IX.

„Ew. Exzellenz.“

„Mein Freund! Alles ist zu Ende, alles ist zu Ende!“ sagte mein Onkel

halblaut mit einer fast tragischen Stimme.

„Onkel ... ich hörte vorhin eigentümliche Schreie.“

„Gewiß, Freund, eigentümliche Schreie, – hier hat es alle möglichen

Schreie gegeben! Mama ist in Ohnmacht gefallen, und dort steht jetzt

alles auf dem Kopf. Aber ich habe mich entschlossen und bestehe auf dem

meinen. Jetzt fürchte ich nichts mehr, Ssergei. Ich will ihnen beweisen,

daß auch ich Charakter habe, und ich werde es beweisen! Darum habe ich

absichtlich nach dir geschickt, damit du mir hilfst, es ihnen zu

beweisen ... Mein Herz ist wund, mein junger Freund ... aber ich muß! Es

ist geradezu meine Pflicht, mit aller Strenge vorzugehen! Gerechtigkeit

ist unerbittlich!“

„Aber was ist denn vorgefallen, Onkel?“

„Ich trenne mich von Foma,“ antwortete mein Onkel mit entschlossener

Stimme.

„Onkel!“ rief ich begeistert aus, „auf etwas Besseres hätten Sie ja

überhaupt nicht verfallen können! Und wenn ich nur irgendwie zur

Ausführung Ihres Entschlusses beitragen kann, so ... verfügen Sie ewig

über mich!“

„Ich danke dir, Freund, ich danke dir! Aber jetzt ist alles beschlossen.

Ich erwarte Foma. Ich habe schon nach ihm geschickt. Entweder er oder

ich! Wir müssen auseinandergehen. Entweder verläßt Foma morgen das Haus,

oder – ich schwöre es – ich verlasse hier alles und trete wieder in mein

Husarenregiment ein! Mich wird man schon nehmen. Man wird mir schon

einen Platz geben! Zum Teufel mit diesem ganzen System! Jetzt geht es

nach neuen Grundsätzen! ... Wozu hältst du da noch immer dein

französisches Heft in der Hand?“ schrie er plötzlich heftig den alten

Gawrila an. „Fort damit! Verbrenn es, zerstampf es, zerreiß es! _Ich_

bin dein Herr, und _ich_ befehle dir, französisch nicht zu lernen! _Mir_

mußt du gehorchen; denn _ich_ bin dein Herr und nicht Foma Fomitsch!“

„Gott sei gelobt und gedankt!“ murmelte Gawrila vor sich hin.

Die Sache schien wirklich ernst zu werden.

„Mein Freund!“ fuhr mein Onkel mit tiefem Gefühl fort, „sie verlangen

Unmögliches von mir! Du sollst mich richten, du sollst jetzt zwischen

ihnen und mir wie ein unparteiischer Richter stehen ... Du weißt nicht,

du weißt nicht, was sie von mir wollten, und was sie schließlich ganz

ausdrücklich bereits von mir verlangten! Jetzt haben sie alles offen

ausgesprochen! Aber das ist wider die Nächstenliebe, wider Anstand und

Ehre ... Ich werde dir alles erzählen, aber zuerst ...“

„Ich weiß bereits alles, Onkel,“ unterbrach ich ihn, „oder ich errate es

wenigstens ... Ich habe soeben mit Nastassja Jewgrafowna gesprochen.“

„Freund, kein Wort, jetzt kein Wort davon!“ unterbrach er mich eilig,

als hätte ich ihn erschreckt. „Ich werde dir später alles selbst

erzählen, aber vorläufig ... Nun was?“ rief er den eingetretenen

Widopljässoff an, „wo ist Foma Fomitsch?“

Widopljässoff meldete, daß Foma Fomitsch „nicht zu kommen wünschten und

die Forderung, zu erscheinen, unerhört beleidigend fänden, so daß sie,

Foma Fomitsch, sich sehr gekränkt zu fühlen geruhten“.

„Bring ihn her! Schlepp ihn an! Her mit ihm! Mit Gewalt schleif ihn

her!“ schrie mein Onkel, und er stampfte mit dem Fuß auf.

Widopljässoff, der seinen Herrn noch nie in einem solchen Zorn gesehen

hatte, zog sich erschreckt zurück. Ich wunderte mich.

„Dann muß es sich doch um etwas sehr Wichtiges handeln,“ dachte ich,

„wenn ein Mensch mit einem so weichen Charakter in eine solche Wut

geraten kann und so energisch seinen Entschluß durchsetzen will.“

Schweigend ging mein Onkel eine Weile auf und ab, als kämpfe er

innerlich mit sich selbst.

„Du, zerreiß übrigens nicht das Heft,“ sagte er schließlich zu Gawrila.

„Wart noch etwas und bleibe auch hier: du wirst vielleicht nötig sein.

Freund!“ fuhr er fort, sich wieder an mich wendend, „ich bin, glaube

ich, doch etwas zu laut gewesen. Jede Sache muß man würdig und männlich

tun, und ohne zu schreien, ohne Beleidigungen. Ja, so muß man’s tun.

Weißt du, Ssergei: würde es nicht besser sein, wenn du so lange

fortgingst? Dir kann es doch gleichgültig sein, nicht? – denn ich werde

dir später ja doch alles erzählen – was? Was meinst du? tu es mir

zuliebe, bitte!“

„Sie fürchten sich, Onkel? Sie bereuen es?“ fragte ich und sah ihn

aufmerksam an.

