Misintschikoff.
Das Sommerhaus, in dem man für mich ein Zimmer eingeräumt hatte, wurde
aus alter Gewohnheit noch immer „das neue Haus“ genannt, obgleich es
schon vor langen Jahren, noch von den früheren Besitzern des Gutes
Stepantschikowo erbaut worden war. Es war dies ein nettes, einstöckiges
Holzgebäude, das nicht weit vom Herrenhause im Garten lag. Von drei
Seiten umstanden das Sommerhäuschen alte, hohe Lindenbäume, deren Äste
das Dach überragten. Alle vier Zimmer dieses Sommerhauses waren gut
möbliert und ausschließlich für etwaigen Besuch bestimmt. Als ich mich
in dem mir zugewiesenen Gemach umsah, bemerkte ich zuerst meinen Koffer
und dann auf dem Nachttisch neben dem Bett einen Bogen Postpapier, das
von einem wahren Meister in der Schönschreibekunst beschrieben und mit
Girlanden und Schnörkeln überreich verziert war. Die Anfangsbuchstaben
und die Blumengewinde leuchteten sogar in bunten Farben. Alles in allem
war es eine bewundernswerte kalligraphische Arbeit. Schon aus den ersten
Zeilen ersah ich, daß es ein an mich gerichteter Bittbrief war, in dem
ich ein „aufgeklärter Wohltäter“ genannt wurde. Als Überschrift stand:
„Widopljässoffs Wehklagen.“ Wie sehr ich aber auch meine Aufmerksamkeit
anstrengte, um wenigstens etwas von dem ganzen Schreiben zu begreifen,
so waren doch alle meine Bemühungen umsonst: es war der reinste Blödsinn
in hochtrabendem Dienerstil. Ich erriet nur ungefähr, daß Widopljässoff
sich in einer bedauernswerten Lage befand, meine Hilfe erbat und in
irgendwelchen Dingen große Hoffnungen auf mich setzte – „von wegen Eurer
Bildung ...“ Zum Schluß bat er mich dann noch, zu seinen Gunsten auf
meinen Onkel einzuwirken, und zwar – „kraft Eurer Maschine“, wie es
buchstäblich in der letzten Zeile dieses Handschreibens geschrieben
stand. Ich war noch in die Lektüre vertieft, als die Tür aufging und
Iwan Iwanytsch Misintschikoff, mein Vetter dritten Grades, in das Zimmer
trat.
„Ich hoffe, Sie werden mir gestatten, Ihre Bekanntschaft zu machen,“
sagte er ungezwungen, doch äußerst höflich, und er reichte mir die Hand.
„Vorhin habe ich Ihnen keine zwei Worte sagen können, und doch empfand
ich schon im ersten Augenblick den Wunsch, Sie näher kennen zu lernen.“
Ich antwortete ihm sogleich, daß auch ich mich freue usw., obschon ich
mich in der miserabelsten Laune befand.
Wir setzten uns.
„Was haben Sie denn da?“ fragte er, nach einem Blick auf das Blatt, das
ich noch in der Hand hielt. „Etwa ‚Widopljässoffs Wehklagen‘? Na,
natürlich! Ich war ja überzeugt, daß Widopljässoff unfehlbar auch Sie
attackieren würde. Mir hat er gleichfalls so ein wunderbar bemaltes
Blatt mit denselben ‚Wehklagen‘ überreicht. Sie sind von ihm wohl schon
lange sehnsüchtig erwartet worden, so daß er Zeit genug gehabt hat,
inzwischen dieses Gemälde herzustellen. Doch können Sie sich die Mühe
sparen, sich darüber zu wundern: hier gibt es viel Sonderbares, und wenn
man Lust zum Lachen hat, fände sich eine Unmenge Stoff dazu.“
„Nur zum Lachen?“
„Na, doch nicht etwa zum Weinen? Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen
Widopljässoffs Leben erzählen, und ich wette, daß Sie lachen werden.“
„Offen gestanden, es ist mir jetzt nicht um Widopljässoff zu tun,“
antwortete ich etwas ungehalten.
Es war mir vollkommen klar, daß der Besuch Herrn Misintschikoffs und
sein liebenswürdiges Gespräch – einen besonderen Zweck verfolgten und
mein Herr Vetter dritten Grades sehr einfach meiner bedurfte. Im
Teesalon hatte er finster und ernst ausgesehen, und nun war er plötzlich
so aufgeräumt und sogar bereit, lange Geschichten zu erzählen. Man sah
es ihm sofort an, daß er sich vorzüglich zu beherrschen verstand und,
wie mir schien, ein Menschenkenner war.
„Dieser verdammte Foma!“ knirschte ich wütend und schlug mit der Faust
auf den Tisch. „Ich bin überzeugt, daß nur er allein die Quelle alles
Übels hier ist, und daß jede Verrücktheit sich auf ihn zurückführen
läßt! Dieser verfluchte Spitzbube!“
„Sie haben sich ja, wie es scheint, sehr über ihn geärgert,“ bemerkte
Misintschikoff.
„Sehr über ihn geärgert!“ Ich geriet plötzlich in Wut. „Ich weiß, ich
habe mich heute nachmittag hinreißen lassen und somit jedem das Recht
gegeben, mich abfällig zu beurteilen. Ich sehe es jetzt sehr wohl ein,
daß ich unnützerweise aus mir herausgegangen bin und in jeder Beziehung
schlecht abgeschnitten habe; aber ich denke, es ist zum mindesten
überflüssig, mir das obendrein noch zu verstehen zu geben! ... Auch
begreife ich vollkommen, daß man so etwas in guter Gesellschaft nicht
tut; aber, sagen Sie doch selbst, war es denn überhaupt möglich, nicht
aus der Haut zu fahren? Das ist ja hier eine Irrenanstalt, genau
genommen! und ... und ... schließlich ... Ach was! Ich fahre einfach
fort und damit basta!“
„Rauchen Sie?“ fragte Misintschikoff ruhig.
