Ihr gehorsamster Diener und Verehrer

W. H. Reinwald.

Dieser Brief macht es wahrscheinlich, daß Schiller nicht, wie er im

Januar willens war, mit Hrn. von Wrmb nach Thüringen reiste, sondern

fortwährend in Bauerbach blieb. War dies der Rat seines Freundes

Reinwald? Oder bedachte er es selbst, daß sein Aufenthalt bei Hrn. von

Wrmb von so zarter Beschaffenheit sein würde, daß ein Wörtchen, ja nur

eine Gebärde ihn wieder entfernen und in die größte Verlegenheit setzen

müßte?

Gewißheit kann der Verfasser hierüber nicht geben, indem er sich nicht

erinnert, in der Folge mit Schillern darüber gesprochen zu haben, und

er auch einige Briefe von diesem aus (jetzt freilich sehr bedauerter)

Nachlässigkeit verloren. Übrigens müßte es auffallend scheinen, daß der

gerechte, edle Stolz und Ehrgeiz des Dichters auch nur einen Augenblick

es ertragen konnte, Frau v. W. einer Verlegenheit auszusetzen, wenn wir

nach obigem Brief nicht annehmen dürften, daß es ihr mit dem Dringen

auf seine Entfernung nicht sehr ernst gewesen wäre. Außer diesem mochte

auch Schillern der Umstand nachgiebiger machen, daß er hier frei von

allen Sorgen für die kleinlichen Bedürfnisse des Lebens, ohne die

mindeste Störung gänzlich seiner Laune, seinen Träumen, Idealen und

dichterischen Entwürfen leben konnte; wo ihm kein Befehl vorschrieb,

wie er gekleidet sein müsse, oder die Minute bezeichnete, zu welcher

er im Spital oder auf der Wachtparade erscheinen solle, und wo er nur

seinen großartigen Gefühlen und der Freundschaft leben durfte.

Man muß den edlen Jüngling genau gekannt und in den Jahren 1781 und

82 mit ihm in (dem damals so zwangsvollen) Stuttgart gelebt haben,

um gewiß zu sein, daß ein nur einigermaßen leidliches Gefängnis, in

welchem sein Tun und Lassen nicht vorgeschrieben worden wäre, ihm

gegen seinen damaligen Zustand gehalten, als eine wirkliche Wohltat

erschienen sein würde. Weiter unten werden wir aus einem Briefe von ihm

selbst erfahren, daß nur die zuletzt angeführten Gründe die einzigen

sein konnten, welche ihm den Aufenthalt in Bauerbach so wert und

unvergeßlich machten.

Die Lobsprüche, welche ihm Herr Reinwald in seinem Brief erteilt,

beweisen, wie einnehmend seine Persönlichkeit gewesen und wie duldsam

er jede Eigenheit an andern zu ertragen wußte, indem Hypochondrie und

immerwährende Kränklichkeit Herrn Reinwald sehr reizbar und empfindlich

machten und er auch von der höchsten Bedächtlichkeit war. Aber der Kern

dieses Mannes, seine Kenntnisse sowie sein Herz waren vortrefflich, und

wir werden sehen, wie hoch Schiller diesen Freund achtete.

Hätte Herr Reinwald den jungen Dichter dazu vermocht, mit ihm nach

Weimar und Gotha zu reisen, so würde er in ersterem Orte Goethe und

Wieland kennen gelernt haben, die ihm, aller Wahrscheinlichkeit

nach, einen Lebensplan vorgezeichnet, ihn mit Rat und Empfehlungen

unterstützt und in die nützlichsten Verbindungen gebracht hätten. Auch

wären ihm dadurch zwei Jahre erspart worden, die er meistens in Verdruß

zubrachte, und die von den nachteiligsten Folgen für seine Gesundheit

waren.

