Erstes Buch

Es war in den ersten Wintertagen, wo um sieben Uhr schon Dunkelheit in

den Stuben ist. Die Großmutter saß still in ihrem Lehnstuhl am Ofen und

träumte im Halbschlummer von ganz alten Zeiten, als sie ein junges

Mädchen war und einen ungeschickten Freier auslachte. Pollux lag auf der

Seite vor dem warmen Ofen und schnarchte plötzlich, wachte davon auf,

klopfte mit dem Schwanz auf die Dielen und legte sich wieder um. Ganz

laut tickte die Wanduhr, wie sie es am Tage nicht wagt. Der kleine Hans

saß mäuschenstill unter dem Tisch und stellte sich vor, dieser Tisch sei

eine Stube, die von allen Seiten verschlossen wäre, und da säße er in

der Mitte, und dann müßte nichts weiter auf der Welt sein wie diese

Stube.

Dorrel ging in den Stall, und die Laterne warf schnell einen Schein über

die Decke und dann die Wand entlang über die Spitzen der Rehgeweihe und

über die Gewehrläufe. Dann hörte man, wie der Melkeimer klirrte und wie

sie mit der Kuh zankte, die Elsbeth hieß, und zuletzt hörte man das

Melken.

Die Tür ging auf, und die Mutter trat mit der Lampe herein. Die

Großmutter nahm schnell ihr Strickzeug in die Höhe und sagte, daß sie

gar nichts mehr habe sehen können, denn sie wollte es nicht Wort haben,

daß sie geschlafen. Dann deckte die Mutter mit dem leinenen Tischtuch,

das aus selbstgesponnenem Flachs gewebt war und in der Mitte eine Naht

hatte, und der kleine Hans unter dem Tisch saß jetzt viel heimlicher,

sah auf die raschen Füße der Mutter und betrachtete, wie der Rock sich

bewegte. Und so klapperten die Teller, braune, irdene Teller, und die

Schüssel mit dem Haferbrei wurde auf den Tisch gesetzt; sie war auch ein

irdenes Geschirr und war inwendig das Vaterunser mit Grün und Rot

hineingeschrieben, dann kamen die blanken zinnernen Löffel und die

Messer und Gabeln mit Hirschhorngriff, und ein Stück Schinken und ein

Schinkenbrett für jeden, nur nicht für den kleinen Hans, denn dem wurde

sein Teil zugeschnitten, und er kriegte es in ganz kleinen Würfeln, aber

die Großen aßen ihren Teil in Streifen.

Die Uhr hob aus zum Schlagen, und der kleine Hans kroch unterm Tisch

hervor, um die Zeiger zu betrachten, wie sie zitterten während des

Schlagens. Da waren mit einem Male laute und schnelle Schritte des

Vaters vor dem Haus; Pollux sprang auf und stellte sich winselnd vor die

Tür, der Vater kam eilig herein und langte nach der Schrotflinte; Pollux

sprang an ihm hoch; die Mutter warf sich ihm entgegen und rief: »Bleib,

bleib, ich habe eine Ahnung, sie bringen dich tot nach Hause!« Er aber

schob sie von sich, pfiff dem Hund und ging wieder eilig hinaus; seine

Wange blutete stark von einem langen Riß. Die Mutter warf sich laut

weinend auf einen Stuhl, der kleine Hans trat vor sie, legte ihr die

Händchen in den Schoß und blickte zu ihr auf. Die Großmutter aber in der

Ecke mit ihrer alten Stimme sprach tadelnde Worte und erzählte, wie ihr

selbst vor vierzig Jahren die Arbeiter ihren Mann auf zwei jungen Tannen

tot nach Hause gebracht, mitten durch die Brust geschossen, aber sie

habe nicht geweint, obwohl sie ein junges Weib gewesen damals und erst

ein halbes Jahr verheiratet, und Hansens Vater sei nach ihres Mannes

Tode geboren; denn wer in seiner Pflicht stirbt, der hat einen guten

Tod, und Gott verläßt nicht seine Hinterbliebenen; und wenn ein Förster

sein richtiges Geld kriege, so müsse er auch sein Leben einsetzen gegen

die Wilddiebe. Da weinte die Mutter noch stärker, der kleine Hans aber

faßte ihren Arm und versuchte ihr ins Gesicht zu sehen, denn er wollte

sie trösten.

Zuletzt wischte sie sich die Tränen von den Backen, damit die Magd

nichts merken sollte von ihren Sorgen, und ging in die Milchkammer, die

Milch in Satten zu tun, indessen Dorrel der Kuh Futter aufsteckte. Und

wie beide ihre Arbeit beendet, kamen sie zurück in die Stube, und alle

setzten sich an den Tisch zum Abendbrot; nur des Vaters Platz blieb

leer, und die Mutter sah nicht hin nach der Stelle, denn sie hatte

Furcht, die Tränen möchten ihr wieder in die Augen steigen. Jedem tat

sie auf seinen Teller von dem Haferbrei und auf sein Brettchen ein Stück

Schinken; dann betete sie mit lauter Stimme das Tischgebet.

Der Mond war draußen aufgegangen über den schwarzen Tannen, und es

schien heller durch die Spitzen der dick beschlagenen Fensterscheiben.

Dorrel sprach davon, daß in der Nacht ein scharfer Frost kommen werde;

die andern schwiegen; plötzlich sagte Hans mit seiner hellen Stimme:

»Die Großmutter hat doch recht, wenn ich das Geld nehme, so muß ich auch

alles dafür tun, sonst darf ich das Geld nicht nehmen.« Aber niemand

antwortete auf seine Rede, bloß die Magd verwies ihm, er solle nicht

sprechen, wenn die Erwachsenen unter sich Dinge zu ordnen hätten. Dann

beredete sie mit der Mutter, was am andern Tag getan werden mußte.

Nach dem Essen räumte die Mutter das gebrauchte Geschirr ab; nur das

Gedeck für den Vater ließ sie liegen, hob ihm auch in der Ofenröhre

seinen Haferbrei auf. Dann war Hans wieder allein mit der Großmutter in

der Stube.

Da hatte sich die Katze hereingeschlichen, ging leise vor den Ofen,

putzte sich mit Sorgfalt, und dann setzte sie sich mit rechter

Behaglichkeit, schloß die Augen halb und spann; Hans lag vor ihr auf der

Erde und sah ihr ins Gesicht, so daß sie verlegen wurde; er hätte gern

gewußt, wie sie das Spinnen machte. Dann betrachtete er die beiden

großen Bilder über dem Sofa; das waren der Beerdigungszug des Jägers und

der Beerdigungszug des Fischers. Dem Sarg des Jägers folgten alle Tiere

auf der Erde, der Hirsch, das Reh, die Sau, der Fuchs, und alle Vögel,

und ein kleines Eichhörnchen; und bei dem Fischer folgten die Fische,

denn es floß da ein Wasser. Er dachte sich immer, wie das sein müßte,

wenn er auch ein Tier wäre und folgte da mit in dem Bilde; man sah recht

tief in einen schönen und saubern Wald hinein, in dem mußte es sich ganz

gut lustwandeln lassen, und die Bäume waren ganz andrer Art, wie man sie

sonst sah. Allgemach kam der Sandmann, und er rieb sich die Augen. Da

ging er zur Großmutter, die sich die Lampe ganz nahe gerückt hatte und

ihr Strickzeug ganz dicht vors Gesicht hielt, und bettelte, daß sie ihm

die Geschichte von der weißen Schlange erzählen sollte.

Da erzählte die Großmutter, wie ein Vorfahr der Grafen, denen die Wälder

hier gehörten, ein Prasser und Schlemmer gewesen sei und ein böser Mann;

der habe einen guten und frommen Diener gehabt, der ihn oftmals zum

Bessern ermahnt, aber niemals zur Umkehr habe bewegen können. Eines

Tages habe der Diener dem Grafen eine verdeckte Schüssel müssen auf sein

verschlossenes Zimmer bringen, und wie er, von besonderer Neugierde

bewegt (das zwar nicht ehrbar von ihm gewesen), die Schüssel aufgedeckt

habe, sei eine gekochte weiße Schlange darin gelegen, in viele Stücke

zerschnitten. Da habe er sich nicht mehr bezwingen können und sei ihm

gewesen, als werde ihm befohlen, daß er eins der Stückchen heimlich habe

nehmen müssen. Der Graf aber habe alles andere gegessen und nichts

gemerkt. Wie nun der Diener am Fenster steht und in den Schloßgraben

hinuntersieht, schwimmen da zwei weiße Enten, und er merkt, daß er ihre

Sprache versteht, und sie erzählen sich, daß das Schloß noch diese Nacht

untergehen soll; der Herr aber stand auch am Fenster und lachte. Daraus

merkte der treue Diener, daß der Graf etwas Falsches verstanden hatte

für seine Sünden, verfiel rasch auf eine List und sprach, er habe sich

eine lustige Jagd ausgedacht für diesen Abend; nämlich alles

Schloßgesinde solle mit Fackeln kommen, und der Herr mit seinem einzigen

Töchterchen, denn seine Gemahlin war schon seit langem verstorben, solle

auch kommen, und dann wollten sie Krebse fangen in einem Waldbach, den

er wisse, weil es jetzt Zeit sei zum Krebsen. Dies gefiel dem Grafen und

wurde so gemacht. Und wie alle aus dem Schloß gezogen waren und sich

erlustigten und fröhlich waren, kamen Blitze und Donnerschläge und ein

Erdbeben, und das Schloß versank, und an der Stelle ist jetzt die

Elsgrube. Da wurde der Graf ganz blaß und ging in sich und ging in ein

Kloster; vorher aber verheiratete er seine Tochter mit dem frommen

Diener und gab dem sein ganzes Gut, und von dem stammen in männlicher

Reihenfolge die jetzigen Grafen ab, wiewohl der Name nicht gewechselt

und noch der alte ist.

Unter dem Erzählen war Hans fast eingeschlafen. Jetzt kam die Mutter, um

ihn zu Bett zu bringen. In der schrägen Dachkammer, unter den

kalkverputzten Ziegeln zog er sich aus, dann faltete er die Hände und

betete mit der Mutter zusammen sein Kindergebet:

Abends, wenn ich schlafen geh,

Vierzehn Engel bei mir stehn,

Zwei zu meiner Rechten,

Zwei zu meiner Linken,

Zwei zu meinen Häupten,

Zwei zu meinen Füßen,

Zwei, die mich decken,

Zwei, die mich wecken,

Zwei, die mich weisen

In das himmlische Paradeischen.

Dann schlief er ein, und der Mond zog langsam weiter hinauf über den

stillen Wald; die Kuh klirrte einmal mit ihrer Kette und brüllte leise

und behaglich, und dann legte sie sich schwer nieder zum Wiederkäuen;

kein Geräusch war im Haus wie zuweilen ein Klappern mit dem Geschirr aus

der Küche, wo Dorrel abwusch.

Wie die Mutter wieder in die Stube trat, hatte die Großmutter den Kopf

auf den Tisch gelegt und schluchzte, daß das Licht der Lampe sich

bewegte durch die Erschütterung. Die Mutter setzte sich still ans

Fenster; und so warteten die beiden Frauen in der Nacht, ob sie

vielleicht einen Schuß hörten. Lange warteten sie so allein; denn Dorrel

kam nicht in die Stube, wie sonst immer nach der Abendarbeit, sondern

sie tat, als habe sie heute mehr in der Küche zu verrichten wie

gewöhnlich; sie wußte, daß die beiden Frauen in Sorge saßen und wollte

sie schonen; sie selbst aber dachte immer hin und her: >Was soll mit dem

Kind werden, die Mutter kann den Jungen nicht erziehen, der braucht

einen Vater<; und über ihrer nassen Planenschürze faltete sie ihre

schwieligen Hände zu einem wortlosen Gebet für ihren Herrn. Es mochte

gegen Mitternacht sein, da hörte man den schweren Tritt des Vaters vor

dem Hause. Die Mutter eilte, die Haustür aufzuschließen. Er trat ein,

bot die Zeit, hängte die Flinte an die Wand und setzte sich an den

Tisch. Sie brachte ihm das Essen; der Hund ging still zu seinem Lager,

denn nur in Abwesenheit seines Herrn wagte er vor dem Ofen zu liegen,

drehte sich im Kreis, legte sich und schlief scheinbar ein, indem er

doch aufmerksam das Gespräch verfolgte.

Es war ein Schreiben von der gräflichen Güterverwaltung gekommen, in dem

ihm mitgeteilt wurde, daß der Bocksklee abgetrieben werden solle. Der

Förster wurde tief erregt und sprang auf. Er hatte immer verlangt, daß

der Bocksklee ungestört bliebe, weil er den Westwind abfing und dadurch

ein großes Gebiet vor Windbruch schützte. Aber der Herr hatte Geld

nötig, und da war es ihm gleichgültig, was geschehen mochte.

Der Graf war ein sehr freundlicher und liebenswürdiger Herr; er gab dem

Förster die Hand und sagte zu ihm: »Guten Tag, mein lieber Werther«; er

fragte nach seiner Frau und dem Jungen und lobte ihn wegen seines

Eifers. Aber der Förster hatte keine Achtung vor ihm, weil er

leichtfertig war in Worten und Werken und sein Gut vertat, anstatt zu

sparen und zu wirtschaften. Deshalb wollte er den kleinen Hans später

auch nicht in Herrendienst geben, wiewohl ihm das Herz blutete, wenn er

dachte, daß sein Junge einmal nicht das grüne Tuch tragen sollte, in dem

Großvater und Urgroßvater stolz gewesen waren; aber er sollte einmal ein

freier Mann werden, daß er seinem Gewissen folgen durfte und nicht

gehorsamen mußte, wenn ihm unkluge Befehle gegeben wurden; deshalb

wollte er ihn studieren lassen, denn er dachte, ein Studierter brauche

niemandem zu dienen und könne immer tun, was recht ist. Abends, wenn er

einmal ein Halbstündchen Zeit hatte, nahm er das Kind zuweilen auf den

Schoß und sprach mit ihm, daß er fleißig sein müsse und lernen, dann

müsse er einmal nicht mit krummem Rücken dastehen in der Welt, sondern

könne seinen geraden Weg gehen als ein aufrechter Mann. Der Graf war

nicht böse, aber er hatte keine langen Gedanken. Auf der Jagd war er so

einfach wie einer von seinen Leuten; aber wenn er in der Stadt lebte, so

hätte er sich geschämt, wenn er es nicht andern hätte gleich tun sollen,

die reicher waren wie er. Einmal hatte er im Försterhause eingesprochen

und mit der Frau Werther geredet über Haushalt, Wirtschaft und

Kindererziehung; da schienen seine Meinungen so verständig und

ordentlich, daß die Frau sich immer noch wunderte, wie so ein Herr

solche Einsichten haben konnte in Dinge, die ihm doch ganz fern lagen;

aber in seinem Hause bekümmerte er sich nicht um Einteilung, Ordnung und

Einrichtung. Er nahm nur aus den Kassen das Geld, das er brauchte, ohne

sich zu überlegen, ob er Einnahmen verzehrte oder Vermögen. Seine Kinder

wuchsen auf, ohne daß er sich klar machte, zu welchem Ende und unter

welchen Einflüssen, denn auch seine Frau hatte keine Hausgedanken.

