Casanova ging auf sein Zimmer, sank auf einen Stuhl, kalter Schweiß

brach an seinem ganzen Körper aus, Frost warf ihn hin und her, und der

Ekel stieg ihm bis zum Halse hinauf, so daß er glaubte, auf der Stelle

ersticken zu müssen. Einen klaren Gedanken zu fassen, war er vorerst

außerstande, und seine ganze Kraft verwandte er darauf, sich

zurückzuhalten, ohne daß er zu sagen gewußt hätte, wovor. Denn hier im

Hause war ja niemand, an dem er seinen ungeheuren Zorn hätte austoben

können, und den dumpfen Einfall, daß Marcolina irgendwie an der

namenlosen Schmach mitschuldig sei, die ihm widerfahren, vermochte er

immerhin noch als Tollheit zu erkennen. Als er sich zur Not gesammelt,

war sein erster Gedanke, an den Schurken Rache zu nehmen, die geglaubt

hatten, ihn als Polizeispion dingen zu können. In irgendeiner

Verkleidung wollte er sich nach Venedig schleichen und all die Wichte

auf listige Weise vom Leben zum Tode bringen - oder wenigstens den

einen, der den jämmerlichen Plan ausgeheckt hatte. War es etwa gar

Bragadino selbst? Warum nicht? Ein Greis - so schamlos geworden, daß er

diesen Brief an Casanova zu schreiben wagte, - so schwachsinnig, daß er

Casanova - Casanova! den er doch einst gekannt hatte - für einen Spion

eben gut genug hielt! Ah, er kannte eben Casanova nicht mehr! Niemand

kannte ihn mehr, so wenig in Venedig als anderswo. Aber man sollte ihn

wieder kennenlernen. Er war freilich nicht mehr jung und schön genug, um

ein tugendhaftes Mädchen zu verführen - und kaum mehr gewandt und

gelenkig genug, um aus Kerkern zu entwischen und auf Dachfirsten zu

turnen - aber klüger war er noch immer als alle! Und wenn er nur einmal

in Venedig war, so konnte er dort treiben und lassen, was ihm beliebte;

es kam nur darauf an, endlich dort zu sein! Dann war es vielleicht gar

nicht nötig, irgendwen umzubringen; es gab allerlei Arten von Rache,

witzigere, teuflischere, als eine gewöhnliche Mordtat wäre; und wenn man

zum Schein etwa den Antrag der Herren annahm, so war es die leichteste

Sache von der Welt, gerade diejenigen Leute zu verderben, die man

verderben wollte, und nicht diejenigen, auf die es der Hohe Rat

abgesehen hatte und die unter allen Venezianern gewiß die allerbravsten

Kerle waren! Wie? Weil sie Feinde dieser niederträchtigen Regierung

waren, weil sie als Ketzer galten, sollten sie in dieselben Bleikammern,

wo er vor fünfundzwanzig Jahren geschmachtet, oder gar unters Beil? Er

haßte die Regierung noch hundertmal mehr und mit bessern Gründen als

jene taten, und ein Ketzer war er sein Lebenlang gewesen, war es heute

noch und mit heiligerer Überzeugung als sie alle! Er hatte sich ja

selber nur eine vertrackte Komödie vorgespielt in diesen letzten Jahren

- aus Langeweile und Ekel. Er an Gott glauben? Was war denn das für ein

Gott, der nur den Jungen hold war und die Alten im Stich ließ? Ein Gott,

der sich, wann es ihm beliebte, zum Teufel wandelte, Reichtum in Armut,

Unglück in Glück, und Lust in Verzweiflung kehrte? Hast du deinen Spaß

mit uns - und wir sollen zu dir beten? - An dir zweifeln ist das einzige

Mittel, das uns bleibt - dich nicht zu lästern! - Sei nicht! Denn, wenn

du bist, so muß ich dir fluchen! Er ballte die Fäuste zum Himmel, er

reckte sich auf. Unwillkürlich drängte sich ein verhaßter Name auf seine

Lippen. Voltaire! Ja, nun war er in der rechten Verfassung, seine

Schrift gegen den alten Weisen von Ferney zu vollenden. Zu vollenden?

