Um das 15., 16. oder 17. Jahr herum geschieht es, daß aus dem Knaben ein
junger Mann wird und der Körper alle jene bedeutsamen Veränderungen
erlebt, die vereint den Geschlechtscharakter bilden. Der Körper
entwickelt besondere Triebkraft im Wachstum, und dieses rasche, oft
schußweise Wachsen im Knochenbau, dem die Muskelfülle nicht ganz zu
folgen vermag, gibt der Gestalt jene merkwürdige Eckigkeit und
Unbeholfenheit, die uns den jungen Mann in den »Flegeljahren« oft so
lächerlich ungeschickt erscheinen lassen. Auf der Oberlippe erscheint
der erste Bartflaum, die sexuellen Organe entwickeln sich stärker; es
mehren sich die Schamhaare; die Stimme verliert den kindlichen Klang;
sie »bricht« und gewinnt jenen dunklen, oft rauhen Timbre, aus dem man
den »Stimmbruch« eine Zeitlang deutlich heraushört.
Dieser ganzen äußeren Entwicklung, die einen ausgeprägt geschlechtlichen
Charakter trägt, entspricht auch eine innere Entwicklung. Denn das
geistige Leben wird beeinflußt und gespeist von jenen inneren
Absonderungen der Keimdrüsen, die in dieser Zeit lebhafter zu arbeiten
begonnen haben. Das Geschlechtsgefühl ist nun nicht mehr bloß allgemein
körperlich, sondern wird reicher an plastischen, geistigen
Vorstellungen. Denn in demselben Maße, in dem das eigentlich Männliche
sich in dem jungen Manne ausbildet und äußerlich und innerlich ausprägt,
stellt sich sein ganzer männlicher Organismus auf das Weibliche in
seiner Umgebung ein. Männlichkeit und Weiblichkeit bilden eben im
kosmischen Geschehen jene gewaltige Polarität, aus der das
weltenbewegende Wunder der Liebe entsteigt. Jeder Pol sucht seinen
Gegenpol, und alle die feinen und starken Ausstrahlungen der
Männlichkeit suchen und finden das Weibliche, das sie mit dem gleichen
Gesetz anziehen und sich zu verschmelzen trachten. So gewinnt das
Weibliche eine gewisse Herrschaft über das Männliche, das
sich -- gebändigt durch unklare sinnliche Wünsche -- dieser Herrschaft
gern beugt, ja sich manche »süße Tyrannei« eines jungen Mädchens
gefallen läßt und aus Liebe und Ritterlichkeit zu jedem Dienst
und -- jeder Torheit fähig ist.
Das sind etwa so die Tanzstundenjahre. Eine kleine Welt für sich, deren
glückliches Hoffen nie wiederkehrt. Je stärker und unklarer diese
männliche Sehnsucht ist, desto verlegener und ungeschickter kann der
sonst ganz ruhige und sichere junge Mann werden, wenn in der
Gesellschaft ein junges Mädchen all seinen stürmend-sehnsüchtigen
Gefühlen ein naheliegendes Ziel gibt. Dann ist es mit der Ruhe vorbei.
Er möchte den allerbesten Eindruck machen, die Ritterlichkeit in Person
sein, glaubt sich von allen Anwesenden beobachtet und möchte sich doch
um alles in der Welt vor seiner »Angebeteten« keine gesellschaftliche
Blöße geben. Das geringste Mißgeschick bringt ihn in unglaubliche
Verwirrung. Er steckt das Tischtuch als Serviette ins Knopfloch,
schüttet der Dame die Suppe aufs Kleid, wirft einen Stuhl um und sucht
verzweifelt nach einem Gesprächsthema.
Das Liebesspiel hat begonnen, und alle die grotesken Verlegenheiten sind
nur die grenzenlose Verwirrung, die das Weibliche anrichtet in der Seele
des jungen Mannes, dessen erwachte Geschlechtlichkeit sich in dieser
neuen Welt noch nicht zurechtzufinden weiß.
Und dann ergreift das Weibliche immer mehr Besitz vom Denken und Fühlen
des jungen Mannes. Es schärft auf der Straße und in der Gesellschaft
seine Augen für Jugend und Schönheit, Grazie und Charme. Es dringt in
seine Träume ein, und während der gesunde, wohlerzogene junge Mann die
Schönheit dieser Jugendjahre nicht ihres idealen Gewandes entkleidet und
die Poesie der jungen Liebe nicht in der sexuellen Gier vernichtet,
kämpfen viele -- und namentlich diejenigen, die den onanistischen
Geschlechtserregungen verfallen sind -- mit sexuellen Vorstellungen. Und
während bei dem einen die ersten Regungen der Liebe zugleich seinen
männlichen Stolz und seine sittliche Selbstachtung wecken, und ihm die
Liebe zur Waffe gegen seine unreine Verirrung wird, gerät der andere
noch tiefer in die Gewalt des krankhaften Triebes.
Hier findet der zügelnde Wille und die Klugheit einer gesunden
Lebensführung einen besonderen Boden, zumal es sich darum handelt, jene
nächtlichen automatischen Samenergüsse, die sogenannten Pollutionen, in
ihren physiologischen Grenzen zu halten.
Mancher junge Mann wird verwirrt oder erschreckt, wenn er in der Nacht
oder am Morgen einen Samenverlust beobachtet, der von einer mehr oder
weniger starken Erregung, von mehr oder weniger lebhaften sinnlichen
Träumen begleitet war. Den Unwissenden und Ängstlichen mag gesagt sein,
daß die Pollutionen nichts Krankhaftes an sich haben, sondern eine
normale Entscheinung sind, wenn sie etwa alle 10-20 Tage sich höchstens
einmal einstellen. Darüber hinaus und besonders dann, wenn der Pollution
am nächsten Tag schlaffes, schlechtes Befinden, blasses Aussehen,
Kopfschmerz, Kreuzschmerzen, Nervosität und dergleichen folgen, haben
wir es mit nervöser Schwäche zu tun, oder der Samenerguß war durch einen
äußerlichen oder innerlichen Reiz, jedenfalls aber durch einen Fehler in
der Lebensführung, herbeigeführt worden. In solchen Fällen wirst du gut
tun, lieber Freund, alle die Ratschläge zu befolgen, die ich schon zur
Heilung der Onanie gegeben habe, und namentlich die Abendmahlzeit nicht
nach 6 Uhr einzunehmen und sie nur aus Brot und Früchten bestehen zu
lassen.
Wenn es möglich wäre, die Menschen in ihrer Allgemeinheit wieder zu
einer gesunden und einfachen Lebensweise zurückzuführen, so müßten
wahrscheinlich die Pollutionen entweder gänzlich schwinden oder auf ein
äußerst geringes Maß zurückgehen. Aber diese Erscheinungen hängen wohl
mit der nervös gesteigerten Erregbarkeit des Lendenmarkes, mit
körperlicher Untätigkeit und mit einer falschen Ernährung weit mehr
zusammen, als man auch nur ahnt. Wenn aber zum Beispiel eine
geschlechtliche Erscheinung mit der Ernährung zusammenhängt und zugleich
mit dieser geändert werden kann, so ist es doch zum mindesten recht
schwer, zu sagen, sie sei so, wie sie ist, normal.
Keinesfalls aber läßt sich aus solchen Erscheinungen die
Anschauung herleiten, daß nun der Organismus reif sei für die
Fortpflanzungstätigkeit, und daß nun die Geschlechtsbetätigung für den
jungen Mann zu einem persönlichen Recht und zu einer gesundheitlichen
Forderung werde. Denn wenn auch -- was jedenfalls bestreitbar ist -- die
Pollutionen normale, physiologische Erscheinungen wären, so könnten sie
doch nur eine passiv-automatische Übung und Wachstumssteigerung eines
Triebes darstellen, der seiner sozialen Beziehungen und Folgen wegen
nicht allein in der körperlichen Entladung begriffen werden kann.
2.
Die Sittlichkeitsfrage.
Hier haben wir mit einem Male einen Sprung mitten in die sogenannte
»Sittlichkeitsfrage« hinein getan. Denn der Begriff des »Sittlichen« hat
sich stillschweigend und in seiner ganzen Ausdehnung an das
Geschlechtliche angeschlossen.
Diese Sittlichkeitsfrage beschäftigt sich im wesentlichen damit, ob es
einem jungen Manne erlaubt sein kann, vor der Ehe und in noch
jugendlichem Alter geschlechtliche Beziehungen zu unterhalten.
Diese Frage ist durchaus neueren Datums. Denn erstens waren die
sittlichen Anschauungen von früher strenger und straffer, zweitens hat
die Gesellschaft heute in allen Fragen, und somit auch in der
sexual-moralischen, die soziale und sittliche Kritik über das
gedankenlose Sichgehenlassen gesetzt, und drittens ist gerade mit dem
Erwachen dieses kritischen Geistes jener eigenwillige Individualismus
großgezogen worden, der über die Rechte der Persönlichkeit hinaus auch
die Ungebundenheit des Trieblebens mit »Individualität« und anderen
Phrasen verteidigt, die sozialen Wurzelungen lockert und dieses ganze
philosophische Vorspiel nur beginnt, um endlich und insbesondere dem
vorehelichen Geschlechtsleben eine unbeschränkte Freiheit zu
verschaffen.
Beiläufig gesagt: nur dem männlichen, nicht dem weiblichen
Geschlechtsleben. Denn daß das junge Mädchen vor der Ehe keusch zu leben
habe, ist eine so verbriefte, so tiefempfundene sittliche Forderung, daß
ein Sturm sich erhob, als einige dem Lager der Frauenbewegung
entstammende Schriften auch diese Schranke zu durchbrechen suchten.
Nicht nur tiefe und bedeutsame biologische Gründe, sondern
schlechterdings der sexuelle Egoismus des Mannes verlangen es, daß das
junge Mädchen vor der Ehe seine Jungfräulichkeit bewahre.
Der gleiche Sturm der Verwunderung und Entrüstung erhob sich aber auch,
als vor nunmehr etwa 30 Jahren in der Öffentlichkeit klipp und klar
gesagt wurde, daß es auch für den Mann die sittliche Forderung der
Enthaltsamkeit gebe.
Das traf die gedankenlosen Gehirne wie ein scharfer Sonnenstrahl, der
die Augen blendet. Bis dahin hatte der Mann dasselbe getan, was er noch
heute mit der gleichen aufreizenden Selbstverständlichkeit tut: er hatte
jede sich bietende Gelegenheit zum Geschlechtsgenuß bereitwilligst
benutzt.
Die Forderung der Enthaltsamkeit war durchaus nicht neu. Die christliche
Religion und auch andere Kulte hatten sie aufgestellt. Nur war die
Gedankenlosigkeit des Alltags allmählich über das unerschütterliche
Gefüge ethischer Grundgedanken hinweggewuchert. Da fiel wie ein Funke
ins Pulverfaß jene Erstaufführung des Björnsonschen Dramas »Der
Handschuh« durch die Berliner »Freie Bühne« Ende des Jahres 1889. Die
Heldin dieses Dramas, Svava, erfährt, daß ihr Bräutigam früher schon
Geschlechtsverkehr mit einem Mädchen hatte, und sagt sich von ihm los.
In der reichen literarischen Nachfolge, die diese Arbeit fand, finden
wir den gleichen Gedankengang namentlich in »Vera. Eine für viele«.
Der starke und imponierende ~Björnson~ hatte also sich selbst zum
Wortführer einer geschlechtsmoralischen Forderung gemacht und sie
dadurch, daß er sie auf der Bühne abhandelte, in den Brennpunkt des
allgemeinen Interesses gerückt. Die Presse griff denn auch
diesen -- »Handschuh« wie ein Mann auf, die einen mit Hohnlachen und dem
zeternden Wortschwall einer angstvollen Verteidigung, die andern mit
wohlwollender Zustimmung.
Genug, der Stein war ins Rollen gekommen, und ~Björnson~ selbst sorgte
dafür, daß die Sache zumindest in den skandinavischen Ländern nicht so
bald zum Stillstand kam. Man erinnert sich seiner eindrucksvollen,
faszinierenden Persönlichkeit, die überall den strengen
Sittlichkeitsgedanken, ~die monogamische Ehe~, in glänzender Rede gegen
jede geschlechtliche Lauheit, gegen jedes psychologisch oder
philosophisch umschleierte Triebleben verteidigte.
Zur selben Zeit begann die Wissenschaft, die bis dahin scheu und ängstlich
dieses Gebiet gemieden hatte, sich doch damit aus biologischen und
medizinischen Interessen zu beschäftigen. Die Geschlechtswissenschaft
(Sexuologie) spürte den geheimnisvollen Gesetzen dieser menschlichen
Leidenschaft nach, um alle Zusammenhänge zu finden. Und mit einem Male
übersah man auch klarer als bisher die ungeheuren gesundheitlichen
Schäden, die das gedankenlose vielweiberische (polygamische)
Geschlechtsleben des Mannes angerichtet hatte. Man erkannte den Einfluß
alles Geschlechtlichen auf die Erziehung, das Denken überhaupt, auf alle
sozialen Beziehungen, auf die Vererbung, auf Lebensgestaltung und
Lebensglück, und es war wie ein jähes Erwachen, das den erschreckend neuen
Eindruck von der gewaltigen Bedeutung alles Geschlechtlichen in zahllosen
Schriften festhalten zu wollen schien.
Und was bis dahin nie und nirgendwo geschehen war: die Frauen hatten
aufgehorcht. Sie, die bis dahin in der allgemeinen Komödie der Prüderei
die Statisterie gemacht hatten, gewannen nun mit einem Male das
Bewußtsein, daß es eine empörende Ungerechtigkeit ist, wenn der Mann vom
Weibe voreheliche Enthaltsamkeit verlangt, während er sich selbst doch
zu gleicher Zeit recht munter amüsiert und der Frau als Dank für ihre
sittliche Bewahrung eine -- Geschlechtskrankheit als Morgengabe in die
Ehe bringt.
