Anzeigenakquisiteur für eine halbtote Zeitung in Boston. Eines Tages
bot ihm der entmutigte Eigentümer die Zeitung für 150 Pfund Sterling
an. Curtis lehnte ab. »Allright,« sagte der Eigentümer, »Sie können sie
auch umsonst haben.«
Curtis nahm sie und wünschte fünf Jahre lang, er hätte es nicht getan.
Es war hoffnungslos. Mit 25 Jahren gab er sie auf, verheiratete sich
und übersiedelte nach Philadelphia.
Es war seine Heirat, die ihm seinen ersten Erfolg einbrachte. Er
hatte eine andere Zeitung begonnen -- die »Tribüne« --, und eines
Tages lenkte seine Frau seine Aufmerksamkeit auf die sogenannte
Frauenbeilage. »Wer hat das geschrieben?«, fragte sie. »Ich«, erwiderte
Curtis. »Es ist vollkommen lächerlich«, sagte sie.
»Gut,« sagte der kluge Curtis, »vielleicht ist es so. Willst du eine
Seite für mich schreiben?«
Sie tat es. Ihre Seite wurde sofort die beste in der Zeitung. Bald
wurde sie zur ganzen Zeitung, die darauf »Ladies’ Home Journal« genannt
wurde. Heute hat sie, wie gesagt, eine Auflage von zwei Millionen und
ist unter allen Frauenzeitungen die führende.
Curtis entdeckte bald, daß sein Geschäft für sein Kapital zu schnell
gewachsen war. Er brauchte viel mehr, als die Banken ihm geben wollten.
Der Mann, der ihm zu Hilfe kam, war N. W. Ayer, ein Anzeigenagent. Ayer
war der erste Mann, der Curtis nach seinem wahren Werte einschätzte.
Er lieh ihm nicht nur 50000 Pfund Sterling, sondern girierte ihm auch
einen Wechsel an die Papierfabrik über weitere 25000 Pfund Sterling.
In achtzehn Monaten hatte Curtis ihm den ganzen Betrag zurückgezahlt,
und als Ergebnis der guten Tat ist die N. W. Ayer-Gesellschaft heute
die größte und reichste Anzeigenfirma der Welt.
Eines der Geheimnisse des Erfolges von Curtis ist, daß er niemals seine
Zeit damit verliert, das, was er bereits in Händen hat, wieder in
Verwirrung zu bringen. Sein Grundsatz ist, rechtzeitig auf etwas Neues
loszugehen. Er läßt seine Erfolge in Ruhe.
So kaufte er, sobald das »Ladies’ Home Journal« ein Erfolg geworden
war, eine kleine Wochenschrift, genannt die »Saturday Evening Post«.
Sie war von Benjamin Franklin gegründet worden, hatte aber sonst
keinerlei Aktiven von irgendeiner Bedeutung. Curtis kaufte sie um 200
Pfund Sterling. Sie war tot und begraben, aber Curtis glaubte an die
Auferstehung. Jedermann machte sich lustig über ihn, weil er eine
Zeitung kaufte, die nichts als einen Namen hatte. Aber Curtis hatte
eine neue Idee. Im Jahre 1897 faszinierte ihn ein Buch namens »Calumet
K«, das ein Journalist geschrieben hatte. Dieses Buch war eine Romanze
des Geschäftes. Es öffnete seine Augen. Es zeigte ihm, daß Geschäft die
interessanteste und nützlichste Betätigung in der Welt ist: Er widmete
sein neues Magazin dem »Geschäft«.
Anfangs wollte es nicht gehen. Es steckte fest. Er verlor Geld daran.
Er verlor nahezu all sein Geld. Er verlor 300000 Pfund Sterling, bevor
es anfing in die Höhe zu gehen.
Heute ist es die einträglichste Zeitschrift der ganzen Welt. Sie
bildet eine Klasse für sich. Sie berechnet 1500 Pfund Sterling für die
Anzeigenseite.
Sie lehnt die Hälfte der Anzeigen ab, die ihr angeboten werden.
In einer einzigen Ausgabe hat sie 200000 Pfund Sterling Anzeigen.
Allein aus Anzeigen beträgt ihr Einkommen 7 Millionen Pfund Sterling im
Jahr.