Nein, nun erst sollte sie begonnen werden. Eine neue! Eine andre! - in

der der lächerliche Greis hergenommen werden sollte, wie er es verdiente

... um seiner Vorsicht, seiner Halbheit, seiner Kriecherei willen. Ein

Ungläubiger der? Von dem man in der letzten Zeit immer wieder hörte, daß

er sich aufs trefflichste mit den Pfaffen stand und zur Kirche, an

Festtagen sogar zur Beichte ging? Ein Ketzer der? Ein Schwätzer, ein

großsprecherischer Feigling - nichts andres! Nun aber war die

fürchterliche Abrechnung nah, nach der von dem großen Philosophen nichts

übrig bleiben sollte als ein kleines witziges Schreiberlein. Wie hatte

er sich aufgespielt, der gute Herr Voltaire ... »Ah, mein guter Herr

Casanova, ich bin Ihnen ernstlich böse. Was gehen mich die Werke des

Herrn Merlin an? Sie sind schuld, daß ich vier Stunden mit Dummheiten

verbracht habe.« - Geschmackssache, mein bester Herr Voltaire! Man wird

die Werke Merlins noch lesen, wenn die Pucelle längst vergessen ist ...

und auch meine Sonette wird man möglicherweise dann noch schätzen, die

Sie mir mit einem so unverschämten Lächeln zurückgaben, ohne ein Wort

darüber zu äußern. Doch das sind Kleinigkeiten. Wir wollen eine große

Angelegenheit nicht durch schriftstellerische Empfindlichkeiten

verwirren. Es handelt sich um die Philosophie - um Gott ...! Wir wollen

die Klingen kreuzen, Herr Voltaire, sterben Sie mir nur gefälligst nicht

zu früh.

Schon dachte er daran, seine Arbeit auf der Stelle zu beginnen, als ihm

einfiel, daß der Bote auf Antwort wartete. Und mit fliegender Hand

entwarf er einen Brief an den alten Dummkopf Bragadino, einen Brief voll

geheuchelter Demut und verlogenen Entzückens: er nehme die Gnade des

Hohen Rats mit freudiger Dankbarkeit an und erwarte den Wechsel mit

wendender Post, um sich seinen Gönnern, vor allem seinem hochverehrten

väterlichen Freunde Bragadino sobald als möglich zu Füßen legen zu

dürfen. Während er eben daran war, den Brief zu versiegeln, klopfte es

leise an die Tür; Olivos ältestes Töchterlein, die Dreizehnjährige, trat

ein und bestellte, daß die ganze Gesellschaft bereits versammelt sei und

den Chevalier mit Ungeduld zum Spiel erwarte. In ihren Augen glimmte es

sonderbar, ihre Wangen waren gerötet, das frauenhaft dichte Haar

spielte bläulich-schwarz um ihre Schläfen; der kindliche Mund war halb

geöffnet: »Hast du Wein getrunken, Teresina?« fragte Casanova und machte

einen langen Schritt auf sie zu. - »Wahrhaftig - und der Herr Chevalier

merken das gleich?« Sie wurde noch röter, und wie in Verlegenheit strich

sie sich mit der Zunge über die Unterlippe. Casanova packte sie bei den

Schultern, hauchte ihr seinen Atem ins Gesicht, zog sie mit sich, warf

sie aufs Bett; sie sah ihn mit großen hilflosen Augen an, in denen das

Glimmen erloschen war; doch als sie ihren Mund wie zum Schreien öffnete,

zeigte ihr Casanova eine so drohende Miene, daß sie fast erstarrte und

alles mit sich geschehen ließ, was ihm beliebte. Er küßte sie zärtlich

wild und flüsterte: »Du mußt es dem Abbate nicht sagen, Teresina, auch

in der Beichte nicht. Und wenn du später einen Liebhaber kriegst oder

einen Bräutigam oder gar einen Mann, der braucht es auch nicht zu

wissen. Du sollst überhaupt immer lügen; auch Vater und Mutter und

Geschwister sollst du anlügen; auf daß es dir wohl ergehe auf Erden.

Merk' dir das.« - So lästerte er, und Teresina mußte es wohl für einen

Segen halten, den er über sie sprach, denn sie nahm seine Hand und küßte

sie andächtig wie die eines Priesters. Er lachte laut auf. »Komm,« sagte

er dann, »komm, meine kleine Frau, wir wollen Arm in Arm im Saal unten

erscheinen!« Sie zierte sich wohl ein wenig, lächelte aber dabei nicht

unzufrieden.

