Gewitter; aber er ärgerte sich niemals über Kleinigkeiten.
Er machte sich nichts aus hochtönenden Phrasen und papiernen Plänen. Er
berauschte sich niemals selbst mit Worten. Er war ein illusionsloser
Optimist.
Er war kein Sparer, er führte keine Bücher. Er war nachlässig mit
Geld und hatte selten welches bei sich. Seine Aktien hatte er in den
Rocktaschen und allen möglichen Schubladen.
Er war großmütig bis zur Sorglosigkeit. In einem schlechten Jahre gab
er einmal den Ansiedlern in Rhodesia sechzehntausend Pfund.
Rhodes verabscheute die Bureaukratie. Er glaubte nicht daran, daß
kleine Leute große Dinge tun könnten. Er glaubte an Geblüt, Wirksamkeit
und Menschennatur.
Er begründete ein wundervolles System von Stipendien, teilweise um
Oxfords enge Geleise zu erweitern, und teilweise, um die englisch
sprechenden Nationen enger zu verbinden.
Er lebte gerade lange genug, um die britische Flagge überall zu sehen
-- dann begab er sich nach einer kleinen Lieblingsbesitzung, legte sich
nieder, sandte nach Jameson und starb. Seine letzten Worte waren:
»So viel zu tun -- und so wenig getan!«
Nach seinem Wunsche liegt er in einem einsamen Grabe auf der Höhe eines
seiner afrikanischen Berge. Kein Ruhmeswort auf diesem Grabstein --
nichts als die Worte:
»Hier liegt Cecil John Rhodes.«
Aber dieses Grab wird den Südafrikanern ein Mekka bleiben, solange die
Erde besteht.
Dr. Jameson.
Jameson von Südafrika! Jameson, der Mann des verunglückten Einfalls!
Jameson, der aus dem Kerker von Holloway aufstieg, um Premierminister
von Südafrika zu werden!
Nun ist er schon mehrere Jahre tot, und Jam Colvin hat eine sehr kluge
und faszinierende Geschichte seines Lebens geschrieben.
Man sagt: »Jedermann hat seinen Preis!« Das galt nicht von Jameson.
Alles Gold und alles Silber der Welt würde ihn nicht interessiert
haben, hätte man es ihm um Verrat geboten.
Er war ein Schotte, in Edinburgh geboren. Sein Vater war Rechtsanwalt
-- aber auch Dichter, Redner und Reformer. Er war für Freihandel und
Abschaffung des Sklavenhandels.
Familie Jameson hatte elf Kinder -- zehn Jungen und ein Mädchen. Die
Jungen wanderten hierhin und dorthin, nach verschiedenen Teilen der
Welt. Einer ging nach Südafrika.
Als Jim 25 Jahre alt war, schickte ihm dieser Bruder aus Südafrika
einen Diamanten. Sofort machte sich Jim auf und fuhr nach Kapstadt. Er
war klein, schlank, beinahe zart, aber er hatte das Herz eines Löwen.
Er begab sich nach den Diamantengruben und wurde bald einer der
populärsten Leute in Kimberley.
Er war ein geschickter Chirurg. Seine Praxis wuchs schnell. Bald
verdiente er fünftausend Pfund jährlich.
Er war ein lustiger Verschwender,
ein Kartenspieler, der alles bis auf seine Hosen setzte, Sportsmann und
ein Wagehals.
Vielleicht wäre er nie etwas anderes geworden, hätte er Rhodes nicht
getroffen.
Er und Rhodes waren 22 abenteuerreiche Jahre lang Freunde -- Genossen
-- Gesellschafter fürs Leben. Rhodes war der Denker, und Jameson war
der Täter. Rhodes hatte das Hirn, und Jameson hatte die Zunge und Faust.
Es war eine seltsame Zusammenstellung -- der große und der kleine Mann.
Der große Mann machte die Pläne, und der kleine Mann führte sie aus.
Rhodes wollte dem britischen Weltreich das große zentrale Rückgrat
Afrika einfügen. Er konnte weder vom Parlament noch von Downingstreet
Hilfe bekommen. So bekam er sie von Jameson.
Nördlich von Kimberley liegt das unermeßliche Land des Matabelevolkes.