Was Schiller aber von dieser Reise abhielt, war die Sirenenstimme, die

sich von dem Theater zu Mannheim wieder vernehmen ließ und die seine

Nerven so sehr in Schwingung versetzte, daß er ihren Lockungen nicht

widerstehen konnte und alles andere von sich abwehrte. Denn schon im

März 1783, also kaum drei Monate später, nachdem der Dichter sieben

Wochen vergeblich in Oggersheim aufgehalten und auf eine äußerst harte

Weise entlassen worden war, schrieb ihm Baron Dalberg wieder, um sich

nach seinen theatralischen Arbeiten zu erkundigen, und zwar in solchen

Ausdrücken, daß Schiller an Herrn Meier in Mannheim schrieb: »es müsse

ein dramatische Unglück in Mannheim vorgegangen sein, weil er von Baron

Dalberg einen Brief erhalten, dessen annähernde Ausdrücke ihn auf diese

Vermutung brächten.«

Dieser Schluß war jedoch nur insofern richtig, als Baron Dalberg, der

sich sehr gern mit Umänderungen von Theaterstücken beschäftigte, und

damals gerade Lanassa und Julius Cäsar von Shakespeare unter der Schere

hatte, wohl fühlen mochte, daß Schiller zu solchen Arbeiten nicht ganz

ungeeignet sein dürfte. Auch geschah es oft, daß die Mitglieder des

Theaterausschusses von Fiesco sowie von dem bürgerlichen Trauerspiele

Luise Millerin sprachen, dessen ganzer Plan S. bekannt war und den

dieser, da ihn kein Versprechen zur Geheimhaltung verpflichtete, so

umständlich als lebhaft auseinandersetzte.

Am wahrscheinlichsten bleibt jedoch, daß sich Baron Dalberg der

frühern Versprechungen und gegebenen Hoffnungen erinnerte, die er

Schillern gemacht, und welche diesen zu seinem verzweifelten Schritte

verleitet. Jetzt, nachdem der Herzog von Württemberg nicht die mindeste

Vorkehrung zur Habhaftwerdung des Flüchtlings getroffen, konnte mit

voller Sicherheit und ohne sich im mindesten bloß zu stellen, demselben

Genugtuung gegeben, die öfters mahnenden Wünsche der Schauspieler

erfüllt, sowie durch Anstellung eines solchen Dichters der Bühne ein

Glanz erteilt werden, der sie über alle andern von Deutschland erhob,

und von welcher der größte Teil ihres Ruhmes auf deren Intendanten

zurückstrahlen mußte.

Möge nun dieser oder jener Beweggrund den Brief des Baron Dalberg an

Schillern veranlaßt haben, so ist es, zur Rechtfertigung des letztern,

von der größten Wichtigkeit zu zeigen, daß er auch jetzt wieder, wie

im Jahre 1781 angelockt, ja gewissermaßen zur Veränderung seines

Aufenthaltes aufgefordert worden, ohne daß er es gesucht oder sich

deshalb beworben hätte. Der anteilnehmende Leser möge diesen Umstand

um so weniger übersehen, weil es zur unparteiischen Beurteilung des

Schicksals und Benehmens des Dichters unumgänglich notwendig ist zu

wissen, durch wen und durch was er zu nachteiligen Schritten verleitet

worden. Nachfolgendes ist die Antwort (S. Schillers Briefe an Freiherrn

von Dalberg S. 80), welche auf die Anfrage erteilt wurde.

S.-Meiningen, den 3. April 1783.

Euer Exzellenz verzeihen, daß Sie meine Antwort auf Ihre gnädige

Zuschrift erst so spät erhalten -- -- -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Daß Euer Exzellenz mich auch in der Entfernung noch in gnädigem

Andenken tragen, kann mir nicht anders als schmeichelhaft sein. Sie

wünschen zu hören, wie ich lebe?

Wenn Verbannung der Sorgen, Befriedigung der Lieblingsneigung,

und einige Freunde von Geschmack einen Menschen glücklich machen

können, so kann ich mich rühmen, es zu sein.

E. E. scheinen, ungeachtet meines kürzlich mißlungenen Versuchs,

noch einiges Zutrauen zu meiner dramatischen Feder zu haben. Ich

wünschte nichts, als solches zu verdienen; weil ich mich aber der

Gefahr, Ihre Erwartung zu hintergehen, nicht neuerdings aussetzen

möchte, so nehme ich mir die Freiheit, Ihnen einiges von dem Stück

vorauszusagen.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wenn diese Fehler, die ich E. E. mit Absicht vorhersage, für

die Bühne nichts Anstößiges haben, so glaube ich, daß Sie mit

dem übrigen zufrieden sein werden. Fallen sie aber bei der

Vorstellung zu sehr auf, so wird alles übrige, wenn es auch noch

so vortrefflich wäre, für Ihren Endzweck unbrauchbar sein und ich

werde es besser zurückbehalten. -- --

~Dr.~ Schiller.

