XVIII.

Schluß.

Fomas Sieg war unwiderruflich – war größer noch, als man sich denken

kann. Es ist ja wahr: ohne ihn wäre es nie zu dieser Verlobung gekommen

– die Tatsache, vor der man mit einem Male stand, hob jeden Einwand auf.

Die Dankbarkeit der Glücklichen war denn auch grenzenlos. Als ich eine

kleine Anspielung zu machen versuchte, auf welche Weise man Fomas

Einwilligung erlangt hatte, winkten mir Nastenjka und mein Onkel nur

flehend mit den Händen ab: nichts davon! nichts davon! Ssaschenjka war

gleichfalls begeistert für den Ehebundstifter: „Der gute, gute Foma

Fomitsch! Ich werde ihm ein Kissen dafür sticken!“ sagte sie und tadelte

mich ernstlich, weil ich „so hartherzig“ sein konnte. Stepan

Alexejewitsch Bachtschejeff war geradezu verwandelt und hätte mich

wahrscheinlich erwürgt, wenn es mir nur eingefallen wäre, in seiner

Gegenwart etwas Schlechtes über Foma zu sagen. Er hing jetzt wie ein

Schoßhündchen an ihm und sagte zu allem, was dieser sprach: „Ein edler

Mensch bist du, Foma, der Gelehrteste von allen!“ Was Jeshowikin

anbetrifft, nun – so hatte seine Freude einfach die letzte Grenze

erreicht. Der Alte hatte es schon lange geahnt, daß Jegor Iljitsch in

seine Tochter verliebt war, und seit der Zeit hatte er Tag und Nacht nur

daran gedacht, wie er die beiden zusammenbringen und glücklich machen

könnte. Er hatte die Sache so lange hingezogen, wie es nur noch irgend

ging, und erst dann abgesagt, als ihm nichts anderes mehr übrigblieb. Da

hatte – Foma ganz unerwarteterweise eingegriffen! Natürlich durchschaute

der Alte trotz seiner ehrlichen Freude den Schmarotzer Foma nur zu gut.

Nun war es klar, daß Foma Fomitsch sich für sein ganzes Leben in diesem

Hause festgesetzt hatte und seine Tyrannei hinfort keine Schranken mehr

kennen werde. Bekanntlich sagt man sogar von den unangenehmsten, den

launischsten Menschen, daß sie sich wenigstens für einige Zeit

besänftigen, wenn man alle ihre Wünsche erfüllt. Foma Fomitsch aber –

das konnte man schon damals voraussehen – wurde im Gegenteil nur noch

hochmütiger, nur noch anspruchsvoller und hob die Nase immer noch höher.

Kurz vor dem Essen, nachdem er sich vollkommen umgekleidet hatte, setzte

er sich wieder in seinen Ruhestuhl, rief meinen Onkel zu sich und begann

hierauf in Gegenwart der ganzen Versammlung ihm eine neue Predigt zu

halten.

„Oberst!“ hub er an, „Sie wollen eine rechtmäßige Ehe schließen. Sind

Sie sich auch klar ... Sind Sie sich auch jener Pflichten bewußt, die

...“ usw.

Man denke sich zehn Seiten im Format des „Journal des Débats“, ganze

zehn Seiten, in denen so gut wie überhaupt nicht von Pflichten die Rede

ist, sondern nur von dem Verstande, der Frömmigkeit, der Großmut, dem

männlichen Charakter und der allgemein menschlichen Uneigennützigkeit –

Foma Fomitschs. Alle waren hungrig, alle wollten essen.

Nichtsdestoweniger wagte niemand, ihn zu unterbrechen. Alle hörten

andächtig den ganzen Blödsinn bis zu Ende an. Sogar Bachtschejeff saß

mit seinem ganzen quälenden Hunger da, ohne sich zu rühren, saß mit der

größten Ehrfurcht auf einem kleinen Stuhl. Nachdem sich dann Foma

Fomitsch endlich, endlich genügend an seiner Redekunst erfreut hatte,

ward auch er sehr guter Laune und trank bei Tisch sogar ziemlich viel zu

seinen unvermeidlichen Toasten. Darauf machte er verschiedene Witzchen

über die Verlobten, und alle lachten und spendeten Beifall. Schließlich

wurden die Witzchen aber dermaßen schlüpfrig und unzweideutig, daß

selbst Herr Bachtschejeff nicht wußte, wohin er blicken sollte – und daß

Nastenjka es schließlich nicht mehr aushielt und fortlief. Das war für

Foma denn ein unbeschreibliches Gaudium. Übrigens wußte er sich sogleich

zu fassen: in kurzen, beredten Worten schilderte er alle ihre Tugenden

und brachte zum Schluß ein Hoch auf die Abwesenden aus. Mein Onkel, der

noch vor einer Minute Höllenqualen ausgestanden hatte, war jetzt sofort

wieder bereit, Foma Fomitsch zu umarmen. Es war mir überhaupt

aufgefallen, daß die beiden Verlobten sich ihres Glücks gewissermaßen zu

schämen schienen; ich hatte bemerkt, daß sie seit dem Augenblick ihrer

Verlobung noch so gut wie kein Wort untereinander gewechselt hatten. Als

die Tafel aufgehoben wurde, verschwand mein Onkel plötzlich – niemand

wußte, wohin. Auf der Suche nach ihm war es dann, daß ich zufällig auch

auf die Terrasse kam. Dort redete Foma im Triumphstuhl und bei einer

Tasse Kaffee, ersichtlich stark „ermutigt“. Bei ihm saßen Jeshowikin,

Bachtschejeff und Misintschikoff. Ich gesellte mich zu ihnen, um ein

wenig zuzuhören.

„Warum,“ rief Foma aus, „warum bin ich sofort bereit, für meine

Überzeugungen auf den Scheiterhaufen zu gehen? Und warum ist von euch

kein einziger fähig, den Scheiterhaufen zu besteigen? Warum, warum?“

„Aber das würde ja doch ganz überflüssig sein, Foma Fomitsch, sich einen

Scheiterhaufen zu leisten!“ meinte Jeshowikin, der sich natürlich über

Foma lustig machte. „Was hätte denn das für einen Sinn? Erstens ist es

doch schmerzhaft und zweitens: verbrennt man dich – was bleibt dann noch

von dir übrig?“

„Was von mir übrigbleibt? Edelste Asche bleibt übrig! Aber wie solltest

du das verstehen! – wie solltest du mich richtig zu schätzen verstehen!

