Die Liebeserklärung.
Wohl über eine Viertelstunde irrte ich, aufgebracht und äußerst
unzufrieden mit mir, im Garten umher. Was sollte ich tun? Die Sonne
stand schon tief im Westen ... Ich bog in eine dunkle Allee ein – und
plötzlich stand Nastenjka vor mir. In ihren Augen blitzten Tränen. In
der Hand zusammengeballt hielt sie ein Taschentuch.
„Ich habe Sie gesucht,“ sagte sie.
„Und ich Sie,“ antwortete ich. „Sagen Sie, ich bitte Sie: bin ich hier
in einer Irrenanstalt?“
„Durchaus nicht!“ war die Antwort. Sie schien gekränkt zu sein und sah
mich streng an.
„Aber wenn es nicht der Fall ist, warum geschieht dann das alles? Geben
Sie mir doch um Gottes willen eine Erklärung, einen Rat! Wohin ist mein
Onkel jetzt gegangen? Kann ich nicht zu ihm gehen? Es freut mich sehr,
daß ich Sie getroffen habe, vielleicht werden Sie mich wenigstens über
einiges aufklären.“
„Nein, gehen Sie jetzt nicht hin. Ich bin selbst fortgegangen ...“
„Aber wo sind sie denn jetzt alle?“
„Weiß ich es!? Vielleicht sind sie wieder in den Gemüsegarten gelaufen,“
sagte sie gereizt.
„In welch einen Gemüsegarten?“
„In der vergangenen Woche schrie Foma Fomitsch, daß er nicht mehr in
diesem Hause bleiben wolle, und plötzlich lief er in den Gemüsegarten,
fand im Schuppen glücklich einen Spaten und begann Beete zu graben. Wir
wunderten uns alle und glaubten schon, daß er verrückt geworden sei.
‚Ich werde Erde schaufeln,‘ sagte er, ‚damit man mir später nicht
vorwerfen kann, daß ich umsonst hier gelebt und gegessen habe. Wenn ich
aber das gegessene Brot mit meiner Hände Arbeit bezahlt haben werde,
dann werde ich mich aufmachen und fortgehen. So weit hat man mich
gebracht!‘ Da aber weinten alle, und viel fehlte nicht, so wären sie vor
ihm niedergekniet. Den Spaten wollten sie ihm mit Gewalt fortnehmen. Er
aber grub und grub drauflos. Alle Rüben hat er umgegraben. Ist man ihm
damals so begegnet, so wird er, denke ich, jetzt vielleicht dasselbe
tun. Von ihm ist alles zu erwarten.“
„Und Sie ... Sie erzählen das so kaltblütig!“ rief ich in heftigem
Unwillen aus.
Da sah sie mich mit aufblitzenden Augen von der Seite an.
„Verzeihen Sie mir: ich weiß eigentlich gar nicht mehr, was ich rede!
... Wissen Sie, weshalb ich hergekommen bin?“
„N–ein,“ antwortete sie errötend, und ein gewisses peinliches Gefühl
spiegelte sich auf ihrem lieblichen Gesicht wider.
„Verzeihen Sie mir;“ fuhr ich fort, „ich bin jetzt ganz aus dem Konzept
gebracht, und ich fühle, daß ich nicht in dieser Weise hätte anfangen
sollen, davon zu sprechen ... namentlich mit Ihnen nicht ... Aber,
gleichviel! Ich glaube, Offenheit ist in solchen Dingen immer das beste.
Ich gestehe ... das heißt, ich wollte sagen ... Sie kennen doch die
Absicht meines Onkels? Er wünscht, daß ich um Ihre Hand anhalte ...“
„Ach, welch ein Unsinn! Sprechen Sie nicht davon, ich bitte Sie!“
unterbrach sie mich heftig, während sie heiß errötete.
Ich war baff.
„Wieso: – Unsinn? Aber er hat es mir doch geschrieben!“
„Hat er es Ihnen wirklich so ohne weiteres geschrieben?“ fragte sie
lebhaft. „Ach, er ist doch! ... Wie hat er mir dann versprechen können,
daß er es _nicht_ schreiben werde! ... Welch ein Unsinn! Gott, welch ein
Unsinn!“
„Verzeihen Sie,“ stotterte ich, da ich nicht wußte, was ich sagen
sollte. „Vielleicht war es unvorsichtig von mir, vielleicht sogar roh
... Aber wer kann denn hier, nach diesen Erlebnissen ... Denken Sie doch
nur, von ... weiß Gott was für Menschen und Plänen wir umringt sind ...“
„Ach, um Gottes willen, entschuldigen Sie sich doch nicht! Glauben Sie
mir, daß es mir ohnehin schwer ist, davon reden zu hören; aber ich habe
Sie gesucht, um von Ihnen etwas zu erfahren ... Ach, wie ärgerlich! So
hat er es Ihnen also wirklich geschrieben? Das fürchtete ich ja am
meisten! Mein Gott, was ist denn das für ein Mann! ... Und Sie glaubten
natürlich sofort alles und kamen stehenden Fußes hergefahren? Das war
gerade noch nötig!“
Sie verbarg ihren Ärger nicht im geringsten. Meine Lage war nichts
weniger als beneidenswert.
