und
Aufenthalt in Mannheim von 1782--1785.
Johann Kaspar Schiller, geboren 1723, war der Vater unseres Dichters
und ein Mann von sehr vielen Fähigkeiten, die er auf die beste,
würdigste Weise verwendete, und die sowohl von seiner Umgebung als auch
von seinem Fürsten auf das vollständigste anerkannt wurden.
In seiner Jugend wählte er zum Beruf die Wundarzneikunde und ging,
nachdem er sich hierin ausgebildet, in seinem zweiundzwanzigsten Jahre
mit einem bayrischen Husarenregiment nach den Niederlanden, von wo er,
nach geschlossenem Frieden, in sein Vaterland Württemberg zurückkehrte
und sich 1749 zu Marbach, dem Geburtsorte seiner Gattin, verheiratete.
Dem höher strebenden und mehr als zu seinem Fache damals nötig war,
ausgebildeten Geiste dieses Mannes konnte aber der kleine, enge Kreis,
in dem er sich jetzt bewegen mußte, um so weniger zusagen, als er
durchaus nichts Erfreuliches für die Zukunft erwarten ließ, und er
auch bei früheren Gelegenheiten, wo er gegen den Feind als Anführer
in den Vorpostengefechten diente, Kräfte in sich hatte kennen lernen,
deren Gebrauch ihm edler sowie für sich und seine Familie nützlicher
schien als dasjenige, was er bisher zu seinem Geschäft gemacht
hatte. Er verließ daher bei dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges,
an welchem der Herzog gegen Preußen teilnahm, die Wundarzneikunde
gänzlich, suchte eine militärische Anstellung und erhielt solche 1757
als Fähnrich und Adjutant bei dem Regiment Prinz Louis um so leichter,
da er schon früher den Ruhm eines tapfern Soldaten und umsichtigen
Anführers sich erworben hatte.
So lange als das württembergische Korps im Felde stand, machte er
diesen Krieg mit, benutzte aber die Zeit der Winterquartiere, um
mit Urlaub nach Hause zu kehren, und war im November 1759 bei der
Geburt seines Sohnes, der auch der einzige blieb, gegenwärtig. Nach
geschlossenem Frieden wurde er in dem schwäbischen Grenzstädtchen
Lorch als Werboffizier mit Hauptmannsrang angestellt, bekam aber,
sowie die zwei Unteroffiziere, die ihm beigegeben waren, während drei
ganzer Jahre nicht den mindesten Sold, sondern mußte diese ganze Zeit
über sein Vermögen im Dienste seines Fürsten zusetzen. Erst als er
dem Herzog eine nachdrückliche Vorstellung einreichte, daß er auf
diese Art unmöglich länger als ehrlicher Mann bestehen oder auf seinem
Posten bleiben könne, wurde er abgerufen und in der Garnison von
Ludwigsburg angestellt, wo er dann später seinen rückständigen Sold
in Terminen nach und nach erhielt. Sowohl während der langen Dauer
des Krieges als auch in seinem ruhigen Aufenthalte zu Lorch war sein
lebhafter, beobachtender Geist immer beschäftigt, neue Kenntnisse zu
erwerben und diejenigen, welche ihn besonders anzogen, zu erweitern.
Den Blick unausgesetzt auf das Nützliche, Zweckmäßige gerichtet, war
ihm schon darum Botanik am liebsten, weil ihre richtige Anwendung dem
Einzelnen, sowie ganzen Staaten Vorteile verschafft, die nicht hoch
genug gewürdigt werden können. Da zu damaliger Zeit die Baumzucht
kaum die ersten Grade ihrer jetzigen, hohen Kultur erreicht hatte, so
verwendete er auf diese seine besondere Aufmerksamkeit und legte in
Ludwigsburg eine Baumschule an, welche so guten Erfolg hatte, daß der
Herzog -- gerade damals mit dem Bau eines Lustschlosses beschäftigt --
ihm 1775 die Oberaufsicht über alle herzustellenden Gartenanlagen und
Baumpflanzungen übertrug.
Hier hatte er nun Gelegenheit nicht nur alles, was er wußte
und versuchen wollte, im großen anzuwenden, sondern auch seine
Ordnungsliebe und Menschenfreundlichkeit auf das wirksamste zu
beweisen. Um seine Erfahrungen in der Baumzucht, welche nach der
Absicht seines Fürsten für ganz Württemberg als Regel dienen sollten,
auch dem Auslande nutzbringend zu machen, sammelte er solche in einem
kleinen Werke: Die Baumzucht im großen, wovon die erste Auflage zu
Neustrelitz 1795 und die zweite 1806 zu Gießen erschien.
Auch außer seinem Berufe war die Tätigkeit dieses seltenen Mannes ganz
außerordentlich. Sein Geist rastete nie, stand nie still, sondern
suchte immer vorwärts zu schreiten. Er schrieb Aufsätze über ganz
verschiedene Gegenstände und beschäftigte sich sehr gern mit der
Dichtkunst -- zu welcher er eine natürliche Anlage hatte.
Es ist nicht wenig zu bedauern, daß von seinen vielen Schriften und
Gedichten weiter nichts als obiges Werkchen unter die Augen der Welt
kam; wäre es auch nur, um einigermaßen beurteilen zu können, wie
viel der Sohn im Talent zum Dichter und Schriftsteller vom Vater als
Erbteil erhalten habe. Der Herzog, der ihm endlich den Rang als Major
erteilte, schätzte ihn sehr hoch; seine Untergebenen, die in großer
Anzahl aus den verschiedensten Menschen bestanden, liebten ihn ebenso
wegen seiner Unparteilichkeit, als sie seine strenge Handhabung der
Ordnung fürchteten; Gattin und Kinder bewiesen durch Hochachtung und
herzlichste Zuneigung, wie sehr sie ihn verehrten.
Von Person war er nicht groß. Der Körper war untersetzt, aber sehr
gut geformt. Besonders schön war seine hohe, gewölbte Stirn, die
durch sehr lebhafte Augen beseelt, den klugen, gewandten, umsichtigen
Mann erraten ließ. Nachdem er seine heißesten Wünsche für das Glück
und den Ruhm seines einzigen Sohnes erfüllt gesehen und den ersten
Enkel seines Namens auf den Armen gewiegt hatte, starb er 1796 im
Alter von 73 Jahren an den Folgen eines vernachlässigten Katarrhs nach
achtmonatlichen Leiden in den Armen seiner Gattin und der ältesten
Tochter, die von Meiningen herbeigeeilt war, um mit der Mutter die
Pflege des Vaters zu teilen, zugleich auch die schwere Zeit des
damaligen Krieges und ansteckender Krankheiten ihnen übertragen zu
helfen.
Die Mutter des Dichters, Elisabetha Dorothea Kodweiß, war aus einem
alt-adligen Geschlecht entsprossen, das sich von Kattwitz nannte und
durch unglückliche Zeitumstände Ansehen und Reichtum verloren hatte.
Ihr Vater, der schon den Namen Kodweiß angenommen, war Holzinspektor
zu Marbach. Eine fürchterliche Überschwemmung beraubte ihn dort seines
ganzen Vermögens. Aus Not griff er nun, um seine Familie nicht darben
zu lassen, zu gewerblichen Mitteln, bei welchen er jedoch nichts
vernachlässigte, was die Bildung des Herzens und Geistes seiner Kinder
befördern konnte.
Diese edle Frau war groß, schlank und wohlgebaut; ihre Haare waren sehr
blond, beinahe rot; die Augen etwas kränklich. Ihr Gesicht war von
Wohlwollen, Sanftmut und tiefer Empfindung belebt, die breite Stirne
kündigte eine kluge, denkende Frau an. Sie war eine vortreffliche
Gattin und Mutter, die ihre Kinder auf das zärtlichste liebte, sie mit
größter Sorgfalt erzog, besonders aber auf ihre religiöse Bildung,
so früh als es rätlich war, durch Vorlesen und Erklären des Neuen
Testaments einzuwirken suchte.
Gute Bücher liebte sie leidenschaftlich, zog aber -- was jede Mutter
tun sollte -- Naturgeschichte, Lebensbeschreibungen berühmter Männer,
passende Gedichte sowie geistliche Lieder allen andern vor. Auf den
Spaziergängen leitete sie die Aufmerksamkeit der zarten Gemüter auf
die Wunder der Schöpfung, die Größe, Güte und Allmacht ihres Urhebers.
Dabei wußte sie ihren Reden so viel Überzeugendes, so viel Gehalt und
Würde einzuflechten, daß es ihnen in späten Jahren noch unvergeßlich
blieb. Ihre häusliche Lage war bei dem geringen Einkommen ihres Gatten
sehr beschränkt, und es erforderte die aufmerksamste Sparsamkeit,
sechs Kinder standesgemäß zu erhalten und sie in allem Notwendigen
unterrichten zu lassen.
Die allgemeine Lebensart und Sitte, welche damals in Württemberg
herrschte, erleichterte jedoch eine gute Erziehung um so mehr, als eine
Abweichung von Sparsamkeit, Ordnungsliebe, Rechtschaffenheit sowie der
aufrichtigsten Verehrung Gottes als ein großer Fehler angesehen und
scharf getadelt worden wäre. Die Begriffe von Redlichkeit, Aufopferung,
Uneigennützigkeit suchte man damals jedem Kinde in das Herz zu prägen.
In der Schule wie zu Hause wurde auf die Ausübung dieser Tugenden
ein wachsames Auge gehalten. Die Vorbereitungen zur Ablegung des
Glaubensbekenntnisses waren größtenteils Prüfungen des vergangenen
Lebens sowie eindringende Ermahnungen, daß alles Tun und Lassen Gott
und den Menschen gefällig einzurichten sei.
Ein nicht unbedeutender Teil der Bewohner Württembergs, zu welchem
sich aus allen Ständen Mitglieder gesellten, konnte sich aber an
derjenigen Religionsübung, welche in der Kirche gehalten wurde,
nicht begnügen, sondern schloß noch besondere Vereinigungen, um die
innerliche, geistige Ausbildung zu befördern, und den äußern Menschen
der Stimme des Gewissens ganz untertänig zu machen, damit dadurch hier
schon die höchste Ruhe des Gemüts und ein Vorgeschmack dessen erlangt
würde, was das Neue Testament seinen mutigen Bekennern im künftigen
Leben verspricht. Aber es war keine müßige, innere Anschauung, welcher
diese Frommen sich hingaben, sondern sie suchten auch ihre Reden
und Handlungen ebenso tadellos zu zeigen, als es ihre Gedanken und
Empfindungen waren.
