführte. Was so viele Generationen seit Jahrhunderten in
innerlicher Arbeit erstrebt hatten, das war in ihm ein wirkliches Bild
geworden; er wußte nichts von Schlechtigkeit oder bösem Wesen, und kam
ihm etwas Schlimmes nahe in seiner Gemeinde, so machte er ein
erschrecktes und betrübtes Gesicht, und dann lächelte er ungläubig, und
seine Mienen zeigten an, daß er vor einem Fremden und Unverständlichen
stand und keinen Rat wußte; bald aber fand er sich wieder und meinte,
ein Irrtum sei das und eine falsche Auslegung der Wirklichkeit. Zwar, er
predigte von der Erbsünde und von der natürlichen Bosheit des
Menschengeschlechtes; aber in seinem Herzen wußte er nichts von diesen
Lehren, er sprach da nur Worte, die er nicht verstanden. Mitten unter
einer harten Bevölkerung lebte er, unter kleinen Bauern und
Holzarbeitern, die wohl tüchtige und ordentliche Leute waren, unter
denen keine Liederlichkeit oder Faulheit vorkam; aber ihr Leben floh hin
bei dürrer Berechnung von Besitz und Erwerb, bei zähem Halten am kleinen
Vorteil, der nicht ohne geringe Betrügereien war, wie sie bei solchen
Leuten als ordnungsmäßig betrachtet werden. Die fanden bald heraus, daß
der Pastor vom wirklichen Leben nichts wußte und keine Ahnung hatte von
dem, was in ihnen vorging; deshalb hielten sie ihn für dumm, oder wie
sie sich das vorstellten, für »überstudiert«; und in dem sie nun mit
allem, was sie unmittelbar anging, sich fern von ihm hielten, vermehrten
sie noch seine Täuschung über die Wirklichkeit, die ihn umgab.
Aber auch in der Seele solcher Menschen, die ganz beschränkt auf
Irdisches und Bürgerliches sind, gibt es doch ein höheres Leben. Zwar
gewinnt es scheinbar keinen Einfluß, denn es wird rasch bedeckt durch
das Überwuchern des Wirtschaftlichen; aber vielleicht ist das ganz gut
so, und wenn es anders wäre, würden solche Menschen Schwätzer und
scheinheilige Salbader. Deshalb hatte der Pastor doch eine große und
segensreiche Bedeutung für seine Gemeinde; sie wußten alle, daß er nicht
an sich dachte und das Evangelium vom Rock erfüllt hatte; ja es gab
sogar eine Geschichte über ihn von einem Paar neuer Stiefel und einem
wandernden Handwerksgesellen; sie wußten, daß hier keine Lüge, keine
Gier, kein Betrug war, keine Habsucht und kein unlauteres Wesen, sondern
ein reines und frommes Herz und ein klarer und guter Sinn; und in dem
bedrängten und beladenen Leben, das sie führen mußten, bei harter Arbeit
und schweren Sorgen um das tägliche Brot und Kämpfen um die Ehrbarkeit
des Wandels hatten sie an dem Pastor ein Bild wie das eines glücklichen
und frohen Engels, der auf Erden wohnt, nichts weiß von Sünde und Schuld
und Sorge und mit dem Finger zum Himmel weist, als zu einem freien und
leichten Leben, das als Ziel uns allen vorschweben sollte. Und was
bedeutet das für einen beladenen Menschen, der mühselig dahin geht, den
Blick auf die Erde gerichtet! Aber es ist gut für uns, daß solche
Menschen selten sind.
In ihrer Art ebenso merkwürdig wie der Mann war die Frau Pfarrerin.
Sie war frühzeitig Waise geworden und hatte von ihren Eltern ein
ziemliches Vermögen geerbt; ihres jetzigen Mannes Vater, der alte
Pastor, der ein entfernter Verwandter war, wurde ihr als Vormund
bestellt und nahm sie zu sich ins Haus, sie mit seinen Kindern zusammen
zu erziehen.
Schon als kleines Mädchen faßte sie eine Neigung zu dem ernsten
Ältesten, weil er ein liebes und gutes Wesen hatte und in vielen kleinen
Dingen besorgt werden mußte wegen seiner Zerstreutheit. Das hatte ihm
eine Schwester einmal gesagt, da war er rot geworden und schämte sich,
denn er dachte, sie wolle ihn hänseln. So behielt sie ihre stille
Neigung, wie er von Hause fortkam auf die Schule, und wie er erwachsener
wurde und auf die Universität ging; aber weil sie eine herbe und
verschlossene Natur war und ohne Zutunlichkeit, so verspürte niemand
etwas von dem, was sie heimlich bei sich dachte. Und auch der Student
seinerseits, der durch seine Jahre selbstbewußter geworden war, wie er
als Junge gewesen, dachte viel an sie mit Liebe und Hoffnung, nur hatte
er noch so viel Schüchternheit, daß er ihre Begegnung mied, und spann
sich noch mehr in seiner tabaksqualmigen Dachstube ein, wie er es sonst
getan hätte ohne seine liebende Gesinnung.
Wie er seine Examina bestanden und hoffen durfte, daß er in wenigen
Jahren eine Pfarre bekommen werde, da dachte er wohl, daß er nun wagen
dürfe, mit ihr zu sprechen über das, was er im Herzen hatte. So geschah
es, daß er einst an einem Sonntagnachmittag nach der Predigt mit ihr
durch die Felder ging, und auf beiden Seiten stand der hohe Roggen,
untermischt mit Kornblumen und roten Kornrosen. Und wiewohl er ihr nur
ganz alltägliche Dinge erzählte aus Scheu, so spürte sie doch durch ein
geheimes Überfließen seines Herzens, was er sagen wolle; aber da
überfiel sie mit einem Male eine namenlose Angst und eine heftige Scham,
und das spürte er sofort, und zwar hatte er in seinem Herzen eine
Bewegung, die das richtig deutete, und er hatte Lust, sie in seinen Arm
zu nehmen und an die Brust zu drücken, aber da überkam ihn aus einem
andern Winkel seiner Seele plötzlich ein lähmendes Mißtrauen und eine
Furcht, so daß sich alle Gefühle in ihm zurückzogen als erschreckt und
ihm ganz starr wurde im Herzen.
So redete er mit stockender Aussprache weiter, was er Gleichgültiges
angefangen, und ging neben ihr her; und ihre bebende Hand streifte
einmal über das hohe Korn; da sah er, daß ihre Hand bebte, und es begann
wieder lebendig zu werden in ihm; aber die Erstarrung war bei dem feinen
Menschen zu groß, er wurde ihrer doch nicht wieder Herr, und so blieben
die Worte ungesprochen zwischen den beiden, nach denen ihrer Beider
Herzen sich sehnten, und sie gingen stumm nach Hause.
Da war aber eine Schicksalsstunde versäumt, die in langen Jahren nicht
wiederkam. Sie dachte, daß sie sich wohl geirrt habe in ihrem Gefühl,
daß er zu ihr neige, und er habe überhaupt keine wärmere Liebe für sie,
nur für die andern; und er meinte traurig, für sie, die große, feste und
herbe Jungfrau mit den geschlossenen Lippen sei er zu gering, und sie
könne ihn nicht lieb haben, sondern müsse ihre Liebe auf einen andern
richten. Ohne Eifer dachte er das und mit tiefer Trauer.
So vergingen Jahre ihnen beiden in stillem Sehnen, bis jenes Unglück
über ihn kam mit seiner Schwester. Wie er von Hamburg zurückkehrte, da
trieb es ihn, daß er zu ihr gehen mußte, die schon längst für sich
gezogen war und allein hauste; sie waren aber nun beide Menschen weit
über die vierzig; da erzählte er ihr alles, davon er doch manches gar
nicht recht verstand, weder die blinde Leidenschaft der Schwäche seiner
kleinen Schwester, noch die rohe Habgier der Schlechtigkeit bei dem
Manne. Und wie er geendet und sie anblickte, ohne Rat und Trost, da sah
er, daß in ihren Augen Tränen standen, die sie vergeblich zurückhalten
wollte. »Weinst du über sie?« fragte er. »Nein, über dich!« rief sie in
Selbstvergessenheit. Da vergaß auch er alles und fragte, als ob er
träume, und lächelte dabei wie ein Kind: »Hast du mich denn lieb?« Aber
eine Erwiderung in Worten wurde nicht gegeben, sondern sie kamen
zusammen mit ihren Herzen, und ihr Gesicht, das sonst unbeweglich und
fest war, lag an seiner Brust und wurde von vielen Tränen überströmt.
So hatten sich die beiden gefunden, nachdem sie des Lebens Höhe schon
überschritten und sich seit frühen Jahren nacheinander gesehnt; und als
sie sich dann heirateten, da war es, als ob alles Glück, das für sie
bestimmt gewesen und nicht verbraucht war in den langen Jahren, als ob
das sich angesammelt habe und nun um sie sei, und verging kaum ein Tag,
daß sie nicht darüber staunten, wie glücklich sie waren, und machten
sich selbst aufmerksam auf dieses oder das in ihrem Leben, und freuten
sich über sich selbst.
Und das war sonderbar, daß, wer die beiden allein sah, hätte gemeint,
diese ernste Frau mit dem festgeschlossenen Mund müsse dem kindlichen
Mann überlegen sein, auf dessen reiner Stirn nur die einfachen Gedanken
zu lesen waren, die ihn bewegten; und sie konnte auch nicht gut mit
Kindern umgehen, während dem Mann alle Kinder anhingen und ganz mit ihm
sprachen wie mit ihresgleichen, welches der stärkste Ausdruck kindlicher
Zuneigung ist. Wenn aber die beiden zusammenstanden, dann kam niemand
mehr auf den Gedanken, der Mann könne schwächer sein wie die Frau,
sondern das natürliche Verhältnis von Mann und Weib war offenkundig
vorhanden, obwohl sie in vielen Dingen für ihn sorgte, daß er hätte ganz
unselbständig scheinen müssen; so schnitt sie ihm bei Tisch das Fleisch
vor.
Das Pfarrhaus hat für die Leute auf dem Lande etwas Festtägliches, durch
die Ruhe, die wenigen Menschen in den vielen Räumen, die blitzenden
Fensterscheiben mit den weißen Gardinen dahinter, die sandbestreute
Diele und die frommen Sprüche, die im Flur angebracht sind. Und die
beiden Leute waren festtägliche Leute dazu, das empfanden die Arbeiter
und Bauern; und noch mehr empfand es der kleine Hans. Wenn sich die
Haustür in der Pfarre hinter ihm geschlossen hatte und die Klingel lange
nachschellte und er auf den Zehenspitzen über die Diele ging mit dem
knirschenden Sand, der ein so lautes Geräusch zu machen schien, so
schlug ihm jedesmal das Herz; und in Freude verwandelte sich die
Ehrfurcht erst dann, wenn er dem freundlichen Pastor die Hand gab. Was
sollen wir viel erfahren von dem, was äußerlich vorging in diesen
Jahren? Auf Hans wirkte das Wesen der Alten, und das Wesen Karls hatte
Einfluß auf ihn, zu den Wirkungen und Einflüssen, die er zu Hause hatte
und im Wald; ganz wenig wirkten auf ihn die Jungen in der Schule und die
Schule überhaupt, obwohl die einen großen Raum in seinen Erlebnissen
einnahm; aber was er hier hatte, war nur ein Kennenlernen der Dinge, die
ein Mensch gebraucht zu seinem äußeren Leben; diese aber sind für unsere
Absichten gleichgültig.
* * * * *
Wie Hans in sein zwölftes Jahr kam, mußte er des Pastors Unterricht
verlassen und in die Stadt gehen, das Gymnasium zu besuchen; mit ihm
ging Karl Gleichen.
Hans wurde auf den Löwenhof gebracht, zu einem Ackerbürger, namens Löwe.
Hier bekam er ein Dachkämmerchen mit einem Bett zum Schlafen, den Tag
über mußte er sich in der Wohnstube der Leute aufhalten, an deren Tisch
aß er auch; nur die Woche über war er hier. Sonnabends, wenn die Schule
beendet war, pilgerte er durch das alte Stadttor hinaus, durch die
Felder hinauf in den Wald nach Hause, und Montag früh ging er wieder
zurück in die Stadt. Seine Mutter hatte abgemacht, daß sie für die Woche
einen Taler bezahlen wollte an die Wirtsleute, den trug er Montags in
der Tasche bei sich.
Diese Löwes waren alteingesessene Leute, deren Voreltern fleißig und
sparsam gewirtschaftet hatten, bei ihnen aber ging alles auf, und es war
wohl zu sehen, daß sie ihrer einzigen Tochter einst nichts hinterlassen
würden. Das geschah aber so, daß sie nicht eigentlich liederlich waren,
auch nicht wirklich verpraßten; nur war der Mann von langsamer Art und
ein Schläfer, und die Frau, wiewohl flink und gewandt, liebte sehr das
Essen, mehr aus Liebe zur Kochkunst wie aus Leckerei, denn es freute sie
am meisten, wenn es andern schmeckte. Sonst aber waren sie ordentliche
und gute Leute.
Um vier Uhr des Morgens weckte die Frau den Mann; der öffnete dann die
Kammerfenster und rief die Knechte und die Magd wach; darauf sagte er,
daß er erst wieder warm werden wolle und ging ins Bett zurück, aus dem
er dann nicht vor sieben Uhr aufstand. Da pflügten die beiden Knechte
schon lange auf dem Acker, und die Magd hatte längst gemolken; wenn aber
des Herrn Auge nicht wacht, so geht der Pflug nicht tief und wird das
Euter nicht leer, und vieles wird vertan und verworfen in der
Wirtschaft. Die Frau ging in die Küche und sagte, sie fühle sich so
schlecht im Magen, ihr sei, als müsse sie etwas Besonderes genießen; und
so briet sie schon am frühen Morgen sich allerhand Leckerbißlein, davon
sie auch, als eine kleine Person, dick und rund wurde, indessen der Mann
mit dem verschlafenen Gesicht mager und lang war.
