Im zitternden Dunst des Mittags, über graugrünes Laubwerk em

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CASANOVAS HEIMFAHRT

NOVELLE

VON

ARTHUR SCHNITZLER

1918

S. FISCHER * VERLAG

BERLIN

Erste bis fünfzehnte Auflage

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten

Copyright 1918 S. Fischer, Verlag

CASANOVAS HEIMFAHRT

In seinem dreiundfünfzigsten Lebensjahre, als Casanova längst nicht

mehr von der Abenteuerlust der Jugend, sondern von der Ruhelosigkeit

nahenden Alters durch die Welt gejagt wurde, fühlte er in seiner Seele

das Heimweh nach seiner Vaterstadt Venedig so heftig anwachsen, daß er

sie, gleich einem Vogel, der aus luftigen Höhen zum Sterben allmählich

nach abwärts steigt, in eng und immer enger werdenden Kreisen zu

umziehen begann. Öfter schon in den letzten zehn Jahren seiner

Verbannung hatte er an den hohen Rat Gesuche gerichtet, man möge ihm die

Heimkehr gestatten; doch hatten ihm früher bei der Abfassung solcher

Satzschriften, in denen er Meister war, Trotz und Eigensinn, manchmal

auch ein grimmiges Vergnügen an der Arbeit selbst die Feder geführt, so

schien sich seit einiger Zeit in seinen fast demütig flehenden Worten

ein schmerzliches Sehnen und echte Reue immer unverkennbarer

auszusprechen. Er glaubte um so sicherer auf Erhörung rechnen zu dürfen,

als die Sünden seiner früheren Jahre, unter denen übrigens nicht

Zuchtlosigkeit, Händelsucht und Betrügereien meist lustiger Natur,

sondern Freigeisterei den Venezianer Ratsherren die unverzeihlichste

dünkte, allmählich in Vergessenheit zu geraten begannen und die

Geschichte seiner wunderbaren Flucht aus den Bleikammern von Venedig,

die er unzählige Male an regierenden Höfen, in adeligen Schlössern, an

bürgerlichen Tischen und in übelberüchtigten Häusern zum besten gegeben

hatte, jede andere Nachrede, die sich an seinen Namen knüpfte, zu

übertönen anfing; und eben wieder, in Briefen nach Mantua, wo er sich

seit zwei Monaten aufhielt, hatten hochmögende Herren dem an innerm wie

an äußerm Glanz langsam verlöschenden Abenteurer Hoffnung gemacht, daß

sich sein Schicksal binnen kurzem günstig entscheiden würde.

Da seine Geldmittel recht spärlich geworden waren, hatte Casanova

beschlossen, in dem bescheidenen, aber anständigen Gasthof, den er schon

in glücklicheren Jahren einmal bewohnt hatte, das Eintreffen der

Begnadigung abzuwarten, und er vertrieb sich indes die Zeit -

ungeistigerer Zerstreuungen nicht zu gedenken, auf die gänzlich zu

verzichten er nicht imstande war - hauptsächlich mit Abfassung einer

Streitschrift gegen den Lästerer Voltaire, durch deren Veröffentlichung

er seine Stellung und sein Ansehen in Venedig gleich nach seiner

Wiederkehr bei allen Gutgesinnten in unzerstörbarer Weise zu befestigen

gedachte.

Eines Morgens auf einem Spaziergang außerhalb der Stadt, während er für

einen vernichtenden, gegen den gottlosen Franzosen gerichteten Satz die

letzte Abrundung zu finden sich mühte, befiel ihn plötzlich eine

außerordentliche, fast körperlich peinvolle Unruhe; das Leben, das er in

leidiger Gewöhnung nun schon durch drei Monate führte: die

Morgenwanderungen vor dem Tor ins Land hinaus, die kleinen Spielabende

bei dem angeblichen Baron Perotti und dessen blatternarbiger Geliebten,

die Zärtlichkeiten seiner nicht mehr ganz jungen, aber feurigen Wirtin,

ja sogar die Beschäftigung mit den Werken Voltaires und die Arbeit an

seiner eigenen kühnen und bisher, wie ihm dünkte, nicht übel gelungenen

Erwiderung; - all dies erschien ihm, in der linden, allzu süßen Luft

dieses Spätsommermorgens, gleichermaßen sinnlos und widerwärtig; er

murmelte einen Fluch vor sich hin, ohne recht zu wissen, wen oder was er

damit treffen wollte; und, den Griff seines Degens umklammernd,

feindselige Blicke nach allen Seiten sendend, als richteten aus der

Einsamkeit ringsum unsichtbare Augen sich höhnend auf ihn, wandte er

plötzlich seine Schritte nach der Stadt zurück, in der Absicht, noch in

derselben Stunde Anstalten für seine sofortige Abreise zu treffen. Denn

er zweifelte nicht, daß er sich sofort besser befinden würde, wenn er

nur erst der ersehnten Heimat wieder um einige Meilen näher gerückt

wäre. Er beschleunigte seinen Gang, um sich rechtzeitig einen Platz in

der Eilpost zu sichern, die vor Sonnenuntergang in der Richtung nach

Osten abfuhr; - weiter hatte er kaum etwas zu tun, da er sich einen

Abschiedsbesuch beim Baron Perotti wohl schenken durfte, und ihm eine

halbe Stunde vollauf genügte, um seine gesamten Habseligkeiten für die

Reise einzupacken. Er dachte der zwei etwas abgetragenen Gewänder, von

denen er das schlechtere am Leibe trug, und der vielfach geflickten,

einst fein gewesenen Wäsche, die mit ein paar Dosen, einer goldenen

Kette samt Uhr und einer Anzahl von Büchern seinen ganzen Besitz

ausmachten; - vergangene Tage fielen ihm ein, da er als vornehmer Mann,

mit allem Notwendigen und Überflüssigen reichlich ausgestattet, wohl

auch mit einem Diener - der freilich meist ein Gauner war - im

prächtigen Reisewagen durch die Lande fuhr; - und ohnmächtiger Zorn

trieb ihm die Tränen in die Augen. Ein junges Weib, die Peitsche in der

Hand, kutschierte ein Wägelchen an ihm vorbei, darin zwischen Säcken und

allerlei Hausrat schnarchend ihr betrunkener Mann lag. Sie blickte

Casanova, wie er verzerrten Gesichtes, Unverständliches durch die Zähne

murmelnd, unter den abgeblühten Kastanienbäumen der Heerstraße

langbeinig ausschreitend einherkam, zuerst neugierig spöttisch ins

Gesicht, doch da sie ihren Blick zornig blitzend erwidert sah, nahmen

ihre Augen einen erschrockenen, und endlich, wie sie sich im

Weiterfahren nach ihm umwandte, einen wohlgefällig lüsternen Ausdruck

an. Casanova, der wohl wußte, daß Grimm und Haß länger in den Farben der

Jugend zu spielen vermögen als Sanftheit und Zärtlichkeit, erkannte

sofort, daß es nur eines frechen Anrufs von seiner Seite bedurft hätte,

um dem Wagen Halt zu gebieten und dann mit dem jungen Weib anstellen zu

können, was ihm weiter beliebte; doch, obzwar diese Erkenntnis seine

Laune für den Augenblick besserte, schien es ihm nicht der Mühe wert, um

eines so geringen Abenteuers willen auch nur wenige Minuten zu

verziehen; und so ließ er das Bauernwägelchen samt seinen Insassen im

Staub und Dunst der Landstraße unangefochten weiterknarren.