Konnten auch die weltlicher Gesinnten einer so strengen Übung der
Religion und Selbstbeherrschung sich nicht unterwerfen, so hatten sie
doch nachahmungswürdige Vorbilder unter Augen, vor welchen sie sich
scheuen mußten, die rohe Natur vorwalten zu lassen oder etwas zu tun,
was einen zu scharfen Abstand gegen das Sein und Handeln der Frömmern
gemacht hätte. Für das Allgemeine hatten diese abgeschlossenen, stillen
Gesellschaften die gute Folge, daß der württembergische Volkscharakter
als ein Muster von Treue, Redlichkeit, Fleiß und deutscher Offenheit
gepriesen wurde, und Ausnahmen davon unter die Seltenheiten gezählt
werden durften.
In diesem Lande, unter solchen Menschen lebten die Eltern unseres
Dichters, und nach solchen frommen Grundsätzen erzogen sie auch ihre
Kinder. Die Eindrücke dieser tief wirkenden Leitung konnten nie
erlöschen; sie begleiteten die Kinder durch das ganze Leben, ermutigten
in den schwersten Prüfungen die Töchter und sprechen sich mit der
höchsten Wärme in den meisten Werken des Sohnes aus.
Auch diese gute, geliebte Mutter erlebte noch den ersehnten Augenblick,
ihren einzigen Sohn und Liebling als glücklichen Gatten und Vater, mit
errungenem Ruhm gekrönt, im Vaterlande selbst umarmen zu können.
Ein sanfter Tod entriß sie den Ihrigen im Jahr 1802. Ihre Ehe,
die ersten acht Jahre unfruchtbar, ward endlich durch sechs
Kinder beglückt, von denen gegenwärtig nur noch Dorothea Luise
Schiller, geboren 1766, an den Stadtpfarrer Frankh zu Möckmühl im
Württembergischen verheiratet, und Elisabetha Christophina Friederika
Schiller, geboren 1757, Witwe des verstorbenen Bibliothekars und
Hofrats Reinwald zu Meiningen, am Leben sind. Die jüngste Schwester,
Nannette, geboren 1777, verschied infolge eines ansteckenden
Nervenfiebers, das durch ein auf der Solitüde anwesendes Feldlazarett
verbreitet wurde, in ihrer schönsten Blüte schon im achtzehnten Jahre.
Zwei andere Kinder starben bald nach der Geburt.
Dem Bruder an Gestalt, Geist und Gemüt am ähnlichsten ist die edle
Reinwald, zu welchen Eigenschaften sich noch eine Handschrift gesellt,
welche der des Dichters so ähnlich ist, daß man sie davon kaum
unterscheiden kann.
Den frommen Gefühlen der Jugend getreu, konnte sie, auch als kinderlose
Witwe, am 16. September 1826 dem Verfasser schreiben: »Aber ich stehe
doch nicht allein, überall umgibt mein Alter der Freundschaft und
Liebe sanftes Band, und Gott schenkt mir in meinem neunundsechzigsten
Lebensjahr noch den völligen Gebrauch meiner Sinne und eine Heiterkeit
der Seele, die gewöhnlich nur die Jugend beglückt. So sehe ich mit
Zufriedenheit meinem Ziel entgegen, das mich in einer bessern Welt mit
den Geliebten, die vorangingen, wieder vereinigt.«
Unser Dichter, Johann Christoph Friedrich Schiller, wurde am 10.
November 1759 zu Marbach, einem württembergischen Städtchen am Neckar,
geboren. Obwohl Marbach damals nicht der Wohnort seiner Eltern war, so
hatte sich dennoch seine Mutter dahin begeben, um in ihrem Geburtsort,
in der Mitte von Verwandten und Freunden das Wochenbett zu halten.
Über die ersten Kinderjahre Schillers läßt sich mit Zuverlässigkeit
nichts weiter angeben, als daß seine Erziehung mit größter Liebe und
Aufmerksamkeit besorgt wurde, indem er sehr zart und schwächlich schien.
Erst von dem Jahr 1765 an werden die Nachrichten bestimmter und
verbürgen, daß der Knabe seinen ersten Unterricht im Lesen, Schreiben,
Lateinischen und Griechischen von dem Pastor Moser mit dessen Söhnen
zugleich in Lorch, einem schwäbischen Grenzstädtchen, erhielt, wohin
sein Vater, wie oben erwähnt, als Werboffizier versetzt ward.
Damals schon, im Alter von sechs bis sieben Jahren, hatte er ein sehr
tiefes religiöses Gefühl sowie eine sich täglich aussprechende Neigung
zum geistlichen Stande. Sowie ihn eine ernste Vorstellung, ein frommer
Gedanke ergriff, versammelte er seine Geschwister und Gespielen um
sich her, legte eine schwarze Schürze als Kirchenrock um, stieg auf
einen Stuhl und hielt eine Predigt, deren Inhalt eine Begebenheit, die
sich zugetragen, ein geistliches Lied oder ein Spruch war, worüber er
eine Auslegung machte. Alle mußten mit größter Ruhe und Stille zuhören;
denn wie er den geringsten Mangel an Aufmerksamkeit oder Andacht bei
der kleinen Gemeinde wahrnahm, wurde er sehr heftig und verwandelte
sein anfängliches Thema in eine Strafpredigt.
So voll Begeisterung, Kraft und Mut diese Reden auch waren, so zeigte
in den häuslichen Verhältnissen sein Charakter dennoch nichts von
jener Heftigkeit, Eigensinn oder Begehrlichkeit, welche die meisten
talentvollen Knaben so lästig machen, sondern war lauter Freundschaft,
Sanftmut und Güte.
Gegen seine Mutter bewies er die reinste Anhänglichkeit sowie gegen die
Schwestern die wohlwollendste Verträglichkeit und Liebe, welche von
allen auf das herzlichste, besonders tätig aber von der ältesten (der
noch lebenden Fr. Hofr. Reinwald) erwidert wurde, die öfters, obwohl
sie unschuldig war, die harten Strafen des Vaters mit dem Bruder teilte.
Obwohl ihn der Vater sehr liebte, so war er doch wegen eines Fehlers,
durch den die sparsamen Eltern oft nicht wenig in Verlegenheit gesetzt
wurden, hart und strenge gegen ihn. Der Sohn hatte nämlich denselben
unwiderstehlichen Hang, hilfreich zu sein, welchen er später in Wilhelm
Tell mit den wenigen Worten: »Ich hab' getan, was ich nicht lassen
konnte,« so treffend schildert.
Nicht nur verschenkte er an seine Kameraden dasjenige, über was
er frei verfügen konnte, sondern er gab auch den ärmeren Bücher,
Kleidungsstücke, ja sogar von seinem Bette.
Hierin war die älteste Schwester, die gleichen Hang hatte, seine
Vertraute, und über diese, da sie, um den jüngern Bruder zu schützen,
sich als Mitschuldige bekannte, ergingen nun gleichfalls Strafworte und
sehr fühlbare Züchtigungen.
Da die Mutter sehr sanft war, so ersannen die beiden Geschwister ein
Mittel, der Strenge des Vaters zu entgehen. Hatten sie so gefehlt, daß
sie Schläge befürchten mußten, so gingen sie zur Mutter, bekannten ihr
Vergehen und baten, daß sie die Strafe an ihnen vollziehe, damit der
Vater im Zorne nicht zu hart mit ihnen verfahren möchte.
So scharf aber auch öfters die zu große Freigebigkeit des Sohnes von
dem Vater geahndet wurde, so wenig verkannte dieser dennoch die übrigen
seltenen Eigenschaften des Knaben. Er liebte ihn nicht nur wegen seiner
Begierde, etwas zu lernen, und wegen der Fähigkeit, das Erlernte zu
behalten, sondern besonders auch wegen seines biegsamen, zartfühlenden
Gemütes.
Da sich bei dem Sohne die Neigung zum geistlichen Stande so auffallend
und anhaltend aussprach, so war ihm der Vater um so weniger hierin
entgegen, da dieser Stand in Württemberg sehr hoch geschätzt wurde,
auch viele seiner Stellen ebenso ehrenvoll als einträglich waren.
Als die Familie 1766 nach Ludwigsburg ziehen mußte, wurde der junge
Schiller sogleich in die Vorbereitungsschulen geschickt, wo er neben
dem Lateinischen und Griechischen auch Hebräisch -- als zu dem
gewählten Beruf unerläßlich -- erlernen mußte.
In den Jahren 1769--72 war er viermal in Stuttgart, um sich in den
vorläufigen Kenntnissen zur Theologie prüfen zu lassen, und bestand
jederzeit sehr gut. Sein Fleiß konnte nur wenige Zeit durch körperliche
Schwäche, welche durch das schnelle Wachsen veranlaßt wurde,
unterbrochen werden; denn wie seine Gesundheit kräftiger wurde, brachte
er das Versäumte mit solchem Eifer ein und lag so anhaltend über seinen
Büchern, daß ihm der Lehrer befehlen mußte, hierin Maß zu halten,
indem er sonst an Geist und Körper Schaden leiden würde. Teilnehmend,
wohlwollend und gefällig für die Wünsche seiner Mitschüler, konnte
er sich den jugendlichen Spielen leicht hingeben und in Gesellschaft
das mitmachen, was er allein wohl unterlassen hätte. Bei einer
solchen Gelegenheit, kurz vor dem Zeitpunkt, wo er in der Kirche sein
Glaubensbekenntnis öffentlich ablegen sollte, sah ihn einst die fromme
Mutter, und ihre Vorwürfe über seinen Mutwillen machten so vielen
Eindruck auf ihn, daß er noch vor der Konfirmation seine Empfindungen
zum erstenmal in Gedichten aussprach, die religiösen Inhalts waren.
Je näher die Zeit heranrückte, in welcher er in eines der
Vorbereitungsinstitute aufgenommen werden sollte, welche Jünglingen,
noch ehe sie die Universität beziehen konnten, gewidmet waren, mit um
so größerm Eifer ergab er sich nun seinen Studien.
Ohne Zweifel würde die Welt an Schillern einen Theologen erhalten
haben, der durch bilderreiche Beredsamkeit, eingreifende Sprache, Tiefe
der Philosophie und deren richtige Anwendung auf die Religion Epoche
gemacht und alles Bisherige übertroffen haben würde, wenn nicht seine
Laufbahn gewaltsam unterbrochen und er zum Erlernen von Wissenschaften
genötigt worden wäre, für die er entweder gar keinen Sinn hatte oder
denen er nur durch die höchste Selbstüberwindung einigen Geschmack
abgewinnen konnte.
Der Herzog von Württemberg hatte nämlich schon im Jahr 1770 auf seinem
Lustschlosse Solitüde eine militärische Pflanzschule errichtet, die
so guten Fortgang hatte, daß die Lehrgegenstände, welche anfänglich
nur auf die schönen Künste beschränkt waren, bei anwachsender Zahl der
Zöglinge auch auf die Wissenschaften ausgedehnt wurden.