Wer diesen Brief gegen die früheren vergleicht, dem muß die kalte

geschraubte Sprache desselben auffallen, indem darin durchaus nichts

ist, woraus zu schließen wäre, Schiller bewerbe sich wieder um den

Schutz des Baron Dalberg. Eher noch sind Vorwürfe gegen diesen nicht

undeutlich ausgesprochen, denn die Schilderung der Unabhängigkeit und

des Glücks, welches der Dichter jetzt genieße, scheint absichtlich als

Gegensatz angeführt zu sein.

Ungeachtet alles dessen wurde der Briefwechsel fortgesetzt, und

Schiller konnte der süßtönenden Stimme um so weniger widerstehen, als

nach seinen Begriffen die Schaubühne sowie die Arbeiten für dieselbe

einen Einfluß und eine Wichtigkeit hatten, die durch keine andere

Kunst oder Wissenschaft bewirkt werden könne. Und bei der ersten Bühne

Deutschlands sollte er nun Dichter, Lenker eines reinen, veredelten

Geschmackes werden! Jetzt wäre der Zeitpunkt eingetreten, wo er seine

Ideale, die Geschöpfe seiner Einbildungskraft lebend, handelnd der

gespannten Aufmerksamkeit einer Menge von Zuschauern vorführen könnte!

Und diese so lang ersehnte Gelegenheit sollte er zurückweisen?

Zu viel wäre dieses gefordert! Er mußte dem Anerbieten entsprechen und

traf auch in den ersten Tagen des Septembers 1783,[5] nur von Herrn

Meier und dessen Frau erwartet, in Mannheim ein.

Seinem zurückgelassenen Freunde S. wurde absichtlich von der ganzen

Unterhandlung nichts gesagt, weil er sich (da sein eignes Glück durch

den unnützen Aufenthalt in Oggersheim gestört worden) schon zu oft

gegen das Versprechen und Verlocken geäußert und das Verfahren gegen

den unglücklich gemachten Dichter bei seinem wahren Namen benannt hatte.

Auch wurde ihm durch dieses Verheimlichen eine Überraschung bereitet,

die vollkommen gelang. Denn als er zur gewöhnlichen Stunde bei Herrn

Meier eintrat, konnte er kaum seinen Augen glauben, daß es der in

weiter Entfernung vermeinte Schiller sei, welcher mit der heitersten

Miene und dem blühendsten Aussehen ihm entgegentrat.

Nach den herzlichsten Umarmungen und nachdem die eiligsten Fragen

beantwortet waren, kündigte Schiller seinem Freund an, daß er von

Baron Dalberg als Theaterdichter nach Mannheim berufen worden und

als solcher mit einer Besoldung von 300, sage: dreihundert, Gulden

Reichswährung nächstens sein Amt antreten werde. Seine Zufriedenheit

über diese Anstellung sprach aus jedem Wort, aus jedem Blick, und er

mochte sich wohl denselben Himmel in der Wirklichkeit dabei denken, der

auf dem Theater oft so täuschend dargestellt wird.[6]

Unter dem ruhigen Genuß seiner Freunde und der Schaubühne -- unter

einer Menge von Plänen und Besprechungen über seine künftigen Arbeiten

vergingen mehrere Wochen, und ehe er noch an den Abänderungen des

Fiesco oder der Luise Millerin etwas angefangen hatte, überfiel ihn das

kalte Fieber, welches ihn anfänglich zu allem untüchtig machte.

Der Sommer dieses Jahres 1783 zeichnete sich durch eine ungewöhnliche

Hitze aus, durch welche aus dem mit Morast und stehendem Wasser

gefüllten Festungsgraben eine so faule, verdorbene Luft entwickelt

wurde, daß kaum die Hälfte der Einwohner von diesem Übel verschont

blieb. Auch verursachte die dumpfe Luft in dieser Festung, deren hohe

Wälle jeden Zug, jede Strömung eines Windes verhinderten, bei allen

Krankheiten gefährlichere Folgen als sonst, und der Tod beraubte in

der Mitte des Oktobers Schiller eines Freundes, der ihm um so werter

geworden, je mehr er Gelegenheit gehabt hatte, dessen edles, offenes

Gemüt kennen zu lernen. Der Theaterregisseur, Herr Meier, dessen schon

so oft erwähnt worden, starb an einer anfangs unbedeutend scheinenden

Krankheit, wodurch nicht nur seiner Frau und seinen Freunden, sondern

auch seinen Kunstgenossen sowie der Schaubühne selbst ein sehr lang

gefühlter Verlust verursacht wurde. Denn nicht allein war er als Mensch

höchst achtungswert, er war auch ein in Ekhofs Schule gebildeter, sehr

bedeutender Künstler, der in den meisten, vorzüglich aber in sanften

Rollen nichts zu wünschen übrig ließ. Zur Rechtfertigung der ärztlichen

Kenntnisse Schillers darf hier versichert werden, daß er die schlimmen

Folgen der Mittel, welche der Theaterarzt verordnet hatte, voraussagte.