Es war die höchste Zeit, daß sie aus der Tür traten, denn Olivo kam eben

erhitzt mit gerunzelten Brauen die Treppe herauf, und Casanova vermutete

gleich, daß unzarte Scherze des Marchese oder des Abbate über das lange

Ausbleiben der Kleinen ihm Bedenken verursacht haben mochten. Seine Züge

erheiterten sich sofort, als er Casanova wie zum Scherz in die Kleine

eingehängt auf der Schwelle stehen sah. »Verzeihen Sie, mein bester

Olivo,« sagte Casanova, »daß ich warten ließ. Ich mußte meinen Brief

erst zu Ende schreiben.« Er hielt ihn Olivo wie ein Beweisstück

entgegen. »Nimm ihn,« sagte Olivo zu Teresina, indem er ihr die etwas

verwirrten Haare zurecht strich, »und bring' ihn dem Boten.« - »Und

hier,« fügte Casanova hinzu, »sind zwei Goldstücke, die gibst du dem

Mann: er möge sich beeilen, daß der Brief noch heute richtig von Mantua

nach Venedig abgehe - und meiner Wirtin möge er bestellen, daß ich ...

heute abend wieder daheim bin.« - »Heute abend?« rief Olivo.

»Unmöglich!« - »Nun, wir werden sehen,« sagte Casanova herablassend. -

»Und hier, Teresina, ein Goldstück für dich« ... und auf Olivos Einrede:

»Leg' es in deine Sparbüchse, Teresina; der Brief, den du in Händen

hast, ist seine paar tausend Goldstücke wert.« - Teresina lief, und

Casanova nickte vergnügt; es machte ihm einen ganz besondern Spaß, das

Dirnchen, deren Mutter und Großmutter ihm auch schon gehört hatten, im

Angesicht ihres eigenen Vaters für ihre Gunst zu bezahlen.

Als Casanova mit Olivo in den Saal trat, war das Spiel schon im Gange.

Die emphatische Begrüßung der andern erwiderte er mit heitrer Würde und

nahm gegenüber dem Marchese Platz, der die Bank hielt. Die Fenster waren

gegen den Garten zu offen; Casanova hörte Stimmen, die sich näherten;

Marcolina und Amalia kamen vorüber, blickten flüchtig in den Saal,

verschwanden und waren dann nicht mehr zu sehen. Während der Marchese

die Karten auflegte, wandte sich Lorenzi mit großer Höflichkeit an

Casanova. »Ich mache Ihnen mein Kompliment, Chevalier, Sie waren besser

unterrichtet, als ich es gewesen bin: unser Regiment marschiert in der

Tat bereits morgen vor Abend aus.« Der Marchese schien erstaunt. »Und

das sagen Sie uns erst jetzt, Lorenzi?« - »Es ist wohl nicht so

wichtig!« - »Für mich nicht so sehr,« meinte der Marchese, »aber für

meine Gattin! Finden Sie nicht?« Er lachte in einer abstoßenden heisern

Art. »Übrigens ein wenig doch auch für mich! Da ich gestern vierhundert

Dukaten an Sie verloren habe und am Ende keine Zeit bleibt, sie

zurückzugewinnen.« - »Auch uns hat der Leutnant Geld abgewonnen,« sagte

der jüngere Ricardi, und der ältere, schweigende, sah über die Schulter

zu dem Bruder auf, der, wie gestern, hinter ihm stand. - »Glück und

Frauen« ... begann der Abbate. Und der Marchese schloß statt seiner:

»Zwingt, wer mag.« - Lorenzi streute seine Goldstücke wie achtlos vor

sich hin. »Da sind sie. Wenn Sie wünschen, alle auf ein Blatt, Marchese,

damit Sie Ihrem Gelde nicht lange nachzulaufen haben.« Casanova

verspürte plötzlich eine Art Mitleid für Lorenzi, das er sich selbst

nicht recht erklären konnte; doch da er von seinem Ahnungsvermögen etwas

hielt, war er überzeugt, daß der Leutnant im ersten Gefechte, das ihm

bevorstand, fallen werde. Der Marchese nahm den hohen Satz nicht an;