Für euch gibt es keine großen Menschen, außer irgendeinem Cäsar oder

Alexander von Mazedonien. Doch was hat denn dein Cäsar Großes

vollbracht? Wen hat er glücklich gemacht? Was hat dein gerühmter

Alexander der Große getan? Die ganze Welt erobert? Aber gib mir nur ein

solches Heer, wie er es hatte, und ich werde gleichfalls erobern, und

auch du wirst erobern, und auch jeder Dritte, Vierte wird erobern ...

Dafür aber hat er den tugendhaften Kleitos erstochen, ich aber habe den

tugendhaften Kleitos _nicht_ erstochen! ... Dieser Schuft! Dieser

Prahlhans! Ruten müßte man ihm geben, aber nicht ihn in der

Weltgeschichte unsterblich machen ... Und ebenso Cäsar!“

„Aber den Cäsar verschonen Sie doch wenigstens, Foma Fomitsch!“

„Fällt mir nicht ein, den Rüpel! ...“ schrie Foma.

„Und ’s ist recht so: schone ihn auch nicht!“ griff mit Eifer Herr

Bachtschejeff auf, der gleichfalls mehr als nötig getrunken hatte. „Wozu

soll man ihn schonen? Alle sind sie Hampelmänner, alle würden sie sich

am liebsten nur auf einem Fuß um sich selber drehen! Diese Wurstmacher!

Da wollte vorhin einer von ihnen noch ein Stipendium stiften. Was ist

denn so ein Stipendium? Der Teufel weiß, was es eigentlich bedeutet!

Könnte wetten, daß es wieder irgend so ’ne neue Schweinerei ist. Und

jener andere, dort, vorhin, schwankt auf den Beinen, schwatzt allen

Unsinn zusammen, will aber noch Rum trinken! Ich aber denke so: Warum

soll der Mensch nicht trinken? Trink doch, trink, aber dann mußt du auch

zu stoppen verstehen ... und dann, nach einem Weilchen trink

meinethalben wieder ... Wozu soll man sie schonen? Alle sind Spitzbuben!

Nur du allein bist gelehrt und groß, Foma!“

Wenn Herr Bachtschejeff sich jemandem hingab, so gab er sich ihm restlos

hin, einwandlos und ohne jede Kritik.

Endlich fand ich meinen Onkel im Garten – im entlegensten Teil: hinter

dem Weiher. Er war nicht allein, sondern mit Nastenjka. Als sie mich

erblickte, verschwand sie im Augenblick hinter dem Gebüsch, als hätte

ich sie bei etwas Unrechtem ertappt. Mein Onkel kam mir mit strahlendem

Gesicht entgegen. In seinen Augen standen, glaube ich, Tränen. Er nahm

meine beiden Hände und drückte sie krampfhaft.

„Mein Freund!“ sagte er, „ich vermag noch immer nicht, an mein Glück zu

glauben ... Nastjä kann es auch noch nicht fassen. Wir wundern uns nur

und danken dem Höchsten ... Sie weinte soeben ... Wirst du mir glauben –

ich bin noch nicht zur Besinnung gekommen: ich glaube es und glaube es

auch wieder nicht! Und womit habe ich das nur verdient? Wofür dieses

Glück? Was habe ich getan? Womit habe ich es verdient?“

„Wenn jemand Glück verdient hat, so sind Sie es, Onkel,“ sagte ich

herzlich. „Ich habe noch niemals einen so ehrlichen, so guten, so

prächtigen Menschen gesehen, wie Sie ...“

„Nein, Ssergei, nein, das ist zuviel,“ antwortete er gleichsam betrübt.

„Das ist ja das schlimmste, daß wir nur dann gut sind – ich rede

natürlich nur von mir allein – wenn wir es selbst gut haben; wenn wir es

aber schlecht haben, dann kommt uns nicht zu nahe! Darüber sprachen wir

soeben noch, Nastjä und ich. Wie erhaben Foma sich auch zeigte, ich habe

vielleicht doch – wirst du es mir glauben? – bis auf den heutigen Tag

nicht ganz an ihn geglaubt, wenn ich mir auch immer wieder seine

Vollkommenheit vorhielt! Selbst gestern glaubte ich nicht, nachdem er

doch ein solches Geschenk zurückgewiesen hatte! Ich muß es zu meiner

Schande gestehen! Mein Herz zittert, wenn ich daran denke, was ich

vorhin getan habe! Aber ich war meiner nicht mehr mächtig ... Als er das

von Nastjä sagte, da war es mir, als hätte mich etwas bis ins Herz

verwundet. Ich verstand ihn nicht und handelte wie ein Tiger ...“

„Ach, Onkel! – das war sogar sehr richtig –“

Mein Onkel winkte wieder nur ab.

„Nein, nein, Freund, sprich nicht so! – das kommt alles ganz einfach nur

von der Verderbtheit meiner Natur, weil ich ein grausamer und

wollüstiger Egoist bin und mich rücksichtslos meinen Leidenschaften

hingebe. Das sagt auch Foma.“ (Was sollte ich darauf erwidern?) „Du

weißt nicht, Ssergei,“ fuhr er mit tiefem Gefühl fort, „wie oft ich

gereizt, unnachsichtig, ungerecht, anmaßend gewesen bin – und nicht nur

Foma gegenüber. Und jetzt habe ich mich alles dessen wieder erinnert, es

ist mir zum Bewußtsein gekommen, und ich schäme mich, daß ich bis jetzt

noch nichts getan habe, um dieses Glückes würdig zu sein. Nastjä sagte

soeben Ähnliches von sich, wenn ich auch nicht weiß, was sie für Sünden

haben könnte; denn sie ist doch ein Engel – kein Mensch! Sie sagte mir,

daß wir Gott unendlich viel schuldig sind, und daß wir uns jetzt bemühen

müssen, besser zu sein und Gutes zu tun ... Wenn du gehört hättest, wie

begeistert, wie schön sie sprach! Himmlischer Vater, was das für ein

Mädchen ist!“

Er verstummte erregt. Nach einer Weile fuhr er fort:

„Wir haben beschlossen, Freund, vor allem zu Foma gut zu sein, zu meiner

Mutter und zu Tatjana Iwanowna. Aber Tatjana Iwanowna! Was sagst du

dazu! Was für ein guter Mensch sie ist! Oh, wieviel ich allen abzubitten

habe! Auch dir, mein Freund ... Aber wenn jetzt jemand wagen sollte,

Tatjana Iwanowna zu beleidigen, oh! dann ... Ach, was rede ich da viel!