Ein Riese namens Lobengula beherrschte es -- ein riesiger Neger, der
über zwei Zentner wog. Er war so groß wie drei »Dr. Jims«.
Rhodes wollte eine Straße nach Norden durch das Land der Matabele
legen, und er schickte Jameson aus, um von Lobengula die Ermächtigung
hierzu zu erwerben.
Jameson erhielt sie. Erhielt sie nur durch seinen Mut. Niemand, weder
ein Weißer noch ein Schwarzer, hatte sich bisher anders als kriechend
an Lobengula herangewagt; aber der kleine »Dr. Jim« ging lebhaft auf
ihn zu, fühlte seinen Puls und machte ihm eine Morphiumeinspritzung, um
einen Gichtanfall zu heilen.
Wieder und immer wieder ging Jameson in den Urwald von Innerafrika, um
den Weg für britische Ansiedler zu bereiten. Oft ging er in die Irre,
wurde angegriffen und von wilden Bestien bedroht. Aber niemals weigerte
er sich, wieder zu gehen, wenn Rhodes einen neuen Plan vorhatte.
Er ging nach Osten in das Gazaland und fügte dem britischen Weltreich
ein neues, weites Gebiet hinzu. Das Land, von dem er Besitz ergriff,
war um ein Vielfaches größer als ganz Großbritannien.
Jameson kämpfte mit Krüger, mit Negerhäuptlingen, mit unbekannten
Gebieten. Wo immer es eine Gefahr oder eine Schwierigkeit gab, Jameson
trat ihr entgegen.
1894 kam Jameson nach England. Mehrere Wochen lang war er der Löwe
von London. Man veranstaltete ihm Gastmähler und Trinkgelage. Die
Königin bewirtete ihn. Er gab seinen Verwandten und Schulfreunden
Sektfrühstücke.
Dann eilte er nach Südafrika zurück, raffte 500 Mann zusammen und
marschierte gegen Johannesburg. Das war der
»Jameson-Einfall«.
Rhodes und die meisten andern wußten davon. Alle waren sie mit dem Plan
einverstanden -- bis er mißlang. Dann zogen sie sich nach und nach
zurück und ließen die ganze Verantwortung auf Jameson sitzen.
Jameson tat das seinige. Die anderen bekamen kalte Füße, als die Zeit
zum Zuschlagen gekommen war.
Mit seiner kleinen Schar ging Jameson vorwärts, ungeachtet der
Todesgefahr. Die Buren umringten ihn. Es gab einen kurzen Kampf -- dann
fand sich Jameson im Kerker von Pretoria wieder.
Einige Monate später stand er mit sechs Kameraden in London vor
Gericht, um sich gegen zwölf Anklagepunkte zu verantworten.
Er wurde schuldig befunden und zu fünfzehn Monaten Gefängnis
verurteilt. Er wurde zuerst nach Wormwood Scrubs und dann nach dem
Zuchthaus von Holloway gebracht.
Solches geschah ihm in London im Jahre 1896. Es war eins der
widerwärtigsten Ereignisse, die sich je in einem Londoner Gerichtshof
vollzogen haben -- und das will viel sagen.
Die Richter, die Jameson dem Kerker überlieferten, waren Lord Russel,
Baron Pollock und Richter Hawkins.
Im Gefängnis erkrankte er und wurde nach einigen Monaten von der
Königin begnadigt.
Sobald er sich erholt hatte, eilte er zurück nach Südafrika, gerade
rechtzeitig für den Burenkrieg. Wie gewöhnlich stürzte er sich in das
dichteste Kampfesgewühl in Ladysmith.
1901 starb Rhodes, und Jameson sah es als seine Ehrenpflicht an, seine
Stelle einzunehmen. So kam er wider Willen in die Politik. Nach drei
Jahren wurde er Premierminister.
In seinen späteren Jahren ließ er vom Kampf ab und wurde ein
Friedensstifter. Er befreundete sich sogar mit den Buren.
Er hatte zuletzt keine Feinde mehr.
Am Ende seines Lebens wurde er mit Ehren überschüttet. Er wurde geadelt
und trat an die Spitze der Chartered Company.
Aber er war zu krank, um sich viel aus den Ehrungen zu machen.
