Marcolina an Casanova die Frage, ob er heute nacht seine Arbeit, über
der ihn Olivo, wie er gleich erzählt, noch am hellen Morgen wach
gefunden, beträchtlich gefördert habe? Schon gedachte Casanova ihr eine
zweideutig-boshafte Antwort zu geben, die sie stutzig gemacht hätte,
ohne ihn doch selbst zu verraten; aber er zügelte seinen Witz in der
Erwägung, daß jede Voreiligkeit von Übel sein könnte, und erwiderte
höflich, daß er nur einige Änderungen angebracht habe, zu denen er die
Anregung der gestrigen Unterhaltung mit ihr verdanke. Sie stiegen in den
unförmlichen, schlechtgepolsterten, aber sonst bequemen Wagen. Casanova
saß Marcolinen, Olivo seiner Gattin gegenüber; doch das Gefährt war so
geräumig, daß es trotz des Hinundherrüttelns zu keiner ungewollten
Berührung zwischen den Insassen kommen konnte. Casanova bat Amalia, ihm
ihren Traum zu erzählen. Sie lächelte ihn freundlich, fast gütig an;
jede Spur von Gekränktheit oder Groll war aus ihren Zügen verschwunden.
Dann begann sie: »Ich sah Sie, Casanova, in einem herrlichen, mit sechs
dunklen Pferden bespannten Wagen vor einem hellen Gebäude vorfahren.
Vielmehr: der Wagen hielt an und ich wußte noch nicht, wer drin saß - da
stiegen Sie aus, in einem prächtigen, weißen, goldgestickten
Staatsgewand, fast noch prächtiger anzuschaun, als Sie heute angetan
sind - (es war ein freundlicher Spott in ihren Mienen) - und Sie trugen
- wahrhaftig, die gleiche schmale Goldkette trugen Sie, die Sie heute
tragen, und die ich doch wahrlich niemals noch an Ihnen gesehen habe!
(Diese Kette mit der goldenen Uhr und eine mit Halbedelsteinen besetzte
goldene Dose, die Casanova eben wie spielend in der Hand hielt, waren
die letzten Schmuckstücke von mäßigem Wert, die er sich zu bewahren
gewußt hatte.) - Ein alter, bettelhaft aussehender Mann öffnete den
Wagenschlag - es war Lorenzi; Sie aber, Casanova, Sie waren jung, ganz
jung, noch jünger, als Sie damals gewesen sind. - (Sie sagte »damals«,
unbekümmert darum, daß aus diesem Worte flügelrauschend all ihre
Erinnerungen geflattert kamen.) »Sie grüßten nach allen Seiten, obwohl
weit und breit kein Mensch zu sehen war, und traten durch das Tor; es
schlug heftig hinter Ihnen zu, ich wußte nicht, ob es der Sturm
zugeschleudert oder Lorenzi; - so heftig, daß die Pferde scheuten und
mit dem Wagen davonrasten. Nun hörte ich ein Geschrei aus Nebengassen,
wie von Menschen, die sich zu retten suchen, das verstummte gleich. Sie
aber erschienen an einem Fenster des Hauses, ich wußte jetzt, daß es ein
Spielhaus war, und grüßten herab nach allen Seiten, und es war doch
niemand da. Dann wandten Sie sich über Ihre Schulter nach rückwärts, als
stände irgendwer hinter Ihnen im Zimmer; aber ich wußte, daß auch dort
niemand war. Nun erblickte ich Sie plötzlich an einem andern Fenster,
in einem höhern Stockwerk, wo genau dasselbe vor sich ging, dann wieder
höher, und wieder, es war, als wüchse das Gebäude ins Unendliche; und
von überall grüßten Sie herunter und sprachen mit Menschen, die hinter
Ihnen standen, aber doch eigentlich gar nicht da waren. Lorenzi aber
lief immerfort auf den Treppen Ihnen nach, ohne Sie einzuholen. Sie
hatten nämlich nicht daran gedacht, ihm ein Almosen zu geben ...«
