XVII.

Foma Fomitsch als Schöpfer des allgemeinen Glücks.

„Wohin hat man mich gebracht?“ fragte Foma endlich mit der Stimme eines

Sterbenden – eines für die Wahrheit den Märtyrertod Sterbenden.

„Verd...!“ fluchte Misintschikoff halblaut neben mir, „als ob er nicht

sähe, wo er ist! Jetzt wird er uns wieder Theater vorspielen!“

„Du bist bei uns, Foma, du bist im Kreise deiner Freunde!“ rief ihm mein

Onkel zu. „Faß dich, beruhige dich! Weißt du, es wäre wirklich gut, wenn

du jetzt deine Kleider wechseln wolltest, Foma, so kannst du dich noch

erkälten ... Und willst du dich nicht etwas stärken – was meinst du? So,

weißt du ... ein Gläschen, um dich zu erwärmen.“

„Malaga ... würde ich vielleicht trinken,“ stöhnte Foma und schloß

wieder die Augen.

„Malaga? Ich weiß nicht, ob wir den gerade vorrätig haben ...“ sagte

mein Onkel, mit unruhigem Blick sich nach Praskowja Iljinitschna

umsehend.

„Aber natürlich doch!“ Praskowja Iljinitschna schien ordentlich gekränkt

zu sein. „Ganze vier Flaschen haben wir noch!“ Und schlüsselklirrend

eilte sie nach dem Wein, begleitet vom Geschrei aller Damen, die ihren

Foma, ungefähr wie Fliegen einen Honigteller, belagerten. Dafür geriet

freilich Herr Bachtschejeff so ziemlich in das letzte Stadium des

Unwillens.

„Malaga! Malaga will er!“ fauchte er. „Na natürlich! Es muß doch

unbedingt ein Wein sein, den sonst kein Mensch trinkt! Wer trinkt denn

jetzt noch Malaga, außer vielleicht so ’m Schuft wie er! Pfui! ... Pfui!

... Aber was stehe _ich_ denn hier? Was habe _ich_ denn hier zu suchen?

Worauf warte _ich_ denn noch?“

„Foma,“ hub mein Onkel an, verwirrte sich aber bei jedem Satz, „jetzt

wäre es ... wenn du dich erholt hast und wieder mit uns zusammen ... Ich

meine, ich will nur sagen, Foma, wie du vorhin, nachdem du das

unschuldige Mädchen beleidigt hattest ...“

„Wo, wo ist sie, meine Unschuld?“ griff Foma sofort das Wort auf, als

phantasiere er im Fieber. „Wo sind die goldenen Tage meiner Unschuld? Wo

bist du, meine goldene Kindheit, als ich noch schuldlos und schön über

die Wiesen dem ersten Frühlingsschmetterling nachlief? Wo, wo ist diese

Zeit? Gebt mir meine Unschuld wieder, gebt sie mir wieder zurück ...“

Und Foma wandte sich mit ausgestreckten Armen der Reihe nach an alle

Anwesenden, als hätte jemand von uns seine Unschuld in der Tasche

gehabt. Bachtschejeff schien platzen zu wollen vor Wut.

„Hört doch, was der Mensch will!“ fauchte er empört. „Gebt ihm seine

Unschuld wieder! Will er sie etwa abküssen? Vielleicht war er auch als

Knabe schon so ein Räuber, wie jetzt! Könnte schwören, daß er’s war!“

„Foma!“ ... hub mein Onkel wieder an.

„Wo, wo sind sie, jene Tage, als ich noch an die Liebe glaubte und den

Menschen liebte?“ phantasierte Foma, „als ich den Nächsten umarmte und

an seiner Brust Tränen vergoß? Jetzt aber – wo bin ich? Wo bin ich?“

„Du bist bei uns, Foma, beruhige dich!“ rief ihm mein Onkel zu. „Ich

aber will dir jetzt folgendes sagen, Foma ...“

„Wenn Sie doch jetzt wenigstens schweigen wollten!“ keuchte haßerfüllt

die Perepelizyna, deren kleine Schlangenaugen meinen Onkel böse

anblitzten.

„Wo bin ich?“ fuhr Foma fort, „wer umgibt mich hier? Das sind ja Büffel

und Stiere, die ihre Hörner gegen mich senken! Leben, was bist du? Ach,

lebe, lebe, sei entehrt, geschmäht, gegeißelt, geschlagen, und wenn dann

dein Grab zugeschüttet ist, dann erst kommen die Menschen zur Besinnung,

und deine armen Knochen werden von einem Monument zerdrückt!“

„Himmlischer Vater, jetzt kommt er noch auf sein Monument zu sprechen!“

flüsterte Jeshowikin und schlug die Hände zusammen.

„Oh, errichtet mir kein Monument!“ phantasierte Foma ohne Unterlaß

weiter, „errichtet mir keines! Ich brauche keine Monumente! Errichtet

mir in Eurem Herzen Monumente ... das ist alles ... sonst aber verlange

ich nichts, nichts, nichts!“

„Foma!“ unterbrach ihn mein Onkel, „so hör doch jetzt auf! Beruhige

dich! Es ist kein Grund vorhanden, von Monumenten zu reden. Hör mich

jetzt an ... Sieh, Foma, ich begreife, daß du vielleicht ... sagen wir,

in edlem Feuer branntest, als du mir vorhin ... diese Vorwürfe machtest;

aber du ließest dich zu weit fortreißen, Foma, du überschrittest jede

Grenze – ich versichere dich, du hast dich geirrt, Foma ...“

„Werden Sie denn nicht endlich aufhören!“ schrie wieder die

Perepelizyna, „wollen Sie denn den Unglücklichen ganz und gar töten,

bloß weil er jetzt in Ihren Händen ist? ...“

Nach dem Beispiel der Perepelizyna fuhr auch die Generalin sofort auf,

und mit ihr das ganze Gefolge: alle winkten sie meinem Onkel wie

besessen mit den Händen zu, damit er nur endlich schweige.

„Anna Nilowna, halten Sie gefälligst selbst den Mund; ich weiß, was ich

sage!“ fuhr mein Onkel mit entschlossener Stimme fort. „Es handelt sich

um eine heilige Sache der Ehre und Gerechtigkeit ... Foma, ich weiß, du

bist vernünftig. Du mußt unverzüglich das edelste Mädchen, das du

beleidigt hast, um Verzeihung bitten.“

„Welches Mädchen? Welches Mädchen habe ich beleidigt?“ fragte Foma und

sah sich mit verständnislosem Blick im Kreise um, als hätte er alles

vergessen, was geschehen war, und als begreife er nicht, wovon man

sprach.