Fast unerträgliche Schmerzen hatten ihn befallen. Als einer seiner
Brüder von Hoffnung auf Gesundung sprach, lächelte Jameson in seiner
vergnügten Weise und sagte: »Nein, Gottlob, es ist hoffnungslos.« Das
waren seine letzten Worte. Er starb 1917 und liegt jetzt Seite an Seite
mit Rhodes auf dem Gipfel eines Berges in Rhodesia.
John Wanamaker.
Jedes Land hat seine großen Kaufleute: Hoch über ihnen allen aber steht
John Wanamaker, der 1922 im Alter von 84 Jahren gestorben ist.
John Wanamaker besaß das größte Warenhaus in Philadelphia und das
größte Warenhaus in Neuyork. In London hatte er nur ein Einkaufsbureau.
Der Wert seiner drei Geschäftshäuser -- nur der Gebäude allein -- war
12500000 Dollar.
Seine Verkäufe betrugen bis zu 1250000 Dollar an
einem Tage!
Und dennoch war er so einfach, emsig und freundlich, als wäre er nur
ein Dorfschneider.
Er war ganz arm geboren. Sein Vater war Besitzer einer kleinen Ziegelei
und einer großen Familie. John war das älteste von sieben Kindern.
Wanamaker war kein geborener Kaufmann. Weder sein Vater noch seine
Mutter verstanden irgend etwas vom Ladengeschäft. Er fand keine Hilfe
in ererbten Eigenschaften. Er war ein geborener Ziegelarbeiter, der
sich selbst zum größten aller Kaufleute hinaufarbeitete.
Er hatte nur wenig Schulbildung. Mit 13 Jahren war er damit
beschäftigt, Ziegel zu wenden und Schubkarren mit Lehm zu beladen.
Seine zweite Stellung hatte er in einem Kleidergeschäft. Hier fand er
die beiden besten Dinge, die ein Junge finden kann -- die richtige
Beschäftigung und einen guten Chef.
Er war so flink -- so gefällig -- so begeistert für seine
Beschäftigung, daß Kunden, die in das Geschäft kamen, gewöhnlich
fragten: »Wo ist John?« Er packte seine Arbeit an, als ob sie ein
großartiger Sport wäre.
»Der ehrgeizigste Junge, den ich je gesehen habe«, sagte sein Chef von
John. »Er wird einmal ein großer Kaufmann werden; er organisiert immer
irgend etwas.«
Mit 21 Jahren hatte er 2000 Dollar erspart. Er begann einen eigenen
kleinen Laden zu betreiben -- 16 mal 80 Fuß groß. Am ersten Tage
verkaufte er für etwas über 25 Dollar, und er nahm 25 Dollar davon
und gab sie für Anzeigen aus. In ein paar Wochen hatte er bereits ein
enormes Geschäft. Er saß nicht da und wartete, was kommen würde. Er
inserierte.
Dann, mit 23 Jahren, machte er eine Erfahrung, die ihm die Augen
öffnete und ihm zeigte, wie ein Laden sein müsse. Er wollte seiner
Mutter eine goldene Brosche schenken. Er ging in einen Juwelierladen
und wählte eine. Während der Juwelier sie einpackte, sah er im
Schaufenster eine andere Brosche, die ihm besser gefiel.
»Ich glaube, ich möchte lieber diese da haben«, sagte er.
»Nein, das gibt es nicht«, schnauzte ihn der Juwelier an. »Jetzt ist es
zu spät. Sie haben diese gekauft, und Sie müssen sie behalten.«
Als der junge Wanamaker das Juweliergeschäft verließ, kam ihm eine
große Erleuchtung. In seiner Phantasie erblickte er ein großes
Warenhaus, in dem Waren zurückgegeben und ausgetauscht werden konnten
-- ein Warenhaus, das von Höflichkeit erfüllt war,
ein Warenhaus, das vom Gesichtspunkte des Kunden aus
betrieben werden sollte.
Sie sehen, er schuf sich zuerst sein Ideal; dann ging er ans Werk und
hielt aus, bis sein Ideal zur Tatsache wurde.
Sein Lebensweg wies eine ruhmreiche Fülle von Schwierigkeiten auf. Vor
allem hatte er eine -- nach dem Ausspruch der Ärzte -- »unheilbare«
Krankheit: Tuberkulose. Möglicherweise hat diese Krankheit sein Leben
verkürzt, immerhin lebte er aber noch 62 Jahre, nachdem man sie
herausgefunden. Zumindesten überlebte er alle seine Ärzte.
