XV.

Iljuschas Namenstag.

Foma bewohnte zwei große, prachtvolle Räume: sie waren besser möbliert

als alle anderen in Stepantschikowo. Der größte Komfort umgab den großen

Mann. Neue, teure Tapeten an den Wänden, seidene, gemusterte Vorhänge an

den Fenstern, Teppiche, Trumeaus, ein Kamin und weiche, elegante

Polstersessel – alles sprach von der zarten, liebevollen Aufmerksamkeit

des gastfreundlichen Hausherrn, der es Foma Fomitsch nicht gut genug

machen konnte. Vor den Fenstern standen auf runden Marmortischen schöne

Blumen. Mitten im „Arbeitskabinett“ stand ein großer Tisch, der mit

einer schweren roten Tuchdecke bedeckt war, und auf dem viele Bücher und

Manuskriptbogen lagen; ferner stand auf ihm ein kostbares, in Bronze

gearbeitetes Tintenfaß – daneben ein ganzer Stoß von Gänsefedern, für

die Widopljässoff zu sorgen hatte. Alles das sollte ersichtlich von der

schweren geistigen Arbeit Foma Fomitschs zeugen. Nebenbei bemerkt: Foma,

der runde acht Jahre hier lebte, hat eigentlich überhaupt nichts

verfaßt. Späterhin, als er das Zeitliche gesegnet hatte, durchsuchten

wir seine hinterlassenen Manuskripte, die, wie es sich dann zeigte, in

nichts als bekritzeltem Papier bestanden. Das von ihm Geschriebne war

barer Unsinn, einfach Blödsinn. So fanden wir zum Beispiel den Anfang

eines historischen Romans, der in Nowgorod spielte, und zwar im

siebenten Jahrhundert! – als Nowgorod überhaupt noch nicht vorhanden

war. Dann noch ein ungeheuerliches Gedicht: „Anachoret auf dem

Friedhof“, das er in reimlosen Versen geschrieben hatte; ferner eine

sinnlose Abhandlung über die Bedeutung und die Eigenschaften des

russischen Bauern, sowie darüber, wie man mit ihm umgehen müsse; und

schließlich noch eine Novelle: „Gräfin Wlonskaja“, aus der eleganten

Welt, gleichfalls sinnlos und unbeendet. Das war alles, was wir fanden.

Indes hatte Foma Fomitsch meinen Onkel jährlich große Summen für Bücher

und Zeitschriften zahlen lassen. Die meisten von ihnen blieben jedoch

unaufgeschnitten liegen. Dagegen habe ich Foma später nicht selten bei

der Lektüre eines Romans von Paul de Kock überrascht, den er vor anderen

Sterblichen natürlich möglichst verbarg.

An der einen Seite des Zimmers war eine Glastür, durch die man über ein

paar Stufen auf den Hof gelangte.