„Ja, Foma, und wenn du jetzt freiwillig deine Schuld eingestehst, so

werde ich, das schwöre ich, dir hier meinetwegen zu Füßen fallen und

...“

„Aber wen habe ich denn beleidigt?“ rief Foma leidenschaftlich. „Welches

Mädchen? Wo ist sie? Wo ist sie? Wo ist dieses Mädchen? Erinnert mich

doch, helft mir, sagt mir doch nur mit einem Wort, wer dieses Mädchen

ist! ...“

Da trat Nastenjka verwirrt und geängstigt zu meinem Onkel und berührte

ihn zaghaft am Ärmel.

„Jegor Iljitsch, lassen Sie ihn, es ist nicht nötig, daß er sich

entschuldigt! Wozu das alles?“ sagte sie mit bittender, gequälter

Stimme. „Lassen Sie doch!“

„Ah! Jetzt besinne ich mich!“ rief plötzlich Foma aus. „Gott! Ich

besinne mich! Oh, helft mir, helft mir, mich zu erinnern!“ flehte er,

scheinbar in unbeschreiblicher Aufregung. „Sagt mir, ist es wahr, daß

man mich von hier wie den räudigsten aller Hunde hinausgejagt hat? Ist

es wahr, daß ich vom Blitz getroffen wurde? Ist es wahr, daß ich von

hier auf die Treppe hinausgeworfen worden bin? Ist das wahr? Ist das

alles wahr?“

Das Weinen und Gejammer der Damen war eine beredte Antwort auf seine

Frage.

„Richtig, richtig!“ fuhr er fort, „ich entsinne mich jetzt, daß ich nach

dem Blitz und nach meinem Sturz hergelaufen kam, verfolgt vom Donner, um

hier meine Pflicht zu erfüllen und um dann auf ewig zu verschwinden!

Erhebt mich! Wie erschöpft ich jetzt auch bin, ich muß sie erfüllen –

meine letzte Pflicht!“

Man faßte ihn stützend unter die Arme und hob ihn aus dem Ruhestuhl. Er

selbst nahm hierauf die Pose eines klassischen Redners an und streckte

beschwörend seine Hand aus.

„Oberst!“ begann er, „jetzt bin ich wieder erwacht! Der Donner hat meine

geistigen Kräfte nicht gänzlich vernichtet: es ist zwar noch eine

gewisse Taubheit in meinem rechten Ohr vorhanden, aber die ist

vielleicht nicht so sehr auf den Donner als auf den Sturz von der Treppe

zurückzuführen ... Doch was hat das zu sagen! Und wen geht hier das

rechte Ohr Foma Opiskins etwas an!“

Den letzten Worten verlieh Foma so viel traurige Ironie und begleitete

sie mit einem so wehmütigen Lächeln, daß das Gestöhn der gerührten Damen

unwillkürlich von neuem ertönte. Alle sahen sie mit bitterem Vorwurf,

einige aber mit wahrem Haß auf meinen armen Onkel, der sich allmählich,

beim Anblick eines so einmütigen Urteils, wie vernichtet zu fühlen

begann. Misintschikoff spie heimlich aus vor Wut und trat ans Fenster.

Bachtschejeff versetzte mir immer stärker werdende Rippenstöße: er

konnte sich wirklich nicht mehr ruhig verhalten, der arme Dicke!

„Jetzt hören Sie alle meine Beichte!“ hub Foma mit erhöhter Stimme an

und ließ stolz und entschlossen seinen Blick über die ganze Versammlung

schweifen, „und gleichzeitig entscheiden Sie, Jegor Iljitsch, über das

Schicksal des unglücklichen Foma Opiskin! Schon lange habe ich Sie

beobachtet, habe ich Sie bangen Herzens beobachtet und alles bemerkt,

alles, während Sie noch nicht einmal ahnten, daß ich Sie beobachtete.

Oberst! Ich habe mich vielleicht geirrt, aber ich kannte Ihren Egoismus,

Ihre unbegrenzte Eigenliebe, Ihre schreckliche Wollüstigkeit, und – wer

wird mich deshalb verdammen können, daß ich unwillkürlich für die Ehre

des unschuldigsten Wesens erzitterte?“

„Foma! ... Foma! ...“ fiel ihm mein Onkel ins Wort, da er mit Unruhe den

gequälten Ausdruck in Nastenjkas Gesicht gewahrte.

„Nicht so sehr die Unschuld und die Vertrauenswürdigkeit dieses Mädchens

ängstigten mich als gerade ihre Unerfahrenheit,“ fuhr Foma fort, als

hätte er die Warnung meines Onkels überhaupt nicht gehört. „Ich sah, wie

ein zärtliches Gefühl in ihrem Herzen erwachte und erblühte, gleich der

Frühlingsrose, und ich dachte unwillkürlich an Petrarca, der da sagt:

‚Die Unschuld ist so oft nur um Haaresbreite vom Untergang entfernt.‘

Ich seufzte und litt, und wenn ich auch für dieses Mädchen, das rein wie

eine Perle, wie ein kostbarer Edelstein ist, mein ganzes Blut als

Bürgschaft hingegeben hätte – wer aber hätte mir für Sie gebürgt, Jegor

Iljitsch? Da ich das zügellose Streben Ihrer Leidenschaften kannte, da

ich wußte, daß Sie für deren kurze Befriedigung alles zu opfern bereit

sind, – so versenkte ich mich plötzlich in einen Abgrund des Entsetzens

und der Befürchtungen bezüglich des Schicksals dieses edelsten aller

Mädchen ...“

„Foma! Wie hast du das nur denken können!“ rief mein Onkel erregt aus.

„Mit schmerzendem Herzen habe ich Sie beobachtet. Wenn Sie wissen

wollen, wie ich gelitten habe, fragen Sie Shakespeare: er wird Ihnen in

seinem ‚Hamlet‘ von meinem Seelenzustande erzählen. Ich wurde

argwöhnisch und unerträglich. In meiner Unruhe, in meinem Unwillen sah

ich alles schwarz, aber, das war nicht dieses ‚Schwarz‘, von dem in der

bekannten Romanze die Rede ist, das können Sie mir glauben. Deshalb

hegte ich auch den Wunsch, _sie_ aus diesem Hause zu entfernen: ich

wollte sie retten. Dies war der eigentliche Grund, weshalb Sie mich in

der letzten Zeit so gereizt und mit der ganzen Menschheit zerfallen

gesehen haben. Oh! wer wird mich jetzt mit dieser Menschheit wieder

aussöhnen? Ich fühle, daß ich vielleicht anmaßend und ungerecht zu Ihren

Gästen, zu Ihrem Neffen, zu Herrn Bachtschejeff gewesen bin, indem ich

von ihm Kenntnis der Astronomie verlangte; aber wer kann mich wegen

meines damaligen Seelenzustandes tadeln? Ich berufe mich nochmals auf

Shakespeare und sage, daß die Zukunft mir wie ein finsterer Abgrund von

unbekannter Tiefe erschien, auf dessen Grunde ein Krokodil lag. Ich

fühlte, daß es meine Pflicht war, das Unglück zu verhüten, daß ich dazu

berufen, daß ich dazu gesandt war, – doch was geschah? Sie begriffen die

edelsten Beweggründe meiner Seele nicht und zahlten mir in dieser ganzen

Zeit mit Bosheit, Undankbarkeit, Spott, Erniedrigungen ...“

„Foma! Wenn es so ist ... ich fühle ...“ unterbrach ihn mein Onkel in

unsäglicher Erregung.

