Casanova stand allein in seinem durch zwei Kerzen matt erhellten Zimmer

und ließ das Auge von einem zum andern der vier Fenster schweifen, die

nach den verschiedenen Himmelsrichtungen wiesen. In bläulichem Glanze

lag die Landschaft da, nach allen Seiten fast das gleiche Bild: weite

Ebenen, mit geringen Erhebungen, nur nordwärts verschwimmende

Berglinien, da und dort vereinzelte Häuser, Gehöfte, auch größere

Gebäude; darunter eines etwas höher gelegen, aus dem ein Licht

herschimmerte, nach Casanovas Vermutung das Schloß des Marchese. Im

Zimmer, das außer dem freistehenden breiten Bett nichts enthielt, als

einen langen Tisch, auf dem die zwei Kerzen brannten, ein paar Stühle,

eine Kommode und einen goldgerahmten Spiegel darüber, war von sorglichen

Händen Ordnung gemacht, auch war der Reisesack ausgepackt worden. Auf

dem Tische lag die versperrte, abgegriffene Ledermappe, die Casanovas

Papiere enthielt, sowie ein paar Bücher, deren er für seine Arbeit

bedurfte und die er daher mit sich genommen hatte; auch Schreibzeug war

bereit. Da er nicht die geringste Schläfrigkeit verspürte, nahm er sein

Manuskript aus der Mappe und durchlas beim Schein der Kerzen, was er

zuletzt geschrieben. Da er mitten in einem Absatz stehengeblieben, war

es ihm ein leichtes, auf der Stelle fortzufahren. Er nahm die Feder zur

Hand, schrieb hastig ein paar Sätze und hielt plötzlich wieder inne.