„Ja.“
„Dann werden Sie hoffentlich nichts dagegen haben, wenn auch ich rauche.
Dort wird es nicht gestattet. Ich bin schon auf dem besten Wege, darüber
melancholisch zu werden. Ich gebe gern zu,“ fuhr er fort, nachdem er
sich eine Zigarette angesteckt hatte, „daß hier manches stark an eine
Irrenanstalt erinnert; doch seien Sie versichert, daß ich mir nicht
erlauben werde, Sie oder Ihr Auftreten zu verurteilen, und zwar deshalb
nicht, weil ich an Ihrer Stelle vielleicht noch dreimal mehr in Wut
geraten oder aus der Haut gefahren wäre als Sie vorhin.“
„Aber warum taten Sie es dann nicht, wenn Sie wirklich so ungehalten
waren? Ich entsinne mich, im Gegenteil, noch ganz genau, daß Sie sehr
kaltblütig waren. Ich will Ihnen sogar ganz offen sagen – es wunderte
mich, daß Sie für meinen armen Onkel nicht eintraten, ihn nicht
verteidigten, da er doch soviel Gutes ... allen und jedem erweist!“
„Sie haben recht: er hat vielen Gutes getan. Doch für ihn einzutreten,
das halte ich in diesem Fall für vollkommen nutzlos: erstens würde es
ihm nichts helfen und hätte gewissermaßen sogar etwas Erniedrigendes für
ihn – und zweitens würde man mich dann am nächsten Tage vor die Tür
setzen. Und nun will auch ich Ihnen etwas ganz offen gestehen: nämlich,
daß meine Verhältnisse augenblicklich derart sind, daß ich die
Gastfreundschaft, die ich hier genieße, sehr hoch einschätzen muß.“
„Ich verlange von Ihnen durchaus keine Aufschlüsse über Ihre
Verhältnisse ... Aber übrigens, ich würde Sie gern etwas fragen wollen,
da Sie ja doch schon einen ganzen Monat hier leben ...“
„Haben Sie die Güte, fragen Sie nur: ich stehe Ihnen jederzeit zu
Diensten,“ antwortete Misintschikoff bereitwillig und rückte seinen
Stuhl näher zu mir.
„Erklären Sie mir, bitte, eines: soeben hat Foma Fomitsch
fünfzehntausend Rubel, die er bereits in der Hand hielt, verschmäht –
ich habe es mit eigenen Augen gesehen.“
„Wie das? Ist’s möglich!“ Misintschikoff war erstaunt. „Erzählen Sie
doch, bitte!“
Ich erzählte, was ich gesehen und gehört hatte, verschwieg aber alles,
was sich auf „Eure Exzellenz“ bezog. Misintschikoff hörte mir mit
lebhafter Neugier zu; sein ganzes Gesicht schien sich zu verändern, als
ich auf die Einhändigung der fünfzehn Tausend zu sprechen kam.
„Raffiniert!“ sagte er, als ich meine Erzählung beendet hatte. „Das
hätte ich eigentlich von Foma gar nicht erwartet.“
„Jedenfalls – er hat das Geld zurückgewiesen! Wie soll man sich das
erklären? Doch nicht mit seinem Seelenadel?“
„Er hat fünfzehn Tausend zurückgewiesen, um später dreißig Tausend zu
nehmen. Übrigens – wissen Sie!“ fügte er nach kurzem Nachdenken hinzu,
„ich bezweifle es, daß Foma eine bestimmte Berechnung gehabt habe. Er
ist doch ein unpraktischer Mensch – er ist in seiner Art gleichfalls so
etwas wie ein Dichter. Fünfzehn Tausend ... hm! Sehen Sie: er hätte das
Geld sicherlich genommen und behalten, nur: er widerstand nicht der
Versuchung, Theater zu spielen, sich zu verstellen, sich in schönem
Lichte zu zeigen. Ich sage Ihnen, er ist nichts als ein unendlich
saurer, tränenreicher Schwamm bei unbegrenzter Eigenliebe!“
Misintschikoff geriet beinahe in Wut. Man sah es ihm an, daß er sich
aufrichtig ärgerte; ja, es schien mir sogar, als beneide er Foma wegen
der angebotenen fünfzehn Tausend. Ich beobachtete ihn genau.
„Hm! Dann muß man großer Veränderungen gewärtig sein,“ meinte er
nachdenklich. „Jegor Iljitsch ist ja bereit, Foma anzubeten. Was kann
man wissen ... vielleicht wird er sie noch heiraten – einfach aus
Herzensrührung,“ sprach er durch die Zähne vor sich hin.
„So glauben Sie, daß diese schändliche, diese widernatürliche Ehe mit
diesem übergeschnappten, verdrehten Frauenzimmer wirklich zustande
kommen wird?“
Misintschikoff warf mir einen forschenden Blick zu.
„Diese Schurken!“ rief ich heftig aus. Er schwieg.