»Nun?« fragte Casanova, als Amalia schwieg. - »Es kam wohl noch
allerlei, aber ich hab' es vergessen,« sagte Amalia. Casanova war
enttäuscht; an ihrer Stelle hätte er, wie er es in solchen Fällen, ob es
sich nun um Träume handelte oder um Wirklichkeiten, immer tat, der
Erzählung eine Abrundung, einen Sinn zu geben versucht, und so bemerkte
er nun etwas unzufrieden: »Wie der Traum doch alles verkehrt. - Ich -
als reicher Mann und Lorenzi als Bettler und alter Mann.« - »Mit
Lorenzis Reichtum,« sagte Olivo, »ist es nicht weit her; sein Vater ist
zwar ziemlich begütert, aber er steht mit dem Sohne nicht zum besten.« -
Und ohne sich mit Fragen weiter bemühen zu müssen, erfuhr Casanova, daß
man des Leutnants Bekanntschaft dem Marchese verdanke, der ihn vor
wenigen Wochen eines Tages einfach in Olivos Haus mitgebracht habe. Wie
der junge Offizier mit der Marchesa stünde, das müsse man einem Kenner,
wie dem Chevalier, nicht erst ausdrücklich zu verstehen geben; da
übrigens der Gatte nichts dagegen einzuwenden finde, könne man sich als
Unbeteiligter gleichfalls dabei beruhigen.
»Ob der Marchese so einverstanden ist, wie Sie zu glauben scheinen,
Olivo,« sagte Casanova, »möchte ich bezweifeln. Haben Sie nicht bemerkt,
mit welchem Gemisch von Verachtung und Grimm er den jungen Menschen
behandelt? Ich möchte nicht darauf schwören, daß die Sache ein gutes
Ende nimmt.«
Auch jetzt rührte sich nichts in Marcolinens Antlitz und Haltung. Sie
schien an dem ganzen Gespräch über Lorenzi nicht den geringsten Anteil
zu nehmen und sich still am Anblick der Landschaft zu erfreuen. Man fuhr
eine in zahlreichen Windungen sanft ansteigende Straße durch einen Wald
von Oliven und Steineichen; und da man eben an eine Stelle kam, wo die
Pferde noch langsamer trotteten als vorher, zog es Casanova vor,
auszusteigen und neben dem Gefährt einherzugehen. Marcolina sprach von
der schönen Umgebung Bolognas und von den Abendspaziergängen, die sie
mit der Tochter des Professors Morgagni zu unternehmen pflegte. Auch
erwähnte sie der Absicht, nächstes Jahr nach Frankreich zu reisen, um
den berühmten Mathematiker Saugrenue von der Pariser Universität, mit
dem sie in Korrespondenz stehe, persönlich kennenzulernen. »Vielleicht
mache ich mir das Vergnügen,« sagte sie lächelnd, »mich auf dem Weg in
Ferney aufzuhalten, um aus Voltaires eigenem Mund zu erfahren, wie er
die Streitschrift seines gefährlichsten Widersachers, des Chevaliers von
Seingalt, aufgenommen.« Casanova, die Hand auf der Seitenlehne des
Wagens, neben Marcolinens Arm, dessen sich bauschende Hülle seine Finger
streifte, erwiderte kühl: »Es wird sich weniger darum handeln, wie Herr
Voltaire, als vielmehr wie die Nachwelt meine Schrift aufnimmt; denn
diese erst wird ein Recht darauf haben, die endgültige Entscheidung zu
treffen.« - »Sie glauben,« meinte Marcolina ernsthaft, »daß in den
Fragen, die hier zur Sprache stehen, überhaupt endgültige Entscheidungen
gefällt werden können?« - »Diese Frage wundert mich aus Ihrem Munde,
Marcolina, deren philosophische, und wenn das Wort hier angebracht
erscheint, religiöse Ansichten mir zwar keineswegs an sich
unbestreitbar, aber doch in Ihrer Seele - falls Sie eine solche als