„Wenn Sie tatsächlich etwas fühlen, Oberst, so seien Sie so gut und

lassen Sie mich zu Ende sprechen, ohne mich zu unterbrechen. Ich fahre

fort: meine ganze Schuld bestand folglich darin, daß ich mich gar zu

sehr um das Schicksal und das Glück dieses Kindes sorgte, – denn sie ist

ja noch ein Kind im Vergleich zu Ihnen. Die höchste Liebe zur Menschheit

machte mich in dieser Zeit fast zu einem Dämon des Argwohns und Zornes.

Ich wäre fähig gewesen, mich auf die Menschen zu stürzen und sie zu

zerreißen. Und wissen Sie auch, Jegor Iljitsch, daß ein jeder Ihrer

Schritte meinen Argwohn noch bestärkte und mich von der Richtigkeit

aller meiner Befürchtungen überzeugte? Wissen Sie auch, daß ich gestern,

als Sie mich mit Ihrem Golde überschütteten, um mich auf diese Weise los

zu werden, bei mir im stillen dachte: ‚Er will in mir, in meiner Person

sein eigenes Gewissen entfernen, um dann bequemer das Verbrechen begehen

zu können ...‘“

„Foma! Aber Foma ... Hast du das wirklich gestern gedacht?“ rief mein

Onkel entsetzt aus. „Gott, und ich habe nichts geahnt!“

„Der Himmel selber flößte mir diesen Argwohn ein,“ fuhr Foma fort. „Und

sagen Sie doch: was mußte ich denken, als der blinde Zufall mich noch am

selben Abend zu jener Bank im Garten führte, was mußte ich fühlen, – o

Gott! – als ich endlich mit eigenen Augen sah, daß alle meine

Befürchtungen sich plötzlich bewahrheiteten und mir in der glänzendsten

Weise recht gaben? Mir blieb nur noch eine Hoffnung, eine schwache,

allerdings, aber es war doch immerhin eine Hoffnung! Und was mußte ich

erleben?! Heute morgen zerstörten Sie sie selbst zu Schutt und Trümmer!

Sie sandten mir Ihren Brief. Sie sprachen von der Absicht, sie zu

heiraten, und Sie flehten mich an, von dem Gesehenen nichts verlauten zu

lassen ... ‚Aber weshalb,‘ dachte ich, ‚weshalb hat er mir denn gerade

jetzt geschrieben, nachdem ich ihn bereits überrascht habe, warum nicht

früher? Weshalb ist er nicht früher eilends zu mir gekommen, glücklich

und schön – denn die Liebe verschönt das Gesicht –, weshalb hat er sich

nicht in meine Arme geworfen, warum ist er nicht an meiner Brust in

Tränen grenzenlosen Glücks ausgebrochen, und weshalb hat er mir nicht

alles, alles gestanden?‘ Oder bin ich ein Krokodil, das Sie nur

verschlungen, nicht aber Ihnen einen klugen Rat gegeben haben würde?

Oder bin ich irgendein widerliches Insekt, das Sie nur gebissen, nicht

aber Ihnen zu Ihrem Glück verholfen haben würde? ‚Bin ich sein Freund,

oder bin ich ein ekelhaftes Gewürm?‘ Das war die Frage, die ich heute

morgen an mich stellte! ‚Und wozu schließlich,‘ dachte ich, ‚wozu hat er

aus der Hauptstadt einen Neffen hergerufen und mit diesem Mädchen

verlobt, wenn nicht, um sowohl uns wie den leichtsinnigen Neffen zu

betrügen und inzwischen heimlich die verbrecherischste aller Absichten

auszuführen?‘ Nein, Oberst, wenn jemand mich in dem Gedanken bestärkt

hat, daß Ihre Liebe verbrecherisch ist, so sind Sie es selbst, und nur

Sie allein! Ja, Sie sind auch vor diesem Mädchen ein Verbrecher; denn

durch Ihre Ungeschicklichkeit und Ihr eigensüchtiges Mißtrauen haben Sie

sie der Verleumdung und häßlichem Argwohn preisgegeben!“

Mein Onkel schwieg, den Kopf gesenkt. Die Beredsamkeit Fomas behielt

offenbar die Oberhand; denn mein Onkel wagte nichts mehr zu entgegnen

und gab damit eigentlich schon zu, daß er der „große Verbrecher“ sei.

Die Generalin und ihre Freundinnen hatten stumm und andächtig Fomas Rede

angehört; die Perepelizyna blickte mit schadenfrohem Triumph auf die

arme Nastenjka.

„Bestürzt, erregt, halbtot,“ fuhr Foma fort, „schloß ich mich heute ein

und betete, daß Gott mich erleuchte! Endlich beschloß ich, Sie zum

letzten Male und öffentlich zu prüfen. Vielleicht habe ich mich mit gar

zu großem Eifer darangemacht, vielleicht habe ich mich gar zu sehr

meinem Unwillen hingegeben! Doch für meine edelsten Absichten warfen Sie

mich zur Tür hinaus! Noch als ich aus der Türe flog, dachte ich bei mir:

‚Sieh, so wird in der Welt die Tugend belohnt!‘ Hieran schlug ich auf

die Erde, und was weiter mit mir geschah – dessen entsinne ich mich kaum

noch.“

Gestöhn und Wehklagen unterbrachen Foma bei dieser tragischen

Erinnerung. Die Generalin stürzte mit der Flasche Malaga, die sie vor

einer Minute der zurückgekehrten Praskowja Iljinitschna aus der Hand

gerissen hatte, zu Foma; dieser jedoch wies mit majestätischer

Handbewegung die Flasche samt der Generalin zurück.

