VII.

Foma Fomitsch.

Mit unendlicher Neugier sah ich diesem Herrn entgegen. Gawrila hatte

recht, wenn er ihn ein gemausertes Menschlein nannte. Foma war klein von

Wuchs, mit weißblondem, kaum merklich grau untermischtem Haar, weißen

Augenbrauen und Wimpern, mit einer gebogenen Nase und vielen kleinen

Runzeln im ganzen Gesicht. Am Kinn hatte er eine große Warze. Er war

ungefähr fünfzig Jahre alt. Leise trat er ein, mit gleichmäßigen

Schritten, die Augen zu Boden gesenkt. Aber das unverschämteste

Selbstbewußtsein drückte sich in seinem Gesicht und in seiner ganzen,

überaus pedantischen Erscheinung aus. Zu meiner Verwunderung erschien er

im Schlafrock – freilich von ausländischem Schnitt, aber es war immerhin

ein Schlafrock – und obendrein in Hausschuhen. Eine Krawatte trug er

nicht. Der Kragen seines Hemdes war ^à l’enfant^ zurückgeschlagen, was

der ganzen Erscheinung Fomas etwas überaus Dummes verlieh. Er schritt zu

einem Lehnstuhl, rückte ihn ein wenig näher zum Tisch und setzte sich,

ohne auch nur ein Wort gesagt zu haben. Im Augenblick war alles still

geworden, von der Aufregung und dem Spektakel, die noch vor einer Minute

hier geherrscht hatten, war nichts mehr zu sehen und zu hören. Es war so

still, daß man das Summen der kleinsten Fliege hätte hören können. Die

Generalin saß sanft und fromm wie ein Lamm auf dem Sofa. Die ganze

sklavische Ergebenheit dieser Törin ihrem Idol Foma gegenüber trat jetzt

so recht klar zutage. Sie schien sich an ihrem Liebling gar nicht satt

sehen zu können, sie hing unverwandt mit den Blicken an ihm, sie

verschlang ihn förmlich mit den Augen.

Fräulein Perepelizyna entblößte lächelnd ihre alten Zähne und rieb sich

die Hände, die arme Praskowja Iljinitschna aber zitterte merklich vor

Furcht. Mein Onkel fand als erster die Sprache wieder.

„Tee, Schwesterchen, bitte, Tee! Nur etwas süßer, Schwesterchen. Foma

Fomitsch trinkt ihn nach dem Schläfchen gern etwas süßer. Nicht wahr,

Foma, du liebst den Tee nachmittags doch etwas süßer?“

„Mir ist es jetzt nicht um Tee zu tun!“ begann Foma langsam und

würdevoll, und mit bekümmerter Miene machte er eine wegwerfende

Handbewegung. „Sie dagegen scheinen sich ja nur darum zu sorgen, daß

alles süßer sei!“

Diese ersten Worte und der in seiner pedantischen Wichtigkeit

unbeschreiblich lächerliche Eintritt Fomas interessierten mich natürlich

außerordentlich. Es interessierte mich vor allem, bis zu welch einer

Gewissenlosigkeit die Unverschämtheit dieses von sich so eingenommenen

Menschen gehen konnte.

„Foma!“ begann mein Onkel von neuem. „Hier stelle ich dir jemand vor:

meinen Neffen Ssergei Alexandrowitsch! Er ist erst vor kurzem

angekommen.“

Foma Fomitsch maß meinen Onkel vom Kopf bis zu den Füßen.

„Es wundert mich, daß Sie mich mit Vorliebe immer so systematisch

unterbrechen, Oberst,“ sagte er endlich nach bedeutsamem Schweigen und

ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. „Man redet mit Ihnen über

eine ernste Sache, Sie aber ... schwatzen ... weiß Gott was ... Haben

Sie Falalei gesehen?“

„Ja, Foma ...“

„Ah, also Sie haben ihn gesehen! Nun, dann werde ich Ihnen denselben

noch einmal zeigen, wenn Sie ihn schon gesehen haben. Dann können Sie

sich ergötzen an Ihrem Produkt ... ich meine, in sittlicher Beziehung.

Komm her, Bursche! Komm her, du holländische Fratze! Nun, hörst du

nicht? – komm her! Fürchte dich nicht!“

Falalei näherte sich ihm, schluchzend, mit halboffenem Munde, und

schluckte seine Tränen. Foma Fomitsch betrachtete ihn mit

augenscheinlichem Vergnügen.

„Ich habe ihn mit Absicht ‚holländische Fratze‘ genannt, Pawel

Ssemjonytsch,“ bemerkte er, indem er es sich ungeniert in seinem

Lehnstuhl bequem machte, mit einer leichten Wendung seines Kopfes zu

Obnoskin, der als Nächster links von ihm saß. „Und überhaupt, wissen

Sie, halte ich es nicht für nötig, daß man seine Ausdrücke mildert,

gleichviel in welchem Fall. Die Wahrheit muß immer Wahrheit bleiben. Und

andererseits: womit man auch Schmutz bedecken wollte, es bleibt immer

Schmutz. Wozu also die Mühe, eine Sache noch zu beschönigen? Um sich und

die Menschen zu betrügen! Nur in dem dummen Kopf eines Menschen aus der

sogenannten höheren Gesellschaft konnte das Verlangen nach so sinnlosen

Anstandsregeln entstehen. Sagen Sie doch – ich bitte um Ihr Urteil –

können Sie in dieser Fratze etwas Schönes finden? Ich meine: etwas

Höheres, Erhabenes, Wunderbares – und nicht, wie gesagt, nur eine schöne

Fratze?“

Foma Fomitsch sprach ziemlich leise, ruhig, jedes Wort abmessend und mit

einem fast erhabenen Gleichmut.

„Schönes?“ fragte Obnoskin mit einer geradezu frechen Nachlässigkeit.

