Die Vertreibung.
„Sie fragten, glaube ich, was das zu bedeuten habe, Oberst?“ hub Foma
feierlich an, indem er die allgemeine Bestürzung förmlich zu genießen
schien. „Die Frage wundert mich! Erklären Sie mir doch Ihrerseits, wie
_Sie_ es fertigbringen, mir jetzt noch offen in die Augen zu sehen?
Erklären Sie mir dieses größte Beispiel menschlicher Unverschämtheit,
und ich werde von dannen ziehen, wenigstens um eine neue Erkenntnis der
Verderbtheit des Menschengeschlechts bereichert.“
Mein Onkel war nicht fähig zu einer Antwort. Erschrocken und ratlos, wie
er war, blickte er nur starr Foma Fomitsch an.
„Jesus Christ! Welche Leidenschaften!“ stöhnte Fräulein Perepelizyna.
„Begreifen Sie denn nicht, Oberst,“ fuhr Foma fort, „daß Sie mich jetzt
einwandlos und ohne Fragen meines Weges ziehen lassen _müssen_? In Ihrem
Hause muß selbst ich, der ich doch ein denkender Mensch und schon in
reifen Jahren bin, ernstlich für meine Sittlichkeit fürchten und auf der
Hut sein. Glauben Sie mir, daß Ihre Fragen zu nichts anderem führen
würden, als nur zur Aufdeckung Ihrer Schmach ...“
„Foma! Aber Foma!“ unterbrach ihn mein Onkel, auf dessen Stirn kalter
Schweiß hervortrat.
„So erlauben Sie mir denn, Ihnen ohne weitere Erklärungen zum Abschied
nur noch einige Geleitworte zu sagen: meine letzten Worte in Ihrem
Hause. Es ist geschehen, und das Geschehene kann man nicht mehr
ungeschehen machen! Ich hoffe, Sie verstehen, was ich meine. Aber ich
flehe Sie auf den Knien an: Wenn in Ihrem Herzen noch ein Funken von
Sittlichkeit übriggeblieben ist, so zügeln Sie den Lauf Ihrer
Leidenschaften! Und wenn das Gift der Verwesung noch nicht das ganze
Gebäude Ihrer Seele erfaßt hat, so löschen Sie nach Möglichkeit die
Feuersbrunst!“
„Foma! Glaube mir, du bist im Irrtum!“ rief mein Onkel aus, der
allmählich zur Besinnung kam und mit Entsetzen begriff, worauf es
hinauslief.
„Mäßigen Sie Ihre Leidenschaften,“ fuhr Foma mit derselben Feierlichkeit
fort – als hätte er den Ausruf meines Onkels gar nicht gehört, „besiegen
Sie sich! ‚Willst du die ganze Welt erobern – besiege dich selbst!‘ Das
ist meine Lebensregel. Sie sind Gutsherr. Sie müßten wie ein Brillant in
höchster Tugend strahlen, statt dessen – was für ein schmachvolles
Beispiel der Zügellosigkeit geben Sie hier allen Ihren Gästen sowie
allen Ihren Untergebenen! Ich habe ganze Nächte für Sie gebetet und um
Sie gezittert, habe gerungen um Ihr Glück. Ich habe es nicht gefunden;
denn Glück ist nur in der Tugend enthalten ...“
„Aber das ist doch unmöglich, Foma!“ unterbrach ihn wieder mein Onkel,
„du hast es falsch verstanden, du hast es ganz anders aufgefaßt! ...“
„Und so vergessen Sie denn nicht, daß Sie Gutsherr sind,“ fuhr Foma,
wieder ohne die Worte des anderen zu beachten, in seiner Rede fort.
„Geben Sie sich nicht dem verderblichen Glauben hin, daß Nichtstun und
seiner Wollust frönen die Bestimmung des Gutsherrenstandes seien. Dieser
Glaube bringt Sie ins Verderben! Nicht das Nichtstun ist es, sondern die
Verantwortung vor Gott, vor dem Zaren und dem Vaterlande! Arbeiten,
arbeiten muß der Gutsherr, und zwar arbeiten wie der Letzte seiner
Bauern!“
„Was, ich soll also hinfort für meine Leibeigenen arbeiten?“ brummte
Herr Bachtschejeff, „ich bin doch _auch_ Gutsbesitzer ...“
„Jetzt wende ich mich an euch, Dienstboten,“ fuhr Foma fort, sich an
Gawrila und Falalei, der in der Tür erschien, wendend. „Liebet eure
Herrschaft und erfüllet deren Gebote in Ehrfurcht und Bescheidenheit.