„Unterbrechen Sie mich nicht. Ich muß beenden. – Was nach meinem Sturz

geschah – ich weiß es nicht. Ich weiß nur eines, daß ich jetzt,

durchnäßt und der Gefahr einer Influenza ausgesetzt, hier stehe, um Ihr

beiderseitiges Glück zu schaffen. Oberst! Aus vielen Anzeichen, die ich

jetzt nicht weiter erklären will, habe ich schließlich die Überzeugung

gewonnen, daß Ihre Liebe rein und sogar erhaben ist. Und wenn auch

gleichzeitig von einem geradezu verbrecherischen Mißtrauen gemartert,

erniedrigt, der Beleidigung eines ehrenhaften Mädchens verdächtigt,

desselben Mädchens, für das ich wie ein mittelalterlicher Ritter mein

Blut bis auf den letzten Tropfen hingegeben hätte, entschließe ich mich

nunmehr, Ihnen zu zeigen, wie Foma Opiskin sich für ihm zugefügte

Beleidigungen rächt. Geben Sie mir Ihre Hand, Oberst!“

„Mit Vergnügen, Foma!“ rief mein Onkel aus. „Und da du dich jetzt

deutlich über die Ehre des ehrenwertesten Mädchens ausgesprochen hast,

so ... hier ist meine Hand, Foma, und gleichzeitig gestehe ich dir meine

aufrichtige Reue ...“

Und mein Onkel reichte ihm von ganzem Herzen die Hand, ohne zu ahnen,

was daraus entstehen sollte.

„Geben Sie mir auch Ihre Hand,“ fuhr Foma mit milder Stimme fort, indem

er sich durch den Kreis der ihn umgebenden Damen an Nastenjka wandte.

Nastenjka erschrak, verwirrte sich und blickte schüchtern zu Foma

hinüber.

„Kommen Sie, kommen Sie, mein liebes Kind! Das ist unbedingt notwendig

zu Ihrem Glück,“ fuhr Foma freundlich fort, während er immer noch die

Hand meines Onkels in der seinen hielt.

„Was mag er wollen?“ fragte Misintschikoff leise.

Nastjä näherte sich schließlich, noch immer erschrocken und ängstlich,

Foma Fomitsch und reichte ihm zaghaft ihr Händchen.

Foma nahm dieses Händchen und legte es in die Hand meines Onkels.

„_Ich vereinige und segne euch!_“ sagte er mit der feierlichsten Stimme.

„Und wenn der Segen eines vom Leid erdrückten Märtyrers euch Nutzen

bringen kann, so seid glücklich! Nun seht ihr, wie sich Foma Opiskin

rächt! Hurra!“

Wir waren sprachlos. Diese Lösung kam so unerwartet, daß niemand sie

verstand. Die Generalin glich einer Salzsäule mit einer Flasche Malaga

in der Hand. Die Perepelizyna erbleichte und erzitterte vor Wut. Das

übrige Gefolge schlug die Hände über dem Kopf zusammen und erstarrte in

dieser Stellung. Mein Onkel fuhr zusammen und wollte etwas sagen,

brachte aber kein Wort hervor. Nastjä war blaß wie eine Tote und

stammelte zwar ein „aber das geht doch nicht ...“ – aber jetzt war es zu

spät. Bachtschejeff war der erste – man muß ihm Gerechtigkeit

widerfahren lassen –, der in Fomas Hurra einstimmte, nach ihm ich, nach

mir Ssaschenjka mit allem Jubel ihrer hellen Kinderstimme. Zugleich

eilte sie zum Vater und umarmte und küßte ihn –, dann Iljuscha, dann

Jeshowikin, und zum Schluß auch Misintschikoff.

„Hurra!“ schrie noch einmal Foma, „hurra! Und jetzt auf die Knie, meine

Herzenskinder, auf die Knie vor der zärtlichsten der Mütter! Bittet um

ihren Segen, und wenn es nötig ist, werde ich selbst mit euch vor ihr

niederknien ...“

Mein Onkel und Nastjä, die einander noch nicht angesehen hatten und im

ersten Schreck wahrscheinlich noch gar nicht begriffen, was mit ihnen

geschah, knieten sogleich vor der Generalin nieder: die übrigen

gruppierten sich um sie herum. Die Generalin stand wie betäubt, rührte

sich nicht und schien nicht begreifen zu können, was sie tun sollte.

Doch da half Foma: er kniete in eigener Person vor seiner Gönnerin

nieder, was diese im Augenblick zur Besinnung brachte. Sie brach in

Tränen aus und sagte, daß sie einverstanden sei. Der Oberst sprang auf

und preßte Foma an seine Brust.

„Foma! ... Foma!“ rief er aus, doch seine Stimme versagte.

„Champagner!“ rief Herr Bachtschejeff. „Hurra!“

„Nein, nicht Champagner,“ unterbrach ihn die Perepelizyna, die

inzwischen schon Zeit gehabt hatte, sich zu besinnen, sich die Sachlage

zu überlegen und gleichzeitig auch die Folgen zu berechnen, – „jetzt muß

man Gott ein Licht anzünden, vor dem Heiligenbilde beten und mit dem

Heiligenbilde das Brautpaar segnen, wie alle Gottesfürchtigen es tun

...“

Sofort beeilten sich alle, den vernünftigen Rat zu befolgen. Alles lief

kreuz und quer. Zuerst mußte das Licht angezündet werden. Herr

Bachtschejeff zog einen Stuhl herbei, stellte ihn vor das Heiligenbild

und kletterte höchst eigen hinauf, um das Licht einzusetzen. Der Stuhl

jedoch war nicht für eine solche Last gedacht: er krachte in allen

Fugen, und Herr Bachtschejeff rettete nur mit Mühe und Not sein

Gleichgewicht. Doch ohne sich im geringsten über seinen Mißerfolg zu

ärgern, trat er den Platz sofort höflich der Perepelizyna ab. Die dünne

Jungfer erledigte die Sache denn auch im Augenblick: das Licht brannte.

Und wie die Perepelizyna, so bekreuzte sich und verneigte sich das ganze

Gefolge bis zur Erde. Hierauf wurde das Heiligenbild der Generalin

gereicht. Der Oberst und Nastenjka knieten nochmals vor ihr nieder, und

die Zeremonie vollzog sich unter gottesfürchtigen Vorhaltungen der

Perepelizyna, die zu jedem ihrer Worte Unterweisungen hinzufügte: „Knien

Sie jetzt nieder, küssen Sie jetzt das Heiligenbild, küssen Sie der

Mutter die Hand!“ Nach den Verlobten hielt es auch Herr Bachtschejeff

für seine Pflicht, das Heiligenbild zu küssen, worauf er die Hand der

Generalin an die Lippen führte. Er befand sich mit einem Male in

unbeschreiblicher Begeisterung.