Der Schatten der Bäume nahm der emporsteigenden Sonne nur wenig von

ihrer sengenden Kraft, und Casanova sah sich genötigt, seinen Schritt

allmählich zu mäßigen. Der Staub der Straße hatte sich so dicht auf sein

Gewand und Schuhwerk gelegt, daß ihnen ihre Verbrauchtheit nicht mehr

anzumerken war, und so konnte man Casanova, nach Tracht und Haltung,

ohne weiteres für einen Herrn von Stande nehmen, dem es just gefallen

hatte, seine Karosse einmal daheim zu lassen. Schon spannte sich der

Torbogen vor ihm aus, in dessen nächster Nähe der Gasthof gelegen war,

in dem er wohnte, als ihm ein ländlich schwerfälliger Wagen

entgegengeholpert kam, in dem ein behäbiger, gutgekleideter, noch

ziemlich junger Mann saß. Er hatte die Hände über dem Magen gekreuzt und

schien eben mit blinzelnden Augen einnicken zu wollen, als sein Blick,

zufällig Casanova streifend, in unerwarteter Lebhaftigkeit aufglänzte,

wie zugleich seine ganze Erscheinung in eine Art von heiterm Aufruhr zu

geraten schien. Er erhob sich zu rasch, sank sofort zurück, stand wieder

auf, versetzte dem Kutscher einen Stoß in den Rücken, um ihn zum Halten

zu veranlassen, drehte sich in dem weiterrollenden Wagen um, um Casanova

nicht aus dem Gesicht zu verlieren, winkte ihm mit beiden Händen zu und

rief endlich mit einer dünnen hellen Stimme dreimal dessen Namen in die

Luft. Erst an der Stimme hatte Casanova den Mann erkannt, trat auf den

Wagen zu, der stehengeblieben war, ergriff lächelnd die beiden sich ihm

entgegenstreckenden Hände und sagte: »Ist es möglich, Olivo - Sie sind

es?« - »Ja, ich bin es, Herr Casanova, Sie erkennen mich also wieder?« -

»Warum sollt' ich nicht? Sie haben zwar seit Ihrem Hochzeitstag, an dem

ich Sie zuletzt gesehn, an Umfang ein wenig zugenommen, - aber auch ich

mag mich in den fünfzehn Jahren nicht unerheblich verändert haben, wenn

auch nicht in gleicher Weise.« - »Kaum,« rief Olivo, »so gut wie gar

nicht, Herr Casanova! Übrigens sind es sechzehn Jahre, vor wenigen Tagen

waren es sechzehn! Und wie Sie sich wohl denken können, haben wir,

gerade bei dieser Gelegenheit, ein hübsches Weilchen lang von Ihnen

gesprochen, Amalia und ich ...« - »Wirklich,« sagte Casanova herzlich,

»Sie erinnern sich beide noch manchmal meiner?« Olivos Augen wurden

feucht. Noch immer hielt er Casanovas Hände in den seinen und drückte

sie nun gerührt. »Wieviel haben wir Ihnen zu danken, Herr Casanova? Und

wir sollten unsres Wohltäters jemals vergessen? Und wenn wir jemals -« -

»Reden wir nicht davon,« unterbrach Casanova. »Wie befindet sich Frau

Amalia? Wie ist es überhaupt zu verstehn, daß ich in diesen ganzen zwei

Monaten, die ich nun in Mantua verbringe - freilich recht zurückgezogen,

aber ich gehe doch viel spazieren nach alter Gewohnheit - wie kommt es,

daß ich Ihnen, Olivo, daß ich Ihnen beiden nicht ein einziges Mal

begegnet bin?« - »Sehr einfach, Herr Casanova! Wir wohnen ja längst

nicht mehr in der Stadt, die ich übrigens niemals habe leiden können, so

wenig als Amalia sie leiden mag. Erweisen Sie mir die Ehre, Herr

Casanova, steigen Sie ein, in einer Stunde sind wir bei mir zu Hause« -

und da Casanova leicht abwehrte - »Sagen Sie nicht nein. Wie glücklich

wird Amalia sein, Sie wiederzusehen, und wie stolz, Ihnen unsre drei

Kinder zu zeigen. Ja, drei, Herr Casanova. Lauter Mädchen. Dreizehn,

zehn und acht ... Also noch keines in den Jahren, sich - mit Verlaub -

sich - von Casanova das Köpfchen verdrehen zu lassen.« Er lachte

gutmütig und machte Miene, Casanova einfach zu sich in den Wagen

hereinzuziehen. Casanova aber schüttelte den Kopf. Denn, nachdem er fast

schon versucht gewesen war, einer begreiflichen Neugier nachzugeben und

der Aufforderung Olivos zu folgen, überkam ihn seine Ungeduld mit neuer

Macht, und er versicherte Olivo, daß er leider genötigt sei, heute noch

vor Abend Mantua in wichtigen Geschäften zu verlassen. Was hatte er auch

in Olivos Haus zu suchen? Sechzehn Jahre waren eine lange Zeit! Amalia

war indes gewiß nicht jünger und schöner geworden; bei dem

dreizehnjährigen Töchterlein würde er in seinen Jahren kaum sonderlichen

Anwert finden; und Herrn Olivo selbst, der damals ein magerer, der

Studien beflissener Jüngling gewesen war, als bäurisch behäbigen

Hausvater in ländlicher Umgebung zu bewundern, das lockte ihn nicht

genug, als daß er darum eine Reise hätte aufschieben sollen, die ihn

Venedig wieder um zehn oder zwanzig Meilen näher brachte. Olivo aber,

der nicht gesonnen schien, Casanovas Weigerung ohne weiteres

hinzunehmen, bestand darauf, ihn vorerst einmal im Wagen nach dem

Gasthof zu bringen, was ihm Casanova füglich nicht abschlagen konnte. In

wenigen Minuten waren sie am Ziel. Die Wirtin, eine stattliche Frau in

der Mitte der Dreißig, begrüßte in der Einfahrt Casanova mit einem

Blick, der das zwischen ihnen bestehende zärtliche Verhältnis auch für

Olivo ohne weitres ersichtlich machen mußte. Diesem aber reichte sie die

Hand als einem guten Bekannten, von dem sie - wie sie Casanova gegenüber

gleich bemerkte - eine gewisse, auf seinem Gut wachsende, sehr

preiswürdige, süßlich-herbe Weinsorte regelmäßig zu beziehen pflegte.