„Mir scheint, es ist nur ein gutes Stück Roastbeef und nichts weiter

...“

„Trat heute zum Spiegel und besah mich in ihm,“ fuhr Foma ruhig fort,

würdevoll das Wörtlein „ich“ auslassend. „Halte mich längst nicht für

eine Musterschönheit, kam aber unwillkürlich zu der Überzeugung, daß

doch etwas in diesem grauen Auge liegt, das mich von einem Falalei

unterscheidet. Das ist der Gedanke, das ist das Leben, das ist der

Verstand in diesem Auge! Will mich nicht damit loben. Rede nur so im

allgemeinen von meinem Ich. Jetzt, was meinen Sie? Kann es überhaupt

auch nur ein Stückchen, auch nur ein Atom von einer Seele in diesem

lebenden Beefsteak geben? Nein, in der Tat, beobachten Sie es doch,

Pawel Ssemjonytsch, wie diese _Menschen_, die jedes Gedankens, jedes

Ideals vollkommen bar sind, und die nur Rindfleisch essen, wie bei

diesen Menschen die Gesichtsfarbe immer so widerlich frisch ist, von

einer so rohen und dummen Frische! Wünschen Sie, den Grad seiner

Denkfähigkeit zu erkennen? He, du, Kasus! Komm mal näher, gönn uns, daß

wir uns an deinem Anblick berauschen! Warum sperrst du den Mund auf?

Willst du etwa einen Walfisch verschlingen? Bist du schön? Antworte:

bist du schön?“

„Ich ... bin ... schön!“ antwortete Falalei mit ersticktem Schluchzen.

Obnoskin wälzte sich vor Lachen. Ich fühlte, wie ich vor Wut zu zittern

begann.

„Haben Sie gehört?“ fuhr Foma fort, mit einem gewissen Triumph sich

wieder an Obnoskin wendend. „Aber Sie werden noch ganz andere Dinge von

ihm hören! Ich kam nur, um ihn zu examinieren. Sehen Sie, Pawel

Ssemjonytsch, es gibt Menschen, deren Wunsch es zu sein scheint, diesen

armseligen Idioten endgültig zu verderben. Vielleicht urteile ich zu

streng, kann mich ja täuschen, aber ich rede und tue alles nur aus Liebe

zur Menschheit. Er hat den unanständigsten aller Tänze getanzt. Hier

scheint das keinen Menschen etwas anzugehen. Aber ... nun, Sie können es

hier mit eigenen Ohren hören ... Antworte: was hast du vorhin getan?

Antworte, antworte sofort! – hörst du?“

„I ... ich ... habe ... getanzt ...“ sagte Falalei, der nur mit Mühe das

Schluchzen unterdrückte.

„Was hast du denn getanzt? Welch einen Tanz? So sprich doch!“

„Die Kamarinskaja ...“

„Die Kamarinskaja! Aber wer ist diese Kamarinskaja? Was ist das für ein

Name? Wie soll ich denn deine Antwort verstehen? Nun, so gib mir doch

wenigstens eine Vorstellung davon: wer ist denn diese deine

Kamarinskaja?“

„Ein ... Bauer ...“

„Ein Bauer! Nur ein Bauer? Ich wundere mich! Das muß doch ein ganz

hervorragender Bauer sein! Dann ist er wohl irgendein berühmter Mann,

wenn man ihn in Liedern besingt und in Tänzen verherrlicht? Nun, so

antworte doch!“

Es schien Foma ein Bedürfnis zu sein, Menschen zu foltern. Er spielte

mit seinem Opfer wie die Katze mit der Maus. Doch Falalei schwieg,

schluchzte und begriff die Frage nicht.

„So antworte doch! Du wirst gefragt, was das für ein Bauer ist. So

sprich doch ...! Ein Gutsbauer oder ein Kronsbauer, ein freier oder ein

leibeigener oder vielleicht ein Ökonomiebauer[1]? Es gibt viele Bauern

...“

„E–e–ein ... Ö–ko–nomiebauer ...“

„Ah, also ein Ökonomiebauer! Haben Sie gehört, Pawel Ssemjonytsch? Ein

neues historisches Faktum: die Kamarinskaja ist ein – Ökonomiebauer. Hm!

Nun, aber was hat denn dieser Ökonomiebauer getan? Für welche Taten wird

er denn besungen und ... wird ihm zu Ehren getanzt?“

Die Frage war nicht wenig kitzlig, und da er sie an Falalei richtete,

auch sehr gefährlich.

„Nun – aber Sie ... einstweilen ...“ versuchte Obnoskin einzulenken,

nach einem flüchtigen Blick auf seine Mutter, die sich so eigentümlich

auf ihrem Sofa hin und her zu bewegen begann.

Was sollte man tun? Die Launen Foma Fomitschs wurden als Gesetz

betrachtet.

„Aber, lieber Onkel, wenn Sie diesen Esel nicht ablenken, so kann er ja

... Sie begreifen doch, auf was er es abgesehen hat – Falalei wird

vielleicht irgendeine Dummheit sagen, sogar bestimmt, ich versichere Sie

...“ flüsterte ich unbemerkt meinem Onkel zu, der selbst nicht wußte,

wozu er sich entschließen oder was er sagen sollte.

„Wenn du, Foma ...“ begann er etwas unsicher. „Hier stelle ich dir

meinen Neffen vor, Foma: mein junger Freund, der sich mit Mineralogie

beschäftigt ...“

„Ich bitte Sie inständig, Oberst, unterbrechen Sie mich nicht mit Ihrer

Mineralogie, von der Sie, soviel mir bekannt ist, keine Ahnung haben,

und _andere_ vielleicht ebensowenig. Ich bin kein Kind. Er wird mir

antworten, daß dieser Bauer, anstatt für das Wohlergehen seiner Familie

zu arbeiten, in der Schenke seinen Halbpelz vertrunken hat und betrunken

auf die Straße hinausgelaufen ist. Das ist bekanntlich der Inhalt dieses

Liedes, das die Trunkenheit verherrlicht. Beunruhigen Sie sich nicht,

_jetzt_ weiß er, was er zu antworten hat. – Nun, so antworte doch: was

hat dieser Bauer denn getan? Ich habe es dir doch schon vorgesagt, habe

es dir in den Mund gelegt. Ich will nur von dir, von dir selbst hören,

was er getan hat, wodurch er berühmt geworden ist, wodurch er einen so

unsterblichen Ruhm verdient hat, daß er sogar besungen wird? Nun?“

Der arme Falalei blickte sich hilflos im Kreise um, und da er nicht

wußte, was er sagen sollte, machte er nur den Mund auf und ratlos wieder

zu, wie eine Karausche, die aus dem Wasser auf den Sand gezogen ist.

„Ich schäm’ mich, es zu sagen!“ brachte er schließlich in seiner

Hilflosigkeit mit langen Lippen ziemlich undeutlich hervor.