Kurz darauf kaufte Curtis ein kleines, aber vornehmes Blatt, genannt
»Country Gentleman«. Es hatte gutes »Pedigree«, aber wenig Abonnenten.
Er arbeitete daran, bis die Auflage auf 600000 wöchentlich gestiegen
war.
Dann ließ er es in Ruhe und kaufte den »Daily Ledger«, ein Blatt, das
gleichfalls historisch und blutlos war.
Zu dieser Zeit, als er einmal London besuchte, gab ihm jemand ein
Buch »Das Leben des John Delane«. Delane war der größte Redakteur der
»Times«. Er war unabhängig. Man nannte ihn den »Donnerer«.
Seine Lebensgeschichte machte auf Curtis einen tiefen Eindruck. Er
kaufte für jeden Redakteur und Reporter, der bei ihm angestellt war,
ein Exemplar des Buches.
Er brachte »Ledger« in die Höhe, bis er in jeder Stadt in Amerika
verkauft wurde. Er ist jetzt oft in der Weltpresse zitiert.
Ohne Einrechnung des »Ledger« besitzt Curtis über zweihundert große
Pressen, die zusammen 1500000 Pfund Sterling gekostet haben.
Er verbraucht täglich vierhundert Tonnen Papier
-- eine Zugladung. Allein in seinem Hauptgebäude beschäftigt er
dreitausend Leute.
Von Körpergestalt ist Curtis klein, er hat freundliche Augen und ruhige
Manieren. Er trägt einen kurzgeschorenen viereckigen, altmodischen Bart.
Er ist ein Mann, den man nicht einreihen kann. Er ist gleichzeitig
alt und jung. Er ist gleichzeitig liberal und konservativ. Er ist
gleichzeitig Kapital und Arbeit. Er gehört zu keiner der törichten
Kasten, die die Menschen voneinander trennen.
Er nimmt das Leben ernst, aber er hält sich vom Pomp und von den
Zeremonien fern. Wenn er zu einer Versammlung geht, so setzt er sich
auf einen Sitz im Hintergrund. Er ist so einfach und menschlich, wie
sein Vater war.
Für seine Freunde ist er ein liebenswürdiger Mann voll Überraschungen.
Vor einigen Jahren hatte ich das Glück, bei verschiedenen Banketten
neben ihm zu sitzen. Er und ich waren Redner bei dem amerikanischen
Lunchklub -- und ich fand ihn voll Lebensfreude.
Er ist ein Gentleman im höchsten Sinne des Wortes. Niemals renommiert
er oder schneidet auf.
Seine Lebensgewohnheiten sind: arbeiten, scherzen, rauchen, tanzen,
lesen, reisen, Orgelspielen und zur Kirche gehen. Er liebt Jachtfahrten
und Golf. Er liebt Kinder.
Wenn es ein schweres Problem zu lösen gilt, legt er Patience.
Er kümmert sich nicht um Einzelheiten, sobald der richtige Betrieb
eingerichtet ist. Er ist der Meinung, daß sein Hauptgeschäft ist:
Verbesserungen anregen und der Arbeit neue Richtung weisen.
Er beschäftigt sich nicht mit Politik, aber er hält eine weit größere
Macht zum Guten in seinen Händen als irgendein anderer Amerikaner.
Niemals vergißt er eine Freundlichkeit.
Vor langer Zeit, als er eine verarmte kleine Zeitung betrieb, half ihm
ein schottischer Drucker namens Allan und lehnte es ab, sich dafür
bezahlen zu lassen. Zwanzig Jahre später hörte Curtis, daß Allan in
einer weit entfernten Stadt in Not sei. Sofort ging er ans Werk und
fand ihn fünfzehnhundert Meilen entfernt, in einer Dachkammer lebend.
Curtis gab ihm einen Scheck, der ihn für den Rest seines Lebens aller
Geldsorgen enthob.
So ist Cyrus Curtis -- ein Mann, der mehr für die Hebung des Niveaus
des Journalismus und des Anzeigenwesens getan hat als irgendein
anderer.
Edward Bok.
Da die Frauen die Mehrzahl aller Käufer auf den Märkten und in den
Läden bilden, ist es überaus wichtig zu wissen, was Frauen bevorzugen
und wie sie denken.
Deswegen erzähle ich die Geschichte von Edward Bok, dem amerikanischen
Holländer, der die größte Frauenzeitung geschaffen hat: »The Ladies’
Home Journal«.