Olivo beklagte sich sofort, daß der Chevalier von Seingalt (denn so

hatte die Wirtin Casanova begrüßt, und Olivo zögerte nicht, sich

gleichfalls dieser Anrede zu bedienen) so grausam sei, die Einladung

eines wiedergefundenen alten Freundes auszuschlagen, aus dem

lächerlichen Grunde, weil er heute, und durchaus gerade heute, von

Mantua wieder abreisen müsse. Die befremdete Miene der Wirtin belehrte

ihn sofort, daß diese von Casanovas Absicht bisher noch nichts gewußt

hatte, und Casanova hielt es daraufhin für angebracht, zu erklären, daß

er den Reiseplan zwar nur vorgeschützt, um nicht der Familie des

Freundes durch einen so unerwarteten Besuch lästig zu fallen;

tatsächlich aber sei er genötigt, ja verpflichtet, in den nächsten Tagen

eine wichtige schriftstellerische Arbeit abzuschließen, wofür er keinen

geeignetern Ort wüßte, als diesen vorzüglichen Gasthof, in dem ihm ein

kühles und ruhiges Zimmer zur Verfügung stände. Darauf beteuerte Olivo,

daß seinem bescheidenen Haus keine größre Ehre widerfahren könne, als

wenn der Chevalier von Seingalt dort sein Werk zum Abschluß brächte; die

ländliche Abgeschiedenheit könne einem solchen Unternehmen doch nur

förderlich sein; an gelehrten Schriften und Hilfsbüchern, wenn Casanova

solcher benötigte, wäre auch kein Mangel, da seine, Olivos, Nichte, die

Tochter seines verstorbenen Stiefbruders, ein junges, aber trotz ihrer

Jugend schon höchst gelehrtes Mädchen, vor wenigen Wochen mit einer

ganzen Kiste voll Büchern bei ihnen eingetroffen sei; - und wenn des

Abends gelegentlich Gäste erschienen, so brauchte sich der Herr

Chevalier weiter nicht um sie zu kümmern; es sei denn, daß ihm nach des

Tages Arbeit und Bemühen eine heitre Unterhaltung oder ein kleines

Spielchen nicht eher eine willkommene Zerstreuung bedeutete. Casanova

hatte kaum von einer jungen Nichte vernommen, als er auch schon

entschlossen war, sich dieses Geschöpf in der Nähe zu besehn;

anscheinend noch immer zögernd, gab er dem Drängen Olivos endlich nach,

erklärte aber gleich, daß er keineswegs länger als ein oder zwei Tage

von Mantua fernbleiben könne, und beschwor seine liebenswürdige Wirtin,

Briefe, die für ihn indes hier anlangen mochten und vielleicht von

höchster Wichtigkeit waren, ihm unverzüglich durch einen Boten

nachzusenden. Nachdem die Sache so zu Olivos großer Zufriedenheit

geordnet war, begab sich Casanova auf sein Zimmer, machte sich für die

Reise fertig, und schon nach einer Viertelstunde trat er in die

Gaststube, wo Olivo sich indes in ein eifriges Gespräch geschäftlicher

Natur mit der Wirtin eingelassen hatte. Nun erhob er sich, trank stehend

sein Glas Wein aus, und verständnisvoll zwinkernd versprach er ihr, den

Chevalier - wenn auch nicht bereits morgen oder übermorgen - doch in

jedem Falle wohlbehalten und unversehrt an sie zurückzustellen. Casanova

aber, plötzlich zerstreut und hastig, empfahl sich so kühl von seiner

freundlichen Wirtin, daß sie ihm, schon am Wagenschlag, ein

Abschiedswort ins Ohr flüsterte, das eben keine Liebkosung war.

Während die beiden Männer die staubige, im sengenden Mittagsglanz

daliegende Straße ins Land hinausfuhren, erzählte Olivo weitschweifig

und wenig geordnet von seinen Lebensumständen: wie er bald nach seiner

Verheiratung ein winziges Grundstück nahe der Stadt gekauft, einen

kleinen Gemüsehandel angefangen; dann seinen Besitz allmählich erweitert

und Landwirtschaft zu treiben begonnen; - wie er es endlich durch die

eigne und seiner Gattin Tüchtigkeit mit Gottes Segen so weit gebracht,

daß er vor drei Jahren von dem verschuldeten Grafen Marazzani dessen

altes, etwas verfallenes Schloß samt dazugehörigem Weingut käuflich zu

erwerben imstande gewesen, und wie er sich nun auf adligem Grund mit

Frau und Kindern behaglich, wenn auch keineswegs gräflich, eingerichtet

habe. All dies aber verdanke er zuletzt doch nur den hundertfünfzig

Goldstücken, die seine Braut oder vielmehr deren Mutter von Casanova zum

Geschenk erhalten habe; - ohne diese zauberkräftige Hilfe wäre sein Los

wohl heute noch kein andres, als es damals gewesen: ungezogne Rangen im

Lesen und Schreiben zu unterweisen; wahrscheinlich wäre er auch ein

alter Junggeselle und Amalie eine alte Jungfer geworden ... Casanova

ließ ihn reden und hörte ihm kaum zu. Ihm zog das Abenteuer durch den

Sinn, in das er damals zugleich mit manchen andern bedeutungsvollern

verstrickt gewesen war, und das, als das geringste von allen, seine

Seele so wenig als seither seine Erinnerung beschäftigt hatte. Auf einer

Reise von Rom nach Turin oder Paris - er wußte es selbst nicht mehr -

während eines kurzen Aufenthalts in Mantua hatte er Amalia eines Morgens

in der Kirche erblickt und, da ihm ihr hübsches blasses, etwas

verweintes Antlitz wohlgefallen, eine freundlich galante Frage an sie

gerichtet. Zutunlich wie sie damals alle gegen ihn waren, hatte sie ihm

gern ihr Herz aufgeschlossen, und so erfuhr er, daß sie, die selbst in

dürftigen Verhältnissen lebte, in einen armen Schullehrer verliebt war,

dessen Vater ebenso wie ihre Mutter zu einer so aussichtslosen

Verbindung die Einwilligung entschieden verweigerte. Casanova erklärte

sich sofort bereit, die Angelegenheit ins reine zu bringen. Er ließ sich

vor allem mit Amaliens Mutter bekannt machen, und da diese als eine

hübsche Witwe von sechsunddreißig Jahren auf Huldigungen noch Anspruch

machen durfte, war Casanova bald so innig mit ihr befreundet, daß seine

Fürsprache alles bei ihr zu erreichen vermochte. Sobald sie erst ihre

ablehnende Haltung aufgegeben, versagte auch Olivos Vater, ein

heruntergekommener Kaufmann, seine Zustimmung nicht länger, insbesondre

als Casanova, der ihm als entfernter Verwandter der Brautmutter

vorgestellt wurde, sich großmütig verpflichtete, die Kosten der Hochzeit

und einen Teil der Aussteuer zu bezahlen. Amalia selbst aber konnte

nicht anders als dem edlen Gönner, der ihr erschienen war wie ein Bote

aus einer andern höhern Welt, sich in einer Weise dankbar erzeigen, die

das eigne Herz ihr gebot; und als sie sich am Abend vor ihrer Hochzeit

der letzten Umarmung Casanovas mit glühenden Wangen entrang, war ihr der

Gedanke völlig fern, an ihrem Bräutigam, der sein Glück am Ende doch nur

der Liebenswürdigkeit und dem Edelsinn des wunderbaren Fremden

verdankte, ein Unrecht begangen zu haben. Ob Olivo von der

außerordentlichen Erkenntlichkeit Amaliens gegenüber dem Wohltäter je

durch ein Geständnis Kunde erhalten, ob er ihr Opfer vielleicht als ein

selbstverständliches vorausgesetzt und ohne nachträgliche Eifersucht

hingenommen hatte, oder ob ihm gar, was geschehen, bis heute ein

Geheimnis geblieben war, - darum hatte Casanova sich niemals gekümmert

und kümmerte sich auch heute nicht darum.

