Ewig Dein treuer Bruder

Friedrich S.

Wahrlich, ein Beweis, wie er als Sohn, Bruder und Mann dachte, läßt

sich durch nichts so offen, kräftig und schön als durch diesen Brief

darstellen, dessen Inhalt um so schätzbarer ist, da er im größten

Vertrauen geschrieben wurde und sich keine Ursache finden konnte,

einen Gedanken anders auszudrücken als ganz so, wie er entstand. Denn

diese Anhänglichkeit, diese kindliche und brüderliche Liebe war nebst

dem stolzen Gefühl für Ehre und Erwerbung eines berühmten Namens der

mächtigste Sporn für ihn, um durch sein Talent das Glück der Seinigen

ebenso gewiß als sein eignes zu befördern. Schon in Stuttgart, noch

eh' er den Entschluß zu entfliehen gefaßt hatte, war dieses sehr oft

der Inhalt seiner vertrauten Gespräche, so wie es auch, da er die

Unmöglichkeit einsah, diesen Wunsch in seinen drückenden Verhältnissen

verwirklichen zu können, ein Grund mehr wurde, sich eigenmächtig zu

entfernen. Auf das treueste schildert er zehn Jahre später seine

damaligen Erwartungen in dem Gedicht: Die Ideale

»Wie sprang, von kühnem Mut beflügelt,

Beglückt in seines Traumes Wahn,

Von keiner Sorge noch gezügelt,

Der Jüngling in des Lebens Bahn!

Bis an des Äthers bleichste Sterne

Erhob ihn der Entwürfe Flug,

Nichts war so hoch und nichts so ferne,

Wohin ihr Flügel ihn nicht trug.

Wie leicht ward er dahin getragen,

Was war dem Glücklichen zu schwer!

Wie tanzte vor des Lebens Wagen

Die luftige Begleitung her!

Die Liebe mit dem süßen Lohne,

Das Glück mit seinem goldnen Kranz,

Der Ruhm mit seiner Sternenkrone,

Die Wahrheit in der Sonne Glanz!«

So waren seine Hoffnungen, als er das Kleinliche, Eigensüchtige der

Menschen noch nicht aus der Erfahrung kannte, als quälende Sorgen mit

ihren zackichten Krallen sich noch nicht an ihn geklammert hatten, als

er noch glauben durfte, die Deutschen zu sich erheben und ihnen etwas

Höheres als bloße Unterhaltung darbieten zu können.

Nur zu bald mußte er ausrufen:

»Doch ach! schon auf des Weges Mitte

Verloren die Begleiter sich,

Sie wandten treulos ihre Schritte,

Und einer nach dem andern wich.«

Aber sein Mut blieb dennoch unbeugsam! Denn was tausend andere in

ähnlichen Verwicklungen niedergedrückt oder zur Verzweiflung gebracht

hätte, wurde von seinem mächtigen Geiste -- der immer nur das höchste

Ziel im Auge behielt -- entweder gar nicht beachtet oder, wenn es auch

schmerzte, nur belächelt.

Im Verfolg der Erzählung wird das Gesagte noch weiter bestätigt werden.

Noch während der Umarbeitung des Fiesco wurde es eingeleitet, daß

Schiller in die deutsche Gesellschaft zu Mannheim, von welcher

Baron Dalberg Präsident war, aufgenommen werden solle. Außer der in

Deutschland so sehr gesuchten Ehre eines Titels hatte der Eintritt

in diese Gesellschaft wenigstens den Vorteil, daß sie sich des

unmittelbaren kurfürstlichen Schutzes erfreute, wodurch denn der

Dichter, im Fall er noch von dem Herzog von Württemberg angefochten

worden wäre, wenigstens einigen Schutz hätte erwarten dürfen. Zu seinem

Eintritt schrieb er die kleine Abhandlung: »Was kann eine gute stehende

Schaubühne wirken?« welche noch immer die Mühe verlohnt, sie aufs

neue durchzulesen, um den Zweck des Theaters überhaupt und auch die

Ansichten des Verfassers über die Wirkung desselben kennen zu lernen.

Einige Monate nach dieser Aufnahme faßte er den Plan, eine Dramaturgie

herauszugeben, um durch diese die Mannheimer Bühne als Muster für ganz

Deutschland bilden, auch sich zugleich einen größern Wirkungskreis

erwerben zu können. Anfangs glaubte man, daß es am besten sein würde,

die Aufsätze den Jahrbüchern der deutschen Gesellschaft einzuverleiben.

Jedoch der ganze, so eifrig gefaßte und so vielversprechende Vorsatz

scheiterte, indem diese Jahrbücher, die nur ernste, trockene

Forschungen enthielten, durch Berichte über ein so flüchtiges Ding, wie

das Theater zu sein scheint, profaniert geworden wären, und weil die

Theaterkasse die von dem Dichter verlangte jährliche Schadloshaltung

von 50 Dukaten nicht zu leisten vermochte. (Das Nähere hierüber findet

sich in den Briefen an Baron Dalberg S. 104, 124.) Endlich in der Mitte

Januars 1784 wurde das republikanische Schauspiel Fiesco aufgeführt,

dessen durch Unlenksamkeit der Statisten veranlaßten häufigen Proben

dem Verfasser manchen Ärger, viele Zerstreuung und öfters auch

Aufheiterung verschafften. Es war alles, was die schwachen Kräfte des

Theaters vermochten, angewendet worden, um das Äußerliche des Stücks

mit Pracht auszustellen; ebenso wurden auch die Hauptrollen, Fiesco

durch Böck, Verrina durch Iffland, der Mohr durch Beil, vortrefflich

dargestellt, und manche Szenen erregten sowohl für den Dichter als

für die Schauspieler bei den Zuschauern die lauteste Bewunderung.

Aber für das Ganze konnte sich die Mehrheit nicht erwärmen; denn eine

Verschwörung in den damals so ruhigen Zeiten war zu fremdartig, der

Gang der Handlung viel zu regelmäßig, und was vorzüglich erkältete,

war, daß man bei dem Fiesco ähnliche Erschütterungen wie bei den

Räubern erwartet hatte.

Dichter, Künstler, deren erstes Werk schon etwas Großes,

Außerordentliches darstellt, und dessen Bearbeitung in gleicher

Höhe mit dem Inhalt sich findet, können selten die Erwartungen in

demjenigen, was sie in der nächsten Folge liefern, ganz befriedigen,

indem die Anzahl derer ganz unglaublich gering ist, die ein Kunstwerk

ganz allein für sich, ohne Beziehung oder Vergleichung mit anderm

zu würdigen verstehen. Mit seltener Ausnahme hat jeder Zuhörer oder

Zuschauer seinen eignen Maßstab, mit dem er alles mißt, und wenn auch

nur eine Linie über oder unter der als richtig erkannten Länge ist, es

auch sogleich als untüchtig verwirft. Besonders werden die Werke der

Einbildungskraft weit mehr nach dem Gefühl, das sie zu erregen fähig

sind, als mit dem Verstande beurteilt, und alle Leistungen, welche das

erste im hohen Grad ansprechen -- mögen sie übrigens noch so fehlerhaft

sein -- werden der Menge weit mehr zusagen als solche, bei denen der

Verstand, die schöne weise Verteilung, die freie Beherrschung des

Stoffes, den großen Meister andeutet. Daher hatte Wieland vollkommen

recht, als er in seinem ersten Brief an Schiller schrieb: »er hätte mit

den Räubern nicht anfangen, sondern endigen sollen.«

Wir werden weiter unten erfahren, welcher Ursache es der Dichter

beigemessen, daß Fiesco in Mannheim die gehoffte Wirkung nicht hatte.

Nach einigen Wochen Erholung begann er die Umarbeitung von Luise

Millerin, bei welcher er wenig hinzuzufügen brauchte, wohl aber

vieles ganz weglassen mußte. Schien ihm nun auch dieses ganze

bürgerliche Trauerspiel ziemlich mangelhaft angelegt, so ließ sich

doch an den Szenen, die den meisten Anteil zu erregen versprachen,

nichts mehr ändern; sondern er mußte sich begnügen, die hohe Sprache

herabzustimmen, hier einige Züge zu mildern und wieder andere ganz

zu verwischen. Manche Auftritte, und zwar nicht die unbedeutendsten,

gründen sich auf Sagen, die damals verbreitet waren, und deren

Anführung viele Seiten ausfüllen würde. Der Dichter glaubte solche hier

an den schicklichen Platz stellen zu sollen und gab sich nur Mühe,

alles so einzukleiden, daß weder Ort noch Person leicht zu erraten

waren, damit nicht üble Folgen für ihn daraus entstünden.

Während dieser Umarbeitung brachte Iffland sein Verbrechen aus Ehrsucht

auf die Bühne.

Er war so artig, es Schillern vor der Aufführung einzuhändigen und ihm

zu überlassen, welche Benennung dieses Familienstück führen solle, und

dem der bezeichnende Name, den es noch heute führt, erteilt wurde.

Der außerordentliche Beifall, den dieses Stück erhielt, machte die

Freunde Schillers nicht wenig besorgt, daß dadurch seine Luise Millerin

in den Schatten gestellt werde, denn niemand erinnerte sich, daß ein

bürgerliches Schauspiel jemals so vielen Eindruck hervorgebracht hätte.

Letzteres durfte jedoch meistens der Darstellung beigemessen werden,

die so lebendig, der ganzen Handlung so angemessen war und in allen

Teilen so rund von statten ging, daß man den innern Gehalt ganz vergaß

und, von der Begeisterung des Publikums mit fortgerissen, sich willig

täuschen ließ.

Nicht lange nachher kam die Vorstellung des neuen Trauerspiels unseres

Dichters an die Reihe, welchem Iffland, dem es vorher übergeben wurde,

die Aufschrift »Kabale und Liebe« erteilte. Um der Aufführung recht

ungestört beiwohnen zu können, hatte Schiller eine Loge bestanden und

seinen Freund S. zu sich dahin eingeladen.