„Übrigens haben sie es verstanden, ihre Idee recht gut zu begründen,“
bemerkte Misintschikoff. „Sie behaupten nämlich, daß er doch irgend
etwas für die Familie tun müsse.“
„Als ob er noch zu wenig für sie getan hätte!“ Ich war empört. „Und auch
Sie, auch Sie wagen noch zu sagen, daß es eine vernünftige Idee sei –
eine dumme Gans zu heiraten!“
„O, ich stimme mit Ihnen darin vollkommen überein, daß sie eine dumme
Gans ist ... Hm! Es freut mich, daß Sie Ihren Onkel so lieben ... auch
ich kann es nachfühlen ... obschon man mit ihrem Gelde das Gut prächtig
vergrößern könnte. Aber sie haben außerdem noch andere Gründe: sie
fürchten, daß Jegor Iljitsch die Erzieherin seiner Kinder heiraten
könnte – Sie entsinnen sich doch noch des interessanten jungen Mädchens,
das nach Iljuscha eintrat?“
„Aber ... aber ist denn das möglich? Ist denn das anzunehmen?“ fragte
ich erregt. „Es scheint mir vielmehr eine Verleumdung zu sein. Sagen Sie
doch, um Gottes willen, es interessiert mich über alle Maßen ...“
„O, er ist bis über die Ohren verliebt! Nur verbirgt er es
selbstredend.“
„Verbirgt es! Sie glauben, er will es verbergen? Nun, aber sie? Liebt
auch sie ihn?“
„Sehr leicht möglich, daß auch sie ihn liebt. Und zudem sind ja alle
Vorteile auf ihrer Seite: sie ist sehr arm.“
„Aber welche Anhaltspunkte haben Sie, um hier eine gegenseitige Liebe zu
vermuten?“
„Da müßte man ja blind sein, wenn man das nicht sehen wollte. Hinzu
kommt, daß sie, glaube ich, sich heimlich treffen. Es ist sogar
behauptet worden, daß sie unerlaubte Beziehungen unterhielten. Aber
erzählen Sie das, ich bitte Sie, nicht weiter. Ich sage es Ihnen nur
unterm Siegel der strengsten Verschwiegenheit.“
„Wie kann man nur an so etwas glauben!“ rief ich unwillig aus. „Und Sie
geben zu, daß Sie diesem Märchen Glauben schenken?“
„Selbstverständlich glaube ich es nicht ganz, ich bin nicht dabei
gewesen. Aber es kann sehr leicht möglich sein.“
„Was! es kann möglich sein! Denken Sie doch nur an die Ehrenhaftigkeit,
an die Ehre meines Onkels!“
„Einverstanden. Aber man kann sich doch vergessen – kann sich damit
beruhigen, daß man später mit der Heirat unfehlbar alles wieder
gutmachen wird. Das kommt ja häufig vor ... so läßt man sich denn
hinreißen. Doch ich sage nochmals, daß ich durchaus nicht für die
vollkommene Glaubwürdigkeit dieser Gerüchte einstehe, um so weniger, als
man das Mädchen hier schon zur Genüge in den Schmutz zu ziehen versucht
hat. So wurde zum Beispiel auch erzählt, daß sie mit Widopljässoff ein
Verhältnis habe.“
„Mit Widopljässoff! – Da sehen Sie es ja! Ist das überhaupt denkbar? Ist
es denn nicht ekelhaft, so etwas auch nur zu hören? Und Sie glauben es?“
„Ich sage Ihnen doch, daß ich es nicht glaube,“ antwortete
Misintschikoff ruhig, „aber schließlich – hätte es ja auch vorkommen
können. In der Welt kann alles vorkommen. Ich aber bin nicht zugegen
gewesen, und überdies finde ich, daß es mich nichts angeht. Da Sie aber,
wie ich sehe, an allen Dingen, die mit Ihrem Onkel zu schaffen haben, so
lebhaften Anteil nehmen, so halte ich es für meine Pflicht, ausdrücklich
hinzuzufügen, daß dieses Verhältnis mit Widopljässoff allerdings sehr
wenig Wahrscheinliches für sich hat. Das ganze Gerücht scheint vielmehr
nur ein Machwerk Anna Nilownas zu sein – der Perepelizyna. Sie hat
natürlich nur aus Neid diesen ganzen Klatsch verbreitet, da sie früher
selbst davon geträumt hat, Jegor Iljitsch zu heiraten – bei Gott! – und
zwar, wie ich glaube, hauptsächlich deshalb, weil sie selbst die Tochter
eines Majors ist. Jetzt hat sie ihre Hoffnung aufgeben müssen, und so
ist auch ihre Wut danach. Doch, ich glaube – ich habe Ihnen bereits
alles erzählt und dieses Thema erschöpft, und – offen gestanden – ich
bin nichts weniger als ein Freund von solchen Klatschgeschichten.
Außerdem verlieren wir über diesem Geschwätz die kostbare Zeit. Ich bin,
sehen Sie mal, ich bin mit einer kleinen Bitte zu Ihnen gekommen.“
„Mit einer Bitte? O, ich bin gern zu allem bereit, was ich für Sie tun
kann ...“
„Besten Dank; ich hoffe sogar, Sie gewissermaßen mit meinem Anliegen zu
interessieren; denn wie ich sehe, lieben Sie Ihren Onkel und nehmen
großen Anteil an seinem Schicksal, namentlich bezüglich seiner
zukünftigen Ehe. Doch, vor _dieser_ Bitte habe ich noch eine andere
Bitte an Sie.“
„Und das wäre?“
„Folgendes. Vielleicht werden Sie einwilligen, meine Hauptbitte zu
erfüllen, vielleicht aber auch nicht. Daher würden Sie mir einen großen
Gefallen erweisen, wenn Sie die Güte hätten, mir vorher Ihr Ehrenwort
als Edelmann und Ehrenmann zu geben, daß alles, was Sie von mir hören
werden, zwischen uns bleibt, als größtes Geheimnis, und daß Sie in
keinem Fall und mit Ausnahme keiner einzigen Person dieses Geheimnis
verraten werden, sowie ferner, daß Sie die betreffende Idee nicht für
sich benutzen werden, diese Idee, die ich jetzt notwendigerweise Ihnen
mitteilen muß. Sind Sie damit einverstanden?“
Die Einleitung war recht feierlich. Ich erklärte mich mit seinen
Bedingungen einverstanden.
„Nun, und?“ fragte ich dann.
„Die Sache ist im Grunde sehr einfach,“ begann Misintschikoff. „Ich
will, sehen Sie mal ... ich will Tatjana Iwanowna entführen und sie dann
heiraten. Kurz, es soll etwas in der Art eines spanischen Romans werden
– Sie verstehen mich doch?“
Ich blickte Herrn Misintschikoff unverwandt in die Augen, und es dauerte
etwas, bis ich die ersten Worte fand.