Wozu? fragte er sich, wie in einer grausamen inneren Erleuchtung. Und

wenn ich auch wüßte, daß das, was ich hier schrieb und schreiben werde,

herrlich würde ohne Vergleich, - ja, wenn es mir wirklich gelänge,

Voltaire zu vernichten und mit meinem Ruhm den seinen zu überstrahlen; -

wäre ich nicht trotzdem mit Freuden bereit, all diese Papiere zu

verbrennen, wenn es mir dafür vergönnt wäre, in dieser Stunde Marcolina

zu umarmen? Ja, wäre ich um den gleichen Preis nicht zu dem Gelübde

bereit, Venedig niemals wieder zu betreten, - auch wenn sie mich im

Triumph dahin zurückholen wollten? Venedig!... Er wiederholte das Wort,

es klang um ihn in seiner ganzen Herrlichkeit; - und schon hatte es die

alte Macht über ihn gewonnen. Die Stadt seiner Jugend stieg vor ihm auf,

umflossen von allem Zauber der Erinnerung, und das Herz schwoll ihm in

einer Sehnsucht, so qualvoll und über alles Maß, wie er sie noch nie

empfunden zu haben glaubte. Auf die Heimkehr zu verzichten erschien ihm

als das unmöglichste von allen Opfern, die das Schicksal von ihm fordern

dürfte. Was sollte er weiter in dieser kläglich verblaßten Welt ohne die

Hoffnung, die Gewißheit, die geliebte Stadt jemals wiederzusehen? Nach

Jahren und Jahrzehnten der Wanderungen und Abenteuer, nach all dem Glück

und Unglück, das er erlebt, nach all der Ehre und Schmach, nach den

Triumphen und nach den Erniedrigungen, die er erfahren, mußte er doch

endlich eine Ruhestatt, eine Heimat haben. Und gab es eine andere Heimat

für ihn als Venedig? Und ein anderes Glück als das Bewußtsein, wieder

eine Heimat zu haben? In der Fremde vermochte er längst nicht mehr ein

Glück dauernd an sich heranzuzwingen. Noch war ihm zuweilen die Kraft

gegönnt, es zu erfassen, doch nicht mehr die, es festzuhalten. Seine

Macht über die Menschen, Frauen wie Männer, war dahin. Nur wo er

Erinnerung bedeutete, vermochte sein Wort, seine Stimme, sein Blick noch

zu bannen; seiner Gegenwart war die Wirkung versagt. Vorbei war seine

Zeit! Und nun gestand er sich auch ein, was er sich sonst mit besonderer

Beflissenheit zu verhehlen suchte, daß selbst seinen schriftstellerischen

Leistungen, daß sogar seiner Streitschrift gegen Voltaire, auf die er

seine letzte Hoffnung gesetzt hatte, niemals ein in die Weite tragender

Erfolg beschieden sein würde. Auch dazu war es zu spät. Ja, hätte er in

jüngeren Jahren Muße und Geduld gehabt, sich mit derlei Arbeiten

ernstlicher zu beschäftigen, - das wußte er wohl - den ersten dieses

Fachs, Dichtern und Philosophen hätte er es gleich getan; ebenso wie er

als Finanzmann oder als Diplomat mit größerer Beharrlichkeit und

Vorsicht, als ihm eigen war, zum Höchsten wäre berufen gewesen. Doch wo

war all seine Geduld und seine Vorsicht, wo waren alle seine Lebenspläne

hin, wenn ein neues Liebesabenteuer lockte? Frauen - Frauen überall. Für

sie hatte er alles hingeworfen in jedem Augenblick; für edle wie für

gemeine, für die leidenschaftlichen wie für die kalten; für Jungfrauen

wie für Dirnen; - für eine Nacht auf einem neuen Liebeslager waren ihm

alle Ehren dieser und alle Seligkeiten jener Welt immer feil gewesen. -

Doch bereute er, was er durch dieses ewige Suchen und Niemals- oder

Immer-Finden, durch dies irdisch-überirdische Fliehen von Begier zu Lust

und von Lust zu Begier sonst im Dasein etwa versäumt haben mochte? Nein,

er bereute nichts. Er hatte sein Leben gelebt wie keiner; - und lebte er

es nicht noch heute in seiner Art? Überall noch gab es Weiber auf seinem

Weg: wenn sie auch nicht mehr gerade toll um ihn wurden wie einstmals. -

Amalia? - er konnte sie haben, wann er wollte, in dieser Stunde, in

ihres betrunkenen Gatten Bett; - und die Wirtin in Mantua - war sie

nicht verliebt in ihn wie in einen hübschen Knaben, mit Zärtlichkeit und

Eifersucht? - und die blatternarbige, aber wohlgebaute Geliebte Perottis

- hatte sie ihn nicht, berauscht von dem Namen Casanova, der die Wollust

von tausend Nächten über sie hinzusprühen schien - hatte sie ihn nicht

angebettelt, ihr eine einzige Liebesnacht zu gewähren, und hatte er sie

nicht verschmäht wie einer, der noch immer nach eigenem Geschmacke

wählen durfte? Freilich - Marcolina - solche wie Marcolina waren nicht

mehr für ihn da. Oder - wäre sie niemals für ihn dagewesen? Es gab ja

wohl auch Frauen solcher Art. Er war vielleicht in früheren Jahren solch