Wohl sahen sie selbst ein, daß sie auf diese Weise immer mehr
zurückkamen, und namentlich an den Quartalsterminen wurde ihnen das
klar. Aber sie vermochten nichts an ihrem Leben zu ändern; wenigstens
muß man rühmen, daß sie sich nicht gegenseitig Vorwürfe machten. Nur
heimlich klagten sie wohl einem andern ihr Leid, und zu solchem
Vertrauen erwählten sie sich ihren Kostgänger Hans. So rief ihn etwa die
Frau in die Küche, briet eine schmackhafte Gänseleber, schob ihm die zu
und sprach: »Iß, sie ist mit ungesalzener Butter gebraten«, und erzählte
dann von ihrem Leben, daß sie viele Anbeter gehabt habe, die sie zur
Frau gewollt hätten, aber sie habe nun zu ihrem Unglück diesen Mann
genommen; der sei zwar gut zu ihr und trinke auch nicht, aber er sei
träge und schlafe zu viel, und sie könne allein das Wesen nicht halten,
so viel Mühe sie sich auch gebe; dazwischen erzählte sie, daß sie in die
Nudeln, mit denen die Gans gestopft wird, buchene Asche nehme, rühmte
auch wohl die gebratenen Kartoffeln und erzählte, von welchem Landstück
man die Kartoffeln zum Braten nehmen müsse, und von welchem sie als
Salzkartoffeln oder in der Schale am besten schmeckten; und am Ende
weinte sie in die blaue Schürze und sagte, wenn sie noch einmal heiraten
sollte, was ja Gott verhüten möge, denn ihr Mann sei ja gesund und wohl,
aber unmöglich sei doch nichts, so werde sie sich besser in acht nehmen.
Und der Mann rief den Hans zu sich, nahm die kurze Pfeife aus dem Mund,
tippte ihm damit auf die Brust und erzählte, was er für ein Kerl gewesen
sei in seinen jungen Jahren, und was er für Mädchen hätte heiraten
können, lobte dann seine Frau, daß sie ja gut sei und auch flink, aber
sie sei zu sehr auf das Essen und Trinken, und darüber gehe das Haus
zugrunde. Aber, meinte er, man könne ja nicht wissen, wenn seine Frau
einmal sterben sollte, so werde er sich in seiner zweiten Ehe ganz
besonders vorsehen; und so waren beide schon recht in die Jahre gekommen
und meinten doch, nach unbedachter Leute Art, daß sie ihr Leben immer
noch vor sich hätten und es nach ihrem Gefallen lenken könnten.
Die Tochter der beiden war wenige Jahre älter wie Hans, gutmütig und
still, und hatte der beiden Eltern Eigenschaften in sich vereinigt,
schlief viel und aß gern und war in ihren jungen Jahren auch schon artig
aufgegangen zu einem kugelrunden und zufriedenen Fräulein.
Hans aber hatte es gut in der Familie und wurde rechtschaffen gefüttert
für seinen Taler.
In der Schule war ihm das Einleben recht schwer. Da bestand eine
allgemeine Verschwörung gegen die Lehrer: alle Schüler hielten zusammen,
logen sich gegenüber dem Lehrer heraus, betrogen diese auch,
untereinander aber logen und betrogen sie nicht. Hätte einer sich dieser
Ordnung nicht gefügt, so hätten sie ihn alle verachtet.
Karl fügte sich sehr schnell in die Verhältnisse, sah in seines Nachbars
Hefte und hatte beim Abfragen ein Buch unter der Bank liegen; und wie
der Lehrer einmal eine Aussage von ihm wollte, log er mit offener und
heiterer Miene. Hansen war es nicht möglich, sich so zu geben,
gleichwohl aber sah er wohl ein, daß er nicht gegen die andern auftreten
konnte, und so stritten das alte Pflichtbewußtsein und das neue, das er
hier bekam, eine lange Zeit in ihm miteinander, bis er endlich einen
Ausweg fand, indem er selbst zwar keine Betrügereien mitmachte, aber
willig seine Hefte und Bücher hergab, wenn die andern sie benutzen
wollten. Als einmal sein Nachbar beinahe ertappt wurde und der Lehrer
ihn befragte, wurde er sehr rot und verlegen und sagte ängstlich, er
wisse von nichts.
Die Lehrer hatten allerhand Spitznamen, mit denen die Schüler sie unter
sich nannten; allmählich gewöhnte er sich auch daran, sie so zu nennen,
immer aber behielt er dabei noch eine gewisse Scheu und Unbehaglichkeit.
Zwar nahmen die Schüler im ganzen und großen seine Art ruhig hin ohne
besonderes Nachdenken, einmal aber kamen sie doch auf den Gedanken, sie
möchten ihn hänseln, weil er anders war wie sie, und fiel ihnen ein, sie
wollten ihn auf den Klassenschrank setzen. Da wich er erst zurück und
zog seine Arme fort, an denen sie ihn anfassen wollten, aber wie sie ihn
endlich umringt hatten, und weil er sich aus Verlegenheit nur
ungeschickt und schwach wehrte, da hoben sie ihn bald unter lautem
Geschrei auf den bestimmten Thron. Wie er da saß, standen ihm vor Kummer
die Tränen in den Augen, aber wie er auch Karl unter der Schar seiner
Peiniger erblickte, da faßte ihn ein heftiger Gram, und es überkam ihn
eine besinnungslose Wut, und er ergriff eine zusammengerollte Landkarte
mit Stäben, die da oben lag, und hieb unbarmherzig mit aller Kraft auf
die Köpfe unter ihm ein. Die Jungen schrien auf, und der Schwarm
wickelte sich schnell auseinander, er aber sprang mit seiner Waffe vom
Schrank herunter und verfolgte die andern, die vor ihm flohen, bis sie
zuletzt alle zur Tür hinausliefen und diese von außen zuhielten, damit
er ihnen nicht nachkommen solle, denn sie waren in heftige Furcht
gekommen. Nach diesem Vorkommnis ließen sie ihn in Ruhe, ohne sich
übrigens besondere Gedanken über den Grund zu machen; er aber überlegte
sich das Ganze reiflich und kam zu dem Schluß, daß einer, wenn er sich
nicht fürchtet, gar keine Gefahr läuft und wohl dreißig in die Flucht
schlagen kann.
Fünf Jahre mußte er auf dem Gymnasium verbringen, das waren die fünf
schlimmsten Jahre seines Lebens. Damals fühlte er wohl den Druck und
hatte das unbestimmte Gefühl, als sei er Gefangener in einem Zuchthaus,
aber weil alle um ihn herum in derselben Weise lebten und dieses Leben
ganz natürlich und angenehm fanden, so kam ihm sein Unglück nicht zum
Bewußtsein, und er litt nur dumpf. So hatte er es später leichter, wie
er schwere Zeiten durchmachte, in Gewissenskämpfen und Sorge um das
tägliche Brot, denn da fühlte er sich innerlich doch immer froh, wenn er
dachte, daß das alles, was man als das Schlimmste hinstellt, doch nicht
so schlimm war wie dieses Leben in der Schule, das damals allen
natürlich und angenehm erschien, wenn auch alle litten gleich ihm.
Vieles wurde gelehrt, was ein jugendliches Herz wohl hätte begeistern
können; aber was die Lehrer sagten, und was gelernt werden mußte, war
gleichgültig und eine gemeine Arbeit ohne Sinn, wie sie ein Holzarbeiter
verrichten mag, der denkt: am Sonnabend habe ich meinen Lohn verdient;
und einen andern Sinn hat seine Arbeit nicht für ihn. So war auch in der
Schule alles Arbeiten nur aus dem Zwecke zu verstehen, daß man solche
Dinge wissen mußte, wenn man das Examen bestehen wollte; das mußte man
aber bestehen, sonst durfte man nicht studieren; deshalb freuten sich
auch alle auf die Universität, denn sie hofften, daß sie da das
Zweckvolle und Sinnreiche sehen würden. Aber weil die Arbeit allen
zuwider war, und weil alle das gleiche wissen mußten, Kluge und Dumme,
so kam zu dem noch hinzu, daß die Dinge, die man wissen sollte, so lange
wiederholt wurden und breitgetreten, bis sie auch bei dem Dümmsten und
Gleichgültigsten festsaßen. Traurig und matt saßen die Jungen auf ihren
Bänken, sahen sehnsüchtig aus dem Fenster, wo die Schneeflocken
wirbelten und eine frische Kälte war, oder starrten auf die
tintenfleckigen und zerschnitzten Tische und die beschmierten Bücher,
indessen die gelangweilte Stimme des Lehrers schläfrig an ihr Ohr klang,
der nun schon seit Stunden eine einfache Konstruktion erklärte, die
jeder sofort verstanden hätte, wenn er nur Lust hätte bekommen können,
sie zu verstehen; den einen oder andern ermahnte der Lehrer, er solle
aufpassen und nicht träumen, und wenn er dann einen fragte, ob er jetzt
die Sache wiederholen könne, so zeigte sich der gänzlich verständnislos,
und die Erklärung mußte von neuem angefangen werden. So wurde an einem
einzigen Satz von Cicero eine ganze Stunde übersetzt.
Es ist zu sagen, daß diese Bildung der Schule weder unsern Hans noch
irgend einen andern Jungen gebildet hat, sondern nur die Bedeutung eines
Wissens von allerhand Dingen bekam, das zum Teil sehr schnell wieder
vergessen ward, und so erhielten alle diese Schüler ihre wahre Bildung
neben und außer der Schule, weshalb über diese sowohl wie über die
Lehrer hier weiter nichts zu sagen ist.
Kinder sehen die Dinge nahe, scharf und gewissermaßen in einer einzigen
Fläche; aber wenn ein Junge in die Zeit kommt, die man die Flegeljahre
nennt, so ändert sich unmerklich dieses Sehen, und damit werden auch die
Gefühle verändert, die er in sich hat; denn es legt sich ihm ein
Schleier über alles, daß die Umrisse verschwinden und die Dinge, die
früher allein standen, sich zu einem einheitlichen und untrennbaren Bild
zusammentun, und dieses Bild bekommt dann Tiefe, Vordergrund und
Hintergrund, seine Seele aber erfüllt sich nun mit einer unbestimmten
und undeutlichen Sehnsucht, welche die Bilder immer weiter in den
Hintergrund treibt, damit sie dort goldigere Farben annehmen und
duftigere Umrisse; er kriegt Erinnerung und Hoffnung, und der Gegenwart
vergißt er, und weil so vieles eine neue Bedeutsamkeit erlangt hat, die
er früher nicht geahnt, so geht ihm nun oft bei einer Kleinigkeit das
Herz auf als bei einem tiefsinnigen Symbol, dessen Bedeutung ihm nicht
in Begriffen beifällt, sondern nur in einem dunkeln Gefühl; und kommt
alles das rein und ungestört durch Äußeres aus dem Innern heraus, bei
dem einen so, bei dem andern so. Außerdem, während das Kind noch das
Gefühl hatte, daß alle andern Kinder, ja selbst die Tiere, ihm gleich
seien und deshalb noch keine Scham kannte, überfällt jetzt den Jungen
eine heftige Schamhaftigkeit, weil alles Neue nur ihm allein gehört, und
kann sich diese Schamhaftigkeit aber nicht äußern, wie es ihr
entsprechen würde, weil der Junge sie selbst nicht versteht, deshalb
kommt sie zutage als Trotz, Ungezogenheit und auch als Lüge; so nennt
unsre liebe keusche Muttersprache dieses Alter recht schön die
Flegeljahre.
Welche von den vielen Zügen, in denen sich diese Wandlung äußerte, soll
der Erzähler nun wohl herausheben? Es ist etwa zu erzählen, wie Hans an
einem Mittwochnachmittag in der Stube seiner Wirtsleute sitzt, wo
hinterm Ofen der Bauer im Halbschlaf träumt, und hat eine alte
Zigarettenschachtel, die er geschenkt bekommen, die klebt er an allen
Seiten sorgsam mit Kleister zu, daß kein Licht hinein kann, und träumt
in der Art wie einst, da er zu Hause unterm Tisch saß, wie heimlich es
wäre, ganz klein zu sein und in solcher verklebten Schachtel zu sitzen.
Wäre ein andrer in der Stube gewesen und nicht bloß der verschlafene
Wirt, so hätte er sich geschämt, solches Spiel zu treiben.
Durch Schule und Umgang werden derartige Neigungen auf bestimmte Wege
gelenkt, und so kam Hans darauf, sich eine Pflanzensammlung anzulegen.
Dazu hatte er den stärksten Trieb im Frühling, denn wenn der Rasen noch
überall vergilbt und schmutzig war, so erschienen die gelben Blumen des
Huflattich, die dann im Sommer die großen Blätter nachtreiben, darauf
kamen die Schneeglöckchen, und endlich begrünten sich die Wiesen, erst
an den feuchten Stellen, wo die Dotterblume ihre dicken Knospen aufbrach
und glänzende Blätter entrollte; und wie es überall grün war, da
beblümte sich die Wiese mit Marienblümchen, Veilchen, Männertreu,
Vergißmeinnicht, Hahnenfuß, Frauenmantel, Löwenzahn, Schaumkraut und
Storchenschnabel, in den Wäldern aber wuchsen die Zankblümchen,
Maiglöckchen und blauen Leberblumen. Das alles war so, daß das Herz weit
wurde, und schien, als könne diese Zeit nie aufhören und müsse die Wiese
immer weiter blühen, und der Fuchsschwanz sich heben und Sauerampfer
stehen und Kälberkropf sich breiten, und es werde niemals gemäht. Alle
diese Blumen kannte Hans schon früher, aber jetzt sagten sie ihm eine
Sehnsucht und eine Freude, die ihm bis dahin unbekannt gewesen, und
einmal, wie er ganz allein war, und niemand ringsum zu sehen inmitten
der blühenden Wiesen, da wagte er es, daß er aufjauchzte; aber der Ton
war ihm so sonderbar, daß er gleich wieder verstummte, aus Schrecken.
Aus dieser Zeit blieb ihm ein Erlebnis für sein ganzes Leben in der
Erinnerung, das äußerlich zwar nichtig schien: er war ausgegangen,
Pflanzen zu suchen und trat aus dem Wald und sah vor sich ein
Bauernhaus, bei dem ein großes, abgezäuntes Weidestück war; weil aber
der Frühling eben seine ersten Tage schickte, so lag noch in einem
schattigen Winkel etwas schmutziger Schnee, jedoch mitten durch das
Stück floß ein Wässerlein, eilfertig und geschäftig, wie diese
Wässerlein im frühen Frühling dahinplaudern, und an dessen Rändern war
das Gras schon grün und einige Büschel Narzissen standen da, in deren
einem eine Narzisse aufgeblüht war, diese Blume, die für den
Oberflächlichen kalt und leer scheint und in Wahrheit doch eine fast
unheimliche Leidenschaft in sich schließt. Wie Hans diese einsame Blume
sah, war es ihm, als bliebe vor einer sonderbaren Wonne sein Herz
stehen, und erst viel später, wie er schon erwachsen war, wußte er, daß
da damals ein heftiges Glücksgefühl gewesen, und verspürte einen
goldenen und sanften Abglanz davon auch nachher immer noch, wenn er in
seiner Sammlung die gepreßte Blume betrachtete. Mit geringerer Stärke
hatte er solche Gefühle auf andern Gängen, die er einsam machte und für
sich; so, wenn er am Waldrand dahinschritt, wo knorrige Wurzeln
vorragten und die Zweige sich weit überbogen, indessen das Korn ruhig
stand mit Mohn und Kornblumen, oder er wandelte einen schmalen Pfad
zwischen den Kornfeldern, und rechts und links streiften ihn die
schweren Ähren, die überhingen, und eine Lerche stieg schmetternd in die
Höhe aus der Mitte der unbewegten goldenen Frucht und wurde zu einem
kleinen Punkte oben im Blau, von dem es herabjubelte; ja selbst der
Strohduft in seines Vaters dämmernder Scheune vermochte eine Sehnsucht
und glückliche Freude zu erwecken. Der Grund bei allem diesem aber war
wohl, daß es ihm schien, weil seine Brust sich weitete, so fließe er
zusammen mit dem andern und gehöre zu ihm, so daß alles eins sei.