Deshalb trieben sich die beiden Söhne am liebsten in den Ställen und

Küchen herum und lernten wenig trotz teurer Hofmeister; und die Tochter,

die einen besonderen Trieb zum Lernen hatte und ganz unpassende Lehrer

bekam, wie sie eben für ein ganz gewöhnliches Mädchen geeignet gewesen

wären, suchte verstohlen in der vernachlässigten Bibliothek Bücher für

sich und bat den alten Pfarrer, bis er sie im Lateinischen

unterrichtete. Einmal nahmen ihr die Brüder heimlich ihre lateinischen

Bücher fort und bauten sie auf ihrem Platz am Kaffeetisch auf; da hörte

der Vater zuerst von ihren Studien, schüttelte den Kopf und sagte, daß

ihm ihre Wege nicht gefielen. Sie preßte die Lippen zusammen und fuhr

fort in ihrer Weise, und bekümmerte sich niemand darum. Es ging dem

Grafen, wie es heute vielen reichen und vornehmen Leuten geht; er hatte

weder Amt noch Dienst, sorgte nicht für seine Angelegenheiten, noch für

seine Familie, fand kaum einmal ein wirkliches Vergnügen, und doch hatte

er nie Zeit; sein Leben zerfloß ihm zwischen den Fingern, wie wenn ein

Kind eine Handvoll Sand vom Boden hebt.

Die Söhne kamen schon frühzeitig auf schlimme Wege. Da war ein Bursche

im Stall, an den hingen sich die Jungen, der war ein tüchtiger Knecht;

machte seine Arbeit sauber und ordentlich und hielt sein Geschirr gut,

aber war ein Schürzenjäger; durch den lernten sie frühzeitig viel, und

weil ihnen das Gegengewicht der harten Arbeit wie sauren und einfachen

Pflicht fehlte, so wurde das Unkraut in ihrer Seele üppiger, wie es bei

dem Verführer gewesen, der später ein ordentliches Weib kriegte, das ihn

gehörig in die Kandare nahm und zu einem braven Manne machte. Noch ärger

war es, daß die Knechte zum Scherz ihnen von ihrem Branntwein gaben und

lachten, wenn sich die Jungen schüttelten nach dem Trunk und doch wieder

von neuem begehrten; und wie sich einmal die Leute untereinander

rühmten, welcher den schärfsten Schnaps getrunken habe, und allerhand

beizende Mittel erzählten, gestoßenen Pfeffer, Schwefelsäure, die den

Branntwein perlen macht, und Tabaksbrühe, krähten die Jungen auch

dazwischen und verredeten sich, daß ihnen das Schärfste das

Wohlschmeckendste sei, tranken auch von dem gepfefferten Branntwein.

Endlich fand sich ein uralter Mann, der früher Taglöhner gewesen war und

nun aus Gnaden auf dem Hofe erhalten wurde, wofür er die Gänse hüten

mußte, der war schon in jungen Jahren ein schlechter und liederlicher

Bursche, und nun, in seinem Hochalter, verwirrten sich ihm vollständig

alle Begriffe von gut und böse, daß er in seinen Begierden schlimmer

wurde wie das Vieh, nämlich nicht bloß schamlos, sondern rühmerisch und

frech. Wohl suchten die ehrbaren und ordentlichen Leute unter dem

Gesinde dem Übel Einhalt zu tun, indem sie den Böswilligen verboten und

die Jungen zu sich ziehen wollten; aber wo keine Zucht ist, da gewinnen

die Schlechten und Liederlichen die Oberhand, auch wenn sie in der

Minderzahl sind, und ungezogene Jugend geht lieber zu der übeln Seite,

wo geprahlt und geschmeichelt wird, wie zu ruhigen und sittsamen

Menschen und bescheidenen und strengen Worten; denn nicht das Laster ist

verführend, das ja meistens mehr mit Unbehagen und Schmerz verbunden ist

wie mit Freude und Wollust, sondern die lasterhafte Gesellschaft

verführt durch freche und unbotmäßige Reden, übertreibende und

lügnerische Erzählungen und falsche Scham.

Viele Leute sehen auf ein Haus wie des Grafen; und kaum eine geringe

Kleinigkeit kann in ihm geschehen, die nicht in einem großen Kreise

besprochen würde und weite Wirkung ausübte; das Wesen der Vornehmen wird

genau erkannt und beurteilt, und mancher Taglöhner wußte von Art und

Schlag des Grafen, seiner Gemahlin und seiner Söhne mehr wie er selbst.

In unserer Zeit ist die Gesellschaft bis in ihre letzten Tiefen

aufgerüttelt, und alle alten Bande sind gesprengt, die bewirkten, daß es

ein Unten und Oben gibt. Manche Menschen meinen, daß dieser Zustände

Ende eine völlige Gleichheit aller Menschen sein werde; wer aber genau

zusieht, der wird merken, daß diese allgemeine Ungebundenheit im

Gegenteil eine neue und tiefere Scheidung der Gesellschaft bewirkt,

indem die Tüchtigen sich zu den Tüchtigen scharen und die Schlechten zu

den Schlechten; viele sinken so und viele steigen; viele der Gestiegenen

sinken wieder, denn sie können sich nicht oben halten; manche aber

bleiben oben, und auch einer gesunkenen Familie gelingt es wieder, zu

steigen, wenn sie sich doch als tüchtig erweist. In solchem Vorgang übt

der Anblick einer Familie wie des Grafen eine außerordentliche Wirkung,

denn die Schlechten werden bestärkt im Leichtsinn oder in

aufrührerischer Gesinnung, die Guten aber werden desto trotziger und

stolzer; und bei beiden wird der Freiheitssinn gemehrt, bei den einen

der Sinn für die Freiheit der Zuchtlosigkeit, die sie und ihre Kinder in

das wohlverdiente und notwendige Verderben treibt; bei den andern der

Sinn für die Freiheit der Zucht und Ehre, die sie tüchtig machen, sich

zuoberst zu setzen in die verlassenen Stühle; denn nachdem sie gelernt,

in Ehre zu gehorchen, vermögen sie auch in Ehre zu befehlen.

Der Förster hatte seinen Abscheu vor der Wirtschaft auf dem Schlosse

immer mehr vertieft. Zwar durfte er seinem Herrn nichts sagen von seiner

Meinung; aber wenn die beiden zusammenkamen, so äußerte sich in ihrem

Wesen dennoch deutlich ihre wahre Beziehung, die seelische, die

wichtiger ist wie die äußerliche der zufälligen Verhältnisse. Der

Förster war ehrerbietig, aber wortkarg, und schritt als ein großer,

magerer Mann in weiter und fester Gangart, der Graf, der klein und durch

sein fröhliches Leben fett war, ging flüchtiger und schneller, indem er

ein wenig zurückblieb, und sprach oft Sätze, mit denen er seinen Förster

zum Lächeln bringen wollte. Der Förster behielt wohl, was sein Herr

sagte, aber er bezog sich später nie wieder auf seine Worte, wenn sie

nichts Dienstliches betrafen; der Graf aber erinnerte den Förster oft an

frühere Aussprüche. Doch je liebenswürdiger der Graf war, desto bitterer

wurden des Försters Gedanken, denn er gedachte des alten Herrn, der ein

rauher und fester Mann gewesen war, der von jedem seine gebührende

Ehrenbezeigung verlangte; der hatte ihm einmal ein Trinkgeld gegeben,

als er noch Jägerbursche war, und dazu gesagt: »Bleib ein ordentlicher

Kerl«; wie er tot war und aufgebahrt lag, war er in Uniform und hatte

den Helm auf dem Kopf; aber wie sie ihn einsargten, mußten sie ihm den

Helm unter den Arm geben, das hatte er so angeordnet vor seinem Ende.

Dann mußte er auch immer den Bocksklee bedenken; das war ein Vorwerk

gewesen mit schlechtem Boden, das sein Urgroßvater aufgeforstet hatte,

und von seiner Hand war noch der Plan da, wie es mit dem Umtrieb

gehalten werden sollte, des Windbruches wegen; und wenn er sich die

viele Mühe und Sorge, die durchwachten Nächte und arbeitsreichen Tage

vorstellte, die seine Vorfahren verbracht hatten, bis der Wald so stolz

und wertvoll war, so kam ihm der Groll bis an die Kehle und hinderte ihn

zu sprechen. Keinen Stand gibt es, der so mit der Arbeit der

Vergangenheit zusammenhängt und so mit der Hoffnung auf die Zukunft

verwachsen ist wie der Försterstand; denn was ein Förster erntet, das

haben die Toten gepflanzt, deren Gräber längst eingesunken sind auf dem

Kirchhof; und was er pflanzt, das wird man ernten, wenn die Söhne seiner

Urenkel als Männer im grünen Rock durch den Wald gehen. Deshalb ist

etwas Adeliges in einem rechten Förster, denn er weiß, daß der Mensch

nicht ein haltloses Gesindlein ist, das morgen lebt mit dem Taglohn von

heute und sich dick tut mit seinem Elend und lumpigen Verdienst, sondern

der Mensch lebt durch die Liebe der Vorfahren in Pflicht für die

Nachkommen, nicht von seinem Verdienst, sondern nach seinem Gewissen.

Ein Kind, das in solchen Lebensumständen aufwächst, bekommt etwas

Besonderes mit. Es lernt früh die Beziehung seines eignen Lebens als

eines fast zufälligen zu Vergangenheit und Zukunft seines Geschlechtes;

aber doch nicht in der Form des harten Erwerbsinns und des Stolzes auf

den Besitz, wie im Bauernstand, sondern in der Form des Gefühls für

reine Ehre und strenge Pflicht; denn nicht für sich und seine Kinder

pflegt der Förster sein Gut, sondern für andere.

Kein Mensch weiß, wie sich das Wesen eines Kindes bildet und wie

Erbschaft und Einfluß einander bestimmen. Ganz kleine Kinder haben in

viel höherem Maße wie Erwachsene die Fähigkeit, aus Miene und Haltung zu

erfahren, was in einem andern ist; und in viel höherem Maße haben sie

auch den Trieb, nachzuahmen, Äußerliches wie Innerliches. Kaum hatte der

kleine Hans gehen können, da legte er schon die Hände über den Rücken

und ging ernsthaft in der Stube auf und ab mit steifen Schultern, wie

sein Vater tat am Sonntagnachmittag, sagte er sein Nein oder sein Ja mit

derselben Betonung wie der Vater; und da seine gesamte Umgebung dieselbe

war, in der sein Vater und Großvater aufgewachsen waren, so nahmen alle

seine angeborenen Triebe dieselbe Richtung, wie sie bei Vater und

Großvater genommen hatten, und seine Art wurde noch stärker, wie die

seiner Vorfahren gewesen.

Und was erzog ihn alles. Da erwachte er des Morgens, und sein Hauch war

sichtbar in der kalten Luft unter dem kalkverputzten Ziegeldach, und die

kleinen Fensterscheiben waren dick gefroren. Und unten in der Stube saß

er dann am Fenster, sah, wie die Schneeflocken niedertanzten und sich

sanft auf Zweige legten und auf Bretter und auf den Erdboden, der mit

kleinen Steinchen bedeckt gewesen; aber wenn die großen Flocken ans

Fenster wehten, so vergingen sie schnell, indem sie niederglitten. An

manchen Tagen, wenn es nicht schneite und sehr kalt war, taute auch in

der Stube das Fenster nicht ab; dann hauchte er an die Scheibe und

schmolz sich ein rundes Loch zum Ausschauen; im Augenblick war es wieder

mit einer dünnen Eishaut bedeckt, die war aber nicht weiß. Im Walde war

ein Krachen, Tönen und Donnern; und der Wald stand doch ruhig und

unbewegt mit seinen schneebedeckten Zweigen in der hellen Sonne. Wenn

die Kälte so groß war, so wurde das Herz leicht und lustig und verlangte

nach Gefahren; dann dachte er an den letzten Luchs, den sein Großvater

hier geschossen, und seine Fäuste ballten sich; und an die Franzosenzeit

dachte er, wie da das ganze Dorf in den Wald gezogen war, und er schämte

sich, daß alle solche Furcht gehabt hatten. Denn wer recht hat und Gott

fürchtet, der muß ausharren, wie im Buch der Makkabäer erzählt ist von

den sieben Brüdern und ihrer Mutter; wie die Mörder sechs zu Tode

gemartert hatten, da sprach der letzte, der noch ein Kind war: »Worauf

harrt ihr? Gedenket nur nicht, daß ich dem Tyrannen hierin gehorsam sein

will«, und ließ sich auch martern, trotzdem er noch klein war.

Abends las die Großmutter oft lange vor aus der alten Bibel, deren

Blätter braun geworden waren durch die Finger so vieler Vorfahren, die

jetzt lange vergessen lagen in ihren rasenbedeckten Gräbern; aus den

Geschichtsbüchern im Alten Testament las sie und aus den Evangelien und

der Offenbarung Johannis, von dem himmlischen Jerusalem und von der

Schale des Zorns, von den vier Reitern und von dem Tier, das über den

Gewässern sitzt. Wenn Hans dann mit ihr sprach über das Gelesene, so

wunderten sich beide über die Verstocktheit der Juden und freuten sich,

daß wir die Offenbarung haben, und daß unser Herr Jesus für uns

gestorben ist, an den wir glauben müssen, und können nicht irren. Und

wir sehen alle Tage, daß der Gerechte siegt und der Ungerechte vergeht;

denn wenn auch ein schlechter Mensch scheinbares Glück hat, so verrinnt

das doch bald, wie es Klaus Hörgen geschah, der aus der Fremde heimkam

mit einem großen Vermögen, sich ein Haus kaufte und nichts mehr tat; was

geschieht? Nach ein paar Jahren wurde ihm sein Haus wieder verkauft, und

kam in Schimpf und Schande. Daß es aber einem guten Menschen schlecht

ginge, das ist noch nie geschehen; es müßte denn sein wie bei der

frommen Genoveva, weil der Herr sie prüfen wollte und ein Beispiel geben

für andre.

