Olivo stellte Casanova und Lorenzi einander vor. Die beiden maßen sich

mit einem kurzen kalten Blick, in dem sie sich gegenseitig ihrer

Abneigung zu versichern schienen, dann lächelten sie beide flüchtig und

verneigten sich, ohne einander die Hände zu reichen, da jeder zu diesem

Zweck dem andern hätte einen Schritt entgegentreten müssen. Lorenzi war

schön, von schmalem Antlitz und in Anbetracht seiner Jugend auffallend

scharfen Zügen; im Hintergrund seiner Augen schillerte irgend etwas

Unfaßbares, das den Erfahrenen zur Vorsicht mahnen mußte. Nur eine

Sekunde lang überlegte Casanova, an wen ihn Lorenzi erinnerte. Dann

wußte er, daß es sein eigenes Bild war, das ihm, um dreißig Jahre

verjüngt, hier entgegentrat. Bin ich etwa in seiner Gestalt

wiedergekehrt? fragte er sich. Da müßte ich doch vorher gestorben sein

... Und es durchbebte ihn: Bin ich's denn nicht seit lange? Was ist denn

noch an mir von dem Casanova, der jung, schön und glücklich war?

Er hörte Amaliens Stimme. Sie fragte ihn, wie aus der Ferne, obzwar sie

neben ihm stand, wie ihm der Spaziergang behagt habe, worauf er sich

laut, so daß es alle hören konnten, mit höchster Anerkennung über den

fruchtbaren wohlgepflegten Besitz aussprach, den er mit Olivo

durchwandert hatte. Indes deckte die Magd auf der Wiese einen länglichen

Tisch, die zwei älteren Töchter Olivos waren ihr dabei behilflich, indem

sie aus dem Hause Geschirr, Gläser und was sonst nötig war, mit viel

Gekicher und Getu herbeischafften. Mählich brach die Dämmerung ein; ein

leise kühlender Wind strich durch den Garten. Marcolina eilte an den

Tisch, um zu vollenden, was die Kinder im Verein mit der Magd begonnen,

und zu verbessern, was sie verfehlt hatten. Die übrigen ergingen sich

zwanglos auf der Wiese und in den Alleen. Die Marchesa erwies Casanova

viele Höflichkeit, auch wünschte sie von ihm die berühmte Geschichte

seiner Flucht aus den Bleikammern von Venedig zu vernehmen, wenngleich

ihr keineswegs unbekannt sei - wie sie mit vieldeutigem Lächeln

hinzufügte -, daß er weit gefährlichere Abenteuer bestanden, die zu

erzählen freilich bedenklicher sein möchte. Casanova erwiderte: wenn er

auch mancherlei ernste und heitere Beschwernis mitgemacht - gerade

dasjenige Leben, dessen Sinn und eigentliches Wesen die Gefahr bedeute,

habe er niemals so recht kennengelernt; denn wenn er auch ein paar

Monate lang in unruhigen Zeiten Soldat gewesen, vor vielen Jahren, auf

der Insel Korfu, - gab es denn einen Beruf auf Erden, in den ihn das

Schicksal nicht verschlagen?! - er habe nie das Glück gehabt, einen

wirklichen Feldzug mitzumachen, wie das nun dem Herrn Leutnant Lorenzi

bevorstünde, und worum er ihn fast beneiden möchte. - »Da wissen Sie

mehr als ich, Herr Casanova,« sagte Lorenzi mit einer hellen und frechen

Stimme - »und sogar mehr als mein Oberst, denn ich habe eben

Verlängerung meines Urlaubs auf unbestimmte Zeit erhalten.« -

»Wahrhaftig!« rief der Marchese mit unbeherrschtem Grimme, und höhnisch

setzte er hinzu: »Und denken Sie nur, Lorenzi, wir - meine Gattin

vielmehr, hatte schon so sicher auf Ihre Abreise gerechnet, daß sie für

Anfang nächster Woche einen unsrer Freunde, den Sänger Baldi, auf unser

Schloß einlud.« - »Das trifft sich gut,« entgegnete Lorenzi unbeirrt,

»Baldi und ich sind gute Freunde, wir werden uns vertragen. Nicht wahr?«

wandte er sich an die Marchesa und ließ seine Zähne blitzen. - »Ich

würde es Ihnen beiden raten,« meinte die Marchesa mit einem heitern

Lächeln.