Wenn schon das Wechselfieber den tätigen, kühnen Geist des Dichters

lähmte, so waren die Einwendungen, welche man gegen sein zweites

Trauerspiel machte und die er beseitigen sollte, noch weniger geeignet,

seine Einbildungskraft aufzuregen.

Die Bahn, die er sich in seinen Arbeiten für die Bühne vorgezeichnet

hatte, war ganz neu und ungewöhnlich, daher es den Schauspielern,

die meistens nur bürgerliche oder sogenannte Konversationsstücke

aufzuführen gewohnt waren, sehr schwer und mühsam wurde, die Ausdrücke

des Dichters so zu geben, wie er sie schrieb, und in welche sich, ohne

deren Sinn zu stören oder ins Gemeine herabzuziehen, durchaus nichts

aus der Umgangssprache einflicken ließ. Daß bei den Räubern derlei

Einwendungen weniger gemacht wurden, davon war der überwältigende

Stoff sowie die ergreifende Wirkung, welche die meisten Szenen

hervorbrachten, die Ursache. Besonders eiferte letzteres jeden

Mitwirkenden an, alle Kräfte beisammen zu halten, um auch in den

unbedeutend scheinenden Teilen keine Störung zu verursachen, damit

das Werk so, wie es aus der dichterischen Kraft entsprungen, ein

erstaunungswürdiges Ganzes bliebe.

Bei Fiesco war der Inhalt schon an sich selbst kälter. Die schlauen

Verwicklungen erwärmten nicht; die langen Monologe, so meisterhaft sie

auch waren, konnten nicht mit Begeisterung aufgefaßt und gesprochen

werden, indem sich größtenteils nur der Ehrgeiz darin malte und zu

fürchten war, daß die Zuschauer ohne Teilnahme bleiben würden. Man

gestand nicht gern, daß die Anstrengung des Darstellers mit dem zu

erwartenden Beifall nicht im Verhältnis stehen möchte, weil erstere zu

groß und letzterer zu gering sein würde.

Am meisten wurde gegen den Schluß eingewendet, weil er weder den

ersten Schauspielern noch dem Publikum Genüge leisten könne und eine

Empfindung zurücklassen müsse, welche den Anteil, den man an dem

Vorhergehenden des Stückes genommen, bedeutend schwächen würde.

Wenn man bedenkt, daß der tiefe, umfassende Geist Schillers sich auch

in späterer Zeit nie bequemen konnte, ein Stück so zu entwerfen und

zu schreiben, daß es den Forderungen oder, eigentlicher zu reden --

da vorzüglich die unterhaltenden Künste den geringern Kräften der

Menge angepaßt werden müssen -- dem Handwerksmäßigen des Theaters in

allen seinen Teilen angemessen hätte sein können; so kann man sich

vorstellen, mit welchem Widerwillen er sich an Abänderungen (worunter

nicht Abkürzungen verstanden sind) überhaupt, besonders aber wie bei

Fiesco der Fall war, an solche sich machte, wo dem Verstand und der

Wahrheit zugleich der stärkste Schlag versetzt werden müßte. War auch

sein Kopf gewandt genug, um jede Begebenheit als möglich darzustellen,

so mußte doch an die Stelle des Zerstörten etwas Neues geschaffen

werden, das -- wie jeder, dem Geistes- oder Kunstarbeiten bekannt sind,

gestehen muß -- entweder nicht so gut gerät oder doch viel schwieriger

als ersteres ist.

Indessen mußte er diese Einwürfe berücksichtigen, und ungeachtet

der Unterbrechungen durch seine Krankheit und die dadurch gestörte

gute Laune wurde er dennoch in der zweiten Hälfte des Novembers mit

Umarbeitung des Fiesco fertig.

Nun mußte aber das ganze Stück ins Reine und in der genauen Folge

geschrieben werden, wozu, da man diese beschwerliche Arbeit nicht von

ihm verlangen konnte, ein Regiments-Furier vorgeschlagen wurde, der

eine sehr deutliche und hübsche Handschrift hatte. Da so vieles aus

der ersten Bearbeitung gestrichen, zwischen hinein abgeändert oder

ganz neu eingelegt war, so durfte die Anordnung dem Abschreiber nicht

überlassen bleiben, sondern mußte ihm in die Feder gesagt werden.