„Nein, nein, mein Freund, ich bereue nichts!“ rief er mit doppelter

Lebhaftigkeit aus. „Jetzt fürchte ich nichts mehr. Ich habe

entscheidende Maßregeln getroffen, die entscheidendsten! Du weißt nicht,

du kannst es dir nicht vorstellen, was sie von mir verlangt haben! Hätte

ich denn wirklich einwilligen sollen? Nein, ich werde es beweisen! Ich

habe mich frei gemacht und werde es beweisen! Irgendeinmal hätte ich es

doch beweisen müssen! Aber, weißt du, Freund, ich bereue es, daß ich

dich habe rufen lassen: es könnte Foma sehr schwer werden ... wenn auch

du zugegen bist ... sozusagen als Zeuge seiner Erniedrigung. Sieh mal,

ich will ihm in einer anständigen Form meine Gastfreundschaft kündigen,

aber ohne jede Beleidigung oder Erniedrigung. Aber, sieh, das kann ich

doch nur so sagen, bloß sagen, daß ich es ohne Beleidigung tun will;

denn die Sache an sich, Freund, ist und bleibt doch derart, daß sie,

auch wenn du sie mit noch so honigsüßen Worten ausschmückst, immerhin

kränkt. Und dazu bin ich noch ein roher, ungebildeter Mensch; da kann es

denn geschehen, daß ich aus Dummheit irgend etwas sage, worüber ich mein

Lebtag nicht wieder froh sein werde. Er hat doch immerhin viel für mich

getan ... Geh, Freund, bitte! ... Da kommt er schon, da bringt man ihn

schon! Ssergei, ich bitte dich, geh fort! Ich werde dir später alles

erzählen. Geh, um Christi willen, geh!“

Und mein Onkel schob mich auf die Terrasse hinaus – fast im selben

Augenblick, als Foma ins Zimmer trat.

Doch nun muß ich eines gestehen: Ich ging nicht fort: ich beschloß, auf

der Terrasse zu bleiben, wo man mich in der Dunkelheit, vom Zimmer aus,

kaum sehen konnte: ich nahm mir vor, zu lauschen!

Ich will meine Handlungsweise nicht weiter zu rechtfertigen suchen; aber

ich darf wohl sagen, daß ich, indem ich diese halbe Stunde dort auf der

Terrasse aushielt, ohne die Geduld zu verlieren und ins Zimmer zu

stürzen – die Heldentat eines Märtyrers vollbrachte. Von meinem Versteck

aus konnte ich nicht nur gut hören, ich konnte auch das ganze Zimmer

übersehen: ich war ja nur durch eine Glastür von ihnen getrennt.

Jetzt bitte ich nur, sich einen Foma Fomitsch vorzustellen, dem

_befohlen_ worden war, zu erscheinen – und das noch mit der Androhung

sofortiger Gewaltanwendung, falls er nicht freiwillig kommen wollte.

„War es für meine Ohren bestimmt, diese Drohung zu vernehmen, Oberst?“

brüllte Foma, als er ins Zimmer trat. „Habe ich recht gehört?“

„Für deine, für deine Ohren, Foma, beruhige dich,“ antwortete mein Onkel

mutig. „Setz dich, laß uns einmal ernst, freundschaftlich, brüderlich

miteinander reden. Setz dich doch, Foma.“

Foma Fomitsch ließ sich feierlich auf einen Lehnstuhl nieder. Mein Onkel

ging mit schnellen, ungleichen Schritten im Zimmer auf und ab, offenbar

wußte er nicht, wie er anfangen sollte.

„Eben brüderlich,“ wiederholte er. „Du wirst mich verstehen, Foma, du

bist kein Kind. Ich bin auch kein Kind – mit einem Wort, wir sind beide

in den Jahren ... Hm! Sieh, Foma, wir stimmen in manchen Punkten nicht

ganz überein ... ja, eben in manchen Punkten, und darum, Foma – sollte

es da nicht besser sein, Freund, wenn wir auseinandergingen? Ich bin

überzeugt, daß du edelmütig bist, daß du mein Bestes willst, und darum

... Aber wozu soviel Worte! Foma, ich werde ewig dein Freund sein, ich

schwöre es dir bei allem, was mir heilig ist! Hier sind fünfzehntausend

Rubel, das ist alles, Freund, was ich habe flüssig machen können, habe

das Letzte zusammengescharrt und noch den Meinen abgenommen. Nimm es

ruhig! Ich muß, ich bin verpflichtet, dich sicherzustellen! Hier ist der

Betrag, fast nur in Kassenscheinen. Nimm es ruhig! Du wirst mir deshalb

nichts schulden; denn ich werde dir ja sowieso niemals all das entgelten

können, was du für mich getan hast. Ja, ja, eben, ich fühle es, wenn wir

auch jetzt im Hauptpunkte auseinandergehen. Morgen oder übermorgen ...

oder wann es dir recht ist ... gehen wir auseinander. Fahr in unser

Städtchen, Foma, es ist ja nicht weit von hier, einige zehn Werst nur.

Dort ist ein Häuschen neben der Kirche, gleich in der ersten Querstraße,

mit grünen Läden und weißen Fensterrahmen, ein allerliebstes Häuschen.

Es gehört der Witwe des früheren Geistlichen, es ist für dich wie

geschaffen. Sie will es verkaufen. Ich werde es für dich erstehen,

natürlich nicht von diesem Gelde. Richte dich dort gemütlich ein, nicht

weit von uns. Beschäftige dich mit der Literatur, mit der Wissenschaft:

du wirst berühmt werden ... Die Beamten sind dort im Städtchen ohne

Ausnahme ehrenwerte, freundliche, uneigennützige Leute. Der Geistliche

ist ein gelehrter Mann. Zu den Feiertagen kommst du zu uns gefahren, zum

Besuch – und wir leben wie im Paradiese! Bist du einverstanden?“

„Also unter solchen Zugeständnissen wird Foma aus dem Hause geschafft!“

dachte ich. „Vom Gelde hat er mir nichts gesagt.“

Lange Zeit herrschte tiefe Stille. Foma saß wie betäubt im Lehnstuhl und

blickte unverwandt meinen Onkel an, der sich unter diesem Schweigen und

diesem Blick augenscheinlich sehr unbehaglich fühlte.