„Ich ... ich begreife nicht ...“ sagte ich endlich; „und außerdem,“ fuhr
ich fort, „außerdem, da ich es mit einem vernünftigen Menschen zu tun zu
haben glaubte ... habe ich keineswegs erwartet ...“
„Erwartet oder nicht erwartet,“ unterbrach mich Misintschikoff, „ins
Unverblümte übersetzt, heißt das ungefähr soviel wie: daß sowohl ich wie
mein Vorhaben dumm ist, nicht wahr?“
„Aber durchaus nicht ... nur ...“
„O, bitte sehr, tun Sie sich in Ihren Ausdrücken keinen Zwang an.
Beunruhigen Sie sich nicht. Sie erweisen mir damit sogar ein großes
Entgegenkommen; denn so gelangen wir schneller zum Ziel. Ich gebe
übrigens gern zu, daß mein ganzer Plan so auf den ersten Blick etwas
sonderbar erscheinen muß. Doch ganz abgesehen davon, versichere ich Sie,
daß meine Absicht nicht nur keineswegs dumm, sondern sogar höchst
vernünftig ist. Und wenn Sie so freundlich sein wollen, zuerst die
Klarlegung der Verhältnisse anzuhören, so ...“
„O, bitte – ich bin sehr gespannt.“
„Übrigens ist hier fast nichts zu erzählen. Sehen Sie mal: ich habe
augenblicklich nur Schulden und dementsprechend keine Kopeke in der
Tasche. Außerdem habe ich noch eine Schwester, ein Mädchen von ungefähr
neunzehn Jahren. Sie ist Waise, wissen Sie, gänzlich mittellos und
verdient sich selbst ihr Brot. Das ist zum Teil auch meine Schuld. Wir
erbten vierzig Seelen. Da mußte ich wie verhext gerade damals zum
Fähnrich avancieren! Nun, zuerst natürlich verpfändete ich die vierzig
Seelen, dann brachte ich sie durch. Ich führte ein törichtes Leben, gab
den Ton an, spielte den Lebemann, spielte auch am grünen Tisch, trank –
mit einem Wort: töricht war’s, man schämt sich geradezu, daran zu
denken. Jetzt bin ich zur Besinnung gekommen, habe mich anders bedacht:
ich will nun ein ganz neues Leben beginnen. Zu diesem Zweck aber brauche
ich unumgänglich eine Summe von hunderttausend Rubeln in bar. Da ich
jedoch mit dem Offiziersdienst nichts verdienen würde, zu irgendeinem
Beruf nicht begabt bin und fast gar keine wissenschaftliche Bildung
habe, so bleiben mir nur zwei Möglichkeiten: entweder zu stehlen oder
eine reiche Dame zu heiraten. Hergekommen bin ich so gut wie ohne
Stiefel, und, wohl verstanden: ich bin zu Fuß gekommen, nicht mit
Postpferden. Meine Schwester gab mir ihre letzten drei Rubel, als ich
mich aus Moskau fortbegab. Hier lernte ich diese Tatjana Iwanowna
kennen, und mir kam sofort ein Gedanke. Ich beschloß, mich zu opfern und
sie zu heiraten. Sie müssen mir doch zugeben, daß das nichts anderes ist
als – Vernünftigkeit. Zudem tue ich es ja mehr für meine Schwester ...
das heißt, in erster Linie selbstredend für mich ...“
„Aber erlauben Sie, Sie wollen doch formell bei Tatjana Iwanowna
anhalten?“
„Gott soll mich davor bewahren! Dann wäre ich ja am längsten hier
gewesen, und auch sie würde nicht wollen. Schlage ich ihr dagegen eine
Entführung vor, eine Flucht, so wird sie sofort einwilligen. Das ist die
Hauptsache: es muß etwas Romantisches, etwas Effektvolles sein. Versteht
sich, wir werden dann in kürzester Zeit gesetzmäßig getraut werden. Wenn
man sie nur erst einmal herausgelockt hätte!“
„Aber wie können Sie so fest überzeugt sein, daß sie mit Ihnen
entfliehen wird?“
„O, machen Sie sich deshalb keine Sorgen! Davon bin ich vollkommen
überzeugt. Das ist ja gerade mein Grundgedanke, wenn ich so sagen darf,
daß Tatjana Iwanowna tatsächlich fähig ist, mit jedem ersten besten eine
Liebesgeschichte anzufangen, buchstäblich mit jedem, dem es nur
einfällt, darauf einzugehen. Deswegen habe ich auch Ihnen zuerst das
Ehrenwort abgenommen, diese Idee nicht zu Ihren eigenen Gunsten
auszunutzen. Jetzt werden Sie, denke ich, begreifen, daß es von mir
einfach Sünde wäre, wenn ich diese Gelegenheit nicht benutzen wollte,
und noch dazu bei meinen Verhältnissen.“
„So ist sie denn also ganz und gar verrückt ... Ach! verzeihen Sie,“
unterbrach ich mich, plötzlich mich besinnend, „da Sie jetzt diese
Absicht haben, so ...“
„Bitte, genieren Sie sich nicht, ich habe Sie darum schon einmal
gebeten. Sie fragen, ob Tatjana Iwanowna total verrückt sei? Was soll
ich Ihnen darauf antworten? Natürlich ist sie _nicht_ verrückt; denn
noch sitzt sie nicht in einer Irrenanstalt. Zudem vermag ich in dieser
Manie für Liebesdinge eigentlich keinen besonderen Irrsinn zu sehen. Sie
aber ist trotz allem ein ehrenhaftes Mädchen. Sehen Sie mal: vor einem
Jahre war sie noch entsetzlich arm, hatte seit ihrer Geburt bei ihren
Wohltäterinnen wie im Joch gelebt. Sie hat ein sehr gefühlvolles Herz,
um ihre Hand hat niemand sie jemals gebeten ... Nun, Sie verstehen:
Träume, Wünsche, Hoffnungen, die Leidenschaften, die sie beständig hat
unterdrücken müssen, die ewigen Schikanen der sogenannten Wohltäterinnen
– alles das zusammen konnte seinen empfindsamen Menschen sehr wohl
aufreiben. Und dann plötzlich dieser Reichtum! Sie werden doch zugeben,
daß so etwas nicht nur eine Tatjana Iwanowna aus dem Gleichgewicht
bringen kann. Nun, und jetzt sind natürlich alle hinter ihr her, alle
machen ihr den Hof, umschwärmen sie – und alle ihre Hoffnungen sind
auferstanden. Was sie zum Beispiel beim Tee von dem Geck in der weißen
Weste erzählte, – Tatsache, es ist wirklich buchstäblich alles so
geschehen, wie Sie es gehört haben. Nach dieser Begebenheit können Sie
sich auch das übrige denken. Mit Seufzern, Billets-doux, Gedichten
können Sie sie sofort erobern, und wenn Sie dann noch heimliche
Zusammenkünfte, spanische Serenaden und diesen ganzen Humbug hinzufügen,
so können Sie sie zu allem bewegen. Ich habe auch schon einmal einen
Versuch gemacht und sogleich ein nächtliches Stelldichein erreicht.