Mit diesen Worten nahm sie als erste am Tische Platz; ihr zur Seite

Olivo, an ihrer andern Lorenzi. Ihnen gegenüber saß Amalia zwischen dem

Marchese und Casanova; neben diesem an einem schmalen Tischende

Marcolina; am andern, neben Olivo, der Abbate. Es war wie mittags ein

einfaches und dabei höchst schmackhaftes Mahl. Die zwei älteren Töchter

des Hauses, Teresina und Nanetta, reichten die Schüsseln und schenkten

von dem trefflichen Wein, der auf Olivos Hügeln wuchs; und sowohl der

Marchese wie der Abbate dankten den Mädchen mit scherzhaft derben

Liebkosungen, die ein gestrengerer Vater als Olivo sich vielleicht

verbeten hätte. Amalia schien nichts zu bemerken; sie war blaß, blickte

trüb und sah aus wie eine Frau, die entschlossen ist, alt zu werden,

weil das Jungsein jeden Sinn für sie verloren hat. Ist dies nun meine

ganze Macht? dachte Casanova bitter, sie von der Seite betrachtend. Doch

vielleicht war es die Beleuchtung, die Amaliens Züge so traurig

veränderte. Es fiel nämlich nur ein breiter Strahl von Licht aus dem

Innern des Hauses auf die Gäste; im übrigen ließ man sich's am

Dämmerschein des Himmels genügen. In scharfen schwarzen Linien schlossen

die Baumwipfel alle Aussicht ab, und Casanova fühlte sich an irgendeinen

geheimnisvollen Garten erinnert, in dem er vor vielen Jahren

nächtlicherweile eine Geliebte erwartet hatte. »Murano,« flüsterte er

vor sich hin und erbebte; dann sprach er laut: »Es gibt einen Garten auf

einer Insel nahe von Venedig, einen Klostergarten, den ich vor etlichen

Jahrzehnten zum letztenmal betreten habe; - in dem duftete es nachts

gerade so, wie heute hier.« - »Sie sind wohl auch einmal Mönch gewesen?«

fragte die Marchesa scherzend. - »Beinahe,« erwiderte Casanova lächelnd

und erzählte wahrheitsgemäß, daß ihm als einem fünfzehnjährigen Knaben

der Patriarch von Venedig die niederen Weihen verliehen, daß er aber

schon als Jüngling vorgezogen habe, das geistliche Gewand wieder

abzulegen. Der Abbate tat eines nahegelegenen Frauenklosters Erwähnung,

zu dessen Besuch er Casanova dringend rate, falls er es noch nicht

kennen sollte. Olivo stimmte lebhaft zu; er rühmte den düstern alten

Bau, die anmutige Gegend, in der er gelegen war, den abwechslungsreichen

Weg dahin. Übrigens, fuhr der Abbate fort, habe die Äbtissin, Schwester

Seraphina, - eine höchst gelehrte Frau, Herzogin von Geburt - in einem

Brief an ihn den Wunsch geäußert (schriftlich darum, weil in jenem

Kloster das Gelübde ewigen Schweigens herrsche), Marcolina, von deren

Gelehrsamkeit sie erfahren, von Angesicht zu Angesicht kennenzulernen. -

»Ich hoffe, Marcolina,« sagte Lorenzi, und es war das erstemal, daß er

das Wort geradaus an sie richtete, »Sie werden sich nicht dazu verführen

lassen, der Herzogin-Äbtissin in jeder Beziehung nachzueifern.« - »Warum

sollt' ich auch?« erwiderte Marcolina heiter; »man kann seine Freiheit

auch ohne Gelübde bewahren - und besser, denn Gelübde ist Zwang.«

Casanova saß neben ihr. Er wagte es nicht einmal, leise ihren Fuß zu

berühren, oder sein Knie an das ihre zu drängen: noch ein drittes Mal

jenen Ausdruck des Grauens, des Ekels in ihrem Blick gewahren zu müssen

- des war er gewiß - hätte ihn unfehlbar zu einer Tat des Wahnsinns

getrieben. Während mit dem Fortschreiten des Mahls und der steigenden

Zahl der geleerten Gläser die Unterhaltung lebhafter und allgemeiner

wurde, hörte Casanova, wieder wie von fern, Amaliens Stimme. »Ich habe

mit Marcolina gesprochen.« - »Du hast mit ihr -« - Eine tolle Hoffnung

flammte in ihm auf. »Stille, Casanova. Von dir war nicht die Rede, nur

von ihr und ihren Zukunftsplänen. Und ich sage es dir noch einmal:

Niemals wird sie irgendeinem Manne angehören.« - Olivo, der dem Weine

stark zugesprochen hatte, erhob sich unerwarteterweise, und, das Glas in

der Hand, sprach er ein paar unbeholfene Worte über die hohe Ehre, die

seinem armen Hause durch den Besuch seines teuern Freundes, des

Chevalier von Seingalt, geworden sei.

