XIII.

Die Verfolgung.

Ich schlief traumlos und ungewöhnlich fest. Plötzlich fühlte ich, wie

ein Gewicht von etwa vierhundert Pfund sich auf meine Beine legte: ich

schrie auf und erwachte.

Es war schon hell: durch die Fenster flutete gelbes Sommermorgenlicht

ins Zimmer. Auf meinem Bett, oder richtiger, auf meinen Beinen saß –

Herr Bachtschejeff.

Ein Zweifel war ausgeschlossen: er war es. Nachdem ich meine Füße mit

genauer Not von dieser Last befreit hatte, setzte ich mich im Bett auf

und sah ihn mit der stumpfen Verständnislosigkeit eines kaum erwachten

Menschen an.

„Er glotzt noch!“ rief der Dicke empört aus. „Was staunst du mich denn

an? Steh auf, Alter, steh auf! Wecke dich hier schon seit einer halben

Stunde. Reib dir endlich den Schlaf aus den Augen!“

„Was ist geschehen? Wieviel ist die Uhr?“

„Die Uhr ist noch nicht viel, aber unsere Fewronja hat nicht einmal den

Tag erwartet, um loszuziehen. Steh mal auf, fix, wir setzen ihr nach!“

„Was für eine Fewronja?“

„Na, die unserige doch, die Holde, wer denn sonst! Ist schon über alle

Berge! Bereits vor Sonnenaufgang ausgekniffen! Ich aber bin ja, mein

Bester, nur auf einen Augenblick zu Ihnen gekommen, bloß um Sie auf die

Beine zu bringen – und da vertrödele ich nun mit ihm geschlagene zwei

Stunden! Stehen Sie auf, mein Lieber, Ihr Onkel erwartet Sie schon ...

Da hat man nun die Bescherung!“ knurrte er zum Schluß, mit einer

gewissen schadenfrohen Gereiztheit in der Stimme.

„Aber von wem ... wovon reden Sie?“ fragte ich erregt; denn ich begann

bereits zu ahnen, „... doch nicht ... Tatjana Iwanowna?“

„Von wem denn sonst? Natürlich von ihr! Habe ich nicht gesagt, gewarnt –

keiner wollte auf mich hören! Da habt ihr jetzt die Bescherung ... zum

Feiertage! Kupido hat ihr den Kopf verdreht, nur deswegen ist sie

verrückt! Pfui! Aber jener, jener – was? Da habt ihr jetzt den

Spitzbart!“

„Doch nicht mit Misintschikoff?“

„Hör nur einer _so_ was! Nun reib dir aber den Schlaf aus den Augen und

werde wenigstens dem großen Feiertage zu Ehren nüchtern! Bist wohl

gestern bis untern Tisch gekommen, wenn dir der Schädel jetzt noch

brummt! Was: Misintschikoff! – Mit Obnoskin, aber nicht mit

Misintschikoff! Iwan Iwanowitsch Misintschikoff ist ein anständiger

Mensch und macht sich mit uns auf die Verfolgung.“

„Was Sie sagen!“ rief ich erschrocken aus und machte, noch halb sitzend,

einen Sprung aus dem Bett, „tatsächlich mit Obnoskin?“

„Pfui, du langweiliger Mensch!“ Der Dicke erhob sich fauchend von meinem

Bett. „Ich komme zu ihm wie zu einem gebildeten Menschen, um ihm das

Unglück mitzuteilen, er aber zweifelt noch! Du, mein Lieber, wenn du mit

willst, so erheb dich schleunigst und zieh dir deine Höschen an; ich

aber hab’s satt, hier mit meiner Lunge für dich zu arbeiten: habe

sowieso schon meine Zeit an dich verschwendet!“

Und er verließ äußerst ungehalten mein Zimmer.

Noch ganz bestürzt von der Nachricht, sprang ich aus dem Bett, kleidete

mich schnell an und eilte ins Herrenhaus.

Dort schien noch alles zu schlafen: und so trat ich denn vorsichtig

durch die Paradetür ein, um unbemerkt zu meinem Onkel zu kommen. Kaum

war ich eingetreten, als plötzlich Nastenjka vor mir stand: sie mußte

soeben erst aufgestanden sein und sich in aller Eile angezogen haben.

Ihr Haar war in Unordnung, und sie trug eine Art Morgenkleid oder

Umwurf. Wahrscheinlich hatte sie im Flur auf jemanden gewartet.

„Sagen Sie, bitte, ist es wahr, daß Tatjana Iwanowna mit Obnoskin

fortgefahren ist?“ fragte sie mich erregt mit zitternder Stimme, bleich

und sichtlich erschrocken.

„Es soll wahr sein. Ich suche meinen Onkel ... Wir wollen ihr nachfahren

...“

„Oh, bringen Sie sie, bringen Sie sie schnell zurück! Wenn Sie es nicht

tun, ist sie verloren!“

„Aber wo ist denn mein Onkel?“

„Wahrscheinlich bei den Pferdeställen. Die Pferde werden schon

angeschirrt. Ich habe hier auf ihn gewartet. Hören Sie, sagen Sie ihm

von mir, daß ich unbedingt heute noch fortfahren will: ich bin fest

entschlossen. Mein Vater nimmt mich zu sich. Am liebsten würde ich

sofort fahren, wenn es sich nur machen ließe! Jetzt ist alles verloren!

Jetzt ist alles zu Ende!“

Während sie das sagte sah sie mich selbst wie eine Verlorene an – und

plötzlich brach sie in Tränen aus. Es schien ein nervöser Anfall zu

sein.

„Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich!“ bat ich sie. „Das ist doch nur

eine günstige Wendung – Sie werden sehen ... Was haben Sie nur,

Nastassja Jewgrafowna?“

„Ich ... ich weiß nicht ... was mit mir ist,“ sagte sie erregt und

preßte unbewußt meine Hände krampfhaft zusammen. „Sagen Sie ihm ...“

Da hörten wir hinter der nächsten Tür ein Geräusch.

Sie zog erschrocken ihre Hände zurück und eilte die Treppe hinauf.