„Hurra!“ schrie er immer von neuem. „Aber jetzt Champagner!“

Übrigens waren alle begeistert. Die Generalin weinte, doch waren es

diesmal Tränen der Freude: die Verbindung, die Foma gesegnet hatte,

wurde in ihren Augen ohne weiteres sowohl heilig wie auch möglich, und

vor allen Dingen fühlte sie, daß Foma Fomitsch sich ausgezeichnet hatte

und jetzt ganz sicher wieder bei ihr bleiben werde. Auch ihr Gefolge

teilte – wenigstens äußerlich – die allgemeine Begeisterung. Mein Onkel

ging bald zu seiner Mutter, um ihre Hände zu küssen; bald umarmte er

mich, Bachtschejeff, Misintschikoff und Jeshowikin. Seinen Iljuscha

hätte er um ein Haar erdrückt in seinen Armen. Ssaschenjka hing sich an

Nastenjka und küßte sie unaufhörlich. Praskowja Iljinitschna weinte

still. Als Herr Bachtschejeff das bemerkte, ging er zu ihr hin und küßte

ihr die Hand. Der alte Jeshowikin wischte sich, in die entfernteste Ecke

zurückgezogen, mit einem Zipfel seines karierten Schnupftuches

gleichfalls Tränen aus den Augen. In der anderen Ecke schluchzte Gawrila

und sah andächtig zu Foma Fomitsch auf. Falalei aber brüllte

herzbrechend vor lauter Rührung, trat zu jedem Anwesenden und küßte ihm

die Hand. Alle flossen über vor lauter Gefühl. Niemand vermochte zu

sprechen. Niemand dachte an Erklärungen. Es schien alles schon gesagt zu

sein. Nur freudige Ausrufe wurden laut. Im Grunde begriff zwar noch

keiner so recht, was und wie es eigentlich geschehen war. Man wußte nur

das eine: daß Foma Fomitsch alles getan und geordnet hatte, und daß eine

unwiderrufliche Tatsache vor einem stand.

Noch waren keine fünf Minuten des allgemeinen Glücks vergangen, als

plötzlich auch Tatjana Iwanowna erschien. Durch wen, durch welchen

Spürsinn mochte sie oben in ihrem Zimmer Kunde von der Verlobung

erhalten haben? Mit strahlendem Gesicht, mit Freudentränen in den Augen

und in bezaubernd eleganter Toilette – sie hatte inzwischen doch Zeit

und Lust dazu gehabt, sich umzukleiden – erschien sie in der Tür und

flatterte wie eine Schwalbe zu Nastenjka, die sie krampfhaft in ihre

Arme schloß.

„Nastenjka, Nastenjka! Du hast ihn geliebt, ich aber habe es nicht

einmal gewußt!“ rief sie aus. „O Gott! Sie haben sich geliebt, sie haben

heimlich gelitten, ohne daß jemand es gewußt hätte! Man hat sie

verfolgt! Welch ein Roman! Nastjä, mein Täubchen, sag mir die ganze

Wahrheit: liebst du denn wirklich diesen – Toren?“

Statt einer Antwort umarmte Nastjä sie und küßte sie auf den Mund.

„O Gott, welch ein entzückender Roman!“ Tatjana Iwanowna klatschte in

die Hände vor Freude. Hör, Nastjä, hör, mein Engel: alle diese Männer,

alle bis auf den letzten sind sie undankbare Unmenschen, Ungeheuer und

unserer Liebe nicht wert. Er aber ist vielleicht noch der beste von

ihnen. „Komm her zu mir, du Tor!“ rief sie plötzlich meinem Onkel zu,

sich an ihn wendend, und sie erfaßte seine Hand, um ihn zu sich zu

ziehen. „Bist du wirklich verliebt? Bist du wirklich fähig zu lieben?

Sieh mich an: ich will dir in die Augen sehen, ich will sehen, ob diese

Augen lügen ... Nein, nein, sie lügen nicht – in ihnen leuchtet wahre

Liebe. Oh, wie glücklich ich bin! Nastenjka, meine Freundin, hör mich

an: du bist nicht reich – ich schenke dir dreißig Tausend. Nimm sie, um

Christi willen! – ich bitte dich! Ich brauche sie nicht, ich habe sie

nicht nötig! Es bleibt mir ja noch genug! Nein, nein, nein!“ wehrte sie

heftig, als sie sah, daß Nastjä das Geschenk nicht annehmen wollte.

„Schweigen Sie, Jegor Iljitsch, das geht Sie nichts an. Nein, Nastjä,

ich habe es so beschlossen – sie dir zu schenken. Ich wollte dir immer

schon ein Geschenk machen, aber ich wartete auf deine erste Liebe ...

Und nun werde ich euer Glück sehen und mich mitfreuen. Du wirst mich

kränken, wenn du es nicht annimmst, ich werde weinen, Nastjä ... Nein,

nein, nein und nein, du darfst mir die Bitte nicht abschlagen!“

Tatjana Iwanowna war so glücklich, daß man ihr – wenigstens in diesem

Augenblick – unmöglich ihre Bitte und ihr Geschenk abschlagen konnte:

sie hätte einem zu leid getan. So tat man es denn auch vorläufig nicht

... man schob es auf. Darauf fiel sie der alten Generalin um den Hals,

küßte sie, küßte die Perepelizyna – küßte alle. Bachtschejeff drängte

sich in der höflichsten Weise zu ihr durch und bat sie, ihr die Hand

küssen zu dürfen.

„Du mein Mütterchen, mein Täubchen! Verzeih mir altem Dummkopf, was auf

der Rückfahrt geschah – ich kannte doch dein goldenes Herz noch nicht!“

„Ach, Sie Tor! Ich aber kenne Sie schon lange!“ sagte Tatjana Iwanowna

mit schelmischer Koketterie, schlug Stepan Alexejewitsch mit dem

Batisttüchelchen auf die Nase und flatterte wie eine Nixe davon, während

ihr prächtiges Kleid ihn streifte.

Der Dicke trat ehrerbietig zurück.

„Ein vortreffliches Mädchen!“ sagte er gerührt. „Aber dem Deutschen ist

ja die Nase wieder angeklebt worden!“ flüsterte er mir vertrauensvoll zu

und sah mir froh in die Augen.

„Was für eine Nase? Welch einem Deutschen?“ fragte ich verständnislos.

„Na, dem verschriebenen doch, der seiner Dame das Händchen küßt, während

diese sich eine Träne mit dem Schnupftuch aus dem Auge wischt. Mein

Jewdokim hat sie ihm noch gestern zu Haus angeleimt. Als wir aber vorhin

von der Jagd zurückkamen, schickte ich einen reitenden Boten ... Bald

wird er hier sein. Ein großartiges Ding, sag’ ich Ihnen!“

„Foma!“ rief mein Onkel in fassungsloser Begeisterung aus, „du bist der

Urheber meines Glücks! Womit kann ich es dir vergelten?“

„Mit nichts, Oberst,“ sagte Foma mit einer Asketenmiene. „_Fahren Sie

fort, mir keine Beachtung zu schenken_, und seien Sie glücklich ohne

Foma.“

Er fühlte sich offenbar verletzt – während des großen

Gefühlsüberschwanges schien man ihn, und wenn auch nur einen Augenblick,

beinahe vergessen zu haben.