... Für Misintschikoff muß man auch etwas tun.“

„Ja, Onkel, ich habe jetzt meine Meinung über Tatjana Iwanowna geändert.

Man muß sie hochachten und Mitleid mit ihr haben.“

„Eben, eben!“ bestätigte mein Onkel eifrig. „Man _muß_ sie achten! Und

da, zum Beispiel, Korowkin ... Du wirst im stillen gewiß über ihn

gelacht haben,“ meinte er mit zaghaftem Seitenblick auf mich, „und wir

alle haben ja über ihn gelacht ... Aber das war doch vielleicht

unverzeihlich von uns ... Er kann doch der beste, der prächtigste Mensch

sein ... Im übrigen aber – das Schicksal ... Er hat vielleicht viel

Unglück gehabt ... Du glaubst es nicht, aber es kann doch wirklich so

sein.“

„Wieso, Onkel, warum sollte ich es nicht glauben?“

Und ich begann ihm auseinanderzusetzen, daß selbst in dem gesunkensten

Geschöpf sich noch die höchsten menschlichen Gefühle erhalten können,

daß die Tiefe der Menschenseele unergründlich sei, daß man die

Gefallenen nicht verachten dürfe, sondern im Gegenteil versuchen müsse,

sie wieder aufzurichten – daß das allgemein angenommene Maß des Guten

und Bösen und des sittlichen Wertes nicht richtig sei, usw. Mit einem

Wort, ich geriet in Begeisterung und erzählte meinem Onkel sogar von der

Schule der Materialisten und Skeptiker. Zum Schluß zitierte ich noch ein

Gedicht von Puschkin – „Wenn aus dem Dunkel der Verirrung“ ... – kurz,

mein Onkel war schließlich auch in vollständiger Begeisterung.

„Mein Freund, mein Freund!“ sagte er, bis ins Herz gerührt, „du

verstehst mich vollkommen, du hast alles, was ich selbst sagen wollte,

viel besser ausgedrückt, als ich es verstanden hätte. So, so ist es,

genau so! Herrgott! Weshalb ist der Mensch böse? Weshalb bin ich so oft

böse, wenn es doch so wunderschön ist, gut zu sein? Dasselbe hat auch

Nastjä soeben gesagt ... Aber sieh doch nur, wie schön es hier am Weiher

ist,“ sagte er plötzlich, sich umschauend, „sieh doch diese ganze Natur!

Welch ein Bild! Sieh mal dort diesen Baum. Den Stamm kann kein Mann

umfassen! Welche Kraft, welch ein Saft, was für Blätter! Und sieh nur

die Sonne! Wie sauber jetzt alles nach dem Regen ist, wie frisch! ...

Man könnte ja glauben, daß auch die Bäume etwas begreifen, fühlen und

das Leben genießen ... Oder sollten sie es wirklich nicht tun – was? Was

meinst du?“

„Warum nicht, Onkel, das ist sehr leicht möglich. Auf ihre Art

natürlich.“

„Eben, natürlich auf ihre Art ... Wunderbarer, wundervoller Schöpfer!

... Aber du mußt dich doch noch gut dieses Gartens entsinnen, Sserjosha?

– Wie du hier spieltest und umherliefst, als du klein warst! Ich

erinnere mich noch so gut, wie du klein warst,“ sagte er plötzlich und

blickte mich mit einem Ausdruck von so grenzenloser Liebe und so

unfaßlichem Glück an. „Nur hierher zum Weiher durftest du nicht allein

gehen. Und weißt du noch, wie einmal am Abend die selige Katjä dich zu

sich rief und dich streichelte ... Du warst im Garten umhergelaufen,

vorher, und deine Bäckchen waren ganz rot; dein Haar war noch ganz

hellblond und ringelte sich zu Löckchen ... Sie spielte mit deinen

Locken und dann sagte sie: ‚Es ist gut, daß du das Waisenkind zu uns

genommen hast.‘ Entsinnst du dich dessen noch, oder nicht mehr?“

„Kaum, kaum, lieber Onkel.“

„Es war damals Abend, und die Sonne schien auf euch beide, und ich saß

in der Ecke, rauchte meine Pfeife und sah zu euch hinüber ... Ich ...

weißt du, Sserjosha, ich fahre in jedem Monat einmal zu ihr, zu ihrem

Grabe, in die Stadt,“ fügte er mit gesenkter Stimme hinzu, deren leises

Beben aufsteigende, unterdrückte Tränen verriet. „Ich habe auch mit

Nastjä vorhin davon gesprochen; sie sagte, daß wir jetzt beide zusammen

zu ihr fahren werden ...“

Mein Onkel verstummte, um seine Erregung niederzuringen.

In dem Augenblick näherte sich uns Widopljässoff.

„Widopljässoff!“ rief mein Onkel erschrocken aus, als er ihn erblickte.

„Schickt dich Foma Fomitsch?“

„Nein, Herr, ich bin mehr in eigener Angelegenheit gekommen.“

„Ah! nun gut! Dann können wir gleich Näheres über Korowkin erfahren ...