„Offen gestanden, ich hatte nicht erwartet ...“ brachte ich in größter
Verwirrung hervor. „Eine solche Wendung ... ich glaubte, im Gegenteil
...“
„Ah, also Sie glaubten?“ fragte sie mit leichter Ironie und biß sich die
Lippe. „Wissen Sie – zeigen Sie mir den Brief, den er an Sie geschrieben
hat?“
„Wie Sie wünschen.“
„Aber bitte seien Sie mir nicht böse, nehmen Sie es mir nicht übel! Es
gibt ja auch ohnehin schon Leid genug!“ fuhr sie mit bittender Stimme
fort, doch erschien schon wieder ein spöttisches Lächeln flüchtig auf
ihren reizenden Lippen.
„Ach, halten Sie mich bitte nicht für so dumm!“ rief ich
leidenschaftlich aus. „Sie sind vielleicht voreingenommen gegen mich?
Vielleicht hat Ihnen jemand Schlechtes von mir erzählt? – Oder
vielleicht – weil ich dort heute so schlecht abgeschnitten habe? Aber
das ist ja nichts, – ich versichere Sie! Ich begreife sehr gut, für wie
dumm Sie mich jetzt halten müssen. Aber lachen Sie, bitte, nicht über
mich! Ich weiß nicht, was ich rede ... Aber das kommt ja alles nur
daher, daß ich in diesem verwünschten Alter von zweiundzwanzig Jahren
stehe!“
„Oh, mein Gott, was hat das damit zu tun?“
„Wie, was das damit zu tun hat? Aber wer zweiundzwanzig Jahre alt ist,
dem steht ja die Jugend noch auf der Stirn geschrieben! Zum Beispiel wie
mir, als ich vorhin so wider Willen in die Mitte des Zimmers flog, oder
wie jetzt ... hier vor Ihnen ... Oh, dieses verwünschte Alter!“
„Oh, nein, nein!“ beteuerte Nastenjka, die sich kaum das Lachen
verbeißen konnte. „Ich bin überzeugt, daß Sie ein guter, lieber und
kluger Mensch sind. – Sie können mir glauben, daß ich es aufrichtig
meine! Aber ... Sie sind nur sehr ... ehrgeizig, sehr ... eigenliebig.
Doch das kann man sich ja noch abgewöhnen.“
„Ich glaube, daß ich nicht ehrgeiziger als nötig bin!“
„N ... das doch wohl nicht. Was war es denn vorhin, als Sie so verlegen
wurden – und weshalb? Weil Sie beim Eintritt gestolpert waren! ...
Welches Recht hatten Sie da, Ihren guten Onkel, der so viel für Sie
getan hat, lächerlich zu machen? Warum wollten Sie das Lächerliche auf
ihn abwälzen, während Sie selbst lächerlich waren? Das war schlecht, das
war häßlich von Ihnen! Das machte Ihnen wahrlich keine Ehre und – ich
sage es Ihnen ganz offen – Sie waren mir in jenem Augenblick sehr
unsympathisch – jawohl, damit Sie’s wissen!“
„Sie haben recht! Ich war ein großer Esel! Sogar mehr als das: ich
beging einfach eine Gemeinheit! Meine Strafe dafür ist – daß Sie es
bemerkt haben! Schelten Sie mich, lachen Sie über mich, aber hören Sie
mich an: vielleicht werden Sie Ihre Meinung von mir doch einmal ändern,“
fuhr ich fort, beherrscht von einem ganz eigenartigen Gefühl; „Sie
kennen mich noch so wenig, daß Sie später, wenn Sie mich näher kennen
gelernt haben werden, vielleicht ...“
„Um Gottes willen, lassen wir dieses Gespräch!“ unterbrach mich
Nastenjka mit sichtlicher Ungeduld.