Was Wunder, daß gerade die Frauen sich gegen diesen Zustand auflehnten
und mit großer Energie die sexuelle Frage der prüden Umschleierung
entrissen.
Wir stehen ja noch heute vor der Tatsache, daß junge Männer, wenn sie
die Schule und das Elternhaus verlassen haben, oft ohne alle
Gewissensbisse von den sich bietenden Gelegenheiten zum
Geschlechtsverkehr Gebrauch machen, ohne der moralischen und sozialen
Gesetze zu gedenken, welche sich natürlicherweise gegen den
eigenwilligen geschlechtlichen Individualismus auftürmen. Denn die
Beurteilung eines Triebes, der über den Einzelmenschen hinaus von
sozialen Folgen ist, erschöpft sich keineswegs in den Wünschen und
Rechten des Individuums, sondern muß notwendigerweise eine soziale sein.
Die tiefsitzende Inkonsequenz beginnt aber schon mit der Forderung der
Keuschheit der jungen Mädchen, und die sozialen und mehr noch die
sittlichen Zwiespalte fallen zusammen mit der gesellschaftlichen und
seelischen Verwirrung, die ein Mann im Leben eines Weibes anrichtet,
wenn sie der Gegenstand seiner geschlechtlichen Wünsche geworden ist.
3.
Geschlechtsleben und Gesundheit.
Das jugendliche Geschlechtsleben mit den Forderungen der Gesundheit zu
entschuldigen, ist eine jener sophistischen Ungereimtheiten, die nur da
entstehen, wo die erotischen Wünsche das Gewissen zum Schweigen bringen
wollen.
Es gibt gegenwärtig wenige Fragen, in deren Beantwortung so heftige
Widersprüche herrschen, wie diejenige des Nutzens oder Schadens der
vorehelichen Geschlechtsenthaltsamkeit. Aber selbst wenn die
Wissenschaft sich zugunsten der -- Frivolität entscheidet und Fälle von
Schädigungen durch Enthaltsamkeit bei der Jugend aufzählt, so müßte sie
doch der degenerativen Entwicklung Rechnung tragen. Sie müßte in
Rücksicht ziehen, daß die Kultur weit von den physiologischen Gesetzen
der menschlichen Natur abgerückt ist, und daß durch geschlechtlichen
Mißbrauch, durch die Raffiniertheit und Grenzenlosigkeit der Ernährung,
sowie durch körperliche Untätigkeit eine sexualnervöse Reizbarkeit
gezüchtet wurde, die das ordnende Urteil trübt. Was aber ein sinnlich
gesteigerter Organismus verlangt, das darf die Wissenschaft nicht als
allgemeines Geschlechtsrecht im ganzen Volke austeilen. Erkennt man, daß
ein Trieb durch Mißbrauch sich im Organismus in den Vordergrund drängte,
so muß man den Begriff des »Natürlichen« an diesem Trieb arg
beschneiden. Und selbst wenn man, ohne der mißbräuchlichen Steigerung
zu gedenken, den Trieb mit Recht »natürlich« nennt, so vermag man ihn
doch in keiner Weise zu trennen von den seelischen, sittlichen und
sozialen Kräften, die das Wohl der menschlichen Gemeinschaft und ihre
Entwicklung bedingen. Wird der Geschlechtstrieb rein körperlich
gezüchtet, so bringt er das Menschengeschlecht rückwärts, nicht
vorwärts.
Wenn ein Mensch ißt und dabei den Zweck des Essens vergißt und zur
Eßgier gelangt; wenn er trinkt, nicht weil der Körper Flüssigkeit
verlangt, sondern weil er der Leidenschaft des Trinkens verfallen ist,
so werden die geistigen Kräfte in demselben Maße schwinden, in dem die
körperliche Sucht sich steigert. So bedeutet auch der unerlaubte
Geschlechtsverkehr der Jugend, eben weil er die sozialen und sittlichen
Kräfte nicht auslöst, eine Hemmung der geistigen und charakteriellen
Entwicklung.
Daß die geschlechtlichen Erschütterungen und die Samenverluste einen
noch nicht ausgereiften Organismus in seiner Entwicklung hemmen, ist
eine ganz allgemeine Erfahrung. Es ist schon rein logisch und ohne jeden
wissenschaftlichen Beweis einzusehen, warum jene geheimnisvollen
Lebensstoffe, deren Entstehung im Körper zu einem solchen Reichtum und
Überschwang des Gefühls führt, die das Urgeheimnis der polaren Spannung
zwischen Mann und Weib in sich bergen, und die in der Leidenschaft ihrer
Vereinigung das Wunder der Menschwerdung vollbringen, warum sie ohnedies
dem Organismus, solange er sich in der Entwicklung befindet, seine
Spannung geben; denn diese Stoffe, die immer wieder neues Leben auf die
Bahn des Werdens schleudern, sind nicht nur Ursubstanz des Lebens,
sondern zugleich auch seine feinste Blüte. Sie behalten immer ihre
gestaltende Kraft. Und es liegt große Klugheit darin, durch diese
gestaltende Kraft zunächst den eigenen Organismus auf den möglichen
Höhepunkt seiner Entwicklung zu bringen, ehe man im bloßen
Geschlechtsgenuß Rechte sucht, die erst der mit sich selbst fertige,
vollendete Organismus besitzt.
An den Erscheinungen der Geschlechtsreife (Pubertät) erkennen wir die
treibende und gestaltende Kraft jener Lebensstoffe. Ein Ausreifen nach
allen Richtungen ist es, das wir beim Erwachen der Liebesempfindung
staunend beobachten. Was späterhin das neue Leben formt, das verleiht
einige Jahre vorher der Stimme ihren tieferen Vollklang, das treibt den
Bart als eins der Zeichen der Mannheit, das gibt dem Charakter seine
Festigkeit und dem Geiste Stolz und Kühnheit. Entfernen wir die
Keimdrüsen (Kastration) so hört alle diese Entwicklung ins Männliche mit
einem Male auf. Die treibenden Kräfte sind unterbunden. Die Stimme
bleibt dünn, der Bart wächst nicht, der Charakter bleibt weichlich,
ängstlich, tatenlos oder verschlagen.
Es mag darüber gestritten werden können, ob wir dem häufigen
Samenverlust allein die Schäden, von denen die Rede war, zuschreiben
sollen. Keinesfalls dürfen wir aber der gewaltigen allgemeinen
Erschütterung vergessen, die der Organismus in der Geschlechtserregung
erleidet. Kommt sie schon in der Jugend, noch ehe der Gesamtbau seine
ordentliche Kraft und Festigkeit erlangt hat, und wiederholt sie sich zu
oft, so verlieren die gar zu stark erregten Nerven, die in der Erregung
gar zu oft ausgedehnten Blutgefäße, verliert das stark erregte Herz,
verlieren die oft krampfhaft angespannten Muskeln die Fähigkeit, wieder
zu vollkommener Ruhe, zur physiologischen Norm zurückzukehren. Alles
erschlafft, und diese Erschlaffung ist traurige Widerstandsunfähigkeit
und Empfindsamkeit. Und in demselben Maße, in dem die Kraft und die
Energie zu tüchtiger Arbeit verloren gehen, bemächtigt sich des
Organismus jene lüsterne Träumerei, die selbst am Tage alles
Geschlechtliche umkreist und gewissermaßen mit angehaltenem Atem auf der
Lauer liegt, um alles Geschlechtliche gierig einzusaugen und selbst das
Harmlose im Gespräch, im Leben, in Büchern und Bildwerken, zum
Geschlechtlichen zu machen. Dann zehrt die Sinnlichkeit von der
körperlichen und geistigen Kraft, und es fehlt meist jenes notwendige
Maß körperlichen Ausarbeitens, um die gefährlich wuchernde Sinnlichkeit
einzudämmen.
Es ist sehr oberflächlich, wenn ein junger Mann seinen
Geschlechtsverkehr mit seiner scheinbaren Reife, mit den nächtlichen
Pollutionen und mit dem Hinweis auf die Erwachsenen entschuldigt. Denn
erstens habe ich gezeigt, daß die scheinbare Reife sehr wohl frühzeitige
Triebsteigerung sein kann, die als nervöse Anlage sich genau so erblich
überträgt wie irgendeine Krankheit. Daß zweitens die Pollutionen eine
recht zweifelhafte Erscheinung sind, und daß wir große, starke und
gesunde Männer mit wenig oder gar keinen Pollutionen, dagegen oft
schwächere, nervöse, blasse Jünglinge mit häufigen Pollutionen
antreffen, sowie, daß die Pollutionen durch Onanie hervorgelockt werden
können. Drittens, daß die Jahre der Geschlechtsreife beileibe nicht die
Rechte geschlechtlicher Tätigkeit mit sich bringen, sondern durch die
Steigerung der Samenerzeugung und der inneren Absonderungen dem Körper
die geschmeidige, jugendliche Kraft und Biegsamkeit, dem Geist die
Frische und die Fähigkeit schnellen Erfassens und der Seele Tiefe und
Wärme verleihen sollen.
Es mag als Grundsatz gelten, vor vollendetem Längenwachstum alle
sexuellen Kräfte zu sparen.
Die Tierzüchter haben reiche Erfahrungen in diesen Dingen gesammelt, und
keiner von ihnen wird ein nicht völlig ausgewachsenes Tier zur
Fortpflanzung zulassen. Jeder von ihnen weiß, wie schwer dadurch das
Tier in seinem ferneren Wachstum aufgehalten und wie empfindlich man
schließlich die ganze Rasse schädigen wird. Es mag auch nicht unerwähnt
bleiben, daß, wenn man kranken, schwächlichen, nervös erschlafften
Menschen Samenflüssigkeit unter die Haut spritzt, sie eine bedeutende
Vermehrung ihrer körperlichen und geistigen Frische zeigen.
Die Athleten und die Sportsleute, die sich zu besonderen
Höchstleistungen vorbereiten, müssen Geschlechtsenthaltsamkeit
beobachten. Ja, diese ist ein ganz besonderes Erfordernis des
»Trainings«. Wir erkennen daran das Gesetz von der Umwandlung der Kräfte
im Organismus, und es darf als sicher gelten, daß die geschlechtliche
Selbstzucht nicht nur die körperlichen Kräfte mehrt, sondern vor allem
auch Ausdauer und jenen äußersten Willen weckt, der bei besonderen
Leistungen den Ausschlag gibt.
Sind aber nicht auch die Jahre der Jugend eine Art Training, eine
Vorbereitung für tüchtige Leistungen im Leben? Sollte die Jugend nicht
ebenfalls alle die Kräfte sparen, deren Besitz die offenbare Quelle für
körperliche und geistige Leistungsfähigkeit ist? Wenn die Eltern alle
Nahrungssorgen auf sich nehmen, nur damit die Kräfte der Jugend sich
nicht zwischen Entwicklung und Daseinskampf zersplittern, hat dann die
Jugend ein Recht, diese Kräfte trotzdem zu vergeuden, und zwar in der
Geschlechtslust?
Die Spannung, die durch Enthaltsamkeit erzeugt wird, ist Triebkraft und
hat sowohl hohen kulturlichen wie lebenssteigernden Wert. Nichts ist
sicherer, als daß die Geschlechtsenthaltsamkeit der Jugend und die
Mäßigkeit der Erwachsenen nicht nur für den Einzelnen Sinn und
praktische Bedeutung haben, sondern vielmehr für ein ganzes Volk von
einschneidendem kulturlichem Wert sind. Eine Nation, die ihr Gewicht in
die Wagschale der Geschehnisse werfen will, muß ihre geschlechtlichen
Kräfte sparen. Das mögen wir Deutschen uns für den mühsamen Aufstieg,
der die nächsten Jahrhunderte unserer Geschichte ausfüllen wird, und für
unsere ganze Zukunft merken.
4.
Die Geschlechtsehre.
Freilich wird ja ein junger Mann, wenn er ins Leben hinaustritt, in
einen argen Zwiespalt gebracht. Aus dem Knaben wird ein »Mann«, und
diese »Männlichkeit« ist im dickflüssigen Strom einer geschmacklosen
Überlieferung leider gar zu sehr aus geschlechtlicher Abenteuerei und
Renommisterei zusammengesetzt worden. Wer ein »Mann« sein will, glaubt,
etwas erlebt haben zu müssen und sieht mit Überlegenheit und Spott auf
jüngere Kameraden herab, die noch einen Rest des Schamgefühls aus den
Erziehungsjahren in sich tragen. Aber die freche Großsprecherei und der
Spott der Älteren verwirrt den Jüngeren. Zwar weiß er ganz gut, wie der
anständige Mensch zu handeln hat. Aber sein Wissen in diesen Dingen ist
Stückwerk, ist unklar, unbestimmt, seine Persönlichkeit ohne
Entschiedenheit, ohne Festigkeit. Diesen ewigen Verlockungen, den
spöttelnden Angriffen, erliegt schließlich das gute Gewissen. Ja, der
dumpfe, nicht gezügelte Geschlechtstrieb setzt sich in einem Augenblicke
über Dinge hinweg, die bei ruhiger Betrachtung häßlich, abstoßend und
empörend sind, über Schmutz, Roheit und ernste Krankheitsgefahr.
Darin liegt die große Niedertracht der Gesellschaft überhaupt, daß
einer, der eine Dummheit macht, den anderen zu sich herabziehen will;
denn die vergesellschaftete Dummheit erstickt ihren eigenen Vorwurf. Der
Pluralis erscheint ihr als Entschuldigung, und so holt sich denn die
jugendliche »Männlichkeit« weiter ihr Rüstzeug -- bei der Dirne.