Ich wollte schon vorhin nachfragen ... Ich hatte ihm, weißt du,

anbefohlen, Korowkin zu bewachen. Nun, was ist es, Widopljässoff?“

„Erlaube mir, zu erinnern,“ sagte der Diener, „daß der Herr gestern

hinsichtlich meiner Bitte Hilfe zu versprechen geruhten, sowie Schutz

vor den mir alltäglich zugefügten Beleidigungen ...“

„Du kommst wieder mit deinem Familiennamen?“ fragte mein Onkel wahrhaft

entsetzt.

„... Die alltäglich und allstündlich mir zugefügten Beleidigungen ...“

„Ach, Widopljässoff, Widopljässoff! Was soll ich nur mit dir tun?“

fragte mein Onkel ratlos. „Was können denn das für Beleidigungen sein?

Wenn das so weitergeht, wirst du ja einfach wahnsinnig werden und in der

Irrenanstalt dein Leben beschließen!“

„Ich glaube, daß ich mit meinem Verstande ...“ begann Widopljässoff.

„Ach, das ist es doch nicht!“ unterbrach ihn mein Onkel. „Ich sage es

nur so, nicht um dich zu kränken, sondern um dir Vernunft zuzureden.

Nun, was können denn das für Beleidigungen sein? Es ist doch

wahrscheinlich nur ein dummer Scherz!“

„Sie lassen mich nicht ruhig vorübergehen.“

„Wer das?“

„Sowohl alle wie vornehmlich diese Matrjona. Durch sie muß ich fortan

mein ganzes Leben lang leiden. Wie bekannt, haben alle vornehmen

Menschen, welche mich von Kindesbeinen an gesehen haben, gesagt, daß ich

ganz wie ein Ausländer aussehe, vornehmlich in meinem Gesicht. Und

deswegen muß ich jetzt dulden! Sobald ich nur vorübergehe, schreien mir

alle häßliche Worte nach – sogar kleine Kinder, die man zu allererst

durchprügeln müßte, selbst die schreien mir nach ... Auch jetzt, als ich

herkam, schrien sie wieder ... Und das ist zuviel! Wenn der Herr mich zu

verteidigen geruhen wollten, mit Ihrem Schirm und Schutz – denn ich –

... kann ... nicht mehr!“

„Ach, Widopljässoff! ... Was schreien sie dir denn nach? Es wird doch

bestimmt nur irgendeine Dummheit sein, die man überhaupt nicht beachten

sollte!“

„Es läßt sich nicht sagen.“

„Weshalb nicht?“

„Es ist ekelhaft auszusprechen.“

„Ach was, sag es nur!“

„Sie rufen: Grischka der Franzose – hat eine rote Hose.“

„Nun? Und? Ach, Gott, und ich dachte, daß es weiß der Himmel was sei! So

spei doch einfach aus und geh deines Weges!“

„Habe gespien: sie schreien dann noch mehr.“

„Hören Sie, Onkel,“ sagte ich, „er beklagt sich darüber, daß er hier

kein Leben habe. So schicken Sie ihn doch nach Moskau zu jenem

Schönschreiber. Sie sagten doch, daß er dort einmal bei einem solchen

gewesen sei.“

„Ach, Freund, der hat gleichfalls tragisch geendet!“

„Wieso?“

„Sie hatten das Unglück,“ sagte Widopljässoff, „sich fremdes Eigentum

anzueignen, wofür sie, ungeachtet ihres ganzen Talents, ins Gefängnis

gebracht wurden, woselbst sie jetzt unrettbar verloren sind.“

„Gut, gut, Widopljässoff: beruhige dich nur. Ich werde alles das

untersuchen und erledigen,“ sagte mein Onkel, „ich verspreche es dir!

Nun, aber was macht Korowkin? Schläft er?“

„Mit nichten. Sie haben geruht fortzufahren. Ich bin aus diesem Grunde

auch gekommen, um seine Abreise zu melden.“

„Wie das – fortgefahren? Was sprichst du? Wie hast du ihn denn

fortgelassen?“

„Aus reinem Mitleid. Es war traurig anzusehen. Als sie erwachten und

sich des Vorgefallenen erinnerten, da schlugen sie sich vor den Kopf und

schrien herzzerreißend ...“

„Herzzerreißend? ...“

„Ehrerbietiger gesagt: sie gaben verschiedene Schreie von sich. Sie

schrien: wie könnten sie sich jetzt noch dem schönen Geschlecht zeigen?

Und dann sagten sie: ‚Ich bin des Menschengeschlechts unwürdig!‘ Und so

sprachen sie die ganze Zeit mitleiderregend und nur in gewählten

Worten.“

„Habe ich dir nicht gesagt, Ssergei, daß er ein überaus zartfühlender

Mensch ist? ... Aber wie konntest du ihn denn fortfahren lassen,

Widopljässoff, wenn ich dir doch anbefohlen hatte, ihn zu bewachen? Ach

Gott, ach Gott!“

„Mehr infolge meines Mitleids. Sie baten mich himmelhoch, nichts zu

erzählen. Der Postknecht, mit dem sie gekommen waren, hatte die Pferde

inzwischen gefüttert und schirrte sie dann wieder an. Und für die vor

drei Tagen eingehändigte Summe befahlen sie, ihren höflichsten Dank zu

übermitteln und zu sagen, daß sie die Schuld mit der ersten Post

zurücksenden würden.“

„Was ist das für eine Summe, Onkel?“

„Sie nannten fünfundzwanzig Rubel,“ sagte Widopljässoff.

„Ach, das habe ich ihm, weißt du, auf der Station geliehen: sein Geld

reichte nicht ganz. Er wird es mir selbstverständlich mit der nächsten

Post zurücksenden, wie er gesagt hat ... Ach, mein Gott, wie schade, daß

er fortgefahren ist! Soll ich ihm nicht nachschicken? Was meinst du,

Ssergei?“

„Nein, Onkel, schicken Sie ihm lieber nicht nach.“

„Das denke ich auch. Sieh, Ssergei, ich bin natürlich kein Philosoph,

aber ich glaube, daß in jedem Menschen doch viel mehr Gutes ist, als es

äußerlich scheint. So ist es auch mit Korowkin: er hat die Schande nicht

ertragen ... Aber gehen wir jetzt zu Foma! Wir haben uns sowieso zu

lange hier aufgehalten. Er kann sich gekränkt fühlen, er kann es als

Undankbarkeit, als Unaufmerksamkeit auffassen ... Gehen wir also! Nein,

dieser Korowkin, dieser Korowkin!“

Nachbemerkungen.

