untertäniger Schiller.«
Beilage.
»Sie schienen weniger Schwierigkeit in der Art mich zu employieren,
als in dem Mittel, mich von hier weg zu bekommen, zu finden. Jenes
steht ohnehin ganz bei Ihnen, allein zu diesem könnten Ihnen
vielleicht folgende Ideen dienen.
1) Da im ganzen genommen das Fach der Mediziner bei uns so sehr
übersetzt ist, daß man froh ist, wenn durch Erledigung einer
Stelle Platz für einen andern gemacht wird; so kommt es mehr
darauf an, wie man dem Herzog, der sich nicht trotzen lassen will,
mit guter Art den Schein gibt, als geschehe es ganz durch seine
willkürliche Gewalt, als wäre es sein eignes Werk und gereiche
ihm zur Ehre. Daher würden E. E. ihn von der Seite ungemein
kitzeln, wenn Sie in den Brief, den Sie ihm wegen mir schreiben,
einfließen ließen, daß -- Sie mich für eine Geburt von ihm, für
einen durch ihn Gebildeten und in seiner Akademie Erzogenen
halten, und daß also durch diese Vokation seiner Erziehungsanstalt
quasi das Hauptkompliment gemacht würde, als würden ihre Produkte
von entschiedenen Kennern geschätzt und gesucht. Dieses ist der
Passepartout beim Herzog.
2) Wünsche ich (und auch meinetwegen) sehr, daß Sie meinen
Aufenthalt beim Nationaltheater zu Mannheim auf einen gewissen
beliebigen Termin festsetzen (der dann nach Ihrem Befehl verlängert
werden kann), nach dessen Verfluß ich wieder meinem Herzog gehörte.
So sieht es mehr einer Reise, als einer völligen Entschwäbung (wenn
ich das Wort brauchen darf) gleich, und fällt auch so hart nicht
auf. Wenn ich nur einmal hinweg bin, man wird froh sein, wenn ich
selbst nicht mehr anmahne.
3) Würde es höchst notwendig sein, zu berühren, daß mir Mittel
gemacht werden sollten, zu Mannheim zu praktizieren und meine
medizinischen Übungen da fortzusetzen. Dieser Artikel ist
vorzüglich nötig, damit man mich nicht, unter dem Vorwand für mein
Wohl zu sorgen, kujoniere und weniger fortlasse.«
Alles, was auch ein Augen- oder Ohrenzeuge erzählen könnte, wäre nicht
imstande, die traurigen Empfindungen des armen Jünglings über seine
beklemmende Lage stärker und wahrer zu schildern, als er es selbst in
diesem Briefe getan.
Daß er die Bitte nicht aufs Geratewohl, sondern durch Aufmunterung von
Leuten getan, die ihre Gewährung für sehr leicht und unfehlbar hielten,
erhellt aus der Stelle: »ich weiß, wie stark Ihr Mut ist, eine schöne
Tat zu unternehmen, und wie warm Ihr Eifer ist, sie zu vollenden. Meine
neuen Freunde in Mannheim haben es mir mit Enthusiasmus vorhergesagt
etc. etc.« und die folgende: »E. Exz. haben mir alle Hoffnung dazu
gemacht, und ich werde den Händedruck, der Ihren Verspruch besiegelte,
ewig fühlen etc.« beweist auf das deutlichste, daß Baron Dalberg selbst
ihm das Wort gab, sich für ihn bei seinem Fürsten zu verwenden.
Die drei Vorschläge, welche in der Beilage enthalten sind, waren ganz
auf die genaue Kenntnis vom Charakter des Herzogs berechnet, indem
er einen sehr verzeihlichen Stolz darein setzte, daß durch seine
Fürsorge und Leitung schon so viele talentvolle Jünglinge aus seiner
Akademie hervorgegangen, und er auch ein sehr großer Liebhaber des
Theaters, so wie einer der feinsten Kenner seiner Zeit war, der es
schon darum nicht ungern sehen konnte, wenn sich unter seinen Zöglingen
gute Dichter fanden, weil alle Jahre am Geburtsfeste der Gräfin von
Hohenheim (später Gemahlin des Herzogs) Gelegenheitsstücke mit großer
Feierlichkeit und dem größten Aufwande gegeben wurden, bei welchen
sowohl das Gedicht als auch die Musik von Eleven verfaßt waren.
Der dritte Punkt beweist weit mehr für die wahrhaft väterliche Sorge,
welche der Herzog für das Wohl derer hatte, die er erziehen ließ,
als alles, was man dafür anführen könnte, und es läßt sich nicht im
geringsten zweifeln, daß wenn Baron Dalberg unter den ihm angezeigten
Bedingungen versucht hätte, den jungen Dichter von Stuttgart nach
Mannheim zu ziehen, sein Fürst ohne Anstand -- gewiß aber mit der
Anempfehlung, für Schiller alle Sorge zu tragen -- das Gesuch bewilligt
haben würde.
Schiller nährte anfangs die besten Hoffnungen, daß er nun bald aus
seiner verdrießlichen Lage befreit sein würde. Als aber nach Verlauf
mehrerer Wochen nichts geschah, war es ihm um so schmerzlicher, seine
dringende, flehende Bitte umsonst getan zu haben und sich ohne alle
äußere Hilfe zu sehen. Allein, er ließ dessenungeachtet den Mut nicht
sinken, sondern arbeitete nur um so eifriger an seinem Fiesco, was
allein imstande war, ihn wenigstens zeitweise seinen Zustand vergessen
zu machen. Aber die Freundinnen des Dichters hatten nicht vergessen,
daß sie in seiner Gesellschaft zu Mannheim die Räuber hatten aufführen
sehen, und konnten dem Drange nicht widerstehen, die Wirkung dieses
Trauerspiels sowie das Verdienst der dortigen Schauspieler auch andern
nach Würden zu schildern. Unter dem Siegel des Geheimnisses erfuhr es
die halbe Stadt, erfuhr es auch der General Augé und endlich -- der
Herzog selbst. Dieser wurde im höchsten Grad über die Vermessenheit
seines ehemaligen Lieblings aufgebracht, daß er sich, ohne Urlaub zu
nehmen, mehrere Tage entfernt und seinen Lazarettdienst vernachlässigt
habe. Er ließ ihn vor sich kommen, gab ihm die strengsten Verweise
darüber, daß er sich dem ausdrücklichen Verbote zuwider aufs neue
mit dem Auslande eingelassen und befahl ihm, augenblicklich auf die
Hauptwache zu gehen, seinen Degen abzugeben und dort vierzehn Tage im
Arrest zu bleiben.
Obwohl die verhängte Strafe für die Übertretung des herzoglichen
Befehls ganz der militärischen Ordnung gemäß und nichts weniger als
zu streng war, so wurde Schiller davon dennoch in seinem Innersten
verwundet, und zwar nicht darum, weil ihm solche zu hart schien,
sondern weil er jetzt überzeugt sein mußte, daß jede Aussicht in eine
bessere Zukunft für ihn verloren und er nun eigentlich nichts anderes
als ein Gefangener sei, der seine vorgeschriebene Arbeit verrichten
müsse.
In der Tat konnte sein Verhältnis von seinen Freunden nicht anders
als im höchste Grade traurig und verzweifelt beurteilt werden, weil
an eine Milderung oder Zurücknahme der Befehle des Herzogs um so
weniger zu denken war, je mehr man ihn als Selbstherrscher kannte und
je seltener die Fälle waren, wo er von seinem ausgesprochenen Willen
hätte abgelenkt werden können. Was man auch raten oder erfinden mochte,
war unbrauchbar, untunlich, weil der fürstliche Machtspruch allem ein
unübersteigliches Hindernis entgegensetzte.
Wäre es aber auch Schillern möglich gewesen, seinen außerordentlichen
Hang zur Dichtung zu bekämpfen und sich ganz der Arzneikunde zu widmen,
so hätte es mehrere Jahre bedurft, um sich einen Ruf zu erwerben, der
ihn von dem Gemeinen, Alltäglichen unterschieden hätte. Auch fühlte
er es so sehr, wie unnütz die ernstlichsten Vorsätze, sein angebornes
Talent zu unterdrücken, sein würden, daß er lieber alle Entbehrungen,
alle Strafen sich hätte gefallen lassen, wenn ihm nur die Erlaubnis
geblieben wäre, den Reichtum seines Geistes in der Welt auszubreiten,
und sich denjenigen anzureihen, deren Name von der Mit- und Nachwelt
nur in Bewunderung und Verehrung genannt wird.
So wenig Vorteil Gold, Perlen und Diamanten in einer menschenleeren
Wüste bringen, so wenig konnte ihm die köstlichste Gabe des Himmels
nützen, wenn er sie nicht gebrauchen durfte, wenn er bei ihrer
Anwendung Strafe befürchten mußte. Ja diese Göttergabe konnte ihm nur
zur Qual, zur wirklichen Marter werden, weil alles was er dachte,
was er empfand, nur darauf Bezug hatte und es ihm die schmerzlichste
Überwindung gekostet haben würde, Ideen dieser Art abzuwehren.
Der Weihrauch, den man in öffentlichen Blättern ihm über sein erstes
Schauspiel, über seine ersten Gedichte gestreut, die schmeichelhaften
Zuschriften eines Wielands und anderer, die Lobeserhebungen derjenigen,
von deren gesundem Urteil er überzeugt war, besonders aber sein eignes
Bewußtsein hatten ihn seinen Wert schätzen gelehrt, und er hätte
lieber sein Leben verloren als dasjenige, was sein eigentliches ganzes
Wesen ausmachte, brach liegen zu lassen, oder den Lorbeerkranz des
Dichters den Beschäftigungen des Arztes aufzuopfern.
Am empfindlichsten hielt er sich aber dadurch gekränkt, daß ihm durch
dieses Machtgebot das Recht des allergeringsten Untertans -- von
seinen Naturgaben freien Gebrauch machen zu können, wenn er sie nicht
zum Nachteil des Staates oder der Gesetze desselben anwende -- jetzt
gänzlich benommen war, ohne daß ihm bewiesen worden wäre, dieses Recht
aus Mißbrauch verwirkt zu haben.
Die Übertretung der Militärdisziplin hatte er durch strengen Verhaft
gebüßt; was über diesen noch gegen ihn verhängt worden, hielt er für
eine zu harte Strafe.