Nur ein dunkles und drohendes Gefühl stand auch in solchen Stunden immer
im Hintergrund, das sich an die Schule knüpfte; da waren unbekannte
Gedanken, daß er eigentlich arbeiten müsse, und daß er nicht seine
Pflicht erfülle, und daß er niemals das schwere Abiturientenexamen werde
bestehen können, denn trotzdem er unter den Ersten saß, war er sich doch
bewußt, daß er lange nicht wußte, was man wissen mußte; und allerhand
Vorwürfe machte er sich dann, wenn er an seinen Vater dachte, wie
fleißig der war und sich keine Freude gönnte, nur damit er selbst lernen
sollte. So schwer war diese Last, welche die Schule auf seine Seele
legte, daß er auch nach vielen, vielen Jahren sie noch spürte, wie er
schon längst erwachsen war und verheiratet und Kinder hatte.
In der Schule hörte er von Lehrern wie von Schülern etwas ganz anderes
über den lieben Gott, wie er bisher gehört. Die Religionsstunde hatten
die Jungen bei einem Lehrer, dem ein langer, blonder Bart gewachsen war,
und der oft einen kleinen, runden Taschenspiegel vorzog, den er auf den
Katheder legte und darin seinen Bart betrachtete; auch putzte er sich
die Nägel so sorgfältig, daß sie glänzten wie poliert, und wenn er sich
setzte, so zog er vorher mit zwei Fingern die Hosenbeine in die Höhe, um
sie zu schonen, weil sich die Knie sonst aus den Hosen herausarbeiten.
Die andern Lehrer sprachen gar nicht vom lieben Gott, sondern sie
redeten so von den Göttern der alten Griechen und Römer, daß es war, als
glaubten sie an die, was natürlich bloß so schien. Und die Jungen
dachten eigentlich gar nicht an Gott; das war so, daß er sich geschämt
hätte, vor ihnen den Namen Gottes zu gebrauchen, denn er hatte das
Gefühl, daß das nicht hierher paßte.
Mit Karl hatte er einmal ein Gespräch über diesen Punkt. Da sagte
dieser, heute glaubten überhaupt die meisten Menschen nicht mehr an
Gott, und die es doch täten, wären entweder Heuchler wie die Pfaffen,
oder sie seien Dumme. Wie Hans ihn fragte, was dann sein Onkel sein
sollte, verstummte er zuerst, und dann erklärte er, der sei »hinter
seiner Zeit zurückgeblieben«. Solche Meinungen schienen Hans ganz
schrecklich, und er hatte großes Mitleid mit Karl; der aber lachte und
sagte, er wolle ihm ein Buch borgen, in dem sei das alles ganz klar
bewiesen. Zuerst wollte Hans das Buch nicht lesen, dann aber meinte er,
daß er Karl vielleicht auf bessere Wege bringen könne, wenn er ihm
solchen Widersinn klar mache, wie in dem Buche geschrieben sein werde,
und deshalb studierte er es durch.
Da war nun aber plötzlich alles anders geworden. Karl hatte recht, in
dem Buch war ganz klar nachgewiesen, daß es keinen Gott gab und daß nur
die Schlechtigkeit der Menschen, insbesondere der Pfaffen, die von der
Dummheit der Menschen ihren Vorteil zögen, noch die falschen Ansichten
aufrecht erhielte. Gar nichts konnte man gegen die Beweise des Buches
vorbringen. Das fiel ihm nun schwer aufs Herz, denn erstlich sollte er
jetzt in einigen Wochen konfirmiert werden und mußte bekennen, daß er an
die christliche Lehre glaubte, und das konnte er nun nicht. Wie er Karl
fragte, was der tun werde, da konnte ihm der auch keinen Trost geben,
sondern meinte, das sei nur eine Formsache mit dem Glaubensbekenntnis
und man könne es nicht Lüge nennen, wenn einer dazu sein »ja« sage, denn
jeder wisse ja doch, was von diesen Dingen zu halten sei. Diese Meinung
schien Hans nicht richtig und er beschloß deshalb, einen Erwachsenen zu
fragen, wiewohl er eine große Scheu hatte, wie wenn er etwas Verbotenes
getan habe; aber weil es sein mußte, so überlegte er sich lange, wen er
angehen solle, seinen Vater oder den guten Pastor, und er entschloß sich
endlich, zu seinem Vater zu gehen. Der aber erwiderte ihm nichts auf
das, was ihn bekümmerte, sondern wurde nur ärgerlich und sprach, er
solle keine törichten Bücher lesen, sondern sich an seine Schulsachen
halten und die ordentlich betreiben, so werde sich alles Weitere später
schon von selber finden. Das war das erstemal, daß ihm auf eine Bitte
keine Gabe wurde von seinem Vater, wiewohl nur deshalb, weil der ihn
nicht verstanden, und von da an verschloß sich das Herz des Kindes vor
dem Erzeuger und kam viel Kummer und schwerer Kampf aus solcher
Entfremdung. So sehr aber hatte die Antwort ihn zurückgetrieben, daß er
nun noch weniger wagte, zu seinem alten guten Pastor zu gehen.
Wohl wußte er, daß der Satan derlei Anfechtungen schickt, daß wir nicht
glauben können, und daß wir dann siegen, wenn wir recht heftig zu Gott
beten und Gott die Hilfe abringen; aber er sah auch ein, wenn es nun
keinen Gott gab, so war ja auch diese Lehre eitel Torheit; und das
schien ihm so klar, daß es keinen Gott gab, daß kein Mensch mehr
zweifeln konnte, nachdem er das Buch gelesen; es hieß aber »Kraft und
Stoff«.
Und die Sorge um die Konfirmation war nur das Nächste. Weiterhin tat
sich ihm dann die Furcht auf, wenn er nun die Schule zu Ende besucht
hatte, so sollte er Theologie studieren nach dem Willen seiner Eltern;
das konnte er aber doch alsdann nicht, denn er wäre doch dann auch einer
von denen geworden, die das Volk betrügen und die Wahrheit verhehlen.
Auch über diesen Punkt urteilte Karl ganz leichtfertig, indem er meinte,
diese Sorge habe noch lange Weile, und vorerst brauche man sich um sie
nicht zu bekümmern.
Für einen jungen Menschen bedeutet der Glaube an Gott noch wenig; er hat
noch so viel andern Glauben an sich und an die Menschen und an die
Zukunft und an die ganze Welt, daß er jenen entbehren kann, ohne daß
etwas in ihm zusammenbricht. So empfand Hans seine Wandlung im Grunde
gar nicht tief, sondern nur als eine Beunruhigung für seine Ehrlichkeit;
erst in seinem späteren Ringen ging ihm wenigstens ein Teil der großen
Fragen auf, um die es sich hier handelt. Diese erste Anfechtung fand ihn
in der Gedankenlosigkeit, die der glücklichen Jugend eigen ist und
geziemt.
Gerade in den Wochen, wo diese Gedanken einander am heftigsten anklagten
und entschuldigten, kam noch eine zweite Angelegenheit zu ihrem
Höhepunkt. Hans hatte nämlich eine Liebe gefaßt, wie das bei Knaben
seines Alters geschieht, und in dieser ereignete sich etwas über alle
Maßen Grausiges.
Das Städtchen war bis zum Deputationshauptschluß reichsunmittelbar
gewesen; dazu führte bis zu dem großen Umschwung im sechzehnten
Jahrhundert hier der Handelsweg vorbei, und die Bürger trieben wichtige
und weite Geschäfte bis tief nach Asien hinein. So waren sie reich und
stolz geworden und hatten ein Rathaus gebaut noch in den romanischen
Zeiten aus den gewaltigen Blöcken des dort vorkommenden Syenitgesteins,
das Funken sprühte, wenn man ihm einen Stahl anschlug, und waren in der
wuchtigen Wand die kleinen Fenster verteilt, die das Licht von hoch
herab in große Säle warfen, und vorn führte eine steile und schwere
Freitreppe zum Stock; am Eingang stand ein uralter und ungefüger
Steinblock, an dem des Kaisers Schwert und Handschuh hingen. Jetzt
spielten Kinder in luftigen Sommerkleidern auf der alten Treppe. Noch
andre alte Häuser erhoben sich am Marktplatz, stolz und trotzig wie
Burgen wehrhafter Ritter, aber mit hohen Dachräumen, in denen einst
reiches Kaufmannsgut gelagert.
Als der Handel damals andere Wege einschlug, hatten die klugen und
vorsichtigen Kaufherren einen verständigen Ersatz gesucht im
Geldgeschäft und Beteiligung am Bergbau, und war eine zweite Blüte der
Stadt gekommen aus diesen Gewinnen, die noch stolzer war wie die erste;
aber die großen Staatsbankerotte, die Wandlungen des Metallwertes und
die Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges hatten diesen Wohlstand von
Grund aus vernichtet. Seitdem kamen kleine Bürger auf in den stolzen
Häusern, die in Läden Handwerksgeräte, Kleiderstoffe und allerhand
geringe Kaufmannswaren verkauften an die Leute aus dem Gebirge oder die
Bauern vom Lande, die an den Sonnabenden zur Stadt kamen, hier
einzuhandeln, wessen sie bedurften bei ihrem kleinen Wesen. Und außer
den alten Häusern zeugten nur noch in der Kirche zu Sankt Blasien alte
Wappen in den Fenstern, finstere Familienstühle mit sonderbaren
Schnitzereien und prunkvolle Grabtafeln an den Wänden von den stolzen
Geschlechtern, die einst hier gelebt, ehe die freisinnig gesinnten
Kleinbürger in der Stadt hausten.
Nur eine der alten Familien hatte sich erhalten in sicherem Reichtum an
Grund und Boden in den Dörfern; deren Letzte bewohnten noch das alte
Haus aus schweren Quadern mit kleinen Fenstern und gewaltigem Giebel,
den oben die große eiserne Rolle zierte, mit welcher einst die fremden
Warenballen heraufgewunden wurden. In den reichsstädtischen Zeiten war
aus diesem Hause immer der regierende Bürgermeister gewählt und der
Iktus, aber wie die Freiheit verloren ging, hatten sich die Herrschaften
von allem zurückgezogen, und nun führten sie ein hochmütiges und
abgeschlossenes Leben, die Männer in Verwaltung ihrer Güter und
allerhand verschollener Gelehrsamkeit, die Frauen in Sorge für das Haus,
Wohltun und Frömmigkeit; seit dem dreizehnten Jahrhundert wies die
Hauptkirche Stiftungen von ihnen auf, angefangen mit einem Stück guten
schwarzen Tuches von acht Ellen, für die Armut bei den Beerdigungen als
Sargdecke zu nehmen. Damals nun lebte Herr Jobst Riemenschneider mit
seiner Frau und einem einzigen Töchterchen Johanna in dem alten Hause.
Herr Jobst war ein durchsichtig blasser und feiner Mann mit einem
verzehrten Gesicht, der Scheu hatte vor Menschen und alles Geräusch
fürchtete, und ganz im verborgensten Winkel des Hauses hatte er seine
Studierstube, deren Türen waren gepolstert, damit kein Laut sie
durchdringen sollte. Hier forschte er in allen Akten und Archivstücken
über die frühere Geschichte seiner Stadt; denn seit langen Jahren schon
arbeitete er an einem Werke, das doch nie fertig zu werden schien, weil
ihm immer neue Zweifel kamen, wenn er glaubte, er habe etwas festgelegt,
und dann mußte er immer von neuem untersuchen. Unterdessen wurde in der
allgemeinen Wissenschaft draußen ein heftiger Kampf geführt über die
Anfänge des Städtewesens und die ersten Zeiten der Gilden und Zünfte und
über die frommen Genossenschaften; das alles betraf seine Arbeiten, aber
er verspürte von diesen Kämpfen nichts, denn seit seinen
Universitätsjahren hörte er nichts mehr von heutiger Wissenschaft,
sondern lebte nur seiner beschränkten Aufgabe, die doch von Jahr zu Jahr
luftiger wurde und weniger zu fassen. Die Frau war bei der Heirat ein
fröhliches junges Ding, von der niemand wußte, woher sie stammte, und es
wurde heimlich erzählt, sie sei eine Schauspielerin gewesen. Damals
lebte noch des Herrn Jobst alte Mutter, eine kalte und fromme Frau mit
scharfen, grauen Augen. Die mag das junge Ding wohl sehr in die Zucht
genommen haben, denn man merkte ihr an, wie sie sich veränderte und
traurig aussah und oft verweint. Das einzige Töchterchen, das sie
Johanna nannten, wurde ihnen erst nach Jahren geboren. Damals, als Hans
seine Berührung mit diesen Menschen hatte, war die Frau schon lange
leidend, und es hieß, sie müsse in den Süden gehen. Johanna wuchs auf in
dem alten Hause, in dem es noch ein Zimmer gab, das ganz mit blauweißen
Kacheln ausgelegt war, auf diesen Kacheln sah sie Schiffe und
Windmühlen, Schlösser, Ruinen, Fischer, Kirchtürme, Chinesen und
allerhand sonstige Dinge abgebildet, die man sich denken mochte. Dann
waren da große, geschweifte Schränke, die vier Türen hatten, und
Kommoden mit wunderlichen Griffen, seltsam geschwungene Stühle, uralte
Bilder, die ganz dunkel geworden waren und etwa einmal ein gespenstisch
blasses Antlitz mit blitzenden Augen sehen ließen; Treppenstufen gingen
zu Zimmern in die Höhe; Kronleuchter hingen seit Jahrzehnten eingehüllt,
und vergoldete Stühle hatten festgebundene Bezüge. Und auf den Böden
stand unter Staub vielhundertjähriges Altertum, eingelegte Truhen,
Spinnräder aus Mahagoniholz mit Elfenbein, alte Bücher in Schweinsleder
mit messingenen Beschlägen, Rechnungen der Urahnen in Bündeln,
Medizinflaschen von längst vergessenen Toten und sonstiges Krankengerät,
Wiegen und Kinderspielzeug, darunter ein Puppentheater aus der
Rokokozeit und ein großer Ballen sorgfältig gesammelter alter Leinwand,
von der an arme Wöchnerinnen geschenkt wurde, wie seit Jahrhunderten
schon geschehen in diesem Hause.
