Haus, sie selber aber, wie um dem Gast eine Höflichkeit zu erweisen,
blieb vor ihm stehn, während Amalia, wie mit Absicht, sich entfernte.
Und nun war es Casanova in der Tat, als wehte es ihm von diesen blassen,
halb geöffneten Lippen, dieser glatten, von dunkelblondem, nun
aufgestecktem Haar umrahmten Stirn wie ein Hauch von Herbheit und
Keuschheit entgegen; - was er selten einer Frau, was er auch ihr
gegenüber früher im geschlossnen Raum nicht verspürt - eine Art von
Andacht, von Hingegebenheit ohne jedes Verlangen floß durch seine Seele.
Und mit Zurückhaltung, ja in einem Ton von Ehrerbietung, wie man sie
Höhergebornen gegenüber an den Tag zu legen liebt, und der ihr
schmeicheln mußte, stellte er die Frage an sie, ob sie die kommenden
Abendstunden wieder dem Studium zu widmen beabsichtige. Sie erwiderte,
daß sie auf dem Land überhaupt nicht regelmäßig zu arbeiten pflege, doch
könne sie's nicht hindern, daß gewisse mathematische Probleme, mit denen
sie sich eben beschäftige, ihr auch in den Ruhestunden nachgingen, wie
es ihr eben jetzt begegnet sei, während sie auf der Wiese gelegen war
und zum Himmel aufgesehn hatte. Doch als Casanova, durch ihre
Freundlichkeit ermutigt, sich scherzend erkundigte, was denn dies für
ein hohes und dabei so zudringliches Problem gewesen sei, entgegnete sie
etwas spöttisch, es habe keineswegs das allergeringste mit jener
berühmten Kabbala zu tun, in der der Chevalier von Seingalt, wie man
sich erzähle, Bedeutendes leiste, und so würde er kaum viel damit
anzufangen wissen. Es ärgerte ihn, daß sie von der Kabbala mit so
unverhohlener Ablehnung sprach, und obwohl ihm selbst, in den freilich
seltnen Stunden innerer Einkehr, bewußt war, daß jener eigentümlichen
Mystik der Zahlen, die man Kabbala nennt, keinerlei Sinn und keine
Berechtigung zukäme, daß sie in der Natur gewissermaßen gar nicht
vorhanden, nur von Gaunern und Spaßmachern - welche Rolle er
abwechselnd, aber immer mit Überlegenheit gespielt - zur Nasführung von
Leichtgläubigen und Toren benutzt würde, so versuchte er jetzt doch
gegen seine eigne bessre Überzeugung Marcolina gegenüber die Kabbala als
vollgültige und ernsthafte Wissenschaft zu verteidigen. Er sprach von
der göttlichen Natur der Siebenzahl, die sich so schon in der Heiligen
Schrift angedeutet fände, von der tiefsinnig-prophetischen Bedeutung der
Zahlenpyramiden, die er selbst nach einem neuen System aufzubauen
gelehrt hatte, und von dem häufigen Eintreffen seiner auf diesem System
beruhenden Voraussagen. Hatte er nicht erst vor wenigen Jahren in
Amsterdam den Bankier Hope durch den Aufbau einer solchen Zahlenpyramide
veranlaßt, die Versicherung eines schon verloren geglaubten
Handelsschiffes zu übernehmen und ihn dadurch zweimalhunderttausend
Goldgulden verdienen lassen? Noch immer war er so geschickt im Vortrag
seiner schwindelhaft geistreichen Theorien, daß er auch diesmal, wie es
ihm oft geschah, an all das Unsinnige zu glauben begann, das er vortrug,
und sogar mit der Behauptung zu schließen sich getraute, die Kabbala
stelle nicht so sehr einen Zweig als vielmehr die metaphysische
Vollendung der Mathematik vor. Marcolina, die ihm bisher sehr aufmerksam
und anscheinend ganz ernsthaft zugehört hatte, schaute nun plötzlich mit
einem halb bedauernden, halb spitzbübischen Blick zu ihm auf und sagte:
»Es liegt Ihnen daran, mein werter Herr Casanova« (sie schien ihn jetzt