Auf der Stelle würde er seinen Abschied gefordert haben, wenn nicht
sein Vater in herzoglichen Diensten gestanden, er selbst nicht auf
Kosten des Fürsten in der Akademie nicht nur erzogen, sondern auch mit
vorzüglicher Güte und Auszeichnung behandelt worden wäre, so daß voraus
zu schließen war, es würde statt einer Entlassung nur der Vorwurf der
größten Undankbarkeit und eine noch zwangvollere Aufsicht erfolgen. Um
jedoch nichts unversucht zu lassen, was seine Entfernung von Stuttgart
auf dem der Ordnung gemäßen Wege bewirken könnte, schrieb er noch
einmal an Baron Dalberg und bat ihn aufs neue um seine Verwendung bei
dem Herzog. Er sagt in seinem Brief: »Dieses einzige kann ich Ihnen
für ganz gewiß sagen, daß in etlichen Monaten, wenn ich in dieser Zeit
nicht das Glück habe zu Ihnen zu kommen, keine Aussicht mehr da ist,
daß ich jemals bei Ihnen leben kann. Ich werde alsdann gezwungen sein
einen Schritt zu tun, der mir unmöglich machen würde in Mannheim zu
bleiben.«
Schiller glaubte nicht mit Unrecht, daß Baron Dalberg um so leichter
für ihn einschreiten könnte, als der pfälzische und württembergische
Hof im besten Vernehmen standen, auch der Herzog schon einigemal
den italienischen Hofpoeten von Mannheim hatte kommen lassen, um bei
Aufführung der für das Stuttgarter Hoftheater von ihm gedichteten
Opern gegenwärtig zu sein. Ebenso konnte man auch vermuten, daß das
Verbot, welches Schillern wegen der Verbindung mit dem Ausland betraf,
größtenteils daher kam, weil bei Aufführung der Räuber das deutsche
Theater in Stuttgart übergangen und dieses Stück ohne Vorwissen, ohne
Anfrage bei dem Fürsten auf der Mannheimer Bühne zuerst gegeben worden
war.
Aus diesem sowie aus den angegebenen Gründen konnte der bedrängte
Dichter um so zuverlässiger einen günstigen Erfolg seiner Bitten
erwarten, indem der Rang den Baron Dalberg als Geheimrat,
Ober-Silberkämmerling, Vize-Kammerpräsident und Theaterintendant Sr.
kurfürstlichen Durchlaucht zu Pfalzbayern bekleidete, dem Herzog
Rücksichten auferlegt hätte, die bei jedem andern, der sich in
Stuttgart für diese Sache hätte verwenden wollen, nicht stattfinden
konnten.
Noch einige Zeit gab sich Schiller den besten Hoffnungen hin, indem
er glaubte, daß Baron Dalberg um so gewisser das gegebene Versprechen
erfüllen würde, je deutlicher ihm zu verstehen gegeben worden, daß
das Äußerste werde geschehen müssen, wenn keine Vermittlung eintrete.
Als aber nach Verfluß von vierzehn Tagen nichts für ihn geschah und
er nun überzeugt war, daß von daher, wo die Hilfe am leichtesten,
der gute Erfolg am gewissesten schien, kein Beistand zu erwarten
sei, verwandelte sich sein sonst so heiterer Sinn in finstere, trübe
Laune; was ihn sonst auf das lebhafteste aufregte, ließ ihn kalt und
gleichgültig; selbst seine Jugendfreunde, die sonst immer auf den
herzlichsten Willkomm rechnen durften, wurden ihm mit Ausnahme sehr
weniger beinahe zuwider.
Sein Fiesco konnte bei dieser Stimmung nur sehr langsam weiter rücken.
Auch war es leicht vorauszusehen, daß, wenn dieser Zustand noch
lange oder gar für immer hätte dauern sollen, er nicht nur für jede
Geistesbeschäftigung verloren sein, sondern auch seine Gesundheit, die
ohnedies nicht sehr fest war, ganz zugrunde gehen würde. Er selbst
hielt sich für den unglücklichsten aller Menschen und glaubte seiner
Selbsterhaltung schuldig zu sein, etwas zu wagen, was seinen Zustand in
Stuttgart auf eine vorteilhafte Art verändern oder aber sein Schicksal
ganz durchreißen und ihm eine andere, bessere Gestalt geben müsse.
Da er es nicht wagen durfte, seinem Landesherrn Vorstellungen gegen
den erlassenen Befehl zu machen, ohne neue Verweise oder gar Strafen
befürchten zu müssen, so hielt er für das beste, noch einmal heimlich
nach Mannheim zu reisen, von dort aus an den Herzog zu schreiben,
ihm darzulegen, daß durch das ergangene Verbot seine ganze Existenz
zernichtet sei und ihn um die Bewilligung einiger Punkte untertänigst
zu bitten, die er für sein besseres Fortkommen unerläßlich glaubte.
Wurden ihm diese Bitten nicht gewährt, so konnte er auch nicht mehr
nach Stuttgart zurückkehren, und er hegte die Hoffnung, daß er dann um
so leichter in Mannheim als Theaterdichter angestellt werden könnte, je
zuversichtlicher ihm dort von vielen versichert worden, daß ein solcher
Dichter wie er, ihre Bühne auf die höchste Stufe des Ruhmes heben würde.
Um diesen Plan nicht lächerlich oder ganz widersinnig zu finden, ist
es nötig, auf das ganz besondere Verhältnis aufmerksam zu machen, in
welchem Schiller zu seinem Fürsten stand.
Der Vater von Schiller, dem als Gouverneur der Solitüde alles, was
die vielfachen Bauten, Gartenanlagen und Baumzucht betraf, untergeben
war, führte dies so sehr zur Zufriedenheit des Herzogs aus, und wußte
dessen Willen, noch ehe er ausgesprochen war, so Genüge zu leisten,
daß er seine ganze Zufriedenheit sowie wegen der Rechtlichkeit und
Strenge, mit welchen er seinen Dienst ausübte, auch seine Hochachtung
erwarb. Es war zum Teil eine Folge dieser Achtung, daß der Sohn in
der Akademie mit besonderer Sorgfalt und Güte behandelt wurde; zum
Teil waren es aber auch die überraschenden Antworten und Bemerkungen,
welche der junge Zögling im Gespräch mit seinem erhabenen Erzieher
aussprach, die ihm eine besondere Auszeichnung und Zuneigung erwarben.
Es war diesem geistvollen Fürsten, der Scharfsinn und das Talent, was
er im hohen Grad selbst besaß, auch an andern vorzüglich schätzte, weit
weniger darum zu tun, an seiner Akademie eine militärische Prunkanstalt
zu haben, als bei den jungen Leuten alles das heraus zu bilden, was
ihre Anlagen zu entwickeln vermochte. Er ließ sich daher mit ihnen in
Einzelheiten ein, die einem gewöhnlichen Erzieher zu kleinlich oder
überflüssig scheinen würden, und erwarb sich dadurch, weit mehr als
durch sein Ehrfurcht gebietendes Ansehen, ein solches Zutrauen, daß die
Zöglinge weit lieber mit ihm sprachen oder ihm -- dem Herzog -- ihre
Fehler bekannten als den vorgesetzten Offizieren.
Als die Anstalt noch auf der Solitüde sich befand, verging nie ein Tag,
an welchem er nicht die Lehrstunden besuchte, um sich von dem Fleiße
der Lehrer und den Fortschritten der Schüler zu überzeugen. Und als die
Akademie nach Stuttgart verlegt wurde, waren es nur die alljährlichen
Reisen, die ihn auf Wochen oder Tage von derselben entfernt halten
konnten. Auch das freundliche Benehmen der Gräfin von Hohenheim, welche
sich an der Unbefangenheit der jüngsten Zöglinge ergötzte und sie mit
kleinen Geschenken beteilte, trug nicht wenig dazu bei, das streng
scheinende Verhältnis zu mildern. Wie oft wurden Strafen bloß darum
in ihrer Gegenwart ausgesprochen, um durch bittende Blicke oder Worte
dieser wohlwollenden, nichts als Güte und Teilnahme atmenden Frau,
entweder ganz erlassen, oder doch gemindert werden zu können.
Unter den Augen des Fürsten von Kindern zu Knaben, von Knaben
zu Jünglingen herangewachsen, von seinen durchdringenden Augen
oft getadelt oder mit Beifall belohnt, konnten sich die jungen
Leute, nachdem sie der akademischen Aufsicht entlassen waren, ihr
Dienstverhältnis unmöglich so scharf denken als andere, die mit der
Person des Herzogs gar nicht oder nur als ihrem Souverän bekannt waren.
Diese Verhältnisse allein können es begreiflich machen, wie Schiller
auf die so oft bezeigte Gnade und Zufriedenheit seines Fürsten so
fest sich verlassen konnte, daß er zu dem Glauben verleitet ward, der
Herzog werde ihm seine Bitten bewilligen, wenn er ihn an seine frühere
Huld erinnere und unwiderleglich dartue, daß er durch die gegen ihn
erlassenen Verbote zur Verzweiflung gebracht sei.
Nachdem diese Meinung ihn so beherrschte, daß sie sich in einen
unwiderruflichen Entschluß umwandelte, entstand nur noch die Frage,
auf welche Art und in welcher Zeit die heimliche Reise am besten
auszuführen sein würde; denn die harten Verweise des Herzogs, der
darauf folgende strenge Arrest hatten ihn so eingeschüchtert, daß
er sich in allen seinen Handlungen beobachtet halten konnte und die
schärfste Ahndung befürchten mußte, wenn er irgend einen Verdacht gegen
sich erregte. So wenig er seinen Vorsatz allein ausführen konnte, so
wenig konnte er sich seinen Schulfreunden anvertrauen, weil es eben so
unnütz als gefährlich gewesen wäre, sie um Beistand anzusprechen, indem
keiner von ihnen -- was die Hauptsache, die Anstalten zur heimlichen
Reise, betraf -- die geringste Hilfe leisten oder auf sonst eine Art
seine Pläne befördern konnte.
In diesem Zustande konnte er sein Herz mit voller Sicherheit nur einem
einzigen Freund eröffnen, der zwar nicht mit ihm in der Akademie
erzogen worden und auch zwei Jahre weniger als er zählte; durch dessen
Bekanntschaft er aber seit achtzehn Monaten die Überzeugung erlangt
hatte, daß er hier auf eine Hingebung und Aufopferung bauen könne,
die an Schwärmerei grenzten und die nur von den wenigen Edlen erzeugt
wird, deren Gemüt und Geist eben so viele Liebe und Freundschaft als
Verehrung und Hochachtung verdienen.
Der Leser möge erlauben, daß von diesem jungen Freunde, den wir mit
S. bezeichnen wollen, sowie von der Art, wie er zu dem genauen Umgang
mit dem herrlichen Jüngling gelangte, so viel erwähnt werde, als des
Folgenden wegen unumgänglich nötig ist.