Johanna war ein blasses Mädchen mit schwermütigen, dunkeln Augen und
langlockigem Haar; ihr Mund war schweigsam, aber ihre Augen vermochten
ein tiefes und heftiges Gefühl zu erregen. Als sie Hans zum ersten Male
ansah, war es ihm, als überfalle ihn eine ganz schreckliche Angst; über
die dachte er lange nach, und zuletzt wurde es ihm sicher, daß er das
Mädchen liebe. Wie er darüber klar war, beschloß er, mit Karl zu
sprechen; aber kaum hatte er dem den Namen genannt, da machte er ein
glückliches Gesicht und begann zu erzählen, wie sie die Tochter seiner
Wirtsleute besucht habe, mit der sie zusammen zur Schule ging, denn er
wohnte bei einem Oberlehrer, und es sei eines Sonntagnachmittags
gewesen, und sie hätten Pfänderspiele gespielt; da hätte sie ihn
mehrmals angesehen; und er wisse genau ihren Schulweg und habe eine Rose
abgepflückt und sei vor ihr gegangen, daß sie ihn habe sehen müssen, und
dann habe er die Rose für sie in einen stillen Winkel hingelegt, und sie
habe die Rose genommen, und seitdem lege er ihr jeden Morgen eine Rose
hin, und sie nehme und trage die.
Wie Karl das erzählte, schämte sich Hans für ihn, sowohl um die
Frechheit, daß er die Rose hingelegt, wie auch, daß er ihm das erzählte,
und wurde ihm auch sehr traurig im Herzen, in weiter und unbestimmter
Weise. So sprach er nichts mehr und suchte, daß er bald nach Hause kam,
ging auf sein Dachkämmerchen und begann heftig zu weinen; der Wirtsleute
gutherziges Töchterlein aber, das ein, zwei Jahre älter sein mochte wie
er, als sie nebenan das Schluchzen hörte, kam sie zu ihm und wollte ihn
trösten, riet auch gleich, daß er wohl verliebt sei. Da sprach sie recht
verständig und wie eine ganz erwachsene Person, daß er doch noch ganz
jung sei, und verloben könne er sich noch lange nicht, und überhaupt sei
das alles nur Unsinn. Wie aber Hans, obwohl er sich schämte wie ein
Dieb, doch immer heftiger zu schluchzen anfing, da konnte sie in ihrer
Gutmütigkeit sich nicht mehr halten, denn sie hatte nahe ans Wasser
gebaut, und fingen auch ihr an die Tränen über ihre runden Bäckchen zu
rollen in dicken Tropfen. So saßen die beiden auf Hansens Bettkante; und
kam ihr am Ende eine Erinnerung aus einem Buche, das sie gelesen, und
sagte sie Hans, sie wolle seine Schwester sein, küßte ihn auf den nassen
Mund und ging fort.
Nach wenigen Tagen hatte sie sich schon an Johanna heranzumachen gewußt
und wurde mit ihr recht befreundet. Da dachte sie dann, Hansen guten
Trost zu bringen, denn Johanna hatte ihr gesagt, sie möge Karl gar nicht
leiden und habe Hans viel lieber; aber Hans glaubte ihr nicht, sondern
meinte, sie wolle ihn nur trösten durch solche Botschaften. Einmal
jedoch besuchte Johanna seiner Wirtsleute Tochter, und da sprach sie
auch mit ihm einige Worte und sagte ihm zuletzt, weil es schon so dunkel
sei und das Haus so abgelegen, so möge er sie doch eine Strecke
begleiten, und wie er das tat, sagte sie ihm auf dem Wege dasselbe über
Karl.
Da bekam er einen so wilden Haß auf den, daß er darüber erschrak, denn
er hatte ein solches Gefühl noch nicht verspürt, und war es ihm
besonders heftig, wenn er Karl lachen sah, denn da hätte er ihn mögen
umbringen. Und weil er in diesen Tagen keinen Halt mehr fand in seinem
Gebet, so geriet er in Trübsinn und tiefes Unglück, und ihm war, als sei
er in einem Tal, aus dem es keinen Ausweg gibt, weil er vorher gemeint,
es gebe einen Weg nach oben, der in Wahrheit nicht da war. So geschah es
das erstemal, daß er dieses Gefühl hatte, das ja die meisten Menschen
durch ihr ganzes Leben begleitet; sie wissen es sich nur zu verbergen,
daß sie es haben, denn wenn sie das nicht täten, so vermöchten sie ja
nicht zu leben.
Während diese Dinge nun solchergestalt liefen neben den Dingen der
Erwachsenen, die meinten, daß ihre Dinge wichtiger seien, spitzte sich
in der Heimlichkeit eine andre Sache in Beziehung auf Johanna zu.
In Hansens Klasse war ein Schüler, dessen Jahre weit über den
Durchschnitt seiner Mitschüler hinausgingen, und der von diesen nicht
sonderlich geachtet wurde wegen seines törichten Wesens, denn er ahmte
in geckenhafter Weise die Erwachsenen nach in seiner Tracht, Haltung und
Benehmen; so hatte er dem Religionslehrer abgesehen, daß er eine große
Silbermünze an der Uhrkette trug, was damals neu und elegant war, und
hatte sich einen steifen Hut gekauft, wie die jungen Kaufleute haben,
und trug Stege an den Hosen. Sein Vater war ein reicher Gutsbesitzer,
der wenige Stunden von der Stadt entfernt wohnte, und von dem erzählt
wurde, daß er habsüchtig sei und Geld auf hohe Zinsen ausleihe.
Als Hans an einem Morgen in die Klasse kam, sah er, wie dieser Mensch
allein auf seinem Platze saß und scheinbar eifrig in einem Buche
studierte; alle seine Nachbarn waren von ihm gewichen, und in einer Ecke
des Schulzimmers wurde von einigen heftig gestritten und erzählt; von
denen erfuhr Hans, daß Ecker, denn so hieß jener, bei einem Freunde
einen Ring gestohlen habe, der dessen Mutter gehörte; und diese, in der
Meinung, daß ein Dienstbote die Tat begangen, habe der Polizei Nachricht
gegeben, und als Ecker den Ring beim Goldschmied zum Verkauf bringen
wollte, sei er festgehalten und erkannt worden. Wie der Lehrer in die
Klasse trat, gingen alle schnell auf ihre Plätze; der Lehrer aber rief
Ecker an und sagte, es sei bereits Meldung über ihn eingelaufen, und er
solle bis auf weiteres aus der Schule bleiben. Da richtete sich Ecker
auf mit einem blassen und verzerrten Gesicht, daß alle erschraken, denn
sie hatten ihre Blicke auf ihn gewendet, und machte sonderbare
Bewegungen mit den Händen und stieg unbeholfen auf die Bank und den
Tisch; und indem noch alle erstaunt waren, was dieses bedeuten solle, da
zog er ein Terzerol aus der Tasche, wie es wohl Jungen heimlich für ihr
Taschengeld kaufen, setzte sich das auf die Brust, schoß ab und stürzte
vornüber auf die Bänke und Tische hin, wo die andern entsetzt wegstoben,
ehe sie noch wußten, weshalb sie erschrocken waren.
Hans war es, als höre er einen Fall eines schweren Geschirrstückes auf
die Erde, denn er hatte die Handbewegung nicht verstanden, und wie Ecker
fiel, wußte er noch gar nicht, was das bedeute. Als ihm das aber klar
wurde, stieß er einen lauten Schrei aus vor Entsetzen, und nach einer
kurzen Weile schrie er nochmals und anhaltend. Viele versammelten sich
um ihn, und er wurde nach Hause gebracht.
In den nächsten Tagen wurde erzählt, wie alles zusammenhing. Der Tote
hatte allabendliche Zusammenkünfte mit Johanna gehabt in der
schlechtesten Straße des Städtchens, und hatten sie Leute da zusammen
stehen und sprechen sehen. Um diese Liebe hatte der junge Mensch
allerhand Ausgaben gemacht, die an sich wohl gering waren, aber doch
sein Vermögen überstiegen, und so war er zu dem letzten verzweifelten
Streich gekommen.
Für Hans war es, als ob er das alles in einem schweren Traum erlebe, bei
dem man das Bewußtsein hat, daß doch nichts Wirkliches geschieht,
sondern nur Erträumtes, und daß alles wieder in Ordnung ist, wenn man
aufwacht. Und kam ihm zwar nicht zu rechter Klarheit, was innerlich bei
ihm vorging, aber es ward ihm bewußt, daß alle Neigung zu Johanna
plötzlich erloschen war, und ihm geschah, wie wenn ein verschönender
Schleier plötzlich von ihrem Gesicht weggenommen war; so fiel ihm als
häßlich auf, daß sie über dem Nasensattel kleine Sommersprossen hatte,
die sie vorher ihm besonders liebreizend gemacht, und klang ihm auch
ihre Stimme mit einem Male scharf und widerwärtig. Sie besuchte seine
Wirtstochter und sprach wieder mit ihm, daß über sie viel gelogen werde,
und sie sei jetzt nach jenem Todesfall so allein, deshalb dürfe er sie
nicht auch verstoßen. Aber ihm war das alles abscheulich und ganz kalt.
Wie oft die Letzten untergehender Geschlechter zeigte Johanna das
unheimliche Auftauchen längst vergessener Triebe der Urzeiten, denn
nicht gestorben ist ja in uns das Blut unserer Vorväter, die im
Steinalter und in der Bronzezeit düstere Höhlen bewohnten und mit
bodengesenkten Blicken auf Raub und Vernichtung zogen, und es wird immer
wieder regsam in uns selbst zu gewissen Zeiten, wenn die klare
Vernünftigkeit schwach ist, die unsre Vorfahren errungen im
jahrtausendlangen Kampf um das Freie, Hohe und Gute, und manche Menschen
erfüllt es gänzlich; die wissen dann nichts von sittlichen Geboten und
folgen einer Sehnsucht, die wir nicht glauben, geben plötzlich sinnlos
und ohne Gedanken einer auftauchenden Begier nach und machen uns
vielleicht verwundern durch die Schärfe ihrer Sinne und die merkwürdige
Kenntnis der Regungen in andern Menschen, wie durch die Fähigkeit, diese
Kenntnis zu ihrem Nutzen zu verwenden.
Hans war dem geheimnisvollen Zwange der Natur unterlegen, welche die
ehrbaren und braven Menschen treibt, daß sie sich an solche unehrlichen
und schlechten hängen müssen, und scheint in der frühen Jugend, wo die
Liebe noch ganz geistiger Art und dunkle Sehnsucht der Seele ist, dieser
Zwang noch ärger zu sein wie im späteren Alter der zwanziger Jahre.
Deshalb muß man wohl sagen, daß Liebe etwas Furchtbares und Grausiges
ist, und der Mensch ist glücklich zu preisen, den das Geschick davor
behütet, in ihre Tiefen zu sehen. Aber bei Hansen war das nicht ein
Sehen oder ein Verstehen, sondern ein ganz tiefes, heftiges Gefühl, das
stärker war wie alle klare Äußerung des Geistes; und so tief in ihm war
der Kampf vor sich gegangen, daß ihm nichts davon in sein Bewußtsein kam
und er vielmehr erstaunte, daß seine Meinungen, Gedanken, Träume und
Liebe so plötzlich umgeschlagen hatten. Aber mit einem Male überfiel ihn
nun das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit in der Welt. Das war den
Sonntag vor seiner Einsegnung.
Da wurde ihm zum ersten Male klar, daß wir zwischen den Menschen wandeln
wie zwischen den wesenlosen Larven, welche die Wüste erfüllen; sie
weichen zurück, wenn wir auf sie zugehen, und wenn wir ihre Hände
drücken wollen, so fühlen wir bloße Luft; und ist nichts in der großen
Wüste lebendig, denn wir allein.
Es geschah aber in einem Wäldchen, weil er sich sammeln wollte und ohne
Reden der Menschen sein, daß ihm diese Klarheit kam, und geschah, wie er
eine Ameise betrachtete auf dem Wege, die sich abmühte um etwas, das für
ihn selbst ein Nichts war. Da dachte er an sein Losungsbüchlein, welche
Losung ihm das geben müsse für diesen Tag; und siehe, da stand
geschrieben: »Ich wache und bin wie ein einsamer Vogel auf dem Dache.«
Über diese Worte kamen ihm die Tränen und stürzten in großen Mengen aus
seinen Augen, und faltete die Hände, und wiewohl er keine Worte zu sagen
wußte oder denken konnte, so betete er doch, und im Bitten schon hatte
er noch Tröstung, Sicherheit und Ruhe.
Zwar bereits auf dem Heimwege kamen ihm wieder die alten Gedanken, daß
es doch keinen Gott gebe, und daß deshalb solche Erfahrungen, wie er
eben gemacht, ein Selbstbetrug seien; aber da half ihm wieder ein Buch,
nämlich er hatte Doktor Martin Luthers Tischreden zu Hause liegen, die
ihm der gute Pastor geliehen, in einer schönen, alten Folioausgabe,
unbekümmert um die Derbheiten und starken Ausdrücke des Buches; denn er
meinte, was aus einem reinen Munde kommt und in ein reines Herz geht,
das kann keinen Schaden tun, und die heutigen Menschen sind übermäßig
verzärtelt in ihren Worten, da sie doch in Gedanken und Taten unreiner
sind wie früher. In diesem teuern und herrlichen Buche schlug Hans auf
den Zufall hin auf, da stieß er auf die Stelle: »M. Antonius Musa,
damals Pfarrherr zu Rochlitz, hat auf eine Zeit ^D.^ Martino herzlich
geklagt, er könne selbst nicht glauben, was er andern predige. Gott sei
Lob und Dank (hat ^D.^ Martinus geantwortet), daß andern Leuten auch so
gehet, ich meinte, mir wäre allein so. Dieses Trostes hat Musa sein
Lebenlang nicht vergessen können.«
Hierüber wurde Hans fröhlich und zufrieden, und schien ihm alles, was er
Gelehrtes gelesen gegen Gott, dummes Zeug zu sein. Und beim frohen
Blättern kam ihm noch eine andere Stelle unter die Augen:
»Als über ^D.^ Martini Lutheri Tische disputieret ward, wie ein lieblich
Ding der Tau wäre, sprach ^D.^ Martinus: >Ich hätte es nimmermehr
gegläubet, daß der Tau so ein herrlich lieblich Ding wäre, wenn nicht
die Heilige Schrift den Tau selbst hoch gelobt hätte, da Gott saget:
^Dabo tibi de rore coeli^, ich will dir vom Tau des Himmels geben. Ach,
^Creatura^ ist ein schön Ding, wenn wir sollen ^Creationem^ glauben,
^tum balbutimus et blaesi sumus^, und sagen ^Cledo^ für ^Credo^, wie ein
Kindlein spricht Lemmel für Semmel. Die Worte sind wohl stark, aber das
Herz spricht ^Cledo; sed per hoc salvamur, quia cupimus credere^. Ach,
unser Herrgott weiß wohl, daß wir arme Kindlein sind, wenn wirs auch nur
erkennen wollten. Sagen doch die Apostel selbst: ^Dominus adauge nobis
fidem^. Aber wir sind alle klüger denn unser Herrgott, wir könnens nicht
verstehen, ^nisi per filium, id est, Christum^. Das ist alle seine
Predigt, daß er spricht: ^per me, per me, per me^, ihr könntet's nicht
tun, wenn ihr euch gleich zerreißet, durch den Sohn werden wir zum Vater
bracht. Darum, wenn wir nur glaubten, daß unser Herrgott klüger wäre, so
wäre uns schon geholfen.<«
* * * * *
Hans wurde mit Karl zusammen eingesegnet, nicht in der Stadt, sondern zu
Hause in dem kleinen Dörfchen bei dem guten und frommen Pastor, der ihn
in den ersten Jahren unterrichtet.