mit Absicht nicht »Chevalier« zu nennen), »mir eine ausgesuchte Probe
von Ihrem weltbekannten Unterhaltungstalent zu geben, wofür ich Ihnen
aufrichtig dankbar bin. Aber Sie wissen natürlich so gut wie ich, daß
die Kabbala nicht nur nichts mit der Mathematik zu tun hat, sondern
geradezu eine Versündigung an ihrem eigentlichen Wesen bedeutet; und
sich zu ihr nicht anders verhält als das verworrene oder lügenhafte
Geschwätz der Sophisten zu den klaren und hohen Lehren des Plato und des
Aristoteles.« - »Immerhin,« erwiderte Casanova rasch, »werden Sie mir
zugeben müssen, schöne und gelehrte Marcolina, daß auch die Sophisten
keineswegs durchaus als so verächtliche und törichte Gesellen zu gelten
haben, wie man nach Ihrem allzu strengen Urteil annehmen müßte. So wird
man - um nur ein Beispiel aus der Gegenwart anzuführen - Herrn Voltaire
seiner ganzen Denk- und Schreibart nach gewiß als das Muster eines
Sophisten bezeichnen dürfen, und trotzdem wird es niemandem einfallen,
auch mir nicht, der ich mich als seinen entschiedenen Gegner bekenne,
ja, wie ich nicht leugnen will, eben damit beschäftigt bin, eine Schrift
gegen ihn zu verfassen, auch mir fällt es nicht ein, seiner
außerordentlichen Begabung die gebührende Anerkennung zu versagen. Und
ich bemerke gleich, daß ich mich nicht etwa durch die übertriebene
Zuvorkommenheit habe bestechen lassen, die mir Herr Voltaire bei
Gelegenheit meines Besuchs in Ferney vor zehn Jahren zu erweisen die
Güte hatte.« - Marcolina lächelte. »Das ist ja sehr hübsch von Ihnen,
Chevalier, daß Sie den größten Geist des Jahrhunderts so milde zu
beurteilen die Gewogenheit haben.« - »Ein großer Geist - der größte
gar?« rief Casanova aus. »Ihn so zu nennen, scheint mir schon deshalb
unstatthaft, weil er bei all seinem Genie ein gottloser Mensch, ja
geradezu ein Gottesleugner ist. Und ein Gottesleugner kann niemals ein
großer Geist sein.« »Meiner Ansicht nach, Herr Chevalier, bedeutet das
durchaus keinen Widerspruch. Aber Sie werden vor allem zu beweisen
haben, daß man Voltaire einen Gottesleugner nennen darf.« -
Nun war Casanova in seinem Element. Im ersten Kapitel seiner
Streitschrift hatte er eine ganze Menge von Stellen aus Voltaires
Werken, vor allem aus der berüchtigten »Pucelle« zusammengetragen, die
ihm besonders geeignet schienen, dessen Ungläubigkeit zu beweisen; und
die er nun dank seinem vorzüglichen Gedächtnis, zusammen mit seinen
eigenen Gegenargumenten, wörtlich zu zitieren wußte. Aber in Marcolina
hatte er eine Gegnerin gefunden, die ihm sowohl an Kenntnissen wie an
Geistesschärfe wenig nachgab und ihm überdies, wenn auch nicht an
Redegewandtheit, so doch an eigentlicher Kunst und insbesondre an
Klarheit des Ausdrucks weit überlegen war. Die Stellen, die Casanova als
Beweise für die Spottlust, Zweifelsucht und Gottlosigkeit Voltaires
auszulegen versucht hatte, deutete Marcolina gewandt und schlagfertig
als ebenso viele Zeugnisse für des Franzosen wissenschaftliches und
schriftstellerisches Genie, sowie für sein unermüdlich heißes Streben
nach Wahrheit, und sie sprach es ungescheut aus, daß Zweifel, Spott, ja
daß der Unglaube selbst, wenn er mit so reichem Wissen, solch
unbedingter Ehrlichkeit und solch hohem Mut verbunden sei, Gott
wohlgefälliger sein müsse als die Demut des Frommen, hinter der sich
meist nichts andres verberge, als eine mangelhafte Fähigkeit,
folgerichtig zu denken, ja oftmals - wofür es an Beispielen nicht fehle
- Feigheit und Heuchelei.