Lorenzi bestand nicht darauf; so ging das Spiel, an dem sich auch die

andern in ihrer bescheidenen Weise, wie tags vorher, beteiligten,

vorerst nur mit mäßigen Einsätzen weiter. Schon in der nächsten

Viertelstunde wurden diese höher; und vor Ablauf der darauffolgenden

hatte Lorenzi seine vierhundert Dukaten an den Marchese verloren. Um

Casanova schien sich das Glück nicht zu kümmern; er gewann, verlor und

gewann wieder in fast lächerlich regelmäßigem Wechsel. Lorenzi atmete

auf, als sein letztes Goldstück zum Marchese hinübergerollt war und

erhob sich. »Ich danke, meine Herren. Dies wird nun,« er zögerte - »für

lange mein letztes Spiel in diesem gastfreundlichen Hause gewesen sein.

Und nun, mein verehrter Herr Olivo, gestatten Sie mir noch, mich von den

Damen zu verabschieden, ehe ich nach der Stadt reite, wo ich vor

Sonnenuntergang eintreffen möchte, um meine Zurüstungen für morgen zu

treffen.« - Unverschämter Lügner, dachte Casanova. In der Nacht bist du

wieder hier und - bei Marcolina! Neu flammte der Zorn in ihm auf. »Wie?«

rief der Marchese übel gelaunt, »der Abend noch stundenfern, und das

Spiel soll schon zu Ende sein? Wenn Sie wünschen, Lorenzi, mag mein

Kutscher nach Hause fahren und der Marchesa bestellen, daß Sie sich

verspäten.« - »Ich reite nach Mantua,« entgegnete Lorenzi ungeduldig. -

Der Marchese, ohne darauf zu achten, sprach weiter: »Es ist noch Zeit

genug; rücken Sie nur mit Ihren eigenen Goldstücken heraus, so wenig es

sein mögen.« Und er warf ihm eine Karte hin. »Ich habe nicht ein

einziges Goldstück mehr,« sprach Lorenzi müde. - »Was Sie nicht sagen!«

- »Nicht eines,« wiederholte Lorenzi wie angeekelt. - »Was tut's,« rief

der Marchese mit einer plötzlichen, nicht sehr angenehm wirkenden

Freundlichkeit. »Sie sind mir für zehn Dukaten gut, und wenn's sein muß,

für mehr.« - »Ein Dukaten also,« sagte Lorenzi und nahm Karten auf. Der

Marchese schlug sie mit den seinen. Lorenzi spielte weiter, als

verstände sich das nun von selbst; und bald war er dem Marchese hundert

Dukaten schuldig. Casanova übernahm die Bank und hatte noch mehr Glück

als der Marchese. Es war indes wieder ein Spiel zu dreien geworden,

heute ließen sich's auch die Brüder Ricardi ohne Einspruch gefallen; mit

Olivo und dem Abbate waren sie bewundernde Zuschauer. Kein lautes Wort

wurde gewechselt, nur die Karten sprachen, und sie sprachen deutlich

genug. Der Zufall des Spieles wollte, daß alles Bargeld zu Casanova

hinüberfloß, und als eine Stunde vergangen war, hatte er zweitausend

Dukaten zwar von Lorenzi gewonnen, aber sie kamen alle aus des Marchese

Tasche, der nun ohne einen Soldo dasaß. Casanova stellte ihm zur

Verfügung, was ihm belieben sollte. Der Marchese schüttelte den Kopf.

»Ich danke,« sagte er, »nun ist es genug. Für mich ist das Spiel zu

Ende.« Aus dem Garten klang das Lachen und Rufen der Kinder. Casanova

hörte Teresinas Stimme heraus; er saß mit dem Rücken gegen das Fenster

und wandte sich nicht um. Noch einmal versuchte er, zugunsten Lorenzis,

er wußte selbst nicht warum, den Marchese zum Weiterspielen zu bewegen.

Dieser erwiderte nur durch ein noch entschiedeneres Kopfschütteln.