Es saßen zusammen zehn Kinder auf den Bänken der Konfirmanden, sechs
Knaben auf der einen Seite und vier Mädchen auf der andern; und hatten
die Mädchen das alte Dorfkirchlein mit seinen hellen Fenstern und
weißgetünchten Wänden durch Kränze und Blumengewinde verziert, mit den
vollen und farbigen Herbstblumen, vornehmlich Georginen und Astern, und
der Boden war mit Tannengrün bestreut, das die Knaben den Tag vorher aus
dem Walde geholt hatten unter fröhlichen Gesängen und wichtigen Reden
darüber, wie sie sich morgen würden mit der kurzen Pfeife sehen lassen
auf der Dorfstraße, und daß sie zum Erntefeste tanzen durften. Sie
dachten wohl mehr an die Freuden der natürlichen Menschen bei der Feier;
aber der natürliche Mensch und der geistige waren bei ihnen ja nicht so
getrennt, wie wir meinen; und wenn ein Junge, der jetzt zur Seite
ausspuckt, wie er es bei den erwachsenen Burschen gesehen, und vom
Tanzboden spricht mit überlegener Miene, wenn der erst durch sein Leben
gepilgert ist, durch Jugendtorheiten, Verliebtheit, Heiraten,
Kindererziehen, Sorgen, Arbeiten und Kummer und als ein Greis im
Hochalter vor seiner Hütte in der Sonne sitzt, dann denkt er auch wohl
einmal an seine Einsegnung, und da verspürt er, daß er in Wahrheit doch
noch andre Gedanken gehabt wie an die kurze Pfeife und das Tanzen. Es
ist wohl recht lächerlich, daß auch Hans nicht die rechten Gedanken
hatte; ihm fiel immer die Uhr ein, die ihm der Vater geschenkt, nebst
der stählernen Kette, und der schwarze Anzug beengte ihn, und dann
fürchtete er sich, daß er weinen werde. Karl saß neben ihm und war in
sich versunken und hatte schwere Gedanken.
Die Kirche war ganz voll. Da saßen unten die Frauen, voran die
Bäuerinnen mit ihren Töchtern, dann die Frauen der Holzarbeiter, und
hinten die Tagelöhner. Vorn sah man feste, ruhige und glatte Gesichter,
denen man Sicherheit, Ordnung und Fleiß anmerkte und gute Gesundheit.
Dann kamen Gesichter, in denen man viele Mühe und Not las und Sorge um
das tägliche Leben, aber dabei doch Würde und Ehrbarkeit, und zuletzt
sah man Übermut und niedergedrücktes Wesen, fahrigen Sinn,
Unterwürfigkeit und gedankenloses Dahinleben. Auf dem Rang saßen die
Männer, glattrasiert die alten und mit Bärten die andern, und sie hatten
nicht so ihre geordneten Plätze wie die Frauen unten. Hansens Eltern
waren auch zugegen und saßen im Pfarrstuhl, und der Vater trug die grüne
Gala-Uniform mit dem Hirschfänger an der Seite und sah groß und
stattlich aus, und neben ihm die Mutter, die mit der Frau Pfarrerin die
einzigen Frauen in städtischer Tracht waren.
Wie die Gemeinde das Eingangslied gesungen, kam der gute Pastor und las
das Evangelium, und seine Stimme tönte schön und tiefklingend wie eine
wohllautende Glocke; und nach dem zweiten Lied folgte dann die Predigt.
Die wendete sich fast nur an die Kinder und ihre Eltern; der alte Mann
sagte, daß sich nun das Tor auftat zum Leben, und rühmte Gottes Güte,
daß der uns die Gabe verliehen, durch dieses Tor zu gehen nur mit
Hoffnung und Freude; und siehe da, als er diese Worte sprach, wurden
einer harten und strengen Frau die Augen naß, der reichsten Bäuerin, und
zog ihr Taschentuch hervor und weinte still vor sich hin, und die
Tagelöhnerfrauen hinten stießen sich an und sahen nach ihr mit
Erstaunen. Der Prediger fuhr fort und sprach von der Schuld, wie die
sich jetzt anspinnt, in diesen Jahren, wenn sie nicht schon älter ist,
und wie sie größer wird und größer und unversehens so groß, daß sie uns
überragt und uns beherrscht wie einen Sklaven. An dieser Stelle wurde
Karl bleich und schaute verzweifelt vor sich hin, daß Hans erschrak, wie
er durch Zufall zur Seite blickte und in sein verfallenes Gesicht sah.
Vieles verstanden die Leute nicht in der Predigt, so die Worte, daß das
Gute leichter sei wie das Böse, und daß man das Gute tue als ein froher
Herr und das Böse als ein ingrimmiger Knecht; aber es war auch wohl
nicht nötig, daß die Leute alles verstanden, denn für sie konnten die
Worte ja doch nicht Mahnung sein, sondern nur Trost, und den faßten sie
auch so, selbst wenn zu dem andern ihre Gemüter nicht genug licht waren.
Und nahm jeder den Trost in seiner Weise, denn die stolzen und
lebensklugen Bauern hatten doch einen Winkel in ihrer Seele, wo die
Sicherheit nicht war, der wurde nun erhellt, und die bekümmerten
Holzarbeiter, die sich sorgten, wie sie die Ihrigen rechtschaffen durch
das Leben brachten, fanden eine Hoffnung auf ein Leben, da es keine
Sorgen und Kümmernisse gab, aber die oberflächlichen und prahlerischen
Tagelöhner wurden wohl aus ihrer Selbstzufriedenheit erweckt, doch
schwieg gleichzeitig der Stachel des Neides, der sie sonst quälte, und
auch sie wurden fröhlicher.
Wie der Glauben bekannt wurde, sprachen die andern zaghaft und leise,
Hans aber rief sein Ja laut und jubelnd, daß ihn der gute Pastor
freundlich ansah; und unter bangem Herzklopfen folgte dann die
Abendmahlfeier, bei der ein unbegreifliches Geheimnis unsern Glauben mit
den urältesten Hoffnungen, Furchten und Gedanken der Menschen verbindet
und so auch in Leichtfertigen und Gedankenlosen einen Schauer erzeugt,
der ernst macht.
Danach sang die Gemeinde das Ausgangslied, und währenddem gingen die
Eingesegneten einer nach dem andern zu dem Pastor in die Sakristei,
brachten ihm, eingewickelt in Papier, ihren Beichtgroschen, wie es Sitte
war seit undenklichen Zeiten, und niemand nahm daran einen Anstoß, und
erhielten einen Spruch auf ihren Lebensweg; Hansen aber sah der Pastor
mit einem frohen Lächeln an, dann nahm er seine Hand, legte ihm die
Rechte aufs Haupt und sprach: »Halte, was du hast.« Das war in einer
kleinen Sakristei, die getünchte Wände hatte, und stand da ein Tisch aus
gestrichenem Holz, und darauf lag Bibel und Gesangbuch, davor das
Kruzifix und ein Strauß Herbstblumen in einer blauen Glasvase; das
Fenster war geöffnet, und von draußen kam das Murmeln der gehenden
Menschen und herbstlicher Sonnenschein, der in Tropfen durch das Laub
eines Baumes fiel. Wie Hans in die Kirche zurückkam, wartete da eine
Taufgesellschaft, und war die Mutter früher Dienstmädchen bei der
Herrschaft gewesen, die einen Waldwärter geheiratet und hatten das erste
Kind. Die Frau saß in einem Kirchenstuhl, mit verlegenem und glücklichem
Gesicht, und rosig und lächelnd und hielt das Kindchen auf einem Kissen
im Arm und schaukelte es, damit es nicht schreien solle, das Kind aber
wollte gar nicht schreien, sondern sah erstaunt nach dem großen
Hängeleuchter, der mitten in der Kirche von der blauen, goldgesternten
Wölbung herabhing. Der Vater stand aufrecht daneben in straffer Haltung,
als ein früherer Soldat, und trug einen Bart rund ums Gesicht, in dem
Oberlippe und Kinn ausrasiert waren, so daß nur der Kranz blieb; und
auch er blickte glücklich und stolz auf das Kind, doch suchte er
unbeteiligt auszusehen und wollte seine Gefühle verbergen, als unpassend
für einen gräflichen Beamten. Die beiden Großeltern sollten Pate stehen,
denn die Eltern mochten keine Patengeschenke von Fremden betteln. Die
saßen gleichfalls, und ließ der Großvater seine Uhr an der härenen Kette
baumeln, und wunderte sich, daß das Kind gar nicht auf die
Merkwürdigkeit achten wollte, indessen die Großmutter zur Seite
geschäftig in allerhand Linnenzeug kramte.
Wie der Pastor in die Kirche zurücktrat, erhoben sich die Sitzenden und
traten alle zum Taufbecken. Die Mutter sah den alten Pastor an, der auch
sie einst getauft, dann eingesegnet und endlich getraut hatte, und wurde
noch röter, und ihr frisches Gesicht strahlte und wollte gewiß sagen,
daß er das Kind bewundern solle, wie groß es war und verständig, aber
sie besann sich noch zu rechter Zeit, daß das unpassend gewesen wäre,
und in ihrer Verlegenheit schoß ihr eine ganz feurige Welle über das
Gesicht, und machte einen Knicks vor dem geistlichen Herrn, wie es ihr
früher beigebracht war, wenn sie auf dem Schlosse etwas der Herrschaft
zu übergeben hatte, und reichte ihm das Kind. Der alte Mann lächelte
freundlich, nahm es ihr ab, faßte ihm die Bäckchen und gab es der
Großmutter, indem er der ganz verwirrt gewordenen Mutter zunickte.
Indem goß der Kantor das Wasser in das Taufbecken und prüfte mit dem
Finger die Wärme; dann fand die Taufhandlung statt, bei der das Kind
sich artig und ruhig hielt, dank der unermüdlichen Bewegungen der
Großmutter, denn nur wie es die dreimalige Benetzung verspürte, schien
es erstaunt und schlug die Augen über sich, und der Großvater, welcher
der Stolzeste schien, rühmte es durch ein leises Wort dem Vater; am Ende
kniete die Mutter nieder, und der Pfarrer erteilte ihr den Segen. Karl
erwartete Hansen, denn er hatte ihm Wichtiges zu sagen und wollte seine
Seele erleichtern durch Erzählen. Schon seit etlicher Zeit hatten sich
die beiden entfernt, unmerklich und ohne sichtbaren Grund, wie sich zwei
Baumstämme trennen, die, im Meer treibend, einander gefunden hatten und
zusammen dahinschwammen, eine lange Weile. Wenn sie sich trafen, hatten
sie sich nichts zu sagen, trotzdem doch sonst der Jugend das Herz leicht
überfließt von dem vielen Neuen, das durch Auge und Ohr hereinkommt und
gebildet wird durch den schöpferischen Verstand, und deshalb sprachen
sie Gespräche wieder, die sie vorzeiten geführt, wiederholten Worte, die
damals lebten und nun tot waren, und wunderte sich im stillen ein jeder,
wie wenig er zu sagen wußte. Aber heute war in Karl eine alte Liebe
erwacht, und sein Herz sehnte sich nach einem teilnehmenden Gesellen. So
feinfühlig sind wir, ohne daß wir es ahnen, daß das Fremde, das in uns
gekommen, auf beiden Seiten wirkend, uns trennt; erst als seine Reue die
Schuld hinauswarf, waren sie wieder zusammen wie vorher.
Karl erzählte aber von Johanna und seiner Liebe zu ihr, und wie er sich
bisher nicht frei machen konnte, trotzdem er sich selbst verachten
müsse, und er sehe klar, daß er immer niedriger und schlechter werde
durch seine Zuneigung; heute aber habe er einen festen Entschluß gefaßt,
daß er sich befreien wolle aus seiner Untertanschaft. Nicht so sprach
er, wie hier mit abstrakten Worten geschrieben ist, sondern er redete
als ein Halbwüchsling; und ein Mensch, der nicht weiß, welche Bedeutung
die Handlungen des Menschen haben, hätte seine Erzählung für kindisch
gehalten und sein ganzes Erlebnis. Aber das ist eine oberflächliche
Meinung, die durch die äußere Gestaltung, welche einer Handlung Alter
und Bildung und sonstige formgebende Dinge anziehen, sich bewegen läßt
in ihrem Urteil, und einen sittlichen Kampf belächelt, weil er in dem
siegfriedhaften Wesen eines unerfahrenen Gemütes vor sich geht und um
Dinge, die einem Erwachsenen unbedeutend erscheinen; da doch solche
Vorgänge wichtiger sind, weil sie auf die weitere Bildung des Charakters
einwirken, wie scheinbar bedeutsame Ereignisse in späteren Jahren.