Casanova hörte ihr mit wachsendem Staunen zu. Da er sich außerstande
fühlte, Marcolina zu bekehren, um so weniger, als er immer mehr
erkannte, wie sehr eine gewisse schwankende Seelenstimmung seiner
letzten Jahre, die er als Gläubigkeit aufzufassen sich gewöhnt hatte,
durch Marcolinens Einwürfe sich völlig aufzulösen drohte, so rettete er
sich in die allgemein gehaltene Betrachtung, daß Ansichten, wie
Marcolina sie eben ausgesprochen, nicht nur die Ordnung im Bereich der
Kirche, sondern daß sie auch die Grundlagen des Staates in hohem Grade
zu gefährden geeignet seien, und sprang von hier aus gewandt auf das
Gebiet der Politik über, wo er mit seiner Erfahrung und Weltläufigkeit
eher darauf rechnen konnte, Marcolinen gegenüber eine gewisse
Überlegenheit zu zeigen. Aber wenn es ihr hier auch an Personenkenntnis
und Einblick in das höfisch-diplomatische Getriebe gebrach und sie
darauf verzichten mußte, Casanova im einzelnen zu widersprechen, auch wo
sie der Verläßlichkeit seiner Darstellung zu mißtrauen Neigung
verspürte; - aus ihren Bemerkungen ging unwidersprechlich für ihn
hervor, daß sie weder vor den Fürsten dieser Erde noch vor den
Staatsgebilden als solchen sonderliche Achtung hegte und der
Überzeugung war, daß die Welt im Kleinen wie im Großen von Eigennutz und
Herrschsucht nicht so sehr regiert, als vielmehr in Verwirrung gebracht
werde. Einer solchen Freiheit des Denkens war Casanova bisher nur selten
bei Frauen, bei einem jungen Mädchen gar, das gewiß noch keine zwanzig
Jahre zählte, war er ihr noch nie begegnet; und nicht ohne Wehmut
erinnerte er sich, daß sein eigener Geist in vergangenen Tagen, die
schöner waren als die gegenwärtigen, mit einer bewußten und etwas
selbstzufriedenen Kühnheit die gleichen Wege gegangen war, die er nun
Marcolina beschreiten sah, ohne daß diese sich ihrer Kühnheit überhaupt
bewußt zu werden schien. Und ganz hingenommen von der Eigenart ihrer
Denk- und Ausdrucksweise vergaß er beinahe, daß er an der Seite eines
jungen, schönen und höchst begehrenswerten Wesens einherwandelte, was um
so verwunderlicher war, als er sich mit ihr ganz allein in der nun
völlig durchschatteten Allee, ziemlich weit vom Wohnhaus, befand.
Plötzlich aber, sich in einem eben begonnenen Satz unterbrechend, rief
Marcolina lebhaft, ja wie freudig aus: »Da kommt mein Oheim!« ... Und
Casanova, als hätte er Versäumtes nachzuholen, flüsterte ihr zu: »Wie
schade. Gar zu gerne hätte ich mich noch stundenlang mit Ihnen weiter
unterhalten, Marcolina!« - Er fühlte selbst, wie während dieser Worte
in seinen Augen die Begier von neuem aufzuleuchten begann, worauf
Marcolina, die in dem abgelaufenen Gespräch in aller Spöttelei sich fast
zutraulich gegeben, sofort wieder eine kühlere Haltung annahm, und ihr
Blick die gleiche Verwahrung, ja den gleichen Widerwillen ausdrückte,
der Casanova heute schon einmal so tief verletzt hatte. Bin ich wirklich
so verabscheuungswürdig? fragte er sich angstvoll. Nein, gab er sich
selbst zur Antwort. Nicht das ist's. Aber Marcolina - ist kein Weib.