Es war im Jahr 1780 in einer der öffentlichen Prüfungen, die -- wie
eingangs erwähnt worden -- alljährlich in der Akademie in Gegenwart
des Herzogs daselbst gehalten wurden und welche S. als ein angehender
Tonkünstler um so eifriger besuchte, da meistens über den andern Tag
eine vollstimmige, von den Zöglingen aufgeführte Musik die Prüfung
beschloß, als er Schillern das erste Mal sah. Dieser war bei einer
medizinischen, in lateinischer Sprache gehaltenen Disputation gegen
einen Professor Opponent, und obwohl S. dessen Namen so wenig als seine
übrigen Eigenschaften kannte, so machten doch die rötlichen Haare --
die gegeneinander sich neigenden Knie, das schnelle Blinzeln der Augen,
wenn er lebhaft opponierte, das öftere Lächeln während dem Sprechen,
besonders aber die schön geformte Nase und der tiefe, kühne Adlerblick,
der unter einer sehr vollen, breitgewölbten Stirne hervorleuchtete,
einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn. S. hatte den Jüngling
unverwandt ins Auge gefaßt. Das ganze Sein und Wesen desselben zogen
ihn dergestalt an und prägten den ganzen Auftritt ihm so tief ein, daß,
wenn er Zeichner wäre, er noch heute -- nach achtundvierzig Jahren --
diese ganze Szene auf das lebendigste darstellen könnte.
Als S. nach der Prüfung den Zöglingen in den Speisesaal folgte, um
Zuschauer ihrer Abendtafel zu sein, war es wieder derselbe Jüngling,
mit welchem der Herzog auf das gnädigste sich unterhielt, den Arm
auf dessen Stuhl lehnte und in dieser Stellung sehr lange mit ihm
sprach. Schiller behielt gegen seinen Fürsten dasselbe Lächeln,
dasselbe Augenblinzeln wie gegen den Professor, dem er vor einer Stunde
opponierte.
Als im Frühjahr 1781 die Räuber im Druck erschienen waren und besonders
auf die junge Welt einen ungewöhnlichen Eindruck machten, ersuchte S.
einen musikalischen, in der Akademie erzogenen Freund, ihn mit dem
Verfasser bekannt zu machen. Sein Wunsch wurde gewährt, und S. hatte
die Überraschung, in dem Dichter dieses Schauspiels denselben Jüngling
zu erkennen, dessen erstes Erscheinen einen so tiefen Eindruck bei ihm
zurückgelassen hatte.
Wie jeder Leser eines Buches sich von dem Autor desselben ein Bild
seiner Person, Haltung, Stimme, seiner Sprache vormalt, so konnte
es wohl nicht anders sein, als daß man sich in dem Verfasser der
Räuber einen heftigen jungen Mann dachte, dessen Äußeres zwar schon
den tiefempfindenden Dichter ankündige, bei welchem aber die Fülle
der Gedanken, das Feuer seiner Ausdrücke sowie seine Ansichten der
Weltverhältnisse alle Augenblicke in Ungebundenheit ausschweifen müsse.
Aber wie angenehm wurde diese vorgefaßte Meinung zerstreut!
Das seelenvollste, anspruchloseste Gesicht lächelte dem Kommenden
freundlich entgegen. Die schmeichelhafte Anrede wurde nur ablehnend,
mit der einnehmendsten Bescheidenheit erwidert. Im Gespräche nicht ein
Wort, welches das zarteste Gefühl hätte beleidigen können.
Die Ansichten über alles, besonders aber Musik und Dichtkunst
betreffend, ganz neu, ungewöhnlich, überzeugend und doch im höchsten
Grade natürlich.
Die Äußerungen über die Werke anderer sehr treffend, aber dennoch voll
Schonung und nie ohne Beweise.
Den Jahren nach Jüngling, dem Geiste nach reifer Mann, mußte man seinem
Maßstabe beistimmen, den er an alles legte und vor dem vieles, was
bisher so groß schien, ins Kleine zusammenschrumpfte und manches, was
als gewöhnlich beurteilt war, nun bedeutend wurde.
Das anfängliche blasse Aussehen, das im Verfolg des Gespräches in hohe
Röte überging -- die kranken Augen -- die kunstlos zurückgelegten
Haare, der blendend weiße, entblößte Hals gaben dem Dichter eine
Bedeutung, die ebenso vorteilhaft gegen die Zierlichkeit der
Gesellschaft abstach, als seine Aussprüche über ihre Reden erhaben
waren.
Eine besondere Kunst lag jedoch in der Art, wie er die verschiedenen
Materien aneinander zu knüpfen, sie so zu reihen wußte, daß eine
aus der andern sich zu entwickeln schien, und trug wohl am meisten
dazu bei, daß man den Zeiger der Uhr der Eile beschuldigte und die
Möglichkeit des schnellen Verlaufes der Zeit nicht begreifen konnte.
Diese so äußerst reizende und anziehende Persönlichkeit, die nirgends
etwas Scharfes oder Abstoßendes blicken ließ -- Gespräche, welche den
Zuhörer zu dem Dichter emporhoben, die jede Empfindung veredelten,
jeden Gedanken verschönerten -- Gesinnungen, die nichts als die reinste
Güte ohne alle Schwäche verrieten -- mußten von einem jungen Künstler,
der mit einer lebhaften Empfänglichkeit begabt war, die ganze Seele
gewinnen und der Bewunderung, die er schon früher für den Dichter
hatte, noch die wärmste Anhänglichkeit für den Menschen beigesellen.
Auch Schiller schien mit seinem neuen Bekannten nicht unzufrieden; denn
freiwillig lud er ihn ein, so oft zu ihm zu kommen, als er nur immer
wolle. Diese Einladung wurde von S. so emsig benützt, daß während eines
Jahres selten ein Tag verging, an dem er Schillern nicht gesehen oder
auf kurze Zeit gesprochen hätte. Ein Vertrauen setzte sich zwischen
beiden fest, das keinen Rückhalt kannte, und von dem die natürliche
Folge war, daß die Verhältnisse Schillers sowie seine wahrhaft
unglückliche Lage der unerschöpfliche Gegenstand ihrer Gespräche
wurden. Auch schien beiden der Plan, dem Herzog auf neutralem Boden
zu schreiben, um so weniger des Tadels würdig, als Schiller durchaus
nichts begangen, was ihm den Vorwurf eines schlechten Dieners seines
Fürsten hätte zuziehen können, und er die zwei unerlaubten Ausflüge
durch den ausgestandenen Arrest schon genug gebüßt zu haben glaubte.
Außer S. machte Schiller auch seine älteste Schwester mit seinem
Vorsatze bekannt, und anstatt, wie er befürchtete, von ihr Abmahnungen
zu hören, glaubte sie, daß, weil ihm das gegebene Versprechen nicht
erfüllt worden, jeder Schritt entschuldigt werden könne, den er, um
sich von gänzlichem Verderben zu retten, unternehmen werde.
Ein Gefährte, mit dem die heimliche Reise zu unternehmen wäre und der
die nötigen Anstalten dazu erleichtern könne, war schon in seinem
Freunde S. vorhanden, der im Frühjahr 1783 eine Reise nach Hamburg
antreten wollte, um daselbst bei dem berühmten Bach die Musik zu
studieren, wozu ihm dort wohnende Anverwandte die beste Unterstützung
versprochen hatten, und der es nun bei seiner Mutter dahin zu bringen
wußte, diese Reise jetzt schon machen zu dürfen.
Dem Vater Schillers mußte die ganze Sache ein tiefes Geheimnis bleiben,
damit er im schlimmsten Fall als Offizier sein Ehrenwort geben könne,
von dem Vorhaben des Sohnes nichts gewußt zu haben. Was aber am meisten
zur Beruhigung der Teilnehmenden beitrug, war der schöne Grundsatz des
Herzogs, die Kinder nie wegen der Fehler der Eltern oder die Eltern
wegen Vergehen der Kinder etwas entgelten zu lassen. Man hatte schon
zu viele Beweise von dieser wahrhaft fürstlichen Großmut, als daß man
in dem gegenwärtigen Falle nicht auch darauf hätte rechnen können.
Nachdem alles zur Sache Gehörige zwischen beiden Freunden mit der
Selbsttäuschung, die dem Jünglingsalter so ganz natürlich ist, überlegt
war, als für mögliche, künftige Hindernisse, ihre Einbildungskraft
sogleich Mittel wußte, um sie zu überwinden oder zu beseitigen, blieb
der Entschluß Schillers unwiderruflich fest, indem er nur durch die
Ausführung desselben hoffen konnte, seine Umstände in allen Teilen zu
verbessern und eine Selbständigkeit zu erlangen, die er bis jetzt nur
dem Namen nach kannte. Nun aber mußte er sich mit Anspannung aller
Kräfte der Dichtung seines Fiesco widmen, indem die Reise nicht eher
ausgeführt werden konnte, als bis dieser vollendet war, und er bisher
-- da er in seinem Innern zu keiner Ruhe gelangen konnte -- außer
dem Plan kaum die Hälfte von dem Stücke niedergeschrieben hatte. Die
Gewißheit, was er tun wolle und, damit er dem Labyrinth entkomme, tun
müsse, belebte seinen Mut wieder; seine gewöhnliche Heiterkeit kehrte
zurück, und er gewann es über sich, alle Sorgen, alle Gedanken, die
nicht seiner neuen Arbeit gewidmet waren, zu unterdrücken, indem er
bloß für die Zukunft lebte, die Gegenwart aber nur insofern beachtete,
als er ihr nicht ausweichen durfte.
Welch ein Vergnügen war es während dieser Beschäftigung für ihn, seinem
jungen Freund einen Monolog oder einige Szenen, die er in der vorigen
Nacht ausgearbeitet, vorlesen und sich über Abänderungen oder die
weitere Ausführung besprechen zu können! Wie erheiterten sich seine von
Schlaflosigkeit erhitzten Augen, wenn er erzählte, um wie viel er schon
weiter gerückt sei, und wie er hoffen dürfe, sein Trauerspiel weit
früher als er anfangs dachte, beendigt zu haben. Je geräuschvoller die
Außenwelt war, um so mehr zog er sich in sein Inneres zurück, indem er
an allem dem, was damals der Seltenheit wegen jedermann beschäftigte,
nicht den geringsten Anteil nahm. Denn schon zu Anfang des Monats
August wurden nicht nur in Stuttgart, Hohenheim, Ludwigsburg, auf
der Solitüde etc., sondern auch in der ganzen Umgegend die größten
Vorbereitungen zu dem feierlichen Empfang des Großfürsten von Rußland
(nachmaligen Kaisers Paul) und seiner Gemahlin gemacht. Die Einwohner
Württembergs waren stolz darauf, in der künftigen Kaiserin aller Reußen
eine Nichte ihres Herzogs bewillkommnen zu können, die sie um so mehr
liebten, als ihre Erscheinung Erinnerungen an ihre erhabenen Eltern
hervorrief, die jedem württembergischen Herzen um so tiefer eingegraben
blieben, als sie solche aus Scheu vor ihrem Regenten nicht zu zeigen
wagen durften, und auch bei der verehrten Tochter die Gerüchte es
zweifelhaft ließen, ob ihre Güte des Herzens, die Eigenschaften ihres
Geistes oder ihre einnehmende Schönheit den Vorzug verdiene.
In der ersten Hälfte des Septembers trafen die hohen Reisenden zu
Stuttgart ein, denen schon einige Tage früher die meisten benachbarten
Fürsten und eine außerordentliche Menge Fremder vorausgeeilt waren,
um den Festlichkeiten, welche für die allerhöchsten Gäste bereitet
wurden, beiwohnen und die Prachtliebe des Herzogs wie nicht minder den
Geschmack, mit dem er alles anzuordnen wußte, bewundern zu können.