Ruhig, heiter, aber in sich gekehrt und nur wenige Worte wechselnd,

erwartete er das Aufrauschen des Vorhanges. Aber als nun die Handlung

begann -- wer vermöchte den tiefen, erwartenden Blick -- das Spiel der

unteren gegen die Oberlippe -- das Zusammenziehen der Augenbrauen, wenn

etwas nicht nach Wunsch gesprochen wurde -- den Blitz der Augen, wenn

auf Wirkung berechnete Stellen diese auch hervorbrachten -- wer könnte

dies beschreiben! -- Während des ganzen ersten Aufzuges entschlüpfte

ihm kein Wort, und nur bei dem Schlusse desselben wurde ein »es geht

gut« gehört.

Der zweite Akt wurde sehr lebhaft und vorzüglich der Schluß desselben

mit so vielem Feuer und ergreifender Wahrheit dargestellt, daß,

nachdem der Vorhang schon niedergelassen war, alle Zuschauer auf eine

damals ganz ungewöhnliche Weise sich erhoben und in stürmisches,

einmütiges Beifallrufen und Klatschen ausbrachen. Der Dichter

wurde so sehr davon überrascht, daß er aufstand und sich gegen das

Publikum verbeugte. In seinen Mienen, in der edlen, stolzen Haltung

zeigte sich das Bewußtsein, sich selbst genug getan zu haben, sowie

die Zufriedenheit darüber, daß seine Verdienste anerkannt und mit

Auszeichnung beehrt würden.

Solche Augenblicke, in welchen das aufgeregte Gefühl eines bedeutenden

Menschen sich plötzlich ganz unverhohlen und natürlich äußert, sollte

man durch eine treue Zeichnung festhalten können; dies würde einen

Charakter leichter und bestimmter durchschauen lassen, als in Worten zu

beschreiben möglich ist.

Die ungewöhnlich günstige Aufnahme dieses Trauerspieles war den

Freunden Schillers beinahe ebenso erfreulich, als ihm selbst, indem

sie, da seiner Arbeit nicht nur von Kennern, sondern auch von dem

Publikum ein entschiedener Vorzug vor andern ähnlicher Art gegeben

wurde, hoffen durften, daß er durch neue Werke, nicht wie bisher nur

Ehre und Beifall, sondern auch solche Vorteile gewinnen werde, die

seine Verhältnisse des Lebens befriedigender gestalten könnten. Der

Theaterdirektion konnte es gleichfalls willkommen sein, daß in den

verflossenen zwei Jahren auch zwei solche Stücke von ihm geliefert

worden, deren Wert sich für eine lange Zukunft verbürgen ließ; und

konnte er, wie es auch den Anschein hatte, so fortfahren, so war seine

geringe Besoldung sehr gut angelegt.

In der Berauschung, die ein öffentlicher, mit Begeisterung geäußerter

Beifall immer zur Folge hat, konnte er jedoch die Nachricht der

Schwester (S. vorstehenden Brief), daß die Mutter aus Sehnsucht nach

ihm kränklich sei, nicht vergessen, und erlaubte es früher -- nachdem

keine seiner Erwartungen erfüllt war -- sein Stolz nicht, seiner

Mutter sich zu zeigen, so war dieser durch den Titel eines Mitgliedes

der kurpfälz'schen deutschen Gesellschaft, wie durch den überraschenden

Erfolg seiner zwei letzten Stücke, insoweit wenigstens befriedigt,

daß er mit gerechtem Selbstgefühl seinen Angehörigen vor Augen treten

durfte. Er entschloß sich daher, in Bretten, einem außerhalb der

württemberg'schen Grenze liegenden Städtchen, mit seiner Mutter und

ältesten Schwester zusammen zu kommen, und wenige Tage nach der ersten

Aufführung von Kabale und Liebe begab er sich zu Pferd dahin.[7]

Wäre es möglich, das tiefempfindende, sorgenvolle Gemüt der Mutter, und

die Wehmut, mit der sie ihren, nun aus seinem Vaterlande wie von seinen

Eltern verbannten Liebling an die Brust drückte, die Lebhaftigkeit,

den männlichen Verstand der Schwester, das zarte, weiche, sich immer

edel und schön aussprechende Herz des Sohnes gehörig zu schildern,

so wäre dieses wohl eines der anziehendsten Gemälde, die sich in dem

Leben eines solchen Dichters und einer so seltenen Familie darbieten

können. Es muß der Einbildungskraft des Lesers überlassen bleiben,

diese Szene, nebst dem nach kurzem Aufenthalte gewaltsamen Losreißen

dreier vortrefflicher Menschen, die das von zitternden Lippen gepreßte

Lebewohl! für lange, lange Zeit ausgesprochen glauben mußten, sich

teilnehmend ausmalen zu können.

Es war ganz natürlich, daß der Wunsch des Vaters wie der Mutter, dem

Sohn auf das angelegentlichste empfohlen wurde, sich doch um eine

sichere, dauernde Anstellung zu bewerben, damit seine eigenmächtige

Entfernung gerechtfertigt und sein Glück dauerhaft begründet sein möge.

Allein mit allem guten Willen hierzu konnte er eine solche Veränderung

nicht sogleich herbeiführen, und es blieb vorläufig nichts zu tun, als

mit dem festen Vorsatz nach Mannheim zurückzukehren, durch neue sich

auszeichnende Arbeiten seinem Schicksal eine bessere Wendung zu geben.

Er glaubte, daß dieses ein Schritt dazu wäre, wenn er in Gesellschaft

von Iffland und Beil, die zu Ende Aprils von Grosmann in Frankfurt auf

Gastvorstellungen eingeladen waren, die Reise dahin machte, und dadurch

den Kreis seiner Verehrer und Freunde erweiterte.

Bei seinem Aufenthalt daselbst wurde Verbrechen aus Ehrsucht wie auch

Kabale und Liebe gegeben. Seine Äußerungen über die Verschiedenheit der

Frankfurter gegen die Mannheimer Bühne sowie über die Mitglieder von

beiden, finden sich in seinen Briefen an Baron Dalberg.

Daß sich in Frankfurt diejenigen, welche Sinn für höhere Poesie hatten,

an den Dichter drängten, der in so jungen Jahren schon so viele Beweise

der Überlegenheit seines Geistes an den Tag gelegt, läßt sich sehr

leicht denken. Denn die Zeit war damals so ruhig, so harmlos, die

Gedichte und Schauspiele Schillers trugen so sehr den Stempel der Größe

und Neuheit, daß sich die jüngere Lesewelt nur mit diesen beschäftigte,

und ihr alles, was zu gleicher Zeit die Presse in diesem Fache

förderte, klein oder nichtsbedeutend schien.

Unter andern neuen Bekanntschaften machte er auch die des Doktor

Albrecht und dessen Gattin, welche letztere (S. Schröders Leben) später

das Theater betrat. Beide waren auch Freunde des Bibliothekars Reinwald

in Meiningen und erinnerten Schiller an die -- allen, deren Wirken

nicht bloß durch die Einbildungskraft geschieht, ganz unbegreifliche --

Nachlässigkeit, diesem, dem er so viele Verbindlichkeit hatte, seit der

Abreise aus Bauerbach noch nicht geschrieben zu haben.

Kaum nach Mannheim zurückgekehrt, beeilte er sich, seinen Fehler

durch ein offenes Geständnis wenn auch nicht zu rechtfertigen, doch

wenigstens zu mildern, und schrieb Herrn Reinwald folgenden Brief,

dessen Inhalt für jeden seiner Verehrer nicht anders als höchst

anziehend sein kann.

Mannheim, den 5. Mai 84.

Bester Freund!

Mit peinigender Beschämung ergreife ich die Feder, nicht um mein

langes Stillschweigen zu entschuldigen -- kann wohl ein Vorwand in

der Welt Ihre gerechten Ansprüche auf mein Andenken überwiegen?

-- Nein, mein Teuerster, um Ihnen diese Undankbarkeit von Herzen

abzubitten, und Ihnen wenigstens mit der Aufrichtigkeit, die Sie

einst an mir schätzten, zu gestehen, daß ich mich durch nichts als

meine Nachlässigkeit rechtfertigen kann. Was hilft es Ihnen, wenn

ich auch zu meiner Verantwortung anführe, daß ich Aussichten hatte,

Sie diesen Frühling selbst wieder zu sehen, daß ich die tausend

Dinge, die ich für Sie auf dem Herzen habe, mündlich zu überbringen

hoffte --

Dieser Traum ist verflogen, wir sehen uns nunmehr so bald nicht,

und nichts als Ihre Freundschaft und Liebe wird mein großes

Versehen entschuldigen. Glauben Sie wenigstens, daß Ihr Freund noch

der vorige ist, daß noch kein anderer Ihren Platz in meinem Herzen

besetzt hat, und daß Sie mir oft, sehr oft gegenwärtig waren,

wenn ich von den Zerstreuungen meines hiesigen Lebens in stilles

Nachdenken überging. -- Und jetzt will ich auch auf immer einen

Artikel abbrechen, wobei ich von Herzen erröten muß.

Wie haben Sie gelebt, mein Teurer? Wie steht es mit Ihrem Gemüt,

Ihrer Gesundheit, Ihren Zirkeln, Ihren Aussichten in bessere

Zukunft? -- Ist noch kein Schritt zu einer solidern Versorgung

geschehen? Müssen Sie sich noch immer mit den Verdrießlichkeiten

eines armseligen Dienstes herumstreiten? -- Hat auch Ihr Herz noch

keinen Gegenstand aufgefunden, der Ihnen Glückseligkeit gewährte? --

Wie sehr verdienen Sie alle Seligkeiten des Lebens, und wie viele

kennen Sie noch nicht! -- Auch um einen Freund mußte ich Sie

betrügen! Doch nein! Sie haben ihn niemals verloren und werden ihn

auch niemals verlieren.