„Das war ja nur die übergroße Seligkeit, Foma!“ rief mein Onkel aus.

„Ich ... weiß kaum noch, wo ich bin, Freund! Höre, Foma: ich habe dich

beleidigt. Mein ganzes Leben, all mein Blut würde nicht ausreichen, um

diese Beleidigung wieder gutzumachen, und deshalb schweige ich lieber

und versuche gar nicht, meine Tat zu entschuldigen. Wenn du aber jemals

meines Kopfes, meines Lebens bedarfst, wenn jemand sich für dich in

einen Abgrund stürzen muß, so befiehl nur, und du wirst sehen ... Ich

sage nichts weiter, Foma!“

Und mein Onkel machte nur eine Handbewegung, da er die Unmöglichkeiten,

in Worten noch etwas hinzuzufügen, das seinen Gedanken stärker

ausdrücken könnte, vollkommen einsah. Dann blickte er Foma mit

dankbaren, feucht schimmernden Augen an.

„Jetzt sieht man erst, was für ein Engel er ist!“ flötete honigsüß die

Perepelizyna – bereit, Foma anzubeten.

„Ja, ja!“ stimmte ihr Ssaschenjka bei. „Ich wußte gar nicht, daß Sie ein

so guter Mensch sind, Foma Fomitsch – und ich war so ungezogen zu Ihnen.

Verzeihen Sie mir, Foma Fomitsch, und glauben Sie mir, daß ich Sie von

ganzem Herzen lieben werde. Wenn Sie wüßten, wie ich Sie jetzt achte!“

„Foma!“ sagte Herr Bachtschejeff, „verzeih auch mir. Ich war dumm. Ich

kannte dich nicht, ich kannte dich wahrhaftig nicht! Du, Foma Fomitsch,

du bist nicht nur ein Gelehrter, sondern einfach – ein Held! Mein ganzes

Haus steht dir zur Verfügung. Komm nur. Am besten aber, weißt du, komm

gleich übermorgen zu mir; aber selbstverständlich lade ich auch die

Braut und den Bräutigam ein ... Jawohl! – das ganze Haus zu mir! Dann

wollen wir mal speisen – ich will nichts vorher loben, nur eines schicke

ich voraus: bloß Vogelmilch kann ich euch nicht vorsetzen! Darauf gebe

ich mein Wort!“

Währenddessen war Nastenjka zu Foma Fomitsch getreten und hatte ihn,

ohne viel zu reden, umarmt und herzlich geküßt.

„Foma Fomitsch,“ sagte sie, „Sie sind unser Wohltäter, Sie haben so viel

für uns getan, daß ich nicht weiß, wie ich es Ihnen entgelten soll ...

Ich weiß nur, daß ich Ihnen die liebevollste und ehrerbietigste

Schwester sein will ...“

Tränen erstickten ihre Stimme. Foma küßte sie auf die Stirn und war sehr

gerührt.

„Meine Kinder, Kinder meines Herzens!“ sagte er. „Lebt, blüht, und in

den Stunden des Glücks gedenkt bisweilen auch des armen Ausgestoßenen!

Von mir aber sage ich, daß Unglück vielleicht die Mutter der Tugend ist.

Das hat, glaube ich, Gogol gesagt, ein sonst leichtfertiger

Schriftsteller, der aber mitunter gute Gedanken hat. Ausgestoßen werden

– ist Unglück! Als unsteter Wanderer werde ich jetzt mit meinem

Wanderstabe des Weges ziehen und – wer weiß? – durch mein Unglück

vielleicht immer noch tugendreicher werden! Dieser Gedanke ist der

einzige mir noch verbliebene Trost!“

„Aber ... wohin willst du denn gehen, Foma?“ fragte mein Onkel

erschrocken.

Alle zuckten zusammen und richteten ihre Blicke auf Foma.

„Kann ich denn nach der mir zugefügten Kränkung noch in diesem Hause

bleiben, Oberst?“ fragte Foma mit ungeheurer Würde.

Man ließ ihn nicht weitersprechen: ein wahrer Tumult erhob sich und

verschlang jedes gesprochene Wort. Er wurde wieder in seinen Sessel

gesetzt, wurde angefleht und beweint, und ich weiß nicht, was noch alles

mit ihm getan wurde. Natürlich hatte er diesmal ebensowenig die Absicht,

„dieses Haus“ zu verlassen, wie vor seinem Flug durch die Glastür oder

wie am Abend vorher oder wie damals, als er im Gemüsegarten alle Rüben

umgrub. Er wußte genau, daß man sich jetzt erst recht an ihn klammern

werde, – gerade jetzt, nachdem er alle glücklich gemacht hatte, alle von

neuem an ihn glaubten und bereit waren, ihn auf den Händen zu tragen und

sich das noch zur Ehre anzurechnen. Wahrscheinlich war es seine feige

Rückkehr – die sehr aus eigenem Antriebe geschehen war, als das Gewitter

ihn erschreckt hatte – die nun seinen Ehrgeiz anstachelte und ihn trieb,

den Helden zu spielen. In der Hauptsache aber war es natürlich die

Versuchung, einen erhabenen Menschen darzustellen, – die war denn doch

zu groß! Man konnte so schön reden, das eigene Unglück ausmalen, sich

selbst erheben und loben – wie sollte man da der Versuchung widerstehen?

Und so widerstand er ihr denn auch nicht: er wollte sich aus den Armen

der ihn Zurückhaltenden reißen, verlangte einen Wanderstab, bat sogar,

ihm seine Freiheit wiederzugeben, ihn seines Weges ziehen zu lassen: in

„diesem Hause“ sei er entehrt und geschlagen worden, er sei nur aus dem

Grunde zurückgekehrt, um erst noch das Glück der Zurückgebliebenen zu

schaffen – wie könne er „im Hause der Undankbarkeit“ bleiben? Wie könne

er „am selben Tische mit ihnen Kohl – wenn auch fettgekochten – zu essen

fortfahren“? Kohl, der „mit Schlägen gewürzt“ war? Endlich ließ er sich

besänftigen. Er wurde wieder in seinen Ruhestuhl gesetzt – doch seine

Beredsamkeit hatte, wie sich zeigte, auch jetzt noch nicht ihr Ende

erreicht.