Im Sommer streifte der kleine Hans viele Stunden lang allein im Wald. Da

lagen die Tannennadeln glatt und ungestört auf dem Boden, und die hohen

Stämme standen regungslos; nur wenn er zuweilen auf dem Rücken lag und

in die Wipfel schaute in der tiefen Stille, spürte er ein leises Wiegen

der Stämme und wie die spitzenbehangenen Äste sich kreuzten, hoch oben.

Das war eine andre Welt, hoch oben; wenn man ein andres Wesen wäre, ein

Vogel oder ein Eichhörnchen, so lebte man da, hüpfte von Ast zu Ast, und

alles, was unten ist, sähe ganz klein aus und ginge einen nichts an. In

die Stille kam plötzlich das Klopfen oder das Hämmern eines Spechtes,

ganz von weitem, oder ein unmerklich leises Geräusch von einer kleinen

Meise mit blitzenden Augen. Und Moos war da, das drängte sich dicht, und

eine Art sah aus wie ein Tannenwald im kleinen, der Berg und Tal

überzieht und alles rund macht. Ameisen auf einem solchen Moosberge

kamen sich wohl vor wie wir im Hochwald; vor Gott aber waren wir gleich

den Ameisen und ein Wald von vielen Meilen wie ein Häufchen Moos. Das

war wunderbar, wenn man auf der anderen Seite die Würdigkeit der

Menschen bedachte, denn alle unsre Gedanken kannte ja Gott; dieses war

auch der Grund, weshalb wir um ein reines Herz beten, weil wir uns nicht

gern schämen, wenn Gott in uns hineinsieht. Einmal hatte Hans gemerkt,

wie Gott in ihn hineinsah, aber da hatte er gerade ein reines Herz, und

das machte ihn sehr froh, und es war ihm, als müßte es sich innerlich

ganz ausbreiten vor Gott, wie ein Buch mit der ersten Seite

aufgeschlagen hingelegt wird; er war im Walde und in einer sehr großen

Stille.

Wir haben seltene Augenblicke im Leben, wo uns unser inneres Wesen

symbolisch gezeigt wird, wie wir ja auch im Traum, statt Begriffe zu

denken, Symbole sehen. In einem solchen Augenblick, da er zudem auf der

äußersten Spitze seines Lebens stand und sich in solcher

Schicksalsstunde für immer nach links wenden mußte oder nach rechts,

hatte er in seinem späteren Leben einmal ein schnell vorüberhuschendes

Schattenbild eines hohen und ernsten Tannenwaldes, und sein Gefühl war

wie Glockenklang. Da entschied er sich nach der rechten Seite; und dann

wurde ihm klar, daß der Wald ein treuer Lehrer seiner Jugend gewesen

war; und er wußte genau, daß er ein andrer Mensch geworden wäre, wenn er

unter Buchen oder Eichen aufgewachsen, statt unter Tannen.

Ein treuer Lehrer war ihm auch Dorrel, das Dienstmädchen. Er war bei ihr

im Stall, wo das trübe Licht in der großen alten Laterne brannte, und

Dorrel melkte, gleichmäßig und in langen Zügen, indes die Kuh behaglich

ihr Kleeheu aus der Krippe zupfte; ein ganz besonderer Ton war in dem

Melken, der nach Ordnung, Ehrbarkeit und Fleiß klang; auch die Kuh steht

bei einer faulen und hochmütigen Melkerin nicht so ruhig und behaglich,

denn das liebe Vieh merkt wohl den Unterschied im Wesen der Menschen und

benimmt sich danach.

Dorrel hatte eine besondere Kunst; sie konnte Schutzkrausen aus buntem

Papier für Talglichter machen; die schnitt sie zuerst mit der Schere

zurecht, und dann drehte sie mit der Schürze sie so, daß sie schöne

Falten bekamen. Wenn sie dem kleinen Hans etwas ganz besonders Gutes

antun wollte, so versprach sie ihm, daß sie ihm eine solche Krause

machen wolle, und dann freute er sich sehr. Sehr oft nahm sie ihn mit,

wenn sie aufs Feld ging, und besonders wenn sie im Herbst aus der

Elsgrube Kartoffeln holte. Da zog sie den Schubkarren aus der Scheune,

legte den Sack auf und ließ dann den kleinen Hans sich setzen; der saß

da mit geknickten Beinen und sah glücklich in Dorrels rotes, strahlendes

Gesicht, die den Sielen über die Schulter geworfen hatte und rüstig den

Karren vor sich hinschob. Denn auch für sie war es eine große Freude,

wenn sie Kartoffeln herausholte. Während sie schob, gab sie ihm Rätsel

auf, alte Rätsel, die sie selbst als Kind von ihrer Großmutter gelernt:

Es ging ein Männchen über die Brücke,

Es hatt' ein Körbchen auf dem Rücken;

Hatte drinne Sich sich,

Hatte drinne Stich stich,

Hatte drinne Weißgewaschen,

Ohne Seif' und ohne Wasser.

Das wußte Hans natürlich nicht, was das war, nämlich: Spiegel, Nadeln

und Eier. Sehr merkwürdig war das. Auch das war ein schweres Rätsel:

Der König von Ägypten,

Der hatt' ein Ding, das wippte,

Er konnt' es nicht verkaufen,

Er mußt' es selber brauchen.

Das war nämlich seine Zunge.

Und in der Elsgrube war in der Mitte ein rundes Wasser, das war ohne

Grund. Vor vielen Jahren hatten die Leute einmal drei Heuseile

aneinandergeknüpft und unten einen schweren Stein angebunden und den

hinabgelassen, aber sie konnten keinen Boden finden. Hier hatte früher

das Schloß des Grafen gestanden, das untergegangen war, als der treue

Diener von der weißen Schlange gegessen; jetzt aber lagen hier die

Äcker, die zum Forsthaus gehörten.

Dorrel machte dem kleinen Hans eine Schleuder, indem sie eine schwibbe

Rute von einer Weide abschnitt und die vorn zuspitzte. Auf die Spitze

steckte Hans die Kartoffeläpfel und schleuderte sie in die Luft; so hoch

flogen sie, daß er sie beinahe nicht mehr sehen konnte. Ein anderer

hätte gedacht, sie flögen in den Himmel, aber Hans wußte aus seinem

Lesebuch, daß der Himmel unendlich hoch über uns ist, denn es gab

Sterne, deren Licht brauchte viele tausend Jahre, ehe es zu uns kam, so

hoch standen die; und der Himmel mußte doch natürlich noch höher sein;

aber das glaubte Dorrel ihm nicht, denn die meinte, es würde viel Unsinn

gedruckt, und man müßte nicht alles glauben, was in den Büchern steht.

Während er spielte, machte Dorrel Kartoffeln aus; und fast über jeden

Busch freute sie sich, daß er so viele Knollen hatte, und meinte immer,

das sei doch ein sichtbares Zeichen von Gottes Güte, daß man eine

einzige Kartoffel steckt, und nachher sind so viele da; wenn sie einen

besonders großen Busch fand, so rief sie den kleinen Hans, und dann

suchten sie zusammen die Knollen aus der Erde und zählten sie. Bei jedem

Busch war sie immer von neuem gespannt, und Hans stand dann wohl neben

ihr, und sie rieten vorher, wieviel Knollen der wohl hätte; dabei

behauptete Hans dann etwa, er müsse hundert haben oder zweihundert, und

wollte nicht glauben, daß das gar nicht möglich war; wenn er dann

ärgerlich wurde, so gab sie ihm ein neues Rätsel auf:

Ule, Ule,

Er saß bei mir auf dem Stuhle,

Er winkte mir, ich wehrte mich,

Er winkte mir so süße,

Daß ich vergaß die Augen und die Füße.

Da mußte Hans wieder betteln, denn er wußte nicht, was das war und war

doch recht neugierig. Dorrel aber ließ ihn lange zappeln, bis sie ihm

zuletzt sagte: das ist der Schlaf.

Die fromme und treue Magd sprach nur aus ihrem braven und rechten Gemüt.

Sie wußte, daß es nicht gut ist für ein Kind, wenn man ihm Zeit läßt,

ärgerlich und ungezogen zu werden, auch wenn man es alsdann straft,

sondern es ist besser, wenn man seine Gedanken ablenkt durch etwas

Neues, daß es seinen Ärger vergißt; denn leicht hinterläßt ein häßliches

Benehmen Spuren in der Seele eines jungen Kindes.

* * * * *

Der kleine Hans wachte an einem Morgen auf, weil die Vögel auf den

Ziegeln gerade über seinem Bett ein großes Klabastern und Schreien

anstellten. Ein Stückchen Kalk vom Verputz war ihm auf die Bettdecke

gefallen. Die Morgensonne schien durch das Fenster, und die Blüten des

Spalierapfels waren aufgebrochen. Ein vollbesetzter Zweig zog sich

schräg vor den Scheiben hin. Hans dachte, wenn die alle ansetzten, dann

würde es eine Menge Äpfel geben, und sehr bequem waren sie vom Fenster

aus zu pflücken. Indessen aber lag er in seinem warmen Bett und hielt

die Augen behaglich geschlossen. Auf dem Dach waren jetzt auch Tauben,

das hörte man am Gurren und an dem Trippeln. Die warteten, daß Hans in

die Haustür trat und ihnen das Futter streute; sie kannten ihn ganz

genau und ließen sich nicht irre machen, wenn ein andrer kam und sie

anführen wollte. Von den Äpfeln konnte er übrigens im Herbst, wenn sie

reif waren, immer jeden Abend einen mit ins Bett nehmen; dann zog er die

Decke über die Ohren und aß ihn heimlich für sich. Die Sorte war auch

gut.

Jetzt hörte er Schritte auf der Treppe: ganz geschwind kniff er die

Augen zu, aber sein Gesicht lachte. Die Mutter trat ein, warf ihm ein

Kissen aufs Gesicht, faßte ihn darunter und hielt ihn fest; dazu sang

sie:

Hab' ein Vögelchen gefangen

Im Federbett,

Hab's in'n Arm 'nein genommen,

Hab's lieb gehätt!

Hans strampelte und lachte, die Mutter aber hob ihn aus dem Bett,

schwenkte ihn und sang:

^Quibus, quabus,^

Die Enten gehen barfuß,

Die Gäns' haben keine Schuh,

Was sagen denn die lieben Hühner dazu?

Dann küßte sie ihn recht herzlich, und er wischte sich den Mund ab und

rutschte aus ihrem Arme auf die Erde. Ob er heute den Tauben wohl Erbsen

streuen durfte? Aber es war ein ganz besonderer Tag. Die Mutter kriegte

ihn vor und wusch ihn außergewöhnlich gründlich, daß er mit den Zähnen

klapperte über das nasse Wasser und ganz blankgescheuerte Backen bekam.

Dann kämmte sie ihm das Haar glatt, das ihm sonst borstig und hell in

die Höhe stand; erst bearbeitete sie es mit Wasser, nachher mit Pomade.

Hans fragte mit großer Neugierde, was denn heute geschehen werde; aber

die Mutter lachte nur und antwortete ihm nicht. Sie holte den guten

Anzug aus dem Schrank, und auch seinen Kragen und die Manschetten

kriegte er; die waren zwar recht ausgewaschen, und einem verwöhnten

Stadtkind wären sie nicht mehr ganz anständig erschienen, für Hans aber

waren sie eitel Prunk und Herrlichkeit. Und wie er nun so fein angezogen

war, ermahnte ihn die Mutter, daß er sich fromm in die Stube setzen

sollte und ein Buch vornehmen, damit er den guten Anzug schonte und sich

nicht unordentlich machte. Da holte er seine Lesebücher zusammen: den

Preußischen Kinderfreund, drei Bände Spinnstube und die Bibel, und

begann für sich zu lesen; denn eigentlich war ihm das Lesen doch das

Liebste, und vollends, wenn der Vater nicht da war, der immer wollte,

daß er etwas Nützliches studierte; die Mutter aber meinte, es sei alles

nützlich und gut, was in seinen Büchern stand. So las er im Kinderfreund

seine Lieblingsgeschichten von der gnädigen Frau von Paretz, und das

Gedicht: Als Kaiser Friedrich lobesam ins heil'ge Land gezogen kam (bei

dem er immer meinte, lobesam müsse mit großem Anfangsbuchstaben

geschrieben werden, weil es doch der Nachname Kaiser Friedrichs sei);

und in der Spinnstube las er die Geschichte von Wittington und seiner

Katze, der dreimal Bürgermeister von London wurde, welche

Stadt anderthalb Meilen lang und fast eine Meile breit ist,

achttausendeinhundertundeinundneunzig Straßen hat, hundert freie Plätze

von großer Ausdehnung, zweimalhundertundfünfzigtausend Häuser, und zwei

Millionen Einwohner. Das war einmal eine Stadt!

Zuletzt sagte die Mutter dem Hans, was bevorstand, denn der Herr Graf

mit seiner Gemahlin und den Kindern wollten eine Lustfahrt durch den

Wald machen und dabei im Forsthause einsprechen. Denn es waren noch

nicht die Zeiten, die im vorigen Kapitel geschildert sind, und die bösen

Zustände im gräflichen Hause wurden noch nicht äußerlich bemerkt.

Da kam der erste Wagen, der von stolzen Pferden gezogen wurde, welche

die Beine tänzelnd hoben und den Kopf hochhielten; nachher, wie sie

standen, spielten sie mutwillig mit dem Gebiß; man sah es ihnen wohl an,

daß sie in Herrendienst waren und in Wohlleben. Der Kutscher trug eine

sehr stolze Livree und saß hochmütig auf dem Bock, als gehe ihn die

ganze Welt nichts an; und die Frau Gräfin mit der kleinen Komtesse

lehnten im Wagen und sahen gar nicht so stolz aus wie der Kutscher und

lächelten beide freundlich, indem die Mutter den Schlag aufmachte. Hans

hörte, wie die Frau Gräfin immer lobte und sagte: »Schön, sehr schön,

ausgezeichnet, liebe Frau Werther.« Er mußte eine Verbeugung machen, die

ihm die Mutter vorher eingeübt hatte, und war sehr verlegen; am liebsten

wäre er ganz weit weg gewesen.

Da die Frau Gräfin ihm auftrug, daß er der kleinen Komtesse alles zeigen

sollte, was zu sehen wäre, so faßte er die bei der Hand und ging mit ihr

aus der Stube; sie war wohl ein Jahr jünger wie er, aber er war fest

entschlossen, sie mit »Sie« anzureden; solange es ging, wollte er sich

indessen um die Anrede drücken, weil er doch nicht wußte, ob es nicht

komisch war, wenn er »Sie« sagte. Sie sprach zuerst und erzählte, daß

sie ihr weißes Kleid nicht schmutzig machen dürfe. Sie hatte ein weißes

Kleid, das war ganz aus Spitzen, wie aus Luft, und in der Mitte war ein

blauseidenes Band. Er wußte nicht recht, was er antworten sollte, da

fielen ihm seine Manschetten ein, die zog er von den Händen und zeigte

sie ihr; das war ihr sehr merkwürdig, und sie sagte, daß bei ihren

Brüdern die Manschetten aus einem Stück seien mit den Hemden, aber so,

wie er es habe, sei es gewiß viel vernünftiger, weil man sich dann nicht

so schrecklich viel umzuziehen brauche.