„Geld!“ hauchte schließlich Foma mit einer gemacht schwachen Stimme. „Wo

ist es denn, wo ist denn dieses Geld? Geben Sie es her, geben Sie es nur

schneller her!“

„Hier ist es, Foma: alles, was ich in bar habe, rund fünfzehntausend,

alles, was ich habe auftreiben können. In Banknoten und Wertpapieren –

du wirst schon selbst sehen ... hier!“

„Gawrila! Nimm dieses Geld,“ sagte Foma demütig, „es kann dir, Alter,

einmal zustatten kommen. – Doch nein!“ rief er plötzlich mit einer

Stimme aus, in der noch ein ganz besonderer kreischender Ton mitklang,

und er sprang auf – „nein! Gib es mir zurück, Gawrila! Gib es mir,

dieses Geld! Gib es mir! Gib mir diese Millionen, damit ich sie mit

meinen Füßen in den Staub trete, gib sie mir, damit ich sie zerreiße,

bespeie, in alle Winde zerstreue, beschmutze, schände! ... Mir, mir

bietet man Geld an! Man will mich – bestechen, damit ich dieses Haus

verlasse! Habe ich recht gehört? Darf ich meinen Ohren trauen? Warum

mußte ich noch diese Schmach erleben! Hier, hier sind sie, Ihre

Millionen! Sehen Sie: hier, hier, hier und hier! Sehen Sie: so handelt

Foma Opiskin, wenn Sie es bis jetzt noch nicht gewußt haben, Oberst!“

Und Foma streute das ganze Geld auf dem Fußboden aus. Bemerkenswert war

nur, daß er keine einzige Banknote weder zerriß noch bespie, wie er es

zuerst angekündigt hatte, er verknitterte sie nur ein wenig, und auch

das tat er ersichtlich ziemlich vorsichtig. Gawrila stürzte sofort

hinzu, um das Geld aufzusammeln, das er dann später, nach Fomas

Fortgang, seinem Herrn wieder einhändigte.

Diese Handlungsweise Fomas machte meinem Onkel buchstäblich starr vor

Verwunderung. Er stand unbeweglich, verständnislos, mit halboffenem

Munde vor Foma. Dieser hatte sich inzwischen wieder auf seinen Lehnstuhl

niedergelassen und atmete keuchend, ganz als befände er sich in

unbeschreiblicher Aufregung.

„Du bist ein erhabener Mensch, Foma!“ rief endlich mein Onkel aus, wie

aus einem Traum erwachend. „Du bist der edelste Mensch der Welt!“

„Das weiß ich,“ antwortete Foma mit ergebener Stimme, doch mit

unendlicher Würde.

„Foma, vergib mir! Ich bin ein Schuft vor dir, Foma!“

„Ja, vor mir,“ bestätigte Foma.

„Hör, Foma, nicht über deinen Edelmut wundere ich mich,“ fuhr mein Onkel

begeistert fort, „sondern darüber, daß ich dermaßen roh, blind und

niedrig sein konnte, dir Geld unter solchen Bedingungen anzubieten.

Aber, Foma, nur in einem täuschst du dich: ich habe dich nicht bestechen

wollen, nicht dir dafür _zahlen_ wollen, wenn du das Haus verließest,

sondern ich wollte nur, daß du Geld hättest, daß du nicht Not zu leiden

brauchtest, wenn du von mir fortgingst. Das schwöre ich dir! Auf den

Knien, auf den Knien bin ich bereit, dich um Verzeihung zu bitten, Foma,

und wenn du willst, werde ich sogleich vor dir niederknien ... wenn du

nur willst ...“

„Ich brauche Ihr Knien nicht, Oberst! ...“

„Aber, mein Gott! ... Foma, du mußt doch verstehen: ich war doch

aufgebracht, war von Sinnen, war außer mir ... Aber so sage mir, womit

ich diese Kränkung wieder gutmachen könnte? Belehre mich, sag es doch

...“

„Mit nichts, mit nichts Oberst! Und seien Sie überzeugt, daß ich morgen

noch, auf der Schwelle dieses Hauses, den Staub von meinen Füßen

schütteln werde.“

Und Foma begann sich langsam aus dem tiefen Lehnstuhl zu erheben. Als

mein Onkel das sah, stürzte er entsetzt zu ihm und versuchte ihn wieder

zum Sitzen zu bringen.