Vorläufig habe ich mich aber bis zu günstigerer Zeit auf neutralen Boden
zurückgezogen. Doch spätestens binnen vier Tagen wird man sie entführen
müssen. Am Tage vor der Entführung fange ich mit dem Mumpitz an:
Augendrehen, Seufzer und so weiter ... ich spiele nicht schlecht Gitarre
und singe sogar. In der Nacht ein Stelldichein in der Laube und – beim
Morgengrauen ist der Wagen bereit: ich locke sie hinaus, wir steigen ein
und fahren los. Wie Sie sehen, ist hierbei nichts zu riskieren: sie ist
mündig – und ganz abgesehen davon, wird es doch ihr freier Wille sein.
Und wenn sie erst einmal mit mir entflohen ist, so heißt das natürlich,
daß ... wir uns gegenseitig verpflichtet haben. Ich werde sie in eine
gute, aber arme Familie bringen – ich kenne hier eine, vierzig Werst von
hier – wo man sie bis zur Hochzeit auf den Händen tragen, doch keinen
Menschen zu ihr lassen wird. Und ich werde inzwischen auch nicht unnütz
die Zeit verlieren: nach spätestens drei Tagen müssen wir getraut sein –
das läßt sich machen. Natürlich gehört dazu vor allen Dingen Geld. Aber
ich habe schon berechnet: ich brauche nicht mehr als fünfhundert Rubel
für das ganze Intermezzo, und zwar hoffe ich in der Beziehung auf Jegor
Iljitsch: er wird sie mir geben, natürlich ohne zu wissen, um was es
sich handelt. Haben Sie mich jetzt vollkommen verstanden?“
„Ja,“ sagte ich, da ich ihn allerdings nur zu gut verstanden hatte.
„Aber sagen Sie doch, bitte, inwiefern ich Ihnen hierbei behilflich sein
könnte?“
„O, in sehr vielem, ich bitte Sie! Sonst hätte ich Sie doch wahrlich
nicht eingeweiht. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich sie in eine arme,
aber sehr ehrenwerte Familie zu bringen beabsichtige. Sie nun können mir
sowohl hier wie dort aushelfen, außerdem mein Trauzeuge sein. Ohne Ihren
Beistand stehe ich gleichsam mit gebundenen Händen da.“
„Noch eine Frage: Warum haben Sie gerade mich Ihres Vertrauens
gewürdigt? Sie kennen mich doch gar nicht, ich bin doch erst vor ein
paar Stunden hier eingetroffen.“
„Ihre Frage,“ antwortete Misintschikoff mit dem liebenswürdigsten
Lächeln, „Ihre Frage bereitet mir, offen gestanden, ein großes
Vergnügen; denn sie bietet mir Gelegenheit, Sie meiner ganz besonderen
Hochachtung zu versichern.“
„O, zuviel Ehre!“
„Nein, sehen Sie mal, ich habe Sie vorhin, beim Tee, ein wenig studiert.
Sie sind, nun ja, Sie sind heftig und ... und ... nun ja, und noch jung.
Aber von einem bin ich durchaus überzeugt: Wenn Sie mir einmal Ihr Wort
gegeben haben, keinem Menschen etwas davon zu erzählen, so werden Sie es
auch halten. Sie sind kein Obnoskin – dies wäre Punkt eins. Punkt zwei:
Sie sind ehrlich und werden mir meine Idee nicht stehlen, nicht wahr –
natürlich ausgenommen den Fall, daß Sie etwa mit mir in aller
Freundschaft einen entsprechenden Vergleich abschließen wollten. In dem
Fall wäre ich vielleicht einverstanden, Ihnen meine Idee abzutreten,
oder vielmehr: Tatjana Iwanowna. Und ich würde sogar bereit sein, Ihnen
bei der Entführung eifrig beizustehen, nur mit der Bedingung, daß Sie
mir einen Monat nach der Trauung eine Summe von fünfzigtausend Rubel bar
zahlen, selbstredend nach einer vorhergehenden Sicherstellung durch eine
Schuldverschreibung ... doch ohne Prozente.“
„Wie! Sie bieten die Dame jetzt bereits mir an?“
„Selbstverständlich kann ich sie abtreten ... wenn Sie es sich überlegen
sollten und zulangen wollen. Freilich verliere ich dabei, aber ... Doch
die Idee gehört nun einmal mir, und für Ideen nimmt man doch Geld. Und
schließlich, drittens, habe ich Sie gewählt, weil mir keine andere Wahl
übrigbleibt. Lange zu zögern aber erscheint mir, nachdem ich mir über
die hier herrschenden Zustände klar geworden bin, mehr als gefährlich.