Zu jener Zeit, vor 60 Jahren, wurden Kaufmann und Kunde wie heute
Kapital und Arbeit als natürliche Feinde betrachtet. Ein Laden war eine
Art Festung, ein Platz, wo Käufer und Verkäufer um Preise kämpften. Es
gab keine Verkaufskunst im modernen Sinn. Geschäft war Krieg.
John Wanamaker sah, daß das falsch und töricht war. Er beschloß,
Geschäfte auf einer Friedensgrundlage zu machen. Er ging ans Werk,
seinen Laden freundlich und ehrenhaft, gefällig und gesellig zu machen.
Zunächst begann er, in seinen Inseraten die Wahrheit zu sagen. Er
bezeichnete Kragen als »halbleinen« und Unterzeug als »halbbaumwollen«.
Er sagte die volle Wahrheit über seine goldenen Uhren und seine
Silberwaren. Wenn er behauptete, daß ein Hut ein Pariser Hut sei, so
war es ein Pariser Hut. Er klebte nicht richtige Etiketten auf falsche
Ware.
Jede Wanamaker-Anzeige beruht auf persönlicher Prüfung der Waren.
Schon diese Tatsache zeigt, welch ein »unpraktischer Träumer« er war.
Er befolgte stets drei Regeln, wenn er inserierte:
1. Nichts drucken zu lassen, was er nicht beweisen konnte.
2. Alles vom Standpunkt des Kunden aus zu betrachten.
3. Niemals Verkäufe auf Kosten der dauernden Freundschaft zu forcieren.
Wanamaker glaubte an die Wirkung großer Anzeigen. Er war der erste
Kaufmann, der volle Seiten inserierte. Er verwendete einfache, klare
Ausdrücke und große, gut lesbare Schrift. Nach seiner Meinung sollte
eine Anzeige die Neuheiten seines Warenhauses zum Vorteil des Publikums
enthalten.
Sein ganzes Leben lang dachte er stets über dieses Eine
nach -- wie er sein Warenhaus für das Publikum behaglich
gestalten könnte.
Er begründete das System der Einheitspreise.
Er stellte die törichte Gewohnheit ab, den nicht kaufenden Kunden als
einen Eindringling anzusehen. Er gab den Leuten den freien Zutritt zu
seinem Warenhaus ohne irgendwelchen Kaufzwang.
Er gestattete allen Kunden, ihr Geld zurückzuverlangen, wenn sie es
sich anders überlegt hatten.
Er begann die Schulung seiner Angestellten, um sie alle zu geschickten
und höflichen Verkäufern zu erziehen.
Niemand weiß, ob ein Wanamaker-Warenhaus ein Heim, eine Kunstgalerie,
eine Kathedrale oder ein Boulevard ist. Es ist das alles ebensosehr wie
ein Warenhaus.
In einem seiner Warenhäuser sind 600 Ölgemälde an den Wänden. Es hat
einen großen Ehrenhof. Es enthält behagliche Ecken, Marmorpfeiler,
Blumen, Teppiche und bunte Glasfenster.
Es gibt dort auch Musik. Um 9 Uhr früh wird in jedem
Wanamaker-Warenhaus eine Fanfare geblasen. Dann erbraust eine Orgel
und erfüllt das ganze große Gebäude mit rauschenden Melodien. Dieses
Orgelkonzert dauert eine halbe Stunde. Manchmal finden sich dazu bis zu
25000 Zuhörer ein. So beginnt der Tag in einem Wanamaker-Warenhaus.
In Sachen der Ausbildung der Angestellten war John Wanamaker seiner
Zeit und seinen Konkurrenten um mindestens 50 Jahre voraus.
Er hatte seine eigene »Handels-Universität« -- kein anderer Kaufmann
der Welt ist je soweit gegangen.
Jeden Morgen finden Übungen für alle jungen Angestellten statt.
Ihr Körper wird flink und stark gemacht. Als Amerika in den Krieg
eintrat, kamen die ersten 1500 Rekruten vollständig ausgebildet von den
Wanamaker-Warenhäusern.