vorhanden annehmen - vollkommen fest gegründet schienen.« - Marcolina,
der Spitzen in Casanovas Rede nicht achtend, sah ruhig zum Himmel auf,
der sich in dunkler Bläue über die Wipfel der Bäume breitete, und
erwiderte: »Manchmal, besonders an Tagen wie heute,« - und in diesem
Wort klang nur für Casanova, den Wissenden, aus den Tiefen ihres
erwachten Frauenherzens eine bebende Andacht mit - »ist mir, als wäre
all das, was man Philosophie und Religion nennt, nur ein Spiel mit
Worten, edler freilich, doch auch sinnloser als alle andern sind. Die
Unendlichkeit und die Ewigkeit zu erfassen wird uns immer versagt sein;
unser Weg geht von der Geburt zum Tode; was bleibt uns übrig als nach
dem Gesetz zu leben, das jedem von uns in die Brust gesenkt ist - oder
auch wider das Gesetz? Denn Auflehnung wie Demut kommen gleichermaßen
von Gott.«
Olivo sah auf seine Nichte mit scheuer Bewunderung, dann ängstlich zu
Casanova hin, der nach einer Entgegnung suchte, mit der er Marcolinen
klarmachen könnte, daß sie Gott sozusagen in einem Atemzug bewies und
leugnete, - oder daß Gott und Teufel für sie eines seien; - aber er
spürte, daß er gegen ihr Gefühl nichts andres einzusetzen hatte als
leere Worte, - und nicht einmal die boten sich ihm heute dar. Doch der
sonderbar sich verzerrende Ausdruck seiner Mienen schien in Amalia die
Erinnerung an seine wirren Drohungen von gestern wieder aufzuwecken, und
sie beeilte sich zu bemerken: »Und doch ist Marcolina fromm, glauben Sie
mir, Chevalier.« - Marcolina lächelte verloren. »Wir sind es alle in
unsrer Weise,« sagte Casanova höflich und sah vor sich hin.
Eine plötzliche Biegung des Wegs, und das Kloster lag vor ihnen. Über
die hohe Umfassungsmauer ragten die schlanken Enden der Zypressen. Auf
das Geräusch des heranrollenden Wagens hatte sich das Tor aufgetan, ein
Pförtner mit langem weißen Barte grüßte bedächtig und ließ die Gäste
ein. Durch einen offenen Bogengang, zwischen dessen Säulen man
beiderseits in einen ganz verwachsenen, dunkelgrünen Garten sah,
näherten sie sich dem eigentlichen Klostergebäude, von dessen grauen,
völlig schmucklosen, gefängnisartigen Mauern eine unfreundlich-kühle
Luft über sie geweht kam. Olivo zog an dem Glockenstrang, es tönte
schrill und verhallte sofort, eine tiefverschleierte Nonne öffnete
schweigend und geleitete die Gäste in den geräumigen kahlen Sprechsaal,
in dem nur ein paar einfache hölzerne Stühle standen. Nach rückwärts war
er durch ein dickstäbiges Eisengitter abgeschlossen, jenseits dessen der
Raum in ein unbestimmtes Dunkel verschwamm. Bitternis im Herzen, dachte
Casanova jenes Abenteuers, das ihm auch heute noch eines seiner
wunderbarsten dünkte und das in ganz ähnlicher Umgebung seinen Anfang
genommen: in seiner Seele stiegen die Gestalten der zwei Nonnen von
Murano auf, die in der Liebe für ihn als Freundinnen sich gefunden und
ihm gemeinsam unvergleichliche Stunden der Lust geschenkt hatten. Und
als Olivo im Flüsterton von der strengen Zucht zu sprechen anhub, in
der hier die Schwestern gehalten seien, die, einmal eingekleidet, ihr
Antlitz unverhüllt vor keinem Manne zeigen dürften und überdies zu
ewigem Schweigen verurteilt wären, zuckte um seine Lippen ein Lächeln,
das gleich wieder erstarrte.