Es kann ja kein Mensch trösten, denn es gibt keinen Trost, außer den
einen, den jeder schon weiß, daß wir Vergangenes nicht ändern können;
aber in der bloßen Erzählung war ein Trost für Karl; denn indem er alles
genau seinem Freunde schilderte, wußte er, daß er ein Zeichen von sich
gab dessen, daß er nicht wieder zurückkehren würde zu dem, was zu
verlassen er sich vorgenommen. So gelangte er ans Ende seiner Geschichte
frohen Mutes, und auch Hans war fröhlich, und beide freuten sich einer
neuen Freundschaft, die ihnen leuchtete wie ein Ährenfeld nach einem
erquickenden Sommerregen, wenn die Sonne sich in tausend frischen
Tropfen spiegelt und die Erde einen nahrhaften Geruch ausströmt, denn
die Gedanken junger Leute laufen noch mit eiligen Kinderfüßen, und
besonders laufen sie eilig vom Trüben zum Trostreichen. Aber wer zu
urteilen wüßte über Menschen und Schicksale ahnen könnte aus ihrem
Wesen, der hätte gesehen, daß Karl wohl guten Willen hatte und einer
guten Leitung folgte; aber in seinem Innern war doch Zuchtlosigkeit und
Schwäche, und auf irgendeine Weise mußte Schwäche einmal sein Schicksal
entscheiden. Jetzt war es so, daß einmal und für einen flüchtigen
Augenblick und unverstanden aus den grauenhaften Tiefen, die wir ja alle
haben, in ihm der Gedanke auftauchte: er möchte Hansen töten; das war
ein nichtiger Gedanke, wie uns Tausende durch den Kopf gehen, ohne
Folgen und selbst ohne Möglichkeiten von Folgen; es war nur ein leises
Lebenszeichen des Bösen in ihm, das sich des Vertrauens schämte und Haß
empfand gegen den Mitwisser der Schwäche.
Die beiden waren im Walde gegangen durch raschelndes Buchenlaub; wie sie
zurückkehrten und zwischen den Bäumen hervortraten, standen sie oberhalb
des Dörfchens, das sich lang das Tal in die Höhe dehnte; die
Kirchenglocke läutete zur Beerdigung, und auf dem Kirchhofe predigte der
Pastor vor einem offenen Grabe, an dem die Leidtragenden standen.
Der Verstorbene war ein recht unglücklicher Mensch gewesen; denn schon
seine Eltern hatten im Armenhause gelebt und als leichtfertiges und
träges Volk, und wie er noch ein ganz kleines Kind war, hatte ihn die
Mutter einmal im Zorn auf die Erde geworfen, davon er sich die Hüfte
verrenkt, und war ihm das Bein verdorrt, so daß er sich nur mit
mühseligem Humpeln weiterschleppen konnte; hierdurch erhielt er den
Namen Hinkeding. Wie er etwa sieben Jahre alt sein mochte, starben seine
beiden Eltern, und die Gemeinde gab ihn dem Abdecker in Kost, der
außerhalb des Dorfes lebte; bei dem hatte er es noch übler wie bei den
rohen Eltern, denn er erhielt nur schlechte Nahrung und geringe Pflege
und mußte trotz seines Gebrechens und seiner Jugend doch viel arbeiten,
das er zwar willig tat. Die böse Dorfjugend beschimpfte ihn um diese
Arbeit noch weiter und nannte ihn Wasenmeister, und mochte sich darum
kein andres Kind mit ihm abgeben, auch hätten die Eltern es denen
verboten, wenn sie es getan hätten. So wuchs Hinkeding roh und tückisch
heran, nur mit dem alten Wasenmeister und seiner bösen Frau hatte er zu
sprechen, die in schlechtem Rufe standen, außer ihrem ordentlichen
Geschäft, daß sie allerhand Zauberei und Aberglauben treiben sollten.
Beim Konfirmandenunterricht mußte er allein auf einer Bank sitzen, denn
der damalige Pfarrer war zu schwach und unverständig, um dem Unwesen zu
steuern, und nach den Stunden fielen oft die andern über ihn her und
schlugen ihn, wiewohl er sich wehrte mit allen Mitteln, indem er trat
und kratzte, und einmal zog er selbst ein Messer. Niemals durfte er auf
den Tanzboden kommen, und auch die geringsten Mädchen wendeten sich von
ihm mit Verachtung, denn selbst einer Gutsmagd uneheliche Tochter, die
bei einem Bauern diente und ein Auge verloren durch einen Stich mit der
Heugabel, mochte nicht mit ihm sprechen. In solchen Lebensverhältnissen
hatte sich in ihm eine besondere Bosheit ausgebildet, daß er die Kinder
erschreckte, indem er plötzlich eins faßte und ihm unheimliche Dinge
sagte, die er vielleicht auch ausgeführt hätte, wenn er es gewagt, oder
daß er den Mädchen bösartigen Schabernack antat, um den er dann wieder
von den andern mit Grund gehaßt und verfolgt wurde. Später warf er sich
darauf, allerhand Bücher zu lesen, die er bekommen konnte, denn wiewohl
er in der Schule nichts gelernt hatte, weil in den Zeiten, wo er jung
war, sich um solche Kinder niemand bekümmerte, wußte er sich allerhand
Künste doch aus seinem eignen Geiste zu lehren und hatte auch ohne
Anleitung das Lesen gelernt. Aus diesen Büchern kam ihm nun viel
verwirrtes Zeug in seinen Verstand, denn er verschmähte einfache und
schlichte Schriften, die er hätte verstehen können, sondern wollte
Bescheid wissen, wie die Welt geschaffen, und weshalb das Böse in die
Welt gekommen, und wie weit der Himmel von der Erde entfernt sei und
solche Dinge, denn es hatte wohl seine arme, umdüsterte Seele ein Sehnen
nach Gott und nach Gerechtigkeit; denn wenn auch die Liebe dem
natürlichen Menschen nicht eigen ist, so hat er doch ein Streben nach
Gerechtigkeit. Dergestalt kam er auf eigne Gedanken, daß es keinen Gott
geben könne, weil da ein Stern war, dessen Licht erst nach viertausend
Jahren zu uns kam, weil er so weit entfernt von der Erde war. Und bei
dieser Meinung blieb er; wie er aber nichts weiter hatte, an das er sich
halten konnte, so wurde er hochmütig auf seinen Verstand und verachtete
alle andern Menschen und verhöhnte sie, und diese hinwiederum beharrten
in ihrem alten Spott und Haß und vermehrten nur ihr Lachen, wie sie von
seinen Ansichten merkten; und wenn er auch allen andern Spott fühlte, so
spürte er hier doch nichts davon, daß sich die jungen Burschen über ihn
lustig machten, wo sie ihn fragten, wie lang und breit der Himmel sei
und ähnliches, sondern erklärte ihnen seine Meinungen, achtete gar nicht
ihres Lachens, sondern hielt dieses wohl gar für Anerkennung und
verhöhnte sie wegen ihrer Dummheit und Unbildung. Und so groß war sein
Eifer, wenn er dergestalt lehren und sich rühmen konnte, daß er gar
nicht merkte, wie er Hinkeding Wasenmeister genannt wurde, welche Namen
ihn sonst zu heftigem Zorne bringen konnten.
Wie der jetzige Pfarrer seines Vaters Stelle erhalten, war es schon zu
spät gewesen, noch auf den armen Menschen einzuwirken, denn die Bosheit
war schon ganz unausrottbar in ihm gewurzelt, und seine Meinungen hatten
sich so in ihm befestigt, daß sie nicht mehr vernichtet werden konnten.
So war es mit ihm denn immer schlimmer geworden, daß er am Ende ein
gefährlicher Mensch war, der nur durch ein Wunder noch kein schweres
Unheil angerichtet, vielleicht weil ihn seine Unbehilflichkeit an vielem
hinderte. Denn weil sein eignes Gemüt schlecht war, und weil gegen ihn
alle Menschen sich schlecht gezeigt hatten, so bildete er sich die
Gedanken, es gebe gar keine Güte im Menschen, und sei auch allen alles
erlaubt, nur daß sich immer einer vor dem andern fürchte.
Dieser unglückliche Mann war nun im Hochalter gestorben; und wiewohl die
Leute im Dorf gewollt hatten, daß er beigescharrt werde wie ein Tier,
wegen seiner Lästerungen und Bosheiten, hatte der Pastor doch verlangt,
daß er ehrbar geleitet wurde, und nun hielt er ihm selbst eine Predigt.
Jetzt stand der Mann vor Gottes Thron und wartete auf sein Urteil. Und
sein Ankläger brachte ein großes Buch vor, in dem standen geschrieben
die vielen Schmähungen und Lästerungen, Bosheiten und schamlose und
niederträchtige Handlungen. Denn als eine im tiefsten Innern böse Person
hatte er sich selbst an den unschuldigen Tieren und an jungen Bäumchen
vergriffen. Aus bloßer Lust hatte er viele hundert junger Bäume
abgeschnitten, die in Fröhlichkeit sich in der Frühlingsluft zu strecken
gedachten, und Tiere hatte er nicht nur geworfen und geschlagen, sondern
einmal hatte er einem jungen Hunde, der ihm treuherzig gefolgt war, ein
Auge ausgestochen, und einem Pferd hatte er brennenden Schwamm unter den
Schwanz gebunden. Nichts konnte sein Verteidiger erwidern, wie daß er
erzählte von seiner elenden Kindheit und jämmerlichen Jugend, und daß er
nur Schlechtes gesehen hatte in seinem Leben und nie Gutes ihm erwiesen
war. Aber vor Gott gibt es keine Entschuldigung aus diesen Dingen, denn
er sagt, daß er den Menschen eine reine Sonne an den Himmel gestellt
hat, zu der sollen sie aufschauen. Da erzählte der Verteidiger zuletzt
eine Geschichte, die einzige, die er hatte aufzeichnen können in seinem
Buch.
Vor langen Jahren, der Mann war noch ein Jüngling gewesen, hatte er
einmal an einem Raine unter einem Quitschenbaum gesessen und an einem
hölzernen Löffel geschnitzt, denn er erhielt sich durch Anfertigung und
Verkauf von allerhand Holzwaren. Da kam ein kleiner dreijähriger Junge
zu ihm, dessen Eltern im Feld arbeiteten und durch einen geringen Hügel
verdeckt waren, nannte ihn und bat, er solle ihm eine Pfeife machen; er
konnte aber noch nicht alle Buchstaben sprechen, deshalb sagte er zu ihm
Inkeding. Da sah Hinkeding das Kind an, stieg auf den Baum, der hoch war
und glatt, schnitt ein passendes Reis ab und machte dem Kind eine
Pfeife, indem er beim Klopfen das Liedchen sang, welches er selbst als
Junge oft gehört, aber nie über seine Lippen gebracht hatte, weil er
allein war und keine Pfeife haben mochte.
Er war noch ein Jüngling gewesen damals, und als er älter wurde, schnitt
er die Bäumchen ab und stach dem kleinen Hund ein Auge aus; aber Gott
sieht nicht in der Zeit wie wir, sondern ohne die Zeit; was wir Menschen
auch tun sollten, wenn wir uns herausnehmen, in sittlichen Dingen zu
urteilen; und weil er keine Seele von sich läßt, die auch nur eine
Ahnung des Guten hat, denn er meint, daß durch Güte sich Güte vermehrt,
was freilich nur für den Himmel paßt, und nicht für dieses irdische
Gefängnis unsrer Seele hienieden, so nickte er dem Manne freundlich zu
und nahm ihn auf in sein ewiges Leben.
In dem Augenblicke hatte der Pfarrer seine Rede am Grabe beendet, und
der eine oder andre der Umstehenden nahm sich vor, er wolle künftig
seinen Kindern verbieten, solche Menschen zu verspotten, und wolle ihnen
selbst ein Beispiel geben. Und die beiden Jünglinge oben am Waldesrande,
die auf den Gottesacker niedersahen, dachten, daß sie eben froh gewesen
waren, und daß ein Mensch begraben wurde, der unglücklich gewesen in
seinem ganzen Leben.
* * * * *
Nun hatte Hans die Schule durchgemacht und das Examen bestanden; so
sollte er jetzt die Universität beziehen. Bis dahin war er nie ganz von
Hause weg gewesen, denn wenn er auch in den Wochentagen im Löwenhof in
einem Dachkämmerchen war und in der Schule auf den Bänken saß zwischen
den andern, so pilgerte er doch jeden Sonnabend nach Hause, durch den
hohen Tannenwald, an stillen Holzhauerdörfchen vorbei zu seinem
Vaterhaus, das auf einer umschlossenen Waldwiese stand, in schwarzen
Schiefern, und krausen Rauch schickte es in die helle Luft. Aber nun
sollte er weit fort reisen mit der Eisenbahn, aus den Bergen in das
ebene Land, und erst nach Monaten kam er wieder in die Heimat; und wenn
er dann seine Studien beendet, wer weiß, in welche Ferne er dann gehen
mußte.
Da rief ihn die Mutter zu sich und ging mit ihm in die Schlafkammer
oben, um ihm ungestört ihre Abschiedsworte zu sagen.
Sie machte ein Gleichnis und sprach: Wenn du einen Tropfen Essig
schüttest in ein Faß edlen Weines, so wird der Essig zu Wein; und
umgekehrt, wenn du einen Tropfen Wein gießest in ein Faß mit Essig, so
verliert er seine Natur und wird zu Essig. Also ist auch der Menschen
Natur, denn wenn ein guter Mensch kommt in böse Gesellschaft, so
verliert er alsbald seine Art und nimmt schlechte Art an, gleichwie ein
Böser, der in gute Gesellschaft kommt, sich zu guter Art schlägt. Dieses
bedenke und hüte dich vor lockeren Buben, die du viele treffen wirst auf
der hohen Schule und in der großen Stadt. Denn wir, ich, dein Vater,
deine Großmutter und unsre Magd Dorrel haben uns getreulich bemüht, daß
du ein guter Mensch werdest; jetzt aber müssen wir dich ziehen lassen,
mit Furcht und Sorgen, daß du uns nicht verdorben werdest und
zurückkehrest als ein nichtsnutziger und verkommener Mensch. Und laß
dich auch nicht verführen durch Neugierde und Eitelkeit, daß du zu tun
bekommst mit solchen Buben, und du meinst, es soll nur auf kurze Zeit
sein, nachher aber gedenkst du sie zu meiden; sondern denke, daß das
Böse sich an den Menschen hängt wie Kletten, auch durch leise Berührung,
und schwer ist es, daß sich einer wieder befreit von dem Unkrautsamen an
seinem Gewande. Besonders aber warne ich dich vor der Eitelkeit; denn du
weißt wohl, daß die Bösen spotten über die Guten und ihnen vorwerfen,
sie seien unfrei, weil sie nicht tun wie sie und hören auf erfahrene
Leute, dahingegen doch die Bösen selbst unfrei sind, denn wohl tun sie
die ersten Schritte ohne Zwang, alle weiteren aber als Knechte ihrer
früheren Taten; ein Trinker kann nicht mehr lassen vom Trinken und ein
Hurer vom Huren, sondern ihr Teufel zieht sie hinter sich her an ihren
Haaren. Du mußt aber wissen, daß dieses die besondere Verblendung des
Satans ist, daß er macht, daß seine Knechte sich für frei halten; denn
sie lügen nicht, wenn sie der andern spotten, sondern reden aus ihrer
wahren Meinung.