Wie ist es doch sonderbar, daß ein junger Mann, kaum daß er in das Leben
hinausgetreten ist -- und oft schon vorher -- ein Geheimnis in sein Leben
hineinträgt, das ihn in einen inneren Widerspruch zu seiner gesamten
Erziehung bringt. Ein Geheimnis, dessen er sich -- würde es
offenbar -- vor aller Welt schämen müßte. Ja, er selbst schämte sich, und
scheu und angstvoll, daß er um alles in der Welt nicht gesehen würde,
umschlich er das geheimnisvolle Haus, das die eigenen Kameraden oder seine
lüsterne Neugier ihm gezeigt, und verschwand darin in einem günstigen
Augenblick. Wäre nicht der Stolz in der sexuellen Spannung erstickt, so
müßte sich die Wirklichkeit des bezahlten Geschlechtsgenusses dem
Bewußtsein in ihrer ganzen Widerlichkeit aufdrängen. Ein Weib, das nicht
mehr Weib, sondern wahlloser Sinnlichkeitsgegenstand wahllos sich
einfindender Männer ist, das oftmals die einfachsten Gesetze der
Reinlichkeit übersieht, für eine Weile zu besitzen, kann einen Mann von
wahrer Mannhaftigkeit nicht locken. Was die jungen Männer zu diesen
frühzeitigen geschlechtlichen Verbindungen treibt, ist ja auch bei aller
Sinnlichkeit tief im Innern die Sehnsucht nach Liebe und das urewige
Rätsel des Weibes. Aber diese zarten knospenden Empfindungen, die sich in
der Ehe, in der Familie, in echter, mannhafter Liebe ausreifen sollen,
werden von den jungen Männern in Schmutz und gemeine Niedertracht
geworfen. Daher die verkümmerte Empfindungswelt so vieler Menschen, die
ihre eigene Lebenspoesie zerstört haben. Wünsche, Träume, Sehnsucht und
Vorstellungen dürfen nicht in gar zu häßlicher Wirklichkeit erstickt
werden, sonst ist das Ende seelische Erschlaffung, Pessimismus.
Die vorehelichen Geschlechtsbeziehungen haben eine so ungeheure
Ausdehnung gewonnen, daß viele in ihnen eine Art von normaler Vorschule
der Ehe erblicken. Wie riesenweit ist aber der Abstand zwischen Bordell
und Familie, zwischen der Dirne und der Mutter, zwischen bezahltem
Geschlechtsgenuß und der Liebe zweier Menschen, die miteinander in ihrer
Kinder Land einziehen! Kann dies Gemisch von Lüsternheit,
geschlechtlichem Schmutz, alkoholischer Frechheit und sittlicher
Erniedrigung, das das Dirnenleben durchzieht -- kann das die richtige
Vorbereitung sein für die Ehe, in der das Glück der Gatten und das Wohl
der Kinder aus Kraft und Reinheit kommen sollen?
Man spricht viel und gern von dem Kampf, den die voreheliche
Geschlechtsentsagung mit sich bringt. Freilich ist es ja wohl am
bequemsten, diesen Kampf durch die erste beste Dirne zu beenden. Aber
ist es denn gut, ihn so rasch zu beenden? Ist nicht der Kampf die
treibende Kraft aller Entwicklung? Weckt er nicht alle verborgenen
Kräfte? Wer die Flinte ins Korn wirft, ist sittlich ein Feigling. Dieser
kampflose, bezahlte, bequeme Geschlechtsgenuß vor der Ehe, dessen sich
junge Männer und auch junge Mädchen bemächtigen, schadet der Ehe,
schadet den Kindern; denn er nimmt dem Leben und dem Geschlechtsgefühl
die Hochspannung. Er befriedigt die Wünsche, tötet die Sehnsucht,
zerstört Illusionen. Enthaltsamkeit ist biologische Spannung, deren
Fehlen man den Kindern vom Gesicht herunterlesen kann.
Wie bilden sich denn eigentlich Charaktere? In der Entsagung, im Kampf
mit sich selbst. Was ist denn überhaupt ein Charakter? Ein Mensch, der
seine tierische Triebwelt unter die Herrschaft seiner sittlichen
Erkenntnis gebracht hat und mit festem Willen seiner Erkenntnis folgt,
der durch Willenskraft und Folgerichtigkeit sich Selbstachtung und
Selbstvertrauen erwarb. Solche Charaktere, solche Persönlichkeiten
braucht ein Volk, braucht das Leben; denn sie haben Erfolg. Wie kann
aber ein Mensch Selbstvertrauen und Selbstachtung haben, der im Kern
seines Wesens, im Geschlechtsgefühl, wider seine bessere Erkenntnis
handelt, der in seinem Tun sich immer wieder durch den Geschlechtstrieb
vom Wege abreißen läßt?
Tausende sagen. »Es ist unmöglich, ihn zu bändigen!« Aber wie viele
davon haben's denn ehrlich versucht? Sind nicht die meisten bei der
ersten Versuchung umgefallen? Sie haben die Geschlechtserregung kennen
gelernt, kennen sie durch die Onanie und manches andere, haben ihre
Phantasie mit Sinnlichkeit erfüllt. Das Nervensystem birgt in sich ein
Gesetz der Periodizität. Erregungen wiederholen sich periodisch. Das
macht den Kampf zunächst so schwer. Wie selbst den Magenkranken die
dumme Gewohnheit des dreimaligen täglichen Hungerns quält und seine
Heilung stört, so meldet sich im Hirn und Lendenmark das gewohnte
Geschlechtsgefühl, und dem Bewußtsein wird der alberne und gefährliche
Satz aufgedrückt »Ich kann den Trieb nicht bändigen!« -- Wer freilich
den Kampf aufgibt, ehe er ihn begonnen hat, was weiß der von seinen
Kräften! Treibe deine Gefühle nur erst ein wenig zurück, siege erst
einmal, dann noch einmal, und es wächst das Vertrauen, und es wachsen
die Kräfte. Die gesparte Geschlechtskraft speichert sich in dir auf als
Spannkraft der Nerven und Muskeln, als Mut und geistige Frische. Das
alles sind deine Waffen, die darum immer stärker werden.
Wenn's sein kann, sprich dich mit den Eltern, mit dem Lehrer, mit einem
guten Freund von gesundem Denken und gutem Charakter darüber aus! Sei
nicht wie jene, die im geheimen sündigen und die Nase rümpfen, wenn ein
Wort über Geschlechtliches gesprochen wird. Das Geschlechtliche soll
weder im bösen noch im guten Sinne das Gesprächsthema sein; aber ein
offenes Wort an rechter Stelle hat oft befreiend gewirkt. Ein klares
Wort entreißt oft junge Menschen der schwülen Phantasiearbeit. Betrachte
das Geschlechtliche als eine besondere Kraft, dich selbst ebenso, und
frage dich. »Wer von uns beiden soll herrschen, ich oder du?«
~Du mußt herrschen, immer und allerwege!!!~
Schäme dich nicht dieses Triebes, und sei niemals niedergeschlagen im
Kampf. Alles Leben entsteigt dem Liebeswollen. Aber die Zeugung ist
nicht die alleinige Lösung dieses Ewigkeitsrätsels. Eine allstündliche,
ununterbrochene Neuzeugung im Einzelorganismus ist es, die wir vor allem
diesem Triebe verdanken. Der geheimnisvolle Quell der inneren
Zeugungsorgane entsendet ununterbrochen Stoffe, die als Spannkräfte
wirken, in Körper und Geist. Darum aber darf diese Urquelle nicht
verschüttet werden. Wir verstehen jetzt sehr wohl, warum der Lebenslauf
mit dem Geschlechtsleben in der Jugend zusammenhängt, warum die
Geschlechtssparsamkeit in der Jugend einen Gewinn für das spätere Leben
ergibt. Nicht nur für unser kleines, eigenes Leben -- nein, die ganze
Menschheit trinkt ihre Verjüngung aus diesem Quell, und ~jeder
Einzelmensch ist zum Sachwalter der Menschheitsgesundheit und
Menschheitswürde bestellt, weil er einen Teil der kosmischen Liebeskraft
in sich trägt~.
Der Augenblick, der Mann und Weib in der Liebeserschütterung vereinigt,
erzeugt ein neues Leben. Aber nicht dieser Augenblick entscheidet,
sondern alles, was Vater und Mutter in ihrem ganzen Leben waren und
taten. Davon hängen Kraft und Gesundheit des Kindes ab. Sollte das nicht
schon lange vor der Ehe dem Triebe Zügel anlegen, damit er nicht die
Kraft vergeudet, die dem Kinde darum fehlen wird?
Wer sein Kind anschaut und aus seinem Gesicht die Schwäche liest, muß
der nicht niedergedrückt werden, wenn er sich selbst daran schuldig
weiß? Wer an seinen Kindern häßliche Züge, Lüsternheit und Verirrungen
bemerkt, muß der nicht entsetzt sein, wenn er weiß, daß sie nur seine
eigene Jugend von neuem beginnen? Es vererbt sich nicht nur Kraft,
sondern auch Schwäche, nicht nur Körperliches, sondern auch Geistiges,
nicht nur gutes Denken, reines Empfinden, sondern auch geschlechtlich
verirrtes Denken, Charakterlosigkeit und Ausschweifung. Nie kann ein
Mensch etwas anderes erzeugen, als was er selber ist. Ein Kind ist wie
Vater und Mutter, gut oder schlecht. Darum sei gut, handle gut, damit
dein Kind gut sei und gut handle! Laß alles Unsaubere aus deinem
Liebesempfinden heraus, damit dein Kind ein schönes, reines Empfinden
habe! Gehe nicht den traurigen Weg vom Gott zum Tier, sondern geh den
einzig menschenwürdigen Weg, auf dem Gott den Menschen zum Herrn über
das Tierische eingesetzt und ihm eine Durchgeistigung und Beseelung
seiner Triebe geboten hat. Denn ein geistiger Grundsatz, ein göttliches
Gebot, herrscht in der Welt! Erkennst du das, so wird das
Geschlechtliche dir zur Lebensschönheit, und du wirst die Kraft sparen,
die erst ~deiner~ Reife dienen soll, ehe sie dir in der Ehe und in den
reinen Augen deiner Kinder unendliches Glück bringen wird.
Es gibt Gründe, die dir die Geschlechtsbeziehungen vor der Ehe
entschuldigen und beschönigen wollen. Und gewiß ist, an sich gesehen,
nicht alles häßlich, was nicht die Ehe sucht. Aber ob's für diese
spätere Dauergemeinschaft gut ist, das ist der Frage innerster Kern. Und
wenn auch die Farbenspiele bestechender Gründe den eigensüchtigen
Liebesgenuß umstrahlen -- macht uns die Selbsttäuschung besser? Vor dem
unbestechlichen Schiedsamt des Menschenwohles sind die schimmernden
Entschuldigungsgründe wie Seifenblasen.
Stähle die sittliche Kraft deiner Jugend in der Entsagung! Je weniger du
den Geschlechtstrieb aufkommen lässest, desto mehr verliert er das
körperlich Aufdringliche, ~desto mehr verschmilzt er mit deiner Seele,
deinem ganzen Menschen~. Mehr und mehr wirst du dann zu jenen Menschen
gehören, deren körperliche Liebe allein aus dem Wunderborn der Seele
quillt, und nicht zu denen, deren Seele schweigt, während zugleich ihr
Körper von Geschlechtserregung gepeitscht ist.
Und du wirst Achtung vor der Frau und vor allem Weiblichen haben. Die
Welt ist so, wie wir sie sehen. Siehst du sie gut, so ist sie gut.
Siehst du sie schlecht, so ist sie schlecht. Es ist eine traurige
Mannhaftigkeit, die sich ihrer Verachtung alles Weiblichen rühmt, weil
sie Siege errang, die nur bezahlte Willfährigkeit waren. Wer nur die
Dirne kennt, kennt nicht das Weib, und sein Urteil ist Anmaßung. Es ist
Zeit, daß anständige junge Menschen den Mut finden, die frechen
Zotenreißer und bramarbasierenden Bordellhelden zum Schweigen zu
bringen.
Wenn ein Mann das Weib, das er liebt, anschaut, so drängen sich
dazwischen gar leicht seine früheren Erlebnisse. Dann werden sie
begehrlich wieder lebendig, und Augen, die im Stolz leuchten sollten,
werden zu Boden gerichtet, weil ein Geheimnis die schöne Wirklichkeit
trübt. Wer nur zur Befriedigung seiner Sinnlichkeit den Spuren des
Weibes folgte, kann nur schwer die Sinnlichkeit aus seinem Fühlen,
seinen Blicken scheuchen. Und er kennt nicht den wunderbaren Einklang
zweier Seelen, die in ihrer Liebe unbewußt den Willen zum Guten, die
große, allumfassende Menschenliebe in sich tragen.
Welch eine Welt von Schönheit verschließt sich mancher Mensch, weil die
sinnliche Schwerfälligkeit seines Körpers ihm den geistigen Flug
verwehrt! Manche Seele hat sich in diesen rohen Geschlechtsverbindungen
verblutet und nur einen gierigen Körper zurückgelassen, in dem alles
Zarte, Schöne, alles Weiche und Feine, erstickt ist. Das ist seelische
Verarmung -- das allerschlimmste Menschenlos. Es ist ein Leben, das
keine Sonne, keine Wärme mehr hat. Warum nur schätzen wir diese
wundervolle Spannung der Keuschheit nicht höher? Warum ist die
Jugendkeuschheit nur ein Ideal für das Weib und nicht auch für den Mann?
Warum warten junge Männer denn geradezu darauf, diese Reinheit von sich
zu werfen, und warum muß die vielgerühmte »Männlichkeit« sich denn
zuerst auf den gegensozialen Wegen des Dirnentums bewegen?