Die Äbtissin stand in ihrer Mitte, wie aus dem Dämmer hervorgetaucht.
Stumm begrüßte sie die Gäste: mit einem über alle Maßen gütigen Neigen
des verhüllten Hauptes nahm sie Casanovas Dank für den auch ihm
gewährten Einlaß entgegen; Marcolina aber, die ihr die Hand küssen
wollte, schloß sie in die Arme. Dann lud sie alle durch eine
Handbewegung ein, ihr zu folgen, und führte sie durch einen kleinen
Nebenraum in einen Gang, der im Viereck rings um einen blühenden Garten
lief. Im Gegensatz zu jenem äußeren verwilderten schien er mit besondrer
Sorgfalt gepflegt, und die vielen reichen sonnbeglänzten Beete spielten
in wundersamen aufgeglühten und verklingenden Farben. Den heißen, fast
betäubenden Düften aber, die den Blütenkelchen entströmten, schien ein
ganz besonders geheimnisvoller beigemischt, für den Casanova in seiner
Erinnerung keinen Vergleich zu finden wußte. Doch wie er eben zu
Marcolina hiervon ein Wort sagen wollte, merkte er, daß dieser
geheimnisvolle, herz- und sinnerregende Duft von ihr selber ausging, die
den Schal, den sie bisher über den Schultern getragen, über den Arm
gelegt hatte, so daß aus dem Ausschnitt ihrer nun loser gewordenen
Gewandung aufsteigend der Duft ihres Leibes sich dem der hunderttausend
Blumen wie ein von Natur verwandter und doch eigentümlicher beigesellte.
Die Äbtissin, immer stumm, führte die Besucher zwischen den Beeten auf
schmalen, vielfach gewundenen Wegen, wie durch ein zierliches Labyrinth
hin und her; in der Leichtigkeit und Raschheit ihres Gangs war die
Freude zu merken, die sie selbst daran empfand, den andern die bunte
Pracht ihres Gartens zu weisen; - und als hätte sie's drauf angelegt,
sie schwindlig zu machen, wie die Führerin eines heiteren Reigentanzes,
schritt sie, immer eiliger, ihnen voran. Plötzlich aber - Casanova war
es zumute, als wachte er aus einem wirren Traume auf - fanden sie sich
alle im Sprechsaal wieder. Jenseits des Gitters schwebten dunkle
Gestalten; niemand hätte zu unterscheiden vermocht, ob es drei oder fünf
oder zwanzig verschleierte Frauen waren, die hinter den dichtgestellten
Stäben wie aufgescheuchte Geister hin und her irrten; und nur Casanovas
nachtscharfes Auge war imstande, in der tiefen Dämmerung überhaupt
menschliche Umrisse zu erkennen. Die Äbtissin geleitete ihre Gäste zur
Tür, gab ihnen stumm das Zeichen, daß sie entlassen seien, und war
spurlos verschwunden, ehe jene nur Zeit gefunden hatten, ihr den
schuldigen Dank auszusprechen. Plötzlich, als sie eben den Saal
verlassen wollten, erklang es aus der Gegend des Gitters her von einer
Frauenstimme - »Casanova« - nichts als der Name, doch mit einem
Ausdruck, wie ihn Casanova noch niemals gehört zu haben vermeinte. Ob
eine Einstmalsgeliebte, - ob eine Niemalsgeschaute eben ein heiliges
Gelübde gebrochen, um ein letztes, - oder ein erstes Mal seinen Namen in
die Luft zu hauchen; - ob darin die Seligkeit eines unerwarteten
Wiedersehens, der Schmerz um unwiederbringlich Verlorenes oder die Klage
gezittert, daß ein heißer Wunsch aus fernen Tagen sich so spät und
nutzlos erfüllte, - Casanova vermochte es nicht zu deuten; nur dies eine
wußte er, daß sein Name, so oft Zärtlichkeit ihn geflüstert,
Leidenschaft ihn gestammelt, Glück ihn gejubelt hatte, heute zum
erstenmal mit dem vollen Klang der Liebe an sein Herz gedrungen war.