Dreißig Jahre lang war Bok der Schriftleiter dieser berühmten
Zeitschrift. Als er sie übernahm, hatte sie eine Auflage von 445000,
als er sie im Jahre 1919 verließ, war sie auf 2000000 gestiegen.
Auch hatte sie für 200000 Pfund Sterling Annoncen monatlich -- mehr als
die meisten erstklassigen Magazine in einem Jahr.
Bei einem Preis von 5½ Pennys war der monatliche Umsatz von »Ladies’
Home Journal« 260000 Pfund Sterling.
Dieser Bok, der seine Lebenszeit damit zubrachte, den
Geschmack der Frauen zu studieren, verdiente in einer
Woche mehr, als die meisten hartköpfigen unbelehrbaren
Geschäftsleute in einem Jahr verdienen.
Die vollständige Geschichte von Edward Boks Leben und Methoden
wurde erst vor kurzem bekannt, als er, nachdem er sich vom Geschäft
zurückgezogen hatte, seine Selbstbiographie veröffentlichte.
Edward Bok war in Holland geboren. Nachdem der Vater sein Geld in
seinem Geschäft verloren hatte, ging er 1870 nach Amerika, als der
junge Edward sieben Jahre alt war.
Der kleine Junge kannte kein Wort englisch. Die andern Jungen nannten
ihn »Dutchy« und quälten ihn so lange, bis er vier oder fünf von ihnen
verprügelt hatte. Seine Aussicht auf Erfolg war offenbar nicht allzu
groß. Er hatte kein Glück -- kein Geld -- keine Freunde -- nicht einmal
eine Frau.
Da seine Eltern arm waren, begann er mit zehn Jahren Geld zu verdienen.
Jeden Abend putzte er das Fenster eines Bäckers und verdiente damit 50
Cent die Woche.
Dann wurde er Zeitungsjunge und verdiente wöchentlich 2,50 Dollars.
Jeden Sonnabend verkaufte er Ausflüglern Limonade und verdiente damit
noch einmal 2,50 Dollars.
Als sein Vater starb, zählte er 13 Jahre. Er verließ die Schule
und wurde Telegraphenjunge mit 6 Dollars die Woche. Seinen ganzen
Wochenlohn gab er seiner Mutter. Mit seinen 13 Jahren hatte er schon
eine wahre Leidenschaft für Selbsterziehung. Er machte Überzeit
in allen möglichen Beschäftigungen. Er versagte sich die halben
Mahlzeiten, er sparte an Fahrgeld und legte Cent auf Cent, bis er
schließlich genug hatte, um sich »Appletons Encyclopaedie« zu kaufen.
Dieses Buch war seine Erziehung. Er verschlang es mit einem wahren
Wissenshunger. Jede Nacht mußte seine Mutter ihn von seinem Buch
wegschleppen und ihn ins Bett bringen.
Er las am liebsten Bücher über berühmte Männer und Frauen. Und eines
Tages hatte er eine kühne Idee -- er wollte an diese großen Leute
schreiben, um zu sehen, ob sie ihm antworteten.
Sie taten es. Er empfing Briefe von Tennyson, Longfellow, Whittier und
Präsident Garfield. Diese Briefe befeuerten ihn: Jetzt empfand er,
obwohl er nur ein kleiner holländischer Junge war, tatsächlich mit den
Großen dieser Welt in Fühlung zu sein.
Mit 18 Jahren hatte er eine andere kühne Idee -- er beschloß, einige
dieser großen Leute zu besuchen.
Er besuchte den Präsidenten der Vereinigten Staaten
und fand zu seiner Überraschung einen einfachen, liebenswürdigen alten
Herrn vor.
Er reiste 250 Meilen, um Emerson, Longfellow, Holmes und Philipp Brooks
zu besuchen. Er hatte über sie in seiner großen Enzyklopädie gelesen,
und er wollte sie von Angesicht zu Angesicht sehen.
Mit 19 Jahren wurde er Sekretär bei Jay Gould -- einem reichen
Spekulanten. Doch ihm lag nichts daran, nur Geld zu verdienen. Gould
versprach ihm, ihn reich zu machen -- aber er kündigte seine Stellung
und wurde Journalist.