»Wo ist der Chevalier von Seingalt, mein lieber Olivo, von dem Sie da

reden?« fragte Lorenzi mit seiner hellen, frechen Stimme. Casanovas

erste Regung war es, dem Unverschämten sein gefülltes Glas an den Kopf

zu schleudern; Amalia aber berührte leicht seinen Arm und sagte: »Viele

Leute, Herr Chevalier, kennen Sie bis heute nur unter Ihrem älteren und

berühmteren Namen Casanova.«

»Ich wußte nicht,« sagte Lorenzi mit beleidigendem Ernst, »daß der König

von Frankreich Herrn Casanova den Adel verliehen hat.«

»Ich konnte dem König diese Mühe ersparen,« erwiderte Casanova ruhig,

»und hoffe, daß Sie, Leutnant Lorenzi, sich mit einer Erklärung

zufrieden geben werden, gegen die der Bürgermeister von Nürnberg nichts

einzuwenden hatte, dem ich sie bei einer im übrigen gleichgültigen

Gelegenheit vorzutragen die Ehre hatte.« Und da die andern in Spannung

schwiegen -: »Das Alphabet ist bekanntlich allgemeines Gut. Ich habe mir

eine Anzahl Buchstaben ausgesucht, die mir gefallen, und mich zum

Edelmann gemacht, ohne einem Fürsten verpflichtet zu sein, der meine

Ansprüche zu würdigen kaum imstande gewesen wäre. Ich bin Casanova

Chevalier von Seingalt. Es täte mir leid um Ihretwillen, Leutnant

Lorenzi, wenn dieser Name Ihren Beifall nicht finden sollte.« -

»Seingalt - ein vortrefflicher Name,« sagte der Abbate und wiederholte

ihn ein paarmal, als schmeckte er ihn mit den Lippen nach. - »Und es

gibt niemanden auf der Welt,« rief Olivo aus, »der sich mit höherem

Rechte Chevalier nennen dürfte als mein edler Freund Casanova!« - »Und

sobald Ihr Ruhm, Lorenzi,« fügte der Marchese hinzu, »so weit erschallen

sollte, als der des Herrn Casanova, Chevalier von Seingalt, werden wir

nicht zögern, wenn es Ihnen so beliebt, auch Sie Chevalier zu nennen.« -

Casanova, ärgerlich über den unerwünschten Beistand, der ihm von allen

Seiten wurde, war eben im Begriffe, sich ihn zu verbitten, um seine

Sache persönlich weiterzuführen, als aus dem Dunkel des Gartens zwei

eben noch anständig gekleidete, alte Herren an den Tisch traten. Olivo

begrüßte sie herzlich und geräuschvoll, sehr froh, damit einem Zwist,

der bedenklich zu werden und die Heiterkeit des Abends zu gefährden

drohte, die Spitze abzubrechen. Die Neuangekommenen waren die Brüder

Ricardi, Junggesellen, die, wie Casanova von Olivo erfuhr, früher in der

großen Welt gelebt, mit allerlei Unternehmungen wenig Glück gehabt und

sich endlich in das benachbarte Dorf, ihren Geburtsort, zurückgezogen,

wo sie in einem elenden Häuschen zur Miete wohnten. Sonderbare, aber

harmlose Leute. Die beiden Ricardi drückten ihr Entzücken aus, die

Bekanntschaft des Chevaliers zu erneuern, mit dem sie in Paris vor

Jahren zusammengetroffen waren. Casanova erinnerte sich nicht. Oder war

es in Madrid?... »Das wäre möglich,« sagte Casanova, aber er wußte, daß

er die beiden niemals gesehen hatte. Nur der eine, offenbar jüngere von

ihnen, führte das Wort, der andre, der wie ein Neunzigjähriger aussah,

begleitete die Reden seines Bruders mit unaufhörlichem Kopfnicken und

einem verlorenen Grinsen.