Vielleicht wünschen Sie mit meiner Lage bekannt zu sein. Was sich

in einem Briefe sagen läßt, sollen Sie erfahren.

Noch bin ich hier, und nur auf mich kommt es an, ob ich nach

Verfluß meines Jahres, nämlich am 1. September, meinen Kontrakt

verlängern will oder nicht. Man rechnet aber indes schon ganz

darauf, daß ich hier bleiben werde, und meine gegenwärtigen

Umstände zwingen mich beinahe auf längere Zeit zu kontrahieren, als

ich vielleicht sonst würde getan haben. Das Theater hat mir für

dieses Jahr in allem 500 Gulden Fixum gegeben, wobei ich aber auf

die jedesmalige Einnahme einer Vorstellung meiner Stücke Verzicht

tun mußte. Meine Stücke bleiben mir frei zu verkaufen. Aber Sie

glauben nicht, mein Bester, wie wenig Geld 600 bis 800 Gulden in

Mannheim, und vorzüglich im theatralischen Zirkel ist -- wie wenig

Segen, möchte ich sagen, in diesem Geld ist -- welche Summen nur

auf Kleidung, Wohnung und gewisse Ehrenausgaben gehen, welche ich

in meiner Lage nicht ganz vermeiden kann. Gott weiß, ich habe mein

Leben hier nicht genossen, und noch einmal soviel als an jedem

andern Orte verschwendet. Allein und getrennt! -- Ungeachtet meiner

vielen Bekanntschaften, dennoch einsam und ohne Führung, muß ich

mich durch meine Ökonomie hindurchkämpfen, zum Unglück mit allem

versehen, was zu unnötigen Verschwendungen reizen kann. Tausend

kleine Bekümmernisse, Sorgen, Entwürfe, die mir ohne Aufhören

vorschweben, zerstreuen meinen Geist, zerstreuen alle dichterischen

Träume, und legen Blei an jeden Flug der Begeisterung. Hätte ich

jemand, der mir diesen Teil der Unruhe abnähme, und mit warmer,

herzlicher Teilnehmung sich um mich beschäftigte, ganz könnte ich

wiederum Mensch und Dichter sein, ganz der Freundschaft und den

Musen leben. Jetzt bin ich auch auf dem Wege dazu.

Den ganzen Winter hindurch verließ mich das kalte Fieber nicht

ganz. Durch Diät und China zwang ich zwar jeden neuen Anfall,

aber die schlimme hiesige Luft, worin ich noch Neuling war, und

meine von Gram gedrückte Seele machten ihn bald wiederkommen.

Bester Freund! ich bin hier noch nicht glücklich gewesen, und fast

verzweifle ich, ob ich je in der Welt wieder darauf Anspruch machen

kann. Halten Sie es für kein leeres Geschwätz, wenn ich gestehe,

daß mein Aufenthalt in Bauerbach bis jetzt mein seligster gewesen,

der vielleicht nie wieder kommen wird.

Vorige Woche war ich zu Frankfurt, Grosmann zu besuchen und einige

Stücke da spielen zu sehen, worin zwei Mannheimer Schauspieler,

Beil und Iffland, Gastrollen spielten. Grosmann bewirtete mich

unter andern auch mit Kabale und Liebe. (Nicht wahr, jetzt zürnen

Sie wieder, daß ich noch den Mut habe, dieses Stück vor Ihnen

zu nennen, da ich Ihnen auch nicht einmal ein Exemplar davon

geschickt. Werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihnen sage, daß nicht

nur dieses Stück, sondern auch die beiden andern für Sie schon

zurückgelegt waren, daß ich fest entschlossen war, sie Ihnen selbst

nach der hiesigen Vorstellung zu bringen, wovon mich eine traurige

Notwendigkeit abhielt, und daß ich das aufgegeben habe, als ich bei

Schwan erfuhr, Sie hätten das Stück schon kommen lassen?) Hier zu

Mannheim wurde es mit aller Vollkommenheit, deren die Schauspieler

fähig waren, unter lautem Beifall und den heftigsten Bewegungen der

Zuschauer gegeben.

Sie hätte ich dabei gewünscht -- den Fiesco verstand das Publikum

nicht. Republikanische Freiheit ist hierzulande ein Schall ohne

Bedeutung, ein leerer Name -- in den Adern der Pfälzer fließt kein

römisches Blut. Aber zu Berlin wurde es vierzehnmal innerhalb drei

Wochen gefordert und gespielt. Auch zu Frankfurt fand man Geschmack

daran. Die Mannheimer sagen, das Stück wäre viel zu gelehrt für sie.

Eine vortreffliche Frau habe ich zu Frankfurt kennen lernen --

sie ist Ihre Freundin -- die Madame Albrecht. Gleich in den ersten

Stunden ketteten wir uns fest und innig aneinander; unsre Seelen

verstanden sich. Ich freue mich und bin stolz, daß sie mich liebt,

und daß meine Bekanntschaft sie vielleicht glücklich machen kann.

Ein Herz, ganz zur Teilnahme geschaffen, über den Kleinigkeitsgeist

der gewöhnlichen Zirkel erhaben, voll edlen, reinen Gefühls für

Wahrheit und Tugend, und selbst da noch verehrungswert, wo man ihr

Geschlecht sonst nicht findet. Ich verspreche mir göttliche Tage in

ihrer nähern Gesellschaft. Auch ist sie eine gefühlvolle Dichterin!

Nur, mein bester, schreiben Sie ihr, über ihre Lieblingsidee zu

siegen, und vom Theater zu gehen. Sie hat sehr gute Anlagen zur

Schauspielerin, das ist wahr, aber sie wird solche bei keiner

solchen Truppe ausbilden, sie wird mit Gefahr ihres Herzens, ihres

schönen und einzigen Herzens, auf dieser Bahn nicht einmal große

Schritte tun -- und täte sie diese auch, schreiben Sie ihr, daß der

größte theatralische Ruhm, der Name einer Clairon und Yates mit

ihrem Herzen zu teuer bezahlt sein würde. Mir zu Gefallen, mein

Teuerster, schreiben Sie ihr das mit allem Nachdruck, mit allem

männlichen Ernst. Ich habe es schon getan, und unsere vereinigten

Bitten retten der Menschheit vielleicht eine schöne Seele, wenn wir

sie auch um eine große Aktrice bestehlen.

Von Ihnen, mein Liebster, wurde langes und breites gesprochen.

Madame Albrecht und ich waren unerschöpflich in der Bewunderung

Ihres Geistes und Ihres mir noch schätzbareren Herzens. Könnten wir

uns in einen Zirkel von mehreren Menschen dieser Art vereinigen,

und in diesem engern Kreise der Philosophie und dem Genusse der

schönen Natur leben, welche göttliche Idee! -- Auch der Doktor ist

ein lieber, schätzbarer Freund von mir. Sein ganzes Wesen erinnerte

mich an Sie, und wie teuer ist mir alles, wie bald hat es meine

Liebe weg, was mich an Sie erinnert.

Noch immer trage ich mich mit dem Lieblingsgedanken, zurückgezogen

von der großen Welt, in philosophischer Stille mir selbst, meinen

Freunden und einer glücklichen Weisheit zu leben, und wer weiß

ob das Schicksal, das mich bisher unbarmherzig genug herumwarf,

mir nicht auf einmal eine solche Seligkeit gewähren wird. In dem

lärmendsten Gewühl, mitten unter den Berauschungen des Lebens,

die man sonst Glückseligkeit zu nennen pflegt, waren mir doch

immer jene Augenblicke die süßesten, wo ich in mein stilles Selbst

zurückkehrte und in dem heitern Gefilde meiner schwärmerischen

Träume herumwandelte, und hie und da eine Blume pflückte. -- Meine

Bedürfnisse in der großen Welt sind vielfach und unerschöpflich,

wie mein Ehrgeiz, aber wie sehr schrumpft dieser neben meiner

Leidenschaft zur stillern Freude zusammen.

Es kann geschehen, daß ich zur Aufnahme des hiesigen Theaters ein

periodisches, dramaturgisches Werk unternehme, worin alle Aufsätze,

welche mittelbar oder unmittelbar an das Geschlecht des Dramas oder

an die Kritik desselben grenzen, Platz haben sollen. Wollen Sie,

mein Bester, einiges in diesem Fach ausarbeiten, so werden Sie

sich nicht nur ein Verdienst um mich erwerben, sondern auch alle

Vorteile für Ihre Börse davon ziehen, die man Ihnen verschaffen

kann, denn vielleicht verlegt und bezahlt die kurfürstliche

Theaterkasse das Buch. Schreiben Sie mir Ihre Entschließung darüber.

Daß ich Mitglied der kurfürstlichen deutschen Gesellschaft und also

jetzt pfälz'scher Untertan bin, wissen Sie ohne Zweifel.

Den Einschluß überschicken (oder überbringen) Sie an Frau von

Wolzogen, und fahren Sie fort, Ihren Freund zu lieben, der unter

allen Verhältnissen des Lebens ewig der Ihrige bleiben wird

Fried. Schiller.

Wer es tadeln wollte, daß vorstehender Brief seinem ganzen Inhalte nach

mitgeteilt worden, der möge erwägen, daß er ein sehr wichtiger Beitrag

zur Kenntnis der Denkungsart und der häuslichen Verhältnisse Schillers

ist, und daß ein Zeugnis, welches jemand von sich selbst ablegt, um

vieles bedeutender sein muß, als was andere ausgesprochen. Ungerechnet

die feine Art, mit welcher er den von ihm vernachlässigten Freund

wieder zu gewinnen suchte, zieht er auch diejenigen, welche glauben,

sein Aufenthalt in Mannheim wäre so angenehm gewesen, aus einem großen

Irrtum.

