Mademoiselle

Ein besonderer Zufall macht mich so frei, an die Schwester meines

Freundes diese Zeilen zu schreiben. Unter etlichen Papieren, die

Hr. ~D.~ S** nach einem Besuch bei mir liegen lassen, fand ich

einen Brief von Ihnen. Es war wohl nicht Sorglosigkeit allein daran

Schuld, sondern auch Vertrauen, denn ich glaube gänzlich, daß er

mich liebt.

Ich fand in diesem Briefe, den ich gelesen und nochmals gelesen und

abgeschrieben habe, so viel reifes Denken und so viel herzliche,

besorgte Wohlmeinung gegen Ihren Herrn Bruder, daß ich mich gefreut

habe, und scheue mich nicht, jeden Gedanken, der mir zu seiner

Ausbildung oder Glückseligkeit einfällt, mit Ihnen zu theilen.

Vielleicht kann ich Ihnen oder Ihren lieben Eltern auch manche

Unruhe benehmen, die Ihnen über die Situation Ihres Herrn Bruders

aufsteigt, und ich werde gerade seyn und nicht schmeicheln

etc. -- -- -- -- -- -- -- -- --

Mir ist es selbst Räthsel, warum sie (Fr. v. W.) so sehr Verachtung

fürchtet, und daß sie auf die Veränderung von unseres Freundes

Aufenthalt dringen soll; viele Umstände scheinen dem letzteren

zu widersprechen, es müßte denn seyn, daß sie aus Beweggründen

der Sparsamkeit handelte etc. etc. Alle Gefahren des Bekanntseyns

wären gleich Anfangs vermieden gewesen, wenn man entweder niemanden

auswärts geschrieben hätte, daß Ihr Herr Bruder da wäre, wo er

ist, sondern nur Meiningen angegeben, oder wenn er wirklich in dem

traurigsten Theile des Jahres hieher gezogen wäre. Hier residirt

ein Herzog, den der Ihrige nicht im Geringsten deshalb züchtigen

kann, wenn er jemand da wohnen läßt, dem der würtembergische Hof

ungünstig ist. Welche Verantwortung kann da der Fr. v. W. auf den

Hals fallen.

Ihr Herr Bruder muß menschliche Charaktere viel kennen, weil er sie

auf der Bühne schildern soll, item, er muß sich durch Gespräche

über Natur und Kunst durch freundschaftliche, innige Unterhaltung

aufheitern, wenn durch Denken und Niederschreiben das Mark seines

Geistes vertrocknet ist. Die Gegend, wo er sich jetzt aufhält, und

die nur im Sommer ein wenig von der Seite lächelt, gleicht mehr der

Gegend, wo Ixions Rad sich immer auf einem Orte herumdreht, als

einer Dichter-Insel, und einen zweiten Winter da zugebracht, wird

Hrn. ~D.~ S. völlig hypochondrisch machen.

Ich wünschte daher sehnlich, daß er künftigen Herbst in einer

großen Stadt, wo ein gutes deutsches Theater ist, z. Ex. in Berlin

verweilte, doch unter dem Schutze gelehrter und rechtschaffener

Männer, die ihn von der Ausgelassenheit bewahrten, die an diesem

Orte herrscht.

Wien (wo ich ehedem selbst eine Zeit lang war) hat zwar weniger

verderbte Sitten und mehr Teutschheit, aber der Fehler ist da, daß

man mit dem Gelde gut umzugehen verlernt, denn man nimmt meist viel

ein, und gibt noch mehr aus.

Noch scheint es aber nicht, daß Ihr Herr Bruder zum Weggehen

inclinirt, er scheint ganz an seine Wohlthäterin gefesselt, die ihn

von der Seite seines guten und dankbaren Herzens eingenommen hat.

Ich hatte die Idee ihn nach Pfingsten mit nach Gotha und Weimar

zu nehmen, wo ich Freunde und Verwandte habe, zu denen ich eine

Gesundheitsreise thun werde, ich wollte ihn den dasigen zum Theil

wichtigen Gelehrten präsentiren, ich wollte ihn wieder an die offne

Welt und an die Gesellschaft der Menschen gewöhnen, die er beinah

scheut, und sich allerhand Unangenehmes von ihnen vorstellt. Aber

so geneigt er im Anfang zu meinem Vorschlag war, so sehr scheint

jetzt sein Geschmack davon entfernt. Ich werde also das Vergnügen

dieser Reise nicht mit ihm theilen können.

Wenn ich gleich unendlich dabei verliere, wenn Ihr Herr Bruder

einst diese Gegend verlassen sollte, und keiner meiner bisherigen

Freunde mir diesen Verlust ersetzen würde, so wollte ich doch

lieber all mein Vergnügen der Ausbildung und Glückseligkeit eines

so guten und künftig großen Mannes aufopfern etc. etc.

Leben Sie mit Ihren lieben Eltern wohl.

Schillers Flucht von Stuttgart und Aufenthalt in Mannheim von 1782-1785 · 第 22 / 27 题