„Hat man mich denn hier nicht beleidigt?“ rief er aus. „Hat man mir hier

nicht die Zunge gezeigt? Haben denn nicht Sie, Sie selbst, Oberst, wie

die ungezogenen Kinder in den Vorstadtstraßen mir täglich, stündlich die

Faust gezeigt? Ja, Oberst! Ich bestehe auf diesem Vergleich, weil Sie

mir diese Faust, wenn auch nicht physisch, so doch moralisch gezeigt

haben. Eine moralische Faust ist aber in manchen Fällen sogar kränkender

als eine physische. Von den Schlägen ganz zu schweigen ...“

„Foma! ... Foma!“ unterbrach ihn mein Onkel. „Martere mich nicht mit

dieser Erinnerung! Ich habe dir gesagt, daß all mein Blut nicht genügen

würde, um die Tat vergessen zu machen. Sei doch großmütig! Vergiß,

vergib, bleibe hier und freue dich an unserem Glück! Es ist dein Werk,

Foma ...“

„... Ich will lieben, ich will den Menschen lieben,“ redete Foma

unaufhaltsam weiter; „man gibt ihn mir aber nicht, man verbietet mir,

ihn zu lieben, man nimmt ihn mir fort, den Menschen! Gebt mir, gebt mir

den Menschen, damit ich ihn lieben kann! Wo ist dieser Mensch? Wo hat er

sich versteckt dieser Mensch? Wie Diogenes suche ich ihn mit der

Laterne, suche ihn mein ganzes Leben lang und kann ihn nicht finden ...

und kann doch keinen anderen lieben, bevor ich nicht diesen Menschen

gefunden habe. Wehe dem, der mich zum Menschenhasser gemacht hat! Da

rufe ich nun: Gebt mir den Menschen, auf daß ich ihn lieben kann, und

man schiebt mir Falalei zu! Werde ich denn einen Falalei jemals lieben

können? Will ich denn Falalei lieben? Kann ich denn Falalei überhaupt

lieben, selbst wenn ich es _wollte_? Nein!! Und warum nicht? Weil er

Falalei ist. Warum liebe ich nicht die ganze Menschheit? Weil alles, was

es auf der Welt gibt – Falalei ist oder Falalei ähnlich ist. Ich will

keinen Falalei, ich hasse Falalei, ich speie auf Falalei, ich werde

Falalei erwürgen, und wenn ich wählen soll, so werde ich eher Asmodei

lieben als Falalei! Komm, komm her, du mein ewiger Peiniger, komm her!“

rief er plötzlich dem armen Falalei zu, der sich mit dem unschuldigsten

Gesicht der Welt hinter der Foma umgebenden Schar auf die Fußspitzen

erhob und mit langgerecktem Hals über die Schultern der anderen lauerte.

„Komm her! Ich werde Ihnen beweisen, Oberst,“ eiferte Foma und zog den

vor Schreck fast bewußtlosen Falalei an der Hand zu sich heran, „ich

werde Ihnen die Wahrheit meiner Worte über den ewigen Spott und die

Beleidigungen beweisen! Sprich, Falalei, und sage die Wahrheit: wovon

hat dir heute nacht geträumt? Sie werden sehen, Oberst, Sie werden Ihre

Früchte sehen! Nun, Falalei, sprich!“

Der arme Knabe blickte sich zitternd vor Angst im Kreise um und suchte

einen Retter in einem von uns, doch alle zitterten nur gleich ihm und

harrten mit Bangen der Antwort.

„Sprich, Falalei, ich warte!“

Statt einer Antwort zog Falalei das Gesicht kraus, sperrte langsam den

Mund auf und brüllte dann los wie ein junges Kalb.

„Oberst! Sehen Sie diesen Eigensinn? Halten Sie ihn wirklich für

natürlich? Zum letztenmal wende ich mich an dich, Falalei, – antworte:

wovon hat dir heute nacht geträumt?“

„Von ...“

„Sag von mir!“ raunte ihm Bachtschejeff ins eine Ohr.

„Von Euren Tugenden!“ raunte ihm Jeshowikin ins andere Ohr.

Falalei sah sich bloß um.

„Von ... von einer Ku– ... von einer weißen K ... u ... h“ brüllte er

schließlich, und ein Strom von Tränen ergoß sich über seine roten

Backen.

Alles stöhnte auf.

Foma Fomitsch jedoch war diesmal von ganz ungewöhnlicher Großmut.

„Wenigstens sehe ich deine Aufrichtigkeit, Falalei,“ sagte er, „eine

Aufrichtigkeit, die ich bei den anderen nicht wahrzunehmen vermag. Gott

mit dir! Wenn du mich absichtlich mit diesem Traum verspottest, auf

Grund der Einflüsterung anderer, so wird Gott sowohl dich wie diese

anderen dafür heimsuchen. Wenn du mich jedoch nicht verspotten willst,

dann achte ich wenigstens deine Aufrichtigkeit; denn selbst in der

niedrigsten aller Kreaturen, selbst in dir bin ich Gottes Ebenbild zu

sehen gewohnt ... Ich verzeihe dir, Falalei! Meine Kinder, umarmt mich!

Ich bleibe! ...“

„Er bleibt!“ rief alles begeistert aus.

„Ich bleibe und verzeihe! Oberst, belohnen Sie Falalei mit Zucker. Mag

auch er an einem solchen Freudentage nicht traurig sein!“

Eine solche Großmut erschien geradezu wunderbar! _So_ sich zu sorgen und

das noch dazu in einer _solchen_ Stunde, und um wen? – um Falalei!

Mein Onkel beeilte sich, dem Befehl sofort nachzukommen. Und schon

erschien eine Zuckerdose in Praskowja Iljinitschnas Händen. Mein Onkel

nahm zuerst zwei Stücke, dann drei, ließ sie in der Aufregung fallen,

und da er schließlich einsah, daß er mit seinen zitternden Händen nichts

machen konnte, so nahm er einfach die Dose und schüttete den ganzen

Inhalt Falalei in die Bluse.

„Ach! Zur Feier eines solchen Tages! Halt fest, Falalei ... Das ist für

deine Aufrichtigkeit,“ fügte er noch als „Moral“ hinzu.

Da erschien plötzlich Widopljässoff in der Tür und meldete: „Herr

Korowkin!“

Alle waren überrascht. Der Besuch Korowkins kam gerade in diesem

Augenblick äußerst ungelegen. Alle sahen fragend meinen Onkel an.

„Korowkin!“ rief er etwas bestürzt aus. „Natürlich, es freut mich ...“

fügte er mit scheuem Blick auf Foma hinzu; „nur weiß ich nicht, soll ich

ihn jetzt, in diesem Augenblick herbitten lassen ...? Was meinst du,

Foma?“

„Oh, nichts!“ sagte Foma gnädig, „fordern Sie den Korowkin nur auf,

einzutreten, mag er an dem allgemeinen Glück teilnehmen.“

Kurz, Foma Fomitsch war die Güte selbst.

„Wage untertänigst zu melden,“ bemerkte Widopljässoff, „daß Herr

Korowkin sich nicht in Ihrem gewöhnlichen Zustande zu befinden geruhen.“

„Was? Was faselst du da?“ fuhr mein Onkel erschrocken auf.