Man hatte sich von Tisch erhoben. Die Kinder waren schon früher

verschwunden. Lorenzi und die Marchesa spazierten im Dämmer über die

Wiese hin, Marcolina und Amalia wurden bald im Saale sichtbar, wo sie

Vorbereitungen für das Spiel zu treffen schienen. Was hat das alles zu

bedeuten? fragte sich Casanova, der allein im Garten stand. Halten sie

mich für reich? Wollen sie mich rupfen? Denn alle diese Anstalten, auch

die Zuvorkommenheit des Marchese, die Beflissenheit des Abbate sogar,

das Erscheinen der Brüder Ricardi, kamen ihm irgendwie verdächtig vor;

konnte nicht auch Lorenzi in die Intrige verwickelt sein? Oder

Marcolina? Oder gar Amalia? Ist das Ganze, dachte er flüchtig, ein

Streich meiner Feinde, um mir die Rückkehr nach Venedig zu erschweren, -

im letzten Augenblick unmöglich zu machen? Aber sofort mußte er sich

sagen, daß dieser Einfall völlig unsinnig war, vor allem schon darum,

weil er ja nicht einmal mehr Feinde hatte. Er war ein ungefährlicher,

herabgekommener alter Tropf; wen konnte seine Rückkehr nach Venedig

überhaupt kümmern? Und als er durch die offenen Fenster des Hauses die

Herren sich geschäftig um den Tisch reihen sah, auf dem die Karten

bereit lagen und gefüllte Weingläser standen, wurde ihm über jeden

Zweifel klar, daß hier nichts anderes geplant war als ein

gewohnheitsmäßig harmloses Spiel, bei dem ein neuer Partner immerhin

willkommen sein mochte. Marcolina streifte an ihm vorüber und wünschte

ihm Glück. »Sie bleiben nicht? Schauen dem Spiel nicht wenigstens zu?« -

»Was soll ich dabei? Gute Nacht, Chevalier von Seingalt - und auf

morgen!«

Stimmen klangen ins Freie. »Lorenzi« rief es - »Herr Chevalier.« - »Wir

warten.« Casanova, im Schatten des Hauses, konnte sehen, wie die

Marchesa Lorenzi von der Wiese gegen das Dunkel der Bäume hinzuziehen

suchte. Dort drängte sie sich heftig an ihn, Lorenzi aber riß sich

ungebärdig von ihr los und eilte dem Hause zu. Er traf am Eingang mit

Casanova zusammen und, mit einer Art von spöttischer Höflichkeit, ließ

er ihm den Vortritt, was Casanova ohne Dank annahm.

Der Marchese legte die erste Bank. Olivo, die Brüder Ricardi und der

Abbate setzten so geringe Münzen ein, daß das ganze Spiel auf Casanova -

auch heute, da sein ganzes Vermögen nur in ein paar Dukaten bestand -

wie ein Spaß wirkte. Es erschien ihm um so lächerlicher, als der

Marchese mit einer so großartigen Miene das Geld einstrich und

auszahlte, als wenn es um hohe Summen ginge. Plötzlich warf Lorenzi, der

sich bisher nicht beteiligt hatte, einen Dukaten hin, gewann, ließ den

so verdoppelten Einsatz stehen, gewann ein zweites und drittes Mal und

so mit geringen Unterbrechungen immer weiter. Die andern Herren setzten

indes ihre kleinen Münzen wie zuvor, und insbesondere die beiden Ricardi

zeigten sich höchst ungehalten, wenn der Marchese sie nicht mit der

gleichen Rücksichtnahme zu behandeln schien, wie den Leutnant Lorenzi.