Die Hitze stieg immer höher an. Der Wagen, schlecht gefedert und mit

harten Kissen versehn, rumpelte und stieß zum Erbarmen, das dünnstimmig

gutmütige Geschwätz Olivos, der nicht abließ, seinen Begleiter von der

Ersprießlichkeit seines Bodens, der Vortrefflichkeit seiner Hausfrau,

der Wohlgeratenheit seiner Kinder und von dem vergnügt harmlosen Verkehr

mit bäuerlicher und adliger Nachbarschaft zu unterhalten, begann

Casanova zu langweilen, und ärgerlich fragte er sich, aus welchem

Grunde er denn eigentlich eine Einladung angenommen, die für ihn nichts

als Unbequemlichkeiten und am Ende gar Enttäuschungen im Gefolge haben

konnte. Er sehnte sich nach seinem kühlen Gasthofszimmer in Mantua, wo

er zu dieser selben Stunde ungestört an seiner Schrift gegen Voltaire

hätte weiterarbeiten können, - und schon war er entschlossen, beim

nächsten Wirtshaus, das eben sichtbar wurde, auszusteigen, ein

beliebiges Gefährt zu mieten und zurückzufahren, als Olivo ein lautes

Holla he! hören ließ, nach seiner Art mit beiden Händen zu winken begann

und, Casanova beim Arm packend, auf einen Wagen deutete, der neben dem

ihren, zugleich mit diesem, wie auf Verabredung, stehengeblieben war.

Von jenem andern aber sprangen, eines hinter dem andern, drei ganz junge

Mädchen herunter, so daß das schmale Brett, das ihnen als Sitz gedient

hatte, in die Höhe flog und umkippte. »Meine Töchter,« wandte sich

Olivo, nicht ohne Stolz, an Casanova, und als dieser sofort Miene

machte, seinen Platz im Wagen zu verlassen: »Bleiben Sie nur sitzen,

mein teurer Chevalier, in einer Viertelstunde sind wir am Ziel, und so

lange können wir uns schon alle in meiner Kutsche behelfen. Maria,

Nanetta, Teresina - seht, das ist der Chevalier von Seingalt, ein alter

Freund eures Vaters, kommt nur näher, küßt ihm die Hand, denn ohne ihn

wäret ihr« - er unterbrach sich und flüsterte Casanova zu: »Bald hätt'

ich was Dummes gesagt.« Dann verbesserte er sich laut: »Ohne ihn wäre

manches anders!« Die Mädchen, schwarzhaarig und dunkeläugig wie Olivo,

und alle, auch die älteste, Teresina, noch von kindlichem Aussehn,

betrachteten den Fremden mit ungezwungener, etwas bäurischer Neugier,

und die jüngste, Maria, schickte sich, der väterlichen Weisung folgend,

an, ihm allen Ernstes die Hand zu küssen; Casanova aber ließ es nicht

zu, sondern nahm eins der Mädchen nach dem andern beim Kopf und küßte

jedes auf beide Wangen. Indes wechselte Olivo ein paar Worte mit dem

jungen Burschen, der das Wägelchen mit den Kindern bis hierher gebracht

hatte, worauf jener auf das Pferd einhieb und die Landstraße in der

Richtung nach Mantua weiterfuhr.

Die Mädchen nahmen Olivo und Casanova gegenüber unter Lachen und

scherzhaftem Gezänk auf dem Rücksitz Platz; sie saßen eng

aneinandergedrängt, redeten alle zugleich, und da ihr Vater gleichfalls

zu sprechen nicht aufhörte, war es Casanova anfangs nicht leicht, ihren

Worten zu entnehmen, was sie alle einander eigentlich zu erzählen

hatten. Ein Name klang auf: der eines Leutnants Lorenzi; er sei, wie

Teresina berichtete, vor einer Weile an ihnen vorbeigeritten, habe für

den Abend seinen Besuch in Aussicht gestellt und lasse den Vater

schönstens grüßen. Ferner meldeten die Kinder, daß die Mutter anfangs

gleichfalls beabsichtigt hätte, dem Vater entgegenzufahren; aber in

Anbetracht der großen Hitze hatte sie's doch vorgezogen, daheim bei

Marcolina zu bleiben. Marcolina aber war noch in den Federn gelegen, als

man von Hause wegfuhr; und vom Garten aus durchs offne Fenster hatten

sie sie mit Beeren und Haselnüssen beworfen, sonst schliefe sie wohl

noch zu dieser Stunde.

»Das ist sonst nicht Marcolinens Art,« wandte sich Olivo an seinen Gast;

»meistens sitzt sie schon um sechs Uhr oder noch früher im Garten und

studiert bis zur Mittagszeit. Gestern freilich hatten wir Gäste, und es

dauerte etwas länger als gewöhnlich; auch ein kleines Spielchen wurde

gemacht, - nicht eins, wie es der Herr Chevalier gewöhnt sein mögen -

wir sind harmlose Leute und wollen einander nicht das Geld abnehmen. Und

da auch unser würdiger Abbate sich zu beteiligen pflegt, so können Sie

sich wohl denken, Herr Chevalier, daß es nicht sehr sündhaft dabei

zugeht.«

Als vom Abbate die Rede war, lachten die Mädchen und hatten einander

weiß Gott was zu erzählen, worüber es noch mehr zu lachen gab als

vorher. Casanova aber nickte nur zerstreut; in der Phantasie sah er das

Fräulein Marcolina, das er noch gar nicht kannte, in ihrem weißen Bette

liegend, dem Fenster gegenüber, die Decke heruntergestreift, halb

entblößten Leibes, mit schlaftrunknen Händen sich gegen die

hereinfliegenden Beeren und Haselnüsse wehrend; - und eine törichte Glut

flog durch seine Sinne. Daß Marcolina die Geliebte des Leutnants Lorenzi

war, daran zweifelte er so wenig, als hätte er selbst sie beide in

zärtlichster Umschlingung gesehn, und er war so bereit, den unbekannten

Lorenzi zu hassen, als ihn nach der niemals geschauten Marcolina

verlangte.

Im zitternden Dunst des Mittags, über graugrünes Laubwerk emporragend,

ward ein viereckiges Türmchen sichtbar. Bald bog der Wagen von der

Landstraße auf einen Seitenweg; links stiegen Weinhügel gelinde an,

rechts über den Rand einer Gartenmauer neigten sich Kronen uralter

Bäume. Der Wagen hielt an einem Tor, dessen verwitterte Holzflügel weit

offen standen, die Fahrgäste stiegen aus, der Kutscher, auf einen Wink

Olivos, fuhr weiter, dem Stalle zu. Ein breiter Weg unter

Kastanienbäumen führte zu dem Schlößchen, das sich auf den ersten

Anblick etwas kahl, ja vernachlässigt darbot. Was Casanova vor allem ins

Auge fiel, war ein zerbrochenes Fenster im ersten Stockwerk; ebenso

entging es ihm nicht, daß die Umfassung auf der Plattform des breiten,

aber niedern Turmes, der etwas plump auf dem Gebäude saß, da und dort

abbröckelte. Hingegen zeigte die Haustüre eine edle Schnitzerei, und in

den Flur tretend, erkannte Casanova sofort, daß das Innere des Hauses

sich in einem wohlerhaltenen und jedenfalls weit bessern Zustand befand,

als dessen Äußres hätte vermuten lassen.