Ich fand sie alle – d. h. meinen Onkel, Herrn Bachtschejeff und

Misintschikoff – auf dem hinteren Hof bei den Ställen. Vor Herrn

Bachtschejeffs Wagen wurden frische Pferde angeschirrt. Alles war zur

Abfahrt bereit: man hatte nur noch auf mich gewartet.

„Da ist er!“ rief mein Onkel aus, als er mich erblickte. „Hast du es

schon gehört, Freund?“ fragte er leiser mit einem eigentümlichen

Gesichtsausdruck. Schreck, Zerstreutheit und doch so etwas wie eine neue

Hoffnung lagen in seinem Blick, in seiner Stimme und selbst in seinen

Bewegungen. Offenbar fühlte er, daß in seinem Schicksal eine Wendung

eingetreten war.

Ich wurde sogleich in die Einzelheiten eingeweiht.

Herr Bachtschejeff war nach einer qualvollen Nacht beim ersten

Morgengrauen von Hause aufgebrochen, um rechtzeitig zum Frühgottesdienst

im Kloster einzutreffen, das einige fünf Werst von seinem Gut entfernt

lag. Als er gerade von der Landstraße in den Nebenweg zur Einsiedelei

einbiegen wollte, hatte er mit einemmal einen offenen Wagen in rasender

Schnelligkeit daherkommen sehen und in den Insassen Tatjana Iwanowna und

Obnoskin erkannt. Tatjana Iwanowna sei verweint gewesen und habe, als

sie Herrn Bachtschejeff erblickt, vor Schreck aufgeschrien und ihm dann

die Hände wie hilfesuchend entgegengestreckt – so wenigstens ging es aus

seiner Erzählung hervor. „Jener aber, der Schuft mit dem Spitzbart,

wollte sich vor mir verstecken, jawohl, ja! – vor mir aber versteckst du

dich nicht!“

Ohne lange zu zögern, hatte Stepan Alexejewitsch (Herr Bachtschejeff)

dem Kutscher wieder auf die Landstraße zurückzukehren befohlen und war

schnurstracks nach Stepantschikowo gefahren, hatte hier ohne weiteres

meinen Onkel geweckt, ferner Misintschikoff und schließlich auch mich.

Es war beschlossen worden, ihnen sogleich nachzufahren.

„Aber Obnoskin, was sagst du zu Obnoskin?“ fragte mein Onkel und sah

mich unverwandt an, als wolle er mir gleichzeitig noch sagen: „Wer hätte

das gedacht!“

„Von diesem niedrigen Menschen war jede Gemeinheit zu erwarten!“

bemerkte Misintschikoff in sehr scharfem Ton, wandte sich aber im selben

Augenblick ab, um meinen Blick zu vermeiden.

„Na, was nun: fahren wir oder fahren wir nicht? Oder werden wir bis zum

Abend hier stehen und uns Märchen erzählen?“ erinnerte Herr

Bachtschejeff an unser Vorhaben und schob sich als erster in den Wagen.

„Fahren wir, fahren wir!“ rief sogleich eilig mein Onkel.

„Es wendet sich alles zum guten, Onkel,“ raunte ich ihm noch schnell zu.

„Dieser Punkt ist jetzt besser erledigt, als wir es uns hätten träumen

können!“

„Schon gut, Freund, lästere nicht ... Aber jetzt wird man _sie_ ja

einfach hinauswerfen, zur Strafe dafür, daß das andere mißglückt ist,

aus Rache – du verstehst doch? Entsetzlich, Freund, was ich jetzt kommen

sehe!“

„Zum Donner, Jegor Iljitsch, wollen Sie Geheimnisse tuscheln – oder

wollen Sie fahren?“ schrie Herr Bachtschejeff zum zweitenmal. „Sollte

man nicht lieber die Pferdchen vorläufig wieder ausschirren lassen und

erst noch einen Imbiß einnehmen – was meinen Sie? – und womöglich noch

ein paar Gläschen sich hinter die Binde gießen?“

Diese Worte waren mit einem so grimmigen Sarkasmus gesagt, daß es ganz

ausgeschlossen war, Herrn Bachtschejeff nicht unverzüglich zu

befriedigen. Wir stiegen eilig ein, und die Pferde zogen an.

Eine Zeitlang schwiegen alle. Mein Onkel streifte mich ab und zu mit

einem bedeutungsvollen Blick, schien aber in Gegenwart der anderen nicht

sprechen zu wollen. Mitunter versank er in Gedanken, um dann nach einer

Weile zusammenzuzucken, plötzlich gleichsam zur Besinnung zu kommen und

sich erregt umzublicken. Misintschikoff war scheinbar ruhig, rauchte

seine Zigarette und schaute mit dem Selbstbewußtsein eines

ungerechterweise gekränkten Menschen drein. Dafür ereiferte sich Herr

Bachtschejeff für drei. Er brummte die ganze Zeit vor sich hin, blickte

auf alle und alles mit entschiedener Mißbilligung, wurde rot, fauchte,

spie fortwährend seitwärts auf die Landstraße und konnte sich auf keine

Art und Weise beruhigen.

„Bist du denn auch wirklich überzeugt, Stepan, daß die beiden nach

Mischino gefahren sind?“ erkundigte sich plötzlich mein Onkel. „Das ist,

mußt du wissen, zwanzig Werst von hier,“ fügte er, zu mir gewandt,

erklärend hinzu, „ein kleines Gut mit dreißig Seelen. Es ist vor kurzem

von einem ehemaligen Gouvernementsbeamten den früheren Besitzern

abgekauft worden. Ein Schikaneur, sagt man, wie die Welt keinen zweiten

aufzuweisen hat! Wenigstens wird es ihm nachgesagt. Stepan Alexejewitsch

behauptet, Obnoskin sei dorthin gefahren, und dieser Beamte helfe ihm.“

„Du zweifelst wohl noch?“ fuhr Herr Bachtschejeff sofort auf. „Ich sage

es und bleibe dabei: sie sind nach Mischino gefahren. Nur hat man ihn in

Mischino wahrscheinlich schon längst wieder vergessen, den Obnoskin.