Seine Haupttätigkeit war, Artikel von prominenten Persönlichkeiten für
die Tagespresse zu erlangen. Nachdem er dies jahrelang getan hatte,
fiel ihm auf, daß so wenig Frauen sich für Zeitungen interessierten.
Er fragte sich: Warum? -- und dieses »Warum« begründete seinen Ruhm und
sein Vermögen.
Er begann zu studieren, was Frauen lieben. Er entdeckte, daß Männer und
Frauen so verschieden sind, wie Hunde und Katzen. Er fand heraus, daß
der durchschnittliche Mann so gut wie vollständig unwissend darüber
ist, was Frauen wirklich mögen und nicht mögen.
Er überredete mehrere Zeitungen, eine Frauenseite einzuführen. Das war
im Jahre 1880. Es war eine neue Idee. Es war nie vorher getan worden.
1889 lernte er Cyrus Curtis kennen, der ihn ersuchte, die Redaktion
des »Ladies’ Home Journal« zu übernehmen. Gegen den Rat aller seiner
Freunde nahm er den Antrag an.
Seine erste Tat als Schriftleiter war, Preise für Vorschläge seiner
Leserinnen auszusetzen. Er begann mit Lernen. Er war vielleicht der
erste Redakteur, der sich nicht für einen Alleswisser hielt.
Sein Motto war: »Das Publikum verlangt etwas, das ein bißchen besser
ist als das, was es verlangt.«
Er fand bald heraus, daß die Frauen doch hauptsächlich an ihrem Heim
Interesse haben. Er fand, daß die männerartigen Frauen nur posieren, --
daß Frauen viel persönlicher, viel geselliger und viel mehr auf sich
selbst eingestellt sind als die Männer.
Er erkannte, daß eine Frau an sich selbst interessiert ist -- an ihrem
Aussehen -- ihrem Platz in der Gesellschaft -- ihren Kindern -- ihrem
Gatten -- ihrem Haushalt -- ihren Kleidern und Möbeln. Sie hat nichts
für die abstrakten Gegenstände übrig, die die Männer interessieren. Sie
lebt nur für die eigene kleine Gruppe, in deren Mittelpunkt sie selbst
steht.
Richtig oder falsch, das war Boks Idee, und sie machte ihn zum Führer
von zwei Millionen Frauen.
Kein anderer Mann, der je gelebt hat, ist bei den
Frauen so populär gewesen wie Bok.
Nach dem Ergebnis zu urteilen, war seine Ansicht richtig.
Er veröffentlichte »Worte von Herz zu Herzen«, einfache, freimütige
Artikel über Gefühlsangelegenheiten. Er stellte den tüchtigsten Arzt
an, den er finden konnte, um jungen Müttern Rat zu erteilen. Mehr als
90000 Säuglinge wurden durch den Rat und die persönliche Hilfe des
»Ladies’ Home Journal« aufgezogen.
Bok richtete eine Dienstabteilung im Zusammenhang mit seiner
Zeitschrift ein; er stellte 35 Redakteure an, die Anfragen brieflich
zu beantworten hatten, und sie beantworteten über eine Million Briefe
jährlich.
Er inserierte. Er entwarf seine eigenen Anzeigen. Er gab 400000 Dollars
jährlich für seine Anzeigen aus.
Er zeigte, wie man ein besseres Heim erbauen könne. Er verkaufte Pläne
für nette Häuser um 5 Dollars das Stück. Dann zeigte er, wie man ein
solches Heim einrichten solle. Er erklärte die Bedeutung des guten
Geschmacks.
Er ging noch weiter und lehrte seine zwei Millionen Frauen, die Kunst
zu schätzen. Er reproduzierte vierzig der größten Gemälde der Welt und
schenkte seinen Lesern siebzig Millionen Reproduktionen.
Nicht immer hatte er Erfolg. Einmal versuchte er, da er ja bloß ein
Mann war, der Herrschaft der Pariser Mode ein Ende zu machen, und es
mißlang. Er erfuhr zu seinem Schaden, daß die Eitelkeit ihre eigenen
Wege gehen will.
Während des Krieges mobilisierte Bok seine zwei Millionen Frauen. Er
ließ sie alle an die Arbeit gehen, Geld aufzubringen und den Soldaten
Bequemlichkeiten zu schaffen. Im Jahre 1917 ging er selbst an die Front.