Nun führte er sie in den Stall, die Treppe hinauf, zum Heuboden. Hier

hatte er im Heu sich einen langen Gang gegraben, und am Ende hatte er

eine Höhle, deren Decke war mit Brettern gestützt, daß sie nicht

einstürzte. Eigentlich war das eine Höhle der alten Deutschen, aber man

konnte hier auch Mann und Frau spielen, dann war die Höhle der Raum, wo

die Frau blieb und Mittagessen kochte, oder flickte, und der Mann kam

nach Hause aus dem Wald. Die Komtesse war einverstanden, daß sie so

spielen wollten. Deshalb kroch er erst in den Gang hinein, und wie er

hinten in der Höhle saß, rief er ihr, daß sie nachkommen sollte, damit

er ihr das Innere zeigte, das war freilich ganz dunkel. Sie kroch auch

ganz tapfer nach, wie sie aber in der Mitte des Ganges steckte, hielt

sie plötzlich still und fing ganz jämmerlich an zu weinen, weil sie mit

einem Male Angst kriegte. Er tröstete sie und sagte, die Mädchen hätten

immer Angst, und sie solle nur weiter kriechen, dann käme sie zu ihm;

aber sie weinte immer lauter und rief nach ihrer Mama. Da kroch er

zurück, und sie schob sich auch rückwärts aus dem Gange, und wie sie

draußen standen, sahen sie recht unordentlich aus und waren voller Heu.

Dann wurde beschlossen, sie sollte den Mann vor dem Hause erwarten, denn

es müßte Sommer sein, und in der Stube müßte es heiß sein. Deshalb ging

er fort, die Treppe hinunter, aber mit dem Kopf durfte er nicht

verschwinden, sonst wollte sie wieder weinen, dann kam er wieder,

trampelte laut mit den Füßen, rief: »Kusch, Pollux!« und sagte: »Guten

Tag Frau, was macht der Junge?« Sie antwortete: »Er ist artig gewesen,

darum muß er auch einen Kuß kriegen.« Diese Antwort brachte ihn aus dem

Konzept, weil sie ihm ungewohnt war, deshalb fragte er weiter: »Hast du

auch was Gutes gekocht?« -- »Nein,« sagte sie, »ich habe in der

>^Semaine des Enfants^< gelesen.« Nun wußte er wieder nicht weiter,

deshalb sagte er: »Ach, das ist ein dummes Spiel, wenn du nicht so eine

Heulliese wärst, so könnten wir jetzt durch die Heuluke durchklettern in

die Kuhkrippe.« Da versprach sie ihm, daß sie auch ganz gewiß nicht

wieder weinen wollte, und dann machte er die Heuluke auf, sie legten

sich auf den Boden und sahen, wie unten die Kuh in die Höhe guckte, mit

den Lippen bettelte und durch die Nasenlöcher pustete. Das war so

komisch, daß sie lachen mußte. Hans zeigte ihr, wie man sich durch die

Luke in die Krippe niederlassen konnte; die Kuh pustete neugierig und

leckte mit der Zunge ihn an, weil sie dachte, er sei ein Heubündel; das

war noch komischer wie das andre; aber mit in die Krippe steigen mochte

die Komtesse doch nicht.

Unten bei der Kuh waren Hansens Kaninchen. Die wollte die kleine

Komtesse gern sehen. Sie gingen hinunter, und die Komtesse bewunderte

den langen, kleinen Gang an der Wand, der aus Brettern gezimmert war,

und das Schlupfloch, das ein Arbeiter schön blau und rot bemalt hatte.

Hans fing ein ganz weißes Kaninchen und reichte es ihr an den Ohren hin;

es hielt ganz still, wie sie streichelte, und plötzlich fing es stark an

zu zappeln, daß sie zuerst erschrak; nachher mußte sie aber selber

lachen über ihre Furcht, wie sie die niedlichen roten Augen sah. Dann

nahm Hans das Brett am Ende des Laufganges weg, wo das Nest war; da

lagen sechs kleine Kaninchen bei ihrer Mutter, die waren ganz zahm und

ließen sich auf die Hand nehmen, und ihre Mutter machte ein Männchen und

schnupperte nach oben. Über das alles war sie so entzückt, daß Hans

zuletzt strahlte vor Stolz und Freude; und nachdem er sich lange

überlegt, ob er wohl nicht Zanke bekäme von der Mutter, wenn er ihr ein

Geschenk anböte, fragte er, ob sie ein Pärchen haben wolle. Da war sie

ganz glücklich, und mit immer neuem Vergnügen suchte sie sich zwei von

den kleinen Tieren aus, nahm sie in ihr Kleid und sprang zu ihrer Mutter

in der Stube. Die sagte mehrmals, die Tiere seien sehr schön, aber als

das Kind sie bat, ob es sie mitnehmen dürfe, antwortete sie, daß es doch

zu Hause keinen Raum hätte, wo es sie lassen könne; und die Kleine, die

schon wußte, daß auch noch eine leichtere Ablehnung endgültig war, gab

dem Hans mit Tränen in den Augen und ohne Worte die Tierchen wieder

zurück und setzte sich dann still ans Fenster. Die Frau Gräfin sagte

dann, sie sei wohl recht wild gewesen, und sie müsse jetzt artig sein,

ihre Brüder würden bald kommen. Hans stand da mit den beiden kleinen

Kaninchen, eins in jeder Hand, und wußte nicht, wo er hingehen sollte;

in seiner Verlegenheit bot er sie der Komtesse noch einmal stumm an; die

schüttelte das Köpfchen und sah durchs Fenster. Seine Mutter stand auf,

öffnete die Tür, schob ihn hinaus und sagte ihm, er solle die Kaninchen

wieder in den Stall bringen; das tat er auch; und weil er nicht recht

wußte, wie er wieder in die Stube gehen solle, so blieb er draußen unter

der Toreinfahrt, steckte die Hand in die Hosentaschen und pfiff mit

erkünsteltem Gleichmut ein Lied. Ganz wohl war ihm nicht, denn er hatte

wohl gesehen, wie die Frau Gräfin böse geworden war, nur daß sie es

nicht so zeigte, wie seine Mutter es pflegte.

Nach einer Weile aber kam die kleine Komtesse wieder heraus, trat neben

ihn hin und sagte: »Ich danke dir auch schön, und du mußt nicht böse

sein; wenn wir einen Raum hätten für die Kaninchen, so hätte ich sie

nehmen dürfen.« Dann zog sie ein Albumbildchen hervor, das stellte

Dornröschen dar, wie der Prinz es gerade wachküßt, das schenkte sie ihm.

Er steckte das Bild gleichmütig in die Tasche. Sie sagte dazu: »Ich

hätte es gerne selber behalten, unser Küchenmädchen hat es mir

geschenkt, aber dir will ich es geben.«

Indem sie noch so sprachen, fuhr ein andrer Wagen vor, in dem saß der

Graf und die beiden Jungen, die ungefähr in dem Alter waren wie Hans;

und auch der Förster saß im Wagen. Der Vater sprang schnell heraus und

war der Herrschaft behilflich beim Aussteigen. Der Herr Graf faßte die

kleine Komtesse beim Zöpfchen, sie warf sich ihm in die Arme und hätte

wohl gern noch einmal gebeten wegen der Kaninchen, wenn sie gewagt

hätte.

Nun trat die Frau Gräfin aus dem Haus und gab der Försterin freundlich

die Hand. Die kleine Komtesse umfaßte ihren Rock und bat: der kleine

Hans soll mitfahren. Sie bat so herzlich, daß die Frau Gräfin fragte, ob

die Eltern das erlaubten; die sagten natürlich ja, die Mutter zupfte

Hans noch einmal zurechte, und dann stiegen alle ein. Die Kinder durften

in dem einen Wagen für sich bleiben, nachdem sie dem Kutscher auf die

Seele gebunden waren, der Graf war mit seiner Gemahlin in dem andern,

und nun ging die Fahrt fort in den Wald.

Dem Hans war sehr befangen zumute, denn er hatte das Gefühl, daß er ganz

anders saß und sich bewegte und sprach wie die jungen Grafen; die sahen

so aus, als dachten sie gar nicht an ihre Bewegungen, und er meinte, daß

sie wohl heimlich über ihn lachen möchten. Das Mädchen erzählte von den

Kaninchen, und wie reizend die gewesen seien; da sprachen die beiden

Brüder geringschätzig und meinten, Kaninchen seien gar nichts

Besonderes, und wenn sie nur wollten, so könnten sie Hunderte haben; und

wie die Kleine erzählte, daß sie die beiden geschenkten Jungen nicht

hatte mitnehmen dürfen, da lachten sie und sagten, sie verstehe das

nicht, wie man seinen Willen erreiche; da müsse man so lange heulen, bis

einem erlaubt werde, was man wolle. Hans kriegte runde Augen über diese

Ansichten und sagte zwar nichts; die Brüder aber merkten wohl, daß ihm

ihre Reden unrecht vorkamen, deshalb machten sie sich gefaßt, ihren Spaß

mit ihm zu treiben, denn sie hielten ihn für einen Duckmäuser.

Sie sagten nicht »Vater« und »Mutter«, sondern »der Alte« und »die

Alte«, und rühmten, welche Taten sie mit ihrer Schnappschleuder

begingen, wie sie da den Bauern die Fensterscheiben entzweischossen,

ohne daß jemand merkte, von wem der Schuß kam. Noch nahmen sie scheinbar

keine Notiz von Hans, weil sie keine rechte Anknüpfung hatten, aber sie

knufften sich heimlich, um sich auf ihn aufmerksam zu machen, wie er

dasaß mit seinen hellen Augen in dem blankgescheuerten Gesicht. Wie ihre

Schwester von den Manschetten erzählte, prusteten sie los mit Lachen und

sagten, das seien Sparröllchen, wie sie Herr Müller trägt, der

Hofmeister; gestern hatten sie gehört, wie ihre Mutter zum Vater gesagt

hatte, Herr Müller mit seinen Sparröllchen sei doch zu unterirdisch.

Hans wurde feuerrot und schämte sich sehr und hätte fast angefangen zu

weinen; aber er bezwang sich noch. Der älteste von den Brüdern fragte

ihn: »Kannst du auch schon reiten? Wir haben jeder einen Pony, auf dem

lernen wir reiten, ich darf schon allein.« Hans schüttelte den Kopf;

dann erzählte er, daß ihre Elsbeth einmal wochenlang jeden Tag

zweiundzwanzig Liter Milch gegeben habe. Da prusteten die Brüder wieder

los, das kleine Mädchen aber sagte zu ihm: »Du mußt dich nicht ärgern

über sie, das sind dumme Jungen.« Ihm aber war, als ob sie im

Einverständnis sei mit den beiden, die ihn auslachten, und das kränkte

ihn am meisten; aber er wußte nicht, was er antworten sollte.

Indessen erzählten die andern weiter, wie sie schon geraucht hatten und

sich Geld borgten von den Leuten; und wie den einen der Vater einmal zur

Rede gestellt, hätte er einfach alles abgestritten, und der Vater hätte

gelacht und gesagt, er könne sich gut herauslügen, aber er, der Vater,

merke doch die Wahrheit; aber getan hätte er ihm nichts. Dann fragten

sie Hans, ob sein Vater seiner Mutter auch zuweilen etwas vorlog. Er

schüttelte mit dem Kopf. Sie antworteten, er sei noch zu dumm, da merke

er das nicht. Da kam ihm plötzlich ein neues Gefühl in die Bewunderung

der Ruhmredigkeit der andern, die Stimmung von Zuhause und der Stolz,

den er gegenüber den Tagelöhnerkindern hatte, und er sagte: »So einen

Vater wie ich hat auch keiner.« Der älteste von den beiden antwortete

überlegen: »Das denkt man immer, solange man noch klein ist.« Dann

fragten sie, ob sein Vater ihn schlug, und Hans erzählte, daß er eine

Peitsche hatte mit neun Riemen, das war die neunschwänzige Katze, mit

der kriegte er, wenn er ungezogen gewesen war. Da kam ihm wieder vor,

als sei bei ihm zu Hause alles dumm, und er selbst sei ganz dumm, und

die beiden erschienen ihm wieder hoffnungslos überlegen. Die Wagen

fuhren zu einer Waldblöße, die war von allen Seiten eingeschlossen durch

die hohen Tannen, und war der Boden etwas abhängig und mit braunem Gras

bedeckt von vorigem Jahr; schon kamen die ersten grünen Grasspitzen aber

hervor, und die Primeln blühten. Auf dem untern Teil hatten sich einige

Birken angesiedelt, die etwa mannshoch waren; über denen schwebte eben

ein hellgrüner Hauch. Aber an der trockensten und sonnigsten Stelle lag

ein großer flacher Stein. Auf diesem deckten die Leute, denn die

Herrschaften wollten im Freien vespern. Die Kinder durften im Walde

spielen. Hans war aus Schüchternheit ungeschickt; weil er bei dem

kleinen Mädchen die einzige Zuneigung verspürte, so hielt er sich immer

zu dieser, wiewohl er dadurch das Spiel oft störte. So versteckten sie

sich hinter den Bäumen, und es war in seiner Nähe kein starker Baum, und

er blieb hinter einem ganz dünnen stehen, obwohl er selbst wußte, daß

ihn die andern gleich sehen mußten. Wie er selbst suchen sollte, war er

zu schüchtern, die Jungen zu fangen, die er fand, und ließ sie

entkommen, wiewohl er sich heftig ärgerte über diese Schüchternheit;

hinter dem kleinen Mädchen dagegen lief er sehr eifrig her. Über alles

dieses wurden die Jungen ärgerlich und zankten mit ihm; er aber lächelte

bloß entschuldigend und konnte sich nicht verteidigen, und die beiden

kamen zu dem Schluß, er sei dumm. Daß er sich immer an ihre Schwester

heftete, merkten sie bald, und da verspotteten sie diese, sie habe einen

Verehrer bekommen, der Dumme sei in sie verliebt. Darüber wurde die

ärgerlich und war kurz gegen Hans; und wie der, obgleich er das merkte,

doch nicht abließ von seiner Art, sagte sie ihm endlich ganz grob, er

solle sie in Ruhe lassen, er sei dumm. Da stand er traurig für sich

allein da und sah zu, wie die andern spielten, und mußte mit aller

Gewalt die Tränen zurückhalten. Mit einem Male aber kam es über ihn,

nämlich plötzlich, bei einer ganz geringen Gelegenheit, als es ihm

schien, der ältere Bruder sehe spöttisch nach ihm hin, da lief er wütend

auf den zu, packte ihn bei den Haaren und schlug kräftig auf ihn ein;

der jüngere Bruder eilte herbei und griff Hans an, aber der ließ sich

nicht irre machen: fühlte wohl gar nichts von seinem Angreifer. Endlich

kamen die Kutscher und trennten die drei.