Eine Gelehrte, eine Philosophin, ein Weltwunder meinethalben - aber kein
Weib. - Doch er wußte zugleich, daß er sich so nur selbst zu belügen, zu
trösten, zu retten versuchte, und daß diese Versuche vergeblich waren.
Olivo stand vor ihnen. »Nun,« meinte er zu Marcolina, »hab' ich das
nicht gut gemacht, daß ich dir endlich jemanden ins Haus gebracht habe,
mit dem sich's so klug reden läßt, wie du's von deinen Professoren in
Bologna her gewohnt sein magst?« - »Und nicht einmal unter diesen,
liebster Oheim,« erwiderte Marcolina, »gibt es einen, der es sich
getrauen dürfte, Voltaire selbst zum Zweikampf herauszufordern!« - »Ei,
Voltaire? Der Chevalier fordert ihn heraus?« rief Olivo ohne zu
verstehen. - »Ihre witzige Nichte, Olivo, spricht von der Streitschrift,
die mich in der letzten Zeit beschäftigt. Liebhaberei für müßige
Stunden. Früher hatte ich Gescheiteres zu tun.« Marcolina, ohne auf
diese Bemerkung zu achten, sagte: »Sie werden eine angenehme kühle Luft
für Ihren Spaziergang haben. Auf Wiedersehen.« Sie nickte kurz und eilte
über die Wiese dem Hause zu. Casanova hielt sich davor zurück, ihr
nachzublicken und fragte: »Wird uns Frau Amalia begleiten?« - »Nein,
mein werter Chevalier,« erwiderte Olivo, »sie hat allerlei im Hause zu
besorgen und anzuordnen - und jetzt ist auch die Stunde, in der sie die
Mädchen zu unterrichten pflegt.« - »Was für eine tüchtige, brave
Hausfrau und Mutter! Sie sind zu beneiden, Olivo!« - »Ja, das sag' ich
mir selbst alle Tage,« entgegnete Olivo, und die Augen wurden ihm
feucht.
Sie gingen die Schmalseite des Hauses entlang. Das Fenster Marcolinens
stand offen, wie vorher; aus dem dämmernden Grund des Gemachs schimmerte
das schleierartige helle Gewand. Durch die breite Kastanienallee
gelangten sie auf die Straße, die schon völlig im Schatten lag. Langsam
gingen sie aufwärts längs der Gartenmauer; wo sie im rechten Winkel
umbog, begann das Weingelände. Zwischen den hohen Stöcken, an denen
schwere dunkelblaue Beeren hingen, führte Olivo seinen Gast zur Höhe,
und deutete mit einer behaglich zufriedenen Handbewegung nach seinem
Haus zurück, das nun ziemlich tief unter ihnen lag. Im Fensterrahmen
des Turmgemachs glaubte Casanova eine weibliche Figur auf und nieder
schweben zu sehen.
Die Sonne neigte sich dem Untergang zu; aber noch war es heiß genug.
Über Olivos Wangen rannen die Schweißtropfen, während Casanovas Stirne
vollkommen trocken blieb. Allmählich weiter und nun nach abwärts
schreitend kamen sie auf üppiges Wiesenland. Von einem Olivenbaum zum
andern rankte sich das Geäst der Reben, zwischen den Baumreihen wiegten
sich die hohen gelben Ähren. - »Segen der Sonne,« sagte Casanova wie
anerkennend, »in tausendfältiger Gestalt.« Olivo erzählte wieder und mit
noch größerer Ausführlichkeit als vorher, wie er nach und nach diesen
schönen Besitz erworben, und wie ein paar glückliche Ernte- und Lesejahre
ihn zum wohlhabenden, ja zum reichen Manne gemacht. Casanova aber hing
seinen eigenen Gedanken nach und griff nur selten ein Wort Olivos auf,
um durch irgendeine höfliche Zwischenfrage seine Aufmerksamkeit zu
beweisen. Erst als Olivo, von allem möglichen schwatzend, auf seine
Familie und endlich auf Marcolina geraten war, horchte Casanova auf.