„Ah! du schämst dich, es zu sagen!“ Foma triumphierte. „Nur diese

Antwort erwartete ich, Oberst! Man schämt sich, es zu sagen; aber es zu

tun, schämt man sich nicht! Das ist die Sittlichkeit, die Sie hier gesät

haben, die jetzt aufgegangen ist, und die Sie noch ... begießen! Doch

wozu so viel Worte verlieren! Geh in die Küche, Falalei. Im Augenblick

sage ich dir nichts – aus Achtung vor den Anwesenden; aber heute noch,

_heute noch_ wirst du unbarmherzig und schmerzhaft bestraft werden.

Geschieht es aber nicht, zieht man auch diesmal _dich_ – _mir_ – vor, so

bleibe du hier und tröste deine Herren mit der Kamarinskaja, ich aber

werde dann heute noch dieses Haus verlassen! Genug! Ich habe gesprochen.

Geh!“

„Nun, das war, glaube ich, denn doch etwas ... streng ...“ brummte

Obnoskin.

„Eben, eben ...!“ griff sofort mein Onkel auf und wollte ihm

beipflichten, brach aber ab und verstummte. Foma warf ihm einen

finsteren Blick zu.

„Ich wundere mich, Pawel Ssemjonytsch,“ fuhr er fort, „ich wundere mich

nur über eines: was tun denn eigentlich unsere zeitgenössischen

Literaten, die Dichter, die Gelehrten, die Denker? Wie kommt es, daß sie

gar nicht darüber nachdenken, welche Lieder das russische Volk singt,

und zu welchen Liedern das russische Volk tanzt? Was haben denn bis

jetzt alle unsere Puschkin, Lermontoff, Borosdin getan? Ich wundere

mich. Das Volk tanzt die Kamarinskaja, diese Apotheose der Trunkenheit

und der Ausschweifung; sie aber besingen da irgendwelche

Vergißmeinnicht! Warum schreiben sie nicht einige sittliche Lieder für

den Volksgebrauch? Was nützen diese Gedichte an die Vergißmeinnicht und

Gänseblümchen? Hier handelt es sich doch um eine soziale Frage! Mögen

sie mir meinetwegen einen Bauern schildern, aber einen veredelten

Bauern, einen Landmann, der eigentlich nichts mehr mit dem rohen Bauern

gemein hat. Mögen sie doch einen solchen Dorfweisen womöglich in seiner

ganzen Einfachheit uns zeigen, meinetwegen sogar in Bastschuhen – ich

bin auch damit noch einverstanden –, aber es muß ein Mann sein, der alle

Tugenden besitzt, Tugenden, um die ihn – das sage ich kühn – selbst

irgend so ein berühmter Alexander von Mazedonien beneiden müßte. Ich

kenne Rußland und Rußland kennt mich: darum rede ich so. Mögen sie uns

diesen Mann darstellen, der, sagen wir, bei grauem Haar noch eine große

Familie zu ernähren hat, meinetwegen sogar in einer stickigen Hütte

lebt, vielleicht sogar hungern muß, der aber dennoch zufrieden ist und

nicht murrt, sondern seine Armut preist, und den alles Gold des Reichen

gleichgültig läßt. Mag ihm der Reiche schließlich gerührt sein ganzes

Gold bringen ... bei dieser Gelegenheit kann sogar eine Vereinigung der

Tugend des Bauern mit der Tugend des Reichen, seines Herrn und, sagen

wir, geborenen Aristokraten sich vollziehen. Der Landmann und der

Reiche, die auf den Stufen der Gesellschaft so weit voneinander getrennt

sind, – mögen sie dann in der Tugend sich vereinigen, – das wäre ein

edler Grundgedanke! Aber sonst – was haben wir jetzt in unserer

Literatur? Einerseits Vergißmeinnicht und andererseits – einen Bauern,

der aus der Schenke herausstürzt und in betrunkenem Zustande durch die

Straßen läuft! Nun, was ist denn hier, sagen Sie doch selbst: Was ist

denn hier Poetisches? Woran soll man sich erbauen? Wo ist hier Verstand?

Wo Grazie? Wo Moral? ... Ich wundere mich!“

„Hundert Rubel schulde ich Ihnen, Foma Fomitsch, für solche Worte!“

sagte Jeshowikin anscheinend begeistert. – „Würde ihm keinen grindigen

Deubel jemals geben!“ rannte er mir dabei leise zu, fast ohne die Lippen

zu bewegen. „Schmeichle, schmeichle!“

„Nun ja ... das haben Sie gut gesagt,“ brummte Obnoskin.

„Eben, eben! Vortrefflich!“ rief mein Onkel aus, der die ganze Zeit mit

angestrengter Aufmerksamkeit zugehört hatte und mich jetzt triumphierend

ansah. – „Was für ein Thema!“ flüsterte er mir unbemerkt ins Ohr und

rieb sich vor Vergnügen die Hände. „Vielseitig, weiß der Teufel! – Foma

Fomitsch, hier ist mein Neffe,“ fuhr er laut im Überschwang seiner

Gefühle fort. „Er hat sich gleichfalls mit der Literatur beschäftigt –

hier stelle ich ihn dir vor.“

Foma Fomitsch schenkte wiederum nicht die geringste Beachtung weder mir,

noch meinem Onkel.

„Um Gottes willen, stellen Sie mich doch nicht nochmals vor! Ich bitte

Sie darum!“ flüsterte ich in sehr bestimmtem Ton meinem Onkel zu.

„Iwan Iwanytsch!“ hub plötzlich Foma Fomitsch an, sich mit aufmerksam

betrachtendem Blick an Misintschikoff wendend, „da haben wir nun

gesprochen – welcher Meinung aber sind Sie?“

„Ich? Sie fragen mich?“ erkundigte sich verwundert Misintschikoff, mit

einem Gesichtsausdruck, als hätte man ihn soeben erst aus dem Schlaf

geweckt.

„Ja, gerade Sie. Ich frage Sie aus dem Grunde, weil mir die Meinung

wirklich kluger Menschen immer wertvoll ist, nicht aber diejenige – weiß

Gott was für welcher – problematischer kluger Köpfe, die nur deshalb

klug sind, weil sie einem _beständig als klug vorgestellt werden_, als

sogenannte _Gelehrte_, und die man sich mitunter sogar absichtlich

verschreibt, um sie in einer Jahrmarktsbude auszustellen oder an einem

ähnlichen Ort.“

Dieser Stein war natürlich in meinen Garten geworfen. Es konnte

überhaupt kein Zweifel darüber bestehen, daß Foma Fomitsch, der mich

scheinbar gar nicht beachtete, dieses ganze Gespräch über die Literatur

einzig und allein meinetwegen begonnen hatte, um mich, den „Klugen“, den

„Petersburger Gelehrten“, von vornherein zu besiegen, zu vernichten. Ich

wenigstens zweifelte nicht daran.