Die mit den schönsten, seltensten Pferden angefüllten Marställe sowie
die dazu gehörigen Equipagen, boten Gelegenheit zu Auffahrten, die
man damals wohl schwerlich irgendwo anders mit so großem Aufwand und
so vielem Glanze sehen konnte. Aber wirklich ungeheuer groß waren
die Anstalten, vermöge welcher man aus den vielen Jagdrevieren des
Landes eine Anzahl von beinahe sechstausend Hirschen in einen nahe bei
der Solitüde liegenden Wald zusammengetrieben hatte, die von einer
Menge Bauern am Durchbrechen verhindert wurden, und zu welchem Zweck
auch in der Nacht der ganze Umkreis des Waldes durch eine enge Kette
von Wachtfeuern erleuchtet war. Nicht leicht konnte dem Großfürsten
in einem andern Staat eine solche Anzahl von Wild beisammen gezeigt
werden, und um das Vergnügen der Jagd zu erhöhen, waren die edlen Tiere
bestimmt, eine steile Anhöhe hinaufgejagt und gezwungen zu werden,
sich in einen See zu stürzen, in welchem sie, aus einem eigens dazu
erbauten Lusthause, nach Bequemlichkeit erlegt werden konnten.
In dem Gewirr und der Unruhe, welche solche Vorkehrungen bei den
Städtern immer hervorbringen, blieb unser Dichter ganz auf sich
eingeschränkt und hatte zu Anfang des Septembers sein Trauerspiel so
weit gebracht, daß er es beinahe für vollendet halten durfte, indem
er die Auslassungen, die Abänderungen, welche etwa die Aufführung
erheischen sollte, auf eine ruhigere Zeit aufsparte und um so eher in
wenigen Tagen damit zu Ende zu kommen hoffte, als er schon während der
Arbeit an das Nötige hierüber gedacht.
Unter den angekommenen Fremden befand sich auch Baron Dalberg, der
einige Tage früher, als die Festlichkeiten ihren Anfang nahmen,
eintraf, sowie die Gattin des Regisseurs Meier vom Mannheimer Theater,
die aus Stuttgart gebürtig war. Schiller machte dem Baron Dalberg
seinen Besuch, ohne von seinem Vorhaben das geringste zu erwähnen.
Ebenso verschlossen blieb er gegen Madame Meier, die er öfter sah. Die
Ursachen dieses Schweigens waren keine anderen, als weil der Vorsatz,
etwas zu wagen, viel zu stark und die Hoffnung auf einen glücklichen
Erfolg -- wenn er seine Bitten in diesem Tumult von Festivitäten
und Vergnügen an seinen Fürsten gelangen lasse -- viel zu groß bei
ihm geworden war, als daß er sich der widerlichen Empfindung hätte
aussetzen mögen, durch Zweifel belästigt oder durch Beweise eines
ungewissen Erfolges widerlegt zu werden.
Was den Freiherrn von Dalberg insbesondere betraf, so vermutete
Schiller, daß seiner dringenden Vorstellungen ungeachtet nur darum
keine Verwendung für ihn geschehen, weil er noch in herzoglichen
Diensten stehe. Käme aber das Schlimmste, daß er diese Dienste
verlassen müßte, so wäre es ganz unmöglich, daß Baron Dalberg nach den
vielen Versicherungen der aufrichtigsten Teilnahme und der größten
Bereitwilligkeit, seine Wünsche zu gewähren, ihn ohne Hilfe und
Unterstützung lassen würde. Im Gegenteil hegte er die gewisse Hoffnung,
daß er dann als Theaterdichter in Mannheim angestellt und somit ein
Ziel erreichen würde, welches er als das glücklichste und für ihn
passendste anerkannte.
Madame Meier als aufrichtige, wahrheitsliebende Landsmännin hätte zwar
die Äußerungen der Schmeichelei, der Güte, des Wohlwollens, womit
Schiller bei seiner letzten Anwesenheit in Mannheim überschüttet
worden, sehr leicht in den Dunst und Nebel, aus dem sie bestanden,
auflösen können, aber sie hätte dann die schönsten Träume, die
sehnlichsten Wünsche des jungen Mannes zerstört und ihn wieder an die
Klippe zurückgeworfen, die ihn zu zerschellen drohte. Das Beharren
in dem jetzigen Zustande ließ allerdings den Regimentsdoktor, wie er
vorher war, zernichtete aber den Dichter. Das Wagnis des Losreißens
eröffnete Aussichten, die, auch nur zum Teil erfüllt, gegen den frühern
Zwang gehalten, die Wonne eines Paradieses erwarten ließen.
Aber die Zeit verfloß. Nur wenige Tage waren noch übrig, welche so
geräuschvoll und unruhig sein konnten, daß man unbemerkt eine Reise
hätte antreten können. Schiller ging mit seinem Freund und Mad. Meier
auf die Solitüde, um seine Eltern und Schwestern noch einmal zu sehen,
besonders aber von seiner Mutter, die jetzt von allem auf das genaueste
unterrichtet war, Abschied zu nehmen und sie zu beruhigen. Der in der
lachendsten Gegend fortlaufende Weg dahin wurde zu Fuß gemacht, welches
die Gelegenheit bieten sollte, um von Mad. Meier unvermerkt alles
erfahren zu können, was die innere Beschaffenheit des Theaters oder
die Hoffnungen des Dichters betraf. Da aber alles dahin Einschlagende
nur oberflächlich berührt wurde, auch ernsthaftere Fragen aus Furcht,
erraten zu werden, nicht wohl gestellt werden konnten, so blieb die
Zukunft in derselben Dämmerung wie bisher, und es war nichts übrig,
als sich auf das Glück zu verlassen.
Bei dem Eintritt in die Wohnung von Schillers Eltern befand sich nur
die Mutter und die älteste Schwester gegenwärtig. So freundlich auch
die Hausfrau die Fremden empfing, so war es ihr doch nicht möglich,
sich so zu bemeistern, daß S. die Unruhe nicht aufgefallen wäre,
mit der sie ihn anblickte und oft zu reden versuchte, ohne ein Wort
hervorbringen zu können. Glücklicherweise trat bald der Vater Schillers
ein, der durch Aufzählung der Festlichkeiten, welche auf der Solitüde
gehalten werden sollten, die Aufmerksamkeit so ganz an sich zog, daß
sich der Sohn unvermerkt mit der Mutter entfernen und seine Freunde der
Unterhaltung mit dem Vater überlassen konnte.
Es war mir auffallend, bei diesem kleinen, untersetzten Mann außer
einer sehr schönen, großen Stirne wenig Ähnlichkeit mit seinen Sohne
wahrnehmen zu können und auch in der klaren, bestimmten, durchaus
scharfverständigen Sprache den Schwung und die milde Wärme zu
vermissen, womit sein Sohn als Dichter und Philosoph jeden Gegenstand
des Gespräches zu beleben und zu erheben wußte.
Nach einer Stunde kehrte Schiller zur Gesellschaft zurück, aber -- ohne
seine Mutter. Wie hätte diese sich zeigen können! Konnte und durfte sie
auch den vorhabenden Schritt als eine Notwehr ansehen, durch die er
sein Dichtertalent, sein künftiges Glück sichern und vielleicht einer
unverschuldeten Einkerkerung vorbeugen wollte, so mußte es ihr doch das
Herz zermalmen, ihren einzigen Sohn auf immer verlieren zu müssen, und
zwar aus Ursachen, die so unbedeutend waren, daß sie nach den damaligen
Ansichten in jedem andern Staat ohne besondere Folgen geblieben wären.
Und dieser Sohn, in welchem sie beinahe ihr ganzes Selbst erblickte,
der schon an der mütterlichen Brust die sanfte Gemütsart, die milde
Denkweise eingesogen zu haben schien -- er hatte ihr von jeher nichts
als Freude gewährt; sie sah ihn mit all den Eigenschaften begabt,
die sie so oft, so inbrünstig von der Gottheit für ihn erfleht hatte!
Und nun! -- -- -- -- -- -- -- -- -- Wie schmerzhaft das Lebewohl von
beiden ausgesprochen worden sein mußte, ersah man an den Gesichtszügen
des Sohnes, sowie an seinen feuchten, geröteten Augen. Er suchte diese
einem gewöhnlichen, ihn oft befallenden Übel zuzuschreiben und konnte
erst auf dem Wege nach Stuttgart durch die zerstreuenden Gespräche der
Gesellschaft wieder zu einiger Munterkeit gelangen.
Auf der Solitüde erfuhr man, daß daselbst am 17. September die große
Hirschjagd, Schauspiel und eine allgemeine, prächtige Beleuchtung
stattfinden solle. Zu Hause angelangt, wurde zwischen Schiller und
S. alles, was ihre Reise betraf, noch um so eifriger besprochen, als
keine Zeit mehr zu verlieren war, da die Festlichkeiten bald zu Ende
sein würden. Als man auch erfahren, welchen Tag Schillers Regiment
die Wachen nicht zu besetzen habe, er folglich unter den Stadttoren
Soldaten treffen werde, denen er nicht so genau wie seinen alten
Grenadieren bekannt sei, so wurde die Abreise auf den 17. September
abends um neun Uhr festgesetzt.[1]
Die bürgerliche Kleidung, welche sich Schiller hatte machen lassen,
seine Wäsche, die Werke von Haller, Shakespeare etc. etc., noch einige
andere Dichter wurden nach und nach von S. weggebracht, so daß für die
spätern Stunden nur wenig mehr zu tun übrigblieb. Am letzten Vormittag
sollte nach der Abrede um zehn Uhr alles bereit sein, was von Schiller
noch wegzubringen war, und S. fand sich mit der Minute ein. Allein er
fand nicht das mindeste hergerichtet. Denn nachdem Schiller um acht
Uhr in der Frühe von seinem letzten Besuch in dem Lazarett zu Hause
gekehrt war, fielen ihm bei dem Zusammensuchen seiner Bücher die Oden
von Klopstock in die Hände, unter denen eine ihn schon oft besonders
angezogen und aufs neue so aufregte, daß er sogleich -- jetzt in einem
so entscheidenden Augenblick! -- ein Gegenstück dichtete. Ungeachtet
alles Drängens, alles Antreibens zur Eile mußte S. dennoch zuerst
die Ode und dann das Gegenstück anhören, welchem letzterem -- gewiß
weniger aus Vorliebe für seinen begeisterten Freund -- der Schönheit
der Sprache und Bestimmtheit der Bilder wegen, S. einen entschiedenen
Vorzug gab. Eine geraume Zeit verging, ehe der Dichter von seinem
Gegenstand abgelenkt, wieder auf unsere Welt, auf den heutigen Tag zu
der fliehenden Minute zurückgebracht werden konnte. Ja es erforderte
öfteres Fragen, ob nichts vergessen sei, sowie mehrmaliges Erinnern,
daß nichts zurückgelassen werde. Erst am Nachmittag aber konnte alles
in Ordnung gebracht werden, und abends neun Uhr kam Schiller in die
Wohnung von S. mit einem Paar alten Pistolen unter seinem Kleide.