Wie sie vor die Herrschaften gebracht waren, klagten die Brüder mit

geläufigen Worten über Hans, der habe das Spiel schon von Anfang an

gestört, dann sei er brummig zur Seite geblieben, und endlich habe er

ohne Grund sie überfallen. Hans stand niedergeschlagen da, denn das war

alles richtig, was die sagten, und er wußte selbst nicht, weshalb er

plötzlich so wütend geworden war. Der Herr Graf sagte zu seinen Söhnen,

sie würden gewiß schuld haben, aber wenn sie denn nun einmal keinen

Frieden untereinander halten könnten, so solle der Försterjunge nach

Hause gehen. Nun dachte Hans, daß er sich wohl erst bedanken müsse; aber

das konnte er nicht; deshalb drehte er sich um und ging langsam einige

Schritte; und wie er dachte, daß er weit genug sei, lief er aus

Leibeskräften, bis er atemlos nach Hause kam.

Hier fand er nur die Großmutter vor; er ging zu ihr in die Stube und

weinte in ihren Schoß.

Wie der Vater nach Hause zurückkehrte, wußte er schon von dem

Geschehenen, rief den kleinen Hans zu sich und fragte ihn. Der

antwortete, daß alle sehr artig gewesen seien und besonders die kleine

Komtesse, aber ihn habe plötzlich eine Wut gepackt, er wußte nicht

woher, daß er habe den einen schlagen müssen. Mehr konnte er nicht

sagen, und keine weitere Vorhaltung nutzte etwas. Endlich fragte ihn der

Vater, ob er wisse, daß er sehr ungezogen gewesen sei und Hiebe verdient

habe. Da sagte er ja, holte auch die neunschwänzige Katze herbei. Wie

ihn der Vater schlug, bezwang er sich zuerst und muckste nicht, nachher

aber weinte er doch, denn die Katze tat sehr weh.

Am Abend setzte er sich in der Dunkelheit ans Fenster; der Vater saß

still in der Sofaecke. Da stand er leise auf, ging zu seinem Vater,

stieg dem auf den Schoß und weinte an seiner Brust. Der Vater dachte, er

müsse ihn trösten der Schläge wegen und sagte, er sei doch ungezogen

gewesen, und einem Vater tue das selbst weh, wenn er seinen Jungen

schlagen müsse, und das wisse er doch selbst, daß er die Schläge

verdient habe. Da nickte Hans und sagte: »Das ist es nicht, das hat

manchmal schon weher getan.« Wie ihn der Vater nun weiter fragte, faßte

er sich zuletzt ein Herz und sprach: »Nicht wahr, du lügst doch nicht?«

Hierüber wurde der Vater ganz erstaunt, antwortete, daß er allerdings

nicht lüge und fragte dann, wie Hans auf solche Gedanken komme. Hans

schluchzte von neuem und erzählte endlich, was die beiden Jungen auf der

Fahrt und nachher gesprochen hatten. Der Vater wurde recht nachdenklich

und begütigte ihn, indem er ihm sagte, daß die jungen Grafen vorlaute

Jungen seien, die überall zuhörten, auch wo es ihnen verboten sei, und

nun in ihrer Dummheit allerhand falsche Meinungen ausheckten. Damit gab

sich Hans am Ende zufrieden, hörte allmählich auf zu weinen und schlief

zuletzt auf seines Vaters Schoße ein. --

* * * * *

Der Großmutter war es den Winter hindurch schlecht gegangen; sie klagte

über ihre Beine, daß die sie nicht mehr recht tragen wollten und

fürchtete sich vor Zug; abends ging sie früher zu Bett wie sonst, und am

andern Morgen erzählte sie, daß sie nicht habe schlafen können. Dafür

geschah es, daß sie am Tage unversehens einschlief, wenn sie in ihrem

Lehnstuhl am Ofen saß und strickte; das Strickzeug sank ihr in den

Schoß, und sie wachte auch durch lautes Geräusch nicht auf. Man mußte

aber tun, als ob keiner etwas merkte hiervon, sonst wurde sie böse; wenn

sie die Augen wieder aufschlug, so sah sie sich um, ob jemand sie

beobachtete, und dann nahm sie ihr Strickzeug vor das Gesicht.

Gegen den Frühling kam der Tischler, der die Fenster in Ordnung bringen

sollte, denn deren unterer Riegel war faul geworden, und das Wasser lief

auf die Fensterbank. Mit dem sprach die Großmutter über Särge, fragte,

was die verschiedenen Arten kosteten, und wunderte sich, daß alles so

teuer geworden war, und erkundigte sich genau nach der Haltbarkeit. Es

zeigte sich, daß bei Särgen sehr viel Betrug unterlief, denn die

Handwerker hatten keine Furcht vor Gott und keine Scham und glaubten,

bei einem Begräbnis müßten sie mehr verdienen wie bei andern Arbeiten.

Als die Kraft der Sonne zunahm, stand sie oft am Fenster und sah, wie

der Schnee in sich zusammensank, und dann kam Tauwind und Regenwetter,

und in den Schlittenspuren auf der Landstraße schoß das Wasser bergab.

Jetzt sagte die Großmutter oft: »Nun schlagen die Bäume bald aus«; sie

dachte aber bei sich, wenn die Bäume ausschlügen, so würde sie sterben;

auch sagte sie: »Die Schneeglöckchen erlebe ich noch.« Das sprach sie

alles für sich hin, wenn sie allein in der Stube war oder nur der kleine

Hans auf seinem Fußbänkchen still saß. Einmal faltete sie die Hände und

sagte: »Des Menschen Leben währet siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt,

achtzig Jahre, und wenn es köstlich gewesen, so ist es Mühe und Arbeit

gewesen.«

Wie sie noch Kind war, hatten ihre Eltern sie in eine Sterbekasse

eingekauft, und achtzig Jahre lang hatte sie ihre Pfennige gesteuert.

Jetzt las sie viel in dem alten, abgegriffenen Quittungsbuch, in dem

vorn die Satzungen der Kasse abgedruckt standen und hinten auf leeren

Blättern so viele Jahre hindurch der Empfang des Beitrags bescheinigt

wurde; sie las und rechnete für sich alle Kosten und Ausgaben zusammen.

Ein schöner Frühlingstag kam. Das Stubenfenster stand lange

auf, und eine Frühlingsluft drang herein, eine frische und

sonnenscheindurchtränkte. Draußen war es schon ganz trocken, und die

kleinen Vögel machten allerhand Zwitschern, Pfeifen und Tirilieren; die

Großmutter saß lange am Fenster und hatte diesmal gar keine Furcht vor

der Erkältung. Dann sprach sie mit der Mutter wegen des Grabes ihres

toten Mannes, das um diese Jahreszeit besorgt werden mußte, und endlich

sagte sie, daß sie sich jetzt zu schwach fühle, um noch aufzubleiben;

sie wolle sich legen; aber auf ihrer Kammer sei es ihr zu einsam; ihr

Bett solle hier in der Stube aufgeschlagen werden, in der Ecke, wo ihr

Lehnstuhl gestanden.

Die Mutter verspürte wohl, was sie meinte, und daß sie wußte, sie werde

von diesem Lager nicht wieder aufstehen; so antwortete sie, daß heute

abend, wenn der Mann zu Hause sei, alles so gemacht werden solle, wie

die Großmutter es wünsche.

Das geschah auch, und nun war die Großmutter unten in der Stube im Bett;

sie hatte viele Kopfkissen im Rücken, so daß sie halb saß; deshalb

vermochte sie auch noch zu stricken wie früher. Wenn der Vater abends

nach Hause kam, ging er erst zu ihr, gab ihr die Hand und sprach ein

paar Worte. Es war, als sei sie jetzt viel wichtiger geworden wie

vorher; die Mutter fragte sie um manches, davon sie ihr sonst nichts

mitgeteilt, und recht oft erhielt sie ein besonderes Leckerbißlein, das

die andern nicht bekamen.

Einmal rief die Großmutter die Mutter zu sich ans Bett. Die kam und

fragte, was sei. Da sagte die Großmutter nach einer Pause: »Ich wollte

dir nur sagen, daß du immer gut zu mir gewesen bist, so sind nicht alle

jungen Frauen. Ich bin gewiß manchmal wunderlich gewesen, aber ich habe

es immer gut gemeint.« Da sah Hans, wie seiner Mutter die Tränen kamen,

daß sie die Schürze vor die Augen nahm und schnell fortging.

Dem kleinen Hans erzählte die Großmutter jetzt viel; und wiewohl er gern

draußen war und mit dem schmelzenden Schnee spielte, Flüsse leiten und

Dämme bauen, daß sich große Teiche bilden, und dann wieder Kanäle graben

und Wasserfälle machen, so blieb er doch viel lieber in der Stube bei

der Großmutter und hörte ihre Erzählungen aus der alten Zeit.

Sie sprach aber von ihrem Vaterhaus, das schilderte sie ganz genau von

außen und innen und zählte die Stuben und Fenster und Türen, und die

Öfen beschrieb sie, und die Treppe und die Haustür; und alles wurde

prächtig und märchenhaft in ihrer Erinnerung. Dann sprach sie von der

Wiese, und wie sie alle ins Heu gingen mit großen Hauben aus Kattun, und

vom Garten erzählte sie und von den Obstbäumen; da war ein Apfelbaum,

der trug Borsdorfer, solche Äpfel gab es nicht mehr; und von Kirschen

hatten ihre Eltern alle Sorten, und im Herbst, wenn die Abende länger

wurden, dann holten sie immer eine große Schüssel Pflaumen vom Boden,

die wurde auf den Tisch gesetzt. Der Urgroßvater war Silberbote gewesen,

das war ein Bergmann, auf den man besondere Stücke hielt, der mußte

zweimal in der Woche das ausgebrachte Barrensilber zur Münze bringen. Da

ging er denn abends zum Herrn Bergrat, der packte die Barren in einen

Tornister, den versiegelte er; dann kam er wieder nach Hause und

verschloß den Tornister in seinem Koffer und nahm den Schlüssel in die

Tasche; denn früh am andren Morgen um drei Uhr mußte er sich auf den Weg

machen und acht Stunden weit gehen durch den dicken Wald: zur Winterzeit

war oftmals der Weg verschneit und keine Trappe Bahn; dazu war damals

der Wald noch gefährlich wegen der Wölfe, und in der Franzosenzeit gab

es auch Räuber. Deshalb holte der Vater die Bibel und das Gesangbuch aus

dem Schapp und las vor, ein Stück aus den Evangelien, von dem Mann, der

unter die Räuber fiel, oder ein andres, dann knieten alle nieder und

beteten zum lieben Gott, daß er ihn beschützen möge, und am Ende sangen

sie ein frommes Lied. Wenn die Kinder dann am andern Morgen aufwachten,

so war der Vater schon lange auf dem Wege; und erst am Abend um neun kam

er wieder mit dem leeren Felleisen und der Quittung, das mußte ein Kind

beides gleich zum Herrn Bergrat bringen. Wenn es aber um die Zeit war,

daß der Vater heimkehren mußte, so harrten alle in Angst, und oftmals

gingen sie ihm entgegen, weil sie Furcht hatten, es möchte ihm etwas

geschehen sein. Aber Gott hat ihn immer behütet, und er hat ein hohes

Alter erreicht.

In diese Erzählungen mischte die Großmutter Mahnworte und fromme Reden,

indem sie begann: »Und wenn ich tot bin, so vergiß nicht, was ich dir

jetzt sage.« Sie erzählte aber, sie habe gefunden, daß in heutiger Zeit

die Menschen mehr Angst hätten um ihr tägliches Brot wie früher und sich

viele Sorge machten um Irdisches. Als sie ein Kind gewesen, haben die

Menschen andre Gedanken gehabt; indessen sei es möglich, daß die Ursache

der Sorgen in dem beschlossen sei, daß die Menschen heute nicht mehr so

ordentlich und gut seien wie früher. Es sagt aber der Psalmist: »Ich bin

jung gewesen und alt geworden und habe noch nie gesehen den Gerechten

verlassen oder seinen Samen nach Brot gehen.« Diesen Satz gab sie dem

kleinen Hans ganz besonders und schärfte ihn dem Kinde vielmals ein und

fügte hinzu: »Strebet zuerst nach dem Reiche Gottes, so wird euch dieses

alles zufallen«, und sagte nochmals: »Hieran denke, wenn ich tot bin,

und vergiß nicht meine Worte.«

Weiter erzählte sie von ihrem Großvater, den sie noch gekannt als einen

eisgrauen kleinen Mann, der schon ganz in die Erde gewachsen war. Der

war weit in der Fremde herumgekommen als ein Bergmann, in Ungarn und

Böhmen, aber dann wieder in die Heimat gekehrt mit seinem Ersparten und

hatte das Haus gekauft und die Wiesen. Der las viel in einem alten

Buche, das hieß die »Insel Felsenburg«, darin waren Lebensbeschreibungen

von allerhand Menschen und merkwürdige Schicksale, Reisen und

Schiffbrüche, bis alle endlich zusammenwohnten auf einer einsamen Insel

im Meer, wo sie in Ehrbarkeit und Sitte lebten, sich freiten und Kinder

kriegten und die Insel bevölkerten. Sie, die Großmutter, hatte er am

liebsten, die damals noch ein kleines Mädchen war und zu seinen Füßen

saß auf dem Fußbänklein, »gerade wie du, mein lieber Hans. So vergehen

die Jahre, und die Menschen werden groß, und die Alten sterben, und

junge kommen auf, und ist mir, als sei es gestern gewesen, daß ich

aufhorchte, wie er mir erzählte von den Silbergruben in Ungarn und von

den großen Meerschiffen. Und ist zu denken, daß auch mein Großvater

dereinst als kleines Kind aufgeschaut hat zu seinem Ahn, und geht die

Reihe der Geschlechter fort durch die Jahrhunderte, und auch du, mein

liebes Kind, wirst einst Kinder haben, und Enkel werden zu deinen Füßen

sitzen und du wirst denken: >War es nicht gestern, daß ich hörte, wie

die Großmutter mir erzählte?< Aber dann werde ich schon lange in der

Erde liegen neben deinem Großvater, der so jung hat sterben müssen, daß

er deinen Vater nicht mehr gesehen hat, und habe ich an fünfzig Jahre

die Stelle betrachtet, wo ich einstens neben ihm liegen werde.«

Der kleine Hans saß still und horchte auf der Großmutter Worte. Noch

verstand er nicht, was sie meinte, denn ein Kind kennt nur den Tag und

ist wie ein Schmetterling in der Sonne, der nichts weiß von gestern und

morgen; aber er verschloß ihre Reden treu in seiner Seele, und später

haben die ihn getröstet und beschützt, als er keinen Trost von Menschen

hatte und keinen Schutz. Auch sagte die Großmutter: »Du bist zwar noch

ein Kind, aber du sollst doch schon jetzt wissen, was du sonst später

erfahren hättest, denn du bist ja mein Blut und meines lieben Mannes.