»Ist denn wirklich die Geschlechtsehre des Mannes eine andere als die
des Weibes?« sagt ~Vera~ in »Eine für viele«. Und weiter. »Ist die
Notwendigkeit der geschlechtlichen Befriedigung in den jüngsten Jahren
nicht ein wohlorganisierter Schwindel? Oder ein großes Irren der Ärzte?
Kann die Keuschheit je so furchtbare, leben- und glückzerstörende
Krankheiten nach sich ziehen wie die Unkeuschheit?« Und weiter. »Der
Mann verlangt von dem Mädchen seiner Wahl nicht Keuschheit allein,
sondern auch einen unbefleckten Ruf. Mit Recht! Und das Weib soll ihren
Gatten mit Straßendirnen teilen? Sie soll die Schmerzen der Mutterschaft
tragen, mit dem furchtbaren Bewußtsein, daß der Vater ihrer Kinder in
gekauften Umarmungen seine Jugendkraft vergeudete -- -- -- sich nicht
scheute vor dem Schmutz, vor ekelhaften Krankheiten, in gemeiner
tierischer Sinnlichkeit seine Reinheit fortwarf ... der Vater ihrer
Kinder -- sage ich.« -- --
Dies Verabuch war trotz seiner Härten wie eine Fanfare, die eine neue
Zeit und eine neue Menschheit ankündete. Die geschlechtssittlichen
Forderungen konnten seitdem nicht mehr unterdrückt werden. Wir werden an
ihrer Durchführung arbeiten müssen, um den Menschen durch ein reineres
Geschlechtsleben eine festere Grundlage des Glückes zu geben.
~Es wird eine Zeit kommen, in der das, was die Menschen heute belachen,
wie eine heiße, große Sehnsucht in ihnen lebt. Vielleicht erwächst diese
Sehnsucht gerade aus dem Geschlechtselend unserer Tage. Dies Irren, dies
Leiden und Dulden in Geschlechtsausschweifungen, die dem Manne
Unterhaltung, dem Weibe schandbare Versklavung sind, wird sicher einmal
als entsetzliche Last empfunden werden, wenn die Menschen über den
stumpfen Materialismus hinaus die feinen, geistigen Gesetze erkennen
lernen. Dann erst werden die Menschen das Märchenland der Liebe finden,
wenn kein häßliches Erinnern mehr ihre Seele verwirrt.~
Das Leben ist darum nicht verloren, weil die Jugend nicht rein und voll
Schönheit war. Ja, mancher Charakter formte sich erst aus trüben
Erinnerungen, aus Fehl und Schuld. Aber den meisten hat doch der
Dirnengeist die Jugend vergiftet; denn für die Seelenweichheit der
Jugend ist das Geschlechtsabenteuer ein starker Eindruck, vielleicht in
seiner rohen Sinnlichkeit stärker als das, was später ein reines,
liebendes Weib gibt. Und von all den Roheiten der bezahlten Liebe wird
etwas ins Erinnern eingefügt und schiebt sich häßlich in all die
blühende Schönheit, die die Liebe bringt.
Wie viele Frauen bereuen die Ehe, hassen und verachten den Mann, den sie
doch einmal über alles geliebt haben. Aber er hat sie getäuscht. Mit ein
wenig Charakterlosigkeit und geschlechtlichem Schmutz in seinem Vorleben
begann es. Das fraß sich in ihm fest. Das durchwob sein Inneres so, daß
ihm die Ehe zu rein, zu langweilig erscheint. Zunächst verschweigt er
sein Vorleben. Dann kann dies trübe Geheimnis nichts Gutes für seine Ehe
sein. Oder er sagt's seiner jungen Frau. Dann werden ihre Gedanken
versuchen, sich in dieser ihr innerlich fremden Welt zurechtzufinden,
und unter Tränen, mit viel Weh im Herzen, entwickelt sich die Ehe
aus -- einem Verzicht. Oder aber die Frau ist flach und oberflächlich,
dann lacht sie, und es ist ihr alles gleichgültig. Die Vera-Naturen aber
sind zahlreicher, als man glaubt, Frauen, in deren Innerem in solcher
Stunde eine Saite angeschlagen wird, deren Ton für immer dem Ohr
verklingt. Sie, deren monogamischer Instinkt höchstes Feingefühl ist,
können nicht oder nur mit Überwindung einem Manne folgen, der aus einer
ganz anderen, viel gröberen Gefühlswelt kommt, und den die Häßlichkeit
geschlechtlicher Ereignisse, ein anderes Weib, ein uneheliches Kind, von
ihnen trennt.
Zwar leben wir in einer Zeit sittlicher Neuordnung. Und ehe aus dem
Streit der Meinungen das feste Gefüge der neuen, gerechteren Moral sich
bildet, wird großherziges Verzeihen, auch von seiten der Frau, dem Manne
den Weg ebnen von den wirren Geschlechtsirrtümern der Jugend zur
Reinheit der Ehe. Wie groß ist aber der Jammer der vielen Frauen, deren
Männer das heilige Treuversprechen gebrochen haben, weil die
Dirnenerinnerungen wie Unkraut, wie eine böse Krankheit der Phantasie,
in ihnen fortwucherten, bis der ganze Schmutz der Untreue und der
sittlichen Verlumpung sich auf die Ehe wirft und sie zerstört! Von
ungefähr kommen doch diese Eheskandale nicht. Die Untreue, dieses rein
körperliche, gemeine, geschlechtliche Veränderungsbedürfnis hat sich der
Mann angezüchtet bei den wechselnden Dirnen und der treulosen
Zufälligkeit seiner »Verhältnisse«. Und wer festigt dem Weibe den
Begriff der Treue, wenn sie als Mädchen einmal in dieses, ein andermal
in jenes Mannes Händen war? Die geschlechtliche Treulosigkeit vor der
Ehe baut dem Treubegriff der Ehe ein morsches Fundament.
Die moralisch-monogamischen Forderungen, die wie eine neue
Ordnung -- aber aus uralten Entwicklungsgesetzen heraus -- von Frauen
erhoben worden sind, können nicht mehr verstummen. Denn Einehe
(Monogamie) ist das Gesetz des Weiblichen, ist der Unterbau der Ehe, die
sittliche Grundlage der Erziehung. Prof. ~Albert Heim~, Zürich sagt:
»Der monogamische Instinkt ist von der Natur erzüchtet. Bricht ihn die
Menschheit im ganzen und dauernd wieder, so bricht sie mit ihm
zusammen«.
Je willenloser ein Mensch sich dem Geschlechtsempfinden hingibt, desto
mehr ist er Sklave seiner unsauberen Erinnerung geworden. Will er die
Erinnerung auslöschen, so braucht's einen mannhaften Entschluß: »Bis
hierher! Nun nicht mehr weiter!«
Wer so ein neues Leben auf dem festen, fröhlichen Willen zum Guten
beginnt, den wird das Schlechte, das er getan, nicht in alle Zukunft
hinein verfolgen. Es ist abgetan, und schön und rein leuchtet dir die
Zukunft.
Der Mensch ist Wille!
Die Ehe ist ein Idealzustand und trägt in sich den Zweck und die
Möglichkeiten einer unendlichen Vervollkommnung der Menschheit. Die
Forderung der Treue, die wir für die Ehe aufgestellt haben, entspricht
dem uns eingeborenen sittlichen Empfinden, und diese tiefinnerliche
Moral ist immer diejenige, welche dem Fortschritt der Rasse dient.
Wenn darum Stimmen laut wurden und namentlich gegen das unbedingt
folgerichtige Verabuch Schriften über Schriften erschienen, die gerade
im Geschlechtsleben ~vor~ der Ehe eine Art von Läuterung und Ausreifung
der Persönlichkeit sehen, so ist demgegenüber auf das Wort des
positivistischen Philosophen ~Comte~ hinzuweisen, daß man sich nicht
durch Unsauberkeiten auf ein Ideal vorbereiten kann. Unsauberkeiten sind
es aber; denn alles Häßliche, das das menschliche Geschlechtsleben
erfaßt und überwuchert hat, kam aus der Verletzung der moralischen
Gesetze. Ja, sicherlich nicht nur für das Geschlechtsleben, sondern für
das ganze Menschenleben ist nichts von so furchtbaren Folgen gewesen als
diese geschlechtliche Unsittlichkeit, diese Treulosigkeit gegenüber
sittlichen Gesetzen, die in der göttlichen Natur des Menschen liegen.
Mit jeder Verletzung der Moral schreiten wir rückwärts, durchqueren wir
das Weltgesetz der Entwicklung, das nach oben und nicht nach unten,
nicht rückwärts, führt. ~Mit jeder Verletzung der Moral greifen wir
störend in die Rechte und das Wohl anderer ein. Denn es gibt keine
persönliche Sittlichkeit, es gibt nur eine Sittlichkeit, die die
Gesamtheit fördert.~ Diese Sittlichkeit haben auch tiefstehende Völker,
ja selbst Tiere haben sie; denn wir sehen die Tiere handeln nach
Gemeinschaftsgesetzen. Die Gemeinschaft der Lebewesen braucht die
Geschlechtskraft, und der blühende Empfindungsreichtum der Zeugung ist
das große Wunder der Natur. Aber sie braucht diese Geschlechtskraft
natürlich und rein und nicht als einen gegen das soziale Wohl
gerichteten Eigennutz. Wer das nicht fühlt, hat darum nicht das Recht
für sich. Und der Stolz junger Menschen müßte sich aufbäumen gegen die
schlaffe Massenauffassung des Alltags. In hochentwickelten
Einzelmenschen nur leben die Sittengesetze als gesunder Rasseninstinkt,
und wir andern werden ihnen nacheifern, wenn wir an ~Carlyles~ Wort
denken:
»Die Menschen leben um des Besten willen!«
Prof. ~A. Herzen~ sagt[4]: »Die wirkliche sittliche Handlungsweise ist
diejenige, welche man als allgemeine Verhaltungsmaßregel aufstellen
kann; und diese Regel wird sofort von jedem normalen kultivierten
Menschen angenommen werden, der nicht mit geistiger oder sittlicher,
angeborener oder erworbener Unzulänglichkeit oder mit Wahnsinn behaftet
ist.«
Wenn nun, wie wir wissen, die Zeugungskraft und Liebesfähigkeit ein
Hauptstamm des Lebens ist, dessen verschiedene Abzweigungen wir
Menschen- und Nächstenliebe, Spannkraft, Begeisterungsfähigkeit, Mut,
Ritterlichkeit, künstlerische Kraft usw. nennen, müssen nicht alle diese
Kräfte eine Verschlechterung erfahren, wenn die Liebeskraft mit unreinem
Denken genährt wird?
Diese Besudelung des Liebeslebens ist schlimmer, als die meisten ahnen.
Und es ist darum wohl erklärlich, daß heute mehr über diese Dinge
gesprochen wird, als dem feinempfindenden Menschen lieb sein kann. Aber
wir müssen darüber einmal zur Klarheit kommen, schon deshalb, weil das
Wort vom »Sichausleben« zur Phrase geworden ist und unsere Jugend
verderbliche Wege führt. Warum bewegt sich die Wirklichkeit dieses
Sichauslebens denn nur immer im Rahmen eines unsauberen
Geschlechtslebens und richtet sich nicht auf körperliche und geistige
Höchstentwicklung?
Wüßten die jungen Leute nur erst, wie sie ihr eigenes Glück schädigen,
weil die Dirne ihnen die Achtung vor dem Weibe und allem Weiblichen
nimmt! Der Glaube an die Mutter hat einmal unsere Jugend verschönt, und
diese schöne Erinnerung folgt uns in das Leben. Was hat die Mutter alles
für dich getan? Mit Schmerzen hat sie dich geboren, deinetwegen mußte
sie auf so vieles verzichten, was dem Manne das Leben vielgestaltig
macht. Das Verhältnis von Mutter und Kind ist ein kleines Heiligtum, das
der Mann als Gatte und Vater schützt.
~In jedem Weibe aber steckt die Mutter.~ Jedes Weib soll Reinheit dem
Manne darbringen, der sie zur Mutter macht. Willst du vorzeitig in dies
Heiligtum eingreifen? Willst du, der du als Mann Schützer und
ritterlicher Hüter des Weibes sein sollst, ihr Verderber, ihr Verführer
werden? Sei gut und voll Achtung zu jedem Weibe, achte und ehre die
Mutter in ihr!
Du wirst antworten, daß nicht immer der Mann die Schuld trage, sondern
oft das Weib die Verführerin sei, und daß die Prostituierte nicht
Achtung verdiene, sondern genommen werden müsse, wie sie ist. Ich will
die Dirne nicht besser machen, als sie ist. Aber wie viele von denen,
die auf den Straßen sich verkaufen, sind durch Verführung, Elend,
schlechte Erziehung in das Schandgewerbe hineingetrieben worden! Darfst
du die elende Lage, in die ein Mensch durch eigene oder fremde Schuld
hineingetrieben wurde, für deine Genüsse mißbrauchen? Und wenn du die
Prostituierte gar nicht achten kannst, wenn sie dir verworfen erscheint
und du dich darum der Verantwortung überhoben glaubst, so bleibt es für
dich entwürdigend, mit einem Menschen in Beziehung zu treten, den du
verachtest.
Aber mit der Verachtung sollten wir vorsichtig sein. Im Gewoge des
Lebens steigt einer nach oben, der andere sinkt unter. Gute erbliche
Anlagen erleichtern das Leben, schlechte erschweren es. Dem Weib, das
Dirne wurde, gab die Vererbung wohl schlimme Keime. Schlimme
Verhältnisse ließen das Schlechte aufblühen. Aber mache sie nicht
schlechter! Wenn du ihr Gewerbe benutzest, so bringst du sie -- wie so
viele andere -- noch tiefer in den Sumpf hinein. Warum wolltest du das
tun?
5.
Das »Verhältnis«.