Um die fähigsten jungen Leute kennen zu lernen, wurde von Zeit zu Zeit
bei den Lehrern Nachfrage gehalten, und diese empfahlen 1772 unter
andern guten Schülern auch den Sohn des Hauptmanns Schiller als den
vorzüglichsten von allen. Sogleich machte der Herzog dem Vater den
Antrag, seinen Sohn in die Pflanzschule aufzunehmen, auf fürstliche
Kosten unterrichten und in allem freihalten lassen zu wollen.
Dieses großmütige Anerbieten, das manchem so willkommen war,
verursachte aber in der ganzen Schillerschen Familie die größte
Bestürzung, indem es nicht nur den so oft besprochenen Plan aller
vereitelte, sondern auch dem Sohn jede Hoffnung raubte, sich als
Redner, als Schriftsteller und geistlicher Dichter einst auszeichnen zu
können.
Weil jedoch damals für die Theologie in dieser Anstalt noch kein
Lehrstuhl war, auch der junge Schiller schon alle Vorbereitungsstudien
für diesen Stand gemacht hatte, so versuchte der Vater diese Gnade
durch eine freimütige Vorstellung abzuwenden, die auch so guten Erfolg
hatte, daß der Herzog selbst erklärte, auf diese Art könne er in der
Akademie ihn nicht versorgen. Einige Zeitlang schien der Fürst den
jungen Schiller vergessen zu haben. Aber ganz unvermutet stellte er
noch zweimal an den Vater das Begehren, seinen Sohn in die Akademie zu
geben, wo ihm die Wahl des Studiums freigelassen würde und er ihn bei
seinem Austritt besser versorgen wolle, als es im geistlichen Stande
möglich wäre.
Die Freunde der Familie sowie diese selbst sahen nur zu gut, was zu
befürchten wäre, wenn dem dreimaligen Verlangen des Herzogs, das man
nun als einen Befehl annehmen mußte, nicht Folge geleistet würde,
und mit zerrissenem Gemüt fügte sich endlich auch der Sohn, um seine
Eltern, die kein anderes Einkommen hatten, als was die Stelle des
Vaters abwarf, keiner Gefahr auszusetzen.
Man mußte also den Ausspruch des Gebieters erfüllen und konnte sich
für das Aufgeben so lange genährter Wünsche nur dadurch einigermaßen
für entschädigt halten, daß die weitere Erziehung des Jünglings keine
großen Unkosten verursachen und eine besonders gute Anstellung in
herzoglichen Diensten ihm einst gewiß sein würde.
Was noch weiter zur Beruhigung der Mutter und Schwestern beitrug, war
die Nähe des Institutes; die Gewißheit, den Sohn und Bruder jeden
Sonntag sprechen zu können; dann die große Sorgfalt, welche man für
die Gesundheit der Zöglinge anwendete, und die vertrauliche, sehr oft
väterliche Herablassung des Herzogs gegen dieselben, durch welche die
strenge Disziplin um vieles gemildert wurde.
Mißmutigen Herzens verließ der vierzehnjährige Schiller 1773 das
väterliche Haus, um in die Pflanzschule aufgenommen zu werden, und
wählte zu seinem Hauptstudium die Rechtswissenschaft, weil von dieser
allein eine den Wünschen seiner Eltern entsprechende Versorgung einst
zu hoffen war. Aber sein feuriger, schwärmerischer Geist fand in diesem
Fache so wenig Befriedigung, daß er es sich nicht verwehren konnte, dem
Bekenntnis, welches jeder Zögling über seinen Charakter, seine Tugenden
und Fehler jährlich aufsetzen mußte, schon das erste Mal die Erklärung
beizufügen: »Er würde sich weit glücklicher schätzen, wenn er seinem
Vaterland als Gottesgelehrter dienen könnte.«
Auf diesen ebenso schön als bescheiden ausgesprochenen Wunsch wurde
jedoch keine Rücksicht genommen. Das Studium der Rechtswissenschaft
mußte fortgesetzt werden und wurde auch mit allem Fleiß und Eifer von
ihm betrieben. Aber nach Verlauf eines Jahres beschied der Herzog den
Vater Schillers wieder zu sich, um ihm zu sagen: »daß, weil gar zu
viele junge Leute in der Akademie Jura studierten, seinem Sohne eine so
gute Anstellung bei seinem Austritt nicht werden könne, wie er selbst
gewünscht hätte. Der junge Mensch müsse Medizin studieren, wo er ihn
dann mit der Zeit sehr vorteilhaft versorgen wolle.«
Ein neuer Kampf für den Jüngling! Neue Unruhe für seine Eltern und
Geschwister! Schon einmal hatte der zartfühlende Sohn aus Rücksicht
für seine Angehörigen die Neigung zu einem Stande aufgeopfert, den ihm
die Vorsehung ganz eigentlich bestimmt zu haben schien. Jetzt sollte er
ein zweites Opfer bringen. Er sollte, nachdem er ein volles Jahr der
Rechtswissenschaft gewidmet, ein anderes Fach ergreifen, gegen das er
die gleiche Abneigung wie gegen das zuerst erwählte an den Tag legte.
Jedoch der beugsame, kindliche Sinn, der ihn auch später in allen
Vorfällen seines Lebens nie verließ, machte ihm diesen schweren Schritt
möglich, und er unterwarf sich dem, was man über ihn bestimmt hatte.
Für den Vater war es zugleich nicht wenig lästig, daß er die
zahlreichen, zum Rechtsstudium erforderlichen Werke ganz unnützerweise
angeschafft hatte und nun für das neue Fach noch viel größere Ausgaben
machen mußte, indem nur den gänzlich Unvermögenden die nötigen Bücher
von der Akademie verabfolgt wurden.
Als der junge Schiller in die Klasse der Mediziner übertreten mußte,
war er in seinem sechzehnten Jahre, und so ungern er auch die neue
Wissenschaft ergriff, indem er nicht hoffen konnte, sich jemals
recht innig mit ihr zu befreunden, so fand er sie doch nach kurzer
Zeit um vieles anziehender, als er sich vorgestellt hatte; denn die
verschiedenen Teile derselben, so trocken auch ihre Einleitung sein
mochte, behandelten doch alle ohne Ausnahme die lebendige Natur
und versprachen ihm einst bei dem Menschen neue Aufschlüsse über
die Wechselwirkung des Körperlichen und des Geistigen aufeinander.
Sein schon von Jugend auf sehr starker Hang zum Forschen, zum
tiefen Nachdenken, wurde durch die Hoffnung angefeuert, hier einst
Entdeckungen machen zu können, die seinen Vorgängern entschlüpft
wären, oder daß es ihm vielleicht gelingen würde, die in so großer
Menge zerstreuten Einzelheiten auf wenige allgemeine Resultate
zurückzuführen. Aber bei allen diesen reizenden Vorahnungen und
ungeachtet der vorgeschriebenen Ordnung, die auch sehr streng gehalten
werden mußte, benutzte er doch jede freie Minute, um sich mit der
Geschichte, der Dichtkunst oder den Schriften zu beschäftigen, welche
den Geist, das Gemüt oder den Witz anregen, und vermied solche,
bei denen der kalte, überlegende Verstand ganz allein in Anspruch
genommen wird. Unter den Dichtern war es Klopstock, der sein Gefühl,
das noch immer am liebsten bei den ernsten, erhabenen Gegenständen
der Religion verweilte, am meisten befriedigte. Seinen eignen Genuß
an diesen Werken suchte er auch seiner ältesten Schwester wenigstens
in dem Maße zu verschaffen, als es durch briefliche Mitteilung in
Erklärung der schönsten und schwersten Stellen möglich war. In seiner
jugendlichen Unschuld, den hohen Stand noch gar nicht ahnend, zu
dem ihn die Vorsehung erwählt und mit allen ihren göttlichen Gaben
so überschwenglich reich beteilt hatte, konnte er wohl öfters die
entschiedene Neigung für dichterische oder andere Geisteswerke als eine
bloße Belustigung für seine Phantasie betrachten und sich Vorwürfe
darüber machen, wenn dadurch so manche Stunde seinem Berufsstudium
entzogen wurde. Aber eine innere, beruhigende Stimme rief ihm dann zu:
ist der große Arzt, der große Naturforscher Haller nicht auch zugleich
ein großer Dichter? Wer besang die Wunder der Schöpfung schöner und
herrlicher als Haller?
»Du hast den Elefant aus Erde aufgetürmt,
Und seinen Knochenberg beseelt,«
war ein Ausdruck, den Schiller nebst so vielen andern dieses Dichters
nicht nur damals, sondern auch dann noch mit Bewunderung anführte, als
seine erste Jugendzeit längst verflogen war.
Jedoch nicht nur das Beispiel Hallers erleichterte ihm die
Selbstentschuldigung wegen seines Hangs für die Dichtkunst, sondern es
waren in der Abteilung, in welche er jetzt versetzt war, noch mehrere
Zöglinge, die eine gleiche Leidenschaft für Genüsse des Geistes und
Gemütes hatten, unter denen sich Petersen Hoven, Massenbach und andere
als Dichter oder Schriftsteller später bekannt gemacht haben. Je
erkünstelter der Fleiß war, mit dem diese jungen Leute ihr Hauptstudium
trieben, je gieriger suchten sie Erholung in dichterischen Werken, von
denen endlich die von Goethe und Wieland ihnen die liebsten waren. Ihre
natürlichen Anlagen verleiteten sie, bei dem bloßen Lesen und Genießen
nicht stehen zu bleiben, sondern ihre Kräfte auch an eignen Aufsätzen
oder poetischen Darstellungen zu versuchen. Und daß keiner seine Arbeit
den anderen verheimlichte; daß jeder mit größter Offenheit getadelt
oder gelobt wurde; daß diese Jünglinge sich in ungewöhnlichen oder
verwegenen Dichtungen zu überbieten suchten, war eine natürliche Folge
ihrer Jahre und des Zwanges, dem sie unterworfen waren. Die gleiche
Lieblingsneigung, die sie nur verstohlenerweise befriedigen durften,
die gleiche Subordination, unter die sie ihren Willen beugen mußten,
ketteten sie so fest aneinander, daß sie in der Folge sich nie trafen,
ohne ihre Freude durch die fröhlichste Laune, oft durch wahren Jubel zu
bezeugen.
Unter allen diesen Schriften aber machten diejenigen, die für das
Theater geschrieben waren, den meisten Eindruck auf den jungen
Schiller. Jede Handlung im ganzen, jede Szene im einzelnen weckte
in ihm eine der schlummernden Kräfte, deren die Natur für diese
Dichtungsart so viele in ihn gelegt hatte, und die so reizbar waren,
daß er mit einem dramatischen Gedanken nur angehaucht zu werden
brauchte, um sogleich in Flammen der Begeisterung aufzulodern.