Doch eben darum schien jede weitere Neugier ihm unlauter und sinnlos; -
und hinter einem Geheimnis, das er nimmer enträtseln sollte, schloß sich
die Tür. Hätten nicht die andern durch Blicke sich scheu und flüchtig zu
verstehen gegeben, daß auch sie den gleich wieder verhallten Ruf gehört,
so hätte jeder für seinen Teil an eine Sinnestäuschung glauben können;
denn keiner sprach ein Wort, während sie durch den Säulengang dem Tore
zuschritten. Casanova aber folgte als letzter, mit geneigtem Haupt, wie
von einem großen Abschied. -
Der Pförtner stand am Tor, empfing sein Almosen, und die Gäste stiegen
in den Wagen, der sie ohne weiteren Verzug heimwärts führte. Olivo
schien verlegen, Amalia entrückt, Marcolina jedoch völlig unberührt; und
allzu absichtlich, wie es Casanova dünkte, versuchte sie mit Amalia ein
Gespräch über Angelegenheiten der Hauswirtschaft einzuleiten, das aber
Olivo an Stelle seiner Gattin aufnehmen mußte. Bald nahm auch Casanova
daran teil, der sich auf Fragen, die Küche und Keller betrafen,
vortrefflich verstand, und keinen Anlaß sah, mit seinen Kenntnissen und
Erfahrungen auch auf diesem Gebiet, wie zu einem neuen Beweis seiner
Vielseitigkeit, zurückzuhalten. Nun wachte auch Amalia aus ihrer
Versonnenheit auf; nach dem fast märchenhaften und doch beklemmenden
Abenteuer, aus dem sie eben emporgetaucht waren, schienen sich alle,
besonders aber Casanova, in so irdisch alltäglicher Atmosphäre
vorzüglich zu behagen, und, als der Wagen vor Olivos Hause hielt, aus
dem ihnen schon einladend der Geruch von Braten und allerlei Gewürzen
entgegenströmte, war Casanova gerade in der äußerst appetitreizenden
Schilderung eines polnischen Pastetengerichts begriffen, der auch
Marcolina mit einer liebenswürdig-hausfraulichen, von Casanova als
schmeichelhaft empfundenen Teilnahme zuhörte.
In einer seltsam beruhigten, beinahe vergnügten Stimmung, über die er
selbst verwundert war, saß er dann mit den andern bei Tische und machte
Marcolinen in einer scherzhaft aufgeräumten Weise den Hof, wie es sich
etwa für einen vornehmen ältern Herrn einem wohlerzogenen jungen Mädchen
aus bürgerlichem Hause gegenüber schicken mochte. Sie ließ es sich gern
gefallen und gab ihm seine Artigkeiten mit vollendeter Anmut zurück. Ihm
machte es ebenso große Mühe, sich vorzustellen, daß seine gesittete
Nachbarin dieselbe Marcolina war, aus deren Fenster er heute nacht einen
jungen Offizier hatte flüchten sehen, der offenbar noch in der Sekunde
vorher in ihren Armen gelegen war, - als es ihm schwer fiel, anzunehmen,
daß dieses zarte Fräulein, das sich mit andern kaum erwachsenen Mädchen
im Gras herumzuwälzen liebte, - eine gelehrte Korrespondenz mit dem
berühmten Saugrenue in Paris unterhielt; und er schalt sich zugleich ob
dieser lächerlichen Trägheit seiner Phantasie. Hatte er nicht schon
unzählige Male erfahren, daß in jedes wahrhaft lebendigen Menschen Seele
nicht nur verschiedene, daß sogar scheinbar feindliche Elemente auf die
friedlichste Weise darin zusammenwohnten? Er selbst, vor kurzem noch ein
im tiefsten aufgewühlter, ein verzweifelter, ja ein zu bösem Tun
bereiter Mann; - war er jetzt nicht sanft, gütig und zu so lustigen
Späßchen aufgelegt, daß die kleinen Töchter Olivos sich manchmal vor
Lachen schüttelten? Nur an seinem ganz außerordentlichen, fast
tierischen Hunger, der ihn immer nach starken Aufregungen zu überfallen
pflegte, erkannte er selbst, daß die Ordnung in seiner Seele noch
keineswegs völlig hergestellt war.