Das Erwachen der Liebe bringt der Jugend Gefahren und Irrtümer. Je
stärker ausgeprägt der sinnliche Trieb ist, desto lebhafter werden
Beziehungen zu weiblichen Wesen gesucht. Wie die Sonne alles in ihre
Farben taucht, so umspielt die Erotik Mann und Weib. Eine
freudig-festliche Stimmung, Lichterglanz, ein paar Musikakkorde, ein
erregter Tanz oder dergleichen, und schon ist der Liebesfunke zur Flamme
angefacht. Schon schiebt sich der Begriff »ewig« in das eben geknüpfte
Band ein. Manchmal ist's ja ein Band fürs Leben, häufig aber zerreißt's
schon früh, und manchmal sieht der andere Morgen schon Ernüchterung und
Reue.
Aus diesen losen, flüchtigen Beziehungen hat sich das herausgeschält,
was Tausende von Männern kennen, und was in unserer Gesellschaft ein
öffentliches Geheimnis ist, das »Verhältnis«. Ein im Grunde einfacher
Vorgang: eine geschlechtliche Beziehung zu einem Mädchen, das nicht
Dirne ist, sondern Bürgerstochter, Verkäuferin, Modistin, Schneiderin
oder Ähnliches, und das man eines Tages verläßt, um eine andere zu
heiraten. Sie gibt sich ihm hin, weil seine bessere soziale Stellung
ihrer Eitelkeit schmeichelt, oder weil er die ihm geschenkte Gunst
bezahlt, oder auch, weil -- sie ihn liebt und glaubt, von ihm geheiratet
zu werden.
Von seiner Seite ist's nicht Liebe, sondern die Gewohnheit des
Geschlechtsgenusses. Liebe nur, wenn die sozialen Abstände die Ehe
unmöglich machen. Manche Tragik entsprang dieser Wurzel; das sogenannte
»Verhältnis« aber ist meist für den jungen Mann ein bequemer Weg des
Geschlechtsgenusses, der keine ernstliche Verantwortung mit sich bringt.
An sich selbst denkt er, und die Geschlechtserregung mag ihm ja auch
Liebe vortäuschen, aber seine Absicht geht gegen ein dauerndes Band. Das
kann nicht Liebe sein. Und wenn die Stunde der Trennung kommt, gibt's
oft viel Weh im Herzen des jungen Mädchens, viel Jammer und Bitten und
Tränen, weil doch die Liebe des Weibes, das seinen Leib hingab, ein
Stück von ihrem Leben ist, während der junge Mann sich von seinen
Geschlechtserlebnissen oft mit rücksichtsloser Kälte loslöst.
Können diese Rohheiten Vorbereitung auf die Ehe sein? Zerstören sie
nicht die Gemütstiefe, die einer Ehe Inhalt und Schönheit gibt? Wird
nicht die Liebeskraft vergeudet, die ungebrochen einem einzigen Weibe
gehören soll?
Und was wird aus dem Mädchen, das verlassen ist? Findet sie einen
anderen Mann, der sie heiratet, so wird sie verschweigen müssen, was
sie erlebt. Was man verschweigen muß, kann nicht gut gewesen sein. Oft
aber geht sie aus einer Hand in die andere und endet als Dirne. Denk'
einmal, wenn es deine Schwester wäre! Welch ein entsetzliches Geschick
für dich und deine Familie! Und viele junge Leute häufen, nur weil sie
genießen wollen, solches Leid auf die anderen, die oft schwer daran zu
tragen haben.
Es liegt im »Verhältnis« eine Unehrlichkeit, die die sittliche
Persönlichkeit untergräbt. Du verlierst die Ehrfurcht vor dem Weibe,
weil du es nicht mit Achtung als Mensch, sondern mit Sinnlichkeit als
Geschlechtswesen genommen hast.
Es gibt gewissenlose Schürzenjäger, deren dumme Frechheit jahrelange
Erfolge hat, weil selbst unter den Freunden und Kameraden niemand ihnen
sagt, daß ihr Tun nicht Mannhaftigkeit, sondern Erbärmlichkeit ist. Wir
müßten für mehr Klarheit in unserem Urteil sorgen.
An geistig hochstehenden, wertvollen Frauen prallt der schale Witz
solcher Laffen ab; sie können sich höchstens ihrer Erfolge bei Dirnen
und charakterlosen Elementen rühmen, und auch da sind sie oft betrogene
Betrüger, ausgenutzte Dummköpfe gewesen.
Das »Verhältnis« ändert seinen durch die Erregung der Sinnlichkeit immer
wieder beschönigten Charakter in demselben Augenblick, in welchem die
hier ebenso notwendigen wie häßlichen Maßnahmen zur Verhütung der
Befruchtung mißlungen sind, und das werdende Kind als eine angstvolle
Tatsache da ist, das nun das wohlbehütete Geheimnis dieser
Geschlechtsbeziehungen der Öffentlichkeit zu enthüllen droht. --
Und dann?
Beim Manne tödliche Verlegenheit, Sorge für Ruf, Stellung, Name,
Gedanken an Trennung, weil nun das »Verhältnis« lästig wird. Beim
Mädchen jagende Angst, Wunsch nach Schutz, Furcht vor dem Entdecktwerden
und dazu körperliche Leiden. Und dasselbe Kind, das zwei sich wahrhaft
liebende Menschen in der Ehe erst recht fest aneinanderkettet, trennt
meist zwei Menschen, die den bloßen Geschlechtszweck ihres
»Verhältnisses« mit dem Worte -- »Liebe« zu entschuldigen suchten.
Auf dem Lande und bei der Arbeiterschaft pflegt die unwillkommene
Liebesfrucht meist den Entschluß zur Ehe zu erzwingen. Man heiratet
sich, und das ist ehrlich. Damit bereitet man dem Kinde ein Nest, ein
Heim, und die junge Mutter ist geschützt vor Sorgen und bösen
Lästerzungen.
Aber in der Stadt besteht für alle »besseren Schichten« die bequeme
Einrichtung der »Alimente«. Die Vatersorgen und die anständige Gesinnung
werden abgelöst durch ein geringes monatliches Geldopfer. Gewiß, der
Gesetzgeber konnte vielleicht nicht anders. Er kann nur einige
rechtliche Ordnung schaffen. Aber er hat uns zu viele Möglichkeiten
geschaffen, Gemütswerte durch Geldwerte abzulösen.
Es wäre falsch, zu sagen, daß der Leichtsinn des »Verhältnisses« die
Pflicht zur Ehe in sich trägt, wenn das Kind dem sinnlichen Idyll ein
jähes Ende bereitet. Denn dann könnte die Schwangerschaft eine Leimrute
sein, mit der ein raffiniertes Weib einen Gimpel fängt. Ich will nur die
Verwirrung beleuchten und die Rohheit zeigen, die oft mit dem
unehelichen Kind sich entwickeln. Manche himmelstürmende Liebe endet
durch die Abtötung der Frucht vor dem Strafrichter.
Die Zahl der Totgeburten übersteigt bei den unehelichen Kindern überall
in Europa anderthalbmal diejenige bei den ehelichen. Manches eben
geborene Kind wird von der ratlosen, verzweifelten Mutter getötet oder
an Fremde abgegeben.
Das Höchste, Heiligste, was wir Menschen kennen, die Mutterschaft, wird
besudelt, entehrt, wird zum Verbrechen. Grenzenloser Jammer erstickt das
Gefühl des Mädchens, das Mutter wurde und verlassen wurde.
Rings um die großen Städte wohnt in ländlichen Bezirken ein Kreis von
Menschen, die sich mit der Pflege unehelicher Kinder gegen einmalige
oder periodische Vergütung systematisch und beruflich beschäftigen,
systematisch und beruflich aber auch unter dem Deckmantel der Pflege
die -- Tötung besorgen. Manchmal weiß das die Mutter nicht, manchmal
aber weiß sie es.
Das Leid des unehelichen Kindes ist zu oft gesungen worden, als daß ich
dazu Mollakkorde geben müßte. Verbrechen und Unehelichkeit, Prostitution
und Unehelichkeit, das sind fast unlösbare Zusammenhänge. Der Unterbau
des Lebens und der Charakterbildung, die mit Liebe und Achtung
durchzogene Ehe, fehlt dem unehelichen Kinde. Gerade in den
Kinderjahren, den Jahren der Weichheit und Aufnahmefähigkeit, der
Lenkbarkeit, fehlen oft die festen Grundsätze gesunder Erziehung,
herrschen oft Willkür, Vernachlässigung und der verderbliche Einfluß der
Straße. Der Vater fehlt, die Familie fehlt. Dem Genuß eines Augenblicks
entsteigt ein neues Menschenleben, das verfehlt und verdorben ist, weil
die Verantwortung fehlte.
Es ist oft, als sei im Geschlechtsleben das Rechtsgefühl vollkommen
geschwunden, das doch beispielsweise in den kleinsten Geschäfts- und
Geldsachen so fein entwickelt ist. Wer ein Geldstück stiehlt, kann ins
Gefängnis kommen. Wer aber im Geschlechtsleichtsinn einem andern
Menschen Glück und Namen, Ehre und Leben stiehlt, der kann sich auch
ohne viel Geschick durch die Paragraphen hindurchwinden. Die
gesetzeberatenden und gesetzemachenden Männer haben augenscheinlich zu
wenig an das Weib gedacht; denn die Rechtsprechung aller zivilisierten
Länder läßt dem Manne überall da Durchschlupfe, wo sich das Weib in den
Irrgängen der sexuellen Doppelmoral fängt. Ja, die napoleonischen
Gesetze Frankreichs zeigen eine offenbare Verachtung der Frau. Diese
Verwirrung in Geschlechtsfragen hat scheußliche Zustände gezeitigt.
Irgendein junger Mensch ist der Verführer. Seine sexuellen Wünsche sind
lebendig geworden. Er lernt ein Mädchen kennen, und seine Sinnlichkeit
treibt ihm betörende Lügen auf die Lippen. Sie glaubt ihm und wird
verführt. In irgendeinem verschwiegenen Winkel kommt sie nieder. Alle
Welt zeigt mit Fingern auf sie: »sie hat ein Kind.« Warum nicht auch auf
ihn? Es ist doch auch ~sein~ Kind. Ein uneheliches Kind kann die Ursache
sein, daß die Mutter in Ächtung, Verzweiflung und Tod getrieben wird,
daß sie ein Leben lang büßt für eine Stunde voll glühender Worte. Der
Mann aber kann am nächsten Tage die gleiche Komödie wiederholen. Und
wenn dieser brutale Egoismus soundso oft mal in das Leben von soundso
vielen Frauen zerstörend eingegriffen hat, dann deckt leicht eine
glänzende Heirat den Schleier der gesellschaftlichen Stellung über die
innere Erbärmlichkeit.
Wo bleibt hier das Rechtsbewußtsein, die Grundlage jeder menschlichen
Gemeinschaft? Wie viele Männer gibt es, Geschäftsleute, Direktoren von
Theatern, Gesellschaften, Kaufhäusern usw., die ihre soziale Macht und
die soziale Bedrängnis ihrer Angestellten dazu ausnutzen, die hübscheren
jungen Mädchen in ihre Hand zu bekommen, die aber bei der Heirat sich
doch nach einer Frau »von gutem Ruf« umsehen.
Welch ein beschämender Mangel an einfachem Rechtsgefühl! Mancher Mann,
der ein unschuldiges junges Mädchen zur Mutter gemacht hat, ist dadurch
wie ein wildes Tier in das Glück und den Frieden einer ganzen Familie
eingebrochen. Und doch geht uns die Phrase nicht aus den Ohren, die
Geschlechtsbeziehungen des Mannes seien weniger verhängnisvoll als
diejenigen des Weibes.
Wenn die Mädchen, die heiraten, immer wüßten, wie sehr die häßlichen
Bilder der Vergangenheit ihres Geliebten den schönen Phrasen des
Augenblicks widersprechen, wenn sie wüßten, wieviel himmelschreiendes
Unrecht, begangen an anderen, durch die Ehe sanktioniert werden soll,
wenn sie wüßten, wie oft es vorkommt, daß abseits von dieser Ehe ein
verlassenes, verhärmtes Weib in Not und mit Bitterkeit für das Kind des
Geliebten sorgt, dann würden Schatten durch glückliche Gesichter ziehen,
und in mancher Frau würde wohl die Erkenntnis reifen, daß für das Glück
der Menschen und die Schönheit der Ehe die voreheliche Reinheit des
Mannes genau so wichtig ist, wie die Reinheit des Weibes. Immer ist die
Liebe die Lebensgestalterin. Sie gestaltet es gut oder schlecht. Darum
muß diese gestaltende Kraft rein gehalten werden.
An der alljährlichen Zunahme der unehelichen Geburten erkennen wir die
ins Grenzenlose gewachsene geschlechtliche Gewissenlosigkeit der Jugend.
Der unehelichen Mutter hat das Kind die soziale Lage sehr erschwert. Um
so schutzbedürftiger sieht sie nach dem Manne; um so schmachvoller ist
es, wenn dieser sie verläßt. Nur die Ehe kann dem mütterlichen Weibe und
dem Kinde ein sicherer Hort sein. Darum lockern diese leichtsinnigen
Geschlechtsverbindungen das ganze Gebäude unseres sozialen Fühlens,
Denkens und Handelns. Geschlechtliche Ungebundenheit ruiniert ein Volk;
denn sie ist eine Roheit und eine Gefahr für den Nachwuchs. Sie ist ein
ununterbrochener, geheimer und niederträchtiger Kampf gegen die Einehe,
die als höchstes Sittenideal unserer in uns schlummernden Ethik
entstiegen ist. Alles, was die monogamische Ehe fördert und vorbereitet,
ist zugleich sittliche Ordnung, Festigkeit, Gesundheit, Kraft und
Menschenglück, alles, was sie stört, bringt Zerfall, Unglück,
Proletariat, Krankheit. Das ist ~das uralte und urewige Gefüge der
Natur, daß der Mann Hüter und Schützer von Weib und Kindern sein soll.~
Mag auch die Strömung der Zeiten die Frau »emanzipieren«, ihr soziale
Selbständigkeit und Unabhängigkeit geben wollen, was vermag dies Eifern
vor dem gebietenden Wort der Natur! Das Weib ist Mutter! Das ist sein
Glück und sein Ruhm, aber auch die ewige Bedingtheit ihrer Lebensform,
ihre ewige und unabänderliche Abhängigkeit vom Mann.