Und wirst du nicht bloß böse Buben finden, sondern auch schlechte
Mädchen, die dich verführen wollen zu Unkeuschheit und Werken der
Wollust. Dazu wird deine eigne Begierde wach werden, denn du bist jetzt
in die Jahre gekommen, da der Mann sich nach dem Weibe sehnt, und
geschieht diese Verführung aus dem natürlichen Menschen und ist deshalb
stärker wie die andre zum Trinken, Spielen und Balgen. Deshalb denke,
daß du keusche und reine Eltern gehabt hast, denn dein Vater ist in das
Ehebett gestiegen als ein unbefleckter Jüngling, gleichwie ich als eine
reine Jungfrau. Und denke ferner, daß du einst ehelichen wirst und
Kinder haben; aber was für Kinder wirst du bekommen, wenn du deine
Kräfte ausgibst in jungen und unfertigen Jahren! Wenn du dich
vergleichst mit deinem Vater, so wirst du finden, daß du einmal größer
und stattlicher sein wirst, wenn du in dein Alter kommst, obwohl du viel
in der Stube und über Büchern hast sitzen müssen; dessen Ursache ist das
ehrbare und ordentliche Leben deines Vaters, der sich zusammengehalten
hat in seiner Jugend, damit sein Sohn einst tüchtig sein solle.
Aber wenn du diese beiden Gefahren vermeidest, so wird dir eine dritte
begegnen. Denn du wirst in der Stadt Mädchen finden, die sind zwar
ehrbaren Wandels und ordentlichen Herkommens, und man kann ihnen nichts
nachsagen; aber sie mögen nicht an sich selbst schaffen, sondern sind
leichten Herzens und denken nicht an die Zukunft, und meinen, alles sei
gut, wenn sie nur einen Mann haben, den sie lieb haben können. Hüte
dich, daß du dich mit solchen Mädchen einläßt und etwa denkst: ich will
mich verloben jetzt, und wenn ich fertig bin mit meinen Arbeiten, so
will ich sie heiraten, und denkst: ich habe sie lieb, und sie hat mich
lieb, und wir werden ein gutes, christliches Ehepaar sein, ehrlich leben
und unsre Kinder gut aufziehen. Dieser Liebe sollst du mißtrauen, obwohl
sie mit großer Schmeichelei deiner Natur und Seele daherkommt. Denn ein
junger Mensch hat keine Erfahrung und weiß nicht, wie schwer es ein
Hausvater hat, und was ein Haus kostet, und wie tüchtig ein Mädchen sein
wird als Hausmutter. Deshalb öffne deine Augen und betrachte die
Menschen, die sich frühzeitig verloben und verheiraten; da wirst du
finden, daß das alles ein leichtes Volk ist, das sich freut ein Jahr
lang, und das andre Leben bringt es hin mit Sorgen und Borgen. Auch ich,
deine Mutter, habe eine Liebe gehabt, wie ich achtzehn Jahre alt war, zu
einem jungen Kaufmann, und wie mein Vater nichts wissen wollte von
dieser Liebe und der Bewerber traurig von ihm ging, da meinte ich, daß
ich sterben müßte vor Kummer, und wäre ins Wasser gegangen, wenn ich
nicht Gottes Wort gehabt hätte. Heute segne ich meinen Vater im Grabe,
daß er hart gegen mich war aus Liebe, denn der Mann ist leichtsinnig
gewesen und hat sein Vermögen vertan durch törichtes Bauen und
übermäßige Erweiterung seines Geschäftes, weil er etwas Besonderes
vorstellen wollte. Dann harrte ich sieben Jahre, und da kam dein Vater;
das war eine andere Liebe, die ich zu dem hatte, denn ich ward ruhig
durch ihn und stark. Er hat mir keine süßen Worte gegeben und mich nicht
gerühmt; aber seit ich seine Ehefrau bin, habe ich keine andre Sorge
gehabt als die, welche Gott jedem Menschen auferlegt, nämlich um ihn in
seinem Beruf, daß ihm nicht ein Unglück geschieht, und um dich, mein
geliebter Sohn, daß du gesund und gut aufwachsest; und ein bös Wort habe
ich nie von ihm gehört.
Darum habe ich dir das erzählt, wiewohl es mir eine schwere Aufgabe war,
weil diese dritte Versuchung die schwerste ist. Denke an meine Worte,
wenn du vermeinst, daß du ein Mädchen getroffen habest, von der du nicht
wieder lassen kannst. Vergiß nicht, daß erst das Weib den Mann zum Manne
macht, deshalb darf der Mann kein Jüngling mehr sein, und deshalb soll
er sein Weib auswählen, nicht bloß nach dem Gefühl der Liebe, wie es von
den heutigen Dichtern beschrieben wird, sondern mit Ernst und Furcht.
So sprach die Mutter zu Hans. An manchen Stellen ihrer Rede färbte die
Scham ihre Wangen; aber sie sprach ruhig und sicher, als eine Mutter zu
ihrem Sohn. Und der Sohn ward bewegt in seinem Herzen und fühlte, wie er
seine Mutter liebte, die stattlich und stolz vor ihm stand mit dem
glatten und blonden Scheitel.
Hans antwortete, daß er ihre Worte behalten wolle. Und er glaube, daß er
keine großen Anfechtungen erleiden werde. Denn es ist wohl ein
unchristliches Gefühl, das ich habe, aber ich glaube doch, daß meine
Meinung richtig ist: ich denke nämlich, daß ich besser bin wie alle
andern jungen Leute, die ich bis jetzt gesehen, und deshalb muß ich mich
zusammennehmen, damit ich später auch etwas leisten kann, wenn ich
ausgelernt habe. Und ich will mich auch hüten, daß ich nicht hochmütig
werde, denn ich kann ja nicht so viel für mich, sondern das meiste habe
ich von Natur, nämlich von euch.
Nach diesem Gespräch war ein neues und andres Leben zwischen Hans und
die Mutter gekommen; er war freier gegen sie und offen, wiewohl er ihr
auch früher nichts Besonderes verheimlicht hatte; aber er hatte das
Gefühl, daß er jetzt zu ihresgleichen herangewachsen sei, gleichwie er
vor Jahren zu Dorrel herangewachsen und ihr gleich, bald dann auch ihr
überlegen geworden war. So blieb jetzt nur noch der Vater über ihm.
Gegen den Vater hatte er noch die alte kindliche Scheu; gegen die Mutter
aber hatte er eine neue Scheu bekommen, wie er sie etwa gegen seine
Braut gehabt hätte, und eine neue Liebe seit jener Bewegung im Herzen,
die mehr zärtlich war wie früher. Solches sind die Ringe unsrer
wachsenden Seele; und wenn unsre Seele in Gesundheit und Kraft zunimmt,
so setzt sie solche Ringe einen nach dem andern an, und unser innerer
Kern wird immer heimlicher und verborgener vor dem Ahnen der andern
Menschen.
Aber wie die Mutter mit Hans gesprochen hatte, da nahm ihn auch Dorrel
mit sich auf ihr sauberes Dachkämmerchen, wo ihr hochaufgetürmtes Bett
stand mit rot und weiß gewürfeltem Bezug, und ein blankgescheuerter
hölzerner Stuhl, und ein großer Koffer, mit bunten Blumen bemalt.
Den Koffer öffnete sie, zeigte ihm, was darinnen war, und sprach, daß er
einst erben solle, was sie besitze, denn sie habe nur einen Bruder
gehabt, der sei nach Amerika gegangen und habe dort eine Bauernstelle
erworben, seit langen Jahren aber habe sie nichts mehr von ihm gehört
und wisse gar nicht, ob er noch lebe und Kinder habe; in fremde Hände
aber solle ihr Gespartes nicht fallen. »Aber wenn du einmal heiratest,
so schenke ich dir dieses Tischtuch und zwölf Servietten; dazu habe ich
den Flachs selbst gesät, gezogen, gebrochen, gehechelt und gesponnen,
und vom Weber habe ich ihn mir weben lassen mit künstlichen Figuren von
Bäumen und Tieren und einem Jäger. Jetzt ist das Leinen zwar noch hart
und sieht grau aus, aber wenn es erst ein Jahr lang im Gebrauch gewesen
ist, so wird es weich, weiß und glänzend. Nur hüte dich vor den faulen
Wäscherinnen, die in der Apotheke fressende Gifte kaufen, die verderben
dir deine gute Leinwand, und du hast am Ende nur Lumpen.« Danach zeigte
sie ihm ihr Sterbehemd, das hatte sie auch selbst gesponnen und mit
schönen Spitzen besetzt und wollte sie mit ins Grab nehmen; ihre übrige
Wäsche aber, die gebraucht ist, welche er nicht behalten wollte, sollte
er verschenken, einem armen und ordentlichen jungen Dienstmädchen, das
sich noch nichts hat anschaffen können, und dem damit geholfen ist;
»aber es muß ein ordentliches und fleißiges Mädchen sein, die meine
Sachen trägt mir zu Ehre und sie sauber hält, nicht so ein faules
Bettlergesindel, das in Lumpen umhergeht.«
Am Ende zog Dorrel noch ihre besonderen Kostbarkeiten hervor, an denen
ihr Herz am meisten hing. Da war erstlich ein gestickter Tabaksbeutel,
den hatte ihre Mutter ihrem Vater einst als Braut geschenkt und hatte
derzeit zwei Taler gekostet, war auch nie gebraucht von ihrem Vater, aus
Ehrfurcht, weil er so teuer gewesen. Den hatte ihr Bruder damals
mitnehmen wollen nach Amerika, aber sie hatte ihn nicht hergegeben, weil
sie dachte, in Amerika könne er in schlechte Hände kommen und zu Leuten,
die nicht verstünden, wie kostbar er ist. Er war aber aus grüner Seide
gehäkelt und waren Rosen, Vergißmeinnicht und Veilchen aus Perlen
darauf, und in der Mitte war ein Wort »Souvenir«, das war auch aus
Perlen, aber aus goldenen; gefüttert war er mit guter Schweinsblase.
Dorrel sagte, wenn Hans erst Pastor sei, dann werde er sich das Rauchen
aus einer langen Pfeife angewöhnen, und natürlich hätte er dann seinen
Tabak in einem Kasten, aber wenn er einmal auf Besuch gehe, dann müsse
er einen Tabaksbeutel haben, da solle er dann diesen nehmen; denn für
einen Pastor schicke sich wohl so ein teures Stück, aber nicht für einen
Tagelöhner, und eigentlich sei es ein rechter Unsinn gewesen von ihrer
Mutter, ein solches Geschenk zu machen. Dann zeigte sie ihm einen
geschnitzten Stockknopf aus Knochen. Der stammte desgleichen von ihrer
Mutter her, welche als Mädchen in einem großen Hause gedient. Der Knopf
hatte auf einem Rohr gesessen, das der Herr zu tragen pflegte, und wie
das Rohr einmal zerbrochen war, wurde der Knopf mit fortgeworfen,
Dorrels Mutter aber hatte sich ihn ausgebeten, abgeschraubt und
sorgfältig aufgehoben. Jetzt sollte ihn nun Hans kriegen, wenn er erst
eine Pfarre hatte, und da sollte er sich ein gutes Meerrohr mit
ordentlicher Zwinge beim Drechsler kaufen und an den Knopf andrehen
lassen; denn der Knopf war zwar altmodisch, aber von guter Arbeit, und
weil die Mode sich immer ändert, so kommt es gewiß auch einmal wieder
auf, daß die Männer von Ansehen solche Art Stöcke tragen.
Zuletzt hatte sie noch einen Hund aus Gußeisen, der für einen
Briefbeschwerer dienen sollte, und hatte noch eine ganz andre
Geschichte.
Auch Dorrel war einmal ein hübsches junges Ding gewesen mit prallen
Backen und lustigen Augen, aber brav und ordentlich war sie auch schon,
wie sie erst ihre achtzehn Jahre hatte. Da war da ein junger Knecht bei
der gräflichen Herrschaft auf dem Hofe, der verliebte sich in sie und
sie in ihn, und wie Kirmes war, tanzten sie viel zusammen, und er
bezahlte für sie Himbeerwasser, und weil sie sich so recht glücklich
fühlten, wollten sie sich etwas schenken, was sie später einmal brauchen
konnten in der Wirtschaft. So kaufte Dorrel ihrem Schatz eine Samtweste,
die mit bunten Blumen bestickt war, und er kaufte ihr den eisernen Hund,
denn er sagte, wenn sie sich später erst etwas gespart hätten, so müßten
sie sich einen Glasschrank kaufen, und in dem würde sich der eiserne
Hund gar prächtig machen. Wie sie aber nach Hause ging, hatte sie schon
Angst vor ihrer Frau, denn sie war damals schon bei Hansens Großmutter
von der mütterlichen Seite, was die zu ihrer Liebschaft sagen würde; und
in Wahrheit bekam sie auch starke Schelte, und die Frau hielt ihr vor,
daß sie selbst nichts habe, und er habe zehn Geschwister, und wenn sie
heirateten, so komme Hunger und Kummer zusammen, vornehmlich, wo sie
sich so läppisch zeigten und sich so einfältige Geschenke aufschwatzen
ließen von den Krämern, denn wenn die Dummen zu Markte gehen, so lösen
die Krämer Geld. Darum solle sie ihr nicht wieder kommen mit einer
Liebschaft, ehe sie nicht fünfundzwanzig Jahre alt wäre. Da seufzte und
weinte Dorrel die Nacht durch, aber bedachte sich doch, daß die Frau
recht hatte, und daß ihr Liebster erst noch zu den Soldaten mußte.
Deshalb sagte sie zu ihm, was die Frau zu ihr gesprochen, und versprach,
daß sie auf ihn warten wolle, und sie müßten ihre Zeit ausharren und
sich erst anschaffen und sparen. Da schimpfte der Mann wohl recht auf
ihre Frau und sagte, die solle ihm nur einmal in den Weg kommen, der
wolle er schon die Wahrheit sagen, aber am Ende mußte er sich geben, sah
auch wohl ein, daß Dorrel recht hatte. Weil er indessen wohl ein guter
Kerl war, aber einen leichten Sinn hatte, ließ er sich mit einer andern
ein; als er in der Stadt bei den Soldaten stand, heiratete die auch, zog
fort und kam nachher in großes Elend. Dorrel aber brauchte lange, bis
sie die Gedanken an ihn verwand; und wie sie wieder so weit war, daß sie
dachte, sie möchte wohl heiraten, da schien ihr keiner recht, denn sie
war inzwischen etwas altjüngferlich geworden, hatte große Besorgnis, daß
dieser liederlich werden möchte und jener krank und der dritte faul;
später hätte sie wohl auch einen Witmann bekommen können, aber da
bedachte sie, daß sie es doch zu lange gut gewohnt war bei ihrer
Herrschaft und fürchtete sich vor den Sorgen und der Not; und so geschah
es, daß sie ledig blieb und die Liebesgeschichte mit dem Knechtlein, wo
sie den eisernen Hund geschenkt kriegte, war ihre einzige.