In seinem zehnten Jahre hatte er zwar schon in Ludwigsburg Opern
gesehen, die der Herzog mit allem Pomp, mit aller Kunst damaliger Zeit
aufführen ließ. So neu und wundervoll dem empfänglichen Knaben der
schnelle Wechsel prachtvoller Dekorationen, das Anschauen künstlicher
Elefanten, Löwen etc., die Aufzüge mit Pferden, das Anhören großer
Sänger, von einem trefflichen Orchester begleitet, der Anblick von
Balletten, die von Noverre eingerichtet, von Vestris getanzt wurden
-- so sehr dieses alles, vereinigt, ihn auch außer sich versetzen
mußte, so hatte es doch nur die äußern Sinne des Auges, des Ohres
berührt, aber Gefühl und Gemüt weder angesprochen noch befriedigt.
Dagegen waren Julius von Tarent, Ugolino, Götz von Berlichingen
und, einige Jahre vor seinem Austritt, alle Stücke von Shakespeare
diejenigen Werke, welche mit allen seinen Gedanken und Empfindungen
so übereinstimmten, seines Geistes sich dergestalt bemeisterten, daß
er schon in seinem siebzehnten Jahre sich an dramatische Versuche
wagte und das später so berühmte Trauerspiel, die Räuber, zu entwerfen
anfing. Gaben die genannten Schriften seiner Vorliebe für dramatische
Poesie schon überflüssige Nahrung, so wurde seine Neigung, sowie für
schöne Kunst überhaupt, schon dadurch unterhalten und bestärkt, daß
er mit jenen Zöglingen, die sich für die Bühne, die Tonkunst oder
Malerei bestimmt hatten, im genauen Umgange stand. Denn so streng auch
in dieser Akademie darauf gehalten wurde, daß jeder die Gegenstände
seines künftigen Berufes auf das gründlichste erlerne, so war, wenn
diesen Forderungen Genüge geleistet wurde, der Umgang der Zöglinge
untereinander gar nicht so beschränkt, daß sie ihre freien Stunden
nicht hätten nach ihrem Willen benützen dürfen, wenn dieser die
allgemeine Ordnung nicht störte. Auch war es denjenigen unter ihnen,
die Gefallen daran fanden, alle Jahre einigemal erlaubt, Theaterstücke
in einem akademischen Saale aufzuführen, bei denen aber die weiblichen
Rollen gleichfalls von Jünglingen besetzt werden mußten. Schiller
konnte dem Drange nicht widerstehen, sich auch als Schauspieler
zu versuchen, und übernahm im Clavigo eine Rolle, die er aber so
darstellte, daß sein Spiel noch lange nachher sowohl ihm als seinen
Freunden reichen Stoff zum Lachen und zur Satire verschaffte.
Es konnte jedoch nicht anders kommen, als daß diese dichterischen
Zerstreuungen nur zum Nachteil seiner medizinischen Studien genossen
wurden, und daß er manchen Verdruß mit seinem Hauptmann sowie öfters
Vorwürfe von seinen Professoren sich zuzog, wenn er das aufgegebene
Pensum nicht gehörig abgearbeitet hatte.
Und dennoch, sowohl aus Liebe zu seinen Eltern, denen er Freude zu
machen wünschte, als aus Ehrgeiz und edlem Stolze, war sein Fleiß
aufrichtiger und größer als der seiner Mitschüler. Aber geschah es
denn mit seinem Willen, daß ihn mitten im eifrigsten Lernen Bilder
überraschten, die mit denen, die das Buch darbot, nicht die mindeste
Ähnlichkeit hatten! -- War es seine Schuld, daß er anatomische
Zeichnungen, Präparate, fast unmöglich in ihrer eingeschränkten
Beziehung betrachten konnte, sondern seine Phantasie sogleich in dem
Großen, Allgemeinen der ganzen Natur umherschweifte? Oder konnte er es
seiner ihm so treu anhänglichen Muse verwehren, daß sie selbst in den
Kollegien, wenn er mit tiefsinnigem Blick auf den Professor horchte,
ihm etwas zuflüsterte, was seine Ideen von dem Vortrage wegriß und
seinen Geist auch den ernstlichsten Vorsätzen entgegen in dichterische
Gefilde leitete? -- Nichts von allem diesem. Ganz unfreiwillig mußte er
sich diesen Störungen unterwerfen. Wie durch eine zauberische Gewalt
herbeigeführt, gärten in seinem Innern Bilder und Entwürfe, die immer
stärker andrängten, je mehr der Mann sich in ihm entwickelte und seine
Vorstellungen sich bereicherten.
Er selbst sah sehr gut ein, daß er bei diesem nicht ungeteilten Treiben
seiner Berufswissenschaft sehr spät das Ziel erreichen würde, welches
er sich vorgesetzt hatte, und ob auch seine Lehrer die treffenden
Bemerkungen und Antworten von ihm weit höher als den mechanischen
Fleiß der andern achteten, so stellte er doch zu große Forderungen an
sich selbst, als daß ihm seine bisherigen Fortschritte hätten genügen
können. Er beschloß daher in seinem achtzehnten Jahre, so lange nichts
anderes, als was die Medizin betreffe, zu lesen, zu schreiben oder auch
nur zu denken, bis er sich das Wissenschaftliche davon ganz zu eigen
gemacht hätte. Der ungeheuern Überwindung, die es ihn anfangs kostete,
ungeachtet, verfolgte er diesen Vorsatz mit solcher Festigkeit und
studierte die ärztlichen Werke von Haller mit so viel unausgesetztem
Eifer, daß er schon nach Verlauf von kaum drei Monaten eine Prüfung
darüber bestehen konnte, von welcher er die größten Lobsprüche
einerntete. Diese außerordentliche Anstrengung, bei welcher er sich
auch den kleinsten Genuß, selbst ein aufmunterndes Gespräch versagte,
hatte zwar etwas nachteilig auf seinen Körper gewirkt, dagegen aber
ihn mit der Wissenschaft dergestalt vertraut gemacht, daß er nun mit
größter Leichtigkeit auf die Anwendung derselben sowohl in ihren
verschiedenen Fächern als in der Heilkunde selbst übergehen konnte.
Das höchste Opfer, welches er seinem künftigen Berufe bringen mußte,
war eine so lange dauernde Entsagung der Dichtkunst, die bei ihm schon
zur Leidenschaft geworden war. Aber er hatte sich von der Geliebten ja
nur entfernt! Untreu konnte er ihr niemals werden; denn so wie er den
Grad des Wissens, der ihn zum Meister der Arzneikunde machen sollte,
einmal erobert hatte, kehrte er mit allem Feuer ungestillter Sehnsucht
in die Arme der Göttin zurück und benutzte jeden freien Augenblick zur
Ausarbeitung seines angefangenen Trauerspiels. Auch dichtete er außer
vielen andern Sachen in diesem Zeitpunkt eine Oper, Semele, die so
großartig gedacht war, daß, wenn sie hätte aufgeführt werden sollen,
alle mechanische Kunst des Theaters damaliger Zeit (und man darf sagen,
auch der jetzigen) nicht ausgereicht haben würde, um sie gehörig
darzustellen.
Das Praktische der Medizin kostete ihn nun weit weniger Mühe, als ihm
das Theoretische verursacht hatte. Die Anwendung der vorgeschriebenen
Regeln erhöhten sein Interesse schon darum, weil er ihre Wirkung
beobachten und Bemerkungen darüber äußern konnte, die von seinen
Professoren oft bewundert wurden. Die günstigen Zeugnisse, die sie ihm
erteilten, hatten für ihn die angenehme Folge, daß er mit dem Antritt
seines zweiundzwanzigsten Jahres über eine von ihm selbst geschriebene
Abhandlung öffentlich disputieren durfte und für fähig gehalten
ward, nicht nur aus der Akademie treten, sondern auch eine ärztliche
Anstellung in herzoglichen Diensten bekleiden zu können. Er erhielt zu
Ende des Jahres 1780 bei dem in Stuttgart liegenden Grenadierregiment
Augé die Stelle eines Arztes mit monatlicher Besoldung von achtzehn
Gulden Reichswährung oder fünfzehn Gulden im Zwanzig-Gulden-Fuß.
Obwohl die Berufsfähigkeiten Schillers eine würdigere Auszeichnung
verdient hätten und auch die Stelle nebst ihrem kleinen Sold sehr tief
unter der Erwartung der Eltern war, die dem gegebenen Versprechen
des Herzogs gemäß auf eine weit bessere Versorgung gezählt hatten,
so durfte doch von keiner Seite ein Widerspruch erhoben oder eine
Einwendung dagegen gemacht werden.
Und derjenige, der die größte Ursache zu klagen gehabt hätte, war am
besten mit dieser Entscheidung zufrieden, weil nun seine Tätigkeit
freien Raum hatte und weil ihm der ungehinderte Gebrauch seiner
Dichtergabe gestattet schien, die sich von Tag zu Tag stärker
entwickelte; denn je mehr ihm der Zwang und die unabänderliche
Regelmäßigkeit mißfiel, in welcher er sieben Jahre seiner schönsten
Jugendzeit zubringen mußte, um so öfter und leidenschaftlicher
beschäftigte er sich mit Entwürfen, wie er einst seine Freiheit
genießen wolle; und als endlich die Hoffnung zur Selbständigkeit,
sowohl ihm als seinen jungen Freunden in Gewißheit überzugehen
anfing, war es ihre einzige, angenehmste Unterhaltung, sich ihre
Wünsche und Vorsätze hierüber mitzuteilen. Die letzteren betrafen
jedoch hauptsächlich literarische Gegenstände, die so tätig ins Werk
gesetzt wurden, daß Schiller sogleich nach dem Antritt seines Amtes
das Schauspiel, die Räuber, das er in den vier letzten Jahren seines
akademischen Aufenthaltes schrieb, gänzlich in Ordnung brachte und
solches zu Anfang des Sommers 1781 im Druck herausgab.