Und wer aus der traurigen Nüchternheit und grenzenlosen Banalität vieler
Ehen eine Waffe zur Bekämpfung der ehelichen Gemeinschaft überhaupt sich
herrichtet und in der »freien Liebe« das Heil sieht, der sollte sich
fragen, ob denn die freie Liebe etwas ändert an den ehernen
Naturgesetzen, die die Ehe geformt haben, sollte sich fragen, ob denn
die Menschen, deren Seelen matt sind und die kraftlos zu einem
Liebesideal aufschauen, in einer ungebundenen Liebe die Verjüngung
finden, die sie glücklicher machen kann. Das Leben bedarf so sehr dieser
ewigen Verschmelzungs- und Verjüngungsprozesse durch Mann, Weib und
Kind, daß sich die Forderung der vorehelichen Reinheit, das Ideal der
Treue und die Tatsache der monogamischen Ehe als biologische, soziale
und sittliche Grundforderungen herausgebildet haben.
Der Vergleich mit der geschlechtlichen Wahllosigkeit mancher Ur- und
Primitivvölker ist nicht stichhaltig. Sie haben ein auf tiefster Stufe
stehendes Geistesleben und kennen darum nicht die Liebe, können uns
nicht Maßstab sein. Aber die Liebe ist durch die Jahrtausende
hindurchgeschritten und steigerte ständig ihre Seelenkraft, vertiefte
und verfeinerte sich, und ward so eine duftige Blüte zartester
Seelenkultur. Jeder rohe körperliche Akt, dem die Seele mangelt, treibt
sie wieder zurück bis dahin, wo sie angefangen. In dem unbewußten
Stammeln der im Selbstvernichtungsrausch versinkenden Liebenden »Nur
du«, »ewig du allein«, liegt unbewußt die allerstärkste Betonung der
Monogamie.
6.
Vor der Ehe.
Es kann nur ~einen~ Weg der Vorbereitung auf die glückliche Ehe geben,
das ist der der eigenen Reinheit und die bei aller unbewußten Erotik
geschlechtslose Beziehung zu Frauen. Wehe dem Manne, der im Weiblichen
nur das Geschlechtliche sehen kann, der für dies ~eine~ seinen Sinn
steigerte und für alles andere stumpf wurde. Ihm hat auch die Ehe nur
Geschlechtsinhalt. Er kennt nicht die höchsten Genüsse, die in der
innigen Ergänzung der besonderen geistigen Persönlichkeit des Mannes mit
weiblicher Art, weiblichem Denken liegt. Meide den Umgang mit wertlosen
Frauen, aber suche und pflege mit der Freundschaft zu guten Menschen
besonders die geistigen Beziehungen zu edler Weiblichkeit. Deine
Männlichkeit, dein Auftreten, deine Lebensformen werden ausreifen, wenn
der Hauch gesunder Weiblichkeit dich umweht. Kannst du deine Interessen
mit einer Freundin austauschen, so bekommt deine Anschauung noch eine
andere, sich ergänzende Richtung.
Und siehst du in der Freundin eines Tages die Geliebte, denkst du sie
dir als Gefährtin des Lebens, nun, so war's wohl ein guter Entschluß.
Aber prüfe, ehe du dich bindest! Hast du dich entschlossen, so glaube
nur nicht, jetzt sexuelle Rechte zu haben! Gerade dies »Poussieren«,
diese häufigen Geschlechtserregungen in allen Winkeln und dunklen Ecken,
diese Liebkosungen sexueller Art sind so verderblich für das
Nervensystem. So wenig Haltung bewahren oft junge Menschen, daß sie
jedes Alleinsein zu unsauberem Denken und Tun mißbrauchen, oft nur, weil
sie zu geistlos und zu sehr ohne inneren Wert sind, als daß sie das
Alleinsein mit Schönerem ausfüllen könnten. Wenn so schon der Jugend die
Poesie gestorben ist, sollte man den Schritt zur Ehe nicht mehr wagen;
denn die Ehe wird zum Ekel.
~Lerne bewundernd zu lieben, ohne zu begehren!~ Dann wird das, was du
liebst, dir lange, lange das Schöne bleiben! Liebe ist Wunsch, ist
Sehnsucht, ist Spannkraft der Seele. Töte das alles nicht, indem du
vorschnell an dich reißest, was deiner Sehnsucht lebendiges Ziel sein
soll. Mag auch ein sinnliches Begehren dich zu dem Mädchen, das du
liebst, hinreißen, falle ihm nicht zum Opfer. Ihr entschleiert das Bild
zu Saïs! Solange die unerfüllten sinnlichen Wünsche ~in~ dir leben,
beschwingen sie deine Liebe und treiben dir Worte der Poesie auf die
Lippen. Du siehst alles, alles schön und farbenprächtig, idealisierst
die Wirklichkeit, hast Jugend in dir; denn Jugend ist Wunsch und
poesievolle Spannung. Die befriedigte Liebe aber, wenn sie nur
körperliches Begehren war, wird arm an Worten, und es ist die tiefe
Tragik der Liebe, daß sie in ihrem höchsten Begehren stirbt. Sie kann
sich selbst bekämpfen, in der eigenen Glut aufzehren, und es braucht
klare Augen und einen festen Willen, sie in Schranken zu halten.
Wieviel unglückliche Ehen entsteigen dieser geschlechtlichen
Voreiligkeit! Die Erregung raubt Besonnenheit und Urteil. Ein Kind ist
entstanden und treibt die zwei leichtsinnigen Menschen in die Ehe
hinein, den Mann oft gegen seinen Willen. Was freieste Entschließung und
seelische Hochspannung zweier Menschen sein sollte, wird eine
Zwangsmaßnahme, die aus innerer Angst und aus Furcht vor dem Skandal
geschah. Gerade wenn der Wunsch nach dem Weibe die Sinne füllt, sollte
man mit Entschlüssen zögern. Was wir gar zu heftig begehren, sehen wir
nur in seinen Vorzügen, nicht auch in seinen Schwächen und Mängeln. Und
manches Mädchen, das für den Geliebten »göttlich« war, wird für den
Gatten, wenn der Alltag der Ehe den Morgentau der Liebe abstreifte, mehr
als irdisch. Darum prüfe dich lange und zähme immer deine Sinnlichkeit.
Denn durchbricht sie die Schranken, so entscheidet sie oft über Dinge,
die noch gänzlich unentschieden sind, und knüpft oft ein Band, das
besser ungeknüpft bliebe.
So betrachtet, wird dir die Liebe zur beschwingenden Kraft. Aus dem
Gegenspiel von Erotik und ihrer Beherrschung erwächst dir die Achtung
vor dir selbst und vor der Weiblichkeit. Je größer diese doppelte
Achtung ist, desto weiter rückst du ab von der Prostitution und allem,
was aus ihr entspringt und mit ihr zusammenhängt.
7.
Schadet der Jugend die Enthaltsamkeit?
Es wird viel und gern davon gesprochen, daß die geschlechtliche
Betätigung vor der Ehe eine Notwendigkeit sei, eine Forderung der
Gesundheit. Diese letztere solle Schaden nehmen in der Enthaltsamkeit.
Die einen stellen diese These auf und verteidigen sie mit
Hartnäckigkeit, die anderen bestreiten sie energisch. Ich zögere keinen
Augenblick, zu sagen, daß es viele Fälle von Schäden der Enthaltsamkeit
gibt, Schäden, die sich bei der geistigen Arbeit, im Schlaf, im ganzen
geistigen und körperlichen Leben überhaupt zeigen. Es wäre falsch und
widerspräche der Wissenschaft und den alltäglichen Vorkommnissen, einer
sittlichen Absicht zuliebe physiologische Erscheinungen rundweg leugnen
zu wollen. Das erzeugt Widersprüche, die zu Waffen in der Hand der
Gegner werden.
Aber derartige Schäden treten erst bei der Geschlechtsenthaltsamkeit der
Erwachsenen auf und haben für die Jahre der Entwicklung, für die Jugend,
nicht die mindeste Geltung. ~Für die Jugend ist die Enthaltsamkeit nicht
nur nicht schädlich, sondern eine Grundbedingung vollkommener
Entwicklung.~
In der Tierzucht ist es ein ganz selbstverständlicher Grundsatz, Tiere
niemals vor vollendeter Reife zur Geschlechtsbetätigung zuzulassen, weil
man dadurch das Tier schwächt, seine Leistungsfähigkeit (z. B. bei
Rennpferden, Jagdhunden, Lasttieren) vermindert und schließlich die
ganze Rasse herabzüchtet. Zwischen Fortpflanzungstrieb und Lebensdauer
besteht eben ein unlösbarer Zusammenhang. Ganze Völker versinken in der
Widerstandslosigkeit gegen den Geschlechtsreiz. Den Indiern hat nichts
so sehr die Kraft genommen, als die frühen Heiraten, die schon von
Kindern geschlossen werden. Es kann niemals gut sein, wenn ein Trieb
sich so entwickelt, daß er alles beherrscht. Eine Schwächung des Ganzen
muß die Folge sein.
~Noch nie, solange die Welt steht, hat die Keuschheit so ungeheuren und
entsetzlichen Schaden angerichtet, wie die Ausschweifung.~
Die Schäden, von denen man spricht, sind aufgebauscht und werden zur
bequemen Entschuldigung für den Geschlechtstrieb, den zu zügeln man
nicht die Kraft und den Willen hat. In diesem Punkte gibt es so viele
Täuschungen, als es Behauptungen gibt. Denn alle die Zustände, die man
in den bequemen und gedankenlosen Begriff »nervös« zusammenfaßt, die
Unruhe, Schlaflosigkeit, Arbeitsunfähigkeit, allgemeine Schlaffheit,
Verdauungsträgheit, Mißmut, Gemütsbedrücktheiten u. dergl., die fast
alle aus völlig unnatürlicher Lebensart sich ergeben, wenn die Freuden
der Tafel über die Bedürfnisse des Lebens hinausgehen und der Körper
nicht genug Bewegung hat, diese Zustände werden gern und vorschnell dem
Mangel an Geschlechtsgenuß zugeschrieben, weil man so die Sinnlichkeit,
mit Gründen wohl versorgt, auf den glatten Boden eines vergnügten Lebens
hinausschicken kann. Denn um ein Vergnügen handelt sich's wohl bei all
den jungen Männern, die ihre leichtfertigen Liebesabenteuer mit der
Flagge der bedrohten Gesundheit verteidigen.
Die gesamte Art der Menschheit, zu leben, zu arbeiten, zu essen und zu
trinken, und demgemäß zu denken und zu fühlen, ist so grundfalsch, so
von den natürlichen Gesetzen abgewichen, auf Abwege geraten, daß auch
unser Urteil über den Geschlechtstrieb und seine Äußerungen notgedrungen
falsch sein muß. Wie kann man aus ungesunden Lebensformen physiologische
Gesetze folgern wollen?
Es ist wohl gut, auf einige Äußerungen von Männern hinzuweisen, die auf
Grund ihres wissenschaftlichen Urteils und ihrer Lebenserfahrungen
gehört zu werden verdienen. Dabei will ich verzichten auf die Wiedergabe
des bekannten Schreibens der medizinischen Fakultät der Universität
Christiania, erstens, weil es aus dem Jahre 1887 stammt, und vor allem,
weil mehrfach angezweifelt worden ist, ob in der Tat die ~ganze~
Fakultät es unterzeichnete. Tatsache aber bleibt, daß die jüngeren
norwegischen Ärzte in ihrem Fachblatt das erwähnte Urteil der Fakultät
zu ihrem eigenen gemacht haben.
Der bekannte Nerven- und Irrenarzt Prof. _Dr._ ~Aug. Forel~ sagt: »Die
angebliche Nervosität resp. physische Erregbarkeit, Abspannung usw.,
welche die Keuschheit nach sich ziehen soll, wird als ein Hauptargument
zur Verteidigung der staatlichen Fürsorge für weiberbedürftige Männer
herangezogen. Ich bin in meiner ärztlichen Laufbahn von zahlreichen
jungen Neurasthenikern und Hypochondern konsultiert worden, welche
früher keusch waren, erst auf ärztliche Anordnung hin Bordelle besuchten
und vielfach dort venerisch angesteckt, jedoch weder von Neurasthenie
noch von Hypochondrie kuriert wurden. Einen irgendwie nennenswerten
Erfolg von dieser Therapie habe ich selbst nie beobachtet.
»Zweifellos dagegen ist es, daß der ausposaunte angebliche Schutz gegen
Syphilis (von einem Schutze gegen gonorrhöische Infektion wagt niemand
zu sprechen), verbunden mit den zahllosen Lockungsmitteln, welche die
in diesen Geschäften pekuniär interessierten Personen zur Vermehrung
ihrer Kundschaft anwenden, die Zahl der sich prostituierenden jungen
Männer ungeheuer steigert; es bildet sich unter denselben allmählich die
>Suggestion<, daß die Keuschheit ein unmögliches Ding sei, daß ein
keuscher Jüngling kein >Mann< sei u. dergl. mehr. -- Zwar liefert
überall die Landbevölkerung, ohne daß wir an unsere Vorfahren zu
appellieren brauchten, den Beweis, daß ohne regulierte Prostitution und
ohne Prostitutionshäuser die Männer existieren und gesund bleiben, sogar
viel gesünder werden können. Es beweisen ferner zahlreiche Einzelfälle,
daß die Keuschheit ohne Nachteil für die Gesundheit bestehen kann ...
