XIV.

Neuigkeiten.

„Mein Freund, ich bin nur auf einen Augenblick zu dir gekommen,“ sagte

er eilig. „Ich wollte dir nur mitteilen ... Ich habe mich nach allem

erkundigt. Es ist niemand von ihnen zum Gottesdienst gefahren, außer

Iljuschka, Ssaschenjka und Nastenjka. Meine Mutter soll in Krämpfen

gelegen haben. Man hat sie nur mit Mühe wieder zu sich gebracht. Jetzt

hat man beschlossen, daß alle sich bei Foma versammeln sollen, und auch

mich hat man hingebeten. Nur weiß ich nicht, ob ich Foma zum Geburtstag

gratulieren soll oder nicht – das ist die Frage! Und dann – wie werden

sie überhaupt diesen ganzen Zwischenfall auffassen? Entsetzlich,

Ssergei, wenn ich daran denke, was ich jetzt alles kommen sehe ...“

„Im Gegenteil, Onkel,“ beeilte ich mich, ihn zu beruhigen, „es wird

jetzt alles vorzüglich werden. Jetzt können Sie doch unmöglich Tatjana

Iwanowna heiraten – bedenken Sie doch nur, was das allein wert ist! Ich

wollte Ihnen das schon unterwegs sagen ...“

„Ich weiß, ich weiß, Freund. Aber das ist es ja nicht! Das ist natürlich

ein Fingerzeig Gottes, wie du sagst, aber nicht davon wollte ich

sprechen ... Die arme Tatjana Iwanowna! Was sie für Anfälle hat! ... Ein

Schuft, ein Schuft ist dieser Obnoskin! Doch – was sage ich ‚Schuft‘!

Hätte ich nicht dasselbe getan, wenn ich sie geheiratet hätte? ... Aber

ich wollte doch nicht davon reden ... Hast du gehört, was vorhin diese

schändliche Anfissa von Nastjä uns nachrief?“ fragte er leise.

„Ich habe es gehört, Onkel. Sehen Sie jetzt ein, daß Sie sich beeilen

müssen?“

„Unbedingt! Und was es auch koste, um jeden Preis!“ antwortete mein

Onkel. „Der Augenblick ist gekommen. Nur haben wir beide, Freund,

gestern an eines nicht gedacht; später aber habe ich mir die ganze Nacht

den Kopf darüber zerbrochen: wird sie mich denn auch nehmen – sieh, das

ist die Frage!“

„Aber hören Sie ...! Wenn sie Ihnen doch selbst gesagt hat, daß sie Sie

liebt ...“

„Aber, mein Freund, sie hat doch gleich darauf hinzugefügt, daß sie mich

niemals heiraten werde!“

„Ach, Onkel! Das wird doch nur so gesagt worden sein, und zudem liegen

ja auch die Verhältnisse heute ganz anders.“

„Glaubst du? Nein, Freund Ssergei, das ist eine delikate Sache, hier muß

man unendlich zartfühlend sein! Hm! ... Aber weißt du, ich war ja wohl

traurig darüber, aber im Herzen verspürte ich doch die ganze Nacht so

etwas wie – ein großes Glück ... Nun, leb wohl, ich eile. Sie erwarten

mich, ich komme sowieso zu spät. Ich wollte überhaupt nur einen

Augenblick bei dir vorsprechen, bloß um zwei Worte mit dir zu wechseln.