einer begegnet; aber da immer zugleich eine andere, willigere zur Stelle

war, hatte er sich nicht damit aufgehalten, auch nur einen Tag

vergeblich zu seufzen. Und da es nicht einmal Lorenzi gelungen war,

Marcolina zu erobern, - da sie sogar die Hand dieses Menschen

ausgeschlagen, der ebenso schön und ebenso frech war, wie er, Casanova,

in seiner Jugend es gewesen - so mochte Marcolina in der Tat jenes

Wundergeschöpf vorstellen, an dessen Vorhandensein auf Erden er bisher

gezweifelt - das tugendhafte Weib. Nun aber lachte er so hell auf, daß

es durchs Zimmer hallte. »Der Ungeschickte, der Dummkopf!« rief er laut,

wie er es bei solchen Selbstgesprächen öfters tat. »Er hat die

Gelegenheit nicht zu benützen verstanden. Oder die Marchesa läßt ihn

nicht los. Oder hat er sich die erst genommen, als er Marcolina nicht

bekommen konnte, die Gelehrte - die Philosophin?!« Und plötzlich kam ihm

der Einfall: Ich will ihr morgen meine Streitschrift gegen Voltaire

vorlesen! Sie ist das einzige Geschöpf, dem ich das nötige Verständnis

dafür zutrauen darf. Ich werde sie überzeugen ... Sie wird mich

bewundern. »Natürlich wird sie ... Vortrefflich, Herr Casanova! Sie

schreiben einen glänzenden Stil, alter Herr! Bei Gott ... Sie haben

Voltaire vernichtet ... genialer Greis!« So sprach er, so zischte er vor

sich hin und lief im Zimmer hin und her wie in einem Käfig. Ein

ungeheurer Grimm hatte ihn erfaßt, gegen Marcolina, gegen Voltaire,

gegen sich selbst, gegen die ganze Welt. Er nahm seine letzte Kraft

zusammen, um nicht aufzubrüllen. Endlich warf er sich aufs Bett, ohne

sich auszukleiden, und lag nun da, die weit offenen Augen zum Gebälk der

Decke gerichtet, inmitten dessen er jetzt an einzelnen Stellen im Schein

der Kerzen Spinnengewebe silbrig glänzen sah. Dann, wie es ihm zuweilen

nach Spielpartien vor dem Einschlafen begegnete, jagten mit

phantastischer Geschwindigkeit Kartenbilder an ihm vorbei, und endlich

versank er wirklich in einen traumlosen Schlummer, der aber nur eine

kurze Weile dauerte. Nun horchte er auf die geheimnisvolle Stille rings

um sich. Nach Osten und Süden standen die Fenster des Turmgemachs offen,

aus Garten und Feld drangen linde süße Gerüche aller Art, aus der

Landschaft unbestimmte Geräusche zu ihm herein, wie die kommende Frühe

sie aus der Weite und Nähe zu bringen pflegt. Casanova vermochte nicht

länger still zu liegen; ein lebhafter Drang nach Veränderung erfaßte ihn

und lockte ihn ins Freie. Vogelgesang rief ihn von draußen, morgenkühler

Wind rührte an seine Stirn. Leise öffnete Casanova die Tür, ging

vorsichtig über die Treppe hinab, mit seiner oft erprobten

Geschicklichkeit brachte er es zuwege, daß die Holzstufen unter seinem

Schritt nicht im geringsten knarrten; über die steinerne Treppe gelangte

er ins Erdgeschoß, und durch das Speisezimmer, wo auf dem Tisch noch die

halbgefüllten Gläser standen, in den Garten. Da auf dem Kies seine

Schritte hörbar wurden, trat er gleich auf die Wiese über, die nun, im

Frühdämmerschein, zu unwirklicher Weite sich dehnte. Dann schlich er

sich in die Allee, nach der Seite hin, wo ihm Marcolinens Fenster in den

Blick fallen mußte. Es war vergittert, verschlossen, verhängt, so wie er

es zuletzt gesehen. Kaum fünfzig Schritt vom Hause entfernt setzte sich

Casanova auf eine Steinbank. Jenseits der Gartenmauer hörte er einen

Wagen vorbeifahren, dann war es wieder still. Aus dem Wiesengrund

schwebte ein feiner grauer Dunst; als läge da ein durchsichtig-trüber

Teich mit verschwimmenden Grenzen. Wieder dachte Casanova jener

Jugendnacht im Klostergarten von Murano - oder eines andern Parks -

einer andern Nacht; - er wußte nicht mehr welcher - vielleicht waren es

hundert Nächte, die ihm in der Erinnerung in eine einzige

zusammenflossen, sowie ihm manchmal hundert Frauen, die er geliebt, in

der Erinnerung zu einer einzigen wurden, die als Rätselgestalt durch

seine fragenden Sinne schwebte. Und _war_ denn nicht am Ende eine Nacht

wie die andere? Und eine Frau wie die andere? Besonders, wenn es vorbei

war? Und dieses Wort »vorbei« hämmerte in seinen Schläfen weiter, als

sei es bestimmt, von nun ab der Pulsschlag seines verlorenen Daseins zu

werden.

Es war ihm, als raschelte irgend etwas hinter ihm längs der Mauer hin.

Oder war's nur ein Widerklang? Ja, das Geräusch kam vom Hause her.