In den ersten Stunden fühlte sich der Verfasser sehr behaglich, indem

er nach Bequemlichkeit bald sitzend, bald auf und nieder gehend

vorsagen konnte. Als aber der Mann weggegangen war, wie entsetzte sich

Schiller, als er seinen ihm so wert gewordenen Helden Fiesco in Viesgo,

die liebliche Leonore in Leohnohre, Calcagna in Kallkahnia verwandelt

und in den übrigen Eigennamen falsche Buchstaben, sowie die meisten

Worte der gewohnten Rechtschreibung entgegen fand.

Seine Klagen hierüber waren ebenso bitter als auf eine Art

ausgesprochen, die zum Lachen reizte, indem er gar nicht begreifen

konnte, daß jemand, der so schöne Buchstaben mache, nicht auch jedes

Wort richtig sollte schreiben können.

Noch einmal, nachdem er den Mann vorher alle Namen ordentlich hatte

aufzeichnen lassen, versuchte er es wieder vorzusagen. Als er aber

dennoch fand, daß Fiesco jetzt mit einem F, und später mit einem

V anfing, da verlor er die Geduld so gänzlich, daß er, um diese

Augenmarter nicht länger aushalten zu müssen, sich entschloß, selbst

das ganze Stück ins reine zu schreiben. Er war so fleißig dabei,

daß solches in der Mitte Dezembers dem Baron Dalberg überreicht

werden konnte. Zufrieden mit seiner in den verflossenen zwei Monaten

bewiesenen Tätigkeit konnte der kranke Dichter allerdings sein,

obwohl diese, da er nur die vom Fieber freien Tage und die Nächte

benützen konnte, seine Kräfte sehr abspannte und sein sonst immer

heiteres Gemüt sich öfters verdüsterte. Aber nicht allein eine solche

Anstrengung war geeignet, jede muntere Laune zu verscheuchen, auch

sein übriges Verhältnis, das in Beziehung des Einkommens im grellsten

Widerspruch mit seinen früheren Erwartungen stand, mußte ihn schon

darum zum Mißvergnügen reizen, weil ihm dieses in den Briefen von

seiner Familie sehr bemerklich gemacht wurde. Besonders war der Vater

sehr unzufrieden, seinen Sohn in einem so ungewissen, nichts dauernd

zeigenden Zustand zu wissen, und er glaubte ihn nur dann für die

Zukunft geborgen, wenn er wieder Arzt und unter dem Schutze des Herzogs

wäre. Das Herz der Mutter, konnte es ruhig schlagen, wenn sie ihren

Liebling in seiner Gesundheit, in seinem häuslichen Wesen, in seinen

Sitten -- die sie bei dem Theater sich zügellos denken mochte -- im

höchsten Grade gefährdet glaubte? Auch die älteste Schwester vereinigte

ihre Wünsche mit denen der Eltern und veranlaßte folgende Erwiderung

des Bruders.

Mannheim, am Neujahr 84.

Meine teuerste Schwester!

Ich bekomme gestern Deinen Brief, und da ich über meine

Nachlässigkeit, Dir zu antworten, etwas ernsthaft nachdenke, so

mache ich mir die bittersten Vorwürfe von der Welt. Glaube mir,

meine Beste, es ist keine Verschlimmerung meines Herzens; denn so

sehr auch Schicksale den Charakter verändern können, so bin doch

ich mir immerdar gleich geblieben -- es ist ebensowenig Mangel an

Aufmerksamkeit und Wärme für Dich; denn Dein künftiges Los hat

schon oft meine einsamen Stunden beschäftigt, und wie oft warst

Du nicht die Heldin in meinen dichterischen Träumen! -- Es ist

die entsetzliche Zerstreuung, in der ich von Stunde zu Stunde

herumgeworfen werde, es ist zugleich auch eine gewisse Beschämung,

daß ich meine Entwürfe über das Glück der Meinigen und über Deins

insbesondere bis jetzt so wenig habe zur Ausführung bringen können.