»Amalia,« rief Olivo laut, daß es von den gewölbten Mauern widerhallte.

»Komm herunter so geschwind du kannst! Ich hab' dir einen Gast

mitgebracht, Amalia, und was für einen Gast!« - Aber Amalia war schon

vorher oben auf der Stiege erschienen, ohne für die aus der vollen Sonne

in das Dämmer Tretenden sofort sichtbar zu sein. Casanova, dessen

scharfe Augen sich die Fähigkeit bewahrt hatten, selbst das Dunkel der

Nacht zu durchdringen, hatte sie früher bemerkt als der Gatte. Er

lächelte und fühlte zugleich, daß dieses Lächeln sein Antlitz jünger

machte. Amalia war keineswegs fett geworden, wie er gefürchtet, sondern

sah schlank und jugendlich aus. Sie hatte ihn gleich erkannt. »Welche

Überraschung, welches Glück!« rief sie ohne jede Verlegenheit aus, eilte

rasch die Stufen hinab und reichte Casanova zur Begrüßung die Wange,

worauf dieser sie ohne weitres wie eine liebe Freundin umarmte. »Und ich

soll wirklich glauben,« sagte er dann, »daß Maria, Nanetta und Teresina

Ihre leiblichen Töchter sind, Amalia? Der Zeit nach möchte es zwar

stimmen -« »Und allem übrigen nach auch,« ergänzte Olivo, »verlassen Sie

sich darauf, Chevalier!« - »Dein Zusammentreffen mit dem Chevalier,«

sagte Amalia mit einem erinnerungstrunknen Blick auf den Gast, »ist wohl

an deiner Verspätung schuld, Olivo?« - »So ist es, Amalia, aber

hoffentlich gibt es trotz der Verspätung noch etwas zu essen?« - »Wir

haben uns natürlich nicht allein zu Tisch gesetzt, Marcolina und ich, so

hungrig wir schon waren.« - »Und werden Sie sich nun,« fragte Casanova,

»auch noch so lange gedulden, bis ich meine Kleider und mich selbst ein

wenig vom Staub der Landstraße gereinigt habe?« - »Gleich will ich Ihnen

Ihr Zimmer zeigen,« sagte Olivo, »und hoffe, Chevalier, Sie werden

zufrieden sein, beinahe so zufrieden ...« er zwinkerte und fügte leise

hinzu: »wie in Ihrem Gasthof zu Mantua, wenn es auch an mancherlei

fehlen dürfte.« Er ging voraus, die Stiege zur Galerie hinauf, die sich

rings um die Halle im Viereck zog, und von deren äußerstem Winkel eine

schmale Holztreppe sich nach oben wand. In der Höhe angelangt, öffnete

Olivo die Türe zum Turmgemach und, an der Schwelle stehenbleibend, wies

er es Casanova mit vielen Komplimenten als bescheidenes Fremdenzimmer

an. Eine Magd brachte den Mantelsack nach, entfernte sich mit Olivo, und

Casanova stand allein in einem mäßigen, mit allem Notwendigen

ausgestatteten, doch ziemlich kahlen Raum, durch dessen vier schmale

hohe Bogenfenster sich ein weiter Blick nach allen Seiten auf die

sonnbeglänzte Ebene mit grünen Weingeländen, bunten Fluren, gelben

Feldern, weißen Straßen, hellen Häusern und dunklen Gärtchen darbot.

Casanova kümmerte sich nicht weiter um die Aussicht und machte sich

rasch fertig, nicht so sehr aus Hunger, als aus einer quälenden Neugier,

Marcolina so bald als möglich von Angesicht zu Angesicht zu sehen; er

wechselte nicht einmal das Gewand, weil er erst am Abend glänzender

aufzutreten gedachte.

Als er das im Erdgeschoß gelegene holzgetäfelte Speisezimmer betrat, sah

er um den wohlbestellten Tisch außer dem Ehepaar und den drei Töchtern

ein in mattschimmerndes, einfach herunterfließendes Grau gekleidetes

Mädchen von zierlicher Gestalt sitzen, das ihn mit so unbefangenem Blick

betrachtete, als wäre er jemand, der zum Hause gehörte oder doch schon

hundertmal hier zu Gast gewesen. Daß sich in ihrem Blick nichts von

jenem Leuchten zeigte, wie es ihn früher so oft begrüßt, auch wenn er

als Nichtgekannter im berückenden Glanz seiner Jugend oder in der

gefährlichen Schönheit seiner Mannesjahre erschienen war, das mußte

Casanova freilich als eine längst nicht mehr neue Erfahrung hinnehmen.

Aber auch in der letzten Zeit noch genügte meist die Nennung seines

Namens, um auf Frauenlippen den Ausdruck einer verspäteten Bewunderung

oder doch wenigstens ein leises Zucken des Bedauerns hervorzurufen, das

gestand, wie gern man ihm ein paar Jahre früher begegnet wäre. Doch als

ihn jetzt Olivo seiner Nichte als Herrn Casanova, Chevalier von Seingalt

vorstellte, lächelte sie nicht anders, als wenn man ihr irgendeinen

gleichgültigen Namen genannt hätte, in dem kein Klang von Abenteuern und

Geheimnissen verzitterte. Und selbst als er neben ihr Platz nahm, ihr

die Hand küßte, und aus seinen Augen ein Funkenregen von Entzücken und

Begier über sie niederging, verriet ihre Miene nichts von der leisen

Befriedigung, die doch als bescheidene Antwort auf eine so glühende

Huldigung zu erwarten gewesen wäre.

Nach wenigen höflich einleitenden Worten ließ Casanova seine Nachbarin

merken, daß er von ihren gelehrten Bestrebungen in Kenntnis gesetzt sei,

und fragte sie, mit welcher Wissenschaft sie sich denn besonders abgebe?