Warum auch nicht! Haben doch drei Stunden auf dem Hof verschwatzt!“

„Beunruhigen Sie sich nicht,“ bemerkte Misintschikoff, „wir werden sie

dort noch antreffen.“

„Jawohl, ja! Antreffen! Der will gerade dort noch Wiedersehen mit dir

feiern! Er hat doch die Schatulle in den Fingern, worauf soll er jetzt

noch warten?“

„Beruhige dich, Stepan, beruhige dich nur,“ redete ihm mein Onkel gütig

zu. „Sie haben ja noch zu nichts Zeit gehabt – du wirst sehen, daß es so

ist.“

„Zu nichts Zeit gehabt!“ wiederholte Herr Bachtschejeff boshaft. „Zu was

hat diese nicht Zeit, wenn sie auch noch so bescheiden ist! ‚Ach ja, sie

ist so bescheiden, ein so bescheidenes Kind!‘“ flötete er plötzlich aus

der Fistel, als wolle er jemand nachäffen. „‚Sie hat so viel Unglück

erfahren!‘ – Jawohl, ja! Da hat sie uns jetzt ihre Absätze gezeigt, die

bescheidene Unglückliche! Da rast man ihr nun auf der großen Landstraße

nach, mit der Zunge aus dem Halse womöglich, und sucht sie von

Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang! Läßt einen nicht einmal an Gottes

heiligem Feiertage beten, wie es sich gehört! Pfui!“

„Aber sie ist doch mündig,“ bemerkte ich, „sie steht doch nicht unter

Vormundschaft. Wir können sie doch nicht zwingen, zurückzukehren, wenn

sie es nicht selbst will. Was werden wir dann tun?“

„Sie wird gewiß zurückkehren wollen, ich versichere dich,“ sagte mein

Onkel. „Das hat sie jetzt nur so ... Sobald sie uns nur erblickt, wird

sie zurück wollen – dafür garantiere ich. Und außerdem – es geht doch

nicht anders, Freund, man kann sie doch nicht so dem Zufall überlassen,

dem Schicksal als Opfer ... es ist doch gewissermaßen eine Pflicht ...“

„Steht nicht unter Vormundschaft!“ rief Herr Bachtschejeff aufgebracht

aus und sah mich mit bösen Augen an. „‚Ist mündig!‘ – Eine Gans ist sie,

mein Lieber, eine echte Gans! – _So_ muß man es nennen, aber nicht, daß

sie _mündig_ ist! Gestern wollte ich mit dir überhaupt nicht von ihr

sprechen; denn ein paar Stunden vorher hatte ich aus Versehen die Tür zu

ihrem Zimmer aufgemacht – und was sehe ich: sie ist allein im Zimmer vor

dem Spiegel, die Hände in die Seiten gestemmt und tanzt so was wie ’ne

Ecossaise! Und wie aufgeputzt! Ein Journal, sag ich, einfach ein

Modejournal! Ich spie nur aus und ging. Und damals schon sah ich voraus,

sah ich alles so kommen, wie es jetzt gekommen ist – buchstäblich, genau

so!“

„Wozu soll man sie so hart beurteilen,“ wagte ich etwas eingeschüchtert

einzuwenden, „wir wissen doch, daß Tatjana Iwanowna ... sich nicht ihrer

vollen Gesundheit erfreut ... oder richtiger, daß sie eine gewisse Manie

... Ich glaube, daß man nur Obnoskin beschuldigen darf und nicht sie.“

„Sich nicht ihrer vollen Gesundheit erfreut! Da werde einer mit ihm

fertig!“ griff der Dicke wieder meinen Ausdruck auf, das Gesicht rot vor

Zorn. „Er hat sich ja wahrhaftig geschworen, einen aus der Haut zu

bringen! Schon gestern hat er den Schwur abgelegt! _Eine Gans ist sie_,

hörst du mich, Väterchen, ich sage es dir nochmals: eine _kapitale_

Gans! _So_ heißt’s, nicht aber, daß sie sich ‚nicht ihrer vollen

Gesundheit erfreut‘! Sie ist von Kindesbeinen ^in puncto^ Liebe

übergeschnappt, das laß dir gesagt sein! Und jetzt hat der Kupido sie

glücklich bis zum Letzten gebracht! Von jenem aber mit dem Spitzbart –

von dem lohnt es sich gar nicht zu reden! Der wird jetzt für dreie

leben, da sei du unbesorgt, und das Geld springen lassen und sich ins

Fäustchen lachen.“

„Glauben Sie denn wirklich, daß er sie verlassen wird?“

„Was denn sonst? Soll er denn einen solchen Schatz noch mit sich

herumschleppen? Was soll er mit ihr anfangen? Er wird ihr das Geld

abrupfen und sie dann an der Landstraße unter einen Busch setzen – und

Lebewohl sagen –, sie aber kann dann dort unterm Busch sitzen und

Blümchen riechen, wenn sie will.“

„Nein, Stepan, da hast du dich denn doch etwas fortreißen lassen, so

wird es nicht sein!“ sagte mein Onkel. „Und weshalb ärgerst du dich so?

Wirklich, ich wundere mich über dich, Stepan! Was hast du davon?“

„Soo? Bin ich denn kein Mensch? Da kann man doch auch wütend werden!