Lorenzi erhob sich. »Ich werde mir erlauben, Herr Marchese, die Summe,

die ich Ihnen schulde, morgen vor zwölf Uhr mittags persönlich in Ihre

Hände zu übergeben.« Der Marchese lachte kurz. »Ich bin neugierig, wie

Sie das anstellen wollen, Herr Leutnant Lorenzi. Es gibt keinen Menschen

in Mantua oder anderswo, der Ihnen auch nur zehn Dukaten leihen würde,

geschweige zweitausend, insbesondre heute, da Sie morgen ins Feld gehen;

und es ist nicht so ausgemacht, daß Sie zurückkehren.« - »Sie werden Ihr

Geld morgen früh acht Uhr erhalten, Herr Marchese, auf - Ehrenwort.« -

»Ihr Ehrenwort,« sagte der Marchese kalt, »ist mir nicht einmal einen

Dukaten wert, viel weniger zweitausend.« - Die andern hielten den Atem

an. Doch Lorenzi erwiderte nur, anscheinend ohne tiefere Erregung: »Sie

werden mir Genugtuung geben, Herr Marchese.« - »Mit Vergnügen, Herr

Leutnant,« entgegnete der Marchese, »sobald Sie Ihre Schuld bezahlt

haben.« - Olivo, aufs peinlichste berührt, sagte ein wenig stotternd:

»Ich bürge für die Summe, Herr Marchese. Leider habe ich nicht Bargeld

genug zur Hand, um sofort - doch mein Haus, meine Besitzung« - und er

wies mit einer ungeschickten Bewegung rings im Kreise umher. »Ich nehme

Ihre Bürgschaft nicht an,« sagte der Marchese, »um Ihretwillen, Sie

würden Ihr Geld verlieren.« Casanova sah, wie sich alle Blicke auf das

Gold richteten, das vor ihm lag. - Wenn ich für Lorenzi bürgte - dachte

er. Wenn ich für ihn zahlte ... Dies könnte der Marchese nicht

zurückweisen ... Wär' es nicht beinahe meine Verpflichtung? Es ist ja

das Gold des Marchese. - Doch er schwieg. Er fühlte, wie ein Plan in ihm

dumpf erstand, dem er vor allem Zeit lassen mußte, sich klar zu

gestalten. »Sie sollen Ihr Geld noch heute vor Anbruch der Nacht haben,«

sagte Lorenzi. »In einer Stunde bin ich in Mantua.« - »Ihr Pferd kann

den Hals brechen,« erwiderte der Marchese, »Sie auch ... am Ende gar mit

Absicht.« - »Immerhin,« sagte der Abbate unwillig, »kann Ihnen der

Leutnant das Geld nicht herzaubern.« Die beiden Ricardi lachten, brachen

aber gleich wieder ab. »Es ist klar,« wandte sich Olivo an den Marchese,

»daß Sie dem Leutnant Lorenzi vor allem einmal gestatten müssen, sich zu

entfernen.« - »Gegen ein Pfand,« rief der Marchese mit funkelnden Augen,

als machte ihm sein Einfall ein besondres Vergnügen. »Das scheint mir

nicht übel,« sagte Casanova etwas zerstreut, denn sein Plan reifte

heran. Lorenzi zog einen Ring vom Finger und ließ ihn auf den Tisch

gleiten. Der Marchese nahm ihn. »Der mag für tausend gelten.« - »Und der

hier?« Lorenzi schleuderte einen zweiten Ring vor den Marchese hin.

Dieser nickte und meinte: »Für ebensoviel.« - »Sind Sie nun zufrieden,

Herr Marchese?« sagte Lorenzi und schickte sich an, zu gehen. »Ich bin

zufrieden,« entgegnete der Marchese schmunzelnd, »um so mehr, als diese

Ringe gestohlen sind.« Lorenzi wandte sich rasch um, und über den Tisch

hin erhob er die Faust, um sie auf den Marchese niedersausen zu lassen.