Hinzu kommt, daß bald die Fastenzeit vor Mariä Himmelfahrt beginnt und
dann nicht getraut wird. So, jetzt haben Sie mich hoffentlich ganz
verstanden?“
„Vollkommen, und ich verspreche Ihnen nochmals, Ihr Geheimnis heilig zu
halten. Ihr Helfershelfer kann ich aber in dieser Angelegenheit nicht
sein, was Ihnen unverzüglich mitzuteilen ich für meine Pflicht halte.“
„Wieso, weshalb nicht?“
„Sie fragen noch?“ rief ich heftig aus, endlich den Gefühlen, die sich
in mir angesammelt hatten, freien Lauf lassend. „Sehen Sie denn nicht
ein, daß eine solche Handlung schuftig, unehrenhaft ist? Gut, nehmen wir
an, Sie rechneten ganz richtig, wenn Sie sich auf die Unklugheit und die
unglückliche Manie dieses Mädchens stützen, aber – ebendies müßte Sie
doch als Ehrenmann davon abhalten! Sie sagen ja selbst, daß Tatjana
Iwanowna ein ehrenwertes Mädchen sei, wenn sie auch lächerlich ist. Und
nun plötzlich wollen Sie ihr Unglück benutzen, um ihr hunderttausend
Rubel abzuzapfen! Sie werden doch gewiß nicht ihr wirklicher Mann sein,
der seine Pflicht in jeder Beziehung erfüllt. Sie werden sie unfehlbar
verlassen ... Das ist aber so wenig ehrenhaft, daß ich, verzeihen Sie,
eigentlich nicht begreife, wie Sie sich haben entschließen können mir
die Rolle eines Helfershelfers zuzumuten!“
„Donnerwetter, das ist mir mal eine Romantik!“ rief Misintschikoff aus,
während er mich mit ehrlicher Verwunderung ansah. „Übrigens handelt es
sich hier wohl nicht so sehr um Romantik, sondern – Sie scheinen einfach
nicht zu begreifen, um was es sich handelt. Sie sagen, es sei
unehrenhaft, vergessen aber, daß alle Vorteile nicht auf meiner, sondern
auf ihrer Seite sind ... Bedenken Sie doch nur ...“
„Ja, natürlich, wenn man von Ihrem Standpunkt aus urteilt, dann ergibt
sich womöglich noch, daß Sie die großmütigste Tat begehen, wenn Sie
Tatjana Iwanowna heiraten,“ antwortete ich mit sarkastischem Lächeln.
„Ja, wie denn nicht? Aber das _ist_ es doch! Es ist doch tatsächlich
eine großmütige Tat!“ rief Misintschikoff aus, der nun seinerseits in
Hitze geriet. „Überlegen Sie es sich doch nur: erstens opfere ich mich
und willige ein, ihr Mann zu sein – das kostet doch wohl etwas?
Zweitens: ungeachtet dessen, daß sie blank und bar mehrere
hunderttausend Rubel besitzt, werde ich nur einhunderttausend Rubel von
ihr nehmen. Ich habe mir bereits mein Wort gegeben, daß ich, solange ich
lebe, keine Kopeke mehr von ihr nehmen werde, obgleich ich es doch
könnte: das aber kostet doch wiederum etwas – denken Sie nur nach: kann
sie denn so ihr Leben ruhig verbringen? Damit sie ruhig leben kann, muß
man ihr unbedingt das Geld abnehmen und ... müßte sie eigentlich in eine
Irrenanstalt einsperren; denn sonst kann man sich darauf gefaßt machen,
daß in jeder Minute irgendein Tagedieb, ein Schwindler oder Spekulant
auftaucht, irgend so einer mit einem Spitzbart und Schnurrbart, mit
einer Gitarre und mit Serenaden – wie etwa Obnoskin – der sie verführt,
sie heiratet, ihr alles abnimmt und sie dann auf der Landstraße sitzen
läßt. Hier, zum Beispiel, befinden wir uns in einem ehrenwertesten Hause
– und dennoch hat man sie auch hier nur deshalb aufgenommen, weil man
auf ihr Geld spekuliert. Vor diesen zweifelhaften Chancen muß man sie
bewahren, beschützen, retten. Nun aber, begreifen Sie doch, sobald sie
mich geheiratet hat, hört diese Berechnung sofort auf. Ich werde schon
dafür Sorge tragen, daß kein Unglück sie wird treffen können. Nach der
Trauung bringe ich sie zuerst nach Moskau in eine ehrenwerte, doch
mittellose Familie – ich meine jetzt nicht jene, von der ich vorhin
sprach –, nein, in eine andere Familie. Meine Schwester wird beständig
bei ihr sein. Man wird sie nicht aus den Augen lassen. An Geld behält
sie etwa zweihundertfünfzigtausend Rubel, vielleicht sogar
dreihunderttausend: damit kann man, wissen Sie, doch leben! Alle
Vergnügungen sollen ihr geboten werden, alle Zerstreuungen, Bälle,
Maskeraden, Konzerte. Sie kann sogar von Liebesabenteuern träumen – wenn
ich mich auch in der Beziehung natürlich sicherstellen werde: träume
soviel du willst, in Wirklichkeit aber – nie und nimmer! Jetzt kann ein
jeder sie beleidigen, dann aber kann das keiner mehr tun: sie ist meine
Frau, Madame Misintschikoff, und meinen Namen gebe ich nicht zum Gespött
hin! Denken Sie doch nur, was das allein wert ist – das kostet doch
etwas! Selbstredend werde ich nicht mit ihr zusammen leben: sie in
Moskau und ich irgendwo in Petersburg. Diese meine Absicht teile ich
Ihnen gleichfalls im voraus mit; denn Ihnen gegenüber will ich ehrlich
sein. Aber was hat denn das auf sich, daß wir getrennt leben? Überlegen
Sie es sich doch nur, denken Sie an ihren Charakter und sagen Sie
selbst: Ist sie denn überhaupt fähig, Frau zu sein und mit ihrem Mann
zusammen zu leben? Kann man denn auch nur irgendeine Beständigkeit von
ihr erwarten? Sie ist doch das leichtsinnigste Geschöpf der Welt! Sie
bedarf ewig der Veränderung. Sie ist fähig, am nächsten Tage zu
vergessen, daß sie vor vierundzwanzig Stunden mir angetraut worden ist.