Ganz unwillkürlich! Und vielleicht rede ich nur aus mitleidigem Herzen

... Ach, mag die ganze Welt versauern! Sagt mir doch, wozu bin ich

eigentlich hergefahren? Weshalb bin ich nicht ruhig weitergefahren? Was

geht denn das mich an? Was schert das mich, Schockschwerenot!“

So haderte Herr Bachtschejeff mit dem Schicksal, doch ich hörte ihm

nicht lange zu und beschäftigte mich in Gedanken mit derjenigen, der wir

nachfuhren – mit Tatjana Iwanowna. Ihre Lebensgeschichte, über die ich

mich in der Folge habe unterrichten lassen, und die als Erklärung ihres

Abenteuers interessieren dürfte, ist kurz folgende:

Als armes Waisenkind, das in einem fremden, ungastlichen Hause

aufgewachsen war, dann als armes, junges Mädchen und mit der Zeit als

armes, altes Mädchen hatte Tatjana Iwanowna in ihrem ganzen kärglichen

Leben alles Leid, das Verwaistheit, Erniedrigung, Vorwürfe und ungern

gegebenes Gnadenbrot verursachen, zur Genüge ausgekostet. Von Natur mit

einem heiteren, sehr empfänglichen und wohl auch leichtsinnigen

Charakter begabt, hatte sie ihr bitteres Los anfangs noch leicht

genommen und mitunter sogar fröhlich und sorglos wie ein Kind lachen

können. Mit den Jahren tat aber die Zeit das Ihre: Tatjana Iwanowna

wurde gelb und mager, wurde reizbar, krankhaft empfänglich und

überschwenglich und träumte immer phantastischer von allem Schönen der

Erde, träumte einen Traum, der nur von hysterischen Tränen oder

plötzlichem, krampfartigem Schluchzen unterbrochen wurde. Je weniger

irdische Güter die Wirklichkeit ihr verlieh, um so mehr tröstete sie

sich mit ihrer Phantasie: je unwiederbringlicher und unaufhaltsamer ihre

letzten Berechtigungen zu irgendwelchen Hoffnungen dahinschwanden, um so

berauschender wurden ihre Illusionen, die sich doch niemals

verwirklichen konnten. Unermeßliche Reichtümer, unverwelkbare Schönheit,

elegante, reiche, vornehme Kavaliere, wenn nicht gar Großfürsten, die

ihr den Hof machten, die für sie allein ihr Herz in jungfräulicher

Reinheit erhalten hatten, und zu ihren Füßen vor lauter Liebe starben,

und schließlich _er_ – _er_, das Schönheitsideal, ein Mann, der alle

Vollkommenheiten in sich vereinigte, sie leidenschaftlich liebte, dazu

Künstler, Dichter, General war – alles zusammen oder abwechselnd – alles

das sah und erlebte sie bald nicht nur in ihrer Phantasie, sondern fast

wie in Wirklichkeit. Ihre Vernunft widerstand nicht lange dem Gift

dieser heimlichen, ununterbrochenen Träume ... Und nun plötzlich – griff

das Schicksal in ihr Leben ein und hatte sie zum besten. In der letzten

Erniedrigung, inmitten der traurigsten, das Herz bedrückenden

Wirklichkeit, als Gesellschafterin einer alten, zahnlosen, launischen

Dame – die sie beständig beschuldigte, die ihr wegen jedes Brotstücks

und jedes Kleides Vorwürfe machte –, fast als Dienstmagd, die ein jeder

kränken durfte, und die von niemand beschützt wurde, die durch ihr

armseliges Leben um ihre Vernunft gebracht war und im geheimen nur im

Zauber der sinnlosesten und glühendsten Phantasiegebilde lebte – erhielt

sie eines Tages die Nachricht vom Tode eines ihrer entfernten

Verwandten, dessen Angehörige alle vor ihm gestorben waren, wovon sie in

ihrem Leichtsinn keine Ahnung gehabt hatte. Dieser entfernte Verwandte

war ein Sonderling gewesen, hatte wie ein Einsiedler gelebt, irgendwo

weit in einem Provinznest, mürrisch, einsam und mit der Welt zerfallen,

sich nur mit Kraniologie beschäftigt und sein Geld auf Wucherzinsen

geliehen. Und so war denn plötzlich wie durch ein Wunder dieser Tatjana

Iwanowna ein ganzes großes Vermögen in den Schoß gefallen: sie war die

einzige noch lebende Verwandte und folglich die einzige gesetzmäßige

Erbin des Alten. Hunderttausend Rubel erhielt sie sofort blank und bar

ausgezahlt. Dieser Hohn des Lebens aber brachte sie alsbald um den Rest

ihres Verstandes. Wie sollte nun ihre ohnehin schon geschwächte Vernunft

nicht an die Erfüllung aller ihrer Träume glauben, wenn solche Wunder

geschehen konnten? Und so kam es, daß sie, fast betäubt vom Glück,

unrettbar in ihre bezaubernde Welt unmöglicher Phantasien und

verführerischer Illusionen versank. Verschwunden waren alle Zweifel,

alle Grenzen der Wirklichkeit und deren Gesetze. Fünfunddreißig Jahre

und blendende Schönheit, traurig stimmende Herbstkälte und die ganze

Wonne unendlicher Liebesseligkeit lebten in ihrem Wesen nebeneinander,

ohne miteinander auch nur einmal in Konflikt zu geraten. War doch _ein_

Traum Wirklichkeit geworden – weshalb sollten es nicht auch die anderen

werden? Weshalb sollte nicht auch _er_ erscheinen? Tatjana Iwanowna

dachte nicht – sie glaubte. Und während sie _ihn_ noch erwartete, das

Ideal – sah sie jetzt Tag und Nacht nur noch Werbende vor sich,

Offiziere und Zivilpersonen, Infanteristen und Gardekavalleristen,

Millionäre und Dichter, die in Paris gewesen waren, und auch solche, die

nur Moskau gesehen hatten, solche mit spanischen Spitzbärten und solche

ohne Spitzbärte, Spanier und Nichtspanier (größtenteils aber doch

Spanier) – jedenfalls sah sie dieselben in erschreckend großer Anzahl,

so daß sie in ihrer Umgebung ernstliche Befürchtungen erregte. Es fehlte