„Nein, Foma, du wirst nicht fortgehen, ich flehe dich an! Was redest du

da von Staub und Füßen, Foma! Du wirst nicht fortgehen, oder ich folge

dir bis ans Ende der Welt und werde dir so lange folgen, bis du mir

endlich verzeihst ... Ich schwör dir, Foma, daß es so sein wird!“

„Ihnen verzeihen?“ fragte Foma, „aber begreifen Sie denn noch immer

nicht Ihre ganze Schuld vor mir? Begreifen Sie denn nicht, daß Sie mit

jedem Stück Brot, daß Sie mir hier gegeben haben, schuldig vor mir

geworden sind? Begreifen Sie denn nicht, daß Sie in dieser einen Minute

alle jene Brotstücke, die ich früher hier in diesem Hause gegessen habe,

nachträglich mit Gift vergiftet haben? Sie haben mir soeben einen

Vorwurf wegen dieser Brotstücke gemacht, wegen jedes Bissens, den ich

hier zu mir genommen! Sie haben mir soeben gezeigt, daß ich hier in

Ihrem Hause wie ein Knecht, wie ein Diener, wie ein Putzlappen Ihrer

Lackstiefel gelebt habe! Währenddessen habe ich in meiner

Herzensreinheit bis jetzt geglaubt, daß ich in Ihrem Hause als Freund,

als Bruder lebte! Haben Sie mich nicht selbst, nicht selbst mit Ihren

Schlangenreden tausendmal dieser Brüderschaft versichert? Warum haben

Sie denn heimlich hinter meinem Rücken diese Netze gestrickt, in denen

ich nun wie ein Tölpel gefangen bin? Warum haben Sie mir in der

Dunkelheit diese Wolfsgruben gegraben, in die Sie mich jetzt noch

eigenhändig hineinstoßen? Warum haben Sie mich nicht mit einem einzigen,

kurzen Schlage niedergestreckt, mit einem Schlage dieser Keule? Warum

haben Sie mir nicht gleich zu Anfang den Kopf umgedreht, wie einem Hahn,

zur Strafe dafür, daß er ... nun, sagen wir, keine Eier legt? Ja, gerade

so verhält es sich! Ich bestehe auf diesem Vergleich, Oberst, wenn er

auch dem Provinzleben entnommen ist und durch seinen trivialen Ton an

die zeitgenössische Literatur erinnert: ich bestehe deshalb auf ihm,

weil er so anschaulich die ganze Sinnlosigkeit Ihrer Beschuldigungen

zeigt; denn ich bin vor Ihnen genau so wenig schuldig wie dieser Hahn,

der durch seine Unfähigkeit zum Eierlegen den Unwillen seines

leichtsinnigen Besitzers erregt. Ich bitte Sie, Oberst! – zahlt man denn

einem Freunde, einem Bruder Geld – und wofür noch? Die Hauptsache ist

doch dieses: wofür! ‚Hier, nimm, mein geliebter Bruder, ich schulde dir

viel: du hast sogar mein Leben gerettet; hier hast du ein paar

Judassilberlinge, aber pack dich jetzt aus meinem Hause!‘ Wie naiv! Wie

roh Sie mich behandelt haben! Sie glaubten, daß ich nach Ihrem Golde

trachtete, während ich nur paradiesische Gefühle nährte und mich um Ihr

Wohlergehen sorgte. Oh, wenn Sie wüßten, wie Sie mein Herz verwundet

haben! Mit meinen edelsten Gefühlen haben Sie gespielt wie ein Knabe mit

einem Käfer, den er durchbohrt! Schon lange, schon lange, Oberst, habe

ich das jetzt Eingetroffene vorausgesehen. Das war auch der Grund, warum

ich schon lange an Ihrem Brot zu ersticken meinte, warum dieses Brot mir

innere Pein verursachte! Das ist auch der Grund, warum Ihre Daunenkissen

mich drückten, ja, mich drückten, statt mir ein weiches Lager zu sein!

Das war der Grund, weshalb Ihr Zucker, Ihre Konfitüren mir wie Pfeffer

schmeckten, nicht aber wie Süßigkeiten! Nein, Oberst! Leben Sie hinfort

allein, seien Sie allein selig und lassen Sie Foma einsam seinen

traurigen Weg gehen, mit einem kleinen Kleiderbündel auf dem Rücken. So

wird es sein, Oberst!“

„Nein, Foma, nein! So wird es nicht sein, so kann es nicht sein!“

stöhnte mein unglücklicher Onkel.

„Doch, Oberst, doch! Gerade so wird es sein; denn so _muß_ es sein.

Morgen noch werde ich Sie verlassen. Breiten Sie alle Ihre Millionen

aus, bedecken Sie die ganze Landstraße bis Moskau mit Banknoten – ich

werde stolz und verachtend über Ihr Geld dahinschreiten! Hier, dieser

selbe Fuß, Oberst, wird diese Banknoten zertreten, in den Schmutz

treten, und Foma Opiskin wird einzig von seinem Seelenadel satt sein!

Ich habe es gesagt und – bewiesen! Leben Sie wohl, Oberst! Le–ben – Sie

wohl, Oberst!“

Und Foma begann von neuem sich zu erheben.

„Verzeih mir, Foma, vergib mir! Vergiß, was ich getan!“ bat mein Onkel

mit flehender Stimme.