Es wäre vergeblich, den Eindruck schildern zu wollen, den diese
Erstgeburt eines Zöglings der hohen Karlsschule und, wie man wußte,
eines Lieblings des Herzogs in dem ruhigen, harmlosen Stuttgart
hervorbrachte, wo man nur mit den frommen, sanften Schriften eines
Gellert, Hagedorn, Ramler, Rabener, Utz, Kramer, Schlegel, Cronegk,
Haller, Klopstock, Stollberg und ähnlicher den Geist nährte; wo
man die Gedichte von Bürger, die Erzählungen von Wieland als das
Äußerste anerkannte, was die Poesie in sittlichen Schilderungen sich
erlauben darf -- wo man Ugolino für das schauderhafteste und Götz
von Berlichingen für das ausschweifendste Produkt erklärte; -- wo
Shakespeare kaum einigen Personen bekannt war und wo gerade die Leiden
Siegwarts, Karl von Burgheim und Sophiens Reise von Memel nach Sachsen
das höchste Interesse der Leseliebhaber erregt hatten. Nur derjenige,
der die genannten Schriften kennt, sich den ruhigen, stillen Eindruck,
den sie einst auf ihn machten, zurückruft und dann einige Auftritte
aus den Räubern liest; nur der allein kann sich die Wirkung lebhaft
genug vorstellen, welche diese -- in Rücksicht ihrer Fehler sowohl
als ihrer Schönheiten -- außerordentliche Dichtung hervorbrachte. Die
jüngere Welt besonders wurde durch die blendende Darstellung, durch die
natürliche, ergreifende Schilderung der Leidenschaften in die höchste
Begeisterung versetzt, welche sich unverhohlen auf das lebhafteste
äußerte.
Der Ruhm des Dichters blieb aber nicht auf sein Vaterland beschränkt.
Ganz Deutschland ertönte von Bewunderung und Erstaunen, daß ein
Jüngling seine Laufbahn mit einem Werk eröffne, womit andere sich
glücklich preisen würden, die ihrige beschließen zu können.
Diese Lobeserhebungen, so schmeichelhaft sie auch seinem Ehrgeize
waren, konnten ihn jedoch nicht in dem Grade berauschen, daß er
geglaubt hätte, schon vieles oder gar alles erreicht zu haben, sondern
waren eher ein Sporn für ihn, noch Größeres zu leisten.
Er veranstaltete im nämlichen Jahre noch die Herausgabe einer Sammlung
Gedichte, die teils von ihm selbst, teils von seinen Freunden schon
in der Akademie bearbeitet worden waren, und ließ solche unter dem
Titel Anthologie 1782 erscheinen. Da auch das von dem Professor
Balthasar Haug seit einigen Jahren herausgegebene Schwäbische Magazin
sich seinem Ende nahte, so beschloß er, in Gemeinschaft mit seinen
Freunden die erlöschende Monatschrift als ein Repertorium für Literatur
fortzusetzen; was um so leichter zustande kam, je größer der Vorrat
war, den sie schon früher gesammelt hatten. Mit wahrhaft jugendlichem
Übermut verfaßte er für diese Schrift in der Folge eine Rezension
seiner Räuber, welche so hart und beißend war, daß man nicht begreifen
konnte, wie jemand es wagen mochte, eine Arbeit so streng zu tadeln,
deren Glanz die meisten Leser verblendet und auch den größten Kennern
Achtung abgenötigt hatte. Der über diese Beurteilung häufig geäußerte
Tadel gewährte aber ihm desto mehr Belustigung, je weniger jemand
-- außer einigen Freunden, die darum wußten -- vermutete, daß der
Verfasser selbst diese scharfe Geißel über sich geschwungen.
Diese literarischen Beschäftigungen, welche eine lang gehegte Sehnsucht
befriedigten, und bei welchen sich Schiller ganz in seinem Element
befand, hätten ihm wenig zu wünschen übrig gelassen, wenn dadurch seine
körperlichen Bedürfnisse ebenso wie seine geistigen gehoben gewesen
wären. Allein dies konnte um so weniger der Fall sein, je kleiner in
Stuttgart die Anzahl der Buchhändler oder derjenigen Leute war, die
nicht nur lesen, sondern auch kaufen wollten. Es ließ sich schon für
die Räuber kein Verleger finden, der die Ausgabe auf seine Kosten
wagen, noch minder aber etwas dafür honorieren wollte, daher der
Dichter genötigt war, sie auf eigne Kosten drucken zu lassen und, da
seine Geldkräfte bei weitem nicht hinreichten, den Betrag zu borgen.
Um zu versuchen, ob er nicht zu einigem Ersatz seiner Auslagen gelangen
könne, und um sein Werk auch im Ausland bekannt zu machen, schrieb
er, noch ehe der Druck ganz beendigt war, an Herrn Hofkammerrat und
Buchhändler Schwan zu Mannheim, der durch den vorteilhaftesten Ruf
bekannt war, und schickte ihm die fertigen Bogen zu, welche er, mit
Bemerkungen begleitet, wieder zurückerhielt.
Ob allein die Ansichten des Herrn Schwan den Verfasser aufmerksam
machten, oder ob er selbst darüber erschrak, wie grell und widerlich
sich manches dem Auge darstelle, nachdem es nun gedruckt vor ihm lag --
genug, in den letzten Bogen wurde einiges geändert, die von der Presse
schon ganz fertig gelieferte Vorrede unterdrückt und eine neue mit
gemilderten Ausdrücken an deren Stelle gesetzt.
Wer es weiß, wie einseitig ein Dichter oder Künstler wird, wenn er
nicht mit andern seines Faches, die höher als er, oder doch mit ihm
auf gleicher Stufe stehen, Umgang haben und seine Ideen austauschen
kann; wer zugibt, daß bei einem reichen, feurigen Talent, in den ersten
Jünglingsjahren nur Begeisterung und Einbildungskraft herrschen,
Verstand und Geschmack aber von diesen übertäubt werden; der wird die
stärksten Auswüchse in den Räubern um so eher entschuldigen, als der
Dichter nicht in der Lage war, einen in der Literatur bedeutenden Mann
zum Vertrauten zu haben, und auch schon sein zweites Werk hinlänglich
bezeugte, mit welcher Umsicht er die Fehler des ersten zu vermeiden
gesucht.
So sehr Herr Schwan als Buchhändler Schillern nützlich zu werden
suchte, so eifrig verwendete er sich bei dem damaligen Intendanten
des Mannheimer Theaters, Baron von Dalberg, damit dieses Stück für
die Bühne brauchbar gemacht und aufgeführt werden könne. Demzufolge
forderte Baron von Dalberg den Dichter auf, nicht nur dieses
Trauerspiel abzuändern, sondern auch seine künftigen Arbeiten für die
Schauspielergesellschaft in Mannheim einzurichten. Schiller willigte
um so lieber in diesen Vorschlag, je entfernter der Zeitpunkt war,
in welchem eine seiner Dichtungen auf dem Theater in Stuttgart hätte
aufgeführt werden können, indem die Leistungen desselben bloß als
Versuche von Anfängern gelten konnten.
Vor dem Jahre 1780 war nie ein stehendes deutsches Theater in der
Hauptstadt Württembergs. Was man daselbst vom Schauspiel kannte, waren
die Opern und Ballette, welche früher, ganz auf herzogliche Kosten,
von Italienern und Franzosen, und nachdem diese verabschiedet waren,
von den männlichen und weiblichen Zöglingen der Akademie, gleichfalls
in italienischer und französischer Sprache gegeben wurden. In Mitte
der siebziger Jahre kam Schikaneder nach Stuttgart; durfte aber keine
Vorstellung im Opernhause geben, sondern mußte seine Operetten, Lust-
und Trauerspiele im Ballhause aufführen. Erst als die Zöglinge der
Akademie mehr herangewachsen, und man sie -- da sie doch einmal für das
Schauspiel bestimmt waren -- in Übung erhalten wollte, gaben sie so
lange, bis ein neues Theater gebaut wurde, die Woche einige deutsche
Operetten in dem Opernhause, für deren Genuß das Publikum ein sehr
mäßiges Eintrittsgeld bezahlte. Auch als das kleinere Theater fertig
stand, wurden anfänglich nichts als kleine, deutsche Opern aufgeführt;
was um so natürlicher war, da sich unter allen, welche sich dem Theater
gewidmet hatten, nur eine einzige Person fand, welche wahrhaft großes
Talent sowohl für komische als ernsthafte Darstellungen zeigte.
Diese war -- Herr Haller, ein wahrer Sohn der Natur. Wäre ihm damals
das Glück geworden in einer andern Umgebung zu sein, gute Vorbilder
und Beispiele zu sehen, so hätte er einer der besten Schauspieler
Deutschlands werden können, und sein Name wäre mit den Vorzüglichsten
dieser Kunst zugleich genannt worden.
Je tiefer nun diese vaterländische Schaubühne unter dem Ideale stand,
das Schillern von einem guten, besonders aber tragischen Schauspiel
vorschwebte, um so lebhafter ergriff er den Vorschlag, sein Stück
für eine Bühne zu bearbeiten, die nicht nur einen sehr großen Ruf
hatte, sondern sich auch um so mehr als die erste in Deutschland
achten durfte, da fast alle ihre Mitglieder in der Schule von Ekhof
gebildet waren. Mit all dem Eifer, den Jugend und Begeisterung zur
Erreichung eines Zweckes, der für ihn das höchste seiner Wünsche war,
nur immer hervorbringen können, ging Schiller an die Umarbeitung
seines Trauerspiels, die er sich weniger schwer dachte, als er in
der Folge fand. Denn wäre es ihm auch leicht geworden, seinen hohen,
dichterischen Flug den Schranken der Bühne und den Forderungen des
Publikums gemäß einzurichten; oder hätte er auch ohne Bedauern
manche Szenen und Stellen aufgeopfert, die er und seine Freunde
sehr hoch geschätzt hatten, so raubten ihm seine Berufsgeschäfte
den ungehinderten Gebrauch der Zeit sowie die nötige Stimmung, die
eine solche Arbeit erfordert. Seinem ganzen Wesen, das nicht den
mindesten Zwang ertragen konnte, war das immerwährende Einerlei der
Lazarettbesuche und ebenso das tägliche und genaue Erscheinen auf
der Wachtparade, um seinem General den Rapport über die Kranken
abzustatten, im höchsten Grad zuwider. Die unpoetische Uniform, aus
einem blauen Rock mit schwarzem Samtkragen, weißen Beinkleidern,
steifem Hut und einem Degen ohne Quaste bestehend, sah er als ein
Abzeichen an, das ihn unablässig an die Subordination erinnern solle.
Am härtesten fiel ihm jedoch, daß er ohne ausdrückliche Erlaubnis
seines Generals sich nicht aus der Stadt entfernen und seine nur eine
Stunde von Stuttgart wohnenden Eltern und Geschwister besuchen durfte.
In seiner schönsten Jugendzeit mußte er diesen Umgang meistens nur auf
schriftliche Unterhaltung beschränken, und jetzt, da er sich frei
glauben durfte, war es ihm um so schmerzlicher, den Besuch seiner
nächsten Angehörigen von der Laune seines Chefs erbitten zu müssen.
Die ganze Familie fand sich durch seine Anstellung als Regimentsarzt
getäuscht, indem sie, als der Sohn seiner Neigung zur Theologie
entsagen mußte, auf das von dem Herzog gegebene Versprechen fest baute,
daß er ihn für die gemachte Aufopferung auf die vorteilhafteste Art
schadlos halten würde.