„Gut, gut, lassen wir es! Aber ... wo kann ich Sie wiedersehen?“
„Wie das – wo wiedersehen?“
„Aber es kann doch nicht sein, daß wir jetzt hier das letzte Wort
miteinander gesprochen haben sollen, Nastassja Jewgrafowna! Ich flehe
Sie an, mir zu sagen, wo und wann ich Sie wiedersehen kann, wenn möglich
heute noch! Übrigens nein, es dunkelt ja schon. Nun, dann also, wenn es
irgend geht, morgen früh, so früh wie möglich ... Ich werde mich früher
wecken lassen. Wissen Sie, dort am Weiher ist eine Laube. Ich entsinne
mich ihrer noch sehr gut und ich werde auch schon den Weg dorthin
finden. Ich habe ja als kleiner Junge hier gelebt.“
„Aber wozu dieses Rendezvous? Wir sprechen doch schon miteinander!“
„Aber ich weiß ja vorläufig noch nichts, Nastassja Jewgrafowna! Ich muß
vorher noch mit meinem Onkel reden. Er muß mir doch endlich alles
erzählen, und dann werde ich Ihnen vielleicht etwas sehr Wichtiges sagen
...“
„Nein, nein! Das ist nicht nötig, gar nicht nötig!“ rief Nastenjka aus.
„Lassen Sie es uns jetzt zu einem Ende bringen, aber so, daß wir später
kein Wort mehr darüber zu verlieren brauchen. In jene Laube aber bemühen
Sie sich nicht. Ich versichere Sie, daß ich nicht kommen werde. Bitte,
schlagen Sie sich doch diesen ganzen Unsinn aus dem Kopf – ich bitte Sie
allen Ernstes darum ...“
„Dann ist ja mein Onkel verrückt gewesen, als er jenen Brief schrieb!“
rief ich in unerträglichem Ärger aus. „Warum hat er mich denn
hergerufen? Doch – Hören Sie? – Was ist das für ein Geschrei?“
Wir waren nicht weit vom Hause stehen geblieben. Aus den offenen
Fenstern drangen Gekreisch und ganz absonderliche Schreie in den Garten.
„Mein Gott!“ sagte sie erbleichend, „schon wieder! Ich ahnte es ja!“
„Sie ahnten es? Gestatten Sie mir noch eine Frage, Nastassja
Jewgrafowna? Ich habe allerdings nicht das geringste Recht, sie zu
stellen, aber des allgemeinen Wohles wegen entschließe ich mich dazu.
Sagen Sie – es soll in mir begraben sein – sagen Sie mir ganz offen: ist
mein Onkel in Sie verliebt?“
„Ach glauben Sie doch, bitte, nicht an solchen Unsinn!“ rief sie heftig
aus und errötete vor Unwillen. „Nun fangen auch Sie damit an! Wenn er
mich lieben würde, so hätte er mich doch nicht Ihnen angeboten,“ fügte
sie mit bitterem Lächeln hinzu. „Und wie kommen Sie überhaupt darauf?
Begreifen Sie denn wirklich nicht, um was es sich hier handelt? Hören
Sie dieses Geschrei?“
„Aber ... das ist ja Foma Fomitsch ...“
„Natürlich Foma Fomitsch! Jetzt streiten sie sich dort um meinetwillen;
denn sie sagen ja dasselbe, was Sie soeben sagten, denselben Unsinn: sie
argwöhnen, daß er in mich verliebt sei! Und da ich arm und gering bin,
und es folglich nichts kostet, mich mit Schmutz zu bewerfen, so wollen
sie ihn mit einer anderen verheiraten – und daher verlangen sie, daß er
mich zur Sicherheit nach Haus, zu meinem Vater schicke. Wenn man ihm
aber damit kommt, so gerät er sofort außer sich – ich glaube, er wäre
sogar fähig, Foma Fomitsch zu zerreißen. Und nun streiten sie sich
wieder darum! Ich fühle es, daß es sich wieder um mich handelt.“
„So ist also alles wahr? Dann wird er diese Tatjana heiraten?“
„Was für eine Tatjana?“
„Nun, dieses verrückte Frauenzimmer.“
„Ich bitte Sie, Tatjana Iwanowna ist durchaus nicht verrückt! Sie ist
ein sehr guter Mensch. Und Sie haben kein Recht, so von ihr zu sprechen!
Sie hat ein edles Herz, ein edleres, als es manch einer hat. Sie ist
nicht schuld daran, daß sie unglücklich ist.“
„Verzeihen Sie. Nehmen wir an, daß Sie hierin vollkommen recht haben;
aber täuschen Sie sich dann nicht in der Hauptsache? Wie kommt es denn,
sagen Sie doch, – daß zum Beispiel Ihr Herr Vater, wie ich bemerkt habe,
so freundlich von ihnen empfangen wird! Denn – wenn sie sich wirklich
dermaßen über Sie ärgerten, wie Sie versichern, und wenn man Sie sogar
aus dem Hause schicken wollte, dann würde man sich doch auch über ihn
ärgern und ihn schlecht empfangen.“
„Aber haben Sie denn nicht gesehen, was mein Vater für mich tut? Er
erniedrigt sich doch bis zum Narren vor ihnen! Er wird nur deshalb
empfangen, weil er Foma Fomitsch schmeichelt; da dieser Foma Fomitsch
selbst eine Narrenrolle gespielt hat, so freut es ihn, wenn nun auch er
seine Narren hat. Was glauben Sie denn, warum mein Vater es tut? – Nur
um meinetwillen, einzig und allein für mich tut er es! Er hat es nicht
nötig, seinetwegen wird er keinem einen unnützen Bückling machen.