Deshalb will ich dir erzählen, wie ich und dein Großvater uns lieb

gewonnen haben; denn auch du wirst einmal ein Mädchen lieb gewinnen und

heiraten.«

Die alte Großmutter, die jetzt mit ihren achtzig Jahren strack in ihrem

Bette saß, mit schneeweißem und glattem Scheitel, die Augen nach

vorwärts gerichtet in ein neues Land, war einst ein junges Mädchen

gewesen, hochgewachsen und schlank wie ein Tannenbaum, mit gelbem

Ringelhaar und lustigen blauen Augen. Da sie so schön war und ihre

Eltern eingesessene Leute, die ein Stück vor sich gebracht hatten, so

fehlte es ihr nicht an Bewerbern. Nach der Art der jungen und

unerfahrenen Dinger, die nicht wissen, wie das Leben ein gar schweres

Wesen ist, erschien ihr das als ein Scherz und Spiel und vermeinte, sie

dürfe stolz sein auf solche Menge der Freier, und äußerte den Stolz in

allerhand Mutwillen, den sie mit ihnen trieb aus Gedankenlosigkeit; denn

sie hatte noch nicht erfahren, was Liebe ist. Ganz besonders war ihr

aber zugetan der junge Jägerbursche, der später ihr Mann werden sollte,

der war ihr indessen zu ernsthaft, wiewohl ihre Eltern es gern sahen,

daß er sich um sie bewarb. An einem Abend ging er mit ihr zusammen einen

Weg nach dem Dorfe zu, und wie sie auf der Anhöhe standen und unter sich

die Lichter blinken sahen, sprach er zu ihr, daß er sie lieb habe, und

wenn sie wolle, so werde er sie heimführen als seine Frau und sie lieben

und ehren, wenn sie ihn lieben und ihm gehorsamen wolle; aber er sei

noch nicht angestellt, und es sei recht möglich, daß sie ein paar Jahre

warten müßte, bis sie heiraten könnten.

Auf dieses erwiderte sie schnippig, denn sein ernster Ton hatte sie

verdrossen, und daß er sprach von Gehorsamen. Sie sagte aber, daß sie

einen Mann nicht nehmen möge, der schwarzhaarig sei, sondern sie wolle

einen Blonden; und zudem begehrten sie so viele zur Frau, daß sie nicht

nötig habe, zehn Jahre zu warten als Braut, sondern wenn sie wolle, so

könne sie schon übers Jahr heiraten. Da sagte er, sie spreche wie ein

unverständiges Kind, und vielleicht sei sie auch noch zu jung, um schon

eine rechte Meinung in solcher ernsten Sache zu haben. Aber ihre leichte

Art habe ihn sehr gekränkt, und deshalb bitte er, sie wolle denken,

seine Worte seien ungesprochen. Aber wenn er sie nicht zur Frau bekommen

könne, weil sie ja nicht wolle und auch er ein so gedankenloses Wesen

nicht in sein Haus führen möge, so solle sie doch immer auf ihn rechnen,

weil er sie trotz allem lieb habe, denn die Liebe kehrt sich nicht an

die Vernunft, ja sie streitet mit ihr. Es sei aber sehr möglich, daß sie

später einmal seine Hilfe irgendwie gebrauchen könne; und auch einen

Groll wollten sie nicht auf einander behalten. Dieses stieß ihr wieder

an die Krone, so daß sie noch törichter antwortete und ihn gänzlich von

sich abwies.

»Aber merke dir, mein liebes Kind,« sprach sie von ihrem Bett zu dem

kleinen Hans, der vor ihr saß, »wir Frauen sind andern Wesens wie die

Männer; und wenn du nicht vergißt, was ich dir jetzt erzähle, so sparst

du dir später viel Herzeleid und Kummer. Vorher habe ich deinen

Großvater nicht lieb gehabt, aber wie ich ihm so leichtfertig

antwortete, und er war ernst und streng, aber zugleich doch gut zu mir,

da kam plötzlich die Liebe zu ihm in mein Herz. Nur daß mich die

Schamhaftigkeit hinderte, ihm davon zu sagen; ja es war, als triebe es

mich, ihn jetzt gerade zu kränken. Das merke dir, denn wir Frauen sind

ein schwaches Geschlecht, und die Männer sind stärker als wir, und

gerader.«

So geschah es, daß sie einen andern Bewerber offenkundig bevorzugte,

einen Bergmann, der lustig die Zither zu schlagen verstand und Lieder

dazu sang und fröhliche Streiche anzustellen wußte. Mit dem lachte sie

viel, und es war ihr lieb, wie sie sah, daß der andre finster wurde,

wenn er sie mit ihm erblickte. Und einmal ging sie denselben Weg mit

diesem, den sie vorher mit dem andern gegangen, und sprachen ähnliche

Gespräche zusammen, und kamen an dieselbe Stelle auf der Höhe, wo das

Dorf unter ihnen lag mit seinen hellen Fenstern. Da fragte er sie, ob

sie ihn lieb haben wollte, und zugleich umfaßte er sie und wollte sie

küssen. Wie sie aber seinen Arm verspürte, tat sie einen Schrei und lief

fort, hinab ins Dorf und kam unten an in großer Angst, wiewohl sie nicht

kindisch war und schon einmal sich mit einem andern herzhaft abgeküßt

hatte, welches jedoch gewesen war, ehe der Jägerbursche mit ihr

gesprochen.

Von der Zeit an war sie verändert und wurde ernster, tanzte nicht und

lachte nicht mehr mit den jungen Leuten, und kamen wohl mehrere Freier,

aber sie wies alle ab. So ging es drei oder vier Jahre. Da begann sich

Hansens Großvater wieder langsam an sie zu machen; er besuchte ihre

Eltern am Sonntagnachmittag, spielte mit ihren jüngeren Geschwistern und

sprach mit ihr selbst viel. Von seinen damaligen Worten redeten sie

nicht wieder, aber sie wußten beide, auch ohne daß sie es sich sagten,

daß sie jetzt verlobt seien, und daß sie warten wollten mit dem

Heiraten, bis er eine Anstellung habe. »Und siehst du,« sprach die

Großmutter zu dem Enkel, »das danke ich deinem Großvater noch heute, daß

er nie wieder von dem Früheren gesprochen hat, obwohl er hätte über mich

triumphieren können, denn ich hätte schweigen müssen, wenn er gespottet.

Aber dein Großvater war ein Mann, wie er sein muß, er war hart und

ernst, aber er war auch mild und gut. Dein Vater ist auch so geworden,

und du mußt dir Mühe geben, daß du ihnen nachschlägst.« Da sagte Hans:

»Ja, Großmutter, das will ich.«

Und die Großmutter mit ihren Augen, die schon über das Grab hinaus

suchten, schwieg eine lange Weile; sie dachte an ihren Mann, den sie nur

wenige Wochen gehabt und über ein halb Jahrhundert betrauert hatte, und

daß sie ihn bald wiedersehen werde; das machte ihr eine sonderbare

Freude und heftiges Heimweh.

In Hans war eine wunderliche Ernsthaftigkeit, und in sein Wesen kam eine

größere Reife durch diese Gespräche, wie seinem Alter gewöhnlich ist; in

aller sonstigen Erfahrung aber blieb er kindlich und unwissend, und

wurde seine Erziehung gerade entgegengesetzt, wie die Erziehung heute

gewöhnlich ist, da die Kinder viel Fremdes sehen und manches Neue

erfahren, früh Furcht und Achtung verlieren und gewitzt werden; dabei

aber in ihr Wesen keinen Ernst bekommen und oft noch im wesentlichen

kindisch bleiben, wenn sie schon Männer sein sollten.

In der Küche saß Dorrel, Kartoffeln schälend, mit einem bekümmerten

Antlitz. Hans setzte sich ihr gegenüber. Wie sie ihn ansah, stand sie

auf, stellte ihre Schüssel ab und rumorte mit den Herdringen. Sie wollte

aber verbergen, daß sie weinte. Hans fragte: »Weshalb weinst du?« Da

antwortete Dorrel nach langem Zögern und vielem Drängen, sie weine um

die Großmutter, daß die nun im Sterben liege.

Hans wiegte den Kopf, dann sagte er: »Darüber muß man nicht weinen. Wir

müssen alle sterben, und das wissen wir. Die Großmutter aber ist eine

alte Frau, die in ihre Jahre gekommen ist; sie hat keine Sorge hinter

sich, sondern weiß, daß sie meine Eltern in guter Ordnung verläßt; dazu

leidet sie keinerlei Schmerzen, sondern ihr Leben lischt aus wie ein

Licht. Deshalb hat sie selbst auch nicht Kummer über ihren Tod, vielmehr

freut sie sich, weil sie jetzt wieder mit dem Großvater zusammenkommt.«

Dorrel hörte diesen Worten mit großer Verwunderung zu und bekam eine

sonderliche neue Achtung vor Hans, die sie bis dahin noch nicht gespürt.

Deshalb sagte sie nach einer Weile: »Wenn du es so nimmst, so hast du

recht, aber ich weine um meinetwillen, denn sie ist mir immer eine gute

Frau gewesen, und ich habe sie lieb.«

Hiernach war Hans wieder eine Weile nachdenklich, dann sprach er: »Ich

habe sie auch lieb, aber ich bin nicht traurig und will auch nicht

weinen.«

Dorrel mußte auf den Boden gehen, um Räucherware zum Abendbrot aus der

Rauchkammer zu holen. Sie bedachte sich, wie sie es machen sollte, daß

sie nicht allein war. Endlich befahl sie dem kleinen Hans, daß der die

Laterne tragen mußte; sie ging hinter ihm her mit Furcht. Als sie oben

waren, merkte Hans, daß sie Angst hatte; und weil er nicht wußte,

welches der Grund sein konnte, fragte er sie. Sie sagte ihm, sie fürchte

sich, weil ein Sterbendes im Hause sei. Da wurde er wieder nachdenklich

und schüttelte endlich den Kopf über sie, aber er sagte nichts mehr.

Indessen hatte er von nun an das Gefühl verloren, daß Dorrel als eine

Erwachsene über ihm stehe, und empfand sie nur noch als eine

Gleichgestellte, ja als eine solche, die er unter Umständen beschützen

dürfe; und Dorrel ging ohne Klarheit auf dieses veränderte Verhältnis

ein. Ihm selbst war auch nicht bewußt, worin der letzte Grund lag,

nämlich daß Dorrel in Dumpfheit und unwissender Furcht befangen war und

nur nach Trieben lebte, die sie nicht verstand: er selbst aber lebte

schon zu einem Teil in Helligkeit und klarem Denken und Prüfen.

Eine Zeit der Dumpfheit und unwissenden Furcht kam für ihn später, als

in der Großstadt das Fremde und Neue auf ihn einstürmte, das er nicht

fassen und verarbeiten konnte; und wie es gerade schien, daß er in

diesem Meer der Finsternis versinken müsse, da sollte ihm von der armen

Magd ein helles Licht kommen, das ihm das Ufer wies und den Berg, darauf

er zu neuer Helligkeit emporsteigen konnte.

Der Großmutter Zustand wurde immer schlechter; sie schlief des Nachts

sehr unruhig und hatte Atembeschwerden. Daß jemand bei ihr wachte,

wollte sie nicht; aber die Mutter schlich des Nachts mehrmals leise die

Treppe hinunter und horchte an der Stubentür. Der kleine Hans brachte

ihr die ersten Schneeglöckchen an ihr Bett; die sah sie lange mit

glänzenden Augen an, dann stellte sie die Blümchen in ihr Wasserglas,

das neben ihr stand. »Nun geht es bald zu Ende,« sagte sie zur Mutter,

»und für euch ist das auch eine Erlösung.«

In den letzten Tagen sagte der Förster, er wolle nachts auf dem Sofa

schlafen, damit jemand bei ihr sei. Aber sie erwiderte, er müsse früh

aufstehen und in seinen Dienst gehen, da müsse er ordentlich ruhen, und

die Mutter solle bei ihr bleiben, wenn sie es nötig finde; freilich sei

sie eine alte Frau, deren Zeit abgelaufen sei, und halte es nicht für

richtig, daß so großer Umstand um sie gemacht werde.

So brachte die Mutter abends ihre Betten herunter. Und in einer Nacht

richtete sich die Ahne plötzlich strack auf und rief: »Anna, wie ist mir

denn?« Dann begriff sie, daß das der Tod war, der zu ihr kam. Da sagte

sie: »Herr, in deine Hände befehle ich meinen Geist.« Die Mutter war zu

ihr geeilt und hielt sie aufrecht; wie die Ahne diese Worte gesprochen,

fühlte sie plötzlich, daß der Körper ihr schwer wurde in den Armen.

Leise legte sie die Gestorbene zurück auf das Kissen, drückte ihr die

Augen zu und faltete ihr die Hände über der Brust.

Dann war viel Laufen und Besorgen, wie das bei Sterbefällen so ist. Der

Tischler kam wegen des Sarges, und allerhand Umstände mußten gemacht

werden.

Die Gestorbene lag still und ernst da. Sie war sehr schön geworden im

Tode; ein freies, offenes und stolzes Gesicht hatte sie wie eine

Fürstin, und nichts Kleinliches oder Furchtsames war da zu sehen. Denn

der Tod gibt jedem Menschen die Würde, die ihm gebührt; wenn die Muskeln

erschlaffen, die unserm Gesicht den zufälligen Ausdruck verursachen, den

es zwischen den Menschen hat, so treten die Knochen und Sehnen hervor,

die seine Grundlage bilden; wer ein Bettler war, sieht dann aus wie ein

Bettler, und habe er im Leben auch eine königliche Figur gehabt, und ein

tüchtiger und freier Mensch bekommt ein stolzes und vornehmes Aussehen.