Wir wurden erwartet. Foma Fomitsch saß in seinem Philosophenstuhl und

trug einen eigentümlich langen Rock, der fast bis zu den Fersen

herabreichte, doch hatte er sich keine Krawatte umgebunden. Er war

auffallend wortkarg und nachdenklich. Als wir eintraten, hob er nur ein

wenig die Brauen in die Höhe und richtete einen prüfenden Blick auf

mich. Ich machte ihm meine Verbeugung, und er dankte mir mit einem nur

leichten Kopfnicken, das aber doch ziemlich höflich ausfiel. Als die

Generalin sah, daß Foma Fomitsch mir gnädig gesinnt war, nickte auch sie

mir lächelnd zu. Die Arme! – sie hatte am Morgen alles eher erwartet,

als daß ihr Liebling die Nachricht von dem „Zwischenfall“ ruhig

aufnehmen werde! Daher war sie jetzt sehr gut aufgelegt, – ungeachtet

dessen, daß sie noch vor wenigen Stunden in Krämpfen und

Ohnmachtsanfällen gelegen hatte. Hinter ihrem Stuhl stand wie gewöhnlich

Fräulein Perepelizyna, die ihre Lippen zu einem schmalen Streifen

zusammenpreßte, bitter und boshaft lächelte und ihre mageren Hände, an

denen alle Gelenke hervorstanden, unaufhörlich rieb. Neben der Generalin

hatten sich ihre zwei Freundinnen niedergelassen, zwei alte adlige

Damen, die beständig bei ihr lebten und fast nie ein Wort sprachen. Dann

saßen dort noch eine am Morgen angekommene Nonne und eine Gutsbesitzerin

aus der Nachbarschaft, die zum Morgengottesdienst ins Kloster gefahren

und auf dem Rückwege in Stepantschikowo ausgestiegen war, um die alte

Generalin zum Fest zu beglückwünschen. Meine Tante Praskowja

Iljinitschna zog sich ängstlich in einen Winkel zurück und blickte

unruhig bald auf Foma Fomitsch, bald auf ihre Mutter, die Generalin.

Mein Onkel saß in einem Lehnstuhl, und ungetrübte Freude leuchtete aus

seinen Augen. Vor ihm stand Iljuscha, festlich angezogen – in einem

rotgestickten russischen Kittelchen – und war mit seinem Lockenkopf

reizend wie ein kleiner Engel anzusehen. Ssaschenjka und Nastenjka

hatten ihm heimlich ein Gedicht beigebracht, damit er den Vater an

diesem Tage durch seine Fortschritte erfreue. Mein Onkel war vor lauter

Freude fast den Tränen nahe: die unerwartete Sanftmut Fomas, die

freundliche Stimmung seiner Mutter, dazu Iljuschas Namenstag, und dazu

das Gedicht – kurz, alles zusammen wirkte geradezu begeisternd auf ihn,

und er hatte feierlich Misintschikoff gebeten, mich zu rufen, damit auch

ich schneller des allgemeinen Glücks teilhaftig würde und das Gedicht

mit anhören könne.

Ssaschenjka und Nastenjka, die kurz vor uns eingetreten waren, standen

nicht weit von Iljuscha. Ssaschenjka brach immer wieder in helles Lachen

aus und war in diesem Augenblick glücklich wie ein Kind. Nastenjka mußte

beim Anblick meines fröhlichen Kusinchens gleichfalls lächeln, doch

eingetreten war sie bleich und ernst. Sie allein hatte Tatjana Iwanowna

empfangen und getröstet und war die ganze Zeit bei ihr gewesen. Der

kleine Schlingel Iljuscha konnte auch nicht ernst bleiben, wenn er seine

Lehrerinnen ansah. Wie es schien, hatten die drei einen Scherz

vorbereitet, der sehr zum Lachen anregte ...

Herrn Bachtschejeff habe ich noch vergessen. Er saß etwas abseits auf

einem kleinen Stuhl, war immer noch wütend und rot, schwieg, maulte,

schnaubte sich und spielte überhaupt eine recht finstere Rolle auf dem

Familienfest. Neben ihm scharwenzelte Jeshowikin umher, übrigens nicht

nur bei ihm allein, sondern so ziemlich überall: bald küßte er der

Generalin die Hand, bald der fremden Gutsbesitzerin, bald flüsterte er

Fräulein Perepelizyna etwas ins Ohr, oder er machte Foma Fomitsch den

Hof. Er erwartete gleichfalls mit großem Mitgefühl Iljuschas Vortrag.

Bei meinem Eintritt erschien er mit seinen üblichen Bücklingen sofort an

meiner Seite, um mir seine große Hochachtung und Ergebenheit zu

bezeugen. Es war ihm durchaus nicht anzusehen, daß er hergekommen war,

um seine Tochter zu verteidigen und sie wieder zu sich nach Haus zu

bringen.

„Da ist er!“ rief mein Onkel freudig aus, als er mich erblickte.

„Freund, Iljuscha hat ein Gedicht auswendig gelernt – auswendig – das

ist doch eine Überraschung – nicht? Ich fiel aus den Wolken! Ich ließ

dich rufen, damit du es mit anhören kannst ... Also setz dich her! Hören

wir zu! Aber, Foma, gesteh es nur, du hast sie sicherlich auf die Idee

gebracht, um mir eine Freude zu bereiten? Ich wette meinen Kopf darauf!“

Wenn mein Onkel in Fomas Gemach in diesem Ton und mit einer solchen

Stimme zu sprechen wagte, so hätte man glauben dürfen, daß alles sich in

der größten Ordnung befände. Aber das war ja das Unglück, daß mein Onkel

nichts aus einem Gesicht zu erraten verstand, wie Misintschikoff sich

ausgedrückt hatte. Als ich jetzt Fomas Miene sah, mußte ich zugeben, daß

allerdings etwas Besonderes bevorstand ...