„Zu Befehl: der Herr befinden sich nicht in nüchternem Zustande ...“

Doch noch bevor mein Onkel den Mund auftun, erröten, erschrecken und

sich besinnen konnte, fand das Rätsel schon seine Lösung: in der Tür

erschien Herr Korowkin in höchsteigener Person, schob den Diener mit der

Hand zur Seite und trat vor das verwunderte Publikum.

Es war ein mittelgroßer, dicker Herr von vierzig Jahren, mit dunklem,

über den Kamm geschnittenem, grau untermischtem Haar, mit kleinen,

geröteten Augen, einem roten, runden Gesicht, einer billigen Krawatte,

die hinten mit einer Gummistrippe schloß, und in einem ungewöhnlich

abgetragenen Frack, mit dem er im Heu und auf der Erde gelegen zu haben

schien, und der unter den Armen bereits Risse hatte. Dazu denke man sich

ein unmögliches Beinkleid und eine Mütze, die bis zur Unglaublichkeit

fettig glänzte, und die er noch obendrein wie einen ^Chapeau claque^ mit

gebogenem Arm weit von sich hielt. Dieser Herr nun war tatsächlich

vollkommen betrunken. Er trat bis in die Mitte des Zimmers vor, blieb

dann stehen und schwankte, die Nase gesenkt, wie in tiefem Nachdenken.

Schließlich weiteten sich langsam seine Mundwinkel, und er lächelte

übers ganze Gesicht.

„Verzeihen Sie, meine Verehrtesten,“ sagte er, „ich ... habe ... etwas

(er knipste sich an den Kragen) hier hinabgegossen!“

Die Generalin setzte sofort die Miene beleidigter Würde auf. Foma, der

in seinem Ruhestuhl lehnte, maß den exzentrischen Gast mit ironischem

Blick. Bachtschejeff sah ihn verständnislos an, doch blickte durch diese

Verständnislosigkeit ein gewisses Mitgefühl. Die Verwirrung meines

Onkels war unbeschreiblich: er litt mit ganzer Seele für Korowkin.

„Korowkin!“ begann er zwar, „hören Sie! ...“

„^Attendez^ gefälligst!“ unterbrach ihn Korowkin. „Habe die Ehre, mich

vorzustellen: ein Kind der Natur ... Aber was sehe ich? Hier sind ja

Damen ... Aber warum hast du mir nicht gesagt, du Schuft, daß du hier

Damen hast?“ fragte er, sich mit verschlagenem Lächeln an meinen Onkel

wendend. „Tut nichts! Habe keine Angst! ... Stellen wir uns also auch

dem schönen Geschlechte vor ... Vereh...ehrungswürdige Damen!“ begann

er, während er nur mit Mühe die Zunge bewegte und bei jeder Silbe

stecken blieb, „Sie sehen einen Unglücklichen vor sich, der ... nun ja,

und dann so weiter ... Das übrige wird nicht ausgesprochen ...

Musikkapelle! Eine Polka!“

„Wäre es Ihnen nicht recht, zunächst ein wenig zu schlafen?“ fragte

Misintschikoff, der ruhig zu ihm trat.

„Schlafen? Fragen Sie das in beleidigendem Sinne?“

„Durchaus nicht. Wissen Sie, es ist manchmal gut nach der Reise ...“

„Niemals!“ antwortete Korowkin voll Unwillen. „Du glaubst, ich sei

betrunken? – nicht im geringsten! ... Aber übrigens, wo schläft man denn

hier bei euch?“

„Gehen wir, ich werde Sie hinführen.“

„Wohin? In den Schuppen? Nein, Freund, mich betrügst du nicht! Dort habe

ich schon übernachtet ... Aber übrigens, führ mich mal zu ... Warum soll

man nicht gehen – mit einem guten Menschen? ... Ein Kissen ist nicht

nötig ... ein Soldat braucht kein Kissen. Du könntest mir aber, Freund,

einen Diwan, einen Diwan, weißt du, einen Diwan zusammenstellen ... Aber

hör (er blieb stehen), du bist, wie ich sehe, ein witziger Bruder ...

Komponier mir mal so etwas ... verstehst du? Etwas, um eine Fliege

hinabzuspülen ... einzig, um eine Fliege hinabzuspülen, ein ... das

heißt, ein Gläschen!“

„Schön, schön!“ sagte Misintschikoff.

„Schön ... Aber du, wart doch, man muß sich erst verabschieden ... Also:

Adieu, ^mesdames^ und ^mesdemoiselles^! ... Sie haben mich, wie man

sagt, durchbohrt ... Aber was! Werden uns später aussprechen ... nur

wecken Sie mich, wenn es anfängt ... oder sogar fünf Minuten vor dem

Beginn ... ohne mich aber bitte – nicht zu beginnen! Hören Sie? Nicht zu

beginnen!“

Und der lustige Herr verschwand hinter Misintschikoff.

Alles schwieg. Niemand begriff, was geschehen war. Da begann plötzlich

Foma leise, zunächst kaum hörbar zu kichern. Dann wurde dieses Kichern

immer lauter, bis es schließlich in helles Lachen überging. Als die

Generalin das sah, wurde sie sanftmütiger, wenn auch der Ausdruck

gekränkter Würde immer noch in ihrem Gesicht verblieb. Allmählich erhob

sich auf allen Seiten unwillkürlich Lachen und Fröhlichkeit. Mein Onkel

stand wie betäubt auf einem Fleck, errötete fast bis zu Tränen und war

eine Zeitlang zu keinem Wort fähig.

„Großer Gott!“ stieß er endlich hervor, „wer hätte das ahnen können!

Aber ... aber das kann ja doch einem jeden passieren, Foma, glaube mir,

er ist der ehrlichste, der edelste Mensch und außerordentlich belesen,

Foma ... du wirst es selbst sehen! ...“

„Sehe schon, sehe schon,“ antwortete Foma, atemlos vor Lachen,

„ungewöhnlich belesen ... belesen!“

„Und wie er spricht!“ bemerkte Jeshowikin halblaut.

„Foma! ...“ rief mein Onkel aus, doch das allgemeine Lachen verschlang

seine Worte. Foma Fomitsch wälzte sich geradezu. Als mein Onkel diese

Heiterkeit sah, stimmte auch er ein.

„Weiß Gott, ihr habt recht!“ sagte er lachend. „Du bist großmütig, Foma,

du hast ein gutes Herz: du hast mich glücklich gemacht ... du wirst auch

Korowkin verzeihen!“

Nur Nastenjka lachte nicht. Sie sah nur mit liebeleuchtenden Blicken zu

ihrem Verlobten auf, als hätte sie ihm sagen wollen:

„Wie lieb du bist, wie gut, und wie lieb ich dich habe!“

Sämtliche Werke 16 · 第 25 / 28 题