„Wenn Sie meine Meinung wissen wollen, so ... bin ich ... so bin ich

ganz Ihrer Meinung,“ antwortete Misintschikoff träge und gleichsam wider

Willen.

„Sie sind stets ganz meiner Meinung! Es könnte einem sogar übel davon

werden,“ bemerkte Foma. „Werde Ihnen ganz aufrichtig sagen, Pawel

Ssemjonytsch,“ wandte er sich nach kurzem Schweigen wieder an Obnoskin,

„wenn ich unseren unsterblichen Karamsin für etwas hochachte, so tue ich

es nicht wegen seiner ‚Statthalterin Marfa‘, nicht wegen seiner

‚Russischen Geschichte‘, auch nicht wegen seines Werkes über das ‚Alte

und neue Rußland‘, sondern einzig deshalb, weil er ‚Froll Ssilin‘

geschrieben hat: Das ist ein großes Epos! Es ist ein rein volkliches

Werk und wird alle Ewigkeiten überleben! Ein großes Epos!“

„Eben, das ist es! Stimmt! Ein großes _Epos_! Froll Ssilin ist ein

tugendhafter Mensch! Ich weiß, habe ihn gelesen; er kaufte _noch_ zwei

Mädchen aus, und dann sah er zum Himmel empor und weinte. Ein erhabener

Zug!“ bestätigte mein Onkel, strahlend vor Zufriedenheit.

Mein armer Onkel! Er konnte es doch auf keine Weise unterlassen, sich in

„gelehrte“ Gespräche einzumischen! Foma lächelte boshaft, schwieg aber.

„Es wird auch jetzt Interessantes geschrieben,“ mischte sich vorsichtig

Anfissa Petrowna Obnoskina ein. „Zum Beispiel: die ‚Geheimnisse von

Brüssel‘!“

„Ich enthalte mich eines Urteils,“ sagte Foma, gleichsam mitleidig. „Ich

habe vor nicht langer Zeit einen von den neueren Dichtern gelesen ...

Was soll man sagen? ‚Vergißmeinnicht‘! Aber wenn ich Ihnen die Wahrheit

sagen soll, so gefällt mir von den Modernsten am besten der ‚Kopist‘, –

wie er sich unterzeichnet – eine leichte Feder!“

„Der Kopist!“ schrie förmlich Anfissa Petrowna auf, „das ist doch

dieser, der an die Zeitung Briefe schreibt? Ach, wie ist er doch

entzückend! Welch ein Spiel mit Worten!“

„Ganz recht, ein Spiel mit Worten. Er spielt, wie man sagt, mit der

Feder. Eine ungewöhnliche Leichtigkeit im Satzbau!“

„Ja, aber er ist ein Pedant,“ bemerkte Obnoskin nachlässig.

„Pedant! gewiß ein Pedant – das bestreite ich nicht. Aber er ist ein

sympathischer Pedant, ein graziöser Pedant! Natürlich, keine einzige

seiner Ideen hält einer ernsten Kritik stand, aber man läßt sich

unwillkürlich von seiner Leichtigkeit fortreißen! Schön, es sind leere

Worte – ich will es gern zugeben; aber es sind sympathische, es sind

graziöse Worte! Entsinnen Sie sich vielleicht, wie er in einem

literarischen Artikel erklärte, daß er seine eigenen Güter habe?“

„Güter?“ griff sofort mein Onkel auf. „Das ist nicht übel. In welchem

Gouvernement?“

Foma blieb stumm, richtete nur einen aufmerksamen Blick auf den

Hausherrn und fuhr dann im selben Ton fort:

„Nun sagen Sie mir doch um der gesunden Vernunft willen: wozu brauche

ich, der Leser, zu wissen, daß er Güter hat? Hat er sie – dann

gratuliere ich! Aber wie lieblich, wie spaßhaft ist es beschrieben! Er

sprüht von Geist, er wirft ihn verschwenderisch um sich! Er ist ein

unerschöpflicher Quell von sprudelndem Geist! Ja, _so_ muß man

schreiben! Ich glaube, daß ich gerade in dieser Art schreiben würde,

wenn ich mich entschließen wollte, für Zeitschriften zu schreiben ...“

„Sicherlich sogar noch besser!“ bemerkte ehrerbietig Jeshowikin.

„Es ist sogar etwas Melodisches im Stil!“ bestätigte mein Onkel.

Nun aber hielt es Foma nicht mehr aus.

„Oberst,“ hub er an, „dürfte man Sie vielleicht bitten – natürlich mit

aller nur möglichen Rücksicht – sich nicht einzumischen und uns in Ruhe

unser Gespräch beenden zu lassen? Sie können über unsere Gespräche nicht

urteilen, die Themata sind nicht für Sie geschaffen! So haben Sie doch

die Güte, unsere angenehme literarische Unterhaltung nicht zu

unterbrechen. Beschäftigen Sie sich mit Ihrer Landwirtschaft, trinken

Sie Tee, aber ... kümmern Sie sich nicht um die Literatur ... sie wird

dadurch nicht verlieren, dessen kann ich Sie versichern!“

Das war denn doch der Gipfel aller Frechheit! Ich wußte nicht, wie ich

mich beherrschen sollte.

„Aber du hast doch selbst gesagt, Foma, daß sogar etwas Melodisches im

Stil sei,“ versuchte sich mein Onkel, peinlich berührt, zu verteidigen.

„Gewiß. _Ich_ aber habe es mit Kenntnis der Sache gesagt, als es

angebracht war – und Sie?“

„Jawohl, wir haben es mit Verständnis und Verstand gesagt,“ griff

Jeshowikin auf, der Foma Fomitsch auffällig umschmeichelte. „Verstand

haben wir nur so ein wenig, man muß ihn sich zuweilen leihen; denn zur

Not reicht er noch zu zwei Ministerien, und wenn’s darauf ankommt, dann

werden wir auch noch mit dem dritten fertig, – jawohl, so steht’s mit

uns!“

„Nun, dann habe ich also wieder etwas Unrichtiges gesagt!“ sagte mein

Onkel und lächelte sein gutmütiges Lächeln.