Sie erwiderte, daß sie vor allem das Studium der höhern Mathematik

betreibe, in das sie durch Professor Morgagni, den berühmten Lehrer an

der Universität von Bologna, eingeführt worden sei. Casanova äußerte

seine Verwunderung über ein solches bei anmutigen jungen Mädchen

wahrlich ungewöhnliches Interesse an einem so schwierigen und dabei

nüchternen Gegenstand, erhielt aber von Marcolina die Antwort, daß ihrer

Ansicht nach die höhere Mathematik die phantastischeste, ja man könnte

sagen, unter allen Wissenschaften die ihrer Natur nach wahrhaft

göttliche vorstelle. Als Casanova sich über diese ihm ganz neue

Auffassung eine nähere Erklärung erbitten wollte, wehrte Marcolina

bescheiden ab und äußerte, daß es den Anwesenden, vor allem aber ihrem

lieben Oheim, viel erwünschter sein dürfte, Näheres von den Erlebnissen

eines vielgereisten Freundes zu erfahren, den er so lange nicht gesehn,

als einem philosophischen Gespräch zuzuhören. Amalia schloß sich ihrer

Anregung lebhaft an, und Casanova, immer gern bereit, Wünschen solcher

Art nachzugeben, bemerkte leichthin, daß er in den letzten Jahren sich

vorzüglich auf geheimen diplomatischen Sendungen befunden, die ihn, um

nur die größern Städte zu nennen, zwischen Madrid, Paris, London,

Amsterdam und Petersburg umhergetrieben. Er berichtete von Begegnungen

und Unterhaltungen ernster und heitrer Art mit Männern und Frauen der

verschiedensten Stände, auch des freundlichen Empfangs zu erwähnen

vergaß er nicht, der ihm am Hof der Katharina von Rußland zuteil

geworden, und sehr spaßhaft erzählte er, wie Friedrich der Große ihn

beinahe zum Erzieher an einer Kadettenschule für pommersche Junker

gemacht hatte; - eine Gefahr, der er sich allerdings durch rasche Flucht

entzogen. Von all dem und manchem andern sprach er, als hätte es sich in

einer eben erst verflossenen Zeit zugetragen und läge nicht in

Wirklichkeit Jahre und Jahrzehnte zurück; mancherlei erfand er dazu,

ohne sich seiner größern und kleinern Lügen selber recht bewußt zu

werden, freute sich seiner eignen Laune wie der Teilnahme, mit der man

ihm lauschte; und während er so erzählte und phantasierte, ward ihm

fast, als wäre er in der Tat noch heute der glückverwöhnte,

unverschämte, strahlende Casanova, der mit schönen Frauen durch die Welt

gefahren, den weltliche und geistliche Fürsten mit hoher Gunst

ausgezeichnet, der Tausende verschwendet, verspielt und verschenkt hatte

- und nicht ein herabgekommener Schlucker, den ehemalige Freunde von

England und Spanien her mit lächerlichen Summen unterstützten, - die

indes auch manchmal ausblieben, so daß er auf die paar armseligen

Geldstücke angewiesen war, die er dem Baron Perotti oder dessen Gästen

abgewann; ja, er vergaß sogar, daß es ihm wie ein höchstes Ziel

erschien, in der Vaterstadt, die ihn erst eingekerkert und nach seiner

Flucht geächtet und verbannt hatte, als der geringste ihrer Bürger, als

ein Schreiber, als ein Bettler, als ein Nichts - sein einst so

prangendes Dasein zu beschließen.

Auch Marcolina hörte ihm aufmerksam zu, aber mit keinem andern

Ausdruck, als wenn man ihr etwa aus einem Buch leidlich unterhaltsame

Geschichten vorläse. Daß ihr ein Mensch, ein Mann, daß ihr Casanova

selbst, der all dies erlebt hatte und noch vieles andre, was er nicht

erzählte, daß ihr der Geliebte von tausend Frauen gegenübersaß, - und

daß sie das wußte, davon verrieten ihre Mienen nicht das geringste.

Anders schimmerte es in Amaliens Augen. Für sie war Casanova derselbe

geblieben, der er gewesen; ihr klang seine Stimme verführerisch wie vor

sechzehn Jahren, und er selbst fühlte, daß es ihn nur ein Wort und kaum

so viel kosten würde, das Abenteuer von damals, sobald es ihm beliebte,

von neuem aufzunehmen. Doch was war ihm Amalia in dieser Stunde, da ihn

nach Marcolina verlangte wie nach keiner vor ihr? Durch das mattglänzend

sie umfließende Gewand glaubte er ihren nackten Leib zu sehen; die

knospenden Brüste blühten ihm entgegen, und als sie sich einmal neigte,

um ihr zu Boden geglittenes Taschentuch aufzuheben, legte Casanovas

entflammte Phantasie ihrer Bewegung einen so lüsternen Sinn unter, daß

er sich einer Ohnmacht nahe fühlte. Daß er eine Sekunde lang

unwillkürlich im Erzählen stockte, entging Marcolina so wenig, wie daß

sein Blick seltsam zu flirren begann, und er las in dem ihren ein

plötzliches Befremden, Verwahrung, ja eine Spur von Ekel. Rasch faßte

er sich wieder und schickte sich eben an, seine Erzählung mit neuer

Lebhaftigkeit fortzusetzen, als ein wohlbeleibter Geistlicher eintrat,

der vom Hausherrn als der Abbate Rossi begrüßt und von Casanova sofort

als derselbe erkannt wurde, mit dem er vor siebenundzwanzig Jahren auf

einem Marktschiff zusammengetroffen war, das von Venedig nach Chioggia

fuhr. »Sie hatten damals ein Auge verbunden,« sagte Casanova, der selten

eine Gelegenheit vorübergehen ließ, mit seinem vorzüglichen Gedächtnis

zu prunken, »und ein Bauernweib mit gelbem Kopftuch empfahl Ihnen eine

heilkräftige Salbe, die ein junger, sehr heisrer Apotheker zufällig mit

sich führte.« Der Abbate nickte und lächelte geschmeichelt. Dann aber,

mit einem pfiffigen Gesicht, trat er ganz nahe an Casanova heran, als

hätte er ihm ein Geheimnis mitzuteilen. Doch mit ganz lauter Stimme

sagte er: »Und Sie, Herr Casanova, befanden sich in Begleitung einer

Hochzeitsgesellschaft ... ich weiß nicht, ob als zufälliger Gast oder

gar als Brautführer, jedenfalls sah die Braut Sie mit viel zärtlichern

Augen an als den Bräutigam ... Ein Wind erhob sich, beinahe ein Sturm,

und Sie begannen ein höchst verwegenes Gedicht vorzulesen.« - »Das tat

der Chevalier gewiß nur,« sagte Marcolina, »um den Sturm zu

beschwichtigen.« - »Solche Zaubermacht«, erwiderte Casanova, »traute

ich mir niemals zu; allerdings will ich nicht leugnen, daß sich niemand

mehr um den Sturm kümmerte, als ich zu lesen begonnen.«

Die drei Mädchen hatten sich an den Abbate herangemacht. Sie wußten wohl

warum. Denn seinen ungeheuren Taschen entnahm er köstliches Zuckerwerk

in großen Mengen und schob es mit seinen dicken Fingern den Kindern

zwischen die Lippen. Indes berichtete Olivo dem Abbate in aller

Ausführlichkeit, wie er Casanova wiedergefunden. Wie verloren hielt

Amalia auf die herrische braune Stirn des teuren Gastes ihren

leuchtenden Blick geheftet. Die Kinder liefen in den Garten; Marcolina

hatte sich erhoben und sah ihnen durchs offne Fenster nach. Der Abbate

hatte Grüße vom Marchese Celsi zu bestellen, der, wenn es seine

Gesundheit zuließe, heute abend samt Gemahlin bei seinem werten Freund

Olivo erscheinen wollte. »Das trifft sich gut,« sagte dieser, »da haben

wir gleich dem Chevalier zu Ehren eine hübsche kleine Spielgesellschaft;