„‚Vergib!‘ Was liegt Ihnen an meiner Vergebung? Nun gut, nehmen wir an,

ich vergebe Ihnen: ich bin Christ, ich kann Ihnen schlechterdings meine

Vergebung nicht vorenthalten, – ich habe Ihnen ja auch jetzt schon fast

verziehen. Aber urteilen Sie selbst: wäre es denn auch nur irgendwie mit

der gesunden Vernunft und dem Seelenadel vereinbar, wenn ich jetzt noch

eine Minute in Ihrem Hause bliebe? Sie haben mich doch aus dem Hause

_fortgetrieben_!“

„Ach, gewiß ist es vereinbar, Foma, gewiß ist es vereinbar! Ich

versichere dir, daß es vereinbar ist!“

„Vereinbar? Aber sind wir denn jetzt noch Gleichstehende? Begreifen Sie

denn wirklich nicht, daß ich Sie mit meinem Edelmut sozusagen vernichtet

habe – und daß Sie sich selbst durch Ihre niedrige Handlung erniedrigt

haben? Sie sind in den Staub geworfen und ich bin erhoben worden. Wo

kann hier jetzt noch von Gleichheit die Rede sein? Wie aber kann es ohne

diese Gleichheit eine Freundschaft geben? Ich frage es mit einem

Schmerzensschrei, nicht aber triumphierend, wie Sie vielleicht wähnen.“

„Aber ich stoße ja selbst einen Schmerzensschrei aus, Foma, ich

versichere dich! ...“

„Und das ist derselbe Mensch,“ fuhr Foma fort, den strengen Ton in einen

andächtig-frommen verwandelnd, „derselbe Mensch, um dessentwillen ich so

viele Nächte nicht geschlafen habe! Wie oft, wie oft habe ich mich in

meinen schlaflosen Nächten von meinem Lager erhoben, das Nachtlicht

angezündet und zu mir gesagt: ‚Jetzt schläft er ruhig und verläßt sich

auf dich. So schlafe denn nicht, Foma, und wache du für ihn, vielleicht

wirst du noch etwas zu seinem Wohle ersinnen.‘ So dachte Foma Opiskin in

seinen schlaflosen Nächten, Oberst! Und so wird er dafür von diesem

selben Obersten belohnt! Doch genug, genug! ...“

„Aber ich werde, Foma, ich werde mir deine Freundschaft wieder

verdienen, das schwör’ ich dir!“

„Verdienen? Sie wollen sie wieder verdienen? Welche Gewähr können Sie

mir geben? Als Christ, der ich bin, verzeihe ich Ihnen und werde Sie

sogar lieben – als Mensch aber, und als edler Mensch, werde ich Sie

unwillkürlich verachten. Ich muß es, es ist meine Pflicht, um der

Sittlichkeit willen; denn – ich wiederhole es – Sie haben sich selbst in

den Schmutz getreten, und ich habe die edelste _Tat_ vollbracht. Wer von

den _Ihrigen_ würde eine ähnliche _Tat_ je vollbringen können? Wer von

ihnen würde auf eine so ungeheure Summe Geldes freiwillig verzichten,

auf eine Summe, auf die der bettelarme, von allen verachtete Foma

Opiskin aus Liebe zu seiner Seelengröße indessen verzichtet hat? Nein,

Oberst, um sich als Gleichstehender mit mir messen zu können, müßten Sie

jetzt _eine ganze Reihe_ von großen _Taten_, von _Heldentaten_

vollbringen. Zu welch einer Heldentat aber sind Sie fähig, wenn Sie

nicht einmal in der Anrede ‚Sie‘ zu mir sagen können, wie zu einem

Gleichstehenden, sondern stets ‚du‘ zu mir sagen, wie zu einem Diener?“

„Aber Foma, ich habe doch nur aus Freundschaft _du_ zu dir gesagt!“ rief

mein Onkel aus. „Ich ahnte es nicht, daß es dir unangenehm sein könnte

... Mein Gott! Wenn ich es nur geahnt hätte ...“

„Sie,“ fuhr Foma unerschütterlich fort, „Sie, der Sie nicht einmal die

geringste, die geringfügigste Bitte erfüllen konnten oder richtiger –

nicht erfüllen _wollten_, als ich Sie bat, mich wie einen General ‚Eure

Exzellenz‘ zu nennen ...“

„Aber, Foma, das wäre doch sozusagen schon ein höherer Eingriff ...“

„Ein höherer Eingriff! Da haben Sie nun irgendeine Bücherphrase

auswendig gelernt und behalten: und die wiederholen Sie jetzt wie ein

Papagei! Wissen Sie denn nicht, daß Sie mich beschimpft, entehrt haben

mit Ihrer Weigerung, mich ‚Exzellenz‘ zu nennen, jawohl: entehrt! Denn

indem Sie meine Gründe nicht begriffen, stellten Sie mich als launischen

Dummkopf bloß, der es verdient hat, in die Irrenanstalt zu kommen!

Glauben Sie denn, ich begriffe nicht, daß ich lächerlich wäre, wenn ich

mich Exzellenz betiteln ließe, ich, der ich alle diese Titel und

irdischen Auszeichnungen verachte, alle diese Ehrungen, die an sich

vollkommen wertlos und nichtig sind, wenn sie nicht durch die Tugend

geheiligt werden? Für keine Million würde ich den Adel eines Generals

_ohne diese Tugend_ annehmen! Und _Sie_, _Sie_ hielten mich für einen

Wahnsinnigen! Nur zu Ihrem Vorteil opferte ich meine Eigenliebe und ließ

es zu, daß _Sie_, _Sie_ mich für einen Wahnsinnigen halten konnten, Sie

und Ihre _Gelehrten_! Einzig zu dem Zweck, um Ihren Verstand zu

erleuchten, Ihre Sittlichkeit zu entwickeln und Sie mit dem

Strahlenlicht neuer Ideen zu überschütten, entschloß ich mich, von Ihnen

die Anrede ‚Exzellenz‘ zu fordern. Ich wollte nur, daß Sie hinfort nicht

mehr die Generäle für die höchsten Koryphäen oder Gestirne unseres

Erdballes hielten; ich wollte Ihnen beweisen, daß der Titel ohne Größe –

nichts ist, und daß kein Grund vorhanden war, sich dermaßen über den

Besuch Ihres Generals zu freuen, wenn neben Ihnen Menschen leben, die im

Glanze der Tugend leuchten! Aber Sie haben sich ja stets so gebrüstet

vor mir mit Ihrem Oberstentitel, daß es Ihnen gar zu schwer fiel, ‚Ew.

Exzellenz‘ zu mir zu sagen. Das war der Grund Ihrer Weigerung! Hierin

muß man den wahren Grund suchen, nicht aber in irgendwelchen Eingriffen

in das heilige Reglement! Der ganze Grund war der, daß Sie Oberst sind,

ich aber nur Foma Opiskin bin ...“

„Nein, Foma, nein! Ich versichere dich, daß es sich nicht so verhielt.

Du bist ein Gelehrter, du bist nicht ein gewöhnlicher Foma ... ich achte

dich ...“

„Achten, mich? Nun gut! Dann sagen Sie mir doch, wenn Sie mich so

achten, Ihre volle Meinung: bin ich des Generalstitel wert, bin ich

seiner würdig oder unwürdig? Antworten Sie mir bestimmt und ohne zu

zögern: ja oder nein? Ich will bei der Gelegenheit Ihren Verstand, Ihre

geistige Entwicklung prüfen.“

„Für deine Ehrlichkeit, deine Uneigennützigkeit, deinen Verstand, deinen

unvergleichlichen Edelmut – gewiß!“ antwortete mein Onkel stolz.

„Und wenn ich ihn verdient habe, weshalb sagen Sie dann nicht ‚Ew.