„Beunruhigen Sie sich nicht um mich,“ antwortete Foma mit schwacher

Stimme – mit der Stimme eines Menschen, der seinen Feinden vergibt. „Die

Überraschung lobe ich natürlich: sie spricht von der Anhänglichkeit und

Wohlerzogenheit Ihrer Kinder. Gedichte sind gleichfalls nützlich, schon

wegen der Aussprache, die sie bilden ... Doch ich war an diesem Morgen

nicht mit Gedichten beschäftigt, Jegor Iljitsch: ich habe gebetet ...

Sie wissen es ... Aber ich bin schließlich bereit, auch Gedichte

anzuhören.“

Inzwischen hatte ich Iljuscha gratuliert und auf beide Bäckchen geküßt.

„Ich weiß, Foma, verzeih! Ich hatte es vergessen ... wenn ich auch von

deiner Freundschaft überzeugt bin, Foma!“ fügte er unvermittelt hinzu.

„Küß ihn noch einmal, Ssergei! Sieh mal, was für ein Bengel! Nun, fang

an, Iljuscha! Wovon handelt es denn? Wohl eine feierliche Ode ... von

Lomonossoff gar? Hm?“

Und mein Onkel nahm eine wichtige Miene an. Er konnte dabei kaum ruhig

bleiben vor Freude und Ungeduld.

„Nein, Papachen, nicht von Lomonossoff,“ mischte sich Ssaschenjka ein,

die nur mit Mühe ihr Lachen unterdrückte, „da Sie Soldat waren und sogar

im Kriege gewesen sind, so hat Iljuscha etwas Kriegerisches gelernt ...

‚Die Belagerung von Pamba‘ heißt es, Papachen.“

„‚Die Belagerung von Pamba‘? ah! Entsinne mich bloß nicht ... Was ist

das für ein Pamba, weißt du es nicht, Ssergei? ... Sicherlich etwas

Historisches.“

Und mein Onkel setzte von neuem eine wichtige Miene auf.

„Fang an, Iljuscha!“ kommandierte Ssaschenjka.

„Seit neun Jahren liegt Don Pedro“

begann Iljuscha mit seinem kleinen, hellen, gleichmäßigen Stimmchen,

ohne Kommata und Punkte zu beachten, wie kleine Kinder gewöhnlich

auswendig gelernte Gedichte aufsagen –

„Vor der stolzen Festung Pamba;

Seit neun Jahren hat er selber,

Ganz wie alle seine Krieger,

Nie was anderes genossen

Als nur reine Kuhmilch.

Denn es haben die neuntausend

Kämpfenden Kastilier

Hoch und heilig sich geschworen:

Bis zur Einnahme der Festung

Nichts als Kuhmilch zu genießen.“

„Wie! Was? Was ist das für eine Milch!“ unterbrach ihn mein Onkel und

sah mich verwundert an.

„Weiter, Iljuscha!“ kommandierte wieder Ssaschenjka.

„Täglich trauert Pedro Gomez,

Denn es schwinden seine Kräfte,

Und das zehnte Jahr bricht an.

Doch die Mauren triumphieren:

Denn vom stolzen Heer Don Pedros

Sind im ganzen ihm geblieben

Nicht mehr als nur neunzehn Mann.“

„Aber das ist ja Unsinn!“ unterbrach hier mein Onkel wieder. „Das ist ja

doch unmöglich! Neunzehn Mann bleiben von einem Heer übrig, das zu

Anfang der Belagerung so groß und mächtig gewesen ist! Was soll denn das

heißen?“

Hier aber konnte Ssaschenjka ihr Lachen nicht mehr zurückhalten: sie

lachte schallend auf, wie nur Kinder lachen können. Und wenn auch gerade

kein besonderer Grund zum Lachen vorhanden war, so war es doch

unmöglich, bei ihrem Anblick ernst zu bleiben.