Wie viel bleiben doch unsere Taten unseren Hoffnungen schuldig!

und wie oft spottet ein unerklärbares Verhängnis unseres besten

Willens --

Also unsere gute Mutter kränkelt noch immer? Sehr gern glaube ich

es, daß ein schleichender Gram ihrer Gesundheit entgegen arbeitet,

und daß Medikamente vielleicht gar nichts tun -- aber Du irrst

Dich, meine gute Schwester, wenn Du ihre Besserung von meiner

Gegenwart hoffst. Unsere liebe Mutter nährt sich gleichsam von

beständiger Sorge. Wenn sie auf einer Seite keine mehr findet, so

sucht sie sie mühsam auf einer andern auf. Wie oft haben wir alle

uns das ins Ohr gesagt! Ich bitte Dich auch, ihr es in meinem Namen

zu wiederholen. Ich spreche ganz allein als Arzt -- denn daß eine

solche Gemütsart das Schicksal selbst nicht verbessern, daß sie

mit einer Resignation auf die Vorsicht durchaus nicht bestehen

könne, wird unser guter Vater ihr öfter und besser gesagt haben.

Dein Zufall ficht mich wirklich nicht wenig an. Ich erinnere mich,

daß du ihn mehrmals gehabt hast, und bin der Meinung, daß eine

Lebensart mit starker Leibesbewegung, neben einer verdünnenden Diät

ihn am besten hemmen werde. Nimm zuweilen eine Portion Salpeter mit

Weinstein, und trinke auf das Frühjahr die Molken.

Du äußerst in Deinem Brief den Wunsch, mich auf der Solitüde

im Schoße der Meinigen zu sehen, und wiederholst den ehmaligen

Vorschlag des lieben Papas, beim Herzog um meine freie Wiederkehr

in mein Vaterland einzukommen. Ich kann Dir nichts darauf

antworten, Liebste, als daß meine Ehre entsetzlich leidet, wenn

ich ohne Konnexion mit einem andern Fürsten, ohne Charakter und

dauernde Versorgung, nach meiner einmal geschehenen gewaltsamen

Entfernung aus Württemberg, mich wieder da blicken lasse. Daß

der Papa den Namen zu dieser Bitte hergibt, nützt mir wenig,

denn jedermann würde doch mich als die Triebfeder anklagen, und

jedermann wird, so lang ich nicht beweisen kann, daß ich den Herzog

von Württemberg nicht mehr brauche, in einer (mittelbar oder

unmittelbar, das ist eins) erbettelten Wiederkehr ein Verlangen, in

Württemberg unterzukommen, vermuten.

Schwester, überdenke die Umstände aufmerksam; denn das Glück Deines

Bruders kann durch eine Übereilung in dieser Sache einen ewigen

Stoß leiden. Ein großer Teil von Deutschland weiß von meinen

Verhältnissen gegen euern Herzog und von der Art meiner Entfernung.

Man hat sich für mich auf Unkosten des Herzogs interessiert -- wie

entsetzlich würde die Achtung des Publikums (und diese entscheidet

doch mein ganzes zukünftige Glück), wie sehr würde meine Ehre durch

den Verdacht sinken, daß ich diese Zurückkunft gesucht -- daß meine

Umstände mich meinen ehmaligen Schritt zu bereuen gezwungen, daß

ich diese Versorgung, die mir in der großen Welt fehlgeschlagen,

aufs neue in meinem Vaterlande suche. Die offene edle Kühnheit, die

ich bei meiner gewaltsamen Entfernung gezeigt habe, würde den Namen

einer kindischen Übereilung, einer dummen Brutalität bekommen, wenn

ich sie nicht behaupte. Liebe zu den Meinigen, Sehnsucht nach dem

Vaterland entschuldigt vielleicht im Herzen eines oder des andern

redlichen Mannes, aber die Welt nimmt auf das keine Rücksicht.

Übrigens kann ich nicht verhindern, wenn der Papa es dennoch tut --

nur dieses sage ich Dir, Schwester, daß ich, im Fall es der Herzog

erlauben würde, dennoch mich nicht bälder im Württembergischen

blicken lasse, als bis ich wenigstens einen Charakter habe, woran

ich eifrig arbeiten will; im Fall er es aber nicht zugibt, mich

nicht werde enthalten können, den mir dadurch zugefügten Affront

durch offenbare Sottisen gegen ihn zu rächen. Nunmehr weißt Du

genug, um vernünftig in dieser Sache zu raten.

Schließlich wünsche ich Dir und Euch allen von ganzem Herzen ein

glückliche Schicksal im 1784sten Jahr; und gebe der Himmel, daß wir

alle Fehler der vorigen in diesem wieder gut machen, geb' es Gott,

daß das Glück sein Versäumnis in den vergangenen Jahren in dem

jetzigen einbringe.

Schillers Flucht von Stuttgart und Aufenthalt in Mannheim von 1782-1785 · 第 23 / 27 题