»Lerne, während du verdienst, damit du mehr verdienen
kannst«,
das war Wanamakers Motto. Er richtete Schulen und Vorlesungen für
alle erdenklichen Fächer ein. Auch gibt es da allerhand Klubs und
Gesellschaften und auch -- etwas in Amerika durchaus Ungewöhnliches --
Pensionen für alte oder arbeitsunfähig gewordene Angestellte.
Was John Wanamaker selbst anbetrifft, so war er ein gütiger,
christlicher Mann.
Er hatte keine Feinde, obwohl er sein Leben lang wegen seiner Ideale
und seiner »törichten Neuerungen« verspottet wurde. Alles Kleinzeug,
das sich mit rohen, schmierigen, kleinen Läden zufriedengibt, machte
sich über ihn lustig. Mindestens die Hälfte aller Witze in den
Vereinigten Staaten -- ich glaube es sagen zu dürfen -- befassen sich
mit Wanamaker, Rockefeller oder Ford.
John Wanamaker war von großer Frömmigkeit. Manchmal kommt es mir vor,
als ob er der letzte Christ gewesen wäre -- oder der erste.
Einmal wurde ein Mädchen, das beim Stehlen betroffen wurde, in sein
Bureau gebracht. Sie war störrisch, sie weigerte sich, ihren Namen zu
nennen. Ein Geistlicher war im Zimmer, und Wanamaker sagte: »Kommt,
laßt uns alle drei niederknien und beten.« Sie taten es. Das Mädchen
brach zusammen und gestand. Sie hatte weder Eltern noch Freunde.
Wanamaker gab sie zu einer gütigen Familie in Pension und gab ihr eine
Anstellung in seinem Laden. »Ich verdamme dich nicht; gehe hin und
sündige nicht mehr.«
Ich kann für seine Freundlichkeit persönlich Zeugnis ablegen. Vor
ungefähr 20 Jahren wollte ich einmal von ihm Informationen über einen
bestimmten geschäftlichen Gegenstand. Ich fand seine Bureautür weit
offen. Ich ging hinein und stellte meine Fragen. Er beantwortete sie
vollständig; und dann -- in völlig unaufdringlicher Weise, fragte er
mich, ob ich in die Kirche gehe und die Bibel studiere. In meinem
ganzen Geschäftsleben ist er der einzige Mann, der je eine derartige
Frage an mich gerichtet hat. Und so habe ich sie nicht vergessen.
So war John Wanamaker -- der Kaufmann über allen Kaufleuten. Er wurde,
was er war, weil er den Wagemut hatte, ein guter Mensch zu sein.
Murdo Mackenzie.
So unglaublich diese Geschichte ist -- jedes Wort ist wahr. Es ist die
Geschichte eines jungen Hochländers, der fünf Jahre umsonst arbeitete,
um das Bankgeschäft und die Rechtswissenschaft zu lernen.
Nach dieser Vorbereitung ging er in das Geschäftsleben, und heute ist er
der bedeutendste Viehzüchter der Welt.
Er ist in Schottland, Südamerika und den Vereinigten Staaten
wohlbekannt. Sein Name ist Murdo Mackenzie.
Mit über 75 Jahren ist er heute noch in voller Tätigkeit. Er verwaltet
über fünf Millionen Hektar Land mit 500000 Stück Vieh.
Jahrelang war er der Präsident der Viehzüchterassoziation der
Vereinigten Staaten. Er ist der Viehkönig von drei Ländern und begann
sein Leben im schottischen Hochland als kleiner Junge auf einer kleinen
Farm.
Sein Vater war ein Pächter von Sir Charles Roß in Baluagown.
In dem kleinen Häuschen, in dem er das Licht der Welt erblickte, gab es
viele Bücher; und der Kleine war sehr auf das Lernen erpicht.
Er ging bis zu seinem 14. Lebensjahre in die Kirchenschule und hernach
vier Jahre lang -- sieben Meilen täglich -- in eine höhere Schule.
Mit 18 Jahren trat er ohne Bezahlung in ein Anwaltbureau ein, um die
Rechte zu lernen. Dann ging er ebenso unbezahlt drei Jahre lang in eine
Bank, um das Bankgeschäft zu lernen.