„Zum Glück sehen Sie es wenigstens ein,“ bemerkte Foma.

„Tut nichts, Foma, ich ärgere mich nicht. Ich weiß, daß du mich wie ein

Freund lenken und leiten willst, wie ein Verwandter, ein Bruder ... Das

habe ich dir selbst erlaubt, ich habe dich sogar darum gebeten ... Das

ist ganz recht, ganz recht von dir. Du tust es ja nur zu meinem Besten!

Also hab Dank, ich werde es mir merken.“

Meine Geduld war zu Ende. Alles, was ich von Foma Fomitsch gehört hatte,

war mir übertrieben erschienen. Als ich nun aber selbst alles sah und

hörte, fand meine Verwunderung keine Grenzen. Ich glaubte mir selbst

nicht mehr; eine solche Frechheit, eine so unverschämte Anmaßung

einerseits, und eine so freiwillige Knechtschaft und so arglose

Gutmütigkeit andererseits begriff ich einfach nicht. Übrigens war mein

Onkel durch diese Dreistigkeit doch auch verwirrt. Das sah man ihm an,

obschon er es zu verbergen suchte. Ich brannte vor Begier, mit Foma

irgendwie aneinander zu geraten, mit ihm einen Zweikampf auszufechten,

ihm hageldicht die Wahrheit zu sagen – aber mit Überlegenheit und

Temperament, so daß sie ihren Ohren nicht trauen sollten – und dann möge

kommen, was da kommen wolle! Dieser Gedanke begeisterte mich. Ich

wartete krampfhaft auf eine Gelegenheit, und in der Erwartung verbog ich

gänzlich den Rand meines Hutes, den ich in der Hand behalten hatte. Die

Gelegenheit aber bot sich nicht: Foma geruhte überhaupt nicht, mich zu

bemerken.

„Es ist wahr, es ist wahr, was du sagst, Foma,“ fuhr mein Onkel fort,

aus allen Kräften bemüht, das Unangenehme des vorhergegangenen

Gespräches wenigstens durch irgend etwas ein wenig gutzumachen. „Du

trittst damit für die Wahrheit ein, Foma. Ich danke dir. Zuerst muß man

eine Sache kennen, und nur dann kann man urteilen. Ich bereue es. Aber

ich bin ja schon mehr als einmal in eine solche Patsche geraten. Stell

dir vor, Ssergei, ich habe einmal sogar examiniert. Ihr lacht! Nun ja!

Bei Gott, ich habe faktisch examiniert! Das war so: man forderte mich

einmal auf, in irgendeiner Lehranstalt einem Examen beizuwohnen, und man

setzte mich zusammen mit den Examinatoren an den großen Tisch, nur so,

als Ehrenbezeugung, es war dort ein überflüssiger Platz. Aber weißt du,

ich sage dir, ich bekam ordentlich Angst, – nein wirklich: regelrechte

Angst erfaßte mich. Wie sollte ich nicht – denk doch nur: habe doch von

keiner einzigen Wissenschaft auch nur einen Schimmer! Was tun also? Gott

im Himmel, denke ich, jetzt wirst du selbst auch noch an die Tafel

gerufen werden! Nun, dann aber – ging alles gut vonstatten: ich stellte

sogar selbst noch Fragen, fragte: Wer war Noah? Überhaupt, es wurde

vorzüglich geantwortet. Nachher frühstückten wir noch und tranken auf

das Gedeihen der Anstalt Champagner. Eine vortreffliche Lehranstalt

war’s!“

Foma Fomitsch und Obnoskin brachen in schallendes Gelächter aus.

„Aber ich habe ja später auch gelacht!“ rief mein Onkel dazwischen,

lachte selbst mit in seiner Gutmütigkeit und freute sich, daß er andere

erheitert hatte. „Nein, Foma, wart, ich werde euch alle noch mehr zum

Lachen bringen – ich werde euch erzählen, wie ich einmal hereingefallen

bin ... Stell dir vor, Ssergei, wir standen damals in Krasnogorsk ...“

„Gestatten Sie eine Frage, Oberst: Wird Ihre Geschichte lang werden?“

unterbrach ihn Foma.

„Ach, Foma! Aber das ist doch eine wundervolle Geschichte, einfach zum

Kranklachen! Hör doch nur zu! Sie ist gut, bei Gott, sie ist gut!“

„Ich höre Ihre Geschichten, wenn sie von dieser Art sind, stets mit

Vergnügen an,“ sagte Obnoskin, indem er sich absichtlich kaum die Mühe

gab, ein Gähnen zu verbergen.

„Tja, man wird also wohl zuhören müssen,“ meinte Foma resigniert.