„Ach, Papachen, das ist doch nur ein Scherzgedicht!“ rief sie aus,

königlich erfreut über ihren Einfall. „Das ist doch mit Absicht so

gemacht, vom Verfasser, damit es um so spaßiger ist, Papachen.“

„Ah so! Ein Scherzgedicht also!“ Meines Onkels Gesicht hellte sich auf.

„Das heißt, ein satirisches! ... Deshalb, ich höre ... Eben, eben, ein

Scherzgedicht, wie du sagst! Und es ist ja auch zum Lachen: Mit Milch

will er ein ganzes Heer ernähren! – nach irgend so einem Gelübde! Als ob

das zu geloben gerade nötig gewesen wäre! Sehr geistreich – nicht wahr,

Foma? Sehen Sie, Mama, das ist so ein Scherzgedicht, wie es die Dichter

zuweilen schreiben – nicht wahr, Ssergei, Sie schreiben doch mitunter

auch so etwas? Vorzüglich! Nun, Iljuscha, wie geht es weiter?“

„Nicht mehr als nur neunzehn Mann!

Sie nun rief Don Pedro zu sich.

Und er sprach hierauf wie folgt:

‚Freunde!‘ sagt er, ‚laßt uns heute

Unsre Fahnen hoch erheben,

In die Felddrommete stoßen

Und von Pamba uns zurückzieh’n.

Wenn wir diese stolze Festung

Auch nicht eingenommen haben –

Können wir doch allenthalben

Dreist auf Ehre und Gewissen

Jedem schwören, daß wir niemals

Das Gelübde übertreten,

Wie wir’s einst geschworen haben:

Nichts zu trinken als nur Milch!‘“

„Dieser Dummkopf! Womit er sich tröstet!“ unterbrach ihn wieder mein

Onkel. „Daß er neun Jahre nichts als Milch genossen hat! ... Was ist

denn das für eine besondere Tugend? Hätt’ er doch lieber täglich einen

ganzen Ochsen gegessen und seine Leute nicht umkommen lassen! Aber das

Gedicht – vorzüglich, ganz vorzüglich ist das Gedicht! Ich sehe jetzt:

das ist so eine Satire oder ... wie nennt man das doch – eine Allegorie,

nicht wahr? Und vielleicht sogar auf irgendeinen ausländischen General

gemünzt – Wie?“ fragte mein Onkel plötzlich, erhob bedeutsam die Brauen

und blinzelte mir zu – „was? Was meinst du dazu? Aber nur, versteht

sich, eine ganz unschuldige Satire, ohne Spitze, so daß sie keinen

verletzen kann. Vorzüglich, ganz vorzüglich! Und – die Hauptsache –

belehrend! Nun, Iljuscha, fahre fort! Ach ihr unartigen Mädel!“ fügte er

hinzu, mit dem Finger drohend, und sah dabei lächelnd Ssaschenjka an,

während er Nastenjka nur verstohlen mit einem flüchtigen Blick zu

streifen wagte – was jedoch genügte, sie erröten zu machen. Sie lächelte

gleichfalls.

„Neue Kraft gab diese Rede

Seinen neunzehn tapfren Kriegern,

Die, in ihren Sätteln wankend,

Mit erschöpfter Stimme riefen:

‚Sancto Jago Compostello!

Ehr’ und Ruhm Don Pedro Gomez,

Unsrem Löwen von Kastilien!‘

Sein Kaplan jedoch, Diego,

Brummte unwirsch vor sich hin:

‚Wäre ich der Feldherr hier,

Hätt’ ich nur noch Fleisch zu essen

Und nur edlen Wein zu trinken

Als Gelübde abgelegt!‘“

„Da hört ihr’s! Sagt’ ich nicht dasselbe?“ rief mein Onkel höchst

erfreut dazwischen. „In dem ganzen Heer gibt es nur einen einzigen

vernünftigen Menschen, und sogar der ist noch weiß Gott was für ein –

Kaplan! Was ist das eigentlich, ein Kaplan, Ssergei? Ein Hauptmann?“

„Ein Mönch, Onkel, ein Geistlicher.“

„Ach, ja ja, richtig! Kaplan, Kapellan? Ich weiß schon, jetzt entsinne

ich mich! Habe es schon in einem Roman gelesen, im Radcliff war’s,

glaube ich. Dort im Auslande gibt es doch verschiedene Orden ... wart

mal – Benediktiner heißen auch welche ... Nicht wahr, es gibt noch immer

solch einen Orden?“

„Ja, Onkel.“

„Hm! ... Das meinte ich eben auch. Nun, Iljuscha, wie geht es weiter?

Vorzüglich, ganz vorzüglich!“

„Da sprach hell mit lautem Lachen

Pedro Gomez zu den neunzehn:

‚Gebt ihm schnell doch einen Ochsen!

Denn, fürwahr, der Mann hat recht!‘“

„Das war wohl die richtige Zeit zum Lachen!? Ist das aber ein Dummkopf!

Zu guter Letzt ist es also auch ihm lächerlich vorgekommen, was er sich

da selbst zusammengelübdet hat! Außerdem: Ochsen hat es doch gegeben –

weshalb hat er denn da seine Soldaten nicht Rindfleisch essen lassen?

und selbst auch welches gegessen? Nun, Iljuscha, weiter! Es ist wirklich

ganz vorzüglich! Ungemein geistreich!“

„Aber es ist ja schon zu Ende, Papachen!“

„Ach? Schon zu Ende? Ja, in der Tat, was blieb ihm denn auch anderes

übrig – nicht wahr, Ssergei? Vortrefflich, Iljuscha! ganz wundervoll

hast du es vorgetragen! Küsse mich, mein Liebling! Ach, du, mein kleiner

Junge! Aber wer hat es ihm denn beigebracht: du, Ssaschenjka?“

„Nein, das hat Nastenjka getan. Vor einigen Tagen lasen wir beide das

Gedicht. Sie las es und sagte: ‚Was für ein komisches Gedicht! Bald ist

Iljuschas Namenstag – wollen wir es ihn lernen lassen, dann kann er es

vortragen. Es paßt wie geschaffen!‘“

„Dann also Nastenjka? Ich danke, herzlichen Dank!“ brachte mein Onkel

nicht gerade sehr sicher hervor, während er zugleich wie ein Kind über

und über errötete. „Küß mich noch einmal, Iljuscha! Küß auch du mich,

Unart du!“ sagte er scherzend zu Ssaschenjka, indem er sie zu sich zog

und ihr zärtlich in die Augen sah.

„Wart nur, Ssaschurka, auch du wirst bald deinen Namenstag feiern!“

fügte er hinzu, als wüßte er nicht, was er vor lauter Freude sagen

sollte.

Ich wandte mich an Nastenjka und fragte sie, von wem das Gedicht sei.

„Ja, richtig, wer hat es denn gedichtet?“ fragte sogleich auch mein

Onkel. „Es muß sicherlich ein kluger Dichter gewesen sein – was meinst

du, Foma?“

„Hm!“ brummte Foma vor sich hin.

Während des ganzen Vortrags war ein beißend spöttisches Lächeln nicht

von seinen Lippen gewichen.

„Ich ... habe es im Augenblick vergessen,“ antwortete Nastenjka mit

scheuem Blick auf Foma.

„Das hat Kusjma Prutkoff gedichtet, Papachen, und im ‚Zeitgenossen‘ ist

es erschienen,“ sagte Ssaschenjka eifrig.

„Kusjma Prutkoff? Kenne ich nicht,“ sagte mein Onkel. „Nur Puschkin, den

kenne ich! ... Doch man sieht sofort, das es ein talentvoller Dichter

ist. Habe ich nicht recht, Ssergei? Und außerdem ein Mensch mit wirklich

edlen Eigenschaften – das ist klar! Vielleicht ist er sogar ein Offizier

... Ja, das lobe ich mir! Wirklich ein gutes Blatt, der ‚Zeitgenosse‘!