Diejenige, welche noch einen ganzen Hahn, aber keinen Feuerstein hatte,
wurde in den Koffer gelegt; die andere, mit zerbrochenem Schloß, in den
Wagen getan. Daß aber beide nur mit frommen Wünschen für Sicherheit
und glückliches Fortkommen geladen waren, versteht sich von selbst.
Der Vorrat an Geld war bei den Reisenden nichts weniger als bedeutend;
denn nach Anschaffung der nötigen Kleidungsstücke und anderer Sachen,
die für unentbehrlich gehalten wurden, blieben Schillern noch
dreiundzwanzig und S. noch achtundzwanzig Gulden übrig, welche aber
von der Hoffnung und dem jugendlichen Mut auf das Zehnfache gesteigert
wurden.
Hätte Schiller nur noch einige Wochen warten und nicht durchaus sich
schon jetzt entfernen wollen, so würde S. die nötige Summe bis Hamburg
in Händen gehabt haben. Aber die Ungeduld des unterdrückten Jünglings,
eine Entscheidung herbeizuführen, ließ sich schon darum nicht bezähmen,
weil er fürchtete, eine so gute Gelegenheit zum unbemerkten Entkommen
ungenützt vorbeigehen zu lassen und dann weit mehr Schwierigkeit bei
dem Herzog für die Gewährung seiner Bitten zu finden. Bis Mannheim wie
auch für einige Tage Aufenthalt daselbst konnte das kleine Vermögen
ausreichen, und was zum Weiterkommen fehlte, sollte S. nachgeschickt
werden.
Nachdem der Wagen mit zwei Koffern und einem kleinen Klavier bepackt
war, kam der schwere Kampf, den Schiller vor einigen Tagen bestanden,
nun auch an S. -- von seiner guten, frommen Mutter Abschied zu
nehmen. Auch er war der einzige Sohn, und die mütterlichen Sorgen
ließen sich nur dadurch beschwichtigen, daß Schiller nicht nur die
unveränderlichste Treue gegen seinen Freund gelobte, sondern auch
die zuverlässige Hoffnung aussprach, in vierzehn Tagen wieder zurück
eintreffen und von der glücklich vollbrachten Reise Bericht geben zu
wollen. Von Segenswünschen und Tränen begleitet, konnten die Freunde
endlich um zehn Uhr nachts in den Wagen steigen und abfahren.
Der Weg wurde zum Eßlinger Tor hinaus genommen, weil dieses das
dunkelste war und einer der bewährtesten Freunde Schillers -- möchte
ihm das Vergnügen gegönnt sein, diese Zeilen noch zu lesen -- als
Leutnant die Wache hatte, damit, wenn sich ja eine Schwierigkeit
ergäbe, diese durch Vermittlung des Offiziers sogleich gehoben werden
könne.
Es war ein Glück, daß damals von keinem zu Wagen Reisenden ein Paß
abgefordert wurde. Nur S. hatte sich einen nach Hamburg geben lassen,
welches aber nur der überflüssig scheinenden Vorsicht wegen geschah.
So gefaßt die jungen Leute auch auf alles waren, und so wenig sie
eigentlich zu fürchten hatten, so machte dennoch der Anruf der
Schildwache -- Halt! -- Wer da! -- Unteroffizier heraus! -- einen
unheimlichen Eindruck auf sie. Nach den Fragen: Wer sind die Herren? Wo
wollen Sie hin? wurde von S. des Dichters Name in Doktor Ritter, und
der seinige in Doktor Wolf verwandelt, beide nach Eßlingen reisend,
angegeben und so aufgeschrieben. Das Tor wurde nun geöffnet, die
Reisenden fuhren vorwärts, mit forschenden Blicken in die Wachtstube
des Offiziers, in der sie zwar kein Licht, aber beide Fenster weit
offen sahen. Als sie außer dem Tore waren, glaubten sie einer großen
Gefahr entronnen zu sein, und gleichsam als ob diese wiederkehren
könnte, wurden, so lange als sie die Stadt umfahren mußten, um die
Straße nach Ludwigsburg zu gewinnen, nur wenige Worte unter ihnen
gewechselt. Wie aber einmal die erste Anhöhe hinter ihnen lag, kehrten
Ruhe und Unbefangenheit zurück, das Gespräch wurde lebhafter und bezog
sich nicht allein auf die jüngste Vergangenheit, sondern auch auf
die bevorstehenden Erlebnisse. Gegen Mitternacht sah man links von
Ludwigsburg eine außerordentliche Röte am Himmel, und als der Wagen in
die Linie der Solitüde kam, zeigte das daselbst auf einer bedeutenden
Erhöhung liegende Schloß mit allen seinen weitläufigen Nebengebäuden
sich in einem Feuerglanze, der sich in der Entfernung von anderthalb
Stunden auf das Überraschendste ausnahm. Die reine, heitere Luft
ließ alles so deutlich wahrnehmen, daß Schiller seinem Gefährten den
Punkt zeigen konnte, wo seine Eltern wohnten, aber alsbald, wie von
einem sympathetischen Strahl berührt, mit einem unterdrückten Seufzer
ausrief: »Meine Mutter!«
Es war ganz natürlich, daß die Erinnerung an die Verhältnisse, welche
vor einigen Stunden auf das Ungewisse hin abgerissen wurden, nicht
anders als wehmütig sein konnte. Andererseits war es aber wieder
beruhigend, als gewiß voraussetzen zu können, daß in diesem Wirbel von
Festen außer den Müttern und Schwestern niemand an die Reisenden denke,
folglich Mannheim ohne Hindernis erreicht werden könne.
Morgens zwischen ein und zwei Uhr war die Station Entzweihingen
erreicht, wo gerastet werden mußte. Als der Auftrag für etwas Kaffee
erteilt war, zog Schiller sogleich ein Heft ungedruckter Gedichte
von Schubart hervor, von denen er die bedeutendsten seinem Gefährten
vorlas. Das merkwürdigste darunter war die Fürstengruft, welches
Schubart in den ersten Monaten seiner engen Gefangenschaft mit der
Ecke einer Beinkleiderschnalle in die nassen Wände seines Kerkers
eingegraben hatte. Damals, 1782, war Schubart noch auf der Festung, wo
er aber jetzt sehr leidlich gehalten wurde. In manchem dieser Gedichte
fanden sich Anspielungen, die nicht schwer zu deuten waren, und die
keine nahe Befreiung ihres Verfassers erwarten ließen.
Schiller hatte für die dichterischen Talente des Gefangenen sehr viele
Hochachtung. Auch hatte er ihn einigemal auf dem Asperg besucht.
Nach drei Uhr wurde von Entzweihingen aufgebrochen, und nach acht
Uhr morgens war die kurpfälzische, durch eine kleine Pyramide
angedeutete Grenze erreicht, die mit einer Freude betreten wurde, als
ob rückwärts alles Lästige geblieben wäre und das ersehnte Eldorado
bald erreicht sein würde. Das Gefühl, eines harten Zwanges entledigt
zu sein, verbunden mit dem heiligen Vorsatz, demselben sich nie mehr
zu unterwerfen, belebten das bisher etwas düstere Gemüt Schillers zur
gefälligsten Heiterkeit, wozu die angenehme Gegend, das muntere Wesen
und Treiben der rüstigen Einwohner wohl auch das ihrige beitrugen.
»Sehen Sie,« rief er seinem Begleiter zu, »sehen Sie, wie freundlich
die Pfähle und Schranken mit Blau und Weiß angestrichen sind! Ebenso
freundlich ist auch der Geist der Regierung!«
Ein lebhaftes Gespräch, das durch diese Bemerkung herbeigeführt wurde,
verkürzte die Zeit dergestalt, daß es kaum möglich schien, um zehn Uhr
schon in Bretten angekommen zu sein. Dort wurde bei dem Postmeister
Pallavicini abgestiegen, etwas gegessen, der von Stuttgart mitgenommene
Wagen und Kutscher zurückgeschickt, nachmittags die Post genommen und
über Waghäusel nach Schwetzingen gefahren, allwo die Ankunft nach neun
Uhr abends erfolgte. Da in Mannheim als einer Hauptfestung die Tore mit
Eintritt der Dunkelheit geschlossen wurden, so mußte in Schwetzingen
übernachtet werden, welches auf zwei unruhige Tage und eine schlaflose
Nacht um so erwünschter war.
Am 19. September waren die Reisenden des Morgens sehr früh geschäftig,
um sich zu dem Eintritt in Mannheim vorzubereiten. Das Beste, was die
Koffer faßten, wurde hervorgesucht, um durch scheinbaren Wohlstand
sich eine Achtung zu sichern, die dem dürftig oder leidend Aussehenden
fast immer versagt wird. Die Hoffnung Schillers, seine kranke Börse
in der nächsten Zeit durch einige Erfrischungen beleben zu können,
war keine Selbsttäuschung; denn wer hätte daran zweifeln mögen, daß
eine Theaterdirektion, die schon im ersten Jahre so vielen Vorteil aus
den Räubern gezogen, sich nicht beeilen würde, das zweite Stück des
Dichters -- das nicht nur für das große Publikum, sondern auch für den
gebildeten Teil desselben berechnet war -- gleichfalls aufzunehmen?
Es ließ sich für gewiß erwarten -- die Entscheidung des Herzogs möge
nun gewährend oder verneinend ausfallen -- daß noch in diesem Jahre
Fiesco aufgeführt werde und dann war der Verfasser durch eine freie
Einnahme oder ein beträchtliches Honorar auf so lange geborgen, daß er
sich wieder neue Hilfsmittel schaffen konnte. Mit der Zuversicht, daß
die nächsten vierzehn Tage schon diese Vermutungen in volle Gewißheit
umwandeln müßten, wurde die Postchaise zum letztenmal bestiegen und
nach Mannheim eingelenkt, das in zwei Stunden, ohne irgend eine Frage
oder Aufenthalt an dem Tore der Festung, erreicht war.
Der Theaterregisseur, Herr Meier, bei welchem abgestiegen wurde, war
sehr überrascht, Schillern zu einer Zeit bei sich zu sehen, wo er
ihn in lauter Feste und Zerstreuungen versunken glaubte; aber seine
Überraschung ging in Erstaunen über, als er vernahm, daß der junge
Mann, den er so hoch verehrte, jetzt als Flüchtling vor ihm stehe.