Mit dem letzten Gang zugleich brachte die Magd ein Schreiben, das ein
Bote aus Mantua soeben für den Chevalier abgegeben hätte. Olivo, der
merkte, wie Casanova vor Aufregung erblaßte, gab Auftrag, dem Boten
Speise und Trank zu reichen, dann wandte er sich an seinen Gast mit den
Worten: »Lassen Sie sich nicht stören, Chevalier, lesen Sie ruhig Ihren
Brief.« - »Mit Ihrer Erlaubnis,« erwiderte Casanova, erhob sich, mit
einer leichten Verneigung, vom Tisch, trat ans Fenster und öffnete das
Schreiben mit gut gespielter Gleichgültigkeit. Es kam von Herrn
Bragadino, seinem väterlichen Freund aus Jugendtagen, einem alten
Hagestolz, der, nun über achtzig, und vor zehn Jahren Mitglied des Hohen
Rats geworden, Casanovas Sache in Venedig mit mehr Eifer als die andern
Gönner zu führen schien. Der Brief, ausnehmend zierlich, nur von etwas
zittriger Hand geschrieben, lautete wörtlich:
»Mein lieber Casanova. Heute endlich befinde ich mich in der angenehmen
Lage, Ihnen eine Nachricht zu senden, die, wie ich hoffe, in der
Hauptsache Ihren Wünschen gerecht werden dürfte. Der Hohe Rat hat sich
in seiner letzten Sitzung, die gestern abend stattfand, nicht nur bereit
erklärt, Ihnen die Rückkehr nach Venedig zu gestatten, sondern wünscht
sogar, daß Sie diese Ihre Rückkehr tunlichst beschleunigen, da
beabsichtigt wird, die tätige Dankbarkeit, die Sie in zahlreichen
Briefen in Aussicht gestellt haben, baldigst in Anspruch zu nehmen. Wie
Ihnen vielleicht nicht bekannt ist, mein lieber Casanova (da wir ja Ihre
Gegenwart so lange entbehren mußten), haben sich die innern Verhältnisse
unsrer teuern Vaterstadt im Laufe der letzten Zeit sowohl in politischer
als auch in sittlicher Hinsicht einigermaßen bedenklich gestaltet.