Marcolinens Fenster stand mit einemmal offen, das Gitter war

zurückgeschoben, der Vorhang nach der einen Seite hin gerafft; aus dem

Dunkel des Gemachs hob sich eine schattenhafte Erscheinung; Marcolina

selbst war es, die in hochgeschlossenem weißen Nachtgewand an die

Brüstung trat, wie um die holde Luft des Morgens einzuatmen. Casanova

hatte sich rasch von der Bank heruntergleiten lassen; über ihren Rand,

durch das Gezweig der Allee sah er gebannt Marcolina an, deren Augen

scheinbar gedanken- ja richtungslos in die Dämmerung tauchten. Nach ein

paar Sekunden erst schien sie ihr noch wie schlafbefangenes Wesen in

einem Blicke sammeln zu können, den sie nun langsam nach rechts und

links schweifen ließ. Dann beugte sie sich vornüber, wie um auf dem Kies

etwas zu suchen, und gleich darauf wandte sie das Haupt mit dem gelösten

Haar nach aufwärts wie zu einem Fenster des oberen Stockwerks. Dann

stand sie wieder eine Weile ohne Bewegung, die Hände beiderseits an die

Fensterstöcke stützend, wie an ein unsichtbares Kreuz geschlagen. Nun

erst, als wären sie plötzlich von innen erleuchtet worden, gewannen ihre

dämmernden Züge für Casanova an Deutlichkeit. Ein Lächeln spielte um

ihren Mund, das gleich wieder erstarrte. Nun ließ sie die Arme sinken;

ihre Lippen bewegten sich sonderbar, als flüsterten sie ein Gebet;

wieder schweifte ihr Blick langsam suchend durch den Garten, dann

nickte sie kurz, und im selben Augenblick schwang sich jemand über die

Brüstung ins Freie, der bis jetzt zu Marcolinens Füßen gekauert sein

mußte, - Lorenzi. Er flog mehr als er ging über den Kies zur Allee hin,

durchquerte sie kaum zehn Schritte weit von Casanova, der den Atem

anhaltend unter der Bank lag, und eilte dann jenseits der Allee, wo ein

schmaler Wiesenstreif die Mauer entlang lief, den Blicken Casanovas

entschwindend, nach rückwärts. Casanova hörte eine Tür in den Angeln

seufzen, - es konnte keine andre sein, als diejenige, durch die er

selbst gestern abend mit Olivo und dem Marchese in den Garten

zurückgekehrt war - dann war alles still. Marcolina war die ganze Zeit

völlig regungslos dagestanden: sobald sie Lorenzi in Sicherheit wußte,

atmete sie tief auf, schloß Gitter und Fenster, der Vorhang fiel nieder

wie durch eigene Kraft, und alles war, wie es vorher gewesen; - nur daß

indes, als hätte er nun keinen Anlaß mehr zu zögern, der Tag über Haus

und Garten aufgezogen war.

Auch Casanova lag noch da, wie zuvor, die Hände vor sich hingestreckt,

unter der Bank. Nach einer Weile kroch er weiter, in die Mitte der

Allee, und weiter auf allen vieren, bis er an eine Stelle kam, wo er

weder von Marcolinens Fenster noch von einem andern aus gesehen werden

konnte. Nun erhob er sich mit schmerzendem Rücken, reckte sich in die

Höhe, dehnte die Glieder und kam endlich zur Besinnung, ja fand sich

jetzt erst selber wieder, als hätte er sich aus einem geprügelten Hund

in einen Menschen zurückverwandelt, der die Prügel nicht als

körperlichen Schmerz, sondern als tiefe Beschämung weiter zu verspüren

verdammt war. Warum, fragte er sich, bin ich nicht zu dem Fenster hin,

solang es noch offen stand? Und über die Brüstung hinein zu ihr? - Hätte

sie Widerstand leisten können - dürfen - die Heuchlerin, die Lügnerin,

die Dirne? Und er beschimpfte sie immer weiter, als hätte er ein Recht

dazu, als hätte sie ihm Treue gelobt wie einem Geliebten und ihn

betrogen. Er schwor sich zu, sie zur Rede zu stellen von Angesicht zu

Angesicht, ihr ins Antlitz zu schleudern, vor Olivo, vor Amalia, vor dem

Marchese, dem Abbate, vor der Magd und den Knechten, daß sie eine

lüsterne kleine Hure war und nichts anderes. Wie zur Übung, in aller

Ausführlichkeit erzählte er sich selber vor, was er eben mit angesehen,

und machte sich das Vergnügen, allerlei dazu zu erfinden, um sie noch

tiefer zu erniedrigen; daß sie nackt am Fenster gestanden, daß sie im

Spiel der Morgenwinde von ihrem Geliebten sich habe unzüchtig liebkosen

lassen. Nachdem er so seine Wut fürs erste zur Not beschwichtigt hatte,

dachte er nach, ob mit dem, was er nun wußte, nicht doch vielleicht was

Besseres anzufangen wäre. Hatte er sie jetzt nicht in seiner Gewalt?