Mehrere Stellen dieses Briefes, als die Klagen über sein häusliches

Leben -- über das Unzulängliche seiner Einnahme -- seine Zerstreuung

und schwärmerischen Träumereien -- die Sehnsucht nach Bauerbach usw.

fordern hier um so mehr einige Erläuterungen, als er ein viel zu

bedeutender Mensch war, um solche Umstände übergehen zu können, und

weil hierüber ein Zeuge berichten kann, dem nichts verborgen oder

verhehlt wurde.

Ist es für einen jungen Mann, der nicht Vermögen genug besitzt, um

sich eigne Bedienung halten zu können, eine beinahe unmögliche Sache,

seine Kleidung, Wäsche, Bücher, Schriften usw. dergestalt in Ordnung

zu halten, daß keine Verwirrung entstehe, so ist dieses bei Dichtern,

Künstlern, Gelehrten oder überhaupt denjenigen, die bloß allein mit

ihrer Einbildungskraft arbeiten, und den Eingebungen ihres Geistes

folgen müssen, noch weit weniger der Fall.

Je umfassender nun ein Genie, je höher seine Kraft, sein Wollen, seine

Pläne sind, um so weniger kann es sich mit solchen Sachen befassen,

die auch dem gewöhnlichen Manne schon als solche Kleinigkeiten

erscheinen, daß er deren Besorgung unter seiner Würde erachtet. Wenn

nun diese Abneigung auch bei solchen stattfindet, deren Wirken mehr

nach vorgeschriebenen Regeln, als im Erfinden oder Erschaffen besteht;

um wie viel störender muß es einem Dichter oder Künstler sein,

wenn er durch die Bedürfnisse des Tages aus seinem Nachdenken, aus

seiner Begeisterung gerissen, und gewissermaßen aus einer wärmenden

Behaglichkeit in eiskaltes Wasser geworfen wird. Ließe sich eine Idee,

ein Ausdruck festhalten, oder würde die Gedankenreihe durch eine

Unterbrechung dieser Art nicht so zerstreut, daß man den Anfang und die

Folge derselben oft wieder aufs neue suchen muß, so würde die Geduld

keine so harte Probe bestehen müssen.

Man denke sich nun unsern Schiller im Brüten über den Plan eines

Trauerspieles, in dem Entwurfe einer Szene, in der Ausarbeitung eines

Monologes, und stelle sich vor, wie ihm sein mußte, wenn ihm reine

Wäsche übergeben und die gebrauchte gefordert wurde, wenn er letztere

erst suchen und deren durchsichtigen Zustand erklären mußte, wenn er

nach spätem Erwachen die wenigen Stücke seiner Kleidung beschädigt

fand, oder sein nur nach Viertelstunden bedungener Diener zu unrechter

Zeit eintraf; man denke sich dieses, und glaube dann, daß er trotz

seiner Gutmütigkeit oft in eine widerliche Gemütsstimmung geriet.

Aus diesem Zustande hätte ihn nur weibliche Fürsorge erlösen können,

die aber in Mannheim fehlte, weil er abgesondert wohnte, sich auch

seine kärgliche Mittagskost, von der noch für den Abend etwas

zurückgehalten werden mußte, aus einem Gasthause holen ließ. Es

würde übrigens eine sehr belustigende und des Pinsels eines Hogarths

würdige Aufgabe sein, das Innere des Zimmers eines von immerwährender

Begeisterung trunkenen Musensohnes recht getreu darzustellen; denn es

würde sich hier durchaus nichts Bewegliches und selbst das nicht, was

sonst immer dem Auge entzogen wird, an seinem Platze finden. Unordnung

bei jungen Männern ist etwas Gewöhnliches, aber bei den sogenannten

Genies übertrifft sie jede Vorstellung. Seine Einnahme während acht

Monaten setzt er selbst auf 500 Gulden Reichswährung an. Wem dieses zu

wenig scheint, dem darf versichert werden, daß auch diese unbedeutende

Summe noch beinahe um 100 Gulden zu hoch angegeben ist, denn außer

seiner Besoldung von 300 Gulden, die er vorausnehmen mußte, konnte ihm

nur der Ertrag des Druckes von Kabale und Liebe zufließen. Mit diesen

geringen Mitteln mußte er sich neu kleiden, Wäsche, Betten, Hausgeräte

anschaffen; er mußte, wie er selbst sagt, sogenannte Ehrenausgaben, das

heißt, kleine gesellschaftliche Unterhaltungen, Ausflüge auf das Land

mitmachen; daher er denn auch immer, nicht nur für den nächsten Monat,

sondern für die nächste Woche, ja oft für den nächsten Tag in Sorgen

war und doch immer schuldige Rückstände bezahlen sollte.

Zu dieser bangen, qualvollen Lage gesellte sich dann auch noch das

kalte Fieber, welches besonders im Entstehen alle Martern des Tantalus

mit sich führte. Denn der brennendste Durst, der heißeste Hunger durfte

nicht genugsam gestillt werden, um die Krankheit nicht zu unterhalten.

Die Hilfe dagegen, nur in Brechmitteln und Chinarinde bestehend,

schwächte den Magen ebensosehr, als sie ihn belästigte; und wenn nichts

mehr helfen wollte, mußte man wohl den Rat des Arztes befolgen und

so viele Chinapulver, als man sonst in 24 Stunden hätte gebrauchen

sollen, zwei Stunden vor dem Eintritte des Fiebers auf einmal nehmen,

was freilich oft half, aber ein solches Toben des Magens veranlaßte,

daß man glaubte vergehen zu müssen, und was auf lange Jahre hinaus die

übelsten Folgen zurückließ.

Möge der Leser, wenn er sich an den Schönheiten von Fiesco und Kabale

und Liebe ergötzt oder in den herrlichen Szenen von Don Carlos seine

Gefühle schwelgen läßt, doch nie vergessen, daß unter so drückenden,

beugenden Umständen die obigen Stücke verändert und der erste Akt des

letztern gedichtet wurde; alsdann erst wieder den Göttersohn bewundern,

der unter so vielen Übeln seinen Geist immer tätig erhielt und an der

heiligen Flamme nährte, die nicht von der Erde, sondern von oben her

leuchtet.

Man wird es begreiflich finden, daß der Augenzeuge dieser Lage, der

Freund des Dichters, es später nie mehr über sich gewinnen konnte,

eines dieser drei Stücke vorstellen zu sehen. So oft er den Versuch

dazu machte, so mußte er dennoch sich bei dem ersten Auftritte schon

entfernen, weil ihn ein Schmerz, eine Wehmut befiel, die sich nur im

Freien stillen konnten.

Deutschland! Deutschland! Du darfst dich deiner großen Söhne nicht

rühmen, denn du tatest nichts für sie; du überließest sie dem Zufall

und gabst ihr geistiges Eigentum jedem Preis, der sie auf offener

Straße darum berauben wollte. Nur der eignen Kraft, dem eignen Mute

der einzelnen, nicht deinem Schutze, nicht deiner Fürsorge hast du es

beizumessen, wenn andere Völker dich um deine großen Geister beneiden

und sich an ihrem Licht entzünden.

Wie wahrhaft sagt Schiller:

»Kein Augustisch Alter blühte,

Keines Mediceers Güte

Lächelte der deutschen Kunst;

Sie ward nicht gepflegt vom Ruhme,

Sie entfaltete die Blume

Nicht am Strahl der Fürstengunst.

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Rühmend darf's der Deutsche sagen,

Höher darf das Herz ihm schlagen:

+Selbst+ erschuf er sich den Wert.«

Wolle man diesen Ausbruch einer gerechten Klage verzeihen, die sich

immer wieder erneuert, so oft diese trüben Tage des -- jetzt so hoch

gefeierten -- Dichters der Erinnerung vorschweben.

Die Äußerung in obigem Briefe, »daß sein Aufenthalt in Bauerbach bis

jetzt sein seligster gewesen,« war ganz seinen damaligen Umständen

angemessen. Dort, in diesem stillen Ort, in Gesellschaft und unter dem

Schutz einer wohlwollenden Freundin, hatte er keine Sorgen, durfte sich

um die Bedürfnisse des Lebens nicht bekümmern, brauchte kein Geld, weil

die Gelegenheit zu Ausgaben fehlte, und konnte um so ungestörter seinen

Träumen nachhängen, als ihm zarte Achtsamkeit und Pflege jede Mahnung

an die Kleinigkeiten des Tages ersparten. Diese Ruhe, dieser behagliche

Zustand war ihm so unvergeßlich, daß er nach Versicherung seiner

Schwester noch nach vielen Jahren die damalige Zeit als die schönste

und glücklichste seines Lebens rühmte; »daß er sich über tausend kleine

Sorgen, Bekümmernisse, Entwürfe, die ihm ohne Aufhören vorschwebten,

und seinen Geist, seine dichterischen Träume zerstreuten usw.« gegen

Herrn Reinwald beklagte, kam daher, daß er in einer Gesellschaft, die

jeden Augenblick Forderungen an ihn machte, leben mußte und lästige

Frager, Besucher oder Amtsgeschäfte nicht zurückweisen durfte.

Ihm mußte alles Störungen verursachen, da er wachend und träumend für

nichts und in nichts als theatralischen Dichtungen lebte, in diesen

wie in seinem eigentlichen Elemente sich befand, sie immerwährend

ordnend, niederschreiben zu wollen schien und dennoch bei der Menge

sich ihm darbietender Gegenstände zu keiner Entscheidung gelangen

konnte. Schon in Stuttgart hatte er sich vorgenommen, Konradin von

Schwaben zu bearbeiten; später wurde er von Baron Dalberg aufgefordert,

den Don Carlos dafür zu nehmen. Während er sich noch in Mannheim mit

der Geschichte Spaniens recht vertraut zu machen suchte, glaubte er

es leichter, einen ganz eignen Plan zu erfinden, der bald diese,

bald jene, aber immer eine tragische Entwicklung haben sollte.