Ja, ich würde sie schließlich nur unglücklich machen, wenn ich mit ihr
zusammen leben und strenge Erfüllung ihrer ehelichen Pflichten verlangen
wollte! Natürlich werde ich sie von Zeit zu Zeit besuchen, etwa einmal
im Jahr oder auch öfter, aber nicht, um dann Geld von ihr zu verlangen –
ich versichere Sie, daß ich nichts von ihr verlangen werde. Ich habe
Ihnen doch gesagt, daß ich mehr als hunderttausend Rubel nicht nehmen
werde, bestimmt nicht! Im Geldpunkt werde ich mehr als verständig sein.
Wenn ich auf zwei, drei Tage zum Besuch komme, werde ich ihr sogar
Vergnügen und nicht etwa Langeweile bereiten: ich werde mit ihr
scherzen, werde ihr Geschichten erzählen, werde mit ihr Bälle besuchen,
flirten, ihr Andenken schenken, Romanzen singen und einen
Liebesbriefwechsel mit ihr eingehen. Sie wird doch einfach entzückt sein
– von einem so romantischen, verliebten und liebenswürdigen Ehemann!
Meiner Meinung nach ist es sogar sehr rationell: alle Männer sollten so
verfahren. Den Frauen sind sie ja nur dann wertvoll, wenn sie abwesend
sind, und wenn ich mein System durchhalte, werde ich gewiß in der
süßesten Weise Tatjana Iwanownas Herz für ihr ganzes Leben einnehmen.
Was könnte man ihr noch Besseres wünschen? Sagen Sie doch! Das ist ja
ein Paradies, aber keine Erdenwirklichkeit!“
Ich hörte schweigend und mit wachsender Verwunderung zu. Ich sagte mir,
daß man Herrn Misintschikoff nicht gut widerlegen konnte. Er war von der
Rechtlichkeit und Genialität seines Projektes fanatisch überzeugt und
sprach von ihm mit der ganzen Begeisterung eines Erfinders. Es blieb nur
noch ein peinlicher Punkt übrig, über den man sich unbedingt aussprechen
mußte.
„Aber denken Sie denn gar nicht daran,“ fragte ich, „daß sie schon so
gut wie die Braut meines Onkels ist? Wenn Sie sie nun entführen, dann
nehmen Sie ihm die Braut fast am Tage vor der öffentlichen Verlobung
fort und tun es außerdem noch mit seinem Gelde, das Sie von ihm zur
Ausführung der gewagten Tat borgen wollen und werden.“
„Warten Sie, damit fange ich Sie gerade!“ rief Misintschikoff eifrig
aus. „Ich habe diese Ihre Einwendung vorausgesehen. Aber erstens – und
das ist die Hauptsache: Ihr Onkel hat ja noch nicht bei ihr angehalten,
folglich brauche ich doch gar nicht zu wissen, daß man ihn mit ihr
verkuppeln will. Zudem bitte ich, nicht zu vergessen, daß ich bereits
vor drei Wochen meinen Entschluß gefaßt habe, also zu einer Zeit, als
ich von allen Absichten der Generalin und Foma Fomitschs nichts ahnte.
Folglich bin ich in moralischer Hinsicht durchaus im Recht, und genau
genommen, mache nicht ich ihm, sondern macht er mir die Braut
abspenstig, mit der ich – nicht zu vergessen! – inzwischen schon ein
nächtliches Stelldichein in der Laube gehabt habe. Und dann erlauben Sie
mal: Waren Sie nicht selbst außer sich darüber, daß man Ihren lieben
Onkel mit dieser Tatjana Iwanowna verheiraten will? Und nun treten Sie
plötzlich für diese Ehe ein, reden von Familienbeleidigung und Ehre! Im
Gegenteil: ich verpflichte mir Ihren Onkel ganz außerordentlich, ich
rette ihn gewissermaßen – das müssen Sie doch einsehen! Er denkt mit
Ekel an diese Heirat – und hinzu kommt noch, daß er ein anderes Mädchen
liebt. Und was wäre denn Tatjana Iwanowna für eine Frau für ihn? Und
auch sie würde doch mit ihm nur unglücklich werden; denn – sagen Sie,
was Sie wollen – man wird sie dann doch zum mindesten im Zaume halten
müssen, damit sie wenigstens jungen Herren keine Rosen zuwirft! Und wenn
ich sie in der Nacht entführe, so kann doch weder die Generalin noch ein
Foma Fomitsch als Hindernis in den Weg treten. Ein einmal entführtes
Mädchen aber zu heiraten, das ist auch gerade keine Ehre. Also –
verpflichte ich mir Jegor Iljitsch nicht zu ewigem Dank? Wende ich nicht
ein großes Unglück von ihm ab?“
Dieses letzte Argument machte allerdings einen sehr starken Eindruck auf
mich.
„Aber wenn er morgen bei ihr anhält?“ fragte ich. „Dann würde es doch zu
spät sein – wenn sie seine offizielle Braut ist.“
„Selbstverständlich wäre es dann zu spät. Deshalb muß man auch schnell
handeln, um dies zu verhüten. Weshalb und wozu habe ich Sie denn um
Ihren Beistand gebeten? Allein würde es mir schwerfallen, vereint aber
könnten wir alles gut einleiten und durchführen, können wir vor allem
verhindern, daß Jegor Iljitsch bei ihr anhält. Man muß alles
daransetzen, um das, wie gesagt, zu verhindern, muß im äußersten Fall –
wenn’s nicht anders geht – Foma Fomitsch verprügeln und damit die
allgemeine Aufmerksamkeit so ablenken, daß dann niemand mehr an
Hochzeiten denkt. Selbstredend käme dieses Mittel nur für den äußersten
Fall in Frage; wie gesagt, ich nahm es nur als Beispiel. Nun sehen Sie:
In all diesen Beziehungen hoffe ich auf Sie.“
„Noch eine Frage, die letzte: Haben Sie außer mir niemandem etwas von
Ihrem Plan gesagt?“
Misintschikoff kratzte sich ein wenig hinterm Ohr und schnitt eine
überaus saure Grimasse.