Konnte er nun die Gunst, die sie ihm gutwillig nicht gewährt hätte,

nicht durch Drohungen von ihr erzwingen? Aber dieser schmähliche Plan

sank sofort wieder in sich zusammen, nicht so sehr weil Casanova dessen

Schmählichkeit, als weil er dessen Zweck- und Sinnlosigkeit gerade in

diesem Fall erkennen mußte. Was konnten seine Drohungen Marcolina

kümmern, die niemandem Rechenschaft schuldig, die am Ende auch, wenn's

ihr darauf ankam, verschlagen genug war, ihn als einen Verleumder und

Erpresser von ihrer Schwelle zu jagen? Und selbst wenn sie aus

irgendeinem Grunde das Geheimnis ihrer Liebschaft mit Lorenzi durch ihre

Preisgabe zu erkaufen bereit war (er wußte freilich, daß er etwas erwog,

das außer dem Bereich aller Möglichkeiten lag), mußte ein so erzwungener

Genuß für ihn, der, wenn er liebte, tausendmal heißer danach verlangte

Glück zu geben, als Glück zu empfangen, sich nicht in eine unnennbare

Qual verwandeln, - die ihn zum Wahnsinn und in Selbstvernichtung trieb?

Er fand sich plötzlich an der Gartentür. Sie war versperrt. Lorenzi

hatte also einen Nachschlüssel. Und wer - fiel ihm nun ein - war denn

durch die Nacht auf trabendem Roß davongesprengt, nachdem Lorenzi sich

vom Spieltisch erhoben? Ein bestellter Knecht offenbar. - Unwillkürlich

mußte Casanova beifällig lächeln ... Sie waren einander würdig,

Marcolina und Lorenzi, die Philosophin und der Offizier. Und ihnen

beiden stand noch eine herrliche Laufbahn bevor. Wer wird Marcolinens

nächster Liebhaber sein? fragte er sich. Der Professor in Bologna, in

dessen Hause sie wohnt? O, ich Narr. Der war's ja längst ... Wer noch?

Olivo? Der Abbate? Warum nicht?! Oder der junge Knecht, der gestern

glotzend am Tore stand, als wir angefahren kamen? Alle! Ich weiß es.

Aber Lorenzi weiß es nicht. Das hab' ich vor ihm voraus. - Zwar war er

im Innersten überzeugt, daß Lorenzi nicht nur Marcolinens erster

Liebhaber, sondern er vermutete sogar, daß es heute die erste Nacht war,

die sie ihm geschenkt hatte; doch das hielt ihn nicht ab, seine

boshaft-lüsternen Gedankenspiele weiterzutreiben, während er den Garten

längs der Mauer umkreiste. So stand er denn wieder vor der Saaltür, die

er offen gelassen, und sah ein, daß ihm vorläufig nichts andres zu tun

übrigblieb, als ungesehen und ungehört sich zurück ins Turmgemach zu

begeben. Mit aller Vorsicht schlich er hinauf und ließ sich oben auf den

Lehnstuhl sinken, auf dem er schon früher gesessen; vor den Tisch hin,

auf dem die losen Blätter des Manuskriptes seiner Wiederkehr nur zu

warten schienen. Unwillkürlich fiel sein Auge auf den Satz, den er

vorhin in der Mitte abgebrochen hatte; und er las: »Voltaire wird

unsterblich sein, gewiß; aber er wird diese Unsterblichkeit erkauft

haben mit seinem unsterblichen Teil; - der Witz hat sein Herz

aufgezehrt, wie der Zweifel seine Seele, und also -« In diesem

Augenblick brach die Morgensonne rötlich flutend herein, so daß das

Blatt, das er in Händen hielt, zu erglühen anfing, und wie besiegt ließ

er es auf den Tisch zu den andern sinken. Er fühlte plötzlich die

Trockenheit seiner Lippen, schenkte sich ein Glas Wasser ein aus einer

Flasche, die auf dem Tisch stand; es schmeckte lau und süßlich.