Jedoch mußten alle sich fügen, und dem Sohne blieb nur der Trost, den
er in seinen dichterischen Beschäftigungen fand, und nebenbei die
Aussicht, sich dadurch im Auslande bekannt und seinen Wirkungskreis
bedeutender zu machen. Er schrieb daher auch an Wieland, den er nicht
allein wegen seiner Vielseitigkeit, sondern vorzüglich wegen der hohen
Vollendung seiner Dichtungen außerordentlich hochschätzte, und war
überglücklich, als er von diesem großen Mann eine Antwort erhielt, die
nicht nur das Ungewöhnliche und Seltene der frühzeitigen Leistungen
Schillers in vollem Maß anerkannte, sondern auch überhaupt sehr
geistreich und schmeichelhaft war. Für die Freunde von Schiller, die
an allem, was ihn betraf, mit dem wärmsten Eifer Anteil nahmen, war
es eine Art von Fest, diesen Brief zu lesen; sowohl die schöne, reine
Schrift als die fließende Schreibart zu bewundern und sich über dessen
Inhalt zu besprechen. Mit Stolz hoben sie es heraus, daß der Sänger der
Musarion auch ein Schwabe sei und von diesem Schwaben die Sprache der
Grazien der feinsten, gebildetsten Welt vorgetragen werde.
Ähnliche Ermunterungen vom Auslande nebst dem Drange, die Geschöpfe
seiner Einbildungskraft verwirklicht zu sehen, stärkten den Mut des
jungen Dichters und erhoben ihn über die Widerwärtigkeiten, welche ihm
seine Lage täglich verursachte. Außer den vielen Unterbrechungen aber,
die ihm sein Stand zur Pflicht machte, waren auch die Einwürfe des
Baron Dalberg nichts weniger als dazu geeignet, ihn bei guter Laune für
seine Arbeit zu erhalten, und man darf sich daher auch nicht wundern,
daß er zur Umschmelzung seines Schauspiels so viele Monate brauchte,
als es bei minderer Störung Wochen bedurft hätte.
Er besiegte jedoch alle Schwierigkeiten, so sehr sich auch sein ganzes
Wesen anfangs dagegen sträubte, und fühlte sich wie von der schwersten
Last erleichtert, als er sein Manuskript für fertig halten und nach
Mannheim absenden konnte. Um aber dem Leser das Gesagte anschaulicher
zu machen, sei es erlaubt einen Teil des Schreibens, welches die
Umarbeitung begleitete, aus den, bei D. R. Marx in Karlsruhe
erschienenen Briefen Schillers an Baron Dalberg hier einzurücken, indem
es zur Bestätigung des Obigen dient, und zugleich den Beweis liefert,
wie streng und mit wie wenig Schonung er bei der Abänderung verfuhr.
Selten wird wohl ein Dichter bei seinem ersten Werke schon alles für so
wichtig angesehen oder so scharf beurteilt haben, als es hier von einem
zweiundzwanzigjährigen Jüngling geschehen ist.
Stuttgart, den 6. Oktober 1781.
»Hier erscheint endlich der verlorene Sohn, oder die
umgeschmolzenen Räuber. Freilich habe ich nicht auf den Termin,
den ich selbst festsetzte, Wort gehalten, aber es bedarf nur eines
flüchtigen Blicks über die Menge und Wichtigkeit der getroffenen
Veränderungen, mich gänzlich zu entschuldigen. Dazu kommt noch,
daß eine Ruhrepidemie in meinem Regimentslazarett mich von meinem
~otiis poeticis~ sehr oft abrief. Nach vollendeter Arbeit darf
ich Sie versichern, daß ich mit weniger Anstrengung des Geistes
und gewiß mit noch weit mehr Vergnügen ein neues Stück, ja selbst
ein Meisterstück schaffen wollte, als mich der nun getanen Arbeit
nochmals unterziehen. -- Hier mußte ich Fehlern abhelfen, die
in der Grundlage des Stückes schon notwendig wurzeln, hier mußte
ich an sich gute Züge den Grenzen der Bühne, dem Eigensinn
des Parterre, dem Unverstand der Galerie, oder sonst leidigen
Konventionen aufopfern, und einem so durchdringenden Kenner,
wie ich in Ihnen zu verehren weiß, wird es nicht unbekannt sein
können, daß es, wie in der Natur so auf der Bühne, für eine Idee,
eine Empfindung, auch nur einen Ausdruck, ein Kolorit gibt. Eine
Veränderung, die ich in einem Charakterzug vornehme, gibt oft dem
ganzen Charakter, und folglich auch seinen Handlungen und der auf
diesen Handlungen ruhenden Mechanik des Stücks eine andere Wendung.
Also Hermann. Wiederum stehen die Räuber im Original unter sich
in lebhaftem Kontrast, und gewiß wird ein jeder Mühe haben, vier
oder fünf Räuber kontrastieren zu lassen, ohne in einem von ihnen
gegen die Delikatesse des Schauplatzes anzurennen. Als ich es
anfangs dachte und den Plan bei mir entwarf, dacht' ich mir die
theatralische Darstellung hinweg. Daher kam's, daß Franz als ein
räsonierender Bösewicht angelegt worden; eine Anlage, die, so gewiß
sie den denkenden Leser befriedigen wird, so gewiß den Zuschauer,
der vor sich nicht philosophiert, sondern gehandelt haben will,
ermüden und verdrießen muß. In der veränderten Auflage konnte
ich diesen Grundriß nicht übern Haufen werfen, ohne dadurch der
ganzen Ökonomie des Stücks einen Stoß zu geben; ich sehe also mit
ziemlicher Wahrscheinlichkeit voraus, daß Franz, wenn er nun auf
der Bühne erscheinen wird, die Rolle nicht spielen werde, die er
beim Lesen gespielt hat. Dazu kommt noch, daß der hinreißende Strom
der Handlung den Zuschauer an den feinen Nuancen vorüberreißt,
und ihn also wenigstens um den dritten Teil des ganzen Charakters
bringt. Der Räuber Moor, wenn er, wie ich zum voraus versicherte,
seinen Mann unter den HH. Schauspielern findet, dürfte auf dem
Schauplatz Epoche machen; einige wenige Spekulationen, die aber
auch als unentbehrliche Farben in dem ganzen Gemälde spielen,
weggerechnet, ist er ganz Handlung, ganz anschauliches Leben.
Spiegelberg, Schweizer, Hermann etc. sind im eigentlichsten
Verstande Menschen für den Schauplatz; weniger Amalie und der Vater.
Ich habe schriftliche, mündliche und gedruckte Rezensionen zu
benutzen gesucht. Man hat mehr von mir gefordert als ich leisten
konnte, denn nur dem Verfasser eines Stücks, zumal wenn er selbst
noch Verbesserer wird, zeigt sich das ~non plus ultra~ vollkommen.
Die Verbesserungen sind wichtig, verschiedene Szenen ganz neu, und
meiner Meinung nach, das ganze Stück wert -- -- -- -- -- -- -- -- --
Franz ist der Menschheit etwas nähergebracht, aber der Weg dazu
ist etwas seltsam. Eine Szene, wie seine Verurteilung im fünften
Akt, ist meines Wissens auf keinem Schauplatz erlebt, ebensowenig
als Amaliens Aufopferung durch ihren Geliebten. Die Katastrophe
des Stücks deucht mir nun die Krone desselben zu sein. Moor spielt
seine Rolle ganz aus, und ich wette, daß man ihn nicht in dem
Augenblick vergessen wird, als der Vorhang der Bühne gefallen ist.
Wenn das Stück zu groß sein sollte, so steht es in der Willkür
des Theaters, Räsonnements abzukürzen, oder hie und da etwas
unbeschadet des ganzen Eindrucks hinweg zu tun. Aber dawider
protestiere ich höflich, daß beim Drucken etwas hinweggelassen
wird; denn ich hatte meine guten Gründe zu allem, was ich stehen
ließ, und soweit geht meine Nachgiebigkeit gegen die Bühne nicht,
daß ich Lücken lasse und Charaktere der Menschheit für die
Bequemlichkeit der Spieler verstümmle.« -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+Fr. Schiller+, ~R. Medicus~.
Es würde die vorgesteckten Grenzen dieser Schrift überschreiten, wenn
auch die folgenden Briefe, welche die Einwürfe des Freiherrn von
Dalberg widerlegen sollten, hier angeführt würden. Nur so viel sei noch
hierüber gesagt, daß, so sehr auch Schiller den Zug in dem Charakter
Karl Moors, die Geliebte mit seiner Hand zu töten, als wesentlich zur
ganzen Rolle, ja als eine positive Schönheit derselben betrachtete,
sein Gegner davon nicht abzubringen war, daß Amalie sich selbst mit
dem Dolch erstechen müsse. Der andere Punkt, die Räuber in die Zeiten
Maximilians des Ersten zu versetzen und in altdeutscher Kleidung
spielen zu lassen, machte der theatralischen Wirkung gar keinen
Eintrag, indem die Handlung zu sehr hinriß, um Vergleichungen zwischen
der Sprache und dem Kostüm anstellen zu können, und damals nur äußerst
wenige der Kritik, sondern nur des Eindrucks wegen, den das Gesehene
bei ihnen zurücklassen sollte, das Schauspiel besuchten.
Mit welcher Unruhe Schiller den Nachrichten aus Mannheim entgegensah,
und in welcher Spannung er die Zeit zubrachte, welche zu den
Vorbereitungen, den Proben erforderlich war, mag wohl nur der am
richtigsten beurteilen, der als Dichter oder Tonkünstler sich zum
erstenmal in gleichem Fall befindet. Er selbst sagt hierüber in einem
der folgenden Briefe: »Auf meinen Räuber Moor bin ich im höchsten Grad
begierig, und von Herrn Böck, der ihn ja vorstellen soll, höre ich
nichts als Gutes. Ich freue mich wirklich darauf wie ein Kind.« Ferner:
»Ich glaube meine ganze dramatische Welt wird dabei aufwachen, und im
ganzen einen größern Schwung geben; denn es ist das erste Mal in meinem
Leben, daß ich etwas mehr als Mittelmäßiges hören werde.«
Endlich kam auch der so heftig gewünschte und ersehnte Tag heran, wo
er seinen verlornen Sohn, wie er anfangs die Räuber benennen wollte,
in der Mitte Januars 1782 auf dem Theater in Mannheim darstellen
sah. Aus der ganzen Umgegend, von Heidelberg, Darmstadt, Frankfurt,
Mainz, Worms, Speyer etc. waren die Leute zu Roß und zu Wagen
herbeigeströmt, um dieses berüchtigte Stück, das eine außerordentliche
Publizität erlangt hatte, von Künstlern aufführen zu sehen, die auch
unbedeutende Rollen mit täuschender Wahrheit gaben und nun hier um
so stärker wirken konnten, je gedrängter die Sprache, je neuer die
Ausdrücke, je ungeheuerer und schrecklicher die Gegenstände waren,
welche dem Zuschauer vorgeführt werden sollten. Der kleine Raum des
Hauses nötigte diejenigen, welchen nicht das Glück zu teil wurde, eine
Loge zu erhalten, ihre Sitze schon mittags um ein Uhr zu suchen und
geduldig zu warten, bis um fünf Uhr endlich der Vorhang aufrollte.