Exzellenz‘ zu mir?“

„Foma, wenn du willst ... werde ich alles sagen ...“

„Ich verlange es! Jetzt verlange ich es, Oberst, ich bestehe darauf und

fordere es von Ihnen! Ich sehe, daß es Ihnen schwerfällt, und deshalb

verlange ich es. Dieses Opfer Ihrerseits wird der erste Schritt zu einer

großen Tat sein; denn – vergessen Sie das nicht! – Sie werden eine ganze

Reihe von großen Taten vollbringen müssen, um sich mit mir messen zu

können. Sie müssen sich selbst überwinden, dann erst werde ich an Ihre

Aufrichtigkeit glauben ...“

„Morgen, Foma, werde ich ‚Exzellenz‘ zu dir sagen!“

„Nein, nicht morgen, Oberst, morgen versteht es sich von selbst. Ich

fordere von Ihnen, daß Sie hier, jetzt gleich, hier auf der Stelle, ‚Ew.

Exzellenz‘ zu mir sagen.“

„Wie du willst, Foma, ich bin bereit ... Nur ... wie soll ich denn das,

Foma? So ... ohne weiteres ... jetzt gleich?“

„Weshalb denn nicht jetzt? Oder schämen Sie sich etwa? In dem Falle ist

es eine neue Kränkung, wenn Sie sich schämen.“

„Nun, dann ... gut, Foma, ich bin bereit ... ich bin sogar stolz darauf

... Nur ... wie soll ich denn, Foma, so ohne weiteres? Ich kann doch

nicht sagen: ‚Guten Tag, Exzellenz‘, – das geht doch nicht ...“

„Nein, nicht ‚guten Tag, Exzellenz‘, das ist wieder ein beleidigender

Ton. Das erinnert an einen Scherz, an eine Farce. Ich erlaube aber

nicht, daß man mit mir scherzt. Besinnen Sie sich, Oberst, besinnen Sie

sich sofort! Ändern Sie Ihren Ton!“

„Du willst doch nicht, Foma –?“

„Erstens bitte ich, mich nicht zu duzen, Jegor Iljitsch, – Sie haben

mich mit ‚Sie‘ anzureden, vergessen Sie das nicht. Und nicht Foma,

sondern Foma Fomitsch.“

„Aber, bei Gott, ich freue mich, Foma Fomitsch! Ich freue mich ... aus

allen Kräften ... Nur – was soll ich denn sagen?“

„Es macht Ihnen offenbar große Schwierigkeiten, Ihren Worten ‚Exzellenz‘

hinzuzufügen – das sehe ich. Das ist einerseits sogar verzeihlich,

namentlich wenn der Mensch ... _kein Schriftsteller_ ist – höflich

ausgedrückt. Nun, ich werde Ihnen helfen, weil Sie _kein_ Schriftsteller

sind. Sprechen Sie mir jetzt nach: ‚Eure Exzellenz‘ ...“

„Nun, ‚Eure Exzellenz‘.“

„Nein, nicht: ‚_nun_, Eure Exzellenz‘, sondern einfach: ‚Eure

Exzellenz!‘ Ich sage Ihnen nochmals, Oberst, ändern Sie Ihren Ton! Auch

hoffe ich, daß Sie sich nicht beleidigt fühlen werden, wenn ich Sie

auffordere, sich bei dieser Gelegenheit leicht zu verbeugen und

gleichzeitig den Körper ein wenig nach vorn zu neigen, um auf diese

Weise Ihre Ehrerbietung auszudrücken und sozusagen Ihre Bereitschaft,

auf den leisesten Wink hin, gleichsam zu fliegen, um meinen Befehl

auszuführen. Ich habe selbst in Generalskreisen verkehrt und kenne das

... Nun also: ‚Eure Exzellenz‘.“

„Eure Exzellenz.“

„‚Wie unsäglich freut es mich, endlich Gelegenheit zu haben und um

Entschuldigung dafür bitten zu können, daß ich nicht sogleich den wahren

Seelenrang Eurer Exzellenz erkannt habe. Ich erlaube mir, zu versichern,

daß ich hinfort meine schwachen Kräfte zum allgemeinen Nutzen nicht

schonen werde ...‘ So, das mag vorläufig genügen!“

Mein armer Onkel! Er mußte tatsächlich und wortwörtlich diese ganze

Tirade Satz für Satz, Wort für Wort nachsprechen! Ich stand und errötete

wie ein Schuldiger. Die Wut schnürte mir die Kehle zu.

„Nun, fühlen Sie jetzt nicht,“ fuhr der Henker fort, „daß es Ihnen

plötzlich leichter ums Herz geworden ist, als ob in Ihrer Seele ein

Engel sich niedergelassen hätte? ... Fühlen Sie diese Gegenwart eines

Engels? Antworten Sie mir!“

„Ja, Foma, es scheint mir jetzt wirklich leichter zumute zu sein,“

antwortete mein Onkel.

„Als wäre Ihr Herz, nachdem Sie sich selbst überwunden haben, gleichsam

in Öl untergetaucht!“

„Ja, Foma, es ist wirklich wie mit Butter bestrichen.“

„Wie mit Butter? Hm! ... Ich habe Ihnen von Butter nichts gesagt,

sondern von Öl ... Nun, gleichviel! Sehen Sie jetzt, was das bedeutet,

Oberst – erfüllte Pflicht! Überwinden, besiegen Sie sich nur! Sie sind

eigenliebig, unendlich eigenliebig!“

„Ich weiß es, Foma, ich sehe es vollkommen ein,“ sagte mein Onkel

aufseufzend.

„Sie sind ein Egoist und sogar ein großer, ein grausamer Egoist ...“

„Ich weiß es, Foma, auch das sehe ich ein; seitdem ich dich kenne, habe

ich auch das eingesehen.“

„Und jetzt sage ich Ihnen, wie ein Vater, wie eine zärtliche Mutter ...