Ach, mein Gott!“ rief er plötzlich aus und kehrte von der Tür zurück,

„und die Hauptsache habe ich doch noch vergessen! Weißt du: ich habe ihm

ja doch geschrieben, dem Foma!“

„Wann?“

„In der Nacht. Am Morgen aber, als es kaum dämmerte, schickte ich ihm

den Brief durch Widopljässoff zu. Ich habe, weißt du, ihm alles

klargelegt, zwei ganze Briefbogen lang, habe ihm alles wahrheitsgetreu

und aufrichtig geschrieben – kurz, daß es, wie gesagt, meine Pflicht

ist, das heißt, unbedingt meine Pflicht – du verstehst doch? – um

Nastenjkas Hand in aller Form anzuhalten. Ich habe ihn gebeten, von

unserer Begegnung im Garten nichts verlauten zu lassen, und ich habe

mich an den ganzen Edelmut seiner Seele gewandt, mit der Bitte, mir bei

meiner Mutter zu helfen. Ich habe mich natürlich – ich weiß es, mein

Freund – schlecht ausgedrückt, aber ich habe jedes Wort von ganzem

Herzen geschrieben, mit Tränen geschrieben, kann ich wohl sagen ...“

„Und? Er hat nichts geantwortet?“

„Vorläufig noch nicht. Nur am Morgen, als wir zur Fahrt aufbrachen,

begegnete ich ihm im Flur – er war noch im Nachtkostüm, in Pantoffeln

und Zipfelmütze – er schläft immer mit einer Zipfelmütze – er ging

gerade irgendwohin. Er sagte kein Wort, sah mich nicht einmal an. Ich

sah ihm, weißt du, ins Gesicht, aber das verriet nichts!“

„Onkel, hoffen Sie nicht auf ihn: er wird Ihnen noch was Schönes

einbrocken!“

„Nein, nein, Freund, sprich nicht so!“ unterbrach mich mein Onkel eilig,

„ich bin überzeugt! Und dann – es ist dies ja auch meine letzte

Hoffnung. Er wird einsehen, er wird es verstehen ... Er ist launisch,

eigensinnig – ich gebe es zu. Wenn es sich aber um etwas Großes handelt,

um, sozusagen, um höheren Edelmut, dann steht Foma in seinem vollen

Glanze da – ja, in seinem vollen Glanze ... Das sagst du nur deshalb,

Ssergei, weil du ihn noch nicht in einem solchen Augenblick gesehen hast

... Aber, Herrgott! Wenn er ... wenn er wirklich das Geheimnis nicht als

solches wahrt, so ... ich weiß nicht, Ssergei, was dann geschehen wird!

An was in der Welt kann man dann noch glauben? Doch nein, er kann nicht

so schlecht sein. Ich bin ja nicht einmal seinen kleinen Finger wert! Du

brauchst nicht den Kopf zu schütteln, Freund: es ist wahr – ich bin ihn

nicht wert.“

„Jegor Iljitsch! Ihre Exzellenz beunruhigen sich um Sie!“ ertönte da

plötzlich die Stimme der Perepelizyna unter dem offenen Fenster.

Wahrscheinlich hatte die alte Jungfer unser ganzes Gespräch belauscht.

„Sie werden im ganzen Hause gesucht, und niemand kann Sie finden.“

„Herrgott, ich habe mich verspätet!“ rief mein Onkel entsetzt aus.

„Freund, um Christi willen, zieh dich schnell an und komm hin! Ich bin

ja eigentlich auch nur deshalb hergekommen, um dich abzuholen ... Ich

komme, Anna Nilowna, ich komme ...“

Ich blieb allein zurück. Ich dachte an meine Begegnung mit Nastenjka und

war froh darüber, daß ich meinem Onkel nichts davon gesagt hatte: ich

hätte ihn nur noch unentschlossener gemacht. Ich sah voraus, daß ein

großer Sturm bevorstand, und konnte eigentlich nicht begreifen, wie mein

Onkel die Sache zu Ende bringen und um Nastenjkas Hand anhalten würde.

Ich wiederhole und gestehe es: trotz meines ganzen Glaubens an seine

Ritterlichkeit, zweifelte ich doch unwillkürlich am Erfolge.

Einstweilen hieß es jedoch: sich schnellstens ankleiden! Ich hielt es

für meine Pflicht, ihm zu helfen, und beeilte mich mit dem Umziehen.

Aber wie sehr ich mich auch beeilte, es dauerte doch länger – wie es

gewöhnlich geschieht, wenn man sich etwas sorgfältiger ankleiden und

dabei beeilen will. Und während ich mich noch ankleidete, trat

Misintschikoff ein.

„Ich bin gekommen, um Sie abzuholen,“ sagte er. „Jegor Iljitsch läßt Sie

bitten, schnell zu kommen.“

„Gehen wir!“

Ich war jetzt fertig. Wir gingen.

„Was gibt es Neues?“ fragte ich ihn unterwegs.