Im Jahre 1919 zog er sich vom Geschäft zurück. Seine Lebensphilosophie
ist, daß ein Mann sein Leben in drei Teile teilen sollte: 1. Erziehung,
2. Vollbringung, 3. Dienst.
Dies der Grund, warum er sich mit 56 Jahren vom Geschäft zurückzog.
Er wünschte den Rest seines Lebens ohne Bezahlung zu arbeiten, um die
verworrenen Knoten menschlicher Angelegenheiten zu entwirren.
»Niemand«, sagte er, »hat ein Recht, die Welt so schlecht zu verlassen,
wie er sie vorgefunden hat.«
Luther Burbank,
der König der Gärtner.
Burbank ist der Pflanzenzauberer von Kalifornien. Er hat mehr neue
Blumen und Früchte geschaffen als irgendein anderer lebender Mensch. Er
ist der König der Gärtner.
Er hat die Rosen gelehrt, ohne Dornen zu wachsen, und den Kaktus, ohne
Stachel.
Er hat die Kartoffel gelehrt, größer zu werden, und die Kirschen, ihren
Samen nach außen zu verlegen.
Er erzog die Margueriten des Chastertals zu großen, leuchtenden,
reinweißen Blumen.
Er hat wissenschaftliche Verwaltung auf die Gartenkunst angewendet und
Ergebnisse erzielt, die die Welt in Erstaunen versetzten.
Er hat zahlreiche neue und bessere Abarten von Früchten, Blumen,
Gemüsen und Sträuchern hervorgebracht.
Er ist
der Edison des Gartens,
die höchste Autorität in der Welt für Boden und Bodenprodukte.
Er ist über 75 Jahre alt, ein zarter, schlanker, glattrasierter Mann
mit schneeweißem Haar und freundlichen Augen.
Wie alle Leute, die der Beachtung wert sind, ist er arm geboren. Sein
Vater war ein Anglo-Amerikaner, der auf einer kleinen steinigen Farm
in Neu-England mühselig sein Leben fristete.
Der arme kleine Luther hatte kein Geld -- keine Gesundheit -- wenig
Schulbildung und keine wie immer gearteten Vorteile.
Er dachte nicht daran, daß er irgendeine Art Genie sei, ließ sich
zunächst vom Strom treiben und versuchte nur, einen bescheidenen
Lebensunterhalt zu erwerben.
Er arbeitete um 50 Cent per Tag in einer Pflugfabrik. Dann bekam er
eine etwas bessere Stellung in einem Möbelgeschäft.
Aber er fand bald heraus, daß er sich weder zum Fabrizieren noch zum
Verkaufen eignete. Er beschloß, Arzt zu werden, und begann Medizin zu
studieren.
Dann, mit 26 Jahren, erkrankte er an einem Sonnenstich, der seinem
Leben beinahe ein Ende machte.
Krank, arm und freundlos ging er nach Kalifornien. Er hatte keinen
Beruf. Er war kein gelernter Arbeiter. Er war ein Farmarbeiter, nicht
mehr.
Zunächst fand er niemanden, der ihm Arbeit geben wollte. Um sich vor
dem Verhungern zu schützen, reinigte er Hühnerhäuser.
Endlich wurde er als Hilfsarbeiter in einer Baumschule angestellt, aber
sein Lohn war so niedrig, daß er gezwungen war, in dem Glashaus zu
schlafen.
Dadurch holte er sich ein Fieber und kam kaum mit dem Leben davon.
Wirklich wurde er nur durch die Güte einer alten Frau gerettet, die
ihm täglich mehrere Wochen lang einen Liter Milch brachte.
Wieder zu Kräften gekommen, fand er eine bessere Stellung. Er sparte
den größten Teil seines Lohnes und kaufte eine eigene kleine Baumschule.
Dann kam seine erste Chance -- ein reicher Obstzüchter bot eine große
Summe Geldes demjenigen, der ihm innerhalb 10 Monaten 20000 junge
Pflaumenbäume liefern könne.
Alle Baumschulen sagten: »Unmöglich.« Niemand wollte sich der Aufgabe
unterziehen, nicht einer -- außer Burbank.
In 6 Monaten lieferte er 19025 junge Bäume ab -- eine Höchstleistung.