Endlich glaubte er einen solchen festhalten zu müssen, in welchem

die Erscheinung eines Gespenstes die Entscheidung herbeiführte, und

beschäftigte sich so gänzlich damit, daß er schon anfing, seine

Gedanken niederzuschreiben. Aber er gab den Plan wieder auf, indem es

ihm unter der Würde des Dramas und eines wahren Dichters schien, die

größte Wirkung einer Schreckgestalt schuldig sein zu sollen.

Er machte die richtige Unterscheidung, daß ihm das Beispiel

Shakespeares, der in Cäsar und Macbeth einen Geist erscheinen läßt,

hierin nicht rechtfertigen könne, indem dieser nur als eine Nebensache

angewendet worden, die weder auf die Handlung selbst noch auf deren

Ausgang den mindesten Einfluß ausübe.

Diese Unentschlossenheit in der Wahl, dieses immerwährende Ausspinnen

einer verwickelten Gegebenheit ermüdete ihn aber weit mehr, als wenn er

die wirkliche Ausarbeitung begonnen hätte.

Jedoch er konnte nicht anders. Es war seiner Natur ganz entgegen, an

irgend etwas nur oberflächlich zu denken. Alles sollte erschöpft,

alles zu Ende gebracht werden. Daher beschäftigten sich seine Gedanken

so lange mit einem Plane, bis er entweder die Hoffnung, einen

wirkungsvollen Ausgang herbeizuführen, verlor, oder bis seine Kräfte

ermüdeten, und er dann, um diese nicht ganz abzuspannen, auf etwas

anderes überging. Seine Erregbarkeit für dichterische Gegenstände ging

ins Unglaubliche. Er war dafür gleichsam eine immer glühende, nur mit

leichter Asche bedeckte Kohle. Ein Hauch, und sie sprühte Funken.

Der Leichtigkeit gemäß, mit welcher er Pläne zu Dramen schnell

entwerfen konnte, hätte er einer der fruchtbarsten Schriftsteller für

die Bühne werden können, aber wenn es an das Niederschreiben kam, da

erlaubte sein tiefes Gefühl der Feder keine Eile. So wie er jede Sache

in ihrem ganzen Umfang erfaßte, so sollte sie auch durch Worte nicht

nur auf das deutlichste, sondern auch auf das schönste dargestellt

werden. Daher das Erschöpfende, Volle, Satte und Runde seiner Ausdrücke

und Wendungen, welche die Gedanken ebenso wie das Gefühl aufregen und

sich dem empfänglichen Gemüt einprägen.

Solche Dichter, denen ihre Gaben nur sparsam zugemessen worden, sind

um vieles mehr entschlossen. Kaum ist ein Gegenstand gefunden, so wird

schon die Feder eingetaucht, damit die Arbeit schnell fertig werde.

Schnell werden auch Vorteile damit erreicht, aber --

»der Ruhm mit seiner Sternenkrone«

kann nie auf einem solchen Haupte verweilen. Während Schiller noch

immer unentschlossen blieb, welche Handlung er zu einem neuen

Trauerspiele wählen solle, war schon das Frühjahr verflossen, und

Baron Dalberg vernahm weder von ihm selbst noch von andern, daß er

sich für einen Stoff entschieden habe, wodurch denn die Hoffnung

verschwand, in diesem Jahre noch ein neues Stück von ihm auf der

Bühne zu sehen. Konnte dieses nicht geliefert werden, so war die

Besoldung des Theaterdichters für nichts ausgegeben, was der magern

Kasse nicht anders als schmerzlich sein konnte. Um nun Schillern zur

Arbeit anzutreiben, oder wenn dieses nicht gelingen sollte, auf eine

gute Art wieder loszubringen, beredete Baron Dalberg einen Bekannten

desselben, seinen Hausarzt, den Hofrat Mai, jenem zu raten, das Studium

der Arzneikunde wieder zu ergreifen; was eigentlich so viel heißen

sollte, diese Feder, aus welcher schon die trefflichsten Gedichte und

drei Trauerspiele geflossen, welche alle anderen der damaligen Zeit

übertrafen, und noch heute nach fünfzig Jahren auf allen deutschen

Bühnen gegeben werden, wegzuwerfen, und dafür eine solche zu nehmen,

mit welcher bloß Rezepte ausgefertigt werden könnten.

Kaum eine Viertelstunde nachdem Hr. Mai fort war, trat S. zu dem

Dichter ein, der ihm mit argloser, gutmütiger Freude den gemachten

Vorschlag berichtete und denselben -- wenn ihm auf einige Jahre

Unterstützung zu teil würde -- als das einzige Rettungsmittel aus

seinem sich täglich mehr verwirrenden Zustand ansah. Er entschloß sich,

alsogleich an Baron Dalberg zu schreiben, und obwohl ihm vorausgesagt

war, daß nur eine hofmäßige, ausweichende Antwort darauf erfolgen

würde, so ließ sich sein edles, reines Herz, das andere nur nach der

eignen Weise beurteilte, doch nicht abhalten, eine Bitte zu tun, die

zu seinem eignen Besten, sowie zur Ehre des deutschen Namens unerfüllt

blieb.

Was hätte auch die Welt, was Schiller dabei gewonnen, wenn derjenige,

den er als seinen hohen Gönner achtete, einige hundert Gulden daran

gewagt hätte, damit der Dichter wieder in einen Arzt, das heißt

in einen solchen Mann umgewandelt würde, der alles, was er bisher

geschaffen, vergäße -- der den Boden, welcher schon so herrliche,

prachtvolle Früchte getragen, wieder versumpfen ließe, um sein

tägliches Brot sicherer als bisher erwerben zu können. Auch wären die

Anstrengungen von neuen zwei Jahren um so gewisser vergeblich gewesen,

da er sich wohl nie zu dem ängstlichen Fleiße, zu einer in das kleinste

eingehenden Teilnahme hätte herablassen mögen, ohne die ein ausübender

Arzt gar nicht gedacht werden und ohne welche er nicht die geringsten

Vorteile für sein Glück erwarten darf. Wahrscheinlicherweise hätte er

sich in das Philosophische der Medizin geworfen; vielleicht -- wozu

er nur zu viele Anlage hatte -- hätte er ein ganz neues System der

Heilkunde aufgestellt.

Allein wie lange würde dieses gedauert haben? -- Jedes Geschlecht

sieht Ähnliches entstehen, und jedes erlebt auch dessen Untergang.

Sein Gebiet war ausschließend die Dichtkunst. Hier war er Held, hier

war er Herrscher; hier fühlte er seine unbezwinglichen Kräfte, und nur

durch diese konnte er sich ein Reich errichten, das nie zerstört und

dessen Grenze wohl schwerlich von jemand überschritten wird. Dieser

Antrag hatte jedoch die gute Folge, daß er seinem bisherigen Wanken

ein Ende machte und Schiller sich ernstlich entschloß, alles andere

vorläufig nicht mehr zu beachten, sondern seine ganze Zeit Don Carlos

zu widmen. Von diesem hatte er schon mehrere Szenen entworfen, auch

den Gang des Stückes so ausgedacht, daß er zwar der Geschichte nicht

ganz widerspräche, doch aber der Charakter Philipps etwas gemildert

erscheine. Überdenkt man den Inhalt seiner drei ersten Trauerspiele,

so wird man die längere Überlegung des Dichters sowie sein Zaudern,

sich schnell an diese Arbeit zu wagen, sehr begreiflich finden. Im Don

Carlos hatte er Charaktere zu schildern, die sich in der allerhöchsten

Sphäre bewegten, die nicht nur den größten Einfluß auf ihre Zeit

ausübten, sondern auch der Menschheit die tiefsten Wunden schlugen.

Wäre es nur darum zu tun gewesen, die handelnden Personen als Tyrannen,

als blutdürstige Henker zu zeichnen, so wäre die Schwierigkeit für

ihn sehr gering gewesen. Aber er mußte, oder wollte wenigstens, die

verabscheuungswürdigsten Menschen mit derselben Larve, die sie im

Leben und besonders an Philipps Hofe trugen, getreu darstellen, ihre

folgenden Handlungen andeuten und das Ganze dennoch auf eine solche

Art stellen, daß es ein höchst anziehendes Schauspiel, aber keinem

Zuschauer widerlich wäre. Seine Gespräche verbreiteten sich nicht

allein über den Plan selbst, sondern auch über die ganz neue Art von

Sprache, die er dabei gebrauchen müsse. Er wollte sie mit all dem Fluß

und Wohllaut ausstatten, für welche er ein so äußerst empfindliches

Gefühl hatte. Er glaubte daher auch, daß hierzu Jamben der Würde der

Handlung sowie der Personen am angemessensten sein würden. Im Anfange

machte ihm dieses einige Schwierigkeit, indem er seit zwei vollen

Jahren durchaus nichts mehr in gebundener Rede geschrieben hatte. Jetzt

mußte er seine Ausdrücke rhythmisch ordnen; er mußte, um die Jamben

fließend zu machen, versuchen, schon rhythmisch zu denken. Wie aber nur

erst eine Szene in dieses Versmaß eingekleidet war, da fand er selbst,

daß dieses nicht nur das passendste für das Drama sei, sondern, da es

auch gemeine Gedanken heraushebe, um so viel mehr das Erhabene und die

Schönheit der Ausdrücke veredeln mußte. Seine Freude, sein Vergnügen

über den guten Erfolg erhöhten seine Lust am Leben, an der Arbeit,

und er sah mit Ungeduld der Abendstunde entgegen, in welcher er S.

dasjenige, was er den Tag über fertig gebracht hatte, vorlesen konnte.

Dieser kannte schon früher keinen höhern Genuß als die prachtvolle, so

vieles in sich fassende und dennoch so glatt dahinrollende Prosa seines

Freundes. Nun aber mußte sein Gefühl sich in Entzücken verwandeln, als

er Gedanken und Ausdrücke wie folgende:

»Ich stand dabei, als in Toledos Mauern

Der stolze Karl die Huldigung empfing,

Als graue Fürsten zu dem Handkuß wankten,

Und jetzt in einem -- einem Niederfall

Sechs Königreiche ihm zu Füßen lagen.