Dafür werdet ihr von euren Herren wiedergeliebet werden. Sie aber,
Oberst, seien Sie gerecht und barmherzig zu ihnen. Der Dienstbote ist
derselbe Mensch – das Ebenbild Gottes, wie es in der Heiligen Schrift
geschrieben steht, der minderjährig vom Zaren und vom Vaterlande Ihrer
Obhut anvertraut ist. Groß ist die Pflicht, aber groß wird auch Ihr
Verdienst sein!“
„Foma Fomitsch! Täubchen! Was hast du vor?“ rief in ihrer Verzweiflung
die Generalin aus, bereit, jeden Augenblick wieder in Ohnmacht zu
fallen.
„Doch ... das dürfte genügen, denke ich?“ schloß Foma, der Generalin
weiter gar keine Beachtung schenkend. „Jetzt noch einige Einzelheiten,
die freilich nur geringfügig, aber doch notwendig sind, Jegor Iljitsch.
Auf der Waldwiese bei Harinskoje ist Ihr Heu noch nicht gemäht. Lassen
Sie es nicht zu spät werden, Oberst, lassen Sie es mähen, möglichst bald
mähen. Dies wäre mein Rat ...“
„Aber, Foma ...“
„Sie hatten die Absicht, ich weiß es, einen Teil des Syrjänower Waldes
fällen zu lassen: lassen Sie ihn nicht fällen – dies wäre mein zweiter
Rat. Erhalten Sie Ihre Wälder; denn die Wälder erhalten die Feuchtigkeit
auf der Erdoberfläche ... Schade, daß Sie so spät das Sommerkorn gesät
haben, – wirklich erstaunlich, wie spät Sie es gesät haben! ...“
„Aber, Foma ...“
„Doch genug! Alles kann man ja doch nicht sagen, und es ist auch nicht
die Zeit dazu! Ich werde Sie schriftlich vom Nötigen unterrichten ...
ich werde Ihnen ein ganzes Heft schicken. Jetzt aber – leben Sie wohl!
Lebt alle wohl! Gott sei mit euch, mag der Herr euch segnen! Ich segne
auch dich, mein Kind,“ sagte er zu Iljuscha, „der Herr beschütze dich
vor dem Verwesungsgifte deiner zukünftigen Leidenschaften! Auch dich,
Falalei, segne ich. Vergiß die Kamarinskaja! Und euch, euch alle! ...
Denkt an Foma! ... Aber gehen wir, Gawrila! Hilf mir in den Wagen, guter
Alter!“
Und Foma schritt langsam zur Tür. Die Generalin schrie auf und stürzte
ihm nach.
„Nein, Foma! So lasse ich dich nicht fort!“ rief mein Onkel aus, holte
ihn mit drei Schritten ein und erfaßte seine Hand.
„Heißt das, daß Sie Gewalt anwenden wollen?“ fragte Foma hochmütig.
„Ja, Foma ... auch Gewalt, wenn es darauf ankommt.“ Mein Onkel zitterte
vor Erregung. „Du hast zuviel gesagt, du mußt deine Worte erklären! Du
hast meinen Brief falsch verstanden, Foma! ...“
„Ihren Brief!“ kreischte Foma plötzlich wie rasend, im Augenblick
lichterloh, als hätte er nur auf dieses Wort gewartet, um zu
explodieren. „Ihren Brief! Hier ist er, Ihr Brief! Hier ist er! Ich
zerreiße diesen Brief, ich speie ihn an! Ich zerstampfe Ihren Brief mit
meinen Füßen und erfülle damit die heiligste Pflicht der Menschheit!
Sehen Sie, was ich tue, wenn Sie mich mit Gewalt zu Erklärungen zwingen!
Sehen Sie! Sehen Sie! Sehen Sie! ...“
Und die Papierfetzen flogen auf den Fußboden.
„Ich wiederhole es, Foma, du hast ihn falsch verstanden!“ beteuerte mein
Onkel, der immer bleicher wurde, „ich halte um ihre Hand an, Foma, ich
suche mein Glück ...“
„Um ihre Hand! Sie haben dieses Mädchen verführt, und jetzt wollen Sie
mich mit einem Heiratsantrag betrügen; denn ich habe Sie gestern nacht
mit ihr im Garten unter den Büschen gesehen!“
Die Generalin stieß einen Schrei aus und sank kraftlos auf ihren
Lehnstuhl. Ihre ganze Suite verlor den Kopf. Die arme Nastenjka saß
bleich wie eine Tote und rührte sich nicht. Ssaschenjka umklammerte vor
Schreck Iljuscha und zitterte am ganzen Körper.