Er gewann den Preis. Noch besser, er wurde mit einem Male als
der tüchtigste Baumzüchter in Kalifornien
berühmt.
Seine Baumschule blühte auf. Jetzt ist sie in der ganzen Welt unter dem
Namen »Burbanks Versuchsfarm« in Santa Rosa (Kalifornien) bekannt.
Im Verlauf der letzten 12 oder 15 Jahre haben ihm reiche Leute ein
wenig geholfen; aber in seinen jungen Jahren half ihm niemand --
niemand außer der armen alten Frau, die sein Leben rettete.
Er war immer gebrechlich. Noch vor zwanzig Jahren sagten ihm die Ärzte,
daß er nur noch 18 Monate zu leben habe. Aber Burbank lächelte nur und
ging drei Wochen in die Berge zum Ferienaufenthalt.
Vierzig Jahre lang hat er täglich 10 bis 14 Stunden gearbeitet. Auf
diese Weise wurde er ein »Zauberer«.
Er glaubt nicht an Feen oder glückliche Zufalle. Das Geheimnis seines
Erfolges, sagte er, ist ausschließlich harte Arbeit und Ausdauer.
Er hat verschiedene neue Abarten Pflaumen entwickelt -- die Gold-,
Wickson-, Apfel-, Oktober-, Amerika-, Chalco-, Santa Rosa-, Formosa-
und Climax-, von größeren Abarten die Grant-, Splendour-, Zucker-,
Standard- und endlich die kernlose Pflaume. Von neuen Rosen zog er die
Peachblow, die Abundance, die Burbank und die Santa Rosa.
Nacheinander schuf er neue Abarten von Äpfeln, Pfirsichen, Nüssen,
Beeren, Gräsern, Getreiden und Gemüsen.
Er schuf eine Frucht, die etwas vollkommen Neues ist und die er
»Blumcot« nannte.
Zur Zeit führt er sechstausend Versuche durch, und jährlich zieht er
eine Million Pflanzen, um sie auszuprobieren.
So wenig Schulbildung er hatte, ist er jetzt der angesehenste Professor
der Leland Stanford-Universität. Er liest über Erziehung und Evolution.
Er hat den langen Bericht seiner Methoden und Entdeckungen in zwölf
Bänden veröffentlicht.
Er war so von seiner Arbeit erfüllt, daß er erst vor drei Jahren sich
verheiratete.
Seine Baumschule war sein Heim und sein Geschäft.
Burbank ist fasziniert von den Pflanzen und ihren Möglichkeiten. Er
liebt es, ein Unkraut oder eine ganz gewöhnliche Pflanze zu nehmen und
sie zu einer höheren Form zu entwickeln.
Er liebt es, der Natur einen kürzeren Weg zu zeigen -- eine schnellere
Methode zur Entwicklung.
Er hat seine Baumschule zu einer bedeutenden Universität der
Gartenkunst gemacht. Er hat das Geheimnis der Erziehung von Pflanzen
und Bäumen gelöst.
Er findet, daß Pflanzen außerordentlich den Massen gleichen. Manche
lassen sich belehren und andere nicht.
Es gibt z. B. bestimmte Arten Palmen, denen man nichts beibringen kann.
Sie können nicht verbessert werden. Sie wehren sich hartnäckig gegen
eine höhere Daseinsform.
Burbank hat sehr bestimmte Ansichten über Erziehung: kein Kind solle
mit Büchern gequält werden, bevor es mindestens zehn Jahre alt ist.
Es sollte seine erste Belehrung im Kindergarten, im Feld und auf dem
Spielplatz erhalten.
»Es ist ein Verbrechen gegen die Natur,« sagte er, »die zarte
Menschenpflanze zu nehmen und ihre geistige Entwicklung vorzeitig in
der Gewächshausatmosphäre des Schulzimmers zu forcieren.«
Burbank ist niemals gereist. Er fand keine Zeit dazu. Aber weise Männer
aus allen Weltteilen kamen nach Kalifornien, um ihn in Santa Rosa zu
besuchen.
Er hatte ein Leben des höchsten Erfolges. Er begann in einer Höhle der
Armut und Krankheit, um zu einem Gipfel des Ruhms, des Reichtums und
des Dienstes an seiner Nation aufzusteigen.