Olivo und der Abbate hielten seinen Arm fest. »Ich kenne die beiden

Steine,« sagte der Marchese, ohne sich von seinem Platz zu rühren, »wenn

sie auch neu gefaßt sind. Sehen Sie, meine Herren, der Smaragd hat einen

kleinen Fehler, sonst wäre er zehnmal soviel wert. Der Rubin ist

tadellos, aber nicht sehr groß. Beide Steine stammen aus einem Schmuck,

den ich selbst einmal meiner Frau geschenkt habe. Und da ich doch nicht

annehmen kann, daß die Marchesa diese Steine für den Leutnant Lorenzi zu

Ringen hat fassen lassen, so können sie, - so kann offenbar der ganze

Schmuck nur gestohlen sein. Also - das Pfand genügt mir, Herr Leutnant,

bis auf weiteres.« - »Lorenzi!« rief Olivo, »von uns allen haben Sie das

Wort, daß keine Seele jemals erfahren wird, was soeben hier vorgegangen

ist.« - »Und was auch Herr Lorenzi begangen haben mag,« sagte Casanova,

»Sie, Herr Marchese, sind der größre Schuft.« - »Das will ich hoffen,«

erwiderte der Marchese. »Wenn man einmal so alt ist wie unsereiner, Herr

Chevalier von Seingalt, darf man sich wenigstens in der Schurkerei von

niemandem andern übertreffen lassen. Guten Abend, meine Herren.« Er

stand auf, niemand erwiderte seinen Gruß, und er ging. Für eine kurze

Weile ward es so still, daß wieder das Lachen der Kinder vom Garten her

wie in übertriebener Lautheit vernehmlich wurde. Wer hätte auch das Wort

zu finden vermocht, das jetzt bis in Lorenzis Seele gedrungen wäre, der

noch immer mit über dem Tisch erhobenem Arm dastand wie vorher?

Casanova, der als einziger auf seinem Platz sitzengeblieben war, fand

ein unwillkürliches künstlerisches Gefallen an dieser zwar sinnlos

gewordenen, gleichsam versteinerten, aber drohend-edlen Geste, die den

ganzen Jüngling in ein Standbild zu verwandeln schien. Endlich wandte

sich Olivo an ihn wie mit einer Gebärde der Beschwichtigung, auch die

Ricardis näherten sich, und der Abbate schien sich zu einer Anrede

entschließen zu wollen; da fuhr es durch Lorenzis Glieder wie ein kurzes

Beben; eine gebieterisch unwillige Bewegung wehrte jeden Versuch einer

Einmischung ab, und mit einem höflichen Neigen des Kopfes verließ er

ohne Hast den Raum. Im selben Augenblick erhob sich Casanova, der indes

das Gold, das vor ihm lag, in ein Seidentuch zusammengerafft hatte, und

folgte ihm auf dem Fuß. Er fühlte, ohne die Mienen der andern zu sehen,

daß sie alle der Meinung waren, er beeile sich nun, dasjenige zu tun,

was sie die ganze Zeit über von ihm erwartet, und werde Lorenzi die

gewonnene Geldsumme zur Verfügung stellen.

In der Kastanienallee, die vom Hause zum Tore führte, holte er Lorenzi

ein und sagte in leichtem Tone: »Würden Sie mir erlauben, Herr Leutnant

Lorenzi, mich Ihrem Spaziergang anzuschließen?« Lorenzi, ohne ihn

anzusehen, erwiderte in einem hochmütigen, seiner Lage kaum ganz

angemessenen Tone: »Wie's beliebt, Herr Chevalier; aber ich fürchte, Sie

werden in mir keinen unterhaltenden Gesellschafter finden.« - »Sie,

Leutnant Lorenzi, vielleicht einen um so unterhaltenderen in mir,« sagte

Casanova, »und wenn Sie einverstanden sind, nehmen wir den Weg über die

Weinberge, wo wir ungestört plaudern können.« Sie bogen von der

Fahrstraße auf denselben schmalen Pfad ein, den, die Gartenmauer

entlang, Casanova tags vorher mit Olivo gegangen war. »Sie vermuten ganz

richtig,« so setzte Casanova ein, »daß ich gesonnen bin, Ihnen die Summe

Geldes anzubieten, die Sie dem Marchese schuldig sind; nicht leihweise,

denn das - Sie werden mir verzeihen - hielte ich für ein allzu riskantes

Geschäft, sondern als - freilich geringen Gegenwert für eine

Gefälligkeit, die Sie mir zu erweisen vielleicht imstande wären.« - »Ich

höre,« sagte Lorenzi kalt. - »Ehe ich mich weiter äußere,« erwiderte

Casanova im selben Tone, »bin ich genötigt, eine Bedingung zu stellen,

von deren Annahme durch Sie ich die Fortsetzung dieser Unterhaltung

abhängig mache.« - »Nennen Sie Ihre Bedingung.« - »Ich verlange Ihr

Ehrenwort, daß Sie mich anhören, ohne mich zu unterbrechen, auch wenn

das, was ich Ihnen zu sagen habe, Ihr Befremden oder Ihr Mißfallen oder

gar Ihre Empörung erregen sollte. Es steht vollkommen bei Ihnen, Herr

Leutnant Lorenzi, ob Sie nachher meinen Vorschlag annehmen wollen, über

dessen Ungewöhnlichkeit ich mich keiner Täuschung hingebe, oder nicht;