„Alle sind bei Foma versammelt,“ antwortete Misintschikoff, „Foma ist

diesmal nicht launenhaft, scheint nachdenklich zu sein und spricht

wenig, knurrt nur durch die Zähne. Er hat sogar Iljuscha geküßt, was

Jegor Iljitsch selbstredend in wahre Begeisterung versetzte. Er hat kurz

vorher durch die Perepelizyna der Generalin sagen lassen, daß man ihn

nicht zum Namensfest beglückwünschen solle, er habe ‚nur prüfen wollen‘

... Die Alte riecht zwar den Braten, hat sich aber beruhigt; denn auch

Foma ist ruhig. Von der Flucht wird mit keiner Silbe gesprochen – als

wäre überhaupt nichts vorgefallen. Man schweigt; denn auch Foma geruht

zu schweigen. Er hat den ganzen Morgen keinen Menschen zu sich gelassen,

die Alte aber hat ihn bei allen Heiligen angefleht, zu einer Beratung zu

ihr zu kommen. Sie hat sogar selbst und eigenhändig an seiner Tür

gerüttelt. Er aber hatte sich eingeschlossen und soll gesagt haben, er

bete ‚für die Menschheit‘ – oder Ähnliches. Er scheint irgend etwas im

Schilde zu führen: das sieht man seinem Gesicht sofort an. Da aber Jegor

Iljitsch nicht fähig ist, aus einem Gesicht etwas zu erraten, so ist er

jetzt durch Fomas Frömmigkeit, wie gesagt, völlig bezaubert: ein

richtiges Kind! Iljuscha hat ein Gedicht gelernt, das er jetzt vortragen

soll. Deshalb hat man mich auch nach Ihnen geschickt.“

„Und Tatjana Iwanowna?“

„Was?“

„Wo ist sie? Dort bei den anderen?“

„Nein, sie ist in ihrem Zimmer,“ antwortete Misintschikoff trocken. „Sie

erholt sich und weint. Vielleicht schämt sie sich auch. Bei ihr befindet

sich, glaube ich, diese ... Erzieherin. Aber was ist denn das? Ein

Gewitter zieht auf, wie es scheint. Sehen Sie doch, dort – den Himmel!“

„Ja, wahrscheinlich ein Gewitter,“ sagte ich nach einem Blick auf die

dunklen Wolken am Horizont.

In dem Augenblick stiegen wir zur Terrasse hinauf.

„Doch – Obnoskin? – was sagen Sie zu dem?“ fragte ich, da ich es nicht

verbeißen konnte, Misintschikoff ein bißchen auf den Zahn zu fühlen.

„Sprechen Sie nicht von ihm! Erinnern Sie mich überhaupt nicht an diesen

Schurken!“ rief er aus und blieb plötzlich stehen. Er wurde rot und

stampfte mit dem Fuß auf. „Dieser Esel! Dieser Esel! einen so sicheren

Plan, einen so glänzenden Gedanken zu verpfuschen! Hören Sie, ich bin

natürlich auch ein Esel, da ich seine Schliche nicht bemerkt und nicht

erraten habe – das gestehe ich vollkommen ehrlich und feierlich selbst

ein, und vielleicht wünschten Sie nur diese Selbstbeschuldigung zu

hören. Aber ich schwöre Ihnen: Hätte der Kerl die Sache nach allen

Regeln der Kunst durchgeführt, so würde ich ihm vielleicht noch

verzeihen. Der Esel, o, der Esel! Wie kann man nur solche Leute in der

Gesellschaft überhaupt dulden? Weshalb verschickt man sie nicht nach

Sibirien, in die Zwangsarbeit, als Kolonisten! Aber was da! Die sollen

mich nicht überlisten! Jetzt habe ich wenigstens Erfahrungen gesammelt,

ich habe ein Beispiel vor Augen – und wir werden uns noch einmal messen!

Ich überlege jetzt – einen neuen Plan ... Sie werden mir zugeben: soll

man denn die Früchte seiner Ideen wirklich nur deshalb verlieren, weil

irgendein Esel die Idee gestohlen, doch die Sache nicht richtig

auszuführen verstanden hat? Das wäre doch töricht! Und schließlich –

diese Tatjana muß unbedingt heiraten: das ist nun einmal ihre

Bestimmung. Und wenn bis jetzt noch niemand sie in eine Irrenanstalt

gesteckt hat, so ist das doch nur deshalb nicht geschehen, weil man sie

immer noch heiraten konnte. Ich werde Ihnen meinen neuen Plan

auseinandersetzen ...“

„Aber doch wohl später,“ unterbrach ich ihn, „denn jetzt sind wir ja

angelangt.“

„Gut, gut, später!“ sagte Misintschikoff – sein Mund verzog sich zu

einem kurzen Lächeln. „Jetzt aber ... Wohin gehen Sie denn? Ich sagte

Ihnen doch: direkt zu Foma Fomitsch! Folgen Sie mir. Sie sind noch nie

dort gewesen. Jetzt werden Sie eine neue Komödie erleben ... Da nun

einmal die Komödien hier Mode sind ...“

Sämtliche Werke 16 · 第 22 / 28 题