Um die Veränderung der Kulissen leichter zu bewerkstelligen, machte
man aus fünf Akten deren sechs, welche von fünf Uhr bis nach zehn Uhr
dauerten. Die ersten drei Akte machten die Wirkung nicht, die man im
Lesen davon erwartete; aber die letzten drei enthielten alles, um auch
die gespanntesten Forderungen zu befriedigen.
Vier der besten Schauspieler, welche Deutschland damals hatte, wendeten
alles an, was Kunst und Begeisterung darbieten, um die Dichtung auf
das vollkommenste und lebendigste darzustellen. Böck als Karl Moor
war vortrefflich, was Deklamation, Wärme des Gefühls und den Ausdruck
überhaupt betraf. Nur seine kleine, untersetzte Figur störte anfangs,
bis der Zuschauer von dem Feuer des Spiels fortgerissen, auch diese
vergaß. Beil als Schweizer ließ nichts zu wünschen übrig; so wie auch
Kosinsky durch die passende Persönlichkeit des Herrn Beck sehr gewann.
Durch die Art aber wie Iffland die Rolle des Franz Moor nicht nur
durchgedacht, sondern dergestalt in sich aufgenommen hatte, daß sie mit
seiner Person eins und dasselbe schien, ragte er über alle hinaus und
brachte eine nicht zu beschreibende Wirkung hervor, indem keine seiner
Rollen, welche er früher und dann auch später gab, ihm die Gelegenheit
verschaffen konnte, das Gemüt bis in seine innersten Tiefen so zu
erschüttern, wie es bei der Darstellung des Franz Moor möglich war.
Zermalmend für den Zuschauer war besonders die Szene, in welcher er
seinen Traum von dem Jüngsten Gericht erzählte, mit aller Seelenangst
die Worte ausrief: »Richtet einer über den Sternen? Nein! Nein!« und
bei dem zitternd und nur halblaut gesprochenen, in sich gepreßten
Worte: Ja! Ja! -- die Lampe in der Hand, welche sein geisterbleiches
Gesicht erleuchtete -- zusammensank. Damals war Iffland 26 Jahre alt,
von Körper sehr schmächtig, im Gesicht etwas blaß und mager. Dieser
Jugend ungeachtet, war sein Spiel auch in den kleinsten Schattierungen
so durchgeführt, daß es ein nicht zu vertilgendes Bild in jedem Auge,
das ihn sah, zurückließ.
Welche Wirkung die Vorstellung der Räuber auf den Dichter derselben
hervorbrachte, davon haben wir noch ein Zeugnis in dem Brief an Baron
Dalberg vom 17. Jänner 1782, wo er schreibt: »Beobachtet habe ich sehr
vieles, sehr vieles gelernt, und ich glaube, wenn Deutschland einst
einen dramatischen Dichter in mir findet, so muß ich die Epoche von der
vorigen Woche zählen etc.«
Daß auch ihn selbst das Spiel von Iffland überraschte, bezeugte er
in demselben Briefe mit Folgendem: »Dieses einzige gestehe ich, daß
die Rolle Franzens, die ich als die schwerste erkenne, als solche
über meine Erwartung (welche nicht gering war) vortrefflich gelang.«
Schiller hatte sich, ohne Urlaub von seinem Regimentschef zu nehmen,
aus Stuttgart entfernt, um sein Schauspiel zu sehen; es wußten daher
auch nur einige um seine Abwesenheit und sie blieb für diesmal
verborgen. Aber die Heiterkeit, welche vor der Abreise sein ganzes
Wesen beseelt hatte, war nach seiner Rückkehr fast ganz verschwunden;
denn so heftig er die Stunden des schöpferischen Genusses herbei
gewünscht hatte, so mißvergnügt war er nun, daß er seine medizinischen
Amtsgeschäfte wieder vornehmen und sich der militärischen Ordnung
fügen mußte, da ihm jetzt nicht nur der Ausspruch der Kenner, der
stürmische Beifall des Publikums, sondern hauptsächlich sein eignes
Urteil die Überzeugung verschafft hatte, daß er zum Dichter, besonders
aber zum Schauspieldichter geboren sei, und daß er hierin eine Stufe
erreichen könne, die noch keiner seiner Nation vor ihm erstiegen. Jede
Beschäftigung, die er nun unternehmen mußte, machte ihn mißmutig, und
er achtete die Zeit, die er darauf verwenden mußte, als verschwendet.
Es bedurfte wirklich auch einiger Wochen, bis sein aufgeregtes Gemüt
sich wieder in die vorigen Verhältnisse finden konnte, und als er etwas
ruhiger geworden war, brütete seine Einbildungskraft sogleich wieder
über neuen Sujets, die als Schauspiele bearbeitet werden könnten.
Unter mehreren, die aufgenommen und wieder verworfen wurden,
blieben Konradin von Schwaben und die Verschwörung des Fiesco zu
Genua diejenigen, welche ihm am meisten zusagten. Endlich wählte
er letzteres, und zwar nicht allein wegen des Ausspruchs von J. J.
Rousseau, daß der Charakter des Fiesco einer der merkwürdigsten sei,
welche die Geschichte aufzuweisen habe; sondern auch, weil er bei
dem Durchdenken des Planes fand, daß diese Handlung der meisten und
wirksamsten Verwicklungen fähig sei. Sobald sein Entschluß hierüber
fest stand, machte er sich mit allem, was auf Italien, die damalige
Zeit sowie auf den Ort, wo sein Held handeln sollte, Beziehung hatte,
mit größter Emsigkeit bekannt, besuchte fleißig die Bibliothek, las und
notierte alles, was dahin einschlug, und als er endlich den Plan im
Gedächtnis gänzlich entworfen hatte, schrieb er den Inhalt der Akte und
Auftritte in derselben Ordnung, wie sie folgen sollten, aber so kurz
und trocken nieder, als ob es eine Anleitung für den Kulissendirektor
werden sollte. Nach Lust und Laune arbeitete er dann die einzelnen
Auftritte und Monologe aus, zu deren Mitteilung und Besprechung ihm
aber ein Freund, von dessen Empfänglichkeit und warmer Teilnahme er
die Überzeugung hatte, um so mehr unentbehrlich war, da er auch bei
seinen kleinern Gedichten es sehr liebte solche vorzulesen, um das
dichterische Vergnügen doppelt zu genießen, wenn er seine Gedanken und
Empfindungen im Zuhörer sich abspiegeln sah.
Diese angenehmen Beschäftigungen, welche den edlen Jüngling für alles
schadlos hielten, was er an Freiheit oder sonstigem Lebensgenuß
entbehren mußte, wurden aber auf eine sehr niederschlagende Art
durch etwas gestört, was wohl als die erste Veranlassung zu dem
unregelmäßigen Austritt Schillers aus des Herzogs Diensten angesehen
werden kann. Die Sache war folgende: In den beiden ersten Ausgaben der
Räuber, in der dritten Szene des zweiten Aktes, befindet sich eine Rede
des Spiegelberg, welche einen Bezug auf Graubünden hat, und die einen
Bündner so sehr aufreizte, daß er eine Verteidigung seines Vaterlandes
in den Hamburger Korrespondenten einrücken ließ. Wahrscheinlich wäre
diese Protestation ohne alle Folgen geblieben, wenn nicht die Zeitung
als eine Anklage gegen Schiller dem Herzog vor Augen gelegt worden
wäre. Dieser war um so mehr über diese öffentliche Rüge aufgebracht,
indem derjenige, gegen den sie gerichtet worden, nicht nur in seinen
Diensten stand, sondern auch einer der ausgezeichnetsten Zöglinge
seiner mit so vieler Mühe und Aufmerksamkeit gepflegten Akademie war.
Er erließ daher an Schiller sogleich die Weisung, sich zu verteidigen,
sowie den Befehl, alles weitere in Druckgeben seiner Schriften, wenn es
nicht medizinische wären, zu unterlassen und sich aller Verbindung mit
dem Ausland zu enthalten.
Schiller beantwortete die Anklage damit, daß er die mißfällige Rede
nicht als eine Behauptung aufgestellt, sondern als einen unbedeutenden
Ausdruck einem Räuber, und zwar dem schlechtesten von allen, in den
Mund gelegt. Auch habe er hier nur eine Volkssage nachgeschrieben, die
er von früher Jugend an gehört.
War der strenge Verweis und das Mißfallen seines Fürsten, das er auf
eine so zufällige und ganz unschuldige Art sich zugezogen, schon im
höchsten Grad unangenehm für Schiller, so mußte der harte Befehl --
sich bloß auf seinen Beruf als Arzt und auf die Stadt, worin er lebte,
einschränken zu sollen -- noch schmerzlicher für ihn sein, indem es
ihm unmöglich fiel, den Hang, welchen er für die Dichtung hatte, zu
unterdrücken und sich in einer Wissenschaft auszuzeichnen, die er nur
aus Furcht vor der Ungnade des Herzogs ergriffen und der er seine
Lieblingsneigung, den ersten Vorsatz seiner Kinderjahre aufgeopfert
hatte. Durch das Verbot, sich in irgend eine Verbindung mit dem Ausland
einzulassen, war ihm jede Möglichkeit zur Verbesserung seiner Umstände
abgeschnitten, und selbst die kleinlichsten Sorgen, die härtesten
Entsagungen hätten es nicht bewirken können, mit einer so geringen
Besoldung auszureichen. Das Versprechen, welches der Herzog bei der
Aufnahme Schillers in die Akademie seinen Eltern gegeben hatte, war so
wenig erfüllt worden, daß sein Gehalt als Regimentsarzt kaum demjenigen
eines Pfarrvikars gleich kam und durch den Aufwand für Equipierung, für
standesmäßiges Erscheinen beinahe auf nichts herab gebracht wurde.
Was aber gewöhnliche Menschen niederbeugt, was ihnen Geist und Glieder
erschlafft, hebt den Mut der Starken, der Kraftvollen nur um so höher.