Der Roman ist zu Ende. Die Liebenden sind vereint, und der Genius der

Güte hat sich in der Person Foma Fomitschs endgültig im Herrenhause von

Stepantschikowo niedergelassen. Zwar könnte man noch eine Menge

Erklärungen, Erläuterungen usw. hinzufügen, doch im Grunde sind diese

jetzt ganz überflüssig. Wenigstens meiner Meinung nach. An Stelle aller

Ergänzungen und Zusätze werde ich nur ein paar Worte über das fernere

Schicksal meiner Helden sagen. Ohne das geht es ja bekanntlich nicht!

Die Kunst selbst will es so! Also –

Die Trauung des glücklichen Brautpaares fand in der sechsten Woche nach

ihrer Verlobung statt. Die Hochzeit wurde sehr still gefeiert, nur im

Familienkreise, ohne jeden Pomp und vor allem ohne überflüssige Gäste.

Misintschikoff und ich waren die Brautführer: ich geleitete Nastenjka,

er meinen Onkel. Übrigens waren doch einige Gäste zugegen. Die erste und

wichtigste Person war natürlich Foma Fomitsch. Ihm wurde alles zu Willen

getan – wie auf den Händen wurde er getragen. Leider aber sollte es

geschehen, daß man einmal vergaß, ihm Champagner zu reichen, und sofort

– hub das alte Lied von neuem an: Foma sprang auf, weinte, grölte, lief

in sein Zimmer, schloß die Tür zu, schrie, daß man ihn jetzt nicht mehr

achte, daß jetzt „neue Menschen“ in die Familie kämen und folglich er,

Foma, nichts mehr sei oder nur soviel wie ein Holzspan, den man zum

Fenster hinauswerfen könne. Mein Onkel war verzweifelt, Nastenjka weinte

und die Generalin fiel nach alter Gewohnheit in Ohnmacht ... Das

Hochzeitsmahl glich alsbald einem Totenschmaus. Und ein solches

Zusammenleben mit dem Wohltäter Foma Fomitsch stand meinem armen Onkel

und der armen Nastenjka noch ganze sieben Jahre bevor! Bis zu seinem

Tode (Foma Fomitsch ist vor einem Jahr gestorben) war er eigensinnig,

launisch, ärgerte sich täglich und hielt allen Moralpredigten. Doch die

Ehrfurcht vor ihm verminderte sich bei den von ihm Beglückten nicht

etwa, sondern wuchs noch täglich, stündlich, in genauem Verhältnis zur

Zunahme seiner Launenhaftigkeit. Jegor Iljitsch und Nastenjka waren

nämlich so glücklich miteinander, daß sie für ihr Glück fürchteten: sie

glaubten, es sei zu groß, sei von ihnen nicht verdient, Gott gäbe ihnen

zuviel Glück, und späterhin würden sie es vielleicht mit Leid und Kummer

bezahlen müssen. So konnte Foma Fomitsch in diesem friedlichen Hause

buchstäblich alles tun, was er nur wollte. Und was tat er nicht alles in

diesen sieben Jahren! Es ist schwer, ja, es ist unmöglich, sich

vorzustellen, bis zu welchen zügellosen Phantasien sich seine

übersättigte, müßige Seele in der Erfindung der raffiniertesten Launen

einer wahrhaft lukullischen Moralität verstieg. Im dritten Jahre nach

der Heirat meines Onkels starb meine Großtante, die Generalin. Der

verwaiste Foma war die Verzweiflung selbst. Sogar jetzt wird in

Stepantschikowo mit wahrem Entsetzen von seinem Zustande in diesen Tagen

gesprochen. Als die Gruft zugeschüttet wurde, wollte er sich mit aller

Gewalt von den anderen, die ihn krampfhaft festhielten, losreißen: in

einem fort schrie er, daß man ihn zusammen mit ihr beerdigen solle!

Einen ganzen Monat gab man ihm weder eine Gabel noch ein Messer in die

Hand, und einmal hatten ganze vier Menschen ihm mit Gewalt den Mund

öffnen müssen, um eine Stecknadel, die er hatte verschlucken wollen,

wieder herauszunehmen. Jemand von den gleichgültigeren Zeugen des

Kampfes hat zwar gemeint, daß Foma Fomitsch, wenn ihm im Ernst darum zu

tun gewesen wäre, diese Stecknadel während des Kampfes schon tausendmal

hätte verschlucken können. Doch diese Behauptung war von allen mit

entschiedenem Unwillen zurückgewiesen worden, und man hatte dem

Betreffenden sogleich Herzensroheit vorgeworfen. Nur Nastenjka schwieg

darüber und lächelte kaum merklich, während mein Onkel stets ein wenig

unruhig wurde, wenn er dieses Lächeln sah. Ich muß hier bemerken, daß

Foma zwar wie ehedem im Hause meines Onkels sich vieles herausnehmen und

nach Herzenslust launisch sein konnte; doch die anmaßenden, die geradezu

unverschämten Moralpredigten, die er früher meinem Onkel hielt, die gab

es jetzt nicht mehr. Foma beklagte sich, weinte, machte Vorwürfe,

tadelte; aber er durfte nicht mehr frech werden, – solche Szenen, wie z.