nicht viel, und man hätte sie in eine Irrenanstalt schaffen müssen. Alle

ihre schönen Illusionen umgaben sie wie eine glänzende Kette, und im

wirklichen Leben sah sie alles im selben phantastischen Licht: wen sie

nur sah, der schien ihr in sie verliebt zu sein; wer nur an ihr

vorüberging, der war in ihren Augen ein Spanier, wer starb – der starb

unfehlbar aus Liebe zu ihr. Und in diesen Einbildungen wurde sie noch

dadurch bestärkt, daß ihr jetzt tatsächlich viele Herren, wie zum

Beispiel ein Obnoskin, mit demselben Ziel, das auch Misintschikoff

verfolgte, den Hof machten. Plötzlich wurde sie von allen umschmeichelt,

verwöhnt und „geliebt“. Die Arme konnte und wollte nicht einmal

argwöhnen, daß es nur um ihres Geldes willen geschah. Sie war vollkommen

überzeugt, daß alle Menschen, von denen sie früher so schlecht behandelt

worden war, sich plötzlich wie auf irgend jemandes Befehl gebessert

hatten, heiter, lieb, freundlich und gut geworden seien. _Er_ erschien

zwar vorläufig noch nicht, und wenn es auch nicht dem geringsten Zweifel

unterlag, daß _er_ einmal kommen werde, so war doch das Leben auch so

nicht schlecht, es war sogar sehr angenehm, so voll Zerstreuungen und

netter Erlebnisse, daß man sehr gut noch warten konnte! Tatjana Iwanowna

naschte Konfekt, pflückte die Blumen des Vergnügens und las Romane.

Diese Romane regten ihre Phantasie noch mehr an; doch las sie keinen

einzigen zu Ende, sondern legte das Buch gewöhnlich schon nach den

ersten Seiten aus der Hand. Sie hielt die Lektüre nicht länger aus, da

schon die gleichgültigste Andeutung einer Liebe oder auch nur die

Beschreibung des Ortes, eines Zimmers etwa, ihre Gedanken gänzlich

gefangen nahm. Fortwährend wurden ihr neue Kleider, Spitzen, Hüte,

Bänder, Musterbogen und Schnittmuster, Stickereien, Konfekt, Blumen und

Schoßhündchen zugesandt. In der Mädchenstube waren drei Mädchen ganze

Tage lang nur mit dem Nähen ihrer Kleider beschäftigt, sie aber drehte

sich fast vom Morgen bis zum Abend und sogar in der Nacht vor dem

Spiegel und hatte eine Anprobe nach der anderen. Sie schien dabei nach

der Erbschaft jünger und hübscher geworden zu sein. Ich habe bis jetzt

leider noch nicht in Erfahrung bringen können, wie sie mit dem

verstorbenen General Krachotkin verwandt war. Im Grunde war ich von

Anfang an überzeugt, daß diese ganze Verwandtschaft nur eine Erfindung

der Generalin sein konnte, die sich Tatjana Iwanownas bemächtigen

wollte, um sie dann, was es auch koste, mit meinem Onkel zu verheiraten.

Herr Bachtschejeff hatte recht, wenn er sagte, Kupido hätte sie um die

letzte Vernunft gebracht. Andererseits war der Entschluß meines Onkels,

als er von ihrer Flucht mit Obnoskin erfahren hatte, ihr sogleich

nachzufahren und sie zurückzubringen, das Vernünftigste, was er tun

konnte. Die Arme war gar nicht fähig, ohne Bevormundung zu leben, und

sie würde unfehlbar ihrem Verderben entgegengegangen sein, wenn sie

unter schlechte Menschen geraten wäre.

Es war über neun, als wir in Mischino anlangten. Das Gut lag drei Werst

abseits von der großen Landstraße. Es war dort nur ein kleines Gutshaus

mit ein paar ärmlichen Nebengebäuden, die alle gleichsam in einer Grube

lagen. Sechs oder sieben Bauernhütten, die schief und verräuchert, nur

spärlich mit schwarz gewordenem Stroh bedeckt am Wege standen, machten

einen traurigen Eindruck auf den Vorüberfahrenden. Kein Garten, kein

Strauch war rings im Umkreise von einer Viertelwerst zu sehen. Nur ein

alter Weidenbaum stand einsam an einem grünen Tümpel, der „Teich“

genannt wurde. Ein solcher Ort konnte auf Tatjana Iwanowna unmöglich

einen freundlichen Eindruck machen. Das Wohngebäude des Besitzers war

ein langgestreckter, schmaler Neubau mit sechs Fenstern in einer Reihe

und einem vorderhand nur mit Stroh gedeckten Dach. Der Besitzer – ein

ehemaliger Beamter – hatte das Gut erst kürzlich übernommen. Selbst der

Hof war noch nicht einmal mit einem Zaun umgeben: nur an einer Seite war

ein Stück von einem neuen Flechtzaun zu sehen, von dem die trockenen

Nußbaumblätter noch nicht abgefallen waren. Dort am Zaun stand auch

Obnoskins offener Wagen. Aus einem geöffneten Fenster hörten wir

Geschrei und Weinen.

Im Flur trafen wir nur einen barfüßigen Knaben an, der Hals über Kopf

davonlief. Im ersten Zimmer, das wir betraten, saß auf einem langen,

kattunüberzogenen „türkischen“ Diwan ohne Lehne – Tatjana Iwanowna, die

ganz verweint war. Als sie uns erblickte, schrie sie auf und verbarg das

Gesicht in den Händen. Neben ihr stand Obnoskin – mitleiderregend

verwirrt und erschrocken. Er verlor dermaßen den Kopf, daß er uns

entgegenstürzte, um uns die Hände zu drücken, ganz als hätte ihn unsere

Ankunft unsäglich gefreut. Durch die halboffene Tür sah man den Zipfel

eines Frauenkleides: jemand schien dort durch einen Spalt zu lauern und

zu lauschen. Weder war der Hausherr noch war die Hausfrau zu sehen: sie

schienen überhaupt nicht im Hause zu sein – oder sie hatten sich

irgendwo versteckt.

„Da ist sie ja, unsere Ausflüglerin! Will sich jetzt noch hinter den

Händen verstecken!“ rief Herr Bachtschejeff aus, der hinter uns als

letzter in das Zimmer gerollt kam.

