Neuigkeiten.
„Mein Freund, ich bin nur auf einen Augenblick zu dir gekommen,“ sagte
er eilig. „Ich wollte dir nur mitteilen ... Ich habe mich nach allem
erkundigt. Es ist niemand von ihnen zum Gottesdienst gefahren, außer
Iljuschka, Ssaschenjka und Nastenjka. Meine Mutter soll in Krämpfen
gelegen haben. Man hat sie nur mit Mühe wieder zu sich gebracht. Jetzt
hat man beschlossen, daß alle sich bei Foma versammeln sollen, und auch
mich hat man hingebeten. Nur weiß ich nicht, ob ich Foma zum Geburtstag
gratulieren soll oder nicht – das ist die Frage! Und dann – wie werden
sie überhaupt diesen ganzen Zwischenfall auffassen? Entsetzlich,
Ssergei, wenn ich daran denke, was ich jetzt alles kommen sehe ...“
„Im Gegenteil, Onkel,“ beeilte ich mich, ihn zu beruhigen, „es wird
jetzt alles vorzüglich werden. Jetzt können Sie doch unmöglich Tatjana
Iwanowna heiraten – bedenken Sie doch nur, was das allein wert ist! Ich
wollte Ihnen das schon unterwegs sagen ...“
„Ich weiß, ich weiß, Freund. Aber das ist es ja nicht! Das ist natürlich
ein Fingerzeig Gottes, wie du sagst, aber nicht davon wollte ich
sprechen ... Die arme Tatjana Iwanowna! Was sie für Anfälle hat! ... Ein
Schuft, ein Schuft ist dieser Obnoskin! Doch – was sage ich ‚Schuft‘!
Hätte ich nicht dasselbe getan, wenn ich sie geheiratet hätte? ... Aber
ich wollte doch nicht davon reden ... Hast du gehört, was vorhin diese
schändliche Anfissa von Nastjä uns nachrief?“ fragte er leise.
„Ich habe es gehört, Onkel. Sehen Sie jetzt ein, daß Sie sich beeilen
müssen?“
„Unbedingt! Und was es auch koste, um jeden Preis!“ antwortete mein
Onkel. „Der Augenblick ist gekommen. Nur haben wir beide, Freund,
gestern an eines nicht gedacht; später aber habe ich mir die ganze Nacht
den Kopf darüber zerbrochen: wird sie mich denn auch nehmen – sieh, das
ist die Frage!“
„Aber hören Sie ...! Wenn sie Ihnen doch selbst gesagt hat, daß sie Sie
liebt ...“
„Aber, mein Freund, sie hat doch gleich darauf hinzugefügt, daß sie mich
niemals heiraten werde!“
„Ach, Onkel! Das wird doch nur so gesagt worden sein, und zudem liegen
ja auch die Verhältnisse heute ganz anders.“
„Glaubst du? Nein, Freund Ssergei, das ist eine delikate Sache, hier muß
man unendlich zartfühlend sein! Hm! ... Aber weißt du, ich war ja wohl
traurig darüber, aber im Herzen verspürte ich doch die ganze Nacht so
etwas wie – ein großes Glück ... Nun, leb wohl, ich eile. Sie erwarten
mich, ich komme sowieso zu spät. Ich wollte überhaupt nur einen
Augenblick bei dir vorsprechen, bloß um zwei Worte mit dir zu wechseln.