„Ich will Ihnen gestehen,“ antwortete er, „daß diese Frage für mich
schlimmer ist als die bitterste Pille. Das ist ja der Haken, daß ich
meinen Plan schon einem anderen mitgeteilt habe ... Ich habe ... ich
habe ... ich habe mir da einen verteufelten Brei eingebrockt! Und was
glauben Sie wohl, wem ich ihn mitgeteilt habe? – _Obnoskin!_ Ich
begreife es selbst nicht, ich kann es mir selber gar nicht glauben! ...
Ja, ich weiß nicht einmal, wie es eigentlich kam! Er scharwenzelte hier
herum ... ich kannte ihn noch nicht näher, und als die Eingebung mich
beglückte, da war ich natürlich wie im Fieber – ... und da ich mir
gleichzeitig sagte, daß ich ohne einen Helfershelfer nicht auskommen
würde, so wandte ich mich eben an Obnoskin. ... Unverzeihlich von mir,
unverzeihlich!“
„Nun, und Obnoskin?“
„O, er war mit Begeisterung zu allem bereit, aber am nächsten Morgen
verschwand er. Nach drei Tagen erschien er wieder – diesmal aber mit
seiner Frau Mutter. Mit mir spricht er seitdem kein Wort und er meidet
mich sogar auffallend: er scheint mich geradezu zu fürchten. Ich begriff
natürlich sofort, um was es sich handelte. Seine Mutter ist ein so
abgefeimtes, durchtriebenes Frauenzimmer, wie man ein zweites schwerlich
finden könnte. Ich habe sie schon früher gekannt. Er hat ihr natürlich
alles erzählt. Ich schweige vorläufig und warte ab. Sie spionieren hier
jetzt eifrig herum, und die Situation ist sehr gespannt ... Deshalb
beeile ich mich auch.“
„Was befürchten Sie denn von ihnen?“
„Großes werden sie freilich nicht ausrichten; daß sie aber Unfug
anstiften werden, davon bin ich überzeugt. Wahrscheinlich werden sie
fürs Schweigen und vielleicht auch für ihren Beistand Geld fordern –
darauf bin ich schon gefaßt. Aber mehr als dreitausend bar – kann ich
unmöglich. Urteilen Sie selbst: Dreitausend den Obnoskins, fünfhundert
blank und bar für die Trauung und Entführung; denn dem Onkel muß
unverzüglich die ganze Summe zurückgegeben werden. Dann noch alte
Schulden. Nun, meiner Schwester noch eine kleine Summe, nicht viel, aber
immerhin etwas. Was bleibt dann von hunderttausend noch übrig? Das ist
doch der reine Bankrott! ... Die Obnoskins sind übrigens heute
fortgefahren.“
„Fortgefahren?“ fragte ich interessiert.
„Sogleich nach dem Tee. Ach, zum Teufel mit ihnen! Morgen aber, das
werden sie sehen, werden Mutter und Sohn wieder erscheinen. Nun, wie
ist’s denn, sind Sie einverstanden?“
„Ich ... verzeihen Sie,“ begann ich zögernd in dieser etwas peinlichen
Lage, „ich weiß nicht recht, was ich sagen soll. Die Sache ist etwas
kitzlig ... Ich werde das Geheimnis natürlich heilig halten – ich bin
nicht Obnoskin ... aber, ich glaube ... Sie können sich nicht auf meinen
Beistand verlassen.“
„Ich sehe,“ sagte Misintschikoff ruhig und erhob sich vom Stuhl, „ich
sehe, daß Foma Fomitsch und die Großmama Ihre Geduld noch nicht
erschöpft haben, und daß Sie, wenn Sie Ihren guten, durch und durch
edlen Onkel auch lieben mögen, dennoch nicht genügend begriffen haben,
wie sehr er gequält wird. Sie sind hier noch Neuling ... Aber nur ein
wenig Geduld! Wenn Sie nur den morgigen Tag noch miterleben, werden Sie
schon am Abend einwilligen; denn sonst ist doch Ihr Onkel rettungslos
verloren – Sie verstehen mich? Man wird ihn unfehlbar zwingen, Tatjana
Iwanowna zu heiraten. Und vergessen Sie nicht, daß er vielleicht morgen
schon anhalten wird. Dann werden wir zu spät kommen – man müßte sich
also eigentlich schon heute entschließen.“
„Glauben Sie mir, ich wünsche Ihnen den besten Erfolg, aber helfen ...
ich weiß nicht recht ...“
„Schon gut. Warten wir bis morgen,“ entschied Misintschikoff mit etwas
spöttischem Lächeln. „^La nuit porte conseil.^ Auf Wiedersehen! Ich
werde morgen etwas früher zu Ihnen kommen, und Sie überlegen es sich
inzwischen ...“
Er ging, irgend etwas vor sich hinpfeifend.
Ich trat fast unmittelbar nach ihm hinaus in den Garten, um mich zu
erfrischen. Der Mond war noch nicht aufgegangen. Die Nacht war dunkel,
die Luft warm und schwül. Die Blätter der Bäume regten sich nicht.
Ungeachtet meiner entsetzlichen Müdigkeit wollte ich etwas gehen, mich
zerstreuen und doch wieder meine Gedanken sammeln. Ich war aber noch
keine zehn Schritte gegangen, als ich die Stimme meines Onkels vernahm.
Er stieg mit einem anderen die Treppenstufen zum Sommerhaus hinan und
sprach lebhaft. Ich kehrte sofort zurück und rief ihn. Der andere war
Widopljässoff.