Wir müssen unbedingt darauf abonnieren, wenn solche Dichter in ihm

schreiben ... Ich liebe die Dichter! Prächtige Jungen! Alles sagen sie

in Versen! Weißt du noch, Ssergei, ich habe ja bei dir in Petersburg

auch einen Literaten kennen gelernt. Er hatte noch so eine ganz

besondere Nase ... in der Tat! ... Was sagtest du, Foma?“

Foma Fomitsch, dessen Ärger inzwischen bedeutend gewachsen war, kicherte

vor sich hin. Dieses Kichern war eine nur ihm eigentümliche Art zu

lachen.

„Nichts, ich lache nur so ... es hat nichts auf sich ...“ sagte er mit

einer Miene, als unterdrücke er nur mit Mühe ein ganz gewaltiges Lachen.

„Fahren Sie fort, Jegor Iljitsch, fahren Sie nur fort! Ich werde später

mein Wort sagen ... Auch Stepan Alexejewitsch hört Sie mit großem

Interesse von Ihren Petersburger Literatenbekanntschaften erzählen ...“

Stepan Alexejewitsch Bachtschejeff, der die ganze Zeit etwas weiter ab

in Gedanken verloren auf einem Stuhl gesessen hatte, wurde plötzlich

rot, erhob den Kopf und sagte ziemlich scharf mit halber Wendung zu

Foma:

„Du, Foma, fang gefälligst nicht wieder an, sondern laß mich in Ruh!“

Seine kleinen, sogleich rot anlaufenden Augen sahen den Gegner zornig

an. „Was schiert mich deine Literatur? Wenn Gott mir nur Gesundheit

gibt,“ brummte er halblaut, „das übrige kann mir ... Und diese

Schriftsteller ... lauter Voltairianer und nichts weiter!“

„Die Schriftsteller – lauter Voltairianer?“ fragte Jeshowikin, der im

Augenblick neben Bachtschejeff auftauchte. „Da haben Sie die reinste

Wahrheit gesagt. Genau so hat sich kürzlich auch Valentin Ignatjitsch

auszudrücken geruht, und zwar hat er mich selbst einen Voltairianer

genannt – bei Gott! Ich aber habe doch bekanntlich nichts geschrieben.

Man redet bloß manchmal so ein wenig literarischer. Aber auch daran soll

nun wieder Voltaire schuld sein. So ist es immer bei uns!“

„Nein, so doch nicht!“ meinte mein Onkel gewichtig, „das ist doch wohl

ein Irrtum! Voltaire war nur ein mokanter Schriftsteller, er machte sich

über die Vorurteile lustig. Ein ‚Voltairianer‘ aber ist er selber nie

gewesen! Seine Feinde haben ihn verleumdet. Aber weshalb hacken sie

jetzt immer so auf den Armen los? Das begreife ich wirklich nicht!“

Wieder ertönte das häßliche Kichern Foma Fomitschs. Mein Onkel blickte

sofort beunruhigt zu ihm hinüber und wurde augenscheinlich verlegen.