„Aber es lohnt sich, bei Gott, Foma! Ich werde Ihnen erzählen, wie ich

einmal hereinfiel, Anfissa Petrowna. Hör auch du zu, Ssergei: es ist

zugleich lehrreich. Unser Regiment stand damals in Krasnogorsk,“ begann

mein Onkel, strahlend vor Freude, schnell und eilig, mit unzähligen

einleitenden Sätzen, wie es nun einmal seine Art war, wenn er etwas zur

Unterhaltung seiner Gäste erzählte. „Kaum waren wir angekommen, da

ging’s auch schon am selben Abend ins Theater. Die Primadonna, Fräulein

Kuropatkina, war berückend schön. Später entfloh sie mit dem Rittmeister

Swerkoff, noch bevor sie das Stück zu Ende gespielt hatte. Der Vorhang

mußte fallen ... Das heißt, dieser Swerkoff war eine Bestie, trank und

spielte; aber eigentlich war er doch kein Trunkenbold, sondern nur so, –

immer bereit, mit den Kameraden gemütlich zu sein. Wenn er dann aber

einmal ins Trinken kam, dann vergaß er alles: wo er lebte, in welchem

Reich, wie er hieß – kurz: alles! Im Grunde aber war er ein prächtiger

Junge ... Nun, ich sitze also im Theater. In der Pause gehe ich

hinaus ins Foyer, und da treffe ich zufällig meinen früheren

Regimentskameraden, Kornuchoff ... Ein prachtvoller Mensch! Wir hatten

uns seit sechs Jahren nicht mehr gesehen. Nun, er war im Feuer gewesen,

mit Kreuzen behängt – jetzt ist er, wie ich vor kurzem hörte, schon

Wirklicher Staatsrat: er ist nämlich in den Staatsdienst übergetreten

und wird es noch zu hohem Ansehen bringen ... Nun, versteht sich, wir

freuten uns. Reden dies und das. Neben uns aber in der Loge sitzen drei

Damen: die eine, die links sitzt, hat ein Gesicht, wie die Welt kein

fürchterlicheres hervorbringen kann ... Später erfuhr ich, daß sie eine

treffliche Dame war, Familienmutter – was will man mehr – hat den Mann

glücklich gemacht ... Nun, und ich Dummkopf frage Kornuchoff: ‚Sag mal,

Freund, weißt du nicht, was ist denn das da für eine Vogelscheuche?‘ –

‚Wer?‘ – ‚Na, diese dort links!‘ – ‚Ja so ... das ist meine Cousine.‘ –

Pfui Teufel! Man denke sich meine Situation! Ich will’s natürlich sofort

gutmachen: – ‚Nein doch, nicht diese,‘ sage ich, ‚was du doch für Augen

hast! Diese, die rechts sitzt: wer ist das?‘ – ‚Das ist meine

Schwester.‘ – Verdammte Zucht! denke ich. Seine Schwester aber war, wie

zum Trotz, eine wahre Rosenknospe, ganz allerliebst, und dazu

angekleidet: Kettchen und Armbänder und Spitzen, – mit einem Wort, wie

so’n Engelchen. Späterhin heiratete sie einen prächtigen jungen

Menschen, einen gewissen Pychtin; sie war zuerst mit ihm losgezogen und

hatte sich ungefragt trauen lassen; jetzt aber ist alles, wie es sich

gehört, leben gut, die Eltern haben ihre Freude an ihnen ... Na also –:

‚Nein doch!‘ sage ich unwillig, weiß aber selbst nicht, wo ich mich

verkriechen soll, ‚nicht diese! Ich meine jene, die in der Mitte sitzt,

– wer ist das?‘ – ‚Tja, in der Mitte – nun, Freund, das ist meine Frau

...‘ Unter uns: ein wahrer Leckerbissen, aber kein Mensch: ihr Anblick

allein war schon ein solches Vergnügen, daß man sie am liebsten heil

verschluckt hätte ... – ‚Nun,‘ sage ich, ‚hast du jemals einen Dummkopf

gesehen? Dann sieh ihn dir jetzt an; hier ist er, und sein Kopf steht

dir gleichfalls zur Verfügung: köpfe nur zu, brauchst nichts zu

bedauern!‘ Er lachte. Nach der Aufführung machte er mich mit seinen

Damen bekannt, und wahrscheinlich hatte der Schlingel ihnen schon alles

erzählt. Es wurde etwas viel gelacht! Aber ich muß sagen, ich habe noch

nie so lustig die Zeit verbracht. Nun siehst du, Foma, wie man zuweilen

hereinfallen kann! Ha–ha–ha–ha!“

Doch vergeblich lachte mein armer Onkel, vergeblich blickten seine

heiteren treuen Augen im Kreise umher: Schweigen war die Antwort auf

seine „lustige“ Geschichte. Foma Fomitsch saß in finsterer Stummheit da,

und seinem Beispiel folgten pflichtschuldig alle anderen – nur Obnoskin

lächelte kaum merklich, da er die Philippika voraussah, die meinem armen

Onkel bevorstand. Dieser wurde etwas verlegen und errötete. Das war es,

was Foma gewünscht hatte.

„Sind Sie nun fertig?“ fragte er endlich feierlich.

„Ja, ich bin fertig, Foma.“

„Und Sie freuen sich?“

„Das heißt ... wieso, Foma? – wie meinst du das?“ fragte gleichsam

schmerzlich mein Onkel.

„Ist Ihnen jetzt leichter? Sind Sie jetzt zufrieden, da es Ihnen doch

gelungen ist, die angenehme literarische Unterhaltung der Freunde zu

stören, indem Sie sie unterbrachen und so Ihrem kleinlichen Ehrgeiz

Genüge tun konnten?“

„Aber hör doch auf, Foma! Ich wollte euch alle ja nur erheitern, du aber

...“

„Erheitern!“ schrie Foma auf, plötzlich sehr belebt. „Sie sind ja nur

fähig, einen schwermütig zu machen, aber nicht zu erheitern! Zu

erheitern! Begreifen Sie denn nicht, daß Ihre Erzählung fast unsittlich

war? Ich sage nicht einmal: unanständig – das versteht sich von selbst

... Sie erklärten soeben mit seltener Gefühlsroheit, daß Sie über eine

Unschuldige gelacht haben, über eine geborene Aristokratin, und zwar nur

deshalb, weil diese nicht die Ehre hatte, Ihnen zu gefallen! Und uns,

uns wollen Sie veranlassen zu lachen, mit anderen Worten: uns wollten

Sie verleiten, einer rohen und unanständigen Tat Beifall zu spenden, und

das alles nur deshalb, weil Sie hier der Hausherr sind! Tun Sie, was Sie

wollen, Oberst, Sie können sich Schmarotzer, Speichellecker und Partner

jeder Art zusammensuchen, Sie können sie sogar aus fernen Landen

verschreiben und auf diese Weise Ihre Suite vergrößern, zum Nachteil der

Gesinnungstüchtigkeit und des Edelsinnes aller noch reinen Herzen.

Niemals aber wird Foma Opiskin weder ein Schmeichler, noch ein

Speichellecker, noch Ihr Gnadenbrotesser sein! Wenn auch sonst nichts,

dieses aber können Sie mir glauben: dessen versichere ich Sie ...!“

„Ach, Foma, du hast mich ja gar nicht verstanden, Foma!“

„Nein, Oberst, ich bin schon lange hinter Ihr wahres Wesen gekommen, ich

durchschaue Sie vollkommen. An Ihnen nagt grenzenlose Eigenliebe: Sie

machen Ansprüche auf unübertrefflichen Witz, und Sie vergessen, daß

Ansprüche den Geist stumpf machen – Sie ...“

„Um Gottes willen, Foma, laß es doch gut sein! Schäm dich doch

wenigstens vor den anderen ...!“

„Aber es ist doch traurig, so etwas mit ansehen zu müssen, Oberst, und

wenn man es sieht, kann man nicht schweigen. Ich bin arm, ich lebe bei

Ihrer Frau Mutter. Da könnte man ja glauben, daß ich durch mein

Schweigen mich bei Ihnen einschmeicheln wollte. Ich aber will nicht, daß

mich der erste beste _Grünschnabel_ für Ihren Gnadenbrotesser hält!