die Brüder Ricardi erwarte ich gleichfalls, und auch Lorenzi kommt; die

Kinder sind ihm auf seinem Spazierritt begegnet.« - »Er ist noch immer

da?« fragte der Abbate. »Schon vor einer Woche hieß es, er solle zu

seinem Regiment abgehen.« - »Die Marchesa,« meinte Olivo lachend, »wird

ihm beim Obersten einen Urlaub erwirkt haben.« - »Es wundert mich,«

warf Casanova ein, »daß es für Mantueser Offiziere jetzt Urlaub gibt.«

Und er erfand weiter: »Zwei meiner Bekannten, einer aus Mantua, der

andre aus Cremona, sind nachts mit ihren Regimentern in der Richtung

gegen Mailand abmarschiert.« - »Gibt's Krieg?« fragte Marcolina vom

Fenster her; sie hatte sich umgewandt, die Züge ihres umschatteten

Gesichts blieben undeutbar, - doch ein leises Beben ihrer Stimme hatte

Casanova als einziger wohl gemerkt. »Es wird vielleicht zu nichts

kommen,« sagte er leichthin. »Aber da die Spanier eine drohende Haltung

einnehmen, heißt es bereit sein.« - »Weiß man denn überhaupt,« fragte

Olivo wichtig und stirnrunzelnd, »auf welche Seite wir uns schlagen

werden, auf die spanische oder auf die französische?« - »Das dürfte dem

Leutnant Lorenzi gleich sein,« meinte der Abbate. »Wenn er nur endlich

dazu kommt, sein Heldentum zu erproben.« - »Das hat er schon getan,«

sagte Amalia. »Bei Pavia vor drei Jahren hat er mitgefochten.« Marcolina

aber schwieg.

Casanova wußte genug. Er trat an Marcolinens Seite und umfaßte den

Garten mit einem großen Blick. Er sah nichts als die ausgedehnte wilde

Wiese, auf der die Kinder spielten, und die von einer Reihe hoher

dichter Bäume gegen die Mauer zu abgeschlossen war. »Was für ein

prächtiger Besitz,« wandte er sich an Olivo. »Ich wäre neugierig, ihn

näher kennenzulernen.« - »Und ich, Chevalier,« erwiderte Olivo, »wünsche

mir kein größeres Vergnügen, als Sie über meine Weinberge und durch

meine Felder zu führen. Ja, wenn ich die Wahrheit sagen soll, fragen Sie

doch Amalia, in den Jahren, seit das kleine Gütchen mir gehört, hab' ich

mir nichts sehnlicher gewünscht, als Sie endlich auf meinem eignen Grund

und Boden als Gast zu begrüßen. Zehnmal war ich daran, Ihnen zu

schreiben, Sie einzuladen. Aber war man denn je sicher, daß eine

Nachricht Sie erreichen würde? Erzählte einem irgendwer, man hätte Sie

kürzlich in Lissabon gesehn - so konnte man sicher sein, daß Sie indes

nach Warschau oder nach Wien abgereist waren. Und nun, da ich Sie wie

durch ein Wunder eben in der Stunde wiederfinde, da Sie Mantua verlassen

wollen, und es mir - es war nicht leicht, Amalia - gelingt, Sie

hierherzulocken, da geizen Sie so mit Ihrer Zeit, daß Sie uns - möchten

Sie es glauben, Herr Abbate - daß er uns nicht mehr als zwei Tage

schenken will!« - »Der Chevalier wird sich vielleicht zu einer

Verlängerung seines Aufenthalts überreden lassen,« sagte der Abbate, der

eben mit viel Behagen eine Pfirsichschnitte im Mund zergehen ließ, und

warf auf Amalia einen raschen Blick, aus dem Casanova zu entnehmen

glaubte, daß sie den Abbate in tieferes Vertrauen gezogen hatte als

ihren Gatten. - »Das wird mir leider nicht möglich sein,« erwiderte

Casanova förmlich; »denn ich darf Freunden, die solchen Anteil an meinem

Schicksal nehmen, nicht verhehlen, daß meine venezianischen Mitbürger im

Begriffe sind, mir für das Unrecht, das sie mir vor Jahren zugefügt,

eine etwas verspätete, aber um so ehrenvollere Genugtuung zu geben, und

ich ihrem Drängen mich nicht länger werde versagen können, wenn ich

nicht undankbar oder gar nachträgerisch erscheinen will.« Mit einer

leichten Handbewegung wehrte er eine neugierig-ehrfurchtsvolle Frage ab,

die er auf Olivos Lippen sich runden sah, und bemerkte rasch: »Nun,

Olivo, ich bin bereit. Zeigen Sie mir Ihr kleines Königreich.«

»Wär' es nicht geratener,« warf Amalia ein, »dazu die kühlere Tageszeit

abzuwarten? Der Chevalier wird jetzt gewiß lieber ein wenig ruhen oder

sich im Schatten ergehen wollen?« Und aus ihren Augen schimmerte zu

Casanova ein schüchternes Flehen hin, als müßte während eines solchen

Lustwandelns draußen im Garten ihr Schicksal sich zum zweitenmal

entscheiden. - Niemand hatte gegen Amaliens Vorschlag etwas einzuwenden,

und man begab sich ins Freie. Marcolina, den andern voraus, lief im

Sonnenschein über die Wiese zu den Kindern, die dort mit Federbällen

spielten, und nahm sofort am Spiele teil. Sie war kaum größer als das

älteste der drei Mädchen, und, wie ihr nun das freigelockte Haar um die

Schultern flatterte, sah sie selber einem Kinde gleich. Olivo und der

Abbate ließen sich in der Allee, in der Nähe des Hauses, auf einer

steinernen Bank nieder. Amalia wandelte an Casanovas Seite weiter. Als

sie von den andern nicht mehr gehört werden konnte, begann sie im

Tonfall von einst, als wäre ihre Stimme für Casanova niemals in einem

andern erklungen:

»So bist du wieder da, Casanova! Wie hab' ich diesen Tag ersehnt. Daß er

einmal kommen würde, hab' ich gewußt.« - »Es ist ein Zufall, daß ich da

bin,« sagte Casanova kalt. Amalia lächelte nur. »Nenn' es wie du willst.