Ich stand und sah das junge, stolze Blut

In seine Wangen steigen, seinen Busen

Von fürstlichen Entschlüssen wallen, sah

Sein trunknes Aug' durch die Versammlung fliegen

In Wollust brechen -- Prinz -- und dieses Aug'

Sprach laut: ›Ich bin gesättigt.‹«

nach den Gesetzen der Tonkunst aussprechen hörte.

Wie glücklich, wie erhaben waren solche Stunden, in welchen der hohe

Meister sein Werk einem reinen, warmen Sinne vorlegen und den tiefen,

unverfälschten Eindruck gewahren konnte, den es in dem Gemüte des

begeisterten Jünglings hervorbrachte. Jeder Vers wurde als trefflich,

jedes Wort, jeder Ausdruck als erschöpfend anerkannt, denn es war auch

alles groß, alles schön, jeder Gedanke voll Adel. Er konnte ja nichts

Gemeines hervorbringen. Der enthusiastische Freund beschwor Schillern,

bei ähnlichen Gegenständen sich doch gewiß nie mehr zur Prosa

herabzulassen, indem er selbst wahrnehmen müsse, wie viele Wirkung

schon die ersten Versuche erregten.

Nun arbeitete er sehr fleißig an diesem Trauerspiel, übte sich aber

auch zugleich, um seine Einbildungskraft zeitweise ausruhen zu lassen,

in der französischen Sprache, die ihm seit zwei Jahren fremd geworden

war, und welche er sowohl zum Lesen von Racine, Corneille, Diderot

usw. als auch zum Übersetzen sich wieder geläufig machen wollte. Zu

letzterem bewog ihn besonders, seit das Projekt einer Dramaturgie

rückgängig geworden, der Vorsatz, eine Monatschrift herauszugeben,

welche zwar vorzüglich theatralischen Arbeiten und Beurteilungen

gewidmet sein sollte, von der aber auch andere Sachen, die für die

Lesewelt anziehend sein könnten, nicht ausgeschlossen wären. Das

Sammeln der Materialien für mehrere Hefte, das Ausarbeiten derselben,

welches in Mannheim, da er noch keinen Mitarbeiter hatte, ganz auf ihm

lastete, beschäftigte ihn oft bis tief in die Nacht, erhöhte aber auch

seinen Mut, weil er daraus größere Vorteile als durch Stücke für die

Bühne zu ziehen hoffen durfte. Während dieser Anstrengungen, in denen

er sich nur wenige Ruhe gönnte und wo er alles zu ergreifen suchte, um

sein Leben nur einigermaßen von Sorgen frei zu halten, wurde er an eine

Verpflichtung gemahnt, die er noch in Stuttgart eingegangen, und an die

er nur mit Bangigkeit denken konnte.

Es ist aus seinem Briefe aus Frankfurt an Baron Dalberg ersichtlich,

daß er diesen auf die edelste, rührendste Art um einen Vorschuß von 200

Gulden gebeten, damit er die dringendsten Schulden, die seine schnelle

Entfernung zu bezahlen ihm unmöglich machte, damit tilgen könne. Er

sagt dabei: »Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das mehr Sorgen macht,

als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen soll. Ich habe so

lange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite gereinigt habe.«

Diese für einen reichen Mann so leicht zu erfüllende Bitte wurde

ihm aber nicht gewährt, sondern er wurde durch erregte Hoffnungen

veranlaßt, seine wenige Barschaft in Oggersheim vollends aufzuzehren.

Auch seine folgenden Verhältnisse gestatteten ihm nicht, die gemachten

Versprechungen zu halten und mit deren Erfüllung eine Last von sich

abzuwälzen, die für sein wohlwollendes, für die Ehre sehr empfindliches

Gemüt die drückendste seines früheren und späteren Lebens war. Beinahe

zwei Jahre schon war die Geduld der Gläubiger hingehalten worden; er

durfte also die Meinung hegen, daß dieses vielleicht noch länger der

Fall sein könnte. Allein zu seinem nicht geringen Schrecken kam es

anders. Die Person, welche sich für ihn auf obige Summe verbürgt hatte,

wurde so sehr von den Darleihern gedrängt, daß sie aus Stuttgart nach

Mannheim entfloh. Man setzte ihr nach, erreichte sie dort und hielt sie

gefangen.

Um sie für jetzt und für die Zukunft zu retten, blieb kein anderes

Mittel, als ihr die 200 Gulden zu erstatten, für welche sie sich

verbürgt hatte. Aber woher sollte diese für den, der keine andere

Sicherheit als die Früchte seiner Feder leisten konnte, sehr bedeutende

Summe aufgebracht werden? Von daher, wo er schon zweimal vergeblich

Hilfe suchte, durfte er keine gewärtigen. Auch wollte er sich, da die

ganze Sache ein Geheimnis bleiben sollte, nur jemand vertrauen, von

dessen Verschwiegenheit er versichert sein konnte. Glücklicherweise

war er mit einem sehr achtungswerten Manne, dem Baumeister Herrn Anton

Hölzel, bei welchem S. wohnte, nicht nur bekannt, sondern wurde von

ihm auch außerordentlich hochgeachtet, und dieser, so wenig er auf

Reichtum oder Wohlhabenheit Anspruch machen konnte, scheute kein Opfer,

um die verlangte Hilfe zu verschaffen, damit er aus einer Verlegenheit

befreit würde, die von höchst nachteiligen Folgen für ihn hätte sein

können. Es wäre vielleicht möglich gewesen, daß seine Eltern diesen

Betrag erlegt oder wenigstens Bürgschaft dafür geleistet hätten, aber

um dieses einzuleiten war die Zeit zu kurz. Um Rat zu schaffen, durfte

kein Augenblick verloren werden. Und dann war auch sein Stolz zu groß,

um seine gefährliche Lage dem Vater zu enthüllen, welcher seine Flucht

sowohl als auch seine ungewissen Verhältnisse bisher immer mißbilligt

hatte.

Dieser höchst unangenehme Vorfall machte auf den gepeinigten Dichter

einen um so tieferen Eindruck, als jetzt durchaus nicht mehr abzusehen

war, wie oder in welcher Zeit eine Rettung aus seinen Geldnöten möglich

sein würde. In dem für ihn so fatalen Mannheim war keine Erlösung aus

den Sorgen zu hoffen; denn bei so geringen Einkünften mußten sich seine

Umstände immer tiefer und endlich auf einen solchen Grad verschlimmern,

daß ihm zuletzt kein anderes Mittel zu Gebote gestanden hätte, als sich

heimlich zu entfernen. Aber wohin??? -- -- -- dies war eine Frage, auf

die keine Antwort sich finden ließ.

Wie aber oft das dichteste, schwärzeste Gewölk sich plötzlich öffnet,

um einen erquickenden Strahl der Sonne durchzulassen, oder auch der

schwere Arm des Schicksals über den harten Prüfungsschlägen selbst

ermüdet, so geschah es hier, und der erste Schritt, um Deutschland

seinen edelsten Dichter zu erhalten, wurde nicht von seiner Umgebung,

die täglicher Zeuge seines großen Charakters war, auch nicht von denen,

die von den Früchten seines Geistes Vorteile zogen, sondern von solchen

Menschen getan, deren Dasein ihm gar nicht bekannt war. Ganz unerwartet

nämlich erhielt er durch den Postwagen[8] ein Päckchen, in welchem

vier Bildnisse, mit farbigen Stiften auf Gips gezeichnet, nebst einer

gestickten Brieftasche mit Schreiben sich befanden, welch letztere von

der wärmsten, tiefsten Verehrung gegen seine großartigen Arbeiten sowie

von der richtigen Würdigung seines außerordentlichen Dichtergeistes

zeugten.

Wie wohltuend der Eindruck gewesen, den diese schöne Überraschung

auf Schiller machte, dies kann selbst der Augenzeuge nicht gehörig

beschreiben. Obwohl er auch hierüber sich ebenso auf die edelste,

männlichste Art wie über alles äußerte, so zeigte dennoch seine

vermehrte Heiterkeit fast in höherem Grade als seine Gespräche, wie

erfreulich es ihm sei, in weiter Ferne von gebildeten Menschen erkannt,

hochgeachtet und wegen seiner Leistungen geliebt zu werden; daß diese

aus einem Gesichtspunkt angesehen würden, welcher ihn hoch über seine

Zeit stellte -- daß, wenn auch die meisten, welche ihn umgaben, stumm

blieben und nur Kälte zeigten, es noch an manchen Orten Herzen geben

könne, die für ähnliche Gefühle wie das seinige schlügen -- daß er,

seiner bittern, düstern Verhältnisse ungeachtet, sich durch eine solche

Anerkennung weit höher als durch Reichtümer belohnt finde.

Hätten doch Herr Körner, seine Braut, deren Schwester und Professor

Huber, von denen dies die Abbildungen waren, sehen können, wie

glücklich diese Aufmerksamkeit Schillern machte, welche Ruhe,

welche Zufriedenheit dadurch in sein ganzes Wesen kam, wie es ihm

schmeichelte, die erhaltenen Beifallsbezeugungen mit seinen eignen

Ansichten übereinstimmend zu finden, wahrlich, sie hätten die süße

Genugtuung empfunden, dem Dichter das Vergnügen, welches er ihnen durch

seine Werke verschafft, reichlich vergolten zu haben!