B. die wegen des Titels Exzellenz, waren jetzt nicht mehr denkbar. Es

war das, glaube ich, auf Nastenjkas Einfluß zurückzuführen. Fast

unmerklich zwang sie Foma, in manchem nachzugeben und sich in manches zu

fügen. Sie duldete es nicht, daß ihr Mann beleidigt wurde, und sie

setzte ihren Willen auch durch. Foma erkannte bald, daß sie ihn fast

_durchschaute_. Ich sage: _fast_; denn andererseits verwöhnte Nastenjka

ihn gleichfalls und stimmte ihrem Mann jedesmal bei, wenn dieser

begeistert seinen Weisen in den Himmel hob. Sie wollte offenbar die

Zuhörer zwingen, alles an ihrem Mann zu achten, und so suchte sie auch

seine Anhänglichkeit an Foma Fomitsch vor anderen stets gutzuheißen. Ich

bin überzeugt, daß ihr gutes Herz alles Leid, das ihr früher von ihm

zugefügt worden war, verziehen und vergessen hatte, wahrscheinlich schon

in demselben Augenblick, als er sie mit meinem Onkel vereinigte.

Außerdem hatte sie sich, glaube ich, im Ernst und mit ganzem Herzen dem

Gedanken hingegeben, daß man von einem „Märtyrer“, einem ehemaligen

Narren, nicht viel verlangen dürfe, sondern ihn pflegen und ihn die

„Wunden“ vergessen machen müsse. Die arme Nastenjka hatte selbst zu den

Erniedrigten gehört, sie hatte selbst gelitten und daher wußte sie, wie

Erniedrigtsein ist. Schon nach einem Monat wurde Foma kleinlauter, wurde

sogar freundlich und bescheiden; dafür aber kamen jetzt neue, überaus

unerwartete Anfälle: er verfiel nämlich bisweilen in einen sogenannten

magnetischen Schlaf, der alle zuerst heftig erschreckte. Der Arme sprach

zum Beispiel etwas ganz Gleichgültiges, oder er lachte – und plötzlich

war er dann erstarrt, und zwar genau in der Stellung, in der er sich im

letzten Augenblick vor dem Anfall befunden hatte: wenn er zum Beispiel

gelacht hatte, so erstarrte er mit einem lachenden Gesicht; hatte er

etwas in der Hand gehalten, eine Gabel vielleicht, einen Löffel, so

blieb die Gabel in der erhobenen Hand. Später sank die Hand natürlich

nieder, doch Foma Fomitsch fühlte nichts und entsann sich auch später

nicht, daß sie niedergesunken sei. Er saß, sah, blinzelte sogar, sprach

jedoch nichts, hörte nichts und begriff nichts. Und das dauerte mitunter

eine ganze Stunde an. Natürlich verging dann das ganze Haus fast vor

Angst; alle hielten den Atem an, schlichen nur auf den Fußspitzen,

weinten ... bis Foma endlich zu erwachen geruhte. Dann fühlte er sich

unsäglich erschöpft und versicherte, während der ganzen Zeit seines

Starrkrampfes nichts gesehen und nichts gehört zu haben. Das hatte

nämlich wirklich noch gefehlt, daß dieser Mensch ganze Stunden lang sich

freiwillig Qualen auferlegte, einzig zu dem Zweck, um dann sagen zu

können: „Seht auf mich, seht, um wieviel ich mehr empfinde als ihr!“

Einmal geschah es auch, daß Foma Fomitsch ganz unvermittelt meinen Onkel

wegen dessen „Unehrerbietung und fortwährender Beleidigungen“ anzeterte

und zu Herrn Bachtschejeff fuhr, bei dem er fortan leben wollte. Stepan

Alexejewitsch Bachtschejeff, der nach meines Onkel Verlobung und

Hochzeit sich noch oft mit Foma gestritten, ihn jedoch zu guter Letzt

jedesmal wieder um Verzeihung gebeten hatte, entschloß sich diesmal mit

ungewöhnlichem Eifer, energisch in die Sache einzugreifen: er empfing

Foma mit wahrem Enthusiasmus, fütterte ihn bis zum Platzen und beschloß

hierauf, sich formell von der Freundschaft meines Onkels loszusagen und

sogar gerichtlich eine Klage gegen ihn einzureichen. Es gab dort

irgendwo ein strittiges Stück Land, um das sie aber eigentlich nie

gestritten hatten, da es ihm von meinem Onkel ohne jeden Streit

freiwillig abgetreten worden war. Ohne Foma ein Wort davon zu sagen,

ließ Herr Bachtschejeff die Pferde anschirren und fuhr in die Stadt,

setzte dort die Klage auf und reichte sie ein, mit dem Ersuchen, ihm

formell das Stück Land zuzusprechen, mit Vergütung der Zinsen und

Erstattung der Gerichtskosten, um auf diese Weise die „Räuberei und das

eigenmächtige Verfahren“ zu bestrafen. Inzwischen aber war es Foma

langweilig geworden, und so hatte er schon am nächsten Tage meinem Onkel

– der ihm nachgefahren war und um Verzeihung gebeten hatte –, wieder

verziehen und war dann mit ihm nach Stepantschikowo zurückgekehrt. Der

Zorn des Herrn Bachtschejeff, der, als er zu Hause ankam, Foma nicht

mehr vorfand, soll fürchterlich gewesen sein. Nach drei Tagen aber

erschien auch er mit dem Eingeständnis seiner Schuld in Stepantschikowo,

bat meinen Onkel unter Tränen um Verzeihung und zog seine Klage zurück.

Mein Onkel versöhnte ihn noch am selben Tage auch mit Foma Fomitsch,

worauf Stepan Alexejewitsch diesem wieder wie ein Hündchen ergeben war

und zu jedem Wort hinzufügte: „Du bist ein kluger und großer Mensch,

Foma, du bist wirklich mit einem Wort ein Genie!“

Foma Fomitsch ruht jetzt neben der Generalin. Über seinem Grabe erhebt

sich ein kostbares Monument aus weißem Marmor, das mit Trauerzitaten und

Lobpreisungen seiner Person von oben bis unten bedeckt ist. Zuweilen

gehen Jegor Iljitsch und Nastenjka, wenn sie einen Spaziergang machen,

auch auf den Friedhof, um an Fomas Grab zu beten. Auch jetzt noch können

sie nicht gleichgültig von ihm sprechen, sie erinnern sich jedes Wortes,

das er gesprochen, aller Speisen, die er gern gegessen, und alles

dessen, was er geliebt hat. Seine Sachen werden wie Kostbarkeiten

aufbewahrt. Mein Onkel und Nastjä, die sich nach seinem Tode zuerst ganz

verwaist fühlten, haben sich jetzt noch mehr aneinandergeschlossen.