Obwohl Herr Meier bei der zweimaligen Anwesenheit Schillers in Mannheim
von diesem selbst über sein mißbehagliches Leben und Treiben in
Stuttgart unterrichtet war, so hatte er doch nicht geglaubt, daß diese
Verhältnisse auf eine so gewagte und plötzliche Art abgerissen werden
sollten. Als gebildeter Weltmann enthielt er sich bei den weitern
Erklärungen Schillers hierüber jedes Widerspruchs und bestärkte ihn
nur in diesem Vorhaben, noch heute eine Vorstellung an den Herzog
einzusenden und durch seine Bitte eine Aussöhnung bewirken zu wollen.
Die Reisenden wurden von ihm zum Mittagessen eingeladen, und er hatte
auch die Gefälligkeit, in der Nähe seines Hauses eine Wohnung, die in
dem menschenleeren Mannheim augenblicklich zu haben war, aufnehmen zu
lassen, wohin sogleich das Reisegeräte geschafft wurde.
Nach Tische begab sich Schiller in das Nebenzimmer, um daselbst an
seinen Fürsten zu schreiben. Als er in einigen Stunden fertig war, las
er den vorher nicht aufgesetzten, aber vortrefflich geschriebenen Brief
den wartenden Freunden vor, dessen wesentlicher Inhalt folgender war:
»Im Eingang erwähnte er, daß er in der Akademie das Studium, zu dem
er eine entschiedene Neigung gehabt, niemals habe treiben dürfen
oder können, und er sich nur aus Gehorsam gegen den fürstlichen
Willen, zuerst der Rechtswissenschaft und dann der Arzneikunde
gewidmet habe. Er erinnerte den Herzog an die vielen und großen
Gnaden, welcher er während der sieben Jahre seines Aufenthaltes
von ihm gewürdigt worden, und die so bedeutend waren, daß er ewig
stolz darauf sein werde, sagen zu dürfen, sein Fürst habe ihn in
seinem Herzen getragen. Dann setzte er erstens die Unmöglichkeit
auseinander, mit seiner geringen Besoldung leben oder durch seinen
Beruf als Arzt sich ein besseres Auskommen verschaffen zu können,
indem die Anzahl der Mediziner zu groß in Stuttgart sei, und ein
Anfänger zu lange Zeit brauche, um sich bekannt zu machen, er auch
von Haus nichts zuzusetzen habe.
»Zweitens bat er um die Aufhebung des Befehls, keine andern als
medizinische Schriften drucken zu lassen, indem die Bekanntmachung
seiner dichterischen Arbeiten allein imstande sei, seine Einnahme
zu verbessern.
»Drittens möge es ihm erlaubt werden, alle Jahre, auf kurze Zeit,
eine Reise in das Ausland zu machen.
»Viertens, daß er sehr gern wieder zurückkehren wolle, wenn ihm das
fürstliche Wort gegeben würde, daß seine eigenmächtige Entfernung
verziehen sei und er keine Strafe dafür zu befürchten habe.«
Dieses Schreiben wurde einem Brief an seinen Regimentschef, den General
Augé, beigeschlossen und dieser ersucht, die vorgelegten Bitten nach
seinen besten Kräften sowie durch seinen ganzen Einfluß bei dem Herzog
unterstützen zu wollen. Schiller glaubte für seine Sicherheit so wenig
befürchten zu dürfen, daß er den General bat, ihm seine Antwort durch
die Adresse des Herrn Meier zukommen zu lassen. Obwohl letzterer über
das wahrscheinliche Verfahren des Herzogs nicht so ruhig sein konnte
als derjenige, den es zunächst betraf, so mußte er doch die Möglichkeit
zugestehen, daß der Fürst durch die rührenden und bescheidenen
Vorstellungen seines ehemaligen Günstlings wie auch aus Rücksicht gegen
dessen Eltern vielleicht bewogen werden könne, von den gewöhnlichen
Verfügungen für diesmal abzugehen und wenigstem einen Teil der Bitten
zu bewilligen.
Den andern Tag abends traf Madame Meier von Stuttgart wieder zu
Hause ein. Sie erzählte, daß sie schon am 18. vormittags Schillers
Verschwinden erfahren, daß jedermann davon spreche und allgemein
vermutet werde, man würde ihm nachsetzen lassen oder seine Auslieferung
verlangen. Schiller beruhigte jedoch seine Freunde durch die
Versicherung, daß er den großmütigen Charakter seines Herzogs durch zu
viele Proben habe kennen lernen, als daß er nur die geringste Gefahr
befürchte, so lang' er den Willen zeige, wieder zurückzukommen.
Dies sei geschehen, eines Vergehens könne man ihn nicht anklagen;
eigentlicher Soldat sei er nicht, folglich könne man ihn auch
nicht unter die Klasse derjenigen zählen, denen bei freiwilligem
Abschiednehmen nachgesetzt wird.
Indessen wurde es doch für ratsam gehalten, daß er sich nirgends
öffentlich zeigen solle, wodurch er nun auf seine Wohnung und das
Meiersche Haus allein eingeschränkt blieb. Für die Reisenden war es
sehr angenehm, in der Hausfrau eine teilnehmende Landsmännin und sehr
gebildete Freundin zu finden, die in alles einging, was ihr jetziges
oder künftiges Schicksal betraf, und dasjenige mit leichter Zunge
behandelte, über was sich Männer nur sehr ungern offen erklären.
Nicht nur für diese bedenkliche Zeit, sondern auch in der Folge blieben
diese würdigen Leute Schillers aufrichtigste, wahrste Freunde, und
Madame Meier bewies sich besonders bei dieser Gelegenheit so sorgsam
und tätig wie eine Mutter, die sich um ihren Sohn anzunehmen hat.
Mittlerweile hatte S. schon am ersten Abend mit Herrn Meier über das
neue, beinahe ganz fertige Trauerspiel Fiesco gesprochen und desselben
als einer Arbeit erwähnt, die den Räubern aus vielen Rücksichten
vorzuziehen sei. Es ergab sich nun von selbst, daß der Dichter
darum angegangen wurde, die erregte Neugierde durch Mitteilung des
Manuskriptes zu befriedigen, wozu sich aber dieser nur unter der
Bedingung verstand, wenn eine größere Anzahl von Zuhörern gegenwärtig
sei. Man fand dies um so natürlicher, da wohl unter allen Schauspielern
sich keiner befand, der nicht im höchsten Grad auf die zweite Arbeit
eines Jünglings begierig gewesen wäre, welcher sich schon durch seine
erste auf eine so außerordentliche Art angekündigt hatte. Es wurde
daher sogleich ein Tag festgesetzt, auf welchen die bedeutendsten
Künstler des Theaters eingeladen werden sollten, um der Vorlesung des
neuen Stücks beizuwohnen.
Nach zwei erwartungsvollen Tagen traf die Antwort von General Augé
an Schiller ein, welche folgendes enthielt: »Der General habe den
Wünschen Schillers entsprochen und sein Schreiben dem Herzog nicht
nur vorgelegt, sondern auch durch sein Vorwort die getanen Bitten
unterstützt. Er habe daher den Auftrag erhalten, ihn wissen zu lassen:
da Se. herzogliche Durchlaucht bei Anwesenheit der hohen Verwandten
jetzt sehr gnädig wären, er nur zurückkommen solle.«
Da dieses Schreiben von allem dem nicht das geringste erwähnte, um was
Schiller zur Erleichterung seines Schicksals so dringend gebeten hatte,
so schrieb er dem General augenblicklich zurück, daß er diese Äußerung
Sr. Durchlaucht unmöglich als eine Gewährung seines Gesuches betrachten
könne, folglich genötigt sei, bei dem Inhalt seiner Bittschrift zu
beharren, und seinen Chef ersuche, alles anzuwenden, um den Herzog zur
Erfüllung seiner Wünsche zu vermögen.
Durch diese Antwort seines Generals in Zweifel gesetzt, was er zu
hoffen oder zu fürchten habe, schrieb Schiller -- was er schon am
zweiten Tag seiner Ankunft an seine Eltern getan -- sogleich an einige
Freunde, damit, wenn sie etwas erführen, was ihm schaden könnte, sie
ihm doch alsobald Nachricht geben möchten, und sah den Antworten mit
ebensoviel Unruhe als Neugierde entgegen.
Der Nachmittag war zur Vorlesung des neuen Trauerspiels bestimmt, wozu
sich gegen vier Uhr außer Iffland, Beil, Beck noch mehrere Schauspieler
einfanden, die nicht Worte genug finden konnten, um ihre tiefe
Verehrung gegen den Dichter sowie über die hohe Erwartung auszudrücken,
die sie von dem neuesten Produkt eines so erhabenen Geistes hätten.
Nachdem sich alle um einen großen, runden Tisch gesetzt hatten,
schickte der Verfasser erst eine kurze Erzählung der wirklichen
Geschichte und eine Erklärung der vorkommenden Personen voraus, worauf
er dann zu lesen anfing.
Für S. war das Beisammensehen so berühmter Künstler wie Iffland, Meier,
Beil, von denen das Gerücht Außerordentliches sagte, um so mehr neu
und willkommen, als er noch nie mit einem Schauspieler einigen Umgang
gehabt hatte. Im stillen feierte er schon den Triumph, wie überrascht
diese Leute, die den Dichter mit unverwandten Augen ansahen, über die
vielen schönen Stellen sein würden, die schon in den ersten Szenen,
sowie in den folgenden noch häufiger vorkommen, und sah nicht den
Vorleser, sondern nur die Zuhörer an, um die Eindrücke zu bemerken,
welche die vorzüglichsten Ausdrücke bei ihnen hervorbringen würden.
Aber der erste Akt wurde zwar bei größter Stille, jedoch ohne das
geringste Zeichen des Beifalls abgelesen, und er war kaum zu Ende,
als Herr Beil sich entfernte und die übrigen sich von der Geschichte
Fiescos oder andern Tagesneuigkeiten unterhielten.
Der zweite Akt wurde von Schiller weiter gelesen, ebenso aufmerksam
wie der erste, aber ohne das geringste Zeichen von Lob oder Beifall
angehört. Alles stand jetzt auf, weil Erfrischungen von Obst, Trauben
etc. herumgegeben wurden. Einer der Schauspieler, namens Frank, schlug
ein Bolzschießen vor, zu dem man auch Anstalt zu machen schien. Allein
nach einer Viertelstunde hatte sich alles verlaufen, und außer den zum
Haus Gehörigen war nur Iffland geblieben, der sich erst um acht Uhr
nachts entfernte.
Als ein vollkommener Neuling in der Welt konnte sich S. diese
Gleichgültigkeit, ja diese Abneigung gegen eine so vortreffliche
Dichtung von denen am allerwenigsten erklären, die kaum vor einer
Stunde die größte Bewunderung und Verehrung für Schiller ihm selbst
bezeugt hatten, und es empöre ihn um so heftiger, alle die Sagen von
Neid und Kabale der Schauspieler jetzt schon bestätigt zu sehen, da die
Antwort des Generals Augé wenig Hoffnung ließ, daß sein Freund jemals
zurückkehren dürfe; wo alsdann sein Schicksal bei solchen Leuten sehr
beklagenswert sein müßte.