Wer nie in dem Falle war, bei sich selbst oder bei andern

wahrzunehmen, wie stumpf, wie gebeugt der Geist endlich werden muß,

wenn dasjenige, was das Talent erschafft, nicht gehörig gewürdigt

oder nicht verhältnismäßig belohnt wird, der kann es auch unmöglich

fassen, wie sehr eine unvermutete Anerkennung des wahren Wertes dem

Selbstvertrauen, der Tätigkeit eine Schnellkraft verleiht, die das

ganze frühere Empfindungsvermögen so sehr verändert, daß derjenige,

welcher soeben erst in sich zusammengesunken war, plötzlich mit

erhobenem Haupte sich aufrichtet. Den Dichtern, Künstlern ist es zwar

immer angenehm, wenn ihre Verdienste durch Ehre, Geld oder andere

Zeichen des Beifalls belohnt werden; aber höher als alles dieses achten

sie es dennoch, wenn die innersten Absichten ihrer Arbeiten so gänzlich

begriffen werden, daß sie in demjenigen, der über sie urteilt und ihnen

kenntnisreiche Lobsprüche spendet, ihr eigentliches Selbst erkennen.

Dieselbe Wirkung brachte diese Überraschung auf Schillern um so

mehr hervor, weil sie von Fremden ausging, er seine Umgebung schon

gewohnt war und nur äußerst wenige sich fanden, welche seine hohen

Darstellungen sowie den tiefen Sinn, der in ihnen lag, genugsam hätten

würdigen können. Allmählich wurde auch die Hoffnung in ihm erregt, daß

diese neuen Freunde wohl keine Verwendung unterlassen würden, um ihn

aus seinem dermaligen Zustande zu erlösen und in bessere Verhältnisse

zu setzen. Dieses bestätigte sich auch später in einem solchen Grade,

daß es für denjenigen, der sich an den Werken des Unsterblichen stärkt

und kräftigt, noch heute eine Art von Pflicht ist, dabei auch Körners,

seines erhaltenen, unwandelbaren Freundes dabei eingedenk zu sein.

Ehre demjenigen, der einem aus drückenden Lebensverhältnissen befreiten

Talente seine Achtung und Aufmerksamkeit beweist! Aber die größte

Ehre sei dem, welcher einem hohen Geiste die Hindernisse wegräumt,

die seinem freien Wirken sich entgegenstellen, und der nicht seinen

Überfluß, sondern sein Notwendiges mit ihm teilt. Der Eifer und

die Tätigkeit Schillers schienen durch den Briefwechsel mit den

neuen Freunden einen lebhaften Schwung erhalten zu haben, denn er

arbeitete nun ohne Rast an Don Carlos und an dem ersten Hefte seiner

Monatsschrift. Eine angenehme Zerstreuung verschaffte ihm der Besuch

seiner ältesten Schwester, welche, von Herrn Reinwald begleitet, auf

kurze Zeit nach Mannheim kam. Die blühende, kräftige Jungfrau schien

entschlossen, ihr künftiges Schicksal mit einem Manne zu teilen, dessen

geringe Einkünfte und wankende Gesundheit wenig Freude zu versprechen

schienen. Jedoch waren ihre Gründe dazu so edler Art, daß sie auch

in der Folge es nie bereute, das Herz ihrem Verstande und einem

vortrefflichen Gatten geopfert zu haben. Nicht lange nach der Schwester

Abreise wählte Herr von Kalb, damals Offizier in französischen

Diensten, wo er die Feldzüge des nordamerikanischen Befreiungskrieges

mitgemacht und sich dabei sehr ausgezeichnet hatte, mit seiner Gemahlin

und Schwägerin seinen Aufenthalt zu Mannheim. Schiller lernte sogleich

diese in jedem Betracht edle Familie kennen, in welcher Frau von

Kalb durch ihren richtigen Verstand und feine Geistesbildung sich

besonders auszeichnete. Für den Dichter war der Umgang mit diesen

seltenen Menschen ebenso wichtig als erheiternd, indem kein Gegenstand

der Literatur sich fand, mit welchem diese Dame nicht vertraut gewesen

wäre, oder irgend eine Weltbegebenheit, bei deren Beurteilung man das

Umfassende, Scharfsinnige und die klaren Ansichten ihres Gemahls nicht

hätte bewundern müssen.

Die Musik verschaffte S. das noch stets in Andenken erhaltene Glück,

Frau von Kalb mehrmals in der Woche zu sehen und, da sie eben in der

Dichtung eines Romans begriffen war, auch über andere Gegenstände

mit ihr zu sprechen. Es war nichts natürlicher, als daß sehr oft von

Schiller und seinen Arbeiten die Rede war, von denen aber S. den

Don Carlos, den der Dichter jetzt unter der Feder habe, weit über

alles früher Geleistete setzte. Die Neugierde der Frau v. K. wurde

durch die begeisterten Lobeserhebungen auf das höchste gespannt. Sie

ersuchte Schillern einigemal, ihr doch etwas davon lesen zu lassen.

Allein dieser wollte erst noch einige Szenen fertig machen, dann ins

Reine schreiben und, um jede Schönheit gehörig herauszuheben, selbst

vorlesen. Frau v. K. fügte sich um so eher in diesen Aufschub, weil sie

hoffte, daß einige weitere Szenen ihr Vergnügen erhöhen müßten und sie

auch davon den schönsten Genuß sich versprach, die ihr mit so vielem

Enthusiasmus angerühmte prachtvolle Sprache aus des Dichters eignem

Munde zu vernehmen. Dieser brachte endlich eines Nachmittags seinen Don

Carlos zu der in der größten Erwartung harrenden Frau und las ihr den

fertigen Teil des ersten Aktes vor. Lauschend heftete die Zuhörerin

ihre Blicke auf den mit Pathos und Begeisterung deklamierenden

Verfasser, ohne durch das leichteste Zeichen ihre Empfindung erraten zu

lassen. Als dieser geendigt hatte, fragte er mit der unbefangensten,

freundlichsten Miene: »Nun, gnädige Frau! wie gefällt es Ihnen?« Diese

suchte auf die schonendste Art einer bestimmten Antwort auszuweichen.

Als aber wiederholt um die aufrichtige Meinung über den Wert dieser

Arbeit gebeten wurde, brach Frau v. K. in lautes Lachen aus und sagte:

»Lieber Schiller! das ist das Allerschlechteste, was Sie noch gemacht

haben.« -- »Nein! das ist zu arg!« erwiderte dieser, warf seine

Schrift voll Ärger auf den Tisch, nahm Hut und Stock und entfernte

sich augenblicklich. Kaum war er aus der Tür, als Frau v. K. nach dem

Papiere griff und zu lesen anfing. Sie hatte die erste Seite noch

nicht geendigt, als sie sogleich dem Bedienten schellte. »Geschwind,

geschwind lauf' Er zu Herrn Schiller: ich lasse ihn um Verzeihung

bitten, ich hätte mich geirrt, es sei das Allerschönste, was er noch

geschrieben habe, er solle doch ja sogleich wieder zu mir kommen.« Der

Auftrag wurde ebenso schnell als genau ausgerichtet. Allein Schiller

gab der Bitte kein Gehör, sondern kam erst den folgenden Tag zu der

feinsinnigen Frau, die zwar ihr erstes Urteil sehr willig zurücknahm,

ihm aber auch erklärte, daß seine Dichtungen durch die heftige,

stürmische Art, mit welcher er sie vorlese, unausbleiblich verlieren

müßten.

Als Kabale und Liebe wieder aufgeführt wurde, hatte Schiller die

Aufmerksamkeit, den Namen des Hofmarschalls umschaffen zu wollen.

Allein Herr und Frau von Kalb dachten viel zu groß, um sich durch

einen erdichteten Namen irren zu lassen, und widersetzten sich einer

Abänderung aus dem sehr richtigen Grunde, daß ein anderer Name als der

frühere die Vermutung herbeiführen müsse, als sei der vorherige auf

jemand aus ihrer Familie abgesehen gewesen.

Der Umgang mit diesen wahrhaft edlen, vortrefflichen Menschen nebst

dem Briefwechsel mit den Freunden in Leipzig verschafften dem

Dichter zwar viele erheiternde Stunden, konnten aber dennoch seine

häuslichen Verhältnisse und seine schwankende, unbestimmte Stellung

nicht verbessern, sondern er mußte in so beunruhigenden Umständen

auch den Herbst nebst dem Anfange des Winters noch ebenso wie bisher

zubringen, obwohl er sich mit Sachen beschäftigte, welche nur der ganz

sorgenfreien Laune an den Tag zu fördern möglich sind.

Endlich zu Anfang des Jahres 1785[9] verbreitete sich in Mannheim das

Gerücht, der regierende Herzog von Weimar werde auf einen Besuch zu

der landgräflichen Familie nach Darmstadt kommen. Schiller, von seinem

eignen Verlangen ebensosehr als von Herrn und Frau Kalb angeeifert,

wünschte nichts so sehnlich, als bei dieser aus den feinsten Kennern

des wahrhaft Schönen bestehenden Zusammenkunft sich als denjenigen

zeigen zu dürfen, der wohl würdig wäre, dem schönen Bunde in Weimar

beigesellt zu werden, welcher den Namen seines hohen Beschützers auf

die späteste Nachwelt übertragen würde. Die Güte, die Herablassung

nebst aufrichtiger Anerkennung großer Eigenschaften waren von dem

Herzoge von Weimar ebenso zu erwarten, als das zuvorkommende Benehmen

der Frau Landgräfin gegen jeden ausgezeichneten Künstler oder Dichter

sich schon so oft gezeigt hatte. Der Ruf von dem hohen Werte der

theatralischen Arbeiten Schillers war keinem Deutschen unbekannt,

daher die Empfehlungsbriefe von Herrn und Frau von Kalb nebst denen

von Baron Dalberg an die nächste Umgebung der fürstlichen Personen mit

freundlichster Berücksichtigung aufgenommen wurden.

Schillers wichtigste Angelegenheit war, seinen Don Carlos in demjenigen

Kreise bekannt zu machen, für den er eigentlich gedichtet schien.