Diesen Hund nahm sie nun hervor, wickelte ihn sorgfältig aus dem Papier
und reichte ihn dem Hans, indem sie sagte, weil er jetzt als Student so
viel schreiben müsse, so solle er den Briefbeschwerer gleich haben, denn
sie schreibe ja doch nicht, weil sie niemand habe in der Welt. Die
Geschichte erzählte sie ihm zwar nicht, wie sie zu dem Hund gekommen,
aber wie sie an die alte Zeit dachte, da kamen ihr die Tränen in die
verrunzelten Augen; sie war aber auch gerührt, weil sie sich recht
lebhaft vorstellte, wie es erst wäre, wenn Hans nicht mehr am Sonnabend
nach Hause käme, da streichelte sie ihm mit ihrer rauhen Hand seine
Backe, und die Hand zitterte; dem Hans aber stieg das Wasser auch in die
Augen, wiewohl er sich schämte und unwillig war; und so brummte er
etwas, schlug seinen eisernen Hund wieder ins Papier und stolperte die
Treppe hinunter.
Den Koffer nahm ein Holzfuhrmann mit nach der Stadt und gab ihn bei der
Eisenbahn ab, indessen Hans selbst den Weg zur Bahnstation zu Fuß machen
wollte; so verabschiedete er sich von der Mutter und von Dorrel, und der
Vater warf die Büchse über die Schulter und sagte, er wolle ihn eine
Strecke begleiten.
So gingen die beiden. Sie sprachen über die neue Art von Tannen, die der
Graf hatte kommen lassen, welche ein sehr schnelles Wachstum haben
sollten, und der Förster zweifelte, ob das Holz so wertvoll sein werde,
wie die gegenwärtigen Arten, das zu Fußbodendielen zersägt wurde, weil
es besonders fest war durch das langsame Wachsen der Bäume auf dem
felsigen Boden. Hans wunderte sich, daß sein Vater so mit ihm sprach.
An einem Seitenwege machte der Vater Halt, weil er zu seinen Arbeitern
mußte, gab dem Jungen die Hand und sagte: »Sei fleißig und schreibe
bald. Wenn dein Geld nicht reicht, so mußt du schreiben.« Dann wendete
er sich zur Seite, und Hans ging weiter.
Aber der Hund, den der Förster an der Leine führte, hatte aus allen
früheren Anstalten gemerkt, daß etwas Besonderes geschehe und Hans auf
länger fortging wie sonst; so legte er sich auf den Boden, stemmte sich
mit aller Kraft fest und begann zu winseln. Der Förster zog ihm das Ende
der Leine über, aber der Hund winselte nur mehr und ließ sich nicht von
der Stelle ziehen. Da wendete sich der Vater zurück und rief hinter Hans
her: »Der Hund will Abschied nehmen.« Da tanzte der Hund bellend und
winselnd auf den Hinterbeinen, und wie Hans zurückkam, leckte er dem
ungestüm die Hände, heulte und bellte. Hans liebkoste ihm den Kopf und
mußte sich zusammennehmen, daß er nicht weinte. Am Ende sprach der
Vater: »Nun gehe, du versäumst den Zug«, und da wendete sich Hans und
ging; der Hund aber wich auch jetzt nicht von der Stelle, bis Hans durch
eine Biegung des Weges unsichtbar wurde, dann beschnupperte er noch
einmal seine Fußspur und dann erst folgte er seinem Herrn auf den
Nebenweg und war traurig und niedergeschlagen.
So schritt nun Hans seine Straße fürbaß. Das war die alte Straße, die er
so manchen Sonnabend heimwärts gegangen war frohen Mutes und in Trauer
stadtwärts Montags früh, wenn die Vögel ihr Morgenlied sangen. Eine
gute, feste Chaussee war es; zu den Seiten standen Ahornbäume, deren
Laub färbte sich schon herbstlich, und Quitschen mit roten Beeren; im
Winter fressen die Drosseln diese Beeren und bekommen davon ein angenehm
schmeckendes Fleisch. Und auf der Chaussee fuhren Holzwagen; an einem
sehr großen Stamm kam Hans vorbei, den zogen zwei schwere Pferde mit
Mühe und war wohl bestimmt zu einem Mastbaum; der sollte auch in die
weite Welt hinaus. Der Fuhrknecht in manchesternen Kniehosen und blauem
Kittel grüßte.
Nicht weit von der Straße war die Elsgrube, Hans bog ab und ging dahin.
Die kleinen, schiefgeschnittenen Äcker waren abgemäht, und die Stoppeln
sollten noch umgepflügt werden; der Kartoffelacker war umgewühlt, und in
der Mitte war ein runder Aschenfleck, wo das Kartoffelfeuer gebrannt
hatte. Merkwürdig trostlos sah das alles aus. Das stille, kreisrunde
Wasser glänzte grün inmitten des kahlen Wesens; einige geknickte Binsen
hielten sich am Rande. Hans dachte, wie gern er als Kind nahe gegangen
wäre an das Wasser, um vielleicht in der Tiefe den Turm der versunkenen
Burg zu sehen; jetzt hätte ihm niemand verboten, so nahe an den Rand zu
treten, wie er wollte, aber er hatte keine Sehnsucht mehr nach dem Turm
in der Tiefe. In kindischem Tiefsinn dachte er: »ja, das ist ein Symbol
unsers Strebens«; und er meinte, das sei wahrhaftig seine Ansicht. Aber
seine wirklichen Gedanken waren ganz anders.
Die waren wie die Tannen, die sich den steilen Bergabhang in die Höhe
strecken gleich einem Heer, das eine feindliche Befestigung stürmt;
mannhaft stehen sie in Reih und Glied, klammern sich mit ihren Wurzeln
über Felsen und Steine. Nach oben streben sie, nach Sonne, Freiheit und
Licht; ihre unteren Zweige lassen sie trocken werden, denn sie mögen
nichts mehr zu tun haben mit dem Dunkel, wo Ameisen geschäftig laufen.
Eilfertig plätschert ein kleines Wässerlein den Berg hinab, aufblitzend
in einem verlorenen Sonnenstrahl; das muß ihre Wurzeln tränken. Aber
tiefer dringen ihre Wurzeln, sind nicht zufrieden mit des muntern
Bächleins klarem Wasser; sie gehen bis zu der Tiefe, von wo die
Bergquelle in die Höhe steigt. Die schaut aus der Erde zwischen Moos und
Tannennadeln, wie ein dunkles Auge, und kleine Sandkörnchen tanzen in
dem quellenden, kristallklaren Dunkel. Rührend ist es, wie diese
Sandkörnchen da tanzen, unermüdet. Wenn man ruhig harrt und hört das
leise Rauschen und Plätschern, so spürt man, wie der Wald wächst, im
Herzen spürt man es, und man weiß, daß man zusammengehört mit dem Wald
und aus einem herauswächst mit ihm, und alles ist eins und gehört zu
einem, die leise wankenden Tannenwipfel und das dunkle Auge des
Bergquelles, der moosbewachsene Felsblock und das spritzende Wässerlein
und das heimliche Wesen der Wälder mit seiner starken, gesunden Luft.
Eine Minute nur währt solche Verzückung; aber für den inneren Menschen
bedeutet die Zeit ja nichts, denn Jahre können träge vorübergehen, ohne
daß sie uns einen Eindruck machen, aber der Eindruck jener Minute ist
immer noch in unsrer Seele. Die Straße ging in Windungen bergab bis zum
Städtchen, wo die Bahnstation war; da wartete der Zug, der bestand aus
zwei Personenwagen und vielen Wagen mit Brettern, Wellen, Stempeln und
Balken, denn Holz war die Hauptware, die von hier verschickt wurde. Ein
häßlicher Kohlengeruch lag über dem Bahnhofe und stumpfe und schmutzige
Farbe, aber für einen Augenblick drang der Duft des frischgeschnittenen
Holzes durch, daß Hansen ein heftiges Heimweh ergriff.
Da fuhr der Zug; und er fuhr erst durch Täler, auf deren Grund Wiesen
waren, die in der Mitte, wo Wasser floß, noch Grün zeigten, sonst aber
schon grau und braun schienen, und auf den Höhen standen Wälder, aber
nur noch vereinzelte Tannen, denn nun begann der Buchenbestand; und
schon waren die Blätter farbig, und eine vereinzelte Eiche leuchtete rot
aus dem stumpferen Braun. Bald aber wurde das Tal breiter und die Hügel
flacher, die Wälder verschwanden, und es zogen sich Stoppelfelder in die
Höhe und ab und zu winkte ein Dörfchen mit einem Kirchturm.
Dann tat sich die Ebene auf, die ganz weit war und durch die Trübe des
Himmels begrenzt wurde. Hier war die Station, wo Hans den Zug verlassen
mußte; die Wagen mit den Brettern und Stämmen blieben zurück, das letzte
von der Heimat; und nun wurde alles anders und wurde fremd, denn selbst
die Wagenabteile waren größer wie die früheren, und es schien, als wenn
in den andern noch etwas heimische Luft und Helligkeit gewesen sei; dazu
sprachen die Leute eine andere Sprache, redeten über andere Dinge, und
ihre Gesichter waren Hansen nicht mehr vertrauter Art.
Dahin raste der Zug. Die Telegraphendrähte an der Seite flogen auf und
ab, die Stangen blitzten vorüber, und lange, schmale Felder tanzten, wie
wenn sie sich im Kreise um einen Mittelpunkt bewegten, der in Hansens
Wagen lag. An großen Rübenbreiten kamen sie vorbei, wo eine Herde
Polenmädchen in nackten roten Beinen mitten in der Nässe stand und Rüben
herausholte, und Wagen mit breiten Rädern wurden beladen, schwere Pferde
zogen mit Anstrengung durch den nassen Acker, und der Wagen hinterließ
eine tiefe Spur. Nun kamen wieder ganz andere Menschen in den Wagen,
Leute, die sich breit machten und über Hansen wegsprachen und unhöflich
drängten. Sehnsüchtig blickte er zum Fenster hinaus, dachte bei sich, er
hätte doch lieber mögen zu Hause bleiben, im Wald, und mit der Flinte
auf dem Rücken gehen, und alle Menschen kannte er da und alle Wege, und
in der Fremde war ihm das Herz schwer und wußte auch nicht, was
eigentlich die Universität war, und was er tun sollte, wenn er nun auf
dem Bahnhof stand in Berlin. Immer weiter eilte der Zug und fuhr über
Sandboden, wo häufige Kiefernwälder kamen, die schienen Hans natürlich
zu sein; dann kamen wieder Äcker und große flache Seen, daß es war wie
eine Überschwemmung; solche Art von Wasser kannte er nicht, das war so
glatt und flach. Bald senkte sich auch die Dunkelheit; ein Reisender
zeigte ihm in der Ferne eine schwere Dunstwolke in der Luft, das war
Berlin. Das war Berlin, was unter dieser Dunstwolke lag. Wie er das sah,
war ihm das Heimweh plötzlich vergangen.
Nun hielt der Zug, die Türen der Abteile wurden hastig geöffnet, und
alle Menschen liefen schnell und hastig, eilten, drängten und stießen
sich, und Hansen überholten sie alle, daß er als letzter eine ungeheuer
breite Treppe hinunterschritt, die von einem Stein war, der Hansen
Granit schien, und waren die sehr breiten Stufen immer aus einem Stück
geschlagen, was sehr teuer gewesen sein mußte. An Hans vorbei eilten
andre in die Höhe, hinter ihm kam ein neuer Menschenstrom herab, und
unten in der Vorhalle wimmelte und kribbelte es von eilfertigen
Menschen. Diese Vorhalle war außerordentlich hoch, aber eine häßliche
Luft war da, und schien alles schmutzig, so daß Hansen ein plötzlicher
Ekel ankam, denn ihm war, als sei auch er mit einem Male ganz schmutzig.
So stand er am Ende draußen auf dem Platz, und vor ihm war Berliner
Leben.
Einen Rock trug er, den der Schneider in der kleinen Stadt verschnitten
hatte, denn er war ihm vorn zu eng; auch sahen seine langen und
knochigen Hände weit aus den Ärmeln, und sein Hut war von ganz alter
Mode, denn er hatte ihn sich bei einem kleinen Hutmacher zu Hause
gekauft, und Kragen und Schlips paßten nicht zueinander und verschoben
sich beständig, und seine Füße waren in großen, plumpen Stiefeln, und
die Hose hatte ausgeweitete Knie. In der einen Hand trug er einen
baumwollenen Regenschirm, in der andern eine gestickte Tasche, auf der
stand: »Glückliche Reise«; sein Großvater hatte sie gekauft, wie er als
junger Mensch zum ersten Male von zu Hause weg mußte. So beschaffen
waren Hans Werthers Kleider, wie er zum ersten Male auf dem Berliner
Pflaster stand. Dazu war seine Gestalt unglaublich mager, lang und
knochig, und aus seinem hageren Gesicht, das mit langen, blonden
Stoppeln dicht besetzt war, starrten ratlos zwei hellblaue Augen. Im
Bergwald war Hans eine schöne und jugendlich männliche Erscheinung; aber
hier, auf der Königgrätzer Straße, sah er recht komisch aus.
Eine ganz auffallend gekleidete junge Dame ging dicht an ihm vorüber,
blickte ihm verwundert ins Gesicht und lachte ihn aus. Er sah hinter ihr
her und wunderte sich, daß eine solche Dame so unpassend sein konnte,
denn sie trug einen Hut mit so großen Federn, wie Hans noch nie gesehen,
schwang einen nadeldünnen Schirm in der Hand und trällerte vor sich hin.
Dem Hans wurde schwach im Herzen, und seine Sehnsucht nach der Heimat
war mit einem Male wieder ganz heftig, daß sie ihm weh tat, denn er
fühlte sich gänzlich verlassen von diesen eiligen Menschen, die nur alle
gerade vor sich hinsahen.
Da aber gedachte er, daß er ja keine unrechten Dinge vorhatte, und fiel
ihm der Gesangbuchvers ein, den er oft mitgesungen in der kleinen
Dorfkirche, vor deren Fenstern die Linden standen:
»Befiehl du deine Wege
Und was dein Herze kränkt,
Der allertreusten Pflege
Des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden
Bestimmte Ziel und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann.«
Eine wunderbare Tröstung und Zuversicht überkam ihn, so daß er rüstig
ausschritt durch das Treiben und Ziehen der Menschen hindurch, denn es
schreckte ihn nicht mehr die Leere ihrer Gesichter, und daß sie
gestorbene Seelen hatten, welches ihm bewußt geworden war, ohne daß er
Klarheit über dieses Wissen hatte.