Ach, mein Gott!“ rief er plötzlich aus und kehrte von der Tür zurück,
„und die Hauptsache habe ich doch noch vergessen! Weißt du: ich habe ihm
ja doch geschrieben, dem Foma!“
„Wann?“
„In der Nacht. Am Morgen aber, als es kaum dämmerte, schickte ich ihm
den Brief durch Widopljässoff zu. Ich habe, weißt du, ihm alles
klargelegt, zwei ganze Briefbogen lang, habe ihm alles wahrheitsgetreu
und aufrichtig geschrieben – kurz, daß es, wie gesagt, meine Pflicht
ist, das heißt, unbedingt meine Pflicht – du verstehst doch? – um
Nastenjkas Hand in aller Form anzuhalten. Ich habe ihn gebeten, von
unserer Begegnung im Garten nichts verlauten zu lassen, und ich habe
mich an den ganzen Edelmut seiner Seele gewandt, mit der Bitte, mir bei
meiner Mutter zu helfen. Ich habe mich natürlich – ich weiß es, mein
Freund – schlecht ausgedrückt, aber ich habe jedes Wort von ganzem
Herzen geschrieben, mit Tränen geschrieben, kann ich wohl sagen ...“
„Und? Er hat nichts geantwortet?“
„Vorläufig noch nicht. Nur am Morgen, als wir zur Fahrt aufbrachen,
begegnete ich ihm im Flur – er war noch im Nachtkostüm, in Pantoffeln
und Zipfelmütze – er schläft immer mit einer Zipfelmütze – er ging
gerade irgendwohin. Er sagte kein Wort, sah mich nicht einmal an. Ich
sah ihm, weißt du, ins Gesicht, aber das verriet nichts!“
„Onkel, hoffen Sie nicht auf ihn: er wird Ihnen noch was Schönes
einbrocken!“
„Nein, nein, Freund, sprich nicht so!“ unterbrach mich mein Onkel eilig,
„ich bin überzeugt! Und dann – es ist dies ja auch meine letzte
Hoffnung. Er wird einsehen, er wird es verstehen ... Er ist launisch,
eigensinnig – ich gebe es zu. Wenn es sich aber um etwas Großes handelt,
um, sozusagen, um höheren Edelmut, dann steht Foma in seinem vollen
Glanze da – ja, in seinem vollen Glanze ... Das sagst du nur deshalb,
Ssergei, weil du ihn noch nicht in einem solchen Augenblick gesehen hast
... Aber, Herrgott! Wenn er ... wenn er wirklich das Geheimnis nicht als
solches wahrt, so ... ich weiß nicht, Ssergei, was dann geschehen wird!
An was in der Welt kann man dann noch glauben? Doch nein, er kann nicht
so schlecht sein. Ich bin ja nicht einmal seinen kleinen Finger wert! Du
brauchst nicht den Kopf zu schütteln, Freund: es ist wahr – ich bin ihn
nicht wert.“
„Jegor Iljitsch! Ihre Exzellenz beunruhigen sich um Sie!“ ertönte da
plötzlich die Stimme der Perepelizyna unter dem offenen Fenster.
Wahrscheinlich hatte die alte Jungfer unser ganzes Gespräch belauscht.
„Sie werden im ganzen Hause gesucht, und niemand kann Sie finden.“
„Herrgott, ich habe mich verspätet!“ rief mein Onkel entsetzt aus.
„Freund, um Christi willen, zieh dich schnell an und komm hin! Ich bin
ja eigentlich auch nur deshalb hergekommen, um dich abzuholen ... Ich
komme, Anna Nilowna, ich komme ...“
Ich blieb allein zurück. Ich dachte an meine Begegnung mit Nastenjka und
war froh darüber, daß ich meinem Onkel nichts davon gesagt hatte: ich
hätte ihn nur noch unentschlossener gemacht. Ich sah voraus, daß ein
großer Sturm bevorstand, und konnte eigentlich nicht begreifen, wie mein
Onkel die Sache zu Ende bringen und um Nastenjkas Hand anhalten würde.
Ich wiederhole und gestehe es: trotz meines ganzen Glaubens an seine
Ritterlichkeit, zweifelte ich doch unwillkürlich am Erfolge.
Einstweilen hieß es jedoch: sich schnellstens ankleiden! Ich hielt es
für meine Pflicht, ihm zu helfen, und beeilte mich mit dem Umziehen.
Aber wie sehr ich mich auch beeilte, es dauerte doch länger – wie es
gewöhnlich geschieht, wenn man sich etwas sorgfältiger ankleiden und
dabei beeilen will. Und während ich mich noch ankleidete, trat
Misintschikoff ein.
„Ich bin gekommen, um Sie abzuholen,“ sagte er. „Jegor Iljitsch läßt Sie
bitten, schnell zu kommen.“
„Gehen wir!“
Ich war jetzt fertig. Wir gingen.
„Was gibt es Neues?“ fragte ich ihn unterwegs.