Angewidert wandte er den Kopf nach der Seite; von der Wand, aus dem

Spiegel über der Kommode, starrte ihm ein bleiches altes Gesicht

entgegen mit wirrem, über die Stirn fließendem Haar. In

selbstquälerischer Lust ließ er seine Mundwinkel noch schlaffer

herabsinken, als gälte es eine abgeschmackte Rolle auf dem Theater

durchzuführen, fuhr sich ins Haar, daß die Strähne noch ungeordneter

fielen, streckte seinem Spiegelbild die Zunge heraus, krächzte mit

absichtlich heiserer Stimme eine Reihe alberner Schimpfworte gegen sich

selbst und blies endlich, wie ein ungezogenes Kind, die Blätter seines

Manuskriptes vom Tisch herunter. Dann begann er von neuem Marcolina zu

beschimpfen, und nachdem er sie mit den unflätigsten Worten bedacht,

zischte er zwischen den Zähnen: Denkst du, die Freude währt lang? Du

wirst fett und runzlig und alt werden wie die andern Weiber, die mit dir

zugleich jung gewesen sind, - ein altes Weib mit schlaffen Brüsten, mit

trocknem grauen Haar, zahnlos und von üblem Duft ... und endlich wirst

du sterben! Auch jung kannst du sterben! Und wirst verwesen! Und Speise

sein für Würmer. - Um eine letzte Rache an ihr zu nehmen, versuchte er

sich sie als Tote vorzustellen. Er sah sie weiß gekleidet im offenen

Sarge liegen, doch war er unfähig, irgendwelche Zeichen der Zerstörung

an ihr zu denken; sondern ihre wahrhaft überirdische Schönheit brachte

ihn in neue Raserei. Vor seinen geschlossenen Augen wurde der Sarg zum

Brautbett; Marcolina lag lächelnd da mit blinzelnden Lidern, und mit

ihren schmalen bleichen Händen, wie zum Hohn, über ihren zarten Brüsten

zerriß sie das weiße Gewand. Doch wie er seine Arme nach ihr

ausstreckte, sich auf sie stürzen, sie umfangen wollte, zerfloß die

Erscheinung in nichts. - Es klopfte an die Tür; er fuhr aus dumpfem

Schlaf empor, Olivo stand vor ihm. »Wie, schon am Schreibtisch?« - »Es

ist meine Gewohnheit,« erwiderte Casanova sofort gefaßt, »der Arbeit die

ersten Morgenstunden zu widmen. Wie spät mag es sein?« - »Acht Uhr,«

erwiderte Olivo, »das Frühstück steht im Garten bereit; sobald Sie

befehlen, Chevalier, wollen wir unsere Fahrt nach dem Kloster antreten.