aber die Antwort, die ich von Ihnen erwarte, ist nur ein Ja oder Nein;

und wie immer sie ausfallen sollte, - von dem, was hier verhandelt

wurde, zwischen zwei Ehrenmännern, die vielleicht beide zugleich

Verlorene sind, wird niemals eine Menschenseele erfahren.« - »Ich bin

bereit, Ihren Vorschlag zu hören.« - »Und nehmen meine Vorbedingung an?«

- »Ich werde Sie nicht unterbrechen.« - »Und werden kein andres Wort

erwidern als Ja oder Nein?« - »Kein andres als Ja oder Nein.« - »Gut

denn,« sagte Casanova. Und während sie langsam hügelaufwärts stiegen,

zwischen den Rebenstöcken, unter einem schwülen Spätnachmittagshimmel,

begann Casanova: »Lassen Sie uns die Angelegenheit nach den Gesetzen der

Logik behandeln, so werden wir einander am besten verstehen. Es besteht

offenbar keine Möglichkeit für Sie, sich das Geld, das Sie dem Marchese

schuldig sind, bis zu der von ihm festgesetzten Frist zu verschaffen;

und für den Fall, daß Sie es ihm nicht zahlen sollten, auch darüber kann

kein Zweifel sein, ist er fest entschlossen, Sie zu vernichten. Da er

mehr von Ihnen weiß (hier wagte sich Casanova weiter vor als er mußte,

doch er liebte solche kleine nicht ganz ungefährliche Abenteuer auf

einem im übrigen vorgezeichneten Weg), als er uns heute verraten hat,

sind Sie tatsächlich völlig in der Gewalt dieses Schurken, und Ihr

Schicksal als Offizier, als Edelmann wäre besiegelt. Das ist die eine

Seite der Sache. Dagegen sind Sie gerettet, sobald Sie Ihre Schuld

bezahlt und die - irgendwie in Ihren Besitz gelangten Ringe wieder in

Händen haben; - und gerettet sein: das heißt für Sie in diesem Fall

nicht weniger, als daß Ihnen ein Dasein wieder gehört, mit dem Sie schon

so gut wie abgeschlossen hatten, und zwar, da Sie jung, schön und kühn

sind, ein Dasein voll Glanz, Glück und Ruhm. Eine solche Aussicht

scheint mir herrlich genug, besonders wenn auf der andern Seite nichts

winkt als ein ruhmloser, ja schimpflicher Untergang, um ihr zuliebe ein

Vorurteil aufzuopfern, das man persönlich eigentlich niemals besaß. Ich

weiß es, Lorenzi,« setzte er rasch hinzu, als sei er einer Entgegnung

gewärtig und wollte ihr zuvorkommen, »Sie haben gar keine Vorurteile,

so wenig als ich sie habe oder jemals hatte; und was ich von Ihnen zu

verlangen willens bin, ist nichts andres, als was ich selbst an Ihrer

Stelle unter den gleichen Umständen zu erfüllen mich keinen Augenblick

besonnen hätte, - wie ich mich auch tatsächlich nie gescheut habe, wenn

es das Schicksal oder auch nur meine Laune so forderte, eine Schurkerei

zu begehen oder vielmehr das, was die Narren dieser Erde so zu nennen

pflegen. Dafür war ich aber auch, gleich Ihnen, Lorenzi, in jeder Stunde

bereit, mein Leben für weniger als nichts aufs Spiel zu setzen, und das

macht alles wieder wett. Ich bin es auch jetzt - für den Fall, daß Ihnen

mein Vorschlag nicht gefiele. Wir sind aus gleichem Stoff gemacht,

Lorenzi, sind Brüder im Geiste, und so dürfen sich unsre Seelen ohne

falsche Scham, stolz und nackt, gegenüberstehen. Hier sind meine

zweitausend Dukaten - vielmehr die Ihren - wenn Sie es ermöglichen, daß

ich die heutige Nacht an Ihrer Stelle mit Marcolina verbringe. Wir

wollen nicht stehenbleiben, Lorenzi, wir wollen weiterspazieren.«

Casanovas Heimfahrt · 第 6 / 9 段