„Mäßigen Sie Ihr Entzücken, Stepan Alexejewitsch! Das ist hier durchaus

nicht angebracht. Das Recht zu sprechen hat jetzt nur Jegor Iljitsch,

wir aber sind hier vollkommen Nebenpersonen!“ bemerkte Misintschikoff

scharf.

Mein Onkel, der dem Dicken nur einen strengen Blick zugeworfen hatte,

ging, ohne Obnoskin und seine ausgestreckten Hände auch nur zu beachten,

auf Tatjana Iwanowna zu, die ihr Gesicht immer noch verbarg, und sagte

mit ungeheuchelter Teilnahme in seiner sympathischen Stimme:

„Tatjana Iwanowna, wir alle lieben und achten Sie so, daß wir selbst

hergekommen sind, um Ihre Absichten zu erfahren. Wollen Sie nicht mit

uns nach Stepantschikowo zurückkehren? Heute ist doch Iljuschas

Namenstag. Meine Mutter erwartet Sie ungeduldig, und Ssaschenjka und

Nastenjka werden sicherlich den ganzen Morgen vor Sehnsucht nach Ihnen

geweint haben ...“

Tatjana Iwanowna erhob schüchtern den Kopf, sah, ohne die Hände vom

Gesicht zu nehmen, vorsichtig durch die Finger zu ihm auf, und plötzlich

warf sie sich aufschluchzend an seinen Hals.

„Ach, bringen Sie mich, bringen Sie mich schnell von hier fort!“ flehte

sie unter Tränen, „schnell, schnell, so schnell wie möglich!“

„Hat das Durchbrennen schon satt!“ tuschelte mir Bachtschejeff mit einem

gleichzeitigen Rippenstoß zu.

„Dann wäre also die Angelegenheit erledigt,“ sagte mein Onkel trocken,

sich an Obnoskin wendend; doch vermied er es, ihn anzusehen. „Tatjana

Iwanowna, Ihren Arm, wenn ich bitten darf. Fahren wir!“

Im Nebenzimmer hinter der Tür hörte man Kleiderrascheln. Die Tür

kreischte ein wenig und der Spalt wurde größer.

„Einstweilen aber ... wenn man von einem anderen Standpunkt aus urteilt

...“ bemerkte Obnoskin mit unruhigem Blick nach der offenen Tür, „so

müßten Sie sich doch selbst sagen, Jegor Iljitsch ... Ihre

Handlungsweise in meinem Hause ... und schließlich – ich begrüße Sie,

und Sie erwidern nicht einmal meinen Gruß, Jegor Iljitsch ...“

„Ihre Handlungsweise in _meinem_ Hause, mein Herr, war ehrlos,“ sagte

mein Onkel und sah Obnoskin mit strengem Blick offen an, „– und das hier

ist nicht Ihr Haus. Sie haben es soeben selbst gehört: Tatjana Iwanowna

will keinen Augenblick mehr hier verweilen. Was wollen Sie denn noch?

Kein Wort – hören Sie, kein Wort mehr, ich bitte Sie darum! Ich würde

gern weitere Erklärungen vermeiden, und das – wäre wohl auch

vorteilhafter für Sie.“

Obnoskin verlor so sehr den Kopf, daß er den größten Unsinn

zusammenschwatzte.

„Verachten Sie mich nicht, Jegor Iljitsch,“ begann er halblaut, vor

Beschämung, wie es schien, den Tränen nahe, wobei er sich fortwährend

nach der Tür umsah – wahrscheinlich in der Furcht, daß man ihn dort

hören könnte. „Ich habe ja eigentlich nichts getan, das war doch nur

Mama ... Ich habe es nicht in meinem Interesse getan, Jegor Iljitsch ...

ich habe es nur so getan ... natürlich habe ich es zum Teil auch in

meinem Interesse getan, Jegor Iljitsch ... aber ich habe es mit einem

edlen Ziel vor Augen getan, Jegor Iljitsch ... Ich hätte das Kapital

nutzbringend angewandt ... ich hätte den Armen geholfen. Ich wollte

ferner zum Fortschritt der gegenwärtigen Aufklärung etwas beitragen ...

ich beabsichtigte sogar, ein Stipendium an der Universität zu stiften

... Sehen Sie, in welcher Weise und zu welchen Zwecken ich meinen

Reichtum angewandt hätte, Jegor Iljitsch ... und nicht, daß ich sonst

etwas, Jegor Iljitsch ...“

Wir alle schämten uns mit einem Male ganz entsetzlich. Misintschikoff

wurde rot und wandte sich ab, mein Onkel aber wurde so verlegen, daß er

nicht wußte, was er sagen sollte.

„Schon gut, schon gut!“ sagte er endlich. „Beruhigen Sie sich nur, Pawel

Ssemjonytsch. Was soll man hier viel sagen ... Es kann jedem passieren

... Wenn Sie wollen, besuchen Sie uns ... ich aber freue mich ... es

freut mich, daß ...“

Doch nicht ganz so zartfühlend verfuhr Herr Bachtschejeff.

„Stipendium stiften!“ schrie er plötzlich jähzornig. „Der ist mir der

Rechte zum Stiften! Du würdest gern selbst einem jeden das Letzte

abrupfen! ... Hat sich im Leben noch kein Paar Hosen verdient, kräht

aber schon wie die anderen von Stipendienstiften! So ein Lumpenkerl! Und

hat jetzt noch ein zärtliches Herz besiegt! Aber wo ist denn die

Hauptperson, die verehrte Frau Mutter? Oder hat sie sich versteckt? Ich

will nicht Bachtschejeff heißen, wenn sie nicht dort irgendwo sitzt,

sich hinter einem Bettschirm verborgen hält oder vor Schreck sich unters

Bett verkrochen hat ...“

„Stepan, Stepan!“ unterbrach ihn mein Onkel geärgert.

Obnoskin wurde feuerrot und schien protestieren zu wollen. Doch noch

bevor er den Mund aufmachen konnte, wurde die Tür schon aufgerissen, und

Anfissa Petrowna Obnoskina stürzte mit blitzenden Augen empört und

zornbebend ins Zimmer.