Diese fünf unbezahlten Jahre nennt Mackenzie das Geheimnis seines
Erfolges. Während dieser Zeit brachte er sich dadurch fort, daß er an
den Abenden verschiedene Nebenbeschäftigungen betrieb.
Mit 23 Jahren wurde ihm eine Stelle als Hilfsverwalter der Roßschen
Güter angeboten. Er nahm sie an. Das Gehalt war 100 Pfund Sterling
jährlich.
Mit 26 Jahren heiratete er und blieb neun Jahre in Schottland. Mit 35
Jahren war sein Gehalt erst 250 Pfund Sterling im Jahr.
Das beweist, daß in Schottland viele Leute leben, die zehnmal soviel
verdienen würden, wenn sie in einem anderen Lande lebten.
Mit 35 Jahren bot sich Mackenzie die erste Gelegenheit, etwas Großes
zu leisten. Er wurde zum Verwalter einer großen Tierzuchtfarm in Texas
ernannt.
Er fuhr hin und fand sich an der Spitze eines großen Gutes von 400000
Hektaren mit 70000 Stück Vieh.
Bald entdeckte er, daß Texas nicht Schottland ist. Banditen und Räuber
hielten das Land in Schrecken. Das Gesetz galt nichts.
Man riet ihm, einen Revolver zu tragen, aber er lehnte ab. »Nein,«
sagte er,
»Revolver sind für Feiglinge und Mörder, nicht für
Ehrenmänner.«
Seine Freunde fürchteten, daß er getötet werden könnte; aber er
lebt heute noch, und die Revolverleute sind tot. »Sie brachten sich
gegenseitig um«, sagt Mackenzie.
Er ist ein riesiger Mann. »Ich bin eine zu große Zielscheibe,« meint
er, »um mich auf Revolverkämpfe einzulassen. Niemand kann mich
verfehlen.« Und doch hat er niemals Furcht gekannt.
Sehr bald wurde er der Führer aller Viehzüchter in den Vereinigten
Staaten. Er wurde gewöhnlich gewählt, wenn es galt, sie in nationalen
Angelegenheiten zu vertreten.
Einmal besuchte er den Präsidenten Roosevelt. Ich erinnere mich sehr
deutlich daran, weil ich zu jener Zeit in Washington war.
Roosevelt hatte versprochen, Mackenzie 20 Minuten zu gewähren. Als
Mackenzie hereinkam, wendete sich Roosevelt in seiner überlebhaften
Weise an ihn und sprach ununterbrochen.
Nach 20 Minuten sagte Roosevelt: »Jetzt ist Ihre Zeit um. Adieu,
Mackenzie!«
»Noch nicht, Herr Präsident«, sagte Mackenzie, indem er seinen
gewaltigen Körper zwischen Roosevelt und die Tür stellte. »Ich bin
nicht dreitausend Meilen gekommen, um in dieser Weise abgefertigt zu
werden. Sie haben gesagt, Sie wollten mir zwanzig Minuten geben. Und
bisher haben Sie allein geredet. Jetzt werden Sie Ihr Wort halten und
hören, was ich zu sagen habe.«
Roosevelt setzte sich nieder. Er hatte seinen Meister gefunden.
Er horchte 20 Minuten, während Mackenzie ihm die Beschwerden der
Viehzüchter vorlegte. Die beiden Männer -- Roosevelt und Mackenzie
-- wurden hierauf gute Freunde, und Roosevelt erwähnte Mackenzie in
einem seiner Bücher. »Er glaubt daran,« schreibt Roosevelt, »daß man
jedermann ehrenhaft behandeln müsse.«
Mit 61 Jahren übernahm Mackenzie eine noch viel bedeutendere Stellung.
Er richtete eine Viehzuchtfarm von fünf Millionen Hektar in Brasilien
ein.
Dieser kleine schottische Knabe, der täglich 14 Meilen wanderte, um zu
lernen, der einzige Schotte, der jemals fünf Jahre unbezahlt gearbeitet
hat, ist
heute einer der Führer in Handel und Wandel der Welt.
Er ist mehr als das. Er ist eine aufbauende Kraft der Zivilisation.
Er hat neue Länder erschlossen. Er hat das Fleisch für die Welt
verbilligt. Er hat der Welt bessere Sorten Vieh und kräftigere Menschen
gebracht.