„Nein, sieh, Foma, ich rede ja nur von unseren Zeitschriften,“ sagte er

verwirrt, um das Gesagte wieder gutzumachen. „Du hattest vollkommen

recht, Foma, als du sagtest, daß wir das Blatt halten müßten. Ich bin

jetzt auch der Meinung, daß wir es müssen! ... Denn ... warum auch

nicht, es verbreitet doch Aufklärung! Und schließlich, was wäre man

sonst für ein Sohn des Vaterlandes, wenn man eine solche Zeitschrift

nicht hält? Habe ich nicht recht, Ssergei? Hm! ... Ja! ... Da haben wir

nun diesen ‚Zeitgenossen‘ ... Aber weißt du, Ssergei, die größten

Wissenschaften sind meiner Meinung nach doch in der dicken Revue – wie

heißt sie doch gleich? Im gelben Umschlag ...“

„‚Vaterländische Aufzeichnungen‘, Papachen.“

„Ja, richtig – ‚Vaterländische Aufzeichnungen‘ – ein vorzüglicher Titel

– nicht wahr, Ssergei? Das ganze Vaterland sitzt sozusagen und zeichnet

auf ... Und dabei verfolgen sie ein edles Ziel! Ein äußerst nützliches

Blatt! Und wie dick! Geh mal, versuch du, eine solche Diligence

herauszugeben! Und Wissenschaften, sag’ ich dir, daß einem fast die

Augen übergehn! ... Vor ein paar Tagen ging ich dort durch das Zimmer,

sehe – das Heft liegt auf dem Tisch ... nahm es aus Neugier in die Hand,

schlug es auf und las in einem Strich ganze drei Seiten. Glaub mir,

Freund, ich vergaß den Mund zu schließen! Weißt du, es gibt dort über

alles Abhandlungen, so zum Beispiel, was bedeutet das Wort Besen,

Spaten, Kochlöffel, Henkel? Ich glaubte, ein Besen sei nichts als ein

Besen, ein Henkel eben ein Henkel. Aber nein, Freund, wart! Ein Besen

ist nach der Wissenschaft nicht nur ein Besen, sondern ein Sinnbild, ein

Emblem, oder gar etwas aus der Mythologie, ich weiß nicht mehr, was er

da eigentlich war; aber jedenfalls kam schließlich etwas Ähnliches

heraus ... Ja, sieh mal, so verhält es sich, Freund! Man kommt eben

hinter alles!“

Ich weiß nicht, was Foma nach diesem neuen Erguß meines Onkels zu tun

oder zu sagen beabsichtigte; denn das Gespräch wurde durch Gawrila

unterbrochen, der plötzlich eintrat und mit gesenktem Haupt auf der

Schwelle stehenblieb.

Foma Fomitsch blickte ihn bedeutsam an.

„Ist alles bereit, Gawrila?“ fragte er mit schwacher, jedoch

entschlossener Stimme.

„Alles ist bereit,“ antwortete Gawrila traurig und seufzte.

„Und auch mein Reisebündel hast du im Wagen untergebracht?“

„Jawohl.“

„Nun, dann bin auch ich bereit!“ sagte Foma und begann, sich langsam zu

erheben. Mein Onkel blickte ihn verwundert an. Die Generalin erhob sich

plötzlich gleichfalls und blickte sich unruhig im Kreise um.

„Erlauben Sie mir jetzt, Oberst,“ hub Foma würdevoll an, „Sie zu bitten,

das interessante Gespräch über die literarischen Besen für eine kurze

Zeit zu unterbrechen. Sie können es ohne mich fortsetzen. Ich aber will,

_indem ich mich auf ewig von Ihnen verabschiede_, gerade Ihnen noch ein

paar letzte Worte sagen ...“

Schreck und Verwunderung lähmten alle Anwesenden.

„Foma! ... Foma! Was fällt dir ein? Wohin willst du?“ rief endlich mein

Onkel aus.

„Ich will Ihr Haus verlassen, Oberst,“ fuhr Foma mit der ruhigsten

Stimme fort. „Ich habe beschlossen, zu gehen, wohin der Weg mich führt,

und deshalb habe ich mir für mein Geld einen einfachen, ganz

gewöhnlichen Bauernwagen gemietet. In ihm liegt bereits mein

Reisebündel. Es ist nicht groß: ein paar Bücher, die mir lieb sind,

Wäsche, um zu wechseln: das ist alles! Ich bin arm, Jegor Iljitsch,

werde aber um keinen Preis Ihr Geld annehmen, das ich ja auch gestern

schon verschmäht habe!“

„Aber um Gottes willen, Foma! Was bedeutet das?“ rief mein Onkel

bestürzt aus, bleich wie ein Tuch.

Die Generalin stieß einen Schrei aus und streckte mit verzweifeltem

Blick Foma Fomitsch beide Hände entgegen. Fräulein Perepelizyna stürzte

zu ihr, um sie nötigenfalls aufzufangen. Die übrigen Schmarotzerinnen

erstarrten auf ihren Plätzen. Nur Herr Bachtschejeff erhob sich

schwerfällig.

„Jetzt geht es los!“ raunte mir Misintschikoff zu, der neben mir stand.

Und im selben Augenblick hörte man fern den ersten Donner grollen.

Sämtliche Werke 16 · 第 23 / 28 题