Doch ich sehe, der Wind hat Ihnen die Blätter verstreut!« Und er machte

sich daran, die Papiere vom Fußboden aufzulesen. Casanova ließ es

geschehen, denn er war ans Fenster getreten und erblickte, um den

Frühstückstisch gereiht, den man auf die Wiese in den Schatten des

Hauses gestellt hatte, alle weiß gekleidet, Amalia, Marcolina und die

drei kleinen Mädchen. Sie riefen ihm einen Morgengruß zu. Er sah nur

Marcolina, sie lächelte freundlich zu ihm auf mit hellen Augen, hielt

einen Teller mit frühgereiften Trauben auf dem Schoß und steckte eine

Beere nach der andern in den Mund. Alle Verachtung, aller Zorn, aller

Haß schmolz in Casanovas Herzen dahin; er wußte nur mehr, daß er sie

liebte. Wie trunken von ihrem Anblick zog er sich wieder ins Zimmer

zurück, wo Olivo noch immer auf dem Fußboden kniend die verstreuten

Blätter unter Tisch und Kommode hervorsuchte, verbat sich dessen weitere

Bemühungen und wünschte allein gelassen zu werden, um sich für die

Spazierfahrt fertigzumachen. »Es eilt nicht,« sagte Olivo und streifte

den Staub von seinen Beinkleidern, »wir sind zum Mittagessen bequem

zurück. Übrigens hat der Marchese bitten lassen, daß wir mit dem Spiel

heute schon in früher Nachmittagsstunde beginnen; offenbar liegt ihm

daran, vor Sonnenuntergang zu Hause zu sein.« »Mir ist es ziemlich

gleichgültig, wann das Spiel beginnt,« sagte Casanova, während er seine

Blätter in die Mappe ordnete; »ich werde mich keineswegs daran

beteiligen.« »Sie werden,« erklärte Olivo mit einer Entschiedenheit, die

sonst nicht seine Art war, und legte eine Rolle von Goldstücken auf den

Tisch. »Meine Schuld, Chevalier, spät, doch aus dankerfülltem Herzen.«

Casanova wehrte ab. »Sie müssen,« beteuerte Olivo, »wenn Sie mich nicht

aufs tiefste beleidigen wollen; überdies hat Amalia heute nacht einen

Traum gehabt, der Sie veranlassen wird - doch den soll sie Ihnen selbst

erzählen.« Und er verschwand eiligst. Casanova zählte immerhin die

Goldstücke; es waren hundertfünfzig, genau die Summe, die er vor

fünfzehn Jahren dem Bräutigam oder der Braut oder ihrer Mutter - er

wußte es selbst nicht mehr recht - zum Geschenk gemacht hatte. Das

Vernünftigste wäre, sagte er zu sich, ich steckte das Geld ein, nähme

Abschied und verließe das Haus, womöglich ohne Marcolina noch einmal zu

sehen. Doch hab' ich je das Vernünftige getan? - Und ob nicht indes eine

Nachricht aus Venedig gekommen ist?... Zwar hat meine vortreffliche

Wirtin versprochen, sie mir unverzüglich nachzusenden ...

Die Magd hatte indes einen großen irdenen Krug mit quellkaltem Wasser

heraufgebracht, und Casanova wusch sich den ganzen Leib, was ihn sehr

erfrischte; dann legte er sein besseres, eine Art von Staatsgewand an,

wie er es schon gestern abend getan hätte, wenn er nur Zeit gefunden,

die Kleidung zu wechseln; doch war er's nun ganz zufrieden, daß er heute

in vornehmerer Tracht als am vergangenen Tag, ja gewissermaßen in einer

neuen Gestalt vor Marcolina erscheinen durfte.

In einem Rock von grauer Glanzseide mit Stickereien und breiten

spanischen Silberspitzen, in gelber Weste und kirschroten seidenen

Beinkleidern, in edler, dabei nicht geradezu stolzer Haltung, mit einem

zwar überlegenen aber liebenswürdigen Lächeln um die Lippen, und das

Auge wie im Feuer unverlöschlicher Jugend strahlend, so trat er in den

Garten, wo er zu seiner Enttäuschung vorerst nur Olivo vorfand, der ihn

einlud, neben ihm am Tische Platz und mit dem bescheidenen Frühmahl

vorliebzunehmen. Casanova erlabte sich an Milch, Butter, Eiern, Weißbrot

und dann noch an Pfirsichen und Trauben, die ihm köstlicher dünkten als

irgendwelche, die er jemals genossen. Die drei Mädchen kamen über den

Rasen herbeigelaufen, Casanova küßte sie alle, und der Dreizehnjährigen

erwies er kleine Liebkosungen in der Art, wie sie sich gestern solche

auch vom Abbate hatte gefallen lassen; doch die Funken, die in ihren

Augen aufglimmten, waren, wie Casanova wohl erkannte, von einer andern

Lust als der an einem kindisch-harmlosen Spiel entzündet. Olivo hatte

seine Freude daran, wie gut der Chevalier mit den Kindern umzugehen

verstünde. »Und Sie wollen uns wirklich schon morgen wieder verlassen?«

fragte er schüchtern-zärtlich. - »Heute abend,« sagte Casanova, aber mit

einem scherzhaften Blinzeln. »Sie wissen ja, mein bester Olivo, die

Senatoren von Venedig -« »Haben es nicht um Sie verdient,« unterbrach

ihn Olivo lebhaft. »Lassen Sie sie warten. Bleiben Sie bei uns bis

übermorgen, nein, eine Woche lang.« Casanova schüttelte langsam den

Kopf, während er die kleine Teresina bei den Händen gefaßt und zwischen

seinen Knien wie gefangen hielt. Sie entwand sich ihm sanft mit einem

Lächeln, das nun gar nichts Kindliches mehr hatte, als Amalia und

Marcolina aus dem Hause traten, jene mit einem schwarzen, diese mit

einem weißen Schaltuch über den hellen Gewändern. Olivo forderte sie

beide auf, ihre Bitten mit der seinigen zu vereinen. »Es ist unmöglich,«

sagte Casanova mit einer übertriebenen Härte in Stimme und Ausdruck, da

weder Amalia noch Marcolina ein Wort fanden, Olivos Einladung zu

unterstützen.

Casanovas Heimfahrt · 第 4 / 9 段