„Was soll das bedeuten?“ kreischte sie laut. „Was geht hier vor? Sie,

Jegor Iljitsch, dringen mit einer ganzen Kohorte in ein ehrenwertes

Haus, erschrecken Damen, treffen eigenmächtig Anordnungen! ... Das ist

doch unerhört! Ich bin zum Glück noch meiner Sinne mächtig, Jegor

Iljitsch! ... Du Tölpel!“ fuhr sie in ihrem Redeschwall fort, sich auf

ihren Sohn stürzend, „du scheinst ja hier vor ihnen noch weinen zu

wollen! Deiner Mutter wird in ihrem Hause eine Beleidigung zugefügt, und

du stehst da und schweigst! Was bist du? ein ehrenwerter junger Mann und

Sohn? Ein Lappen bist du, aber kein Mann!“

Vergessen waren alle Ziererei und die ganze lächerliche Koketterie, die

mir am Tage zuvor an ihr aufgefallen waren – auch keine Spur war mehr

davon sichtbar: man sah nur noch eine Furie vor sich, eine Furie, der

man die Maske vom Gesicht gerissen hatte.

Kaum hatte sie ihren ersten Redeschwall beendet, als mein Onkel auch

schon Tatjana Iwanowna seinen Arm bot und sie zur Tür hinausgeleiten

wollte. Anfissa Petrowna jedoch versperrte ihm sogleich den Weg.

„Sie werden so nicht fortgehen, Jegor Iljitsch!“ begann sie von neuem

ihr Geschrei. „Mit welchem Recht wollen Sie Tatjana Iwanowna gewaltsam

entführen? Es macht Ihnen einen Strich durch die Rechnung, daß der

Goldfisch den erbärmlichen Netzen entschlüpft ist, mit denen Sie sie in

Gemeinschaft mit Ihrer Mutter und dem Esel Foma Fomitsch einzufangen

gedachten! Sie würden sie gern selbst aus niedriger Geldgier heiraten.

Verzeihen Sie, aber hier ist man edler gesinnt! Da Tatjana Iwanowna sah,

was man dort gegen sie plante, vertraute sie sich meinem Sohn Pawluscha

an. Sie hat ihn selbst gebeten, sie vor Ihnen zu retten und sie zu

beschützen: Sie war gezwungen, in der Nacht aus Stepantschikowo zu

fliehen – sehen Sie, so verhält sich die Sache! So weit haben Sie sie

gebracht! Nicht wahr, so ist es doch, Tatjana Iwanowna? Wenn es sich

aber so verhält, wie können Sie es dann wagen, mit einer solchen Bande,

wie dieser, in ein angesehenes Haus einzudringen und mit Gewalt ein

ehrenwertes Mädchen zu entführen, trotz der Tränen desselben? Das

erlaube ich nicht! Das erlaube ich nicht! Ich bin ein vernünftiger

Mensch, kein verrückter! ... Tatjana Iwanowna wird hierbleiben; denn das

ist ihr Wunsch und ihr Wille! Gehen wir, Tatjana Iwanowna, es lohnt sich

nicht, diese Menschen anzuhören: das sind unsere Feinde und nicht unsere

Freunde! Ich werde sie schon hinausbringen, die – ...“

„Nein, nein!“ rief Tatjana Iwanowna erschrocken aus, „ich will nicht,

ich will nicht! Was ist er für ein Mann? Ich will Ihren Sohn nicht

heiraten! Was ist er denn für ein Mann?“

„Sie wollen nicht!“ schrie Anfissa Petrowna wutschnaubend, „Sie wollen

nicht? Erst sind Sie hergekommen und jetzt wollen Sie nicht? Wie haben

Sie uns denn so betrügen können? Wie haben Sie ihm dann Ihre Zusage

geben können? Sie sind in der Nacht mit ihm entflohen, haben sich ihm

selbst an den Hals geworfen, haben uns in Ausgaben gestürzt! Mein Sohn

hat Ihretwegen vielleicht eine gute Partie verloren, die er hätte machen

können ... Er hat vielleicht zehntausend Rubel Mitgift verloren durch

Sie! ... Nein! Sie werden es bezahlen, Sie müssen es bezahlen! Wir haben

Beweise in der Hand ... Sie sind in der Nacht mit ihm entflohen ...“

Doch wir hatten genug von ihrem Geschrei: wie auf Kommando scharten wir

uns alle dicht um meinen Onkel und drängten zur Tür hinaus,

rücksichtslos auf Anfissa Petrowna zu, die uns den Weg versperren

wollte, und gelangten auch glücklich ins Freie. Unser Wagen fuhr vor.

„So etwas tun nur Schufte, nur Schurken!“ schrie uns in rasender Wut

Anfissa Petrowna von der Treppe noch nach.

„Ich werde die Rechnung schicken! Sie werden sie bezahlen! Sie fahren in

ein ehrloses Haus, Tatjana Iwanowna! Sie können Jegor Iljitsch nicht

heiraten, er hält sich ja vor Ihrer Nase seine Gouvernante als Mätresse

im Hause! ...“

Mein Onkel fuhr zusammen, erbebte, erbleichte, biß sich auf die Lippe

und half eifrig Tatjana Iwanowna beim Einsteigen. Ich ging um den Wagen

herum und wartete, bis an mich die Reihe kam, einzusteigen, als

plötzlich Obnoskin neben mir stand und meine Hand erfaßte.

„Wenigstens müssen Sie mir erlauben, Sie um Ihre Freundschaft zu

bitten!“ flüsterte er mir mit einem ganz verzweifelten Ausdruck zu und

drückte krampfhaft meine Hand.

„Wie das – Freundschaft?“ fragte ich verwundert und setzte schnell den

Fuß auf das Trittbrett.

„Ja! Ich habe gestern in Ihnen einen überaus gebildeten Menschen

erkannt. Verurteilen Sie mich nicht ... Mich hat eigentlich nur meine

Mutter verleitet, ich aber bin in dieser Angelegenheit ganz ^à part^.