Geheime Verbindungen bestehen, die gegen unsre Staatsverfassung
gerichtet sind, ja einen gewaltsamen Umsturz zu planen scheinen, und wie
es in der Natur der Dinge liegt, sind es vor allem gewisse freigeistige,
irreligiöse und in jedem Sinne zuchtlose Elemente, die an diesen
Verbindungen, die man mit einem härteren Worte auch Verschwörungen
nennen könnte, in hervorragendem Maße teilhaben. Auf öffentlichen
Plätzen, in den Kaffeehäusern, von Privatörtlichkeiten gar nicht zu
reden, werden, wie uns bekannt ist, die ungeheuerlichsten, ja geradezu
hochverräterische Unterhaltungen geführt; aber nur in den seltensten
Fällen gelingt es, die Schuldigen auf frischer Tat zu ertappen oder
ihnen etwas Sicheres nachzuweisen, da gerade gewisse, auf der Folter
erzwungene Geständnisse sich als so unzuverlässig erwiesen haben, daß
einige Mitglieder unsres Hohen Rats sich dafür aussprachen, in Hinkunft
von einer solchen grausamen und dabei oft irreführenden
Untersuchungsmethode lieber abzusehen. Zwar ist kein Mangel an Leuten,
die sich gern in den Dienst der Regierung stellen, zum Besten der
öffentlichen Ordnung und des Staatswohls; aber gerade von diesen Leuten
sind die meisten als gesinnungstüchtige Anhänger der bestehenden
Verfassung zu sehr bekannt, als daß man sich in ihrer Gegenwart so
leicht zu einer unvorsichtigen Bemerkung oder gar zu hochverräterischen
Reden hinreißen ließe. Nun wurde von einem der Senatoren, den ich
vorläufig nicht nennen will, in der gestrigen Sitzung die Ansicht
ausgesprochen, daß jemand, dem der Ruf eines Mannes ohne sittliche
Grundsätze und überdies der Ruf eines Freigeistes voranginge - kurzum,
daß ein Mensch wie Sie, Casanova, sobald er sich in Venedig wieder
zeigte, zweifellos gerade in den verdächtigen Kreisen, von denen hier
die Rede ist, sofortiger Sympathie und - bei einiger Geschicklichkeit
von seiner Seite - bald einem rückhaltlosen Vertrauen begegnen müßte.
Ja meines Erachtens würden sich mit Notwendigkeit, wie nach dem Walten
eines Naturgesetzes, gerade diejenigen Elemente um Sie versammeln, an
deren Unschädlichmachung und exemplarischer Bestrafung dem Hohen Rat in
seiner unermüdlichen Sorge um das Wohl des Staates am meisten gelegen
ist, und so würden wir es nicht nur als einen Beweis Ihres patriotischen
Eifers, mein lieber Casanova, sondern auch als ein untrügliches Zeichen
Ihrer vollkommenen Abkehr von all jenen Tendenzen betrachten, die Sie
seinerzeit unter den Bleidächern zwar hart, doch, wie auch Sie heute
einsehen (wenn wir Ihren brieflichen Versicherungen glauben dürfen),
nicht ganz ungerecht büßen mußten, - wenn Sie sich bereit fänden, in dem
oben angedeuteten Sinne sofort nach Ihrer Heimkehr bei den nun genügend
gekennzeichneten Elementen Anschluß zu suchen, sich ihnen in
freundschaftlicher Weise zuzugesellen, wie einer, der den gleichen
Tendenzen huldigt, und von allem, was Ihnen verdächtig oder sonstwie
wissenswürdig erschiene, dem Senat unverzüglichen und eingehenden
Bericht zu erstatten. Für diese Dienste wäre man geneigt, Ihnen fürs
erste einen monatlichen Gehalt von zweihundertfünfzig Lire auszusetzen,
abgesehen von Extragratifikationen in einzelnen besonders wichtigen
Fällen, sowie Ihnen natürlich auch alle Ihnen in Ausübung Ihres
Dienstes erwachsenden Kosten (als da sind Freihalten des einen oder
andern Individuums, kleine Geschenke an Frauenspersonen usw.) ohne
Bedenklichkeit und Knickerei ersetzt würden. Ich verhehle mir