Kinder hat Gott ihnen nicht geschenkt – sie sind sehr traurig darüber,

wagen aber nie zu klagen. Ssaschenjka hat schon vor langer Zeit einen

prächtigen jungen Mann geheiratet. Iljuscha studiert in Moskau. So leben

denn mein Onkel und Nastjä ganz allein in Stepantschikowo und sind immer

noch genau so verliebt ineinander. Die Sorge des einen um den anderen

ist geradezu rührend. Wenn einer von ihnen früher sterben sollte, was

doch wohl einmal geschehen wird, so wird ihn der andere, denke ich, kaum

eine Woche überleben. Doch gebe ihnen Gott noch ein langes Leben! Sie

empfangen jeden Gast mit unendlicher Herzlichkeit und sind bereit, mit

einem Unglücklichen alles zu teilen, was sie nur haben. Nastenjka liest

oft die Lebensgeschichten der Heiligen und sagt gerührt, daß bloß „bei

Gelegenheit Gutes tun“ zu wenig sei, man müsse alles, was man hat, den

Armen hingeben und in freiwilliger Armut glücklich sein. Hätten sie

nicht Iljuscha und Ssaschenjka, so würde mein Onkel wohl schon längst

alles unter die Armen verteilt haben; denn er ist in allem vollkommen

einverstanden mit seiner Frau. Praskowja Iljinitschna lebt bei ihnen und

tut ihnen mit Freuden alles zu Willen. Sie führt vor allem die

Wirtschaft. Herr Bachtschejeff hat ihr zwar bald nach der Hochzeit

meines Onkels einen Heiratsantrag gemacht, sie aber hat ihn rund

abgeschlagen. Daraus schloß man zunächst, daß sie wohl ins Kloster gehen

wolle und werde, aber auch das geschah nicht. Sie hat von Natur die

bemerkenswerte Eigenschaft, sich vollkommen denen zu opfern, die sie

liebhat, sich zu jeder Zeit ihnen unterzuordnen, ihnen die Wünsche von

den Augen abzulesen, allen ihren Launen nachzugehen, sie zu warten und

zu pflegen und zu bedienen. Jetzt, nach dem Tode ihrer Mutter, der

Generalin, hält sie es für ihre Pflicht, bei ihrem Bruder und Nastenjka

zu bleiben und sich diesen unterzuordnen. Der alte Jeshowikin lebt noch,

und in der letzten Zeit besucht er seine Tochter immer häufiger. Anfangs

brachte er meinen Onkel zur Verzweiflung damit, daß er sich und seine

Krabben (so nennt er seine Kinder) mit erklärter Absichtlichkeit von

Stepantschikowo fernhielt. Alle Aufforderungen seines Schwiegersohnes

waren fruchtlos: Das geschah jedoch von ihm nicht so sehr aus Stolz als

aus Empfindlichkeit und Argwohn. Der Gedanke, daß man ihn, den Armen,

aus Barmherzigkeit im reichen Hause empfangen, daß man ihn im Herzen

aufdringlich und lästig finden könnte – dieser Gedanke lastete schwer

auf ihm. Er wies sogar Nastenjkas Hilfe zurück und nahm nur im äußersten

Notfall etwas an. Von meinem Onkel wollte er unter keiner Bedingung

etwas annehmen. Nastenjka hatte sich sehr geirrt, als sie mir seinerzeit

sagte, ihr Vater spiele nur deshalb den Narren, weil er damit ihr,

seiner Tochter, Nutzen zu bringen hoffe. Freilich wollte er sie damals

gerne mit dem Oberst verheiraten, aber den Narren spielte er doch wohl

mehr aus innerem Bedürfnis: um der in ihm angesammelten Wut einen

Ausgang zu verschaffen. Das Bedürfnis, zu spotten und seine scharfe

Zunge zu üben, war ihm angeboren. So machte er aus sich den niedrigsten

Schmeichler, um gleichzeitig mit nicht mißzuverstehender Deutlichkeit

zeigen zu können, daß er es nur zum Schein tat. Und je mehr er

schmeichelte, um so beißender und unverhohlener schaute dann aus der

Schmeichelei sein Spott hervor. Das lag ihm nun einmal im Blut.

Schließlich gelang es doch, seine „Krabben“ in den besten Lehranstalten

Moskaus und Petersburgs unterzubringen, aber erst dann, als Nastenjka

ihm schwarz auf weiß bewiesen hatte, daß sie es nicht mit dem Gelde

ihres Gatten tue, vielmehr mit den Dreißigtausend, die Tatjana Iwanowna

ihr zur Verlobung geschenkt hatte. Diese dreißigtausend Rubel waren in

Wirklichkeit natürlich niemals von Tatjana Iwanowna angenommen worden;