Da zeigt es sich, daß alles äußere Geschick nur Zufall ist, unsre Figur

und unser Wandeln unter den Menschen ein täuschender Schein; und unser

wahres Leben, das wir in der unbekannten wahren Welt geführt, gibt hier

ein sonderliches Zeichen von sich.

Wie der Tischler mit seinem Gesellen den Sarg gebracht hatte, legte der

Vater mit dem Meister die Tote hinein und setzte ihr den vertrockneten

Myrtenkranz auf und tat ihr den Brautschleier um, den sie vor fünfzig

Jahren getragen und sorgsam aufbewahrt hatte; denn so wollte sie vor

ihrem lieben Mann erscheinen, an den sie ein halbes Jahrhundert gedacht

hatte, jeden Tag; und für dieses Andenken hatte sie ihren Sohn erzogen,

bis er ein stattlicher Mann geworden, und dann den Enkel, der zwar nach

seinem äußeren Wesen in ihre eigne Art schlug, nach seinem Innern aber

ein Werther war. Wie das geschehen war, bekamen der Tischler und sein

Geselle ein Frühstück, nach alter Sitte, aßen und tranken mit

Bescheidenheit und lobten das Essen. Hierüber empfand Hans einen

heftigen Haß gegen sie, in der Art wie damals gegen den jungen Grafen,

und hätte sich auf sie stürzen mögen.

Ein Junge von den Holzarbeitern, die unweit des Forsthauses wohnten, war

in Hansens Alter, und deshalb hatte der manches mit ihm gemein, wiewohl

keine eigentliche Freundschaft zwischen den beiden bestand. Den fragte

er, ob er solche Gefühle auch habe; denn seinen Vater zu befragen, wagte

er nicht, aus einer gewissen Scheu vor dem Erwachsenen. Der grinste und

schüttelte den Kopf, und wußte nicht, was Hans meinte. Nach längerem

Überlegen kam er auf die Vorstellung, daß er auf diese Geständnisse und

Fragen hin ihn hänseln könne. Aber wie er mit solcher Absicht anfing,

trat ihm Hans gleich mit geballter Faust entgegen, und wiewohl der Junge

viel stärker war wie Hans, wurde er da doch in Angst versetzt und

entschuldigte sich, er habe nichts sagen wollen. Hans ärgerte sich und

drehte ihm den Rücken.

Der Junge lief ihm nach und liebedienerte. Er sprach von einem

Vogelnest, das er gefunden und für Hans aufgehoben habe; Hans erwiderte,

daß er das Nest in Ruhe lassen solle. Dann wies er ihm eine Hand voll

Murmeln, die er ihm schenken wollte; aber Hans schlug alles aus und ging

weg.

Er hatte aber eine Sehnsucht danach, recht fröhlich zu sein, obwohl doch

seine Großmutter gestorben war, die er sehr lieb gehabt; und weil er

niemand fand, mit dem er hätte fröhlich sein können, so ging er traurig,

niedergeschlagen und gereizt umher.

Wenn wir das Leben eines Menschen betrachten, soweit es betrachtenswert

ist, also seine Bildung, so kann es uns einmal so scheinen, als stelle

es eine zusammenhanglose Reihe von Zufällen dar; in andrer

Geistesverfassung erblicken wir in demselben Leben ganz deutlich eine

planmäßige Führung durch Gott; und wiederum mögen wir einen unbeirrbaren

Trieb sehen, der diesen Einzelnen durch die wirre Umwelt mit

untrüglicher Sicherheit vorwärtsstieß, daß er durch diese Kraft sich das

aneignete, das andre zur Seite ließ; endlich ist sogar eine bewußte

Gestaltung des Lebens durch diesen Willen des betreffenden Menschen zu

finden. Wer hätte nicht, wenn er über die Schicksale von Menschen

nachdachte, schon diese merkwürdige Entdeckung gemacht, daß man von

derselben Sache als derselbe Mensch vier so ganz verschiedene Meinungen

haben kann!

Ein solches inneres Erlebnis, wie der Haß gegen manche Menschen und das

unbestimmte Gefühl gegen den andern Jungen, ist gewiß sehr wichtig für

die Bildung. Aber wie soll man es deuten? Es ist wohl am besten, die

Deutung ganz zu lassen.

Zur Schule ging Hans ins Dorf, etwa eine Viertelstunde den Berg

hinunter. Ein Wässerlein rann aus dem Walde hinab auf dem Grunde eines

langen und schmalen Tales; an diesem entlang waren die Häuser gebaut,

und die Felder zogen sich in schmalen Streifen zu beiden Seiten den Berg

in die Höhe. Sehr beschwerlich war das Pflügen auf diesen abhängigen

Feldern, und am schwersten war es, den Dung hinaufzuschaffen; deshalb

sahen die Leute alle verarbeitet aus und waren auch arm, aber sie hatten

einen unverdrossenen Mut. In der Jugend lebte damals ein unruhiger

Geist, denn die, welche gedient hatten und das leichte Leben draußen

gesehen, litt es nicht mehr zu Hause; dadurch kam viel Unfriede in die

Familien, weil die Alten nichts von der Fremde hielten und wollten, daß

die Jungen zu Hause blieben.

Kirche, Pfarrhaus und Schulhaus waren eben solche hölzernen und

unscheinbaren Gebäudlein wie die Bauernhäuser; nur daß in der Pfarre

alle Fenster mit Blumenstöcken besetzt standen und vor der Schule sich

ein schmales Gärtchen mit blühenden Stauden und Sträuchern hinzog. Der

Lehrer war ein alter hagerer Mann mit rasiertem Gesicht und mit straffem

weißem Haar und leuchtenden Augen, und hatte eine aufrechte Haltung.

Wenn er auf dem Katheder saß in seinem schwarzen Rock vor der

weißgetünchten Wand, so sah Hans einen Heiligenschein um seinen Kopf

glänzen, von welchem Gesicht er jedoch zu niemand sprach. Am schönsten

war die Schule in den dämmerigen Winterstunden, wenn biblische

Geschichte erzählt wurde, solche, wie der Engel des Herrn zu Abraham kam

und zu seinem Weibe Sara. Und sprach Abraham: »Herr, habe ich Gnade

gefunden vor deinen Augen, so gehe nicht vor deinem Knechte über. Man

soll Euch ein wenig Wasser bringen und Eure Füße waschen; und lehnet

Euch unter den Baum.« Und eilte in die Hütte zu Sara und sprach: »Eile

und menge drei Maß Semmelmehl, knete und backe Kuchen«, und lief zu den

Rindern und holete ein zart gut Kalb und gab es dem Knaben; der eilete

und bereitete es zu. Und er trug auf Butter und Milch, und von dem

Kalbe, das er zubereitet hatte, und setzte es ihnen vor, und traten sie

unter den Baum, und sie aßen. Da sprachen sie zu ihm: »Wo ist dein Weib

Sara?« Er antwortete: »Drinnen in der Hütte.« Da sprach er: »Ich will

wieder zu dir kommen, so ich lebe, siehe, so soll Sara, dein Weib, einen

Sohn haben.« Das hörete Sara hinter ihm, hinter der Tür der Hütte. Und

sie waren beide, Abraham und Sara, alt und wohlbetagt, also, daß es Sara

nicht mehr ging nach der Weiber Weise. Darum lachte sie bei sich selbst.

Da sprach der Herr zu Abraham: »Warum lacht die Sara, und spricht:

>Meinst du, daß es wahr sei, daß ich noch gebären werde, so ich doch alt

bin?< Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich

wieder zu dir kommen, so ich lebe, so soll Sara einen Sohn haben.« Da

leugnete Sara und sprach: »Ich habe nicht gelacht«, denn sie fürchtete

sich. Er aber sprach: »Es ist nicht also, denn du hast gelacht.«

Bei solchen Geschichten hörten alle still zu, wie der Lehrer erzählte,

und keines rührte sich, und die Dämmerung nahm zu in der Schulstube.

Hans wußte alle diese Geschichten auswendig, Wort für Wort, weil er so

viel in der Bibel las, und darüber lobte ihn der Lehrer oft. Auch im

Lesen und Schreiben war er der Erste, nur im Rechnen ging es bei ihm

immer schlecht, und in der Erdkunde.

In des Lehrers Garten stand ein Bienenhaus mit vielen Kasten voll

Bienen, zu denen hatte Hans eine besondere Liebe. Wenn er die Erlaubnis

bekam, so setzte er die Mütze auf, damit nicht ein Bienchen, sich in

seinem Haar verwirrend, böse würde, und hockte auf die Erde nieder neben

den Fluglöchern und sah zu, wie die Bienen eilig herauskamen aus dem

Dunkeln und an den Rand des Flugbrettes liefen und sich in die Lüfte

ließen, und wie die beladenen Arbeiterinnen zurückkehrten und schwer auf

dem Brettchen niederflogen und langsam in den Stock zurückgingen, Honig

und Blütenstaub dort abzulegen. Wenn ein rechter Arbeitstag war und die

Sonne schien warm, und vom Grasgarten her duftete der Klee, so war ein

wunderbares Gesumm in der Luft, dann hätte er stundenlang zuhören mögen;

voll mit fleißigen Bienen waren die Flugbrettchen besetzt, und die

Wachtposten untersuchten eine jede, ehe sie in den Stock durfte, und ein

Lichtstrahl fiel in das Dunkel des Kastens, in dem war gleichfalls ein

Summen und Tosen von fleißiger Arbeit. So saß Hans neben den

Fluglöchern, und mit unbestimmten Träumereien dachte er an das Fliegen

in der funkelnden und blitzenden Luft und stellte sich vor, wie es sein

müßte, wenn er selbst so klein wäre und so flöge, wie unendlich groß und

weit ihm dann alles erschiene, und wie die ganze Welt anders wäre; und

ein sonderliches Behagen überkam ihn durch Sonnenschein, Bienensummen

und Kleeduft.

Der Lehrer hatte ein Buch, darin waren alle Tiere abgebildet. Da war der

Löwe, der Tiger, der Affe, und dann die Meerungeheuer, der Hammerfisch,

der Sägefisch, der Walfisch; da war gezeichnet, wie die Menschen in

einem kleinen Boot zu dem Walfisch heranrudern und die Harpune auf ihn

schleudern; das war grausig anzusehen, wenn man dieses kleine Boot

verglich mit dem ungeheuren Walfisch. Ach, so weit war die Welt, so

weit! Unter den Bergen dehnte sich das flache Land hin mit großen

Städten, Flüsse zogen, und das weite Meer war da und Inseln und andre

Erdteile; hier aber war ein enges Tal, auf dessen Grund ein Wässerlein

plätscherte, in dem wohnten Menschen; und er selbst, Hans Werther,

wohnte oben, im Wald; aber noch höhere Berge gab es, über seines Vaters

Hause, von denen man weit sehen konnte; das Forsthaus aber stand

inmitten der Tannen und hatte keinen Ausblick.

Die Stunden beim Pastor hatte Hans gemeinsam mit Karl Gleichen, des

Pastors Schwestersohn, den der alte Mann zu sich genommen.

Karl Gleichens Eltern waren schon lange tot, nach einem traurigen und

schmerzenreichen Leben.

Der Pastor hatte mit einer Schwester zusammengewohnt, die war dreißig

Jahre jünger wie er, welcher der älteste von den Geschwistern gewesen,

und ein wahres Nesthäkchen, das geboren wurde, als zwei der Geschwister

schon verlobt waren. Von allen der ganzen Familie wurde sie verhätschelt

und verzogen, und sie hatte auch eine schwache Gesundheit; am meisten

aber liebte sie der Älteste, der sie auch zu sich nahm, wie die Eltern

starben, da sie eben aus den Kinderjahren gewachsen; er erzog sie

völlig, wie er es verstand, als ein guter, wunderlicher und unbeweibter

Mann, und sie befahl ihm und führte seine Wirtschaft. Ein reizendes

Mädchen war sie gewesen, immer fröhlich und zwitschernd, wie Milch und

Blut war ihr Gesicht, und die schwere Last ihres Haares leuchtete gelb

wie reifer Roggen. Und am besten stand ihr, daß sie so ein verzogenes

Kind war, dem alles immer nach Wunsch gegangen, und sie wußte das auch,

daß ihr das stand, und daß die Leute sich über sie freuten. Dazu hatte

sie seltene Gaben in ihrem zierlichen Körperchen, das so recht war wie

eine wehende Flocke; zu Weihnachten und zu den Geburtstagen dichtete sie

niedliche und zarte Verschen, welche sie die kleinen Kinder im Dorf

lehrte, daß sie bei einer gemeinsamen Aufführung sie im Pfarrhause

aufzusagen wußten; einmal hatte sie zwei ganz Kleine als Lämmer

verkleidet, die nur mit ihren Schwänzchen wackelten, weil sie noch

nichts sagen konnten. Nun wohnte im Nachbarstädtchen eine

Predigerswitwe, ein beständig klagendes und sich sorgendes armes

Mütterchen. Die hatte einen einzigen Sohn, der ungeraten war und schon

auf der Schule nicht hatte guttun wollen, sondern entlaufen war, und

hatte sich als Schiffsjunge annehmen lassen. Wie es ihm aber auf der See

nicht schmecken wollte, so war er bald in abgerissenem Zustand zu seiner

Mutter zurückgekommen, und da gab sie ihn nach vielen Ratschlägen in ein

Bankgeschäft zur Lehre, aber nach einem halben Jahre mußte sie einen

großen Schaden vergüten, den der Junge angerichtet hatte, und erhielt

den dazu wieder zurück. Nach diesem trieb sich der eine Weile in dem

Städtchen herum, dann war er plötzlich verschwunden; und am Ende, nach

Jahren, kriegte die Mutter einen Brief von ihm aus Amerika, daß er in

einer großen Stadt als Kaufmann lebe und zu guten Verhältnissen gekommen

sei; dann kam er selbst auch zum Besuch seiner Mutter, als ein

hochgewachsener Mann mit blondem Kinnbart, der einen grauen Zylinder

trug. Er sah nicht gerade wohlhabend aus, aber auch nicht armselig, und

wenn er zwar wohl viel log und aufschnitt, so glaubten die Leute doch,

daß er sich gebessert habe und zu derjenigen Ehrbarkeit gekommen sei,

die einem Solchen erreichbar werde. Es stellte sich auch heraus, daß er

drüben Soldat gewesen war und in einem Indianergefecht einen Schuß durch

die Hand bekommen hatte, wofür er jeden Monat eine Pension bezog. Wie es

sich mit seinen eigentlichen Geschäften verhielt, wurde nicht recht

klar, indem er erklärte, die Verhältnisse seien drüben anders, und sein

Geschäftszweig, der eine Art Vertretung auswärtiger Häuser sei, könne

nur Jemandem erklärt werden, der wie er in der Welt herumgekommen sei

und nicht immer zu Hause gesessen habe.