„Foma!“ rief mein Onkel außer sich. „Wenn du dieses Geheimnis verrätst,
so tust du die schändlichste Tat der Welt!“
„Ja, ich will dieses Geheimnis verraten,“ kreischte Foma, „und damit die
edelste aller Taten vollbringen! Dazu bin ich von Gott selbst gesandt,
um die ganze Welt in ihrem Schmutz zu entlarven! Ich bin bereit, auf
eines armen Bauern elendes Strohdach zu steigen und von dort aus allen
Gutsbesitzern in der Runde und jedem Vorüberfahrenden die Kunde von
Ihrer Schandtat zuzuschreien! ... Ja, hört es alle, wißt, daß ich
gestern, mitten in der Nacht ihn mit diesem Mädchen, das die Maske der
Unschuld zur Schau trägt, im Garten unter dichtem Gebüsch überrascht
habe!“
„Ach, Jesus, welche Schande!“ kam es fast zischend über die schmalen
Lippen der Perepelizyna.
„Foma! Setz nicht dein Leben aufs Spiel!“ schrie ihm mein Onkel mit
blitzenden Augen zu und ballte die Fäuste.
„... Er aber,“ kreischte Foma, „er aber hat es gewagt, – nach dem ersten
Schreck darüber, daß ich ihn sah – hat es gewagt, mich mit einem Brief
betrügen und bestechen zu wollen, mich, mich, den Ehrlichen, Ehrenhaften
und Offenherzigen, um mich zu überzeugen, daß er kein Verbrechen
begangen habe – ja, Verbrechen, sage ich! ... denn aus dem bis jetzt
unschuldigsten Mädchen der Welt haben Sie ...“
„Noch ein einziges Wort, das sie beleidigt, – und ich schlage dich tot,
Foma, das schwöre ich dir!! ...“
„Und ich spreche dieses Wort aus; denn aus dem bis jetzt unschuldigsten
Mädchen der Welt haben Sie _eines der verderbtesten gemacht_!“
Kaum jedoch war das letzte Wort über Fomas Lippen gekommen, als mein
Onkel ihn auch schon gepackt hatte, ihn wie einen Strohhalm
zusammenknickte und gegen die Glastür schleuderte, die auf den Hof
führte. Der Anprall war so stark, daß die Tür krachend aufflog und Foma
wie ein Brummkreisel über die sieben Stufen der steinernen Treppe
kollerte und sich unten in seiner ganzen Länge auf dem Hof ausstreckte.
Klirrend flogen die Glasscherben der zerschlagenen Scheiben auf die
weißen Steine der Treppe.
„Gawrila, heb ihn auf!“ schrie mein Onkel totenbleich dem Diener zu,
„setz ihn in den Wagen! und daß mir nach zwei Minuten sein Fuß nicht
mehr in Stepantschikowo ist!“
Was Foma Fomitsch nun auch beabsichtigt haben mochte – diese Lösung wird
er in seiner Berechnung jedenfalls nicht vorausgesehen haben.
Ich will es lieber gar nicht versuchen, die ersten hierauf folgenden
Minuten zu schildern: Das kreischende Geschrei der Generalin, die sich
in ihrem Lehnstuhl wand; den Starrkrampf der Perepelizyna infolge der
unerwarteten Handlungsweise meines sonst stets so sanften und gehorsamen
Onkels; das Ach und Weh der übrigen „Freundinnen“; die vor Schreck fast
ohnmächtige Nastenjka, neben der Jeshowikin, ihr Vater, auftauchte; die
vor Angst zähneklappernde Ssaschenjka; meinen Onkel, der in
unbeschreiblicher Erregung im Zimmer auf und ab ging und wartete, bis
die Mutter wieder zu sich käme; schließlich das laute Geheul Falaleis,
der seine Herrschaft beklagte und bejammerte – alles das stellte ein
lebendes Bild dar, wie man es mit Worten nicht zu beschreiben vermag.