damit diese sich nicht gekränkt fühlte, hatte man ihr einfach gesagt,

daß man sich sogleich an sie wenden werde, sobald man einmal in

Verlegenheit geraten sollte. Und so tat man denn schließlich auch und

lieh von ihr „scheinbar“ größere Summen. Doch Tatjana Iwanowna starb vor

drei Jahren, und da fielen Nastjä ihre Dreißigtausend von selbst zu. Der

Tod Tatjana Iwanownas kam ganz unerwartet. Die ganze Familie war von

einem benachbarten Gutsbesitzer zum Ball eingeladen worden, Tatjana

Iwanowna hatte sich bereits ihr Ballkleid angezogen und einen

wundervollen Kranz weißer Rosen ins Haar gesteckt, als ihr plötzlich

schlecht wurde: sie setzte sich auf den nächsten Stuhl und – starb. Mit

diesem Kranz weißer Rosen wurde sie auch begraben. Nastjä war

untröstlich. Tatjana Iwanowna war von allen wie ein Kind geliebt und

verwöhnt worden. Nach ihrem Tode setzte sie noch alle durch ihr

vernünftiges Testament in Erstaunen: außer Nastjäs Dreißigtausend hatte

sie alles übrige, an dreihunderttausend Rubel, zur Erziehung armer

Waisenmädchen vermacht, denen bei Verlassen der Erziehungsanstalt auch

noch eine gewisse Summe ausgezahlt werden sollte. Noch vor Tatjana

Iwanownas Hinscheiden heiratete Fräulein Perepelizyna, die nach dem Tode

der Generalin ruhig in Stepantschikowo verblieben war, wahrscheinlich in

der Absicht, sich bei Tatjana Iwanowna einzuschmeicheln. Inzwischen war

aber der Besitzer von Mischino, jenem selben kleinen Gut, wohin Obnoskin

mit seiner Mutter und später mit Tatjana Iwanowna gefahren war, Witwer

geworden. Dieser ehemalige Beamte war ein entsetzlicher Schikaneur. Er

hatte von der ersten Frau sechs Kinder. Da er bei der Perepelizyna Geld

vermutete, so machte er gelegentlich einige Andeutungen, die auf eine

Heirat anspielten. Sie aber warf sich ihm sofort an den Hals. Leider war

die Perepelizyna arm wie eine Kirchenmaus: alles, was sie in die Ehe

brachte, waren dreihundert Rubel, die Nastenjka ihr zur Hochzeit

geschenkt hatte. Jetzt führt das Ehepaar vom Morgen bis zum Abend Krieg

miteinander: sie zieht seine Kinder an den Haaren und verabreicht ihnen

Ohrfeigen; ihm zerkratzt sie das Gesicht (wenigstens erzählt man es in

der ganzen Umgegend) und hält ihm beständig vor, daß sie die Tochter

eines Majors sei. – Misintschikoff hat sein Leben gleichfalls

einzurichten gewußt. Er gab vernünftigerweise alle seine Hoffnungen auf

Tatjana Iwanowna auf und machte sich allmählich daran, die

Landwirtschaft zu erlernen. Mein Onkel empfahl ihn einem reichen Grafen,

einem Gutsbesitzer, der etwa achtzig Werst von Stepantschikowo

dreitausend Seelen besaß, doch nur sehr selten sein Gut besuchte. Da der

Graf in Misintschikoff einige Fähigkeiten entdeckt zu haben glaubte und

sich im übrigen auf die Empfehlung meines Onkels verließ, bot er ihm die

Stelle eines Verwalters seiner Güter an, nachdem er seinen früheren

Verwalter fortgejagt hatte – einen Deutschen, der aber trotz der

berühmten deutschen Ehrlichkeit seinen Grafen gründlich bestohlen hatte.

Nach fünf Jahren war das Gut nicht wiederzuerkennen: die Bauern lebten

im Wohlstande; Misintschikoff hatte Verwaltungsbücher eingeführt und

führte sie fehlerlos – was niemand von ihm erwartet hätte; die Einnahmen

hatten sich verdoppelt – mit einem Wort: Der neue Verwalter hatte sich

trefflich eingeführt, und sein Ruhm ertönte bereits durch das ganze

Gouvernement. Wie groß aber war die Überraschung und der Kummer des

Grafen, als Misintschikoff nach fünf Jahren, ungeachtet aller Bitten und

Gehaltserhöhungen, sein Amt niederlegte! Der Graf glaubte, daß ihn die

Nachbargutsbesitzer fortgelockt hätten oder vielleicht sogar jemand aus

einem anderen Gouvernement. Um wieviel größer war aber das Erstaunen

aller, als plötzlich, im zweiten Monat nach seinem Austritt, Iwan

Iwanytsch Misintschikoff ein schönes Gut von hundert Seelen besaß, das

nur vierzig Werst von dem des Grafen entfernt war, und das er von einem

verschuldeten Husarenoffizier, seinem früheren Regimentskameraden,

gekauft hatte! Diese hundert Seelen verpfändete er sogleich, und nach

einem Jahr war er im Besitz von noch weiteren sechzig Seelen! Jetzt ist

er selbst Gutsherr, und seine Wirtschaft ist mustergültig. Alle wundern

sich und fragen, woher er wohl das Geld dazu erhalten haben mag. Einige

aber schütteln nur das Haupt und schweigen. Iwan Iwanytsch jedoch ist

vollkommen ruhig und fühlt sich durchaus in seinem Recht. Jetzt hat er

aus Moskau seine Schwester zu sich gerufen, dieselbe, die ihm einst ihre

letzten drei Rubel zur Wanderung nach Stepantschikowo gegeben hatte –

ein sehr nettes Mädchen, nicht mehr ganz jung, bescheiden, zärtlich,

gebildet, nur etwas eingeschüchtert. Vorher hatte sie in Moskau als

Gesellschafterin bei einer „Wohltäterin“ gelebt; jetzt hängt sie mit

aller Liebe am Bruder, führt in seinem Hause die Wirtschaft, hält jeden

seiner Wünsche für ein Gesetz und sich selbst für vollkommen glücklich.

Ihr Bruder verwöhnt sie nicht gerade und hält sie, wie man zu sagen

pflegt, etwas „unter dem Daumen“, was sie aber gar nicht zu merken

scheint. In Stepantschikowo hat man sie sehr liebgewonnen, und es heißt,

Herr Bachtschejeff sei nicht abgeneigt – ... und er würde wohl auch bei

ihr anhalten, fürchte aber eine Absage. Doch von Herrn Bachtschejeff

hoffe ich noch ein anderes Mal zu erzählen, in einer neuen Erzählung,

und dann ausführlicher.

Das waren, denke ich, alle ... Ja! richtig! fast hätte ich vergessen:

Gawrila ist sehr gealtert und hat sein Französisch ganz und gar

verlernt. Aus Falalei ist ein guter Kutscher geworden. Der arme

Widopljässoff aber mußte tatsächlich schon sehr bald in einer

Irrenanstalt untergebracht werden: er ist dort, wenn ich mich nicht

täusche, auch schon gestorben ... In den nächsten Tagen muß ich nach

Stepantschikowo fahren – dann werde ich mich bei meinem Onkel nach ihm

erkundigen.

Sämtliche Werke 16 · 第 26 / 28 题