Aber er erfuhr nicht viel mehr, als er schon vorher gewußt hatte. Da sie
schon als Kind, noch im Hause ihres Vaters, der Olivos Stiefbruder, früh
verwitwet und Arzt in Bologna gewesen war, durch die zeitig erwachenden
Fähigkeiten ihres Verstandes ihre Umgebung in Erstaunen gesetzt, hatte
man indes Muße genug gehabt, sich an ihre Art zu gewöhnen. Vor wenigen
Jahren war ihr Vater gestorben, und seither lebte sie in der Familie
eines berühmten Professors der hohen Schule von Bologna, eben jenes
Morgagni, der sich vermaß, seine Schülerin zu einer großen Gelehrten
heranzubilden; in den Sommermonaten war sie stets beim Oheim zu Gaste.
Eine Anzahl Bewerbungen um ihre Hand, die eines Bologneser Kaufmanns,
die eines Gutsbesitzers aus der Nachbarschaft, und zuletzt die des
Leutnant Lorenzi habe sie zurückgewiesen und scheine tatsächlich
gewillt, ihr Dasein völlig dem Dienst der Wissenschaft zu widmen.
Während Olivo dies erzählte, fühlte Casanova sein Verlangen ins
Ungemessene wachsen, und die Einsicht, daß es so töricht als
hoffnungslos war, brachte ihn der Verzweiflung nahe. Eben als sie aus
dem Feld- und Wiesenland auf die Fahrstraße traten, erschallte ihnen aus
einer Staubwolke, die sich näherte, Rufen und Grüßen entgegen. Ein Wagen
wurde sichtbar, in dem ein vornehm gekleideter älterer Herr an der Seite
einer etwas jüngern üppigen und geschminkten Dame saß. »Der Marchese,«
flüsterte Olivo seinem Begleiter zu, »er ist auf dem Wege zu mir.«
Der Wagen hielt. »Guten Abend, mein trefflicher Olivo,« rief der
Marchese, »darf ich Sie bitten, mich mit dem Chevalier von Seingalt
bekannt zu machen? Denn ich zweifle nicht, daß ich das Vergnügen habe,
mich ihm gegenüber zu sehen.« - Casanova verbeugte sich leicht. »Ich bin
es,« sagte er. - »Und ich der Marchese Celsi, - hier die Marchesa, meine
Gattin.« Die Dame reichte Casanova die Fingerspitzen; er berührte sie
mit den Lippen.
»Nun, mein bester Olivo,« sagte der Marchese, dessen wachsgelbes
schmales Antlitz durch die über den stechenden grünlichen Augen
zusammengewachsenen dichten roten Brauen ein nicht eben freundliches
Ansehen erhielt, - »mein bester Olivo, wir haben denselben Weg, nämlich
zu Ihnen. Und da es kaum ein Viertelstündchen bis dahin ist, will ich
aussteigen und mit Ihnen zu Fuß gehen. Du hast wohl nichts dagegen, die
kleine Strecke allein zu fahren,« wandte er sich an die Marchesa, die
Casanova die ganze Zeit über mit lüstern prüfenden Augen betrachtet
hatte; gab, ohne die Antwort seiner Gattin abzuwarten, dem Kutscher
einen Wink, worauf dieser sofort wie toll auf die Pferde einhieb, als
käme es ihm aus irgendeinem Grund darauf an, seine Herrin möglichst
geschwind davonzubringen; und gleich war der Wagen hinter einer
Staubwolke verschwunden.