Die Brüder spielten gemeinsam auf das gleiche Blatt; dem einen, älteren,

der die Karten empfing, perlte der Schweiß von der Stirn, der andere,

hinter ihm stehend, redete unablässig auf ihn ein wie mit

wichtig-unfehlbaren Ratschlägen. Wenn er den schweigsamen Bruder

einziehen sah, leuchteten seine Augen, im andern Falle richteten sie

sich verzweifelt gen Himmel. Der Abbate, sonst ziemlich teilnahmlos, gab

zuweilen spruchähnliche Sätze zum besten - wie »Das Glück und die Frauen

zwingst du nicht« - oder »Die Erde ist rund, der Himmel weit« -

manchmal blickte er auch pfiffig ermutigend Casanova und gleich darauf

die diesem gegenüber, ihrem Gatten zur Seite sitzende Amalia an, als

läge ihm daran, die beiden alten Liebesleute neu miteinander zu

verkuppeln. Casanova aber dachte an nichts anderes, als daß Marcolina

sich jetzt in ihrem Zimmer langsam entkleidete, und daß, wenn das

Fenster offen stand, ihre weiße Haut in die Nacht hinausschimmerte. Von

einer Begier erfaßt, die ihm die Sinne verstörte, wollte er sich von

seinem Platz neben dem Marchese erheben und den Raum verlassen; der

Marchese aber nahm diese Bewegung als einen Entschluß, sich am Spiel zu

beteiligen und sagte: »Nun endlich - wir wußten ja, daß Sie nicht

Zuschauer bleiben würden, Chevalier.« Er legte eine Karte vor ihn hin,

Casanova setzte alles, was er bei sich trug - und dies war so ziemlich

alles, was er besaß - zehn Dukaten etwa, er zählte sie nicht, ließ sie

aus seiner Börse auf den Tisch gleiten und wünschte, sie auf einen Satz

zu verlieren: dies sollte dann ein Zeichen sein, ein glückverheißendes

Zeichen - er wußte nicht recht wofür, ob für seine baldige Heimfahrt

nach Venedig oder den ihm bevorstehenden Anblick der entkleideten

Marcolina; - doch ehe er sich entschieden, hatte der Marchese das Spiel

gegen ihn bereits verloren. Auch Casanova ließ, wie Lorenzi es getan,

den verdoppelten Einsatz stehen, und auch ihm blieb das Glück treu wie

dem Leutnant. Um die übrigen kümmerte sich der Marchese nicht mehr, der

schweigsame Ricardi stand beleidigt auf, der andre rang die Hände - dann

standen sie zusammen in einer Ecke des Saales wie vernichtet. Der Abbate

und Olivo fanden sich leichter ab; der erste aß Süßigkeiten und

wiederholte seine Sprüchlein, der andre schaute dem Fall der Karten in

Erregung zu. Endlich hatte der Marchese fünfhundert Dukaten verloren, in

die sich Casanova und Lorenzi teilten. Die Marchesa erhob sich und gab

dem Leutnant einen Wink mit den Augen, ehe sie den Saal verließ, Amalia

geleitete sie. Die Marchesa wiegte sich in den Hüften, was Casanova

anwiderte; Amalia schlich an ihrer Seite wie ein demütiges ältliches

Weib. Da der Marchese sein ganzes Bargeld verloren hatte, übernahm

Casanova die Bank, er bestand, zum Mißvergnügen des Marchese darauf, daß

die andern wieder am Spiele teilnähmen. Sofort waren die Brüder Ricardi

zur Stelle, gierig und erregt; der Abbate schüttelte den Kopf, er hatte

genug, und Olivo spielte nur mit, um sich dem Wunsch seines edlen Gastes

nicht zu versagen. Lorenzi hatte weiter Glück; als er im ganzen die

Summe von vierhundert Dukaten gewonnen, stand er auf und sagte: »Morgen

bin ich gern bereit, Revanche zu geben. Jetzt bitte ich um die

Erlaubnis, nach Hause reiten zu dürfen.« - »Nach Hause,« rief der

Marchese hohnlachend, der übrigens ein paar Dukaten zurückgewonnen

hatte, »das ist nicht übel! Der Leutnant wohnt nämlich bei mir!« wandte

er sich zu den andern. »Und meine Gattin ist voraus nach Hause gefahren.

Gute Unterhaltung, Lorenzi!« - »Sie wissen sehr gut,« erwiderte Lorenzi,

ohne eine Miene zu verziehen, »daß ich geradeswegs nach Mantua reite und

nicht nach Ihrem Schloß, wo Sie so gütig waren, mir gestern Unterkunft

zu gewähren.« - »Reiten Sie, wohin Sie wollen, zum Teufel meinetwegen!«

- Lorenzi empfahl sich von den andern aufs höflichste und ging, ohne dem

Marchese eine gebührende Antwort zu erteilen, was Casanova in

Verwunderung setzte. Er legte weiter die Karten auf und gewann, so daß

der Marchese bald mit ein paar hundert Dukaten in seiner Schuld stand.

Wozu? fragte sich Casanova anfangs. Allmählich aber nahm ihn der Reiz

des Spiels doch wieder gefangen. Es geht nicht übel, dachte er ... Nun

sind es bald tausend ... es können auch zweitausend werden. Der Marchese

wird seine Schuld bezahlen. Mit einem kleinen Vermögen in Venedig Einzug

halten, das wäre so übel nicht. Doch warum nach Venedig? Man wird wieder

reich, man wird wieder jung. Reichtum ist alles. Nun werd' ich sie mir

doch wenigstens wieder kaufen können. Wen? Ich will keine andere ...