Hierzu denke man sich noch, daß sich gerade jetzt, im selben Augenblick,
ein starkes Gewitter entlud. Die Donnerschläge wurden immer lauter und
unheimlicher, und plötzlich peitschte der Regen in Strömen an die
Fensterscheiben.
„Da habt ihr jetzt ’nen Feiertag!“ brummte Herr Bachtschejeff grollend,
senkte den Kopf und schlug sich auf den Schenkel.
„Die Sache ist gefährlich!“ flüsterte ich ihm zu – gleichfalls zitternd
vor Aufregung. „Aber wenigstens ist Foma hinausgeworfen und wird wohl
nicht mehr zurückgebracht werden!“
„Mama! Sind Sie zu sich gekommen? Fühlen Sie sich etwas besser? Könnten
Sie mich jetzt anhören?“ fragte mein Onkel, der vor seiner Mutter
stehengeblieben war.
Diese erhob den Kopf, faltete die Hände und blickte flehend zu ihrem
Sohn empor, den sie in ihrem ganzen Leben noch nie in solchem Zorn
gesehen hatte.
„Mama!“ begann der Oberst, „das Maß ist voll – Sie haben es selbst
gesehen. Nicht in dieser Weise wollte ich mein Vorhaben ausführen, aber
die Stunde hat geschlagen, und jetzt duldet es keinen Aufschub. Sie
haben die Verleumdung gehört, so hören Sie denn jetzt auch die
Rechtfertigung. Mama, ich liebe dieses edle und ehrenwerte Mädchen, ich
liebe sie schon lange und werde nie, niemals aufhören, sie zu lieben.
Sie wird meine Kinder glücklich machen und wird Ihnen eine ehrerbietige
Tochter sein, und deshalb spreche ich jetzt hier in Ihrer, meiner
Verwandten und Freunde Gegenwart meine innige Bitte aus, Nastassja
Jewgrafowna, mir die unendliche Ehre zu erweisen und einzuwilligen,
meine Frau zu werden.“
Nastenjka zuckte zusammen, errötete heiß und erhob sich erschrocken. Die
Generalin starrte ihren Sohn eine Zeitlang an, als begreife sie nicht,
wovon er sprach, und plötzlich stürzte sie mit einem gellenden Schrei
vor ihm auf die Knie nieder.
„Jegoruschka, du mein Täubchen, bring Foma Fomitsch zurück!“ schrie sie,
„bring ihn sofort zurück! Ohne ihn sterbe ich noch vor dem Abend!“
Mein Onkel erstarrte, als er seine alte Mutter, die stets launische und
eigensinnige Frau, vor sich auf den Knien sah. Ein schmerzliches Gefühl
spiegelte sich auf seinem Antlitz wider. Endlich besann er sich, beugte
sich nieder, hob sie auf und setzte sie wieder in ihren Lehnstuhl.
„Bring Foma Fomitsch zurück, Jegoruschka!“ fuhr die Alte in ihrem Geheul
fort, „bring ihn mir zurück, Täubchen! Ohne ihn kann ich nicht leben!“
„Mama!“ rief mein Onkel bekümmert aus, „– dann haben Sie ja überhaupt
nicht verstanden, was ich Ihnen gesagt habe? Ich kann Foma Fomitsch
nicht zurückrufen – begreifen Sie das doch! Ich kann es nicht, und ich
habe auch kein Recht dazu nach seiner niedrigen, schändlichen,
schmutzigen Verleumdung dieses Mädchens, das mir heilig ist! Sehen Sie
denn nicht ein, Mama, daß es meine Pflicht ist, daß meine Ehre es mir
befiehlt, für ihren guten Ruf, für ihre Ehre einzustehen! Sie haben es
doch gehört: ich halte um die Hand dieses Mädchens an und bitte Sie, wie
ein Sohn seine Mutter bittet, unseren Bund zu segnen.“
Doch die Generalin erhob sich, ehe er sich dessen versah, wieder von
ihrem Platz und stürzte vor Nastenjka auf die Knie nieder.