Und nie zu vergessen -- niemand half ihm -- niemand, außer einer armen
Frau, die ihm im Namen Christi einige Glas Milch schenkte.
King C. Gillette.
»Wer ist der außerordentlichste Verkäufer, den Sie je kennengelernt
haben?« fragte mich ein Freund in Birmingham.
Das war keine leichte Frage, aber nach einem Augenblick des Nachdenkens
antwortete ich: »Gillette, der Erfinder des Rasierapparates.«
Meiner Meinung nach war er der außerordentlichste, weil er Verkäufer,
Erfinder, Idealist, Fabrikant und Finanzmann in einer Person war.
Gillettes voller Name ist King C. Gillette. Er war in einer kleinen
Stadt in den Wäldern von Wisconsin geboren. Sein Vater war ein
Geschäftsmann, der sich durchkämpfte, schlecht und recht.
Als der junge Gillette 17 Jahre alt war, verlor sein Vater alles
durch ein Feuer, und der Junge hatte seinen Lebensunterhalt selbst zu
verdienen.
Mit 21 Jahren war er ein Verkäufer mit weitem Blick
und neuen Ideen.
Ich lernte ihn im Jahre 1894 kennen. Er kam zu einer Reihe von
Vorlesungen, die ich hielt, und sandte mir nachher ein Buch, das er
geschrieben hatte.
Er hatte dieses Buch über einen neuen Haustyp geschrieben, den er
erfunden hatte -- einen riesigen Bau in Form eines Domes, groß genug,
um mehrere hundert Familien unterzubringen.
Wir beide, er und ich, versuchten zu dieser Zeit einen Weg zu
finden, um die ungesunden, dumpfigen Wohnquartiere der Bevölkerung
abzuschaffen. Wir glaubten daran, daß Armut sich verhindern ließe,
und behaupteten, daß das schwerste Verbrechen in der Welt sei, zu
gestatten, daß Kinder in einer Umgebung von Schmutz und Unflat auf die
Welt kommen.
Gillettes Vater war schon eine Art Erfinder, und auch Gillette erfand
in seiner freien Zeit immer irgend etwas. Immer hatte er die Idee,
daß er eines Tages irgend etwas Wundervolles erfinden und dadurch ein
Vermögen erwerben würde.
Mit 36 Jahren lernte er einen reichen Erfinder kennen -- William
Painter --, er hatte den »Crown-Seal«-Metallkork erfunden, der jetzt
allgemein an Bier- und Mineralwasserflaschen verwendet wird.
Eines Tages sagte Painter zu Gillette: »Warum erfinden Sie nicht irgend
etwas, das die Leute nötigt, von Ihnen zu kaufen, solange sie leben?
Es hat keinen Zweck, gerade eine einmalige Sache einem Menschen zu
verkaufen. Verkaufen Sie ihm etwas, das er gebraucht und wegwirft.«
Diese Anregung wurde die schöpferische Ursache des
Gillette-Rasierapparates. Wochenlang dachte Gillette daran, dachte
daran, wie er eine vergängliche Notwendigkeit erfinden könnte.
Dann, eines Morgens, rasierte er sich. Das Rasiermesser war stumpf.
Sein Bart war struppig. Er kratzte unter Schmerzen an seinem Gesicht
herum, als ihm wie der Blitz der Gedanke kam: Warum nicht eine bessere
Art Rasiermesser?
Warum nicht ein Messer mit einer entfernbaren
Schneide erfinden?
Er legte sein Rasiermesser hin, und noch mit dem Seifenschaum auf
seinem Gesicht begann er den Entwurf eines neuen Messers zu skizzieren,
das aus einer Klinge und einem Klingenhalter bestehen sollte.
Binnen einer Stunde war sein Entwurf vollendet. Dann beendete er die
Rasur seines Gesichtes und eilte zu einem Eisenhändler, um Stahlband
und eine Feile zu kaufen.
Er konstruierte sein erstes Rasiermesser persönlich und ließ es
patentieren. Das war im Jahre 1895. Er war 40 Jahre alt geworden, bevor
er auf die Fährte seines großen Erfolges kam.
Zunächst war sein Rasiermesser ein Mißerfolg. Neun Jahre lang war es
ein Witz. Seine Freunde -- und er hatte ihrer stets eine Menge --
neckten ihn ohne Gnade mit seinem phantastischen Rasiermesser.