»Man weiß nämlich schon in unsrer Gegend,« sagte der Marchese, der noch
ein paar Zoll höher als Casanova und von einer unnatürlichen Magerkeit
war, »daß der Chevalier von Seingalt hier angekommen und bei seinem
Freund Olivo abgestiegen ist. Es muß ein erhebendes Gefühl sein, einen
so berühmten Namen zu tragen.«
»Sie sind sehr gütig, Herr Marchese,« erwiderte Casanova, »ich habe
allerdings die Hoffnung noch nicht aufgegeben, mir einen solchen Namen
zu erwerben, finde mich aber vorläufig davon noch recht weit entfernt. -
Eine Arbeit, mit der ich eben beschäftigt bin, wird mich meinem Ziele
hoffentlich etwas näher bringen.«
»Wir können den Weg hier abkürzen,« sagte Olivo und schlug einen Feldweg
ein, der gerade auf die Mauer seines Gartens zuführte. - »Arbeit?«
wiederholte der Marchese mit einem unbestimmten Ausdruck. »Darf man
fragen, von welcher Art von Arbeit Sie sprechen, Chevalier?« - »Wenn Sie
mich danach fragen, Herr Marchese, so sehe ich mich genötigt,
meinerseits an Sie die Frage zu richten, von was für einer Art von Ruhm
Sie vorhin geredet haben?« Dabei sah er dem Marchese hochmütig in die
stechenden Augen. Denn wenn er auch sehr wohl wußte, daß weder sein
phantastischer Roman »Icosameron«, noch seine dreibändige »Widerlegung
von Amelots Geschichte der venezianischen Regierung« ihm nennenswerten
schriftstellerischen Ruhm eingebracht hatten, es lag ihm daran, für
sich keinen andern als erstrebenswert gelten zu lassen, und er
mißverstand absichtlich alle weiteren vorsichtig tastenden Bemerkungen
und Anspielungen des Marchese, der sich unter Casanova wohl einen
berühmten Frauenverführer, Spieler, Geschäftsmann, politischen Emissär
und sonst alles mögliche, nur durchaus keinen Schriftsteller
vorzustellen imstande war, um so weniger, als weder von der Widerlegung
des Amelotischen Werkes noch von dem »Icosameron« jemals eine Kunde zu
ihm gedrungen war. So bemerkte er endlich mit einer gewissen höflichen
Verlegenheit: »Immerhin gibt es nur einen Casanova.« - »Auch das ist ein
Irrtum, Herr Marchese,« entgegnete Casanova kalt. »Ich habe Geschwister,
und der Name eines meiner Brüder, des Malers Francesco Casanova, dürfte
einem Kenner nicht fremd klingen.«
Es zeigte sich, daß der Marchese auch auf diesem Gebiete nicht zu den
Kennern gehörte, und so lenkte er das Gespräch auf Bekannte, die ihm in
Neapel, Rom, Mailand und Mantua wohnten, und von denen er annehmen
konnte, daß Casanova mit ihnen gelegentlich zusammengetroffen war. In
diesem Zusammenhang nannte er auch den Namen des Barons Perotti, doch in
einigermaßen verächtlichem Tone, und Casanova mußte zugestehen, daß er
manchmal im Hause des Barons ein kleines Spiel zu machen pflege - »zur
Zerstreuung,« setzte er hinzu, - »ein halbes Stündchen vor dem
Schlafengehen. Im übrigen hab' ich diese Art von Zeitvertreib so
ziemlich aufgegeben.« - »Das täte mir leid,« sagte der Marchese, »denn
ich will Ihnen nicht verhehlen, Herr Chevalier, daß es ein Traum meines
Lebens war, mich mit Ihnen zu messen - sowohl im Spiel als - in jüngern
Jahren - auch auf andern Gebieten. Denken Sie übrigens, daß ich - wie
lange mag es her sein? - daß ich in Spa genau an dem Tage, ja in der
Stunde ankam, als Sie es verließen. Unsre Wagen fuhren aneinander
vorüber. Und in Regensburg widerfuhr mir ein ähnliches Mißgeschick. Dort
bewohnte ich sogar das Zimmer, das Sie eine Stunde vorher verlassen
hatten.« - »Es ist ein rechtes Unglück,« sagte Casanova, immerhin ein
wenig geschmeichelt, »daß man einander manchmal zu spät im Leben
begegnet.« - »Es ist noch nicht zu spät,« rief der Marchese lebhaft. »In