Dieser Mann lernte des Pfarrers Schwester, die Friederike hieß, bei

einem winterlichen Tanzvergnügen in der kleinen Stadt kennen und faßte

gleich eine heftige Zuneigung zu dem Mädchen; und da er selbst auch

etwas ganz Absonderliches war, und vornehmlich weil er einen bösen Ruf

hatte, so erwiderte diese die Zuneigung in kurzer Zeit und ohne daß er

viele Mühe aufwenden mußte. Dem guten Pastor wurde wohl hinterbracht,

daß die Zwei Heimlichkeiten miteinander hatten; aber der lachte bloß und

sagte, die Friederike sei ein Kind, und er kenne sie besser wie alle

andern. Indessen ließ den Amerikaner sein böses Blut nichts auf

ordentlichem Wege betreiben, und deshalb ging er nicht zum Bruder, wie

es sich gehörte, ihm seine Pläne und Verhältnisse mitzuteilen, sondern

er beredete die kleine Friederike, daß sie mit ihm heimlich entfloh, bis

sie beide nach Hamburg kamen; und wie sie inzwischen Besinnung erlangte,

so schrieb sie von da einen traurigen Brief an den Pastor, bat ihn um

Verzeihung für das Leid, das sie ihm zugefügt, und gab als einzige

Entschuldigung an, wie er ihr die Flucht vorgeschlagen habe, da sei es

ihr gewesen, als ob sie ihm folgen müsse, und über nichts habe sie mehr

nachdenken können, was solche Flucht denn bedeute und nach sich ziehe.

Der gute Bruder reiste gleich und traf die beiden auch in der großen

Stadt, wie sie auf ihr Schiff warteten. Da hatte er mit dem Amerikaner

eine Unterredung, wie es nun mit ihm und Friederike werden solle; und

zeigte sich, daß der Mensch gar nichts hatte, wovon er selbst und seine

künftige Frau leben konnten, denn er war als ein Habenichts auf dem

Zwischendeck nach Deutschland zurückgekommen, und jetzt lebte er von

dem, was er von seiner Mutter mitgenommen, die ihm hatte sein geringes

Erbteil auszahlen müssen. Er entschuldigte sich aber, indem er sagte,

nachdem ihn das Schicksal als einen armen Menschen in die Welt geworfen,

dürfte ihm doch niemand Vorwürfe machen, wenn er wenigstens Liebe

begehre, auf die doch jeder Mensch Anspruch habe. Dem frommen und

treuherzigen Pastor war es recht schwer, sich in die Geistesverfassung

des andern hineinzudenken, indessen er fand, daß er selbstsüchtig sei;

wie er aber das Friederike sagte und sie mit Tränen in den Augen bat,

sie solle mit ihm zurückkehren, wurde die gekränkt über den geringen

Vorwurf, den er dem Amerikaner machte, und sagte, wenn ihr Liebster arm

und unglücklich sei, so sei ihr Platz erst recht an seiner Seite, und

sie wolle ihm schon helfen und ihn fördern. Dergestalt erreichte der

treue Bruder nichts, außer daß er sie wenigstens noch vor ihrer Abreise

nach Amerika trauen durfte, nachdem sie sich vor dem Standesamt

zusammengetan hatten.

Es verging nur eine ganz geringe Zeit, da kam aus Amerika ein

schmerzensreicher Brief von der armen Friederike, und machte sich der

Pastor wieder auf, fuhr selbst über das Wasser und holte sein

Schwesterchen nach Hause, denn jetzt folgte sie ihm willig. Sie sah

krank aus, wie sie kam, mit hohlen Backen und ungesund glänzenden Augen;

die Haare trug sie kurz, denn ihre schönen Zöpfe hatte ihr der schlechte

Mensch abgeschnitten und verkauft. Bald gab sie einem Kinde das Leben,

einem gesunden und starken Jungen, der gleich recht unbändig schrie;

aber von dem Kinde erholte sie sich nicht wieder, und nach einigen

Monaten starb sie in gänzlicher Erschöpfung aller Lebenskräfte; wie sie

im Letzten lag, rief sie in Liebe und Sehnsucht immer nach ihrem bösen

Mann und bat, er solle ihr verzeihen, sie habe ihn lieb gehabt. Den

Jungen behielt der Pastor und zog ihn auf, in Liebe nach Spuren von

seiner Mutter Wesen in ihm suchend, und in Furcht, daß seines Vaters Art

auf ihn vererbt sein könne. Dieser Junge war Karl Gleichen, der mit Hans

zusammen in des Pastors Studierstube saß und die Anfänge des Lateins

lernte.

Karl Gleichen wird den Hans Werther eine lange Weile begleiten, deshalb

ist so ausführlich über seine Eltern geredet; denn aus deren Schuld und

Art entstand sein Wesen, das in allem anders war wie Hansens Wesen. Karl

war ein anmutiges und liebenswürdiges Kind, jeder Güte zugänglich und

leicht nachgebend bei scharfem Zureden, offenherzig und gutmütig, und

gern hätte er Allen geschenkt; sein Verstand faßte leicht auf und

behielt schnell, und ohne Mühe zog er Schlüsse: jeder hatte ihn lieb und

war gütig gegen ihn, weil er ein so begabtes, gut geartetes und sonniges

Kind schien; aber er war erzeugt durch Schwäche und Selbstsucht, und ein

ernster Mann hätte in seinen Vorzügen vielmehr Fehler gesehen. Seine

Güte entsprang nicht aus einer Stärke, sondern aus einer Kraftlosigkeit,

weil er sich nicht wehren konnte gegen den Einfluß fremden Willens und

schnell gerührt wurde und mitlitt; seine leichte Auffassung entstand

dadurch, daß in ihm selbst nichts Eigenes und Starkes war, das sich

gegen die fremden Gedanken wehrte, sondern leicht hielten diese fremden

Gedanken bei ihm ihren Einzug, nahmen Besitz von den Kammern seines

Verstandes und zeugten hier Kinder; zwar blieben sie immer nur Fremde,

und wenn eine neue Einwanderung kam, so mußten sie bald weichen. So

geschah es, daß er selbst Auswendiggelerntes nach längerer Zeit, wenn er

es nicht gebraucht, plötzlich spurlos verloren hatte, als habe er es nie

gehabt. Seine Offenheit hatte denselben Grund, denn weil nichts Eigenes

und Unbewegliches in ihm war, so entwickelte sich nicht die Scham des

Gedankens, die oft scheinbar törichte Äußerungen von sich gibt, aber

auch bei der größten Torheit immer Eignes und Starkes anzeigt. Solche

Menschen sind dann leicht anmutig, weil sie so ohne Zwang und Not im

Innern leben, und liebenswürdig sind sie, weil sie sich einem

freundlichen Entgegenkommen sogleich öffnen. Auf solcher Schwäche ruhen

aber zuletzt die Selbstsucht wie die Eitelkeit, denn weil die nötige

Kraft nicht genügend vorhanden ist, muß ein solcher Mensch mit seinem

Wollen haushalten, um nur bestehen zu können; während dagegen ein

starker Mensch überflüssige Kraft hat und daher selbstlos ist, indem er

in Stolz und Freude von seiner Kraft andern mitteilt, mag er in äußeren

Dingen dem Oberflächlichen auch karg scheinen, weil er keine leichte

Hand hat. Aber Liebe bei den Menschen haben mehr die Kinder vom Schlage

Karls; Hans war verschlossen, unliebenswürdig, ängstlich im Verkehr,

hart, hielt seine Sachen fest und spendete nicht, lernte schwer und zog

schwer Schlüsse aus dem Gelernten, und außer seiner Eltern befolgte er

niemandes Ermahnungen.

In des Pastors Studierstube saßen die beiden Jungen. Hans übersetzte,

mit oft stockender Stimme und in großer Anstrengung, die Stirn finster

faltend; Karl dachte träumend an Hansens Kaninchen und bedachte bei

sich, ob der Oheim ihm wohl erlauben werde, daß er sich auch ein Pärchen

halte; denn wenn er nur die erste kleine Erlaubnis hatte, so wollte er

wohl mit der Zeit noch mehr bekommen und einen Stall haben, der viel

schöner wäre wie Hansens.

An den Wänden herum standen auf den Gestellen viele alte Bücher, denn

der Pastor war ein Freund ehrwürdiger Folianten in Schweinsleder und

Pergament; da waren des teuren Gottesmannes Luther sämtliche deutsche

Bücher in acht Foliobänden, des Tabernämontani Kräuterbuch und Gesneri

Tierbuch; daneben Spangenbergs Adelsspiegel und Mansfeldische Chronika,

und noch manche andre alte Chronik. Das war ihm eine Freude, wenn er dem

kleinen Hans diese Bücher zeigte; langsam holte er den Band aus dem

Börd, strich liebkosend über den gepreßten Pergamentdeckel, auf dem etwa

ein sächsischer Kurfürst oder eine menschliche Tugend abkonterfeit war;

dann öffnete er die Schließen und schlug den Band auf vor Hans, dem das

Herz klopfte. Oft wunderte er sich, woher der Junge diese Freude an

Büchern geerbt habe, denn der stammte von Förstern und Bergleuten ab und

nicht wie er, der Pastor, von einer langen Reihe von Gelehrten und

Dienern des Wortes; war doch in den Lutherschriften vorn eine Eintragung

eines Vorfahren, der auch Pfarrer gewesen, und hatte diese Schriften

gekauft und binden lassen, und kam ihn der Band auf einen Karolin zu

stehen nach damaliger Münze, was für einen armen Pfarrherrn mag eine

stattliche Ausgabe gewesen sein. Dafür aber hatten so viel Jahrhunderte

diese Bücher in den Studierstübchen der Nachkommen gestanden und hatten

viele geistliche Moden erlebt, Bärte und Perücken und rasiertes Gesicht

und eignes Haar; und die letzten Pfarrherren waren alle starke Raucher

gewesen, davon die Bücher endlich ganz mit Tabakrauch durchdrungen

waren, also daß er einem in die Augen biß, wenn man sie aufschlug.

Noch andre Freuden hatte der Pastor, die er mit Hansen teilte, weil der

so nachdenklich war. In einem Glasschrank stand ihm ein Straußenei und

eine Kokosnuß und viele fremde Muscheln; dazu Pfeile von wilden Völkern,

ein großer Bergkristall und die Fingernägel eines vornehmen Herrn in

Siam; denn die adeligen Siamesen beschneiden ihre Nägel nicht, aus

Stolz, sondern lassen sie lang wachsen, daß sie wohl fünf Zoll erreichen

und mehr und sich wunderlich krümmen. Zu Winterzeiten hielt der Pastor

allwöchentlich eine Missionsstunde ab, in welcher er vieles erzählte von

dem Leben der Wilden, daß die nackt herumlaufen, wie sie Gott geschaffen

hat, und sich gegenseitig verzehren und Götzen anbeten, die sie selbst

gemacht aus Stein oder Holz; so elend ist der natürliche Mensch. Da

zeigte er dann auch seine Seltenheiten herum, das Straußenei und die

Kokosnuß, die Pfeile und die grausamen Fingernägel aus Siam; und war um

diese Missionsstunden eine große Liebe für die armen Heiden in der

Gemeinde, und viel wurde geopfert. An Hans hatte der Pastor eine große

Freude, daß er so offenen Herzens war für alle solche Kenntnis, und

deshalb erzählte er ihm vieles, was ihm auf dem Herzen lag. Er erinnerte

ihn aber ganz an seinen Vater, den Förster. Der war zu ihm gekommen, wie

er selbst Student war, als ein armer Junge, der eine Waise war und schon

in den Wald gehen mußte auf Arbeit, um das Brot für sich und seine

Mutter zu verdienen; denn das Gnadengeld, das die Mutter bekam für ihren

toten Mann, betrug nur zehn Silbergroschen die Woche, und das reichte

nicht aus für die beiden; hatte also den Studenten gebeten, er möge ihm

Stunden geben in der Mathematik, des Abends, wenn er aus dem Wald nach

Hause käme, weil er nicht Arbeiter bleiben wollte, sondern wollte einmal

Förster werden, und gestand, daß er nur einen halben Groschen zahlen

könne für die Stunde. So war er denn ins Pfarrhaus gekommen um acht Uhr

in der Dunkelheit und hatte sich in des Studenten Dachstübchen an den

Tisch gesetzt und gelernt. Aber weil es warm war in dem Studierstübchen,

und er hatte den Tag über fleißig gearbeitet in der Kälte, so wurde er

müde, und die Augen fielen ihm zu wider Willen, mitten während eines

Beweises. Da hatte der Student Mitleiden gehabt mit dem armen Jungen,

hatte ihn schlafen lassen und derweilen, eine lange Pfeife rauchend, in

Bengels Gnomon studiert, bis der wieder aufwachte, sich besann und

weiterhin aufmerksam folgte, wie sein Meister lehrte. So lange war das

nun her, und jetzt wollte der Sohn dieses armen Jungen selbst einmal

Student werden und später ein Prediger, und das geschah darum, weil der

Junge von damals so fleißig und treu gewesen war. Auch für des Pastors

Blumen hatte Hans viel Liebe und Staunen. Vornehmlich an Topfpflanzen

hatte sich der Pastor gefreut, wenig am Garten, als ein rechter

Stubenhocker, der den lieben Sonnenschein so recht genoß durch die

kleinen Scheiben seiner blumenbestandenen Fenster und zu Winterszeiten

im warmen Schlafrock sein geheiztes Stübchen liebhatte.

Da standen merkwürdige Pflanzen, besonders viele Kaktuspflanzen; dabei

war auch eine Königin der Nacht, die nur einmal im Jahr blühte, und dann

nur eine Nacht. Wenn diese Nacht war, so lud der Pastor den Förster, den

Lehrer und den Amtmann zu sich ein, die Frau Pastorin setzte Wein und

Torte vor, und dann wurde abgewartet, wie sich die Blume öffnete. Eine

ganz sonderbare Geschichte erzählte der Pastor von einer andern Pflanze,

die er »japanische Rose« nannte. In früheren Jahren hatte er einen

solchen Topf von einem Amtsbruder geschenkt bekommen, der zwei Stücke

besaß, die er selbst aus Stecklingen großgezogen. Lange Jahre wuchs,

grünte und blühte das Gewächs; aber mit einem Male fing es an zu

kränkeln, nahm ab und ging endlich ein; und zu der gleichen Zeit starb

der Amtsbruder, von dem der Pastor den Topf erhalten. Diese Geschichte

durfte Hans nicht weitererzählen wegen der menschlichen Schwachheit,

weil Manche in der Gemeinde sich noch mit abergläubischen Gedanken

trugen.

Der schmale Weg zum Glück · 第 2 / 9 题