„Ich flehe dich an! Sei ein Engel!“ schrie die Alte in ihrer
Verzweiflung, „heirate ihn nicht! Heirate ihn nicht, sondern bitte ihn,
daß er Foma Fomitsch zurückbringt! Sei mein Täubchen, Nastassja
Jewgrafowna! Ich gebe dir alles hin, ich opfere dir alles, wenn du ihn
nicht heiratest! Ich habe noch nicht alles aufgezehrt, ich habe noch
einen Sparpfennig von meinem Seligen. Alles ist dein, mein Engel, werde
dich mit allem beschenken, und auch Jegoruschka wird dich beschenken,
nur bringe mich nicht lebendig ins Grab; bitte ihn, daß er mir Foma
Fomitsch zurückbringt! ...“
Lange noch hätte die Alte geschrien und gefleht, wenn nicht alle ihre
Busenfreundinnen, voran die Perepelizyna, mit Gekreisch und
Klagegeschrei zu ihr gestürzt wären und sie mit vereinten Kräften
emporgehoben hätten – empört darüber, daß sie vor der „Gouvernante“
ihrer Enkelkinder auf den Knien lag. Nastenjka konnte sich kaum noch auf
den Füßen halten vor Schreck. Die Perepelizyna aber weinte fast vor Wut.
„Töten wollen Sie Ihre Mutter!“ schrie sie meinen Onkel an, „umbringen
wollen Sie sie! Sie aber, Nastassja Jewgrafowna, hätten nicht die Mutter
mit ihrem leiblichen Sohne entzweien sollen! So etwas wird auch Gott der
Herr nicht verzeihen ...“
„Anna Nilowna, nehmen Sie sich mit Ihrer Zunge in acht!“ rief ihr mein
Onkel zornig zu. „Ich habe genug ertragen! ...“
„Und auch ich habe genug von Ihnen ertragen! Was werfen Sie mir meine
Verwaistheit vor? Werden Sie mich noch lange – mich Waise – beleidigen?
Ich bin doch nicht Ihre Sklavin! Ich bin selbst die Tochter eines
Majors! Mein Fuß soll nicht mehr hier in diesem Hause weilen! ... Heute
noch – ...“
Doch mein Onkel hörte sie nicht an: er trat zu Nastenjka und ergriff
schüchtern ihre Hand.
„Nastassja Jewgrafowna ... haben Sie gehört, um was ich Sie gebeten
habe?“ fragte er langsam, während sein Blick kummervoll auf ihrem lieben
Gesicht ruhte.
„Nein, Jegor Iljitsch, nein! Lassen wir es lieber,“ antwortete
Nastenjka, die allen Mut verloren hatte. „Das ist es ja nicht,“ fuhr sie
fort und preßte unbewußt wie im Krampf seine Hand, während Tränen ihr in
die Augen traten. „Das sagen Sie jetzt, nach dem – Gestrigen ... Aber es
kann ja nichts daraus werden, Sie sehen es doch selbst ... Wir haben uns
getäuscht, Jegor Iljitsch ... Ich aber werde ewig an Sie als an meinen
Wohltäter denken und ... und werde ewig, ewig für Sie beten! ...“
Tränen erstickten ihre Stimme. Mein armer Onkel hatte offenbar keine
andere Antwort erwartet; er verfiel nicht einmal darauf, etwas
einzuwenden, sie zu bitten ... Er hörte, den Kopf zu ihr hinabgeneigt,
ohne ihre Hand freizugeben, stumm und wie geschlagen an, was sie sagte.
Seine Augen schimmerten feucht.
„Ich habe Ihnen schon gestern gesagt,“ fuhr Nastenjka fort, „daß ich
nicht Ihre Frau werden kann. Sie sehen doch: man will mich hier nicht
... und das habe ich schon lange vorausgefühlt. Ihre Mutter wird Ihnen
nicht ihren Segen geben ... _andere_ auch nicht. Und Sie selbst, wenn
Sie es auch nicht bereuen werden – denn Sie sind der großmütigste Mensch
– so würden Sie doch um meinetwillen unglücklich sein ... bei Ihrem
Charakter, bei Ihrer Güte ...“
„Ganz recht – _bei Ihrer Güte_! – bei Ihrem _Charakter_! Du hast recht,
Nastenjka!“ griff ihr alter Vater auf, der an der anderen Seite neben
ihrem Stuhl stand. „Gerade dieses eine Wort sagt alles.“
„Ich will nicht Unfrieden in Ihr Haus bringen,“ fuhr Nastenjka fort. „Um
mich aber machen Sie sich keine Sorgen, Jegor Iljitsch: mich rührt
niemand an, niemand wird mich beleidigen ... ich gehe zu meinem Vater
... heute noch ... Es ist besser, wir nehmen Abschied voneinander, Jegor
Iljitsch ...“
Tränen rollten ihr über die Wangen.