Ich neige mehr zur Literatur – versichere Sie! Dies hier aber hat alles

nur meine Mutter ...“

„Ich glaube es, glaube es,“ sagte ich, „leben Sie wohl!“

Wir setzten uns und fuhren fort. Das Geschrei und die Verwünschungen

Anfissa Petrownas schallten uns noch lange nach. Und nun tauchten auch

in allen Fenstern des Hauses unbekannte Gesichter auf, die uns mit

unbeschreiblicher Neugier nachstarrten.

Wir saßen jetzt zu fünfen im Wagen. Misintschikoff hatte sich neben den

Kutscher gesetzt und seinen Platz auf dem Rücksitz Herrn Bachtschejeff

abgetreten, der nun Tatjana Iwanowna gegenübersaß. Tatjana Iwanowna war

sehr zufrieden damit, daß wir sie wieder zurückbrachten, weinte aber

immer noch. Mein Onkel tröstete sie, so gut er es konnte. Er selbst war

dabei niedergedrückt und nachdenklich: man sah es ihm an, daß die

schändlichen Worte über Nastenjka, die Anfissa Petrowna in ihrer Wut uns

nachgeschrien hatte, schmerzlich in seinem Herzen widerhallten. Übrigens

– unsere Rückfahrt wäre ohne jeden Zwischenfall sehr glücklich

verlaufen, wenn Herr Bachtschejeff nicht mit uns gewesen wäre.

Kaum hatte er Tatjana Iwanowna gegenüber Platz genommen, als er

plötzlich ein ganz anderer wurde: er konnte nicht mehr gleichmütig

dreinblicken und noch weniger ruhig auf seinem Platz sitzen, er drehte

sich vielmehr hin und her, wurde rot wie ein gekochter Krebs und rollte

beängstigend die Augen. Namentlich als mein Onkel Tatjana Iwanowna zu

trösten suchte, schien der Dicke förmlich aus der Haut fahren zu wollen

und brummte und knurrte wie eine aufs äußerste gereizte Bulldogge, die

man zum Überfluß noch neckt. Mein Onkel blickte ihn mehrmals etwas

ängstlich an und schien einige Befürchtungen zu hegen. Schließlich fiel

auch Tatjana Iwanowna die eigentümliche Gemütsstimmung ihres Gegenübers

auf, und sie begann ihn aufmerksam zu betrachten. Dann blickte sie uns

an, lächelte, und plötzlich nahm sie ihren kleinen Sonnenschirm und

schlug mit einer graziösen Bewegung Herrn Bachtschejeff leicht auf die

Schulter.

„Sie Tor!“ sagte sie mit der bezauberndsten Koketterie und verbarg ihr

Gesicht hinter ihrem Fächer.

Das war der Tropfen, der den Becher überlaufen machte.

„Wa–a–as!“ brüllte der Dicke, „wa–as sagten Sie, Madame? Also jetzt hast

du’s schon auf mich abgesehen!“

„Sie Tor! Sie Tor!“ rief Tatjana Iwanowna und brach in heiteres Lachen

aus, wozu sie in die Hände klatschte.

„Halt an!“ schrie Bachtschejeff dem Kutscher zu, „halt an!“

Die Pferde blieben stehen. Bachtschejeff öffnete den Wagenschlag und

machte sich eilig daran, auszusteigen.

„Was fällt dir ein, Stepan? Wohin willst du?“ fragte mein Onkel

verwundert und erschrocken.

„Nein, das ist mir zu stark!“ antwortete der Dicke zitternd vor

Unwillen, „mag die ganze Welt verderben! Ich bin zu alt, Madame, um mich

noch auf Amouren einlassen zu können. Ich, meine Beste, ich sterbe

lieber allein! Adieu, Madame, kommang wu porteh-wu!“

Und er begann in der Tat zu Fuß zu marschieren. Der Wagen fuhr im

Schritt hinter ihm her.

„Stepan!“ rief ihm mein Onkel ärgerlich zu, da er endlich die Geduld

verlor. „Mach doch keine Dummheiten, steig ein! Es ist doch die höchste

Zeit, nach Haus zu kommen!“

„Fällt mir ein!“ rief Herr Bachtschejeff zwar empört, aber es klang doch

schon etwas atemlos vom Gehen; denn infolge seiner Dicke hatte er das

Gehen fast ganz verlernt.

„Fahr zu, so schnell die Pferde können!“ befahl plötzlich Misintschikoff

ganz unerwartet dem Kutscher.

„Was tust du, was tust du?“ rief zwar mein Onkel gerade noch erschrocken

aus, aber der Wagen flog schon dahin. Misintschikoff hatte sich nicht

getäuscht: die gewünschten Folgen ließen nicht lange auf sich warten.

„Halt an! Halt an!“ ertönte alsbald hinter uns ein verzweifeltes Gegröl,

„halt an, du Räuber! Halt an, du Seelenverführer, der du bist! ...“

Der Dicke kam schließlich müde und halberstickt, mit Schweißtropfen auf

der Stirn, mit aufgebundener Krawatte und in Hemdsärmeln wieder bei uns

an. Stumm und finster kletterte er mühsam in den Wagen, doch diesmal

mußte ich ihm meinen Platz abtreten. So brauchte er wenigstens nicht

Tatjana Iwanowna gegenüberzusitzen, die unaufhörlich lachte, vor

Vergnügen in die Hände schlug und während der ganzen Fahrt nicht mehr

gleichmütig den Dicken ansehen konnte. Er aber sprach bis zur Ankunft

kein einziges Wort und schien sich die ganze Zeit grundsätzlich nur noch

dafür zu interessieren, wie sich das eine Hinterrad das Wagens drehte.

Die Sonne stand im Zenith, als wir in Stepantschikowo ankamen. Ich begab

mich sogleich in das Sommerhaus, wohin mir der alte Gawrila mit dem Tee

folgte. Als ich mich, kaum dort angelangt, zu ihm wandte, um ihn einiges

zu fragen, trat mein Onkel ein und schickte ihn fort.

Sämtliche Werke 16 · 第 21 / 28 题