Sie scheuchen alle von sich und vergessen, daß ein liebenswürdiges Kalb

an zwei Kühen saugt.“

„Auch das ist wahr, Foma.“

„Sie sind roh. Sie drängen sich so roh in das Herz anderer Menschen, Sie

drängen sich so eigenliebig der Aufmerksamkeit anderer auf, daß ein

anständiger Mensch am liebsten auf dreißig Meilen von Ihnen fortlaufen

würde.“

Mein Onkel seufzte noch einmal tief auf.

„Seien Sie also zärtlicher, aufmerksamer, liebenswürdiger gegen andere.

Vergessen Sie sich für andere – sehen Sie, das ist meine Regel! Duldend

mühe dich, bete und hoffe – das sind Wahrheiten, die ich gerne der

ganzen Menschheit einprägen möchte! Eifern Sie ihnen nach, und dann

werde ich Ihnen als erster mein Herz öffnen, werde an Ihrer Brust weinen

... falls es nötig sein sollte ... Denn sonst heißt es bei Ihnen nur

‚ich‘ und ‚ich‘ und ‚meine Gnade‘! Aber diese Ihre Gnade bekommt man

doch schließlich satt, mit Erlaubnis zu sagen!“

„Welch ein Mensch!“ murmelte Gawrila, der an der Tür stand, voll

Andacht.

„Das ist wahr, Foma, ich fühle es selbst,“ bestätigte mein Onkel

gerührt. „Aber schließlich ist doch nicht alles nur meine Schuld! Ich

bin so erzogen worden, habe unter Soldaten gelebt. Aber ich schwöre dir,

Foma, auch ich verstand zu fühlen und zu empfinden. Als ich aus meinem

Regiment trat und von der Truppe Abschied nahm, da hatten alle meine

braven Husaren Tränen in den Augen, mein ganzes Regiment weinte fast,

und sie sagten, einen solchen Vorgesetzten würden sie wohl nie wieder

bekommen! ... Und so dachte ich damals, daß auch ich vielleicht dennoch

kein ganz verlorener Mensch sei.“

„Wieder ein egoistischer Zug! Wieder ertappe ich Sie auf einem Beweise

Ihrer Eigenliebe, Sie brüsten sich, und bei der Gelegenheit machen Sie

mir noch wegen der Tränen Ihrer Husaren einen Vorwurf. Wie kommt es, daß

ich mich niemals mit Tränen anderer brüste? Und doch, und doch – ich

hätte so manchen guten Grund dazu.“

„Weißt du, das ist mir nur so entschlüpft, Foma, ich erinnerte mich der

alten, guten Zeit – da hielt ich’s denn nicht aus und erzählte es dir

jetzt.“

„Die gute Zeit fällt nicht vom Himmel, sondern wir selbst schaffen sie

uns: sie ist in unserem Herzen enthalten, Jegor Iljitsch. Weshalb bin

ich denn immer glücklich und trotz meiner Leiden zufrieden? Weshalb bin

ich ruhig und werde niemandes überdrüssig, ausgenommen vielleicht der

Dummköpfe und der sogenannten _Gelehrten_, die ich nicht schone und nie

schonen werde. Ich liebe die Dummköpfe nicht. Und was sind denn diese

Gelehrten? ‚Ein Mann der Wissenschaft!‘ Seine ganze ‚Wissenschaft‘

besteht ja nur in seiner ‚Gewissenshaft‘! Nun, was hat _er_ denn vorhin

gesprochen? Laßt ihn herkommen! Ihn und alle Gelehrten! Ich kann alles

widerlegen! Ich werde alle ihre aufgestellten Gesetze widerlegen! Und

vom Seelenadel, von allem Edlen – rede ich schon gar nicht!“

„Natürlich, Foma, ich glaube es dir! Wer zweifelt denn überhaupt daran?“

„Vorhin zum Beispiel bewies ich Verstand, Begabung, große Belesenheit,

Kenntnisse des Menschenherzens, Kenntnis der zeitgenössischen Literatur,

ich zeigte und bewies glänzend, wie ein talentvoller Mensch sogar aus

irgendeiner Kamarinskaja ein hohes und interessantes Gespräch entwickeln

kann. Und nun frage ich: Hat auch nur einer von ihnen allen das Ganze

würdig zu schätzen verstanden? Nein, und nicht genug damit – sie wandten

sich obendrein ab! Ich bin ja überzeugt, daß sie Ihnen schon gesagt

haben, ich ‚wüßte nichts‘. Dabei hat aber in Wirklichkeit ein zweiter

Machiavelli vor ihnen gesessen und ist nur deshalb von ihnen nicht als

solcher erkannt worden, weil er noch arm und unbekannt war ... Nein, das

soll ihnen nicht durchgehen! ... Ferner habe ich da noch von einem

Korowkin gehört. – Was ist das nun wieder für ein Gänserich?“

„O, das ist, weißt du, ein kluger Mensch, ein Mann der Wissenschaft ...

Ich erwarte ihn. Der wird dir aber sicherlich gefallen, Foma!“

„Hm! das bezweifle ich. Wahrscheinlich irgend so ein moderner Esel, der

mit Bücherweisheit vollgepfropft ist. Die haben keine Seele, Oberst, die

haben auch kein Herz! Was aber ist selbst Gelehrtheit, wenn sie keine

Tugend hat?“

„Nein, Foma, nein! Wie er über Familienglück redet! – ich sage dir, das

Herz begreift es ganz von selbst, Foma!“

„Hm! Warten wir ab; wir können ja auch den Korowkin noch examinieren.

Doch jetzt genug,“ schloß Foma, sich erhebend. „Noch kann ich Ihnen

nicht ganz verzeihen, Oberst; Sie haben mich bis aufs Blut gekränkt.