Aber der Unerfahrene sollte noch mehr in Verlegenheit gesetzt werden;
denn als er eben im Begriff war, sich über die ungewöhnliche und
beinahe verächtliche Behandlung Schillers bei Herrn Meier zu beklagen,
zog ihn dieser in das Nebenzimmer und fragte: »Sagen Sie mir jetzt
ganz aufrichtig, wissen Sie gewiß, daß es Schiller ist, der die Räuber
geschrieben?«
Zuverlässig! Wie können Sie daran zweifeln?
»Wissen Sie gewiß, daß nicht ein anderer dieses Stück geschrieben und
er es nur unter seinem Namen herausgegeben? Oder hat ihm jemand anderer
daran geholfen?«
Ich kenne Schillern schon im zweiten Jahre und will mit meinem Leben
dafür bürgen, daß er die Räuber ganz allein geschrieben und ebenso auch
für das Theater abgeändert hat. Aber warum fragen Sie mich dieses alles?
»Weil der Fiesco das Allerschlechteste ist, was ich je in meinem Leben
gehört, und weil es unmöglich ist, daß derselbe Schiller, der die
Räuber geschrieben, etwas so Gemeines, Elendes sollte gemacht haben.«
S. suchte Herrn Meier zu widerlegen und ihm zu beweisen, daß Fiesco
weit regelmäßiger für die Bühne und darin alles vermieden sei, was an
den Räubern mit Recht so scharf getadelt worden. Er müsse das neue
Stück nur öfter hören oder es selbst durchlesen, dann werde er es
gewiß ganz anders beurteilen und ihm Geschmack abgewinnen. Allein alle
diese Reden waren vergebens. Herr Meier beharrte um so mehr auf seiner
Meinung, weil es ihm als einem erfahrnen Schauspieler zukommen müsse,
aus einigen Szenen den Gehalt des Ganzen sogleich beurteilen zu können,
und sein Schluß war: »Wenn Schiller wirklich die Räuber und Fiesco
geschrieben, so hat er alle seine Kraft an dem ersten Stück erschöpft
und kann nun nichts mehr als lauter erbärmliches, schwülstiges,
unsinniges Zeug hervorbringen.«
Dieses Urteil, von einem Mann ausgesprochen, den man nicht nur als
einen vollgültigen Richter, sondern auch als einen solchen Freund
Schillers ansehen durfte, dem an der guten Aufnahme des Stückes beinahe
ebensoviel als dem Verfasser selbst gelegen sei, machte auf S. einen so
betäubenden Eindruck, daß ihm die Sprache für den Augenblick den Dienst
versagte. War dies Herr Meier, der so zu ihm sprach? Hatte er auch
recht gehört? Sollte er die Erwartungen Meiers zu hoch gespannt haben?
Wäre es möglich, daß er sich getäuscht und dasjenige vortrefflich
gefunden, was andere, die man für Kenner gelten lassen mußte, nun
als schlecht, als unsinnig beurteilen? Oder hat sich Meier mit den
andern verschworen, zum Untergang des Stücks und seines Verfassers
mitzuwirken? Diese Fragen, durch das Unbegreifliche des Vorganges und
der Äußerungen Meiers hervorgerufen, machte S. an sich selbst und fand
sie um so quälender, da ihre Auflösung nicht sogleich erfolgen konnte.
Die Abendstunden wurden von den Anwesenden mit größter Verlegenheit
zugebracht. Von Fiesco erwähnte niemand mehr eine Silbe. Schiller
selbst war äußerst verstimmt und nahm mit seinem Gefährten zeitlich
Abschied. Bei dem Weggehen ersuchte ihn Meier, ihm für die Nacht das
Manuskript da zu lassen, indem er nur die zwei ersten Akte gehört und
doch gern wissen möchte, welchen Ausgang das Stück nähme. Schiller
bewilligte diese Bitte sehr gern.
Über den kalten Empfang Fiescos, von dem man die willkommenste Aufnahme
erwartet hatte, wurde zu Hause nichts, und überhaupt sehr lange wenig
gesprochen, bis sich Schiller endlich Luft machte und über den Neid,
die Kabale, den Unverstand der Schauspieler Klagen führte. Jetzt zum
erstenmal sprach er den ernstlichen Vorsatz aus, daß, wenn er hier
nicht als Schauspieldichter angestellt oder sein Trauerspiel nicht
angenommen werde, er selbst als Schauspieler auftreten wolle, indem
eigentlich doch niemand so deklamieren könne wie er. S. wollte dem
mißlaunigen Freunde nicht geradezu widersprechen, gab ihm aber doch
zu bedenken, in welche Verlegenheit er seine Mutter und Schwester,
besonders aber seinen Vater setzen würde, wenn sie erfahren müßten, daß
er nun weiter nichts als ein Schauspieler geworden sei, da er selbst
sich doch einen so glänzenden Erfolg von seiner Reise versprochen. Er
erinnerte ihn an das Vorurteil, das man in Stuttgart gegen diesen Stand
hege, wo man zwar dem einzelnen Gerechtigkeit widerfahren lasse, sich
aber doch jedes nähern Umganges mit ihm enthalte. Er möge doch mit
Geduld warten, bis Baron von Dalberg in Mannheim eintreffe, von dem
allein die günstige Wendung seines Schicksals zu hoffen sei.
Mit bangen Erwartungen wegen des Endurteils, das über Fiesco und seinen
Verfasser gefällt werden sollte, begab sich S. den andern Morgen
ziemlich früh zu Herrn Meier, der ihn kaum ansichtig wurde, als er
ausrief: »Sie haben recht! Sie haben recht! Fiesco ist ein Meisterstück
und weit besser bearbeitet als die Räuber. Aber wissen Sie auch was
schuld daran ist, daß ich und alle Zuhörer es für das elendeste
Machwerk hielten? Schillers schwäbische Aussprache und die verwünschte
Art, wie er alles deklamiert! Er sagt alles in dem nämlichen
hochtrabenden Ton her, ob es heißt: Er macht die Türe zu, oder ob es
eine Hauptstelle seines Helden ist. Aber jetzt muß das Stück in den
Ausschuß kommen, da wollen wir es uns vorlesen und alles in Bewegung
setzen, um es bald auf das Theater zu bringen!«
Der Schluß von Herrn Meiers Rede verwandelte die Niedergeschlagenheit
von S. in eine solche Freude, daß er, ohne Schillern zu entschuldigen
oder die herabsetzende Meinung von dessen Ansprache und
Deklamationsgabe widerlegen zu wollen, augenblicklich nach Hause eilte,
um dem Dichter, der eben aufgestanden war, die angenehme Nachricht zu
hinterbringen, sein Trauerspiel werde bald in lebendigen Gestalten
vor ihm erscheinen. Daß seine Mundart, seine heftige Aussprache den
schlechten Erfolg von gestern hervorgebracht, wurde ihm sorgfältig
verschwiegen, um sein ohnehin krankes Gemüt nicht zu reizen.
Am andern Tage traf die Antwort des Generals Augé auf das zweite
Schreiben Schillers ein, welche aber von ganz gleichem Inhalt wie
die erste war, nämlich: »Da Se. herzogliche Durchlaucht jetzt sehr
gnädig wären, er nur zurückkommen solle.« Allein Schiller konnte in
keinem Fall wagen, wieder heimzukehren, da ihm weder Straflosigkeit
zugesichert, noch eine seiner Bitten bewilligt worden war. Der
entscheidende Schritt war einmal geschehen, und so wenig Glänzendes
sich auch jetzt zeigte, so ließ sich doch dieses von der Zukunft
hoffen; ja er fand es geratener, weit eher einem ungewissen Schicksal
entgegen zu gehen, als sich das frühere Joch wieder auflegen zu lassen,
das ihm ohnehin schon den Nacken wund gerieben und in der Folge
zuverlässig auf das Mark des Lebens eingedrungen sein würde.
Er hielt nun das, was er zu tun habe, für so gewiß entschieden, daß er
nicht mehr an seinen General schrieb, sondern dem Rate seiner Freunde
folgte, sich auf einige Wochen zu entfernen, indem es doch möglich
wäre, daß seine Auslieferung von der pfälzischen Regierung verlangt
würde, weil er auf Kosten des Herzogs in der Akademie erzogen worden
und auch, da er Uniform getragen, einigermaßen zum Militärstande
gerechnet werden könne. Geschähe in einigen Wochen nichts gegen ihn, so
wäre man beinahe versichert, seine Entweichung sei vergessen oder der
Herzog werde seiner gewöhnlichen Großmut gemäß nicht weiter nach ihm
fragen.
Da auch Baron Dalberg noch immer in Stuttgart verweilte und seine
Rückkehr ungewiß blieb, folglich für die Bestimmung Schillers nichts
getan werden konnte, so wurde nach einem Aufenthalt von sechs
oder sieben Tagen die Reise über Darmstadt nach Frankfurt am Main
beschlossen, wo auch die weiteren Nachrichten von Haus oder von
Mannheim abgewartet werden konnten.
Aber diese Reise mußte zu Fuß gemacht werden; denn das kleine Kapital,
das jeder von Stuttgart mit sich nehmen konnte, war durch die Herreise,
durch das Verweilen in Mannheim so herab geschwunden, daß es bei der
größten Sparsamkeit nur noch zehn oder zwölf Tage ausreichen konnte.
Für Schiller war es wohl nicht tunlich, sich bei seinen Eltern um
Hilfe zu bewerben; denn seinem Vater durfte er nicht schreiben, um
ihn keinem Verdachte bloßzustellen, und seiner Mutter wollte er nicht
den Kummer machen, sie wissen zu lassen, daß er jetzt schon Mangel
leide, da sie gewiß geglaubt, er würde einem sehr behaglichen Zustand
entgegengehen. Es schrieb daher S. an seine Mutter, ihm vorläufig, aber
so bald als möglich dreißig Gulden auf dem Postwagen nach Frankfurt zu
schicken, weil Schiller in Mannheim nichts bezogen habe, beide nur noch
auf einige Tage mit Geld versehen seien und er den Freund in diesen
Umständen unmöglich verlassen könne.
Nach dem herzlichsten Abschied von Herrn und Madame Meier und nur
mit dem Unentbehrlichsten in den Taschen gingen die Reisenden nach
Tisch über die Neckarbrücke von Mannheim ab, schlugen den Weg nach
Sandhofen ein, blieben in einem Dorf über Nacht und gingen den andern
Tag durch die herrliche, rechts mit Burgruinen prangende Bergstraße
nach Darmstadt, wo sie abends gegen sechs Uhr eintrafen. Sehr ermüdet
von dem ungewohnten, zwölfstündigen Marsch begaben sie sich in
einen Gasthof und waren sehr froh, nach einem guten Abendessen in
reinlichen Betten ausruhen und sich durch Schlaf erholen zu können.