Du bist da! Ich habe in diesen sechzehn Jahren von nichts anderm

geträumt als von diesem Tag!« - »Es ist anzunehmen,« entgegnete

Casanova, »daß du im Laufe dieser Zeit von mancherlei anderm geträumt

und - nicht nur geträumt hast.« Amalia schüttelte den Kopf. »Du weißt,

daß es nicht so ist, Casanova. Und auch du hast meiner nicht vergessen,

sonst hättest du, der du so eilig bist, nach Venedig zu gelangen, Olivos

Einladung nicht angenommen!« - »Was denkst du eigentlich, Amalia? Ich

sei hergekommen, um deinen guten Mann zum Hahnrei zu machen?« - »Warum

sprichst du so, Casanova? Wenn ich dir wieder gehöre, so ist es weder

Betrug noch Sünde!« Casanova lachte laut auf. »Keine Sünde? Warum keine

Sünde? Weil ich ein alter Mann bin?« - »Du bist nicht alt. Für mich

kannst du es niemals werden. In deinen Armen hab' ich meine erste

Seligkeit genossen - und so ist es mir gewiß bestimmt, daß mir mit dir

auch meine letzte zuteil wird!« - »Deine letzte?« wiederholte Casanova

höhnisch, obwohl er nicht ganz ungerührt war, - »dagegen dürfte mein

Freund Olivo wohl mancherlei einzuwenden haben.« - »Das,« erwiderte

Amalia errötend, »das ist Pflicht - meinethalben sogar Vergnügen; aber

Seligkeit ist es doch nicht ... war es niemals.«

Sie gingen die Allee nicht zu Ende, als scheuten beide die Nähe des

Wiesenplatzes, wo Marcolina und die Kinder spielten, - wie auf

Verabredung kehrten sie um und waren bald wieder, schweigend, beim

Wohnhaus angelangt. An der Schmalseite stand ein Fenster des

Erdgeschosses offen. Casanova sah in der dämmernden Tiefe des Gemachs

einen halbgerafften Vorhang, hinter dem das Fußende des Bettes sichtbar

wurde. Über einem Stuhl daneben hing ein lichtes, schleierartiges

Gewand. »Marcolinens Zimmer?« fragte Casanova. - Amalia nickte. Und zu

Casanova anscheinend heiter und wie ohne jeden Verdacht: »Sie gefällt

dir?« - »Da sie schön ist.« - »Schön und tugendhaft.« - Casanova zuckte

die Achseln, als hätte er danach nicht gefragt. Dann sagte er: »Wenn du

mich heute zum erstenmal sähest - ob ich dir wohl auch gefiele, Amalia?«

- »Ich weiß nicht, ob du heute anders aussiehst als damals. Ich sehe

dich - wie du damals warst. Wie ich dich seither immer, auch in meinen

Träumen sah.« - »Sieh mich doch an, Amalia! Die Runzeln meiner Stirn ...

Die Falten meines Halses! Und die tiefe Rinne da von den Augen den

Schläfen zu! Und hier - ja, hier in der Ecke fehlt mir ein Zahn,« - er

riß den Mund grinsend auf. »Und diese Hände, Amalia! Sieh sie doch an!

Finger wie Krallen ... kleine gelbe Flecken auf den Nägeln ... Und die

Adern da - blau und geschwollen - Greisenhände, Amalia!« - Sie nahm

seine beiden Hände, so wie er sie ihr wies, und im Schatten der Allee

küßte sie eine nach der andern mit Andacht. »Und heute nacht will ich

deine Lippen küssen,« sagte sie in einer demütig zärtlichen Art, die ihn

erbitterte.

Unweit von ihnen, am Ende der Wiese, lag Marcolina im Gras, die Hände

unter den Kopf gestützt, den Blick in die Höhe gewandt, und die Bälle

der Kinder flogen über sie hin. Plötzlich streckte sie den einen Arm aus

und haschte nach einem der Bälle. Sie fing ihn auf, lachte hell, die

Kinder fielen über sie her, sie konnte sich ihrer nicht erwehren, ihre

Locken flogen. Casanova bebte. »Du wirst weder meine Lippen noch meine

Hände küssen,« sagte er zu Amalia, »und du sollst mich vergeblich

erwartet und vergeblich von mir geträumt haben - es sei denn, daß ich

vorher Marcolina besessen habe.« - »Bist du wahnsinnig, Casanova?« rief

Amalia mit weher Stimme. - »So haben wir einander nichts vorzuwerfen,«

sagte Casanova. »Du bist wahnsinnig, da du in mir altem Manne den

Geliebten deiner Jugend wiederzusehen glaubst, ich, weil ich mir in den

Kopf gesetzt habe, Marcolina zu besitzen. Aber vielleicht ist uns beiden

beschieden, wieder zu Verstand zu kommen. Marcolina soll mich wieder

jung machen - für dich. Also - führe meine Sache bei ihr, Amalia!« - »Du

bist nicht bei dir, Casanova. Es ist unmöglich. Sie will von keinem Mann

etwas wissen.« - Casanova lachte auf. »Und der Leutnant Lorenzi?« - »Was

soll's mit Lorenzi sein?« - »Er ist ihr Liebhaber, ich weiß es.« - »Wie

du dich irrst, Casanova. Er hat um ihre Hand angehalten, und sie hat sie

ausgeschlagen. Und er ist jung - er ist schön - ja, fast glaub' ich,

schöner als du je gewesen bist, Casanova!« - »Er hätte um sie geworben?«

- »Frage doch Olivo, wenn du mir nicht glaubst.« - »Nun, mir gilt's

gleich. Was geht's mich an, ob sie eine Jungfrau ist oder eine Dirne,

Braut oder Witwe - ich will sie haben, ich will sie!« - »Ich kann sie

dir nicht geben, mein Freund.« Und er fühlte aus dem Ton ihrer Stimme,

daß sie ihn beklagte. »Nun siehst du,« sagte er, »was für ein

schmählicher Kerl ich geworden bin, Amalia! Noch vor zehn - noch vor

fünf Jahren hätt' ich keinen Beistand und keine Fürsprache gebraucht,

und wäre Marcolina die Göttin der Tugend selbst gewesen. Und nun will

ich dich zur Kupplerin machen. Oder wenn ich reich wäre ... Ja, mit

zehntausend Dukaten ... Aber ich habe nicht zehn. Ein Bettler bin ich,

Amalia.« - »Auch für hunderttausend bekämst du Marcolina nicht. Was kann

ihr am Reichtum liegen? Sie liebt die Bücher, den Himmel, die Wiesen,

die Schmetterlinge und die Spiele mit Kindern ... Und mit ihrem kleinen

Erbteil hat sie mehr als sie bedarf.« - »O, wär' ich ein Fürst!« rief

Casanova, ein wenig deklamierend, wie es zuweilen seine Art war, gerade

wenn ihn eine echte Leidenschaft durchwühlte. »Hätt' ich die Macht,

Menschen ins Gefängnis werfen, hinrichten zu lassen ... Aber ich bin

nichts. Ein Bettler - und ein Lügner dazu. Ich bettle bei den hohen

Herrn in Venedig um ein Amt, um ein Stück Brot, um Heimat! Was ist aus

mir geworden? Ekelt dich nicht vor mir, Amalia?« - »Ich liebe dich,

Casanova!« - »So verschaffe sie mir, Amalia! Es steht bei dir, ich weiß

es. Sag' ihr, was du willst. Sag' ihr, daß ich euch gedroht habe. Daß du

mir zutraust, ich könnte euch das Dach über dem Hause anzünden! Sag'

ihr, ich wär' ein Narr, ein gefährlicher Narr, aus dem Irrenhaus

entsprungen, aber die Umarmung einer Jungfrau könnte mich wieder gesund

machen. Ja, das sag' ihr.« - »Sie glaubt nicht an Wunder.« - »Wie? Nicht

an Wunder? So glaubt sie auch nicht an Gott. Um so besser! Ich bin gut

angeschrieben beim Erzbischof von Mailand! Sag' ihr das! Ich kann sie

verderben! Euch alle kann ich verderben. Das ist wahr, Amalia! Was sind

es für Bücher, die sie liest? Gewiß sind auch solche darunter, die die

Kirche verboten hat. Laß sie mich sehen. Ich will eine Liste

zusammenstellen. Ein Wort von mir ...« - »Schweige, Casanova! Dort kommt

sie. Verrate dich nicht! Nimm deine Augen in acht! Nie, Casanova, nie,

höre wohl, was ich sage, nie hab' ich ein reineres Wesen gekannt. Ahnte

sie, was ich eben habe hören müssen, sie erschiene sich wie beschmutzt;

und du würdest sie, solang du hier bist, mit keinem Blick mehr zu sehen

bekommen. Sprich mit ihr. Ja, sprich mit ihr - du wirst sie, du wirst

_mich_ um Verzeihung bitten.«

Casanovas Heimfahrt · 第 1 / 9 段