Vielleicht habe ich vorhin, als ich hier eintrat, absichtlich meine

wahrheitsliebende Offenheit betont und unterstrichen, ich war

_gezwungen_, sie bis zur Grobheit zu treiben, eben weil Sie selbst

belieben, mich in eine solche Lage zu bringen. Sie gehen gar zu anmaßend

mit mir um, Oberst. So kann man mich ja für Ihren Sklaven, Ihren

Schmarotzer, Ihren Speichellecker halten! Es scheint Ihnen Vergnügen zu

bereiten, mich vor _Unbekannten_ zu erniedrigen, während ich Ihnen

gleichstehe – hören Sie? – in jeder Beziehung gleichstehe! Vielleicht

bin sogar _ich_ es, der Ihnen damit einen Dienst erweist, daß ich bei

Ihnen lebe ... und es ist nicht so, daß _Sie_ mir einen erweisen. Man

erniedrigt mich, folglich muß ich mich vor Ihnen loben – das ist nur

natürlich! Ich darf nicht schweigen, ich muß sprechen, ich muß

unverzüglich protestieren; denn ich erkläre Ihnen offen und einfach, daß

Sie phänomenal neidisch sind! Sie sehen, zum Beispiel, daß ein Mensch in

einem einfachen, freundschaftlichen Gespräch unwillkürlich sein Wissen,

seine Belesenheit, seinen guten Geschmack bewiesen hat: und schon ärgern

Sie sich, Sie ertragen es nicht: ‚Wart, jetzt werde auch ich schnell

meine Kenntnisse, meinen guten Geschmack zeigen!‘ denken Sie sogleich.

Aber was haben Sie denn für einen Geschmack, mit Erlaubnis zu fragen?

Vom Geschmack verstehen Sie ebensoviel wie – verzeihen Sie, Oberst – wie

zum Beispiel, sagen wir, ein Ochs von Rindfleisch! Das ist schroff und

grob ausgedrückt – ich gebe es selbst zu ... aber es ist wenigstens

offenherzig und gerecht. So etwas würden Sie von Ihren Schmeichlern

nicht hören, Oberst.“

„Ach, Foma ...!“

„Das ist’s ja: ‚Ach, Foma!‘ Man sieht, die Wahrheit ist kein

Daunenkissen. Nun gut. Wir werden darauf noch später zu sprechen kommen,

jetzt aber erlauben Sie auch mir einmal, das Publikum zu erheitern. Sie

können sich doch nicht immer nur allein auszeichnen. Pawel Ssemjonytsch!

Haben Sie dieses Meerungeheuer in Menschengestalt schon gesehen? Ich

beobachte ihn schon geraume Zeit. Sehen Sie ihn sich nur aufmerksam an:

er würde mich mit Vergnügen verschlingen, lebendig, mit Haut und

Haaren!“

Er sprach von Gawrila. Der alte Diener stand an der Tür und hörte

allerdings mit tiefem Herzeleid zu, wie seinem Herrn „der Kopf

gewaschen“ wurde.

„Auch ich will Sie mit einem Schaustück belustigen, Pawel Ssemjonytsch.

– He, du, Krähe, komm her! Aber so geruhen Sie doch, sich

hierherzubemühen, Gawrila Ignatjitsch! Das ist, wie Sie sehen, Gawrila,

der zur Strafe für seine Grobheit Französisch lernt. Ich mildere wie

Orpheus die hiesigen Sitten, nur tue ich es nicht mit Liedern, sondern

mittels der französischen Sprache. Nun, mein Franzose, mßjö Schematon –

er kann es nicht leiden, wenn man mßö Schematon zu ihm sagt – hast du

deine Aufgabe gelernt?“

„Habe sie gelernt,“ antwortete Gawrila mit gesenktem Kopf.

„Nun, parleh-wu-franßeh?“

„Wui mßö, shö-lö-parl-ön-pö ...“

Ich weiß nicht, war die traurige Miene Gawrilas beim Aussprechen der

französischen Phrase die Ursache, oder hatten alle den Wunsch Fomas

erraten – jedenfalls ertönte eine schallende Lachsalve, kaum daß Gawrila

den Mund aufgetan hatte. Sogar die Generalin geruhte zu lachen. Anfissa

Petrowna Obnoskina warf sich an die Sofalehne zurück und wieherte

geradezu, das Gesicht mit dem Fächer bedeckt. Gawrila aber, als er sah,

welche Wendung das Examen nahm, riß die Geduld, er spie plötzlich aus

und sagte:

„Daß ich in meinen alten Jahren eine solche Schande erleben muß!“

Foma Fomitsch fuhr auf:

„Was? Was hast du gesagt? Du läßt es dir einfallen, frech zu werden?“

„Nein, Foma Fomitsch,“ antwortete Gawrila ernst, „meine Worte sind keine

Frechheit, und mir, dem Leibeigenen, steht es nicht zu, gegen Euch, der

Ihr als Freier geboren seid, unehrerbietig zu sein. Aber jeder Mensch

trägt Gottes Geist in sich und ist sein Ebenbild. Ich stehe im

dreiundsechzigsten Lebensjahr. Mein Vater erinnert sich noch

Pugatschoffs[2], und mein Großvater ist mit Matwei Nikititsch – Gott hab

ihn selig! – also zusammen mit seinem gnädigen Herrn von Pugatschoff an

ein und demselben Galgen erhängt worden, wofür mein Vater vom seligen

Herrn Afanassij Matwejitsch mehr als alle anderen ausgezeichnet wurde:

er diente als Kammerdiener und starb als freier Hofbauer. Ich aber,

Herr, bin wohl nur ein herrschaftlicher Leibeigener, aber eine solche

Schande, wie jetzt, habe ich bis heute noch nicht erlebt!“

Bei den letzten Worten führte Gawrila seine herabhängenden Hände

auseinander und senkte den Kopf. Mein Onkel sah ihn unruhig an.

„Schon gut, schon gut, Gawrila!“ rief er ihm zu, „wozu so viel reden!