Letzteres sollte ihnen aber nicht zu teil werden; denn aus dem tiefsten
Schlafe wurden sie durch ein so lärmendes, fürchterliches Trommeln
aufgeschreckt, daß man glauben mußte, es sei ein sehr heftiges Feuer
ausgebrochen. Sie horchten, als das schreckliche Getöse sich entfernt
hatte, ob man nicht reiten, fahren oder schreien höre; sie öffneten
die Fenster, ob sich keine Helle von Flammen zeige, aber alles blieb
ruhig, und wenn es nur einer allein gehört hätte, würde er sich endlich
selbst überredet haben, es sei ein Traum gewesen. Am Morgen erkundigten
sie sich bei dem Wirt, was das außerordentlich starke Trommeln in der
Stadt zu bedeuten gehabt, und erfuhren mit Erstaunen, daß dieses jede
Nacht mit dem Schlag zwölf Uhr so wäre. Es sei die Reveille!
Des Morgens fühlte sich Schiller etwas unpäßlich, bestand aber doch
darauf, den sechs Stunden langen Weg nach Frankfurt noch heute zu
gehen, damit er alsogleich nach Mannheim schreiben und sich die
indessen an ihn eingelaufenen Briefe schicken lassen könne.
Es war ein sehr schöner, heiterer Morgen, als die Reisenden ihre
ermüdeten Füße wieder in Gang zu bringen versuchten und den Weg
antraten. Langsam schritten sie vorwärts, rasteten aber schon nach
einer Stunde, um sich in einem Dorfe mit etwas Kirschengeist, in Wasser
geschüttet, abzukühlen und zu stärken. Zu Mittag kehrten sie wieder
ein, weniger wegen des Essens, als daß Schiller, der sehr müde war,
sich etwas ausruhen könne. Allein es war in dem Wirtshause zu lärmend,
die Leute zu roh, als daß es über eine halbe Stunde auszuhalten
gewesen wäre. Man machte sich also noch einmal auf, um Frankfurt in
einigen Stunden zu erreichen, welches aber die Mattigkeit Schillers
kaum zuzulassen schien; denn er ging immer langsamer, mit jeder Minute
vermehrte sich seine Blässe, und als man in ein Wäldchen gelangte, in
welchem seitwärts eine Stelle ausgehauen war, erklärte er, außerstande
zu sein noch weiter zu gehen, sondern versuchen zu wollen, ob er sich
nach einigen Stunden Ruhe wenigstens so weit erhole, um heute noch die
Stadt erreichen zu können. Er legte sich unter ein schattiges Gebüsch
ins Gras nieder, um zu schlafen, und S. setzte sich auf den abgehauenen
Stamm eines Baumes, ängstlich und bange nach dem armen Freund
hinschauend, der nun doppelt unglücklich war.
In welcher Sorge und Unruhe der Wachende die Zeit zugebracht,
während der Kranke schlief, kann nur derjenige allein fühlen, der
die Freundschaft nicht bloß durch den Austausch gegenseitiger
Gefälligkeiten, sondern auch durch das wirkliche mit Leiden und mit
Tragen aller Widerwärtigkeiten kennt. Und hier mußte die innigste
Teilnahme um so größer sein, da sie einem Jüngling galt, der in allem
das reinste Gemüt, den höchsten Adel der Seele kund gab und all
das Erhabene und Schöne schon im voraus ahnen ließ, das er später
so groß und herrlich entfaltete. Auch in seinen gehärmten, düstern
Zügen ließ sich noch der stolze Mut wahrnehmen, mit dem er gegen ein
hartes, unverdientes Schicksal zu kämpfen suchte, und die wechselnde
Gesichtsfarbe verriet, was ihn, auch seiner unbewußt, beschäftige.
Das Ruheplätzchen lag für den Schlafenden so günstig, daß nur links
ein Fußsteig vorbeiführte, der aber während zwei Stunden von niemand
betreten wurde. Erst nach Verlauf dieser Zeit zeigte sich plötzlich
ein Offizier in blaßblauer Uniform mit gelben Aufschlägen, dessen
überhöflicher Ausruf: »Ah! hier ruht man sich aus!« einen der in
Frankfurt liegenden Werber vermuten ließ. Er näherte sich mit der
Frage: »Wer sind die Herren?« worauf S. etwas laut und barsch
antwortete: »Reisende.«
Schiller erwachte, richtete sich schnell auf und maß den Fremden mit
scharfem, verwundertem Blick, der sich nun auch, da er wohl merken
mochte, daß hier für ihn nichts zu angeln sei, ohne weiter ein Wort zu
sprechen, entfernte.
Auf die schnelle Frage von S., wie geht's, wie ist Ihnen? erfolgte
zu seiner großen Beruhigung die Antwort: »Mir ist etwas besser, ich
glaube, daß wir unsern Marsch wieder antreten können.« Er stand auf,
durch den Schlaf soweit gestärkt, daß er, anfangs zwar langsam, aber
doch ohne Beschwerde fortgehen konnte. Außerhalb des Wäldchens traf
man auf einige Leute, welche die Entfernung der Stadt noch auf eine
kleine Stunde angaben. Diese Nachricht belebte den Mut, es wurde etwas
schneller gegangen, und ganz unvermutet zeigte sich das altertümlich
gebaute, merkwürdige Frankfurt, in welches man auch noch vor der
Dämmerung eintrat.
Teils aus nötiger Sparsamkeit, teils auch, wenn Nachforschungen
geschehen sollten, um so leichter verborgen zu sein, wurde die
Wohnung in der Vorstadt Sachsenhausen bei einem Wirte der Mainbrücke
gegenüber gewählt und mit demselben sogleich der Betrag für Zimmer und
Verköstigung auf den Tag bedungen, damit man genau wisse, wie lange der
geringe Geldvorrat noch ausreichen würde.
Die Gewißheit, hier genugsam verborgen zu sein, die vergönnte Ruhe und
ein erquickender Schlaf gaben Schillern die nötigen Kräfte, daß er des
andern Tages einige Briefe nach Mannheim schreiben konnte. Unter diesen
befand sich auch derjenige an Baron Dalberg, der sich in obengenannter
Sammlung Seite 71 befindet. Gern würde der Verfasser dieses dem Leser
einen kleinen Schmerz ersparen, aber er muß es wissen, und bei diesem
außerordentlichen, jetzt beinahe vergötterten Dichter, wiederholt
bestätigt sehen, daß in Deutschland keinem großen Mann in seiner
Jugend auf Rosen gebettet wird; daß -- ist er nicht schon durch die
Eltern mit Glücksgütern gesegnet -- er die rauhesten, mit verwundenden
Dornen belegten Wege betreten muß, und selten, leider äußerst selten,
eine freundliche Hand sich findet, um ihm die Bahn gangbarer, um
seiner Brust das Atmen leichter zu machen. Man überschlage den Brief
nicht; denn er wurde mit gepreßtem Gemüt und nicht mit trockenen Augen
geschrieben.
»Eure Exzellenz werden von meinen Freunden zu Mannheim meine Lage
bis zu Ihrer Ankunft, die ich leider nicht mehr abwarten konnte,
erfahren haben. Sobald ich Ihnen sage, ich bin auf der Flucht,
sobald hab' ich mein ganzes Schicksal geschildert. Aber noch kommt
das Schlimmste dazu. Ich habe die nötigen Hilfsmittel nicht, die
mich in den Stand setzten, meinem Mißgeschick Trotz zu bieten.
Ich habe mich von Stuttgart meiner Sicherheit wegen schnell und
zur Zeit des Großfürsten losreißen müssen. Dadurch habe ich meine
bisherigen ökonomischen Verhältnisse plötzlich durchrissen und
nicht alle Schulden berichtigen können. Meine Hoffnung war auf
meinen Aufenthalt zu Mannheim gesetzt; dort hoffte ich, von E. E.
unterstützt, durch mein Schauspiel mich nicht nur schuldenfrei,
sondern auch überhaupt in bessere Umstände zu setzen. Dies ward
durch meinen notwendigen plötzlichen Aufbruch hintertrieben. Ich
ging leer hinweg, leer in Börse und Hoffnung. Es könnte mich
schamrot machen, daß ich Ihnen solche Geständnisse tun muß; aber
ich weiß, es erniedrigt mich nicht. Traurig genug, daß ich auch an
mir die gehässige Wahrheit bestätigt sehen muß, die jedem freien
Schwaben Wachstum und Vollendung abspricht.[2]
»Wenn meine bisherige Handlungsart, wenn alles das, woraus E. E.
meinen Charakter erkennen, Ihnen ein Zutrauen gegen meine Ehrliebe
einflößen kann, so erlauben Sie mir, Sie freimütig um Unterstützung
zu bitten. So höchst notwendig ich jetzt des Ertrags bedarf, den
ich von meinem Fiesco erwartete, so wenig kann ich ihn vor drei
Wochen theaterfertig liefern, weil mein Herz so lange beklemmt war,
weil das Gefühl meines Zustandes mich gänzlich von dichterischen
Träumen zurückriß. Wenn ich ihn aber bis auf besagte Zeit nicht nur
fertig, sondern, wie ich auch hoffen kann, würdig verspreche, so
nehme ich mir daraus den Mut, Euer Exzellenz um gütigsten Vorschuß
des mir dadurch zufallenden Preises gehorsamst zu bitten, weil ich
jetzt vielleicht mehr als sonst durch mein ganzes Leben dessen
benötigt bin. Ich hätte ungefähr noch 200 fl. nach Stuttgart zu
bezahlen. Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das mehr Sorge macht,
als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen soll. Ich habe so
lange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite gereinigt habe.
»Dann wird mein Reisemagazin in acht Tagen erschöpft sein. Noch
ist es mir gänzlich unmöglich mit dem Geiste zu arbeiten. Ich habe
also gegenwärtig auch in meinem Kopf keine Ressourcen. Wenn E.
E. (da ich doch einmal alles gesagt habe) mir auch hiezu 100 fl.
vorstrecken würden, so wäre mir gänzlich geholfen. Entweder würden
Sie dann die Gnade haben, mir den Gewinst der ersten Vorstellung
meines Fiesco mit aufgehobenem Abonnement zu versprechen, oder mit
mir über einen Preis übereinkommen, den der Wert meines Schauspiels
bestimmen würde. In beiden Fällen würde es mir ein leichtes sein
(wenn meine jetzige Bitte die alsdann erwachsende Summe überstiege)
beim nächsten Stück, das ich schreibe, die ganze Rechnung zu
applanieren. Ich lege diese Meinung, die nichts als inständige
Bitte sein darf, dem Gutbefinden E. E. also vor, wie ich es meinen
Kräften zutrauen kann, sie zu erfüllen.
»Da mein gegenwärtiger Zustand aus dem Bisherigen hell genug wird,
so finde ich es überflüssig, E. E. mit einer drängenden Vormalung
meiner Not zu quälen.
»Schnelle Hilfe ist alles, was ich jetzt noch denken und wünschen
kann. Herr Meier ist von mir gebeten mir den Entschluß E. E. unter
allen Umständen mitzuteilen, und Sie selbst des Geschäftes mir zu
schreiben zu überheben.