Noch in den Jünglingsjahren bewährte sich jetzt Schiller als einen
Mann, der sich durch keine Widerwärtigkeiten aus seiner Bahn bringen
läßt, sondern rastlos das vorgesteckte Ziel verfolgt. Anstatt sich
in nutzlosen Klagen auszulassen, arbeitete er nur um desto eifriger
an seinem Fiesco, den er als einen neuen Hebel zur Sprengung seines
Gefängnisses betrachtete und in dessen Ausarbeitung er all das Wilde,
Rohe, was ihm bei den Räubern zum Vorwurf gemacht wurde, zu vermeiden
suchte.
Eine widerliche Unterbrechung seiner dramatischen Arbeiten wurde durch
die Dissertation veranlaßt, welche er in diesem Frühjahr einreichen
mußte, um auf der hohen Karlsschule (welchen Titel nun die ehemalige
Militärakademie erhalten hatte) den Grad eines Doktors der Medizin
zu erhalten. Dieser Förmlichkeit konnte er sich schon darum nicht
entziehen, weil der Herzog seine neue Universität mit eifersüchtiger
Liebe pflegte und darauf besonders sah, daß diejenigen, welche er
erziehen lassen, vor den Augen der Welt sich als der Anstalt vollkommen
würdig zeigen sollten. Auch war Schiller, was seine Studien betraf,
einer der hervorstechendsten Zöglinge in der Akademie, weswegen er
nicht nur von seinem Fürsten, sondern auch von seinen Lehrern, wie
schon oben erwähnt, vorzüglich gelobt und geachtet wurde.
Überdies würde es dem Herzog weit mehr als seinem Zögling unangenehm
gewesen sein, wenn der junge Arzt bloß darum, weil er den Doktorhut
nicht genommen, von den Kollegen seiner Kunst Schwierigkeiten oder
weniger Achtung erfahren hätte.
Daß Schiller selbst gegen diese Ehre im höchsten Grad gleichgültig
war, äußerte er oft und stark genug gegen seine Freunde, und wer daran
noch zweifeln könnte, findet seine unverhohlene Äußerung hierüber
in dem Brief an Baron Dalberg vom 1. April 1782, wo er sagt: »Meine
gegenwärtige Lage nötigt mich den Gradum eines Doktors der Medizin
in der hiesigen Karlsschule anzunehmen, und zu diesem Ende muß ich
eine medizinische Dissertation schreiben, und in das Gebiet meiner
Handwerkswissenschaft noch einmal zurückstreifen. Freilich werde ich
von dem milden Himmelsstrich des Pindus einen verdrießlichen Sprung
in den Norden einer trockenen, terminologischen Kunst machen müssen;
allein, was sein muß zieht nicht erst die Laune und Lieblingsneigung zu
Rat. Vielleicht umarme ich dann meine Muse um so feuriger, je länger
ich von ihr geschieden war; vielleicht finde ich dann im Schoß der
schönen Kunst eine süße Indemnität für den fakultistischen Schweiß.«
(Sollte ein Arzt diese Äußerungen verdammen wollen, so möge er sich
erinnern, daß es in Schillers Gedicht »Die Teilung der Erde« nur der
Dichter ausschließend ist, zu welchem Jupiter sagt:
Willst du in meinem Himmel mit mir leben,
So oft du kommst, er soll dir offen sein.)
Mittlerweile wurden in Mannheim die Räuber sehr oft mit demselben
Zulauf, mit dem gleichen Beifall wie das erste Mal gegeben, und es war
nichts natürlicher, als daß der Ruf von der ungeheuren Wirkung dieses
Stücks sowie von der meisterhaften Darstellung desselben auch nach
Stuttgart gelangte und dort in den meisten Gesellschaften, besonders
aber in den Umgebungen des Dichters vielen Stoff zum Sprechen gab. Man
darf sich daher auch nicht wundern, daß Schiller den öftern Wünschen
und dringenden Bitten einiger Freundinnen und Freunde nachgab, eine
kurze Reise des Herzogs zu benützen und während dessen Abwesenheit,
ohne Urlaub zu nehmen, mit ihnen nach Mannheim zu gehen und daselbst
im Wiedersehen seines Schauspiels seinen eignen Genuß durch das
Mitgefühl seiner Reisegefährten zu erhöhen. Schiller willigte nur zu
gern ein und schrieb nach Mannheim, um die Aufführung der Räuber auf
einen bestimmten Tag zu erbitten, was ihm auch von der Intendanz sehr
leicht gewährt wurde. Aber bei der Anschauung dessen, was er mit seinen
ersten, jugendlichen Kräften schon geleistet, war auch der Gedanke
unabweislich, wie vieles, wie großes er noch würde leisten können, wenn
diese Kräfte nicht eingeengt oder gefesselt wären, sondern freien,
ungemessenen Spielraum erhalten könnten. Eine Idee, die durch seine
enthusiastischen Begleiter um so mehr angefeuert und unterhalten wurde,
je tiefer die Eindrücke waren, welche die erschütternden Szenen bei
ihnen zurückgelassen hatten.
Bei seiner ersten heimlichen Reise hatte er nur die einzige Sorge,
daß sie verschwiegen bleiben möchte. Auf die zweite nahm er schon
außer dieser Sorge das beschränkende Verbot mit, seine dichterischen
Arbeiten bekannt zu machen, nebst dem strengen Befehl, sich das Ausland
als für ihn gar nicht vorhanden denken zu müssen. Er kam daher auch
äußerst mißmutig und niedergeschlagen wieder nach Stuttgart zurück,
ebenso verstimmt durch die Betrachtungen über sein Verhältnis als
leidend durch die Krankheit, welche er mitbrachte. (Diese Krankheit,
welche durch ganz Europa wanderte, bestand in einem außerordentlich
heftigen Schnupfen und Katarrh, den man russische Grippe oder Influenza
nannte und der so schnell ansteckend war, daß der Verfasser dieses,
als er Schillern einige Stunden nach dessen Ankunft umarmt hatte, nach
wenigen Minuten schon von Fieberschauern befallen wurde, die so stark
waren, daß er sogleich nach Hause eilen mußte.)
Schiller äußerte sich gegen einen seiner jüngern Freunde, dem er völlig
vertrauen durfte, ganz unverhohlen, mit welchem Widerwillen er sich
Stuttgart genähert habe -- wie ihm hier nun alles doppelt lästig und
peinlich sein müsse, indem er in Mannheim eine so glänzende Aufnahme
erfahren, wo hingegen er hier kaum beachtet werde und nur unter Druck
und Verboten leben könne -- daß ihm nicht nur von seinen Bewunderern,
sondern von Baron Dalberg selbst die Hoffnung gemacht worden, ihn ganz
nach Mannheim ziehen zu wollen, und er nicht zweifle, es werde alles
mögliche angewendet werden, um ihn von seinen Fesseln zu befreien.
Sollte dieses nicht gelingen, so werde er notgedrungen, wolle er anders
hier nicht zugrunde gehen, einen verzweifelten Schritt tun müssen. Er
nahm sich vor, sowie er nur den Kopf wieder beisammen habe, sogleich
nach Mannheim zu schreiben, damit unverweilt alles geschehe, was seine
Erlösung bewirken könne. Es ist ein Glück für den Verfasser, daß Baron
Dalberg alle Briefe von Schiller an ihn so sorgfältig aufgehoben, und
daß sie durch den Druck bekannt geworden sind, indem sonst manches, was
jetzt und in der Folge vorkommt, als Anschuldigung oder bloße Meinung
erklärt, und unser Dichter weit weniger gerechtfertigt werden könne,
als es nun durch diese Beweise möglich ist. Der folgende Brief ist der
erste Beleg hierzu.
Stuttgart, den 4. Junius 1782.
»Ich habe das Vergnügen, das ich zu Mannheim in vollen Zügen genoß,
seit meiner Hieherkunft durch die epidemische Krankheit gebüßt,
welche mich zu meinem unaussprechlichen Verdruß bis heute gänzlich
unfähig gemacht hat, E. E. für so viele Achtung und Höflichkeit
meine wärmste Danksagung zu bezeigen. Und noch bereue ich beinahe
die glücklichste Reise meines Lebens, die mich durch einen höchst
widrigen Kontrast meines Vaterlandes mit Mannheim schon so weit
verleidet hat, daß mir Stuttgart und alle schwäbischen Szenen
unerträglich und ekelhaft werden. Unglücklicher kann bald niemand
sein als ich. Ich habe Gefühl genug für meine traurige Situation,
vielleicht auch Selbstgefühl genug für das Verdienst eines bessern
Schicksals, und für beides nur -- eine Aussicht.
Darf ich mich Ihnen in die Arme werfen, vortrefflicher Mann? Ich
weiß wie schnell sich Ihr edelmütiges Herz entzündet, wenn Mitleid
und Menschenliebe es auffordern; ich weiß wie stark Ihr Mut ist,
eine schöne Tat zu unternehmen, und wie warm Ihr Eifer, sie zu
vollenden. Meine neuen Freunde in Mannheim, von denen Sie angebetet
werden, haben es mir mit Enthusiasmus vorhergesagt; aber es war
diese Versicherung nicht nötig; ich habe selbst, da ich das Glück
hatte, eine Ihrer Stunden für mich zu nutzen, in Ihrem offenen
Anblick weit mehr gelesen. Dieses macht mich nun auch so dreist,
mich Ihnen ganz zu geben, mein ganzes Schicksal in Ihre Hände zu
liefern und von Ihnen das Glück meines Lebens zu erwarten. Noch bin
ich wenig oder nichts. In diesem Norden des Geschmacks werde ich
ewig niemals gedeihen, wenn mich sonst glücklichere Sterne und ein
griechisches Klima zum wahren Dichter erwärmen würden.
Brauche ich mehr zu sagen, um von Dalberg alle Unterstützung zu
erwarten?
E. Exz. haben mir alle Hoffnung dazu gemacht, und ich werde den
Händedruck, der Ihren Verspruch versiegelte, ewig fühlen; wenn Eure
Exzellenz diese drei Ideen goutieren und in einem Schreiben an den
Herzog Gebrauch davon machen, so stehe ich ziemlich für den Erfolg.
Und nun wiederhole ich mit brennendem Herzen die Bitte, die Seele
dieses ganzen Briefs. Könnten E. E. in das Innere meines Gemütes
sehen, welche Empfindungen es durchwühlen, könnte ich Ihnen mit
Farben schildern, wie sehr mein Geist unter dem Verdrießlichen
meiner Lage sich sträubt -- Sie würden -- ja ich weiß gewiß -- Sie
würden eine Hilfe nicht verzögern, die durch einen oder zwei Briefe
an den Herzog geschehen kann.
Nochmals werfe ich mich in Ihre Arme und wünsche nichts anderes,
als bald, sehr bald, Ihnen mit einem anhaltenden Eifer und mit
einer persönlichen Dienstleistung die Verehrung bekräftigen zu
können, mit welcher ich mich und alles, was ich bin, für Sie
aufzuopfern wünsche.