Cyrus H. H. Curtis.
Dies ist die Geschichte eines Mannes, der mit eineinhalb Penny begann
und jetzt ein Kapital von 7000000 Pfund Sterling hat; des Mannes, der
mehr als irgendein anderer getan hat, um das Niveau des Journalismus
und der Reklame zu heben.
Curtis ist jetzt 73 Jahre alt. Er ist der Besitzer der »Saturday
Evening Post«, »Ladies’ Home Journal«, »Country Gentleman« und
»Philadelphia Ledger«.
Seine »Saturday Evening Post« wird in den Vereinigten Staaten um fünf
Cent verkauft und hat eine Verbreitung von 2500000 Exemplaren die
Woche. Sie ist
die größte Zeitschrift der Welt.
Sein »Ladies’ Home Journal« erscheint in monatlich 2000000 Exemplaren zu
15 Cent.
Sein Einkommen aus Anzeigen beträgt jetzt gegen 13000000 Pfund
Sterling das Jahr. Nein, das ist durchaus kein Druckfehler. Es
beträgt 13 Millionen Pfund Sterling, das heißt 260 Millionen Mark
pro Jahr. Und nicht ein Heller davon kommt aus Whiskyannoncen oder
Quacksalbermedizinen oder sonstigem Schund, mit dem den Leuten Geld
abgeschwindelt werden soll.
Er ist der erfolgreichste Zeitungsverleger der Welt -- und in dem
Text seiner Blätter gibt es weder Verbrechen noch Skandal, so wenig
wie Schwindel in seinen Anzeigen. Sein Niveau ist höher, als das
irgendeines anderen Verlegers, und sein Nutzen ist es ebenfalls.
Cyrus Curtis stammt aus bestem britischen Geschlecht. Seine vornehmen
Ahnen verließen England im Jahre 1631.
Sein Vater war ein Dekorateur, der in einem kleinen Holzhaus in
Portland, Maine, lebte, wo Cyrus im Jahre 1850 das Licht der Welt
erblickte.
Als er zwölf Jahre alt war, bat er eines Tages seine Mutter um etwas
Geld, um sich Feuerwerk zu kaufen. »Wenn du Geld willst,« sagte sie,
»mußt du gehen und es verdienen, wie es dein Vater tut.«
Er hatte einen und einen halben Penny in seiner Tasche. Er ging aus,
kaufte drei Exemplare des »Daily Courier« und verkaufte sie an der
Straßenecke. Am Ende des Tages hatte er viereinhalb Penny.
Er war ein kleiner Bursche, flink und keineswegs stark, aber er wurde
sehr schnell ein vorzüglicher Zeitungsjunge.
Nachdem er einen Monat lang Zeitungen verkauft hatte, lieferte er seine
erste Geschäftsidee. Er ging zu dem Direktor des »Courier« und bat um
Kredit. »Wenn Sie mir bis morgen früh Kredit geben,« sagte er eifrig,
»werde ich ein großes Paket Couriere über den Fluß nach Fort Preble
hinübernehmen.«
Der Direktor stimmte zu. Darauf richtete der Junge Cyrus es so ein, daß
er als erster das Zeitungspaket erhielt und schlüpfte damit durch einen
Seitenausgang. Er fuhr nach Fort Preble und
schuf ein neues Absatzgebiet für den »Courier«.
Bald verdiente er damit zehn Schillinge wöchentlich, ein Betrag, der
dem halben Einkommen eines Arbeiters in jenen Tagen entsprach.
Das Jahr darauf, als er dreizehn war, fing er mit einer eigenen kleinen
Zeitung an. Es war eine vierseitige Jungenzeitung »Jung-Amerika«, mit
der er einen Absatz von 100 Stück die Woche erzielte. Er hatte eine
Handpresse um zwölf Schilling gekauft und machte gute Fortschritte, als
ein Feuer ihm alles vernichtete. Keine Versicherung deckte den Schaden:
»Jung-Amerika« ging in Rauch auf.
Hierauf arbeitete er sechs Jahre in einem Kleiderladen. Während dieser
Zeit tat er nichts Bemerkenswertes und war sich offenbar seiner eigenen
Natur und seiner Fähigkeiten nicht bewußt.