keineswegs, daß Sie gewisse Skrupel werden niederzukämpfen haben, ehe
Sie sich in dem von uns gewünschten Sinne entscheiden sollten; aber
erlauben Sie mir als Ihrem alten und aufrichtigen Freunde (der auch
einmal jung gewesen ist) Ihnen zur Erwägung zu geben, daß es niemals als
unehrenhaft gelten kann, seinem geliebten Vaterlande irgendeinen für
dessen gesichertes Weiterbestehen notwendigen Dienst zu erweisen, auch
wenn es ein Dienst von einer Art wäre, wie sie dem oberflächlich und
nicht patriotisch denkenden Bürger als minder würdig zu erscheinen
pflegen. Auch möchte ich noch hinzufügen, daß Sie, Casanova, ja
Menschenkenner genug sind, um den Leichtfertigen vom Verbrecher oder den
Spötter vom Ketzer zu unterscheiden; und so werden Sie selbst es in der
Hand haben, in berücksichtigungswerten Fällen Gnade vor Recht ergehen zu
lassen, und immer nur denjenigen der Strafe zuzuführen, dem eine solche
Ihrer eigenen Überzeugung nach gebührt. Vor allem aber bedenken Sie, daß
die Erfüllung Ihres sehnlichsten Wunsches - Ihre Rückkehr in die
Vaterstadt - wenn Sie den gnädigen Vorschlag des Hohen Rates ablehnen
sollten, auf lange, ja, wie ich fürchte, auf unabsehbare Frist
hinausgeschoben wäre, und daß ich selbst, wenn ich auch das hier
erwähnen darf, als einundachtzigjähriger Greis nach aller menschlicher
Berechnung auf die Freude verzichten müßte, Sie jemals in meinem Leben
wiederzusehen. Da Ihre Anstellung aus begreiflichen Gründen nicht so
sehr einen öffentlichen als einen vertraulichen Charakter tragen soll,
bitte ich Sie, Ihre Antwort, die ich mich anheischig mache, dem Hohen
Rate in der nächsten, heute über acht Tage stattfindenden Sitzung
mitzuteilen, an mich persönlich zu adressieren; und zwar mit möglichster
Beschleunigung, da, wie ich schon oben andeutete, täglich Gesuche von
zum Teil höchst vertrauenswürdigen Personen an uns gelangen, die sich
dem Hohen Rat aus Liebe zum Vaterland freiwillig zur Verfügung stellen.
Freilich gibt es kaum einen unter diesen, der es an Erfahrung und Geist
mit Ihnen, mein lieber Casanova, aufzunehmen imstande wäre; und wenn Sie
zu alldem noch meine Sympathie für Sie ein wenig in Betracht ziehen, so
kann ich kaum daran zweifeln, daß Sie dem Rufe, der von so hoher und
wohlgeneigter Stelle an Sie ergeht, freudig Folge leisten werden. Bis
dahin bin ich in unveränderlicher Freundschaft Ihr anhänglicher
Bragadino.
Nachschrift. Es wird mir angenehm sein, Ihnen sofort nach Ankündigung
Ihres Entschlusses einen Wechsel im Betrage von zweihundert Lire auf
das Bankhaus Valori in Mantua zur Bestreitung der Reisekosten
auszustellen. Der Obige.«
Casanova hatte längst zu Ende gelesen, aber noch immer hielt er das
Blatt vors Gesicht, um die Totenblässe seiner verzerrten Züge nicht
merken zu lassen. Das Geräusch des Mahles mit Tellergeklapper und
Gläsergeklirr ging indes weiter, doch niemand sprach ein Wort. Endlich
ließ sich Amalia schüchtern vernehmen: »Die Schüssel wird kalt,
Chevalier, wollen Sie sich nicht bedienen?« - »Ich danke,« sagte
Casanova und ließ sein Antlitz wieder sehen, dem er nun dank seiner
außerordentlichen Verstellungskunst einen ruhigen Ausdruck zu verleihen
vermocht hatte. »Es sind vortreffliche Nachrichten, die ich hier aus
Venedig erhalten habe, und ich muß unverzüglich meine Antwort absenden.
Ich bitte daher um Entschuldigung, wenn ich mich sofort zurückziehe.« -
»Tun Sie ganz nach Ihrem Belieben, Chevalier,« sagte Olivo. »Aber
vergessen Sie nicht, daß in einer Stunde das Spiel beginnt.«