Doch wird dies meist ignoriert.
»Die Prostitution ist kein Heilmittel gegen die Onanie. Beide bestehen
sehr oft nebeneinander...... Tatsache ist ..., daß der Geschlechtsreiz
durch vermehrte Befriedigung sich steigert, zu einem immer häufigeren
Bedürfnis wird. Das erklärt die weitere Tatsache, daß ... sehr viel
Exzedenten daneben noch onanieren oder nächtliche Pollutionen haben...
»~Nie habe ich eine durch Keuschheit entstandene Psychose gesehen, wohl
aber zahllose solche, die die Folgen von Syphilis und Exzessen aller Art
waren~...
»Wir müssen dabei bleiben, daß für den jungen Mann bis zu seiner
Verehelichung die Keuschheit nicht nur ethisch und ästhetisch, sondern
auch der Prostitution gegenüber hygienisch das Zuträglichste ist.«
Auch der hervorragende Psychiater Prof. _Dr._ ~Eulenburg~ bezweifelt in
seiner »_Neuropathia sexualis_«, »daß schon irgend jemand bei sonst
vernünftiger Lebensweise durch geschlechtliche Abstinenz allein krank,
speziell neurasthenisch oder sexual-neurasthenisch geworden ist.« Er
sagt weiter: »Ich halte diese immer wiederkehrenden, phrasenreichen
Behauptungen für völlig leeres und nichtssagendes Gerede, wobei es sich
nur um gedankenloses Miteinstimmen in den allgemeinen Chorus
oder -- noch schlimmer -- um ein bewußtes Kniebeugen vor Vorurteilen
handelt... Jene im Laienpublikum außerordentlich beliebte und leider
auch von gewissen Ärzten laut oder stillschweigend gebilligte Meinung
von der unbedingten Schädlichkeit geschlechtlicher Abstinenz wirkt zumal
auf die heranwachsende Jugend in hohem Maße verderblich; sie treibt
diese dem illegitimen Geschlechtsverkehr, d. h. der Prostitution,
geradezu in die Arme...«
Das Wort von den Schäden durch Enthaltsamkeit ist am lautesten im Munde
derjenigen, die die Venus Anadyomene (sinnliche Liebe) kennen und ihr
nicht entsagen wollen. Sie wissen nicht, daß das zur Periodizität
neigende Rückenmark aus einem gewöhnlichen Reiz ein gebieterisches Recht
macht. Findet man nicht im Essen, im Trinken, im Rauchen und in allen
Lebensgewohnheiten genau dasselbe? Man entziehe nur einmal einem starken
Esser oder Trinker sein gewohntes Quantum, und er wird -- obwohl die
Entsagung seinem Organismus höchst dienlich ist -- Unbehaglichkeiten, ja
Qualen erleiden. So ergeht's dem Raucher, so dem Morphinisten. Ist darum
in ihren Wünschen, ihren Gefühlen, ihren Ansichten auch nur ein Schimmer
von Recht?
Wer das Geschlechtsgefühl häufiger kennen lernte, hat seinen Organismus
sozusagen darauf eingestellt. Wie Wellenlinien durchzieht's die
Nervenzentren, periodisch sie erregend. Dann bringt zunächst die
Enthaltsamkeit Beschwerden, wie allen, die unbeherrscht und triebhaft
leben. Aber nur zunächst. Bald stellt sich das Nervensystem mit dem
ganzen Organismus auf diese neue Marschroute ein, und die inneren
Absonderungen vermehren bald merkbar die Spannkraft des Körpers und des
Geistes. Ja, wer beobachten kann, findet bald heraus, daß der die
Geschlechtskraft sparende Organismus mit einem geringeren Maß von Schlaf
und Nahrung auskommt, weil er trotz erhöhter Leistungsfähigkeit
sparsamer wirtschaftet. Für viele, viele Menschen ist der
Geschlechtsgenuß ein jedesmaliger Kraftverlust, sie erschlaffen tagelang
nachher, und Menge und Wert ihrer Arbeit leidet. Sie brauchen Tage, um
durch Ruhe und Sorgfalt in der Ernährung wieder auszugleichen, was sie
in einer Minute verloren haben. Trotzdem aber können sie nicht
loskommen von dem entnervenden Glauben an die Notwendigkeit
geschlechtlichen Lebens.
Freilich bedingt ein so besonders beherrschtes Leben auch veränderte
Lebensgewohnheiten. Wenn du an Kopfschmerzen leidest, an unruhigem
Herzen, an Schlaflosigkeit und wüsten Träumen, oder durch Pollutionen
erschlafft wirst und in all diesen Dingen Gründe für ein voreheliches
Geschlechtsleben siehst, dann handelst du wie ein Kind, das die eine
Dummheit durch die andere beseitigen will. Du sollst deine
Eßgewohnheiten ändern, den Alkohol meiden, das Rauchen einschränken,
Gewürze und gewürzte Nahrung fortlassen und alles das beachten, was wir
schon beim Kapitel der Onanie miteinander besprochen haben. Und wenn der
Arzt in all den eben genannten Störungen die Zeichen eines zu hohen
Blutdruckes erkennt, so sollte er seinen Patienten nicht auf den
gefährlichen Weg zur Dirne senden, sondern den Blutdruck durch den
gesünderen und klügeren Rat der fleischlosen Nahrung, der Vermeidung von
Kaffee und Tee und Alkohol herabsetzen. Kann diese gedankenlose
Suggestion der Dirnennotwendigkeit sich bei der ärztlichen Autorität ihr
Lebensrecht holen, dann ist es kein Wunder, wenn die Köpfe junger Männer
erfüllt sind von wilden, ungezügelten und schmutzigen sexuellen
Vorstellungen, die den erregten Körper zu nächtlichen Samenergüssen und
damit zur Erschlaffung mit Rückenschmerzen, Verdauungsschwäche und
Melancholie treiben! Ein straffes Halt der lüsternen Phantasie gebieten,
Geist und Körper in ernste, energische Arbeit einspannen, das hält den
Geist sauber und den Körper gesund!
In Klöstern, wo die Frauen arbeiten, hat man selten Hysterie gefunden;
bei Prostituierten dagegen ist sie häufig.
Du wirst einsehen, daß gerade die wunderbare Tatsache der ~inneren~
Drüsenabsonderungen der Jugend die Pflicht der Keuschheit auferlegt.
Denn der Organismus, der diese Drüsensekrete zu seiner Entwicklung
gebraucht, kann nicht zu seiner vollen Entwicklung kommen, wenn ihm
vorher das Wachstumsmaterial entzogen wird. Und wenn dem Körper die
Kraft genommen ist, wie sollte er Kraft seinen Nachkommen geben können?
Dem eigenen Leichtsinn folgt die Schwäche der Nachkommen, und sie ist
ein drückender Vorwurf für den, der noch ein Gewissen hat.
Es ist nicht geschickt, zur eigenen Entschuldigung auf die Männer
hinzuweisen, die trotz ihrer sexuellen Ausschweifung geistig groß,
bedeutend und machtvoll waren. Denn erstens sind solche Männer in der
Minderzahl, zweitens hätten sie bei größerer Selbstzucht noch Größeres
erreicht. Die Zahl der Großen aber, die ihr persönliches Leben unter die
ordnende Macht sittlicher und gesundheitlicher Gesetze gestellt haben,
ist wesentlich größer, und man braucht nur auf ~Immanuel Kant~, auf
~A. v. Humboldt~ hinzuweisen, um sexuelle Enthaltung und geistige Größe
eindrucksvoll nebeneinander zu sehen. Jedenfalls hat frühzeitiger
Geschlechtsverkehr noch keinen großen Mann gezeitigt. Dagegen fällt das
Auge überall auf Menschen, die durch vorzeitige Vergeudung der
Zeugungskräfte an Körper und Geist verarmt und verkümmert und zu jedem
geistigen Hochflug unfähig geworden sind.
Obermedizinalrat Prof. _Dr._ ~Gruber~ in München sagt: »An eine
Schädlichkeit der Zurückhaltung des Samens im Körper ist nicht zu
denken.« Er weist darauf hin, daß die Samenflüssigkeit, wenn sie als
Auszug aus Tierhoden unter die Menschenhaut gespritzt wird, die
Leistungsfähigkeit der Muskeln erhöht und diese sich rascher erholen. Er
weist ferner auf die Enthaltung von Gelehrten und Künstlern hin und
sagt: »Während der Zeit der Enthaltung wird sicherlich Samen aufgesaugt,
und seine Bestandteile gelangen ins Blut. Dies wirkt nicht schädlich,
sondern günstig.« --
Zweifellos gibt es Menschen von so heftiger geschlechtlicher Begierde,
daß sie sich wie ein Wesenszug ihrer besonderen Persönlichkeit ausprägt
und oft ihrem Handeln eine bestimmte Note gibt. Sie können sich nicht
bezähmen, sondern werden von ihrer Begierde beherrscht. Solchen Menschen
erscheint der Gedanke an geschlechtliche Entsagung lächerlich, und sie
sind es auch, die, von ihrem eigenen Zustand ausgehend, ihren
jugendlichen Kameraden die Gefahren der Keuschheit anschaulich machen
wollen. Sie geben oft einer Unterhaltung den Ton, und die anderen
schämen sich, ihre Unschuld zu zeigen oder gar zu verteidigen. Wir
wollen nicht Pharisäer sein und Steine werfen auf diejenigen, deren
heftige, unstillbare Begierde die Selbstbeherrschung übersteigt. Aber
man soll in diesen Dingen das Herdenmäßige niederhalten, damit nicht der
eine zur gefährlichen Antriebskraft für die anderen wird, die zu spät
den gefährlichen Weg, den Krankheitsjammer und das moralische Elend
erkennen, in das ihre durch ein paar verführende Worte angefachte
Sinnlichkeit sie hineingetrieben hat. Man kann, durch ein Irrlicht
geleitet, leicht in einen Sumpf geraten. Ob aber die Kraft zum
Herauskommen später noch da ist, ist nicht vorherzusagen.
Prof. _Dr._ ~Albert Heim~ hat in einer kleinen Schrift, »Das
Geschlechtsleben des Menschen vom Standpunkt der natürlichen
Entwicklungsgeschichte«, vortrefflich nachgewiesen, daß diese sexuelle
Planlosigkeit und Willkür, die wir in der »zivilisierten« Menschheit
finden, nicht einmal beim Tiere existiert, daß für das in Freiheit
lebende Tier durchaus keine Geschlechtsfreiheit besteht, daß es vielmehr
in polygamischer oder monogamischer Ehe lebt. Er sagt:
»Und indem allmählich die zeitliche Beschränkung der Geschlechtsliebe
auf Brunftzeiten verschwunden ist, die Zeit der Brutpflege und der
Erziehung der Nachkommen sich immer verlängert hat, wird die Familie
fester und dauernder und dadurch die ~lebenslängliche Einzelehe~ immer
~natürlich-notwendiger~. In geschichtlicher Zeit sehen wir in der
Menschheit selbst alle Stufen von Unregelmäßigkeit, polygamischer,
monogamischer Ehe sich fortschreitend entwickeln bis gegen die
Alleinherrschaft der lebenslänglichen Einzelehe in Praxis, in Sitte und
in Gesetz. Was die Natur schon am Tierreiche in verschiedenen Zweigen
aufsteigend entwickelt und mit verstärkter Notwendigkeit dem Menschen
als Erbe überbunden hat, das wird sie nicht zurücknehmen können. Es
gibt kein anderes Rückwärtsschreiten als dasjenige zum Untergang.
»Die ~monogamische Lebensehe~ ist in ihrer Ausbildung ein allgemeines
Naturgesetz, und indem das Sittengesetz der Menschheit dieselbe fordert
und anstrebt, ist es eben nicht ein Stück »zivilisatorischer Unnatur«,
sondern ein ~Stück Natur~. ~Ein ungehemmtes Verfolgen seiner Triebe ist
kein Naturrecht. Die freie Natur gibt dies bei höheren Tieren nirgends
zu.~ Auch das Tier würde bei Geschlechtsfreiheit rasch zugrunde gehen.
Der außereheliche Geschlechtsverkehr ist in der Natur gar nicht
vorgesehen; er ist nur eine unglückliche Abirrung der Zivilisation, ein
Irrtum! Je intensiver der Geschlechtstrieb, je beseligender seine
Befriedigung wird, desto bestimmtere und engere Schranken setzt ihm die
Natur, desto höher und heiliger aber auch gestaltet sie die
geschlechtliche Verbindung; sie wird zur Liebe, zur Ehe. Beim Menschen
gibt uns Liebe und Gegenliebe, nicht der Geschlechtstrieb, Recht aus
Geschlechtsgenuß.
»Das Gerede vieler Männer von der Unnatur der Enthaltsamkeit und der
monogamischen Lebensehe ist also eitel Säbelgerassel und steht im
grellsten Widerspruche mit den Leitlinien der natürlichen Entwicklung.
Diesem Gerede zuliebe wird die Natur nicht umkehren, sondern wer ihren
Entwicklungsgedanken zuwider lebt, der wird an seinem Laster verderben!
Aus der Natur, aus ihren Gesetzen, kommen wir nimmer heraus!«
[Illustration: Dekoration]
Dritter Teil.
Die Geschlechtskrankheiten.
Ja, wenn noch aus all dieser lüstern-lockenden Welt der geschlechtlichen
Ungebundenheit Glück und Kraft und Schönheit käme! Wenn die Wege des
Genusses nicht zur Reue führten, die oft fassungslose Verzweiflung ist!