Vielleicht erscheint er manchem sehr lächerlich; ich weiß aber, daß er
der ehrenhafteste und edelste Mensch ist. Er glaubt, weiß Gott aus
welchem Grunde – jedenfalls aber nicht deshalb, weil ich hier ein gutes
Gehalt bekomme – das schwöre ich Ihnen ...! er glaubt, daß es für mich
besser sei, wenn ich in diesem Hause bleibe. Aber jetzt habe ich ihn vom
Gegenteil überzeugt. Ich hatte ihm in sehr bestimmtem Ton geschrieben;
und deshalb ist er heute hergekommen, um mich mitzunehmen. Und wenn es
darauf ankommt, so fahre ich morgen fort. Ich bin ja doch schon zum
Äußersten getrieben. Die da – die würden froh sein, wenn sie mich
verschlingen könnten. Ich weiß, daß ich die Ursache ihres Streites bin.
Sie zermalmen _ihn_ nur deswegen, und nur weil ich hier bin, werden sie
_ihn_ unglücklich machen! _Er_ aber ist mir ein zweiter Vater, hören
Sie! – sogar mehr als mein leiblicher Vater! Ich will es nicht so weit
kommen lassen. Ich sehe weiter voraus als andere; denn ich weiß mehr.
Nein, morgen, morgen noch werde ich fortfahren! Vielleicht werden sie
dann wenigstens seine Hochzeit mit Tatjana Iwanowna auf einige Zeit noch
hinausschieben ... Jetzt habe ich Ihnen alles gesagt. Und nun sagen Sie
ihm das wieder; denn ich kann jetzt nicht mehr mit ihm sprechen: wir
werden beobachtet ... von der Perepelizyna. Sagen Sie _ihm_, daß er sich
nicht beunruhigen soll, daß ich lieber schwarzes Brot essen und in der
Hütte meines Vaters leben, als die Ursache _seiner_ Folter sein will.
Ich bin arm und folglich muß ich auch so leben wie Arme. Aber, Gott,
welch ein Geschrei! Was mag dort wieder vor sich gehen? ... Nein, was
daraus auch entstehen mag, ich gehe hin! Ich werde ihnen alles offen ins
Gesicht sagen, gleichviel, was dann geschieht! Ich muß es tun! Leben Sie
wohl.“
Sie lief fort. Ich stand immer noch auf demselben Fleck, war mir
vollkommen der Lächerlichkeit der Rolle, die ich soeben gespielt hatte,
bewußt und konnte mir nicht denken, wie sich der Knoten lösen sollte.
Das arme Mädchen tat mir aufrichtig leid, und ich fürchtete für meinen
Onkel. Da bemerkte ich plötzlich, daß Gawrila vor mir stand. Er hielt
immer noch sein Vokabelheft in der Hand.
„Jegor Iljitsch lassen bitten,“ sagte er mit wehmütiger Stimme.
Da kam ich wieder zur Besinnung.
„Wie – ich soll zu meinem Onkel? Wo ist er jetzt? Was ist mit ihm
geschehen? Wo ist er?“
„Im Teezimmer.“
„Und wer ist bei ihm?“
„Sie sind allein und warten.“
„Auf wen? Auf mich?“
„Sie haben nach Foma Fomitsch geschickt ... Ach ja! unsere guten Tage
sind jetzt gewesen!“ fügte er tief aufseufzend hinzu.
„Nach Foma Fomitsch? Hm! Aber wo sind die anderen? Wo ist die Gnädige?“
„Sie sind in ihrer Hälfte. Sie geruhten, in Ohnmacht zu fallen, und
jetzt liegen sie bewußtlos da und weinen.“
Inzwischen hatten wir die Terrasse erreicht. Es war fast schon ganz
dunkel. Mein Onkel war tatsächlich ganz allein im Teesalon und ging in
ihm mit großen Schritten auf und ab. Auf dem Tisch brannten Lichter. Als
er mich erblickte, eilte er mir entgegen und erfaßte meine Hände. Er war
bleich und atmete schwer. Seine Hände bebten. Von Zeit zu Zeit lief ein
nervöses Zucken über seinen ganzen Körper.