Aber ich werde beten, vielleicht wird Gott dann meinem gekränkten Herzen

Frieden senden. Wir werden morgen noch darüber reden, jetzt aber

erlauben Sie, daß ich mich zurückziehe. Ich bin ermüdet und entkräftet

...“

„Ach, Foma!“ rief mein Onkel erschrocken aus, „nun habe ich dich auch

noch ermüdet! Weißt du was, – willst du dich nicht etwas stärken, einen

kleinen Imbiß nehmen? Ich werde ihn sofort bestellen.“

„Einen Imbiß nehmen! Hahaha! Einen Imbiß nehmen!“ war Fomas Antwort mit

verächtlichem Lachen. „Zuerst wird man mit Gift getränkt, und dann wird

man gefragt, ob man nicht einen Imbiß nehmen wolle! Die Wunden, die dem

Herzen geschlagen sind, wollen Sie mit irgendwelchen gedämpften Pilzen

oder eingemachten Früchten heilen! Was für ein armseliger Materialist

Sie doch sind, Oberst!“

„Ach, Foma, ich wollte es doch, bei Gott, nur aus gutem Herzen ...“

„Schon gut. Genug davon. Ich gehe. Sie aber, gehen Sie unverzüglich zu

Ihrer Mutter, knien Sie vor ihr nieder, schluchzen Sie, weinen Sie,

erflehen Sie ihre Verzeihung, – das ist Ihre Pflicht, das müssen Sie!“

„Ach, Foma, ich habe ja die ganze Zeit nur daran gedacht. Sogar jetzt,

als ich mit dir sprach, dachte ich die ganze Zeit daran. Ich bin bereit,

bis zum Morgen vor ihr auf den Knien zu liegen. Aber bedenk doch auch,

Foma, was man von mir verlangt! Das ist doch ungerecht, das ist doch

grausam, Foma! Sei doch großmütig, mach mich vollkommen glücklich, denk

doch nur nach, erlöse mich, und dann ... dann ... ich schwöre dir ...“

„Jegor Iljitsch, das ist nicht meine Sache,“ antwortete Foma. „Sie

wissen, daß ich mich in diese Angelegenheit überhaupt nicht

hineinmische. Das heißt, Sie sind ja, sagen wir, überzeugt, daß ich die

Ursache sei; aber ich versichere Ihnen, daß ich mich von Anfang an

vollkommen davon zurückgezogen und nichts damit zu tun habe und haben

will. Hier handelt es sich einzig und allein um den Willen Ihrer Frau

Mutter, sie aber will natürlich nur Ihr Bestes ... So gehen Sie denn

hin, eilen Sie, und machen Sie Ihre Schuld durch vollkommenen Gehorsam

wenigstens teilweise wieder gut ... Lasset nicht die Sonne über eurem

Zorne untergehen! Ich aber ... ich werde die ganze Nacht für Sie beten.

Schon seit langem weiß ich nicht mehr, was Schlaf ist, Jegor Iljitsch.

Leben Sie wohl! Auch dir verzeihe ich, Alter,“ sagte er, zu Gawrila

gewandt. „Ich weiß, daß du nicht aus eigenem Antriebe Böses getan hast.

Vergib also auch du mir, wenn ich dir etwas zuleide getan haben sollte

... Lebt wohl, lebt alle wohl, und der Herr segne euch! ...“

Foma entfernte sich. Ich trat ins Zimmer.

„Du hast gelauscht!“ rief mein Onkel aus.

„Ja, Onkel, ich habe gelauscht! Und Sie, Sie konnten ‚Exzellenz‘ zu ihm

sagen! ...“

„Was sollte ich tun, Freund! Ich bin sogar stolz darauf, daß ich es

getan habe ... Das ist ja noch nichts im Vergleich zu seiner großen

Heldentat! Welch ein edler, uneigennütziger, erhabener Mensch! Ssergei –

du hast ja zugehört – so sag du mir doch, wie konnte ich da nur mit dem

Gelde kommen! Ich begreife mich selbst nicht! Aber ich war nicht bei

klarer Vernunft, ich war aufgebracht, ich verstand ihn nicht, ich

beargwöhnte ihn, beschuldigte ihn ... Doch nein! – er konnte nicht mein

Gegner sein – das begreife ich jetzt vollkommen ... Aber weißt du, hast

du gesehen, welch einen edlen Ausdruck sein Gesicht hatte, als er das

Geld zurückwies?“

„Gut, Onkel, seien Sie so stolz, wie Sie nur wollen, ich aber reise

morgen: meine Geduld ist zu Ende! Zum letzten Male frage ich Sie: was

verlangen Sie von mir? Wozu haben Sie mich hergerufen, und was erwarten

Sie von mir? Und wenn nun alles zu Ende und besiegelt ist und ich Ihnen

zu nichts mehr nütze bin – dann fahre ich eben. Ich ertrage solche

Schaustücke nicht! Heute noch reise ich ab!“

„Freund,“ sagte mein Onkel eifrig, wie es so seine Art war, „wart nur

noch zwei Minuten: ich werde jetzt zu meiner Mutter gehen ... ich muß

dort zuerst ins reine kommen ... es ist eine wichtige, große, eine

entscheidende Sache! ... Du aber geh in dein Zimmer und erwarte mich

dort. Hier, Gawrila wird dich ins Sommerhaus führen. Du erinnerst dich

doch noch? Es liegt dort mitten im Garten. Ich habe schon alles

angeordnet, auch dein Koffer ist hingeschafft worden. Ich werde jetzt

schnell zu meiner Mutter gehen, nur ihre Verzeihung erwirken, mich rasch

entschließen – jetzt weiß ich, wie ich es anfassen muß –, und dann komme

ich sofort zu dir und erzähle dir alles, alles, alles bis aufs Letzte,

werde meine ganze Seele vor dir ausschütten! Und ... und auch wir werden

noch einmal glückliche Tage erleben! ... Zwei Minuten, nur zwei Minuten,

Ssergei!“

Er drückte meine Hand und verließ eilig das Zimmer. Mir blieb nichts

anderes übrig, als mich von Gawrila ins Sommerhaus führen zu lassen.

Sämtliche Werke 16 · 第 17 / 28 题