„Nastassja Jewgrafowna, – ist das wirklich Ihr letztes Wort?“ fragte
mein Onkel, Verzweiflung im Blick. „Sagen Sie nur ein Wort, nur ein
Wort, und ich opfere Ihnen alles! ...“
„Es war das letzte, das letzte, Jegor Iljitsch,“ sagte Jeshowikin, „und
sie hat es Ihnen so gut erklärt, wie ich es nicht einmal erwartet hätte.
Sie sind der gütigste Mensch, Jegor Iljitsch, gerade der gütigste, und
Sie haben uns eine große Ehre erwiesen! Große Ehre, große Ehre! ... Aber
immerhin passen wir nicht zu Ihnen, Jegor Iljitsch. Sie müssen sich eine
andere Braut aussuchen, eine, die sowohl reich, als vornehm und schön
und auch mit einer lauten Stimme begabt ist, und die nur in Brillanten
und Straußenfedern durch Ihre Säle rauscht ... Dann wird vielleicht auch
Foma Fomitsch etwas nachgiebiger sein ... und den Ehebund segnen! Den
Foma Fomitsch aber bringen Sie nur wieder zurück! Umsonst, ganz umsonst
haben Sie ihn so beleidigt! Er hat ja nur aus Tugendeifer, aus
übermäßiger Moralität so gesprochen ... Sie werden es selbst später
zugeben, daß er es nur deshalb getan hat – Sie selbst werden es selbst
sagen! Er ist der ehrwürdigste Mensch der Welt. Jetzt aber wird er in
dem Regen ganz naß werden. Wäre es daher nicht besser, ihn sogleich
zurückzurufen? ... denn einmal wird man es doch tun müssen ...“
„Bring ihn! Bring ihn zurück!“ schrie wieder die Generalin. „Täubchen,
er sagt dir ja nur die Wahrheit ...“
„Jawohl,“ fuhr Jeshowikin fort, „da sehen Sie, daß auch Ihre Frau Mutter
sich tot zu ängstigen geruht – und zwar ganz umsonst ... Bringen Sie ihn
nur zurück! Wir aber, Nastenjka und ich, wir werden uns mittlerweile
aufmachen ...“
„Wart, Jewgraf Larionytsch!“ unterbrach ihn mein Onkel, „ich bitte dich!
Noch ein Wort, Jewgraf, nur ein Wort habe ich noch zu sagen!“
Er ging mit schnellen Schritten in eine Ecke, setzte sich in einen
Lehnstuhl, stützte den Kopf in die Hände, mit denen er seine Augen
bedeckte, – es war, als wolle er für einen Augenblick seine Gedanken
sammeln.
Da ertönte ein ungeheuerlicher Donnerschlag fast gerade über dem Hause.
Das ganze Gebäude erzitterte. Die Generalin schrie auf, die Perepelizyna
gleichfalls, die „Freundinnen“, dumm geworden vor Angst, bekreuzten
sich, was übrigens gleichzeitig mit ihnen auch Herr Bachtschejeff tat.
„Heiliger Vater, steh uns bei!“ flüsterten fünf oder sechs Stimmen wie
auf ein Kommando.
Unmittelbar nach dem Donnerschlage folgte ein Platzregen, als wenn ein
ganzer See auf Stepantschikowo herabstürzen wollte.
„Und Foma Fomitsch, was wird jetzt mit ihm dort auf dem freien Felde?“
kreischte die Perepelizyna.
„Jegoruschka, bring ihn zurück!“ schrie die Generalin mit Verzweiflung
in der Stimme, und sie stürzte wie eine Wahnsinnige zur Tür. Doch sie
wurde von ihrer Suite zurückgehalten: die ganze Weiberbande umringte
sie, weinte, tröstete, kreischte und schrie. Sodom war einst sicherlich
nichts dagegen!
„Nur im leichten Rock ist er gegangen! Wenn er doch wenigstens sein
Mäntelchen mitgenommen hätte!“ jammerte die Perepelizyna. „Und einen
Regenschirm hat er auch nicht! Der Blitz wird ihn erschlagen! ...“
„Unbedingt!“ stimmte Herr Bachtschejeff bei. „Und der Regen wird ihn
dann auch noch durchnässen!“
„Schweigen Sie doch!“ flüsterte ich ihm ungehalten zu.
„Ja, aber ist er denn kein Mensch?“ fragte mich der Dicke aufgebracht.