„Alle sind bei Foma versammelt,“ antwortete Misintschikoff, „Foma ist
diesmal nicht launenhaft, scheint nachdenklich zu sein und spricht
wenig, knurrt nur durch die Zähne. Er hat sogar Iljuscha geküßt, was
Jegor Iljitsch selbstredend in wahre Begeisterung versetzte. Er hat kurz
vorher durch die Perepelizyna der Generalin sagen lassen, daß man ihn
nicht zum Namensfest beglückwünschen solle, er habe ‚nur prüfen wollen‘
... Die Alte riecht zwar den Braten, hat sich aber beruhigt; denn auch
Foma ist ruhig. Von der Flucht wird mit keiner Silbe gesprochen – als
wäre überhaupt nichts vorgefallen. Man schweigt; denn auch Foma geruht
zu schweigen. Er hat den ganzen Morgen keinen Menschen zu sich gelassen,
die Alte aber hat ihn bei allen Heiligen angefleht, zu einer Beratung zu
ihr zu kommen. Sie hat sogar selbst und eigenhändig an seiner Tür
gerüttelt. Er aber hatte sich eingeschlossen und soll gesagt haben, er
bete ‚für die Menschheit‘ – oder Ähnliches. Er scheint irgend etwas im
Schilde zu führen: das sieht man seinem Gesicht sofort an. Da aber Jegor
Iljitsch nicht fähig ist, aus einem Gesicht etwas zu erraten, so ist er
jetzt durch Fomas Frömmigkeit, wie gesagt, völlig bezaubert: ein
richtiges Kind! Iljuscha hat ein Gedicht gelernt, das er jetzt vortragen
soll. Deshalb hat man mich auch nach Ihnen geschickt.“
„Und Tatjana Iwanowna?“
„Was?“
„Wo ist sie? Dort bei den anderen?“
„Nein, sie ist in ihrem Zimmer,“ antwortete Misintschikoff trocken. „Sie
erholt sich und weint. Vielleicht schämt sie sich auch. Bei ihr befindet
sich, glaube ich, diese ... Erzieherin. Aber was ist denn das? Ein
Gewitter zieht auf, wie es scheint. Sehen Sie doch, dort – den Himmel!“
„Ja, wahrscheinlich ein Gewitter,“ sagte ich nach einem Blick auf die
dunklen Wolken am Horizont.
In dem Augenblick stiegen wir zur Terrasse hinauf.
„Doch – Obnoskin? – was sagen Sie zu dem?“ fragte ich, da ich es nicht
verbeißen konnte, Misintschikoff ein bißchen auf den Zahn zu fühlen.
„Sprechen Sie nicht von ihm! Erinnern Sie mich überhaupt nicht an diesen
Schurken!“ rief er aus und blieb plötzlich stehen. Er wurde rot und
stampfte mit dem Fuß auf. „Dieser Esel! Dieser Esel! einen so sicheren
Plan, einen so glänzenden Gedanken zu verpfuschen! Hören Sie, ich bin
natürlich auch ein Esel, da ich seine Schliche nicht bemerkt und nicht
erraten habe – das gestehe ich vollkommen ehrlich und feierlich selbst
ein, und vielleicht wünschten Sie nur diese Selbstbeschuldigung zu
hören. Aber ich schwöre Ihnen: Hätte der Kerl die Sache nach allen
Regeln der Kunst durchgeführt, so würde ich ihm vielleicht noch
verzeihen. Der Esel, o, der Esel! Wie kann man nur solche Leute in der
Gesellschaft überhaupt dulden? Weshalb verschickt man sie nicht nach
Sibirien, in die Zwangsarbeit, als Kolonisten! Aber was da! Die sollen
mich nicht überlisten! Jetzt habe ich wenigstens Erfahrungen gesammelt,
ich habe ein Beispiel vor Augen – und wir werden uns noch einmal messen!
Ich überlege jetzt – einen neuen Plan ... Sie werden mir zugeben: soll
man denn die Früchte seiner Ideen wirklich nur deshalb verlieren, weil
irgendein Esel die Idee gestohlen, doch die Sache nicht richtig
auszuführen verstanden hat? Das wäre doch töricht! Und schließlich –
diese Tatjana muß unbedingt heiraten: das ist nun einmal ihre
Bestimmung. Und wenn bis jetzt noch niemand sie in eine Irrenanstalt
gesteckt hat, so ist das doch nur deshalb nicht geschehen, weil man sie
immer noch heiraten konnte. Ich werde Ihnen meinen neuen Plan
auseinandersetzen ...“
„Aber doch wohl später,“ unterbrach ich ihn, „denn jetzt sind wir ja
angelangt.“
„Gut, gut, später!“ sagte Misintschikoff – sein Mund verzog sich zu
einem kurzen Lächeln. „Jetzt aber ... Wohin gehen Sie denn? Ich sagte
Ihnen doch: direkt zu Foma Fomitsch! Folgen Sie mir. Sie sind noch nie
dort gewesen. Jetzt werden Sie eine neue Komödie erleben ... Da nun
einmal die Komödien hier Mode sind ...“