Schon gut!“

„Tut nichts, tut nichts,“ sagte Foma, der ein wenig erbleicht war und

sich zu einem Lächeln zwang. „Mag er nur reden: das sind ja doch nur

Ihre Früchte ...“

„Ich werde jetzt einmal alles sagen,“ fuhr Gawrila fort, in den

plötzlich irgendein Geist gefahren zu sein schien, – „alles sagen und

nichts beschönigen! Und wenn man mir auch die Hände binden wird – meine

Zunge kann man mir doch nicht binden. Ich weiß, Foma Fomitsch, daß ich

vor Euch nur ein niedriger Mensch bin, ein Knecht, aber auch ich hab

mein Ehrgefühl! Zu Dienstbarkeit bin ich Euch für alle Zeit

verpflichtet, da ich als Unfreier geboren bin und jede Pflicht in Furcht

gewissenhaft erfüllen muß. Wenn Ihr Euch einschließt, um ein Buch zu

schreiben, so ist es meine Pflicht, daß ich Wache stehe und keinen zu

Euch lasse, weil Ihr mir das so angesagt und befohlen habt. Und wenn Ihr

Bedienung verlangt – ich tue alles gern. Nicht aber, daß ich in meinen

alten Tagen noch wie ein Ausländer bellen und vor den Menschen mir

solche Schmach und Schande antun lassen muß! Wage ich es doch jetzt

nicht mehr, in die Gesindestube zu gehen: ein Franzose bist du, sagen

sie mir alle, guten Tag, Herr Franzose! Nein, Foma Fomitsch, nicht ich

Dummkopf allein, sondern alle guten Leute sagen dasselbe: daß Ihr jetzt

wahrhaftig ein böser Mensch geworden seid, und daß unser Herr so gut wie

ein kleines Kind zu Euch sind, und daß Ihr, wenn Ihr auch von Geburt so

viel wie ein Generalssohn seid und es vielleicht selbst nicht viel

weniger weit als bis zum General gebracht habt, so doch ebendasselbe

seid, was man eine Furie nennt.“

Gawrila hatte zu Ende geredet. Ich war außer mir vor Entzücken. Foma

Fomitsch saß bleich und vor Wut regungslos da, inmitten der allgemeinen

Bestürzung, und schien nach diesem unerwarteten Angriff noch nicht zur

Besinnung kommen zu können. Es war, als überlegte er, in welchem Maße er

sich ärgern sollte, bis zu welchem Grade es richtig wäre, sich zu

ärgern. Endlich erfolgte der erste Aufschrei.

„Wie!“ kreischte er auf. „Er hat es gewagt, mich zu beschimpfen! – mich!

Aber das ist doch Rebellion!“ schrie Foma, vom Stuhl emporschnellend,

mit der Stimme eines alten Weibes.

Seinem Beispiel folgte sogleich die Generalin: sie schlug sogar die

Hände zusammen. Mein Onkel bemühte sich, den verbrecherischen Gawrila

aus dem Gesichtskreise zu schaffen.

„Fesselt ihn, fesselt ihn! Legt ihn in Ketten!“ schrie die Generalin.

„Laß ihn sofort in die Stadt bringen und gib ihn unter die Soldaten,

Jegoruschka! Sonst versage ich dir meinen Muttersegen! Laß ihm sofort

Fußfesseln anlegen – und dann unter die Soldaten!“

„Wie!“ schrie Foma, „dieser Knecht! dieser Chaldäer! dieser Hamlet! Er

hat sich unterstanden, mich zu beschimpfen! Er, er, mein

Schuhputzlappen! Er hat es gewagt, mich eine Furie zu nennen!“

Da trat ich plötzlich entschlossen vor.

„Ich muß gestehen, in diesem Fall bin ich vollkommen derselben Meinung

wie Gawrila,“ sagte ich, zitternd vor Aufregung, und blickte Foma offen

in die Augen.

Dieses Auftreten meinerseits machte ihn so bestürzt, daß er im ersten

Augenblick, glaube ich, seinen Ohren nicht traute.

„Was soll denn das bedeuten!“ brachte er endlich hervor, stürzte wie

rasend ein paar Schritte vor und durchbohrte mich gerader mit seinen

kleinen, blutunterlaufenen Augen. „Was bist du denn für einer?!“

„Foma Fomitsch ...“ wollte mein Onkel, der selbst nicht wußte, wo sein

Kopf stand, einlenken, „Foma Fomitsch, das ist Sserjosha, mein Neffe

...“

„Der Gelehrte!“ brüllte Foma auf, „das ist also jener _Gelehrte_!

Liberté – Egalité – Fraternité! Journal des Débats! Nein, du lügst! Hier

ist nicht Petersburg, hier kannst du nicht betrügen! Hol der Teufel

deine Débats! Bei dir heißt es Débats, bei uns aber Kabbala! Gelehrter!

Ich habe siebenmal mehr vergessen, als du überhaupt weißt! Was weißt du

denn überhaupt?“ ...

Wenn man ihn nicht gehalten hätte, so würde er sich wahrscheinlich mit

den Fäusten auf mich gestürzt haben.

„Aber er ist ja betrunken!“ sagte ich, mich im Kreise umblickend.

„Wer? _Ich?!_“ schrie Foma mit einer noch nie gehörten Stimme.

„Ja, Sie!“

„Betrunken?“

„Gewiß: betrunken!“

Das war zu viel für ihn. Er stieß einen Schrei aus, als wenn er

aufgespießt worden wäre, und stürzte aus dem Zimmer. Die Generalin

wollte, wie es schien, in Ohnmacht fallen, sagte sich aber, daß es

besser wäre, Foma Fomitsch nachzueilen. Ihr folgten alle anderen, – und

allen anderen folgte auch mein Onkel. Als ich wieder zu mir kam und mich

umsah, fand ich im Zimmer außer mir nur noch Jeshowikin. Er lächelte und

rieb sich die Hände.

„Von den Jesuiten versprachen Sie mir zu erzählen,“ sagte er mit

einschmeichelnder Stimme.

„Was?“ fragte ich, da ich nicht begriff, wovon er sprach.

„Von den Jesuiten versprachen Sie vorhin zu erzählen ... eine Anekdote

...“

Ich ließ ihn stehen und eilte hinaus auf die Terrasse und von dort in

den Garten. In meinem Kopf drehte sich alles durcheinander ...

Sämtliche Werke 16 · 第 15 / 28 题