Hatte er darin die richtigste Ansicht getroffen, die würdigste

Sprache gewählt, so durfte er nicht allein den ungeteilten Beifall

der hohen Gesellschaft, sondern auch die wichtigste Entscheidung für

seine Zukunft erwarten. Sein Wunsch, Don Carlos selbst vorzulesen,

wurde mit fürstlichem Wohlwollen gewährt und diese majestätische

Dichtung mit so entschiedenem Anteil aufgenommen, daß es bei einer

folgenden Unterredung mit dem Herzoge von Schiller nur einer leisen

Bitte bedurfte, um von demselben eine öffentliche Anerkennung seines

außerordentlichen Geistes zu erhalten.

Schiller kehrte als Rat des Herzogs von Weimar nach Mannheim zurück.

Konnte dieses einsilbige Wörtchen den Verdiensten des schon damals

alles überragenden Dichters auch keinen neuen Glanz verleihen, so hatte

es wenigstens für die Gegenwart dennoch die Wirkung eines Talismans;

denn seine Verhältnisse, von denen sich nur die traurigste Wendung

erwarten ließ, gestalteten sich von nun an um vieles beruhigender, ja

sie erhielten dadurch einen Anhaltspunkt, der bis jetzt nur ersehnt,

aber nicht erreicht werden konnte. Das Verlangen der Eltern, er möchte

durch eine dauernde Versorgung einem Fürsten angehören, schien erfüllt,

seinen in Stuttgart zurückgelassenen Tadlern wurde bewiesen, daß seine

Talente im Auslande weit größere Würdigung als in Württemberg gefunden

und auch solche, die gegen seine Arbeiten gleichgültig geworden waren,

mußten für ihn höhere Achtung gewinnen, da er von einem so vollgültigen

Richter würdig befunden wurde, dem schönsten Geisterverein, welchen

Deutschland jemalen aufzuweisen hatte, für immer anzugehören.

Ohne daß Schiller es ahnte oder zu wissen schien, hatte dieser kleine

Beisatz zu seinem Namen dennoch einen sehr großen Einfluß auf ihn.

Sein Betragen wurde freier, bestimmter. Dieser Titel hatte in ihm

die Gewißheit erweckt, sich ein neues besseres Vaterland erwerben

zu können. Die Beurteilungen des Theaters wurden kälter, schärfer

ausgesprochen, als früher geschah. Seine Tätigkeit war wie neu belebt;

auch arbeitete er jetzt mit um so mehr Freude, je näher eine günstige

Veränderung seines ihm bisher nur Unheil bringenden Aufenthaltes zu

hoffen war.

Aber auch der Theaterdichter wurde von dem Herrn Rat nun mit ganz

andern Augen angesehen, weil jener nie aus der begonnenen Bahn treten,

weil er immer dieselbe Last tragen muß, wohingegen dieser, von Stufe

zu Stufe immer höher steigend, seinen Ehrenkreis erweitern kann.

Vorzüglich aus letzterer Ursache schloß er, daß sein Verbleiben in

Mannheim ihm nicht nur unnütz, sondern sogar schädlich sein müsse,

weil es ihm nicht die geringste Verbesserung darbieten könne. Er

leitete deshalb nicht nur mit seinen Leipziger Freunden, sondern auch

mit Herrn Schwan das Nötige ein, um seinen bisherigen Aufenthalt im

Anfange des Frühjahres zu verlassen. Gegen das Theater selbst war er

um so gleichgültiger geworden, weil es keine seiner Erwartungen ganz

erfüllt hatte; zum Teil aber auch, weil der größte Teil der Mitglieder

ihn jetzt schmähte und erbost auf ihn war. Dieser fast allgemeine

Haß war durch die Beurteilungen (in dem ersten Hefte der Rheinischen

Thalia) der Darstellung einiger Stücke veranlaßt, in welchen mehrere

Mitglieder, die früher an vieles Lob von ihm gewöhnt waren, sehr

hart mitgenommen wurden. Diese Kritiken mußten um so mehr auffallen,

als damals eine Zeitung oder ein Journal sehr selten über einzelne

Schauspieler etwas erwähnte und diese ohnehin es mit den meisten

Künstlern gemein haben, sich für vollkommen oder unfehlbar zu achten.

Zu Anfang des März 1785 wurde alles von ihm veranstaltet, um Mannheim

bald verlassen zu können, welches, durch erhaltene Wechsel aus Leipzig

erleichtert, zu Ende des Monats auch wirklich ausgeführt wurde. Den

Abend vor seiner Abreise, welche bei Anbruch des kommenden Tages vor

sich gehen sollte, brachte S. bis gegen Mitternacht bei ihm zu. Die

vergangenen zwei Jahre, welche auf eine sehr unangenehme Weise von ihm

verlebt waren, berührte er nur insofern, als sie in ihm die traurige

Überzeugung hervorgebracht, daß in Deutschland, wo (1785) das Eigentum

des Schriftsteller wie des Verlegers jedem preisgegeben, ja als

vogelfrei erklärt sei, und bei der geringen Teilnahme höherer Stände

an den Erzeugnissen der deutschen Literatur ein Dichter, würde er auch

alle andern der verflossenen oder gegenwärtigen Zeit übertreffen, ohne

einen besoldeten Nebenverdienst, ohne bedeutende Unterstützung, bloß

durch die Früchte seines Talents unmöglich ein solches Einkommen sich

verschaffen könne, als einem fleißigen Handwerksmanne mit mäßigen

Fähigkeiten dieses gelingen müsse. Er war sich bewußt, alles getan zu

haben, was seine Kräfte vermochten, ohne daß es ihm gelungen wäre, das

wenige zu erwerben, was zur größten Notwendigkeit des Lebens gezählt

wird, noch weniger aber so viel, daß er bei seiner Abreise auch seine

Geldverbindlichkeiten hätte erfüllen können. Von nun an sollte nicht

mehr die Dichtkunst, am wenigsten aber das Drama, der einzige Zweck

seines Lebens sein, sondern er war fest entschlossen, den Besuch der

Muse nur in der aufgereiztesten Stimmung anzunehmen; dafür aber mit

allem Eifer sich wieder auf die Rechtswissenschaft zu werfen, durch

welche er nicht nur aus jeder Verlegenheit befreit zu werden, sondern

auch einen wohlhabenden, sorgenfreien Zustand zu erwerben hoffen dürfe.

Diesen Plan besprach er von allen denkbaren Seiten. Wenn auch eine

sich als widrig zeigte, so wäre sie doch nicht von der demütigenden

Art, wie solche, die sich täglich dem Dichter darbieten, der in der

höheren Gesellschaft nicht aufgenommen, wenn er seine Feder der Bühne

widme, sogar verachtet sei, auf keinen Rang unter den Ständen Anspruch

machen dürfe und wie ein fremdes, heimatloses Wesen seinen kärglichen

Unterhalt mit unablässiger Anstrengung erringen müsse. Seinen Talenten,

seiner Beharrlichkeit traute er es zu, in weniger als einem Jahre

die Theorie der Rechtswissenschaft, unterstützt von den reichen

Hilfsmitteln der Leipziger Universität, soweit inne zu haben, daß er

auch darin wie in der Arzneikunde den Doktorhut nehmen und dadurch sich

nicht nur einen bessern, sondern auch beständigern Zustand bereiten

könne. Er glaubte den Schluß mit vollem Rechte machen zu dürfen, wenn

die Erlernung dieser Wissenschaft einem gewöhnlichen Kopf in einigen

Jahren möglich sei, so müsse es ihm -- der von Jugend auf zum Studieren

von Systemen angehalten worden -- der in den zwei ersten Jahren,

die er in der Akademie zubrachte, bedeutende Fortschritte in dieser

Wissenschaft getan -- der das Lateinische ebenso geläufig wie seine

Muttersprache inne habe -- der Hallers Werke in drei Monaten sich so

eigen gemacht, daß er eine Prüfung darüber mit Ehren bestehen konnte --

dem das Nachdenken eine Lust, ein Bedürfnis sei -- um so viel leichter

werden, den Schneckengang anderer mit seinen weit ausgreifenden

Schritten zu überholen und schnell dahin zu gelangen, wo ihn auch die

kühnste Erwartung erst nach Jahren vermute.

Sein Vorsatz darüber war so fest, die Ausführung schien ihm so

leicht, eine ehrenvolle Anstellung bei einem der kleinen sächsischen

Höfe so nahe, daß er und der zurückbleibende Freund sich die Hände

darauf gaben, so lange keiner an den andern schreiben zu wollen, bis

er Minister oder der andere Kapellmeister sein würde. Mit diesem

feierlichen Versprechen schieden beide voneinander.

Aber die Himmlischen hatten anders über ihn beschlossen. Sie ließen es

nicht zu, daß eine solche Fülle von Gaben, reich genug, um Millionen zu

beglücken, nur auf einen engen Kreis beschränkt oder ganz unfruchtbar

bleiben sollte. Mit Liebe leiteten sie nun an sanfter, gütiger Hand

ihren Begünstigten in die Arme von Freunden, die alles aufboten, damit

er seinem hohen Berufe nicht ungetreu würde, damit er die unendliche

Menge des wahrhaft Schönen und Guten, welches er in sich trug, zur

Veredlung der Menschheit, zur Erleuchtung und Stärkung kommender

Geschlechter, zu unvergänglichem Ruhme seiner selbst sowie zu dem

seines eigentlichen Vaterlandes anwenden konnte.

* * * * *

Durch diese nach allen Umständen getreue Erzählung darf der Verfasser

glauben, eine sehr bedeutende Lücke, die sich -- ohne irgend eine

Ausnahme -- in allen Lebensbeschreibungen des großen Mannes findet,

ausgefüllt, und einem künftigen Biographen die vollständige Darstellung

eines auf seine Zeit so einflußreichen Lebens erleichtert zu haben.

Der verehrte Leser wolle nun diese von einem Augenzeugen gegebene

Mitteilung mit den früher von andern dem Publikum vorgelegten

vergleichen und dann die Glaubwürdigkeit letzterer beurteilen.

Ende.

Auf Kriegspapier gedruckt.

Schillers Flucht von Stuttgart und Aufenthalt in Mannheim von 1782-1785 · 第 24 / 27 题