Nackt steht sie am Fenster - ganz gewiß ... wartet am Ende ... ahnt, daß

ich kommen werde ... Steht am Fenster, um mich toll zu machen. Und ich

bin da. - Indes teilte er weiter die Karten aus, mit unbeweglicher

Miene, nicht nur an den Marchese, auch an Olivo und die Brüder Ricardi,

denen er zuweilen ein Goldstück hinschob, auf das sie keinen Anspruch

hatten. Sie ließen sich's gefallen. Aus der Nacht drang ein Geräusch,

wie die Hufschläge eines über die Straße trabenden Rosses. Lorenzi,

dachte Casanova ... Von der Gartenmauer schallte es wie im Echo wieder,

dann verklang allmählich Hall und Widerhall. Nun aber wandte sich das

Glück gegen Casanova. Der Marchese setzte hoch, immer höher; und um

Mitternacht fand sich Casanova so arm wie er gewesen, ärmer noch; er

hatte auch seine eigenen paar Goldstücke verloren. Er schob die Karten

von sich weg, erhob sich lächelnd. »Ich danke, meine Herren.«

Olivo breitete die Arme nach ihm aus. »Mein Freund, wir wollen weiter

spielen ... Hundertfünfzig Dukaten, - haben Sie denn vergessen, - nein,

nicht hundertfünfzig! Alles, was ich habe, was ich bin - alles - alles!«

Er lallte; denn er hatte während des ganzen Abends zu trinken nicht

aufgehört. Casanova wehrte mit einer übertrieben vornehmen Handbewegung

ab. »Die Frauen und das Glück zwingt man nicht,« sagte er mit einer

Verneigung gegen den Abbate hin. Dieser nickte befriedigt und klatschte

in die Hände. »Auf morgen also, mein verehrter Chevalier,« sagte der

Marchese, »wir werden gemeinsam dem Leutnant Lorenzi das Geld wieder

abnehmen.«

Die Ricardi bestanden darauf, daß weitergespielt würde. Der Marchese,

sehr aufgeräumt, gab ihnen eine Bank. Sie rückten mit den Goldstücken

heraus, die Casanova sie hatte gewinnen lassen. In zwei Minuten hatte

der Marchese sie ihnen abgenommen und lehnte es entschieden ab, mit

ihnen weiterzuspielen, wenn sie nicht Bargeld vorzuweisen hätten. Sie

rangen die Hände. Der ältere begann zu weinen wie ein Kind. Der andere

küßte ihn wie zur Beruhigung auf beide Wangen. Der Marchese fragte, ob

sein Wagen schon wieder zurückgekommen sei. Der Abbate bejahte; er hatte

ihn vor einer halben Stunde vorfahren gehört. Der Marchese lud den

Abbate und die Brüder Ricardi in seinen Wagen ein; er wollte sie vor

ihren Wohnhäusern absetzen; - und alle verließen das Haus.

Als die andern fort waren, nahm Olivo Casanovas Arm und versicherte ihn

immer wieder, mit Tränen in der Stimme, daß alles in diesem Hause ihm,

Casanova, gehöre und daß er damit schalten möge, wie es ihm beliebe. Sie

kamen an Marcolinens Fenster vorbei. Es war nicht nur verschlossen,

auch ein Gitter war vorgeschoben, und innen senkte sich ein Vorhang

herab. Es gab Zeiten, dachte Casanova, wo all das nichts nützte oder wo

es nichts zu bedeuten hatte. Sie traten ins Haus. Olivo ließ es sich

nicht nehmen, den Gast über die etwas knarrende Treppe bis in das

Turmgemach zu begleiten, wo er ihn zum Abschied umarmte. »Also morgen,«

sagte er, »sollen Sie das Kloster zu sehen bekommen. Doch schlafen Sie

nur ruhig, wir brechen nicht in allzu früher Stunde auf und richten uns

jedenfalls völlig nach Ihrer Bequemlichkeit. Gute Nacht.« Er ging, die

Tür leise hinter sich schließend, aber seine Schritte dröhnten über die

Treppe durch das ganze Haus.

Casanovas Heimfahrt · 第 3 / 9 段