„Er ist doch kein Hund. Du würdest jetzt auch nicht hinausgehen. Oder
geh, versuch’s doch, nimm ein Bad, bloß zum Vergnügen!“
Da ich die drohende Gefahr erkannte, ging ich zu meinem Onkel, der wie
erstarrt in seinem Lehnstuhl saß.
„Onkel,“ sagte ich, mich zu seinem Ohr beugend, „werden Sie denn
wirklich einwilligen, Foma Fomitsch zurückzurufen? Begreifen Sie denn
nicht, daß es die größte Charakterlosigkeit wäre und eine Schändlichkeit
von Ihrer Seite, wenigstens so lange wie Nastassja Jewgrafowna hier ist
...“
„Freund,“ sagte mein Onkel, indem er den Kopf erhob und mir mit
entschlossenem Blick in die Augen sah, „ich habe hier über mich selbst
Gericht gehalten, und jetzt weiß ich, was ich tun muß. Beunruhige dich
nicht, ihr soll keine Kränkung widerfahren – ich werde es so einrichten
...“
Er erhob sich und trat zur Mutter.
„Mama!“ sagte er, „beruhigen Sie sich: ich werde Foma Fomitsch
zurückbringen, ich werde ihm nachfahren, ihn einholen; er kann noch
nicht weit sein. Aber eines schwöre ich: nur unter der Bedingung wird er
zurückkehren, daß er hier im Kreise aller Zeugen der Beleidigung seine
Schuld eingesteht und dieses ehrenwerteste Mädchen feierlich um
Verzeihung bittet. Das werde ich durchsetzen! Ich werde ihn dazu
zwingen! Anderenfalls wird er nie die Schwelle meines Hauses
überschreiten! Auch schwöre ich Ihnen feierlich, Mutter: wenn er es
freiwillig tut, so bin ich bereit, ihn auch meinerseits um
Entschuldigung zu bitten, und ich werde ihm alles hingeben, alles, was
ich nur geben kann, ohne meine Kinder zu berauben! Ich selbst aber werde
mich von allem zurückziehen. Der Stern meines Glückes ist untergegangen
... Ich verlasse Stepantschikowo. Dann könnt ihr hier alle ruhig und
glücklich leben. Ich werde wieder in mein Regiment eintreten und auf dem
Schlachtfelde, im Kaukasus oder in Asien mein Leben beschließen ... Doch
wozu soviel Worte! Ich fahre!“
Da tat sich die Tür auf, und Gawrila erschien, triefend und bis zur
Unkenntlichkeit beschmutzt, vor der sprachlosen Versammlung.
„Was fehlt dir? Woher kommst du? Wo ist Foma?“ fragte erschrocken mein
Onkel, der ihn als erster erblickte.
Aller Augen wandten sich zur Tür, alle stürzten zu Gawrila und umringten
mit geradezu gieriger Neugier den alten Diener, von dessen Kleidern das
schmutzige Wasser buchstäblich in Strömen herabfloß. Ausrufe, Schreie,
Gekreisch begleiteten jedes Wort Gawrilas.
„Foma Fomitsch sind beim Birkenwäldchen geblieben, anderthalb Werst von
hier,“ begann er mit weinerlicher Stimme. „Das Pferd erschrak vor einem
Blitz und lief in den Graben ...“
„Und? ...“ rief mein Onkel aus.
„Der Wagen fiel um ...“
„Und ... und Foma?“
„Geruhten, in den Graben zu fallen ...“
„Aber so erzähl doch, Mensch!“
„Sie geruhten sich die Seite zu beschädigen und hierauf begannen sie zu
weinen. Da schirrte ich das Pferd aus und kam reitend her, um zu melden
...“
„Und Foma blieb dort liegen?“
„Sie erhoben sich und gingen mit dem Stöckchen weiter,“ schloß Gawrila,
seufzte hierauf und senkte den Kopf.
Das Weinen und Schluchzen der Damen war unbeschreiblich.
„Sofort den Polkan!“ befahl der Oberst und stürzte aus dem Zimmer. Das
Pferd wurde im Augenblick vorgeführt. Mein Onkel schwang sich, wie es
nur ein Husar fertigbringt, auf das ungesattelte Pferd und sprengte
davon – ohne Mütze, so wie er war. Der verhallende Hufschlag zeigte uns
die Richtung an, in der er ritt.