Hinsicht auf mancherlei andres will ich mich gern im vorhinein
geschlagen geben, und es kümmert mich wenig, - aber was das Spiel
anbelangt, mein lieber Chevalier, so sind wir beide vielleicht gerade in
den Jahren -«
Casanova unterbrach ihn: »In den Jahren - mag sein. Aber leider kann ich
gerade auf dem Gebiet des Spiels nicht mehr auf das Vergnügen Anspruch
erheben, mich mit einem Partner Ihres Ranges messen zu dürfen - weil
ich« - und dies sagte er im Ton eines entthronten Fürsten - »weil ich es
mit all meinem Ruhm, mein werter Herr Marchese, bis heute nicht viel
weiter als bis zum Bettler gebracht habe.«
Der Marchese schlug unwillkürlich vor Casanovas stolzem Blick die Augen
nieder und schüttelte dann nur ungläubig, wie zu einem sonderbaren Spaß,
den Kopf. Olivo aber, der dem ganzen Gespräch mit Spannung gelauscht und
die gewandt überlegenen Antworten seines außerordentlichen Freundes mit
beifälligem Nicken begleitet hatte, vermochte eine Bewegung des
Erschreckens kaum zu unterdrücken. Sie standen eben alle an der
rückwärtigen Gartenmauer vor einer schmalen Holztür, und während Olivo
sie mit einem kreischenden Schlüssel öffnete und den Marchese voraus in
den Garten treten ließ, flüsterte er Casanova zu, ihn beim Arm fassend:
»Sie werden Ihr letztes Wort zurücknehmen, Chevalier, ehe Sie den Fuß
wieder in mein Haus setzen. Das Geld, das ich Ihnen seit sechzehn Jahren
schulde, liegt bereit. Ich wagte nur nicht ... Fragen Sie Amalia ...
Abgezählt liegt es bereit. Beim Abschied wollte ich mir erlauben -«
Casanova unterbrach ihn sanft. »Sie sind nicht mein Schuldner, Olivo.
Die paar Goldstücke waren - Sie wissen es wohl - ein Hochzeitsgeschenk,
das ich, als Freund von Amaliens Mutter ... Doch wozu überhaupt davon
reden. Was sollen mir die paar Dukaten? Ich stehe an einer Wende meines
Schicksals,« setzte er absichtlich laut hinzu, so daß ihn der Marchese,
der nach ein paar Schritten stehengeblieben war, hören konnte. Olivo
tauschte einen Blick mit Casanova, um sich seiner Zustimmung zu
versichern, dann bemerkte er zum Marchese: »Der Chevalier ist nämlich
nach Venedig zurückberufen und reist in wenigen Tagen nach seiner
Vaterstadt ab.« - »Vielmehr,« bemerkte Casanova, während sie alle sich
dem Hause näherten, »man ruft bereits seit geraumer Zeit nach mir und
immer dringender. Aber ich finde, die Herren Senatoren haben sich lange
genug Zeit gelassen. Mögen nun sie sich in Geduld fassen.« - »Ein
Stolz,« sagte der Marchese, »zu dem Sie im höchsten Maße berechtigt
sind, Chevalier!«
Als sie aus der Allee auf die Wiese hinaustraten, die nun schon völlig
im Schatten dalag, sahen sie, dem Hause nahe, die kleine Gesellschaft
versammelt, von der sie erwartet wurden. Alle erhoben sich, um ihnen
entgegenzugehen, zuerst der Abbate, zwischen Marcolina und Amalia; ihnen
folgte die Marchesa, ihr zur Seite ein hochgewachsener bartloser junger
Offizier in roter silberverschnürter Uniform und glänzenden
Reiterstiefeln, der kein andrer sein konnte als Lorenzi. Wie er zu der
Marchesa sprach, ihre weißen gepuderten Schultern mit dem Blicke
streifend als eine wohlbekannte Probe von nicht minder bekannten
hübschen Dingen; noch mehr die Art, wie die Marchesa mit
halbgeschlossenen Lidern lächelnd zu ihm aufsah, konnte auch weniger
Erfahrene über die Natur der zwischen ihnen bestehenden Beziehungen
nicht in Zweifel lassen; sowie auch darüber, daß sie keinen Wert darauf
legten, sie vor irgend jemandem geheimzuhalten. Sie unterbrachen ihr
leises aber lebhaftes Gespräch erst, als sie den Herankommenden schon
gegenüberstanden.