Die Damen eilten zu den Fenstern. Zwischen Gestöhn und Wehklagen wurden
weise Ratschläge erteilt. Es wurde von den Vorzügen eines heißen Bades
gesprochen und von denen einer Einreibung mit Spiritus. Ferner sprach
man von mildem Brusttee und davon, daß Foma seit dem frühen Morgen noch
keinen Bissen zu sich genommen habe und folglich noch nüchtern sei. Die
Perepelizyna fand seine vergessene Brille im Futteral, und dieser Fund
machte einen ungewöhnlichen Eindruck: die Generalin stieß einen Schrei
aus, entriß der Finderin das Andenken, um dann nach neuen Tränenströmen
und ohne das Ding aus der Hand zu legen, wieder ans Fenster zu eilen und
hinauszuspähen, ob der Entschwundene nicht schon zurückkehrte. Die
Erwartung erreichte schließlich den höchsten Grad der Spannung ... In
einer anderen Ecke versuchte Ssaschenjka Nastjä zu trösten: beide hatten
sich eng umschlungen und weinten still. Nastenjka hielt Iljuschas
Händchen umklammert und küßte zum Abschied immer wieder ihren kleinen
Schüler. Iljuscha weinte mit offenem Mäulchen, ohne zu wissen, weshalb.
Jeshowikin und Misintschikoff redeten etwas abseits sehr eifrig
miteinander. Mir schien, daß Bachtschejeff beim Anblick der weinenden
Damen gleichfalls den Tränen beängstigend nahe war. Ich trat an ihn
heran.
„Nein, mein Lieber,“ sagte er, „Foma Fomitsch hätte sich vielleicht auch
ohnedem von hier fortgemacht, nur war der rechte Augenblick offenbar
noch nicht gekommen: noch hatte man ihm keine Ochsen mit goldenen
Hörnern vor seine Equipage geschirrt! Keine Sorge, mein Lieber, der wird
noch die Besitzer aus dem Hause jagen und selber hier bleiben!“
Das Gewitter war nämlich schon weitergezogen, weshalb Herr Bachtschejeff
seine Meinung inzwischen geändert hatte.
Plötzlich erhob sich ein Geschrei: „Sie kommen, sie kommen! Sie bringen
ihn!“ Und die Damen eilten mit Gekreisch zur Tür. Es waren kaum zehn
Minuten nach dem Aufbruch meines Onkels vergangen. Aber wie war es denn
möglich gewesen, Foma Fomitsch so schnell einzuholen? Das Rätsel sollte
später sehr einfach gelöst werden: Foma war allerdings, nachdem er
Gawrila zurückgeschickt hatte, mit seinem „Stöckchen“ weitergegangen.
Als er sich dann aber so verlassen in der Einsamkeit bei Sturm, Donner,
Blitz und Regen gesehen hatte, da hatte ihn der Mut gar schmählich im
Stich gelassen, und er war unverzüglich Gawrila nachgelaufen. Jedenfalls
hatte mein Onkel ihn schon in nächster Nähe des Gutshofes angetroffen.
Sofort war ein Mann, der gerade vorüberfuhr, angerufen worden, und mit
Hilfe von ein paar Bauern hatte man den ganz zahm gewordenen Foma in den
Wagen gehoben. Und so wurde er denn glücklich in die offenen Arme der
Generalin zurückgeführt, die fast den Verstand – ihren letzten – verlor,
als sie sah, in welchem Zustande ihr Abgott sich befand. Er war nämlich
noch bedeutend nasser und schmutziger als Gawrila. Ein entsetzliches
Durcheinander war die erste Folge: die einen wollten ihn sogleich ins
Schlafzimmer schaffen, damit er die Wäsche wechsele, die anderen
sprachen von Holundertee und ähnlichen Stärkungsmitteln. Alles lief hin
und her. Die Kopflosigkeit war allgemein. Alle sprachen zu gleicher
Zeit, so daß man kein Wort verstehen konnte ... Doch Foma schien nichts
zu sehen und nichts zu hören. Er wurde unter den Armen gestützt und
langsam zu seinem Philosophenstuhl geführt, in den er sich erschöpft
niedersinken ließ, um sogleich die Augen zu schließen. Jemand schrie,
daß Foma Fomitsch sterbe. Darauf erhob sich ein entsetzliches Geheul. Am
lautesten aber von allen heulte Falalei, der sich krampfhaft bemühte,
durch die Mauer der Damen zu Foma vorzudringen, um ihm, wie er sagte,
„die Händchen zu küssen“.