Denn das voreheliche Geschlechtsleben hat einen Januskopf. Auf der einen
Seite das lächelnde Antlitz des Augenblicksgenusses und auf der anderen
die grause Kehrseite der venerischen Krankheiten, allen voran Tripper
(Gonorrhöe) und Syphilis. Weißt du, welche Schrecken diese Krankheiten
für den Einzelnen, welche Geißel sie für das Volk sind? Ruinierte
Kräfte, zerstörte Leben auf der ganzen Linie. Nur ein paar Zahlen sollen
den Umfang der venerischen Seuche zeigen:
Das Kultusministerium in Preußen versandte im Jahre 1900 Fragebogen, die
Geschlechtskrankheiten betreffend, an die Ärzte. Aus der Beantwortung
derselben ergab sich, daß am 30. April des genannten Jahres 41000
Geschlechtskranke sich in ärztlicher Behandlung befanden. Darunter waren
allein 11000 an frischer Syphilis Erkrankte. Berlin zählte allein 11600,
darunter 3000 frisch Syphilitische. Es kamen somit in Preußen auf 10000
Einwohner = 28 Geschlechtskranke, in Berlin 142. Berücksichtigt man, daß
ein Drittel aller Ärzte die Fragebogen unbeantwortet gelassen hatte, und
daß zahllose Erkrankte ohne eine Ahnung von ihrem Leiden herumlaufen
oder aber leichtsinnigerweise nicht zum Arzt gehen, so kann man sehr
wohl für Preußen eine Zahl von 100000 Geschlechtskranken am Tage
annehmen. Professor ~Brentano~ sprach 1903 in München auf dem Kongreß
der »Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten« sogar von
170000.
Diese Krankheiten kosten dem Volke an Mindereinnahmen und Mehrausgaben
(für Behandlung) viele Millionen.
Das Elend, das diese Zahlen in sich einschließen, ist kaum zu schildern
und hat etwas Grauenhaftes, wenn man sieht, daß ihm die Menschen mit
lächelndem Leichtsinn entgegeneilen. Denn fast alle Geschlechtskrankheiten
(90%) entstehen bei der Prostitution oder durch die flüchtigen
»Verhältnisse« mit Kellnerinnen und dergl.
_Dr._ ~Iwan Bloch~-Berlin berichtet (»Sexualleben«), daß in Berlin
alljährlich ein Drittel aller Kellnerinnen als geschlechtskrank
aufgegriffen werden, daß unter den Geschlechtskranken folgende Skala
besteht: 30% Kellnerinnen, 25% Studenten, 16% Kaufleute, 9% Arbeiter, 4%
Soldaten. Daß die Studenten gleich hinter den Kellnerinnen stehen,
spricht für ihren bodenlosen Leichtsinn. Der verstorbene Leipziger
Nervenarzt _Dr._ ~Möbius~ sagt (»Vermischte Aufsätze«, 1898): »Der, der
Erfahrung hat, muß zugeben, daß wenigstens acht von zehn, die durch
Dirnen angesteckt worden sind, nicht durch Leidenschaft dazu gekommen
sind, sondern einfach durch Leichtsinn und Übermut, Verführung und
Betrunkenheit. Ja, viele setzen sich kaltblütig der Gefahr aus, bloß
weil man ihnen eingeredet hat, regelmäßiger Geschlechtsverkehr sei zur
Gesundheit nötig.
»Wüßten die Leute ganz klar, wie groß die Gefahr ist, daß sie bei jedem
Verkehr mit Dirnen die Gesundheit, ja das Leben auf das Spiel setzen, so
würden gewiß viele sich zurückhalten. Deshalb halte ich es für eine
ernste Pflicht aller Wohlmeinenden und ganz besonders der Ärzte, so oft
und so nachdrücklich wie möglich die Wahrheit über die venerischen
Krankheiten anszusprechen, ja den Menschen ins Ohr zu schreien. Jeder
bedenke, welche Verantwortung er auf sich lädt, wenn er diese Dinge
leichtsinnig behandelt. Sollten Ärzte lächelnd von >Kinderkrankheiten<
reden, oder wohl gar zum Besuche der Dirnen ermuntern, so darf man von
ihnen sagen, daß sie >viel schlimmer als die Pest< wirken.«
Weil Wissen überall die starke Waffe der Sittlichkeit ist, wollen wir
hier kurz die häufigsten und schrecklichsten Geschlechtskrankheiten
darstellen. Es sind dies 1. der Tripper (Gonorrhöe), 2. der weiche
Schanker, 3. die Syphilis.
Der ~Tripper~ ist eine uralte Krankheit, die schon ~Moses~ zu ernsten
Maßregeln veranlaßte. Das Mittelalter hat eine große Ausdehnung des
Trippers erlebt, aber die großen Irrtümer über diese Krankheit waren für
die Kranken von sehr trüben Folgen. Klarheit brachte erst die im Jahre
1879 gemachte Entdeckung von Prof. ~Neisser~-Breslau, daß der Tripper
eine zunächst lokale Entzündung der Harnröhrenschleimhaut ist, die auf
bestimmten Mikroorganismen (Kleinwesen), den _~Gonoccoci Neisseri~_ oder
Tripperkokken, beruht.
Es gibt keine andere Ursache für den Tripper oder die Gonorrhöe als den
Geschlechtsverkehr. Was man sonst darüber redet, ist falsch. Man kann
ohne weiteres sagen, daß alle käuflichen Dirnen geschlechtskrank sind,
und daß die sittenpolizeiliche Kontrolle (Reglementierung) nicht den
geringsten Schutz gegen die ungeheure Ansteckungsgefahr gewährleistet.
Ein oder mehrere Tage nach der Ansteckung macht sich ein lästiges
Brennen und Jucken in der Harnröhre bemerkbar, das häufige
Gliederektionen mit erhöhtem Schmerzgefühl bewirkt und besonders beim
Harnlassen sich steigert. Zugleich beginnt ein schleimiger Ausfluß, der
in kurzer Zeit zu einem mehr oder weniger übelriechenden grünlich-gelben
Eiter wird. Die Menge dieser eiterigen Absonderung hängt von der
Heftigkeit der Erkrankung und von der gesamten Kräfte- und
Säftebeschaffenheit des Patienten ab. Die Harnröhrenmündung erscheint
gerötet. Wird bei der Untersuchung der Harn in ein Glas gelassen, so
senkt sich der Eiter darin in dicker Schicht zu Boden, und man kann die
Gonokokken darin mit Sicherheit feststellen.
Die schmerzhaften Gliederregungen, der gestörte Schlaf, das
Angegriffensein des ganzen Nervenapparates, sind natürlich für den
Patienten sehr angreifend. Der Verlust an Säften und Kräften läßt sich
wohl auch bei jedem heftigen Tripper an dem schlechten Aussehen des
Patienten erkennen.
Je nach Umständen läßt nach 3-4 Wochen die Heftigkeit des Ausflusses
nach. Der Eiter verliert seine Dickflüssigkeit und gewinnt wieder das
Aussehen wie zu Beginn der Krankheit; er wird wässeriger und heller.
Es kommt vor, daß ein leichter Tripper verhältnismäßig lange Zeit
besteht und hartnäckig erscheint, daß aber andrerseits hin und wieder
ein sehr heftig auftretender Tripper in kurzer Zeit verschwindet. Das
hängt ganz von Konstitution und Lebensweise und von der im Körper
wirkenden Heilkraft ab.
Meist hat der Tripper seinen Sitz zunächst in dem vorderen Teil der
Harnröhre. Durch unrichtiges Verhalten, vor allem durch unzweckmäßige
Behandlung, verbreitet er sich aber über den hinteren Teil der
Harnröhre, und damit beginnt sein ernster Charakter, beginnen die
Gefahren des Blasenkatarrhs, der Nebenhoden- und Prostataentzündung usw.
Jetzt können Schäden entstehen, die im ganzen Leben nicht wieder
gutzumachen sind, wenn nicht mit allem Ernst die Behandlung in die Wege
geführt wird.
Wird die zweckmäßige Behandlung versäumt, so geht der frische (akute)
Tripper in das chronische Stadium über. Damit gewinnt diese Krankheit
ihren wahrhaft heimtückischen Charakter. Man kann deshalb nicht ernst
genug raten, sofort nach dem Ausbruch der Krankheit einen Arzt
aufzusuchen. Warnen muß man vor allem vor der Selbstbehandlung, die
junge Männer auf den Rat »erfahrener« Freunde beginnen, weil sie sich
schämen, zum Arzte zu gehen, oder weil sie Störungen in ihrem Berufe und
Entdeckungen seitens der Angehörigen fürchten. Wer sich nicht schämte,
sich die Krankheit bei der Dirne oder einem sonstwie unerlaubten
Geschlechtsumgang zu holen, der sollte auch den Mut besitzen, sich durch
einen erfahrenen Arzt ausheilen zu lassen, um sich selbst und seine
spätere Familie vor schlimmen Folgen zu bewahren. Die Selbstbehandlung
ist ein Leichtsinn und eine Unklugheit, weil durch sie oft die
Krankheit erst ins chronische Stadium hineingetrieben wird. Übrigens
schützt das ärztliche Berufsgeheimnis den Patienten vor jedem bösen
Klatsch und vor gesellschaftlicher Ächtung. Das ist bei der herrschenden
besonderen Auffassung der Geschlechtskrankheiten doppelt wichtig.
Zwischen der medikamentösen Behandlungsweise und der naturgemäßen
entscheide ich mich unbedingt für die letztere, die in der ärztlichen
Praxis mehr und mehr an Anerkennung und Würdigung gewinnt.
Ist der Tripper erst einmal chronisch geworden, so bietet er der
Behandlung weit größere Schwierigkeiten. Im allgemeinen kann man die
Erkrankung als chronisch ansehen, wenn sie einer zweckmäßigen Behandlung
nicht innerhalb drei Monaten weicht. Dann wird der Tripper zu einem
langwierigen, schleichenden Leiden, das monate- und jahrelang, ja durchs
ganze Leben hindurch bestehen und schließlich tödliche Erkrankungen
hervorrufen kann. Jedenfalls haben die neueren klinischen Erfahrungen
das Gesamtbild des Trippers ganz wesentlich gefahrvoller erscheinen
lassen, als man es früher glaubte. Subjektiv sind die Beschwerden
zunächst nicht sonderlich groß und bestehen im wesentlichen darin, daß
morgens die Harnröhrenmündung verklebt ist und auf Druck einen
grau-weißlichen Schleimtropfen absondert, in welchem die
bakteriologische Untersuchung manchmal Gonokokken, manchmal aber auch
nur Eiter nachzuweisen vermag. Das Urinieren ruft häufig, besonders nach
dem Genuß scharfer Speisen, Schmerzen hervor.
Was aber dem chronischen Tripper erst seinen heimtückischen Charakter
gibt, das sind seine Folgeerscheinungen, von denen vorerst die
gefährlichen Strukturen, das sind Verengerungen der Harnröhre durch
Bindegewebswucherungen, zu nennen sind. Dieselben sind oft ungeheuer
schmerzhaft, erschweren das Harnlassen und können zu schweren
Nervenstörungen führen.
Zum zweiten ist zu nennen die sogenannte ~Prostatitis~; das ist eine
Entzündung der zwischen Harnröhre und Blase liegenden Vorsteherdrüse,
die große Schmerzen hervorruft und mit einem starken Eiterausbruch
endet. Auch diese Krankheit kann chronisch werden und ist dann
verhängnisvoll für die Geschlechtstätigkeit, da sie sexuelle
Neurasthenie hervorrufen kann.
Bei Vernachlässigung, namentlich aber bei der leichtsinnigen
Selbstbehandlung und dem Gebrauch innerlicher, reizender Mittel,
schließt sich dem Tripper ein ~Blasenkatarrh~ an, ein im akuten Stadium
äußerst schmerzhaftes Leiden, das mit fortwährendem Harndrang verbunden
ist und sehr leicht chronisch werden kann. Dann kann es monate- und
jahrelang bestehen, ja während des ganzen Lebens eine Schwächung der
Blase und ihres Schließmuskels hinterlassen und so zu einem ganz
außerordentlich lästigen und hinderlichen Leiden werden. Ja, in der
chronisch erkrankten Blase bildet sich der entsetzlich schmerzhafte
Blasenstein, der die den Strukturen folgende Harnverhaltung unter
Umständen zur Ursache schwerster Blutvergiftungen, Vereiterungen und
tödlicher Prozesse werden lassen kann.
Zu den schlimmsten Folgekrankheiten des Trippers gehört die
~Nebenhodenentzündung~, bei der im Zeitraum von einem oder mehreren
Tagen einer der beiden Hoden anschwillt auf das Zwei- und Dreifache
seiner normalen Größe, sich heiß und äußerst schmerzhaft anfühlt und das
Gehen, sowie jede Bewegung unmöglich macht. Wird die Behandlung dieses
Entzündungsprozesses nicht energisch, bei völliger Bettruhe, in die Hand
genommen, so bleiben Verhärtungen zurück, die jahrelang oder auch
während des ganzen Lebens bestehen bleiben.
Vor allem aber besteht die Gefahr, daß die Entzündung ~beide~ Hoden
ergreift und dann durch Zerstörung des Hodengewebes, das wir als die
Brutstätte der befruchtenden Samenzellen anzusehen haben, zur dauernden
Unfruchtbarkeit führt. Das geschieht tatsächlich in 85% aller Fälle von
doppelseitiger Hodenentzündung. Man stellt dann entweder ~Azoospermie~
fest, d. i. gänzliches Fehlen von Samenfäden (Spermatozoen), oder aber
unbewegliche, also tote, zur Befruchtung unfähige Samenfäden.
So kann der Leichtsinn des vor- und außerehelichen Geschlechtslebens
eine fürchterliche Strafe finden, kann ein Augenblick der ungezügelten
Sinnlichkeit, der zum Haus der Dirne trieb oder eine jener zufälligen
und wahllosen Geschlechtsverbindungen bewirkte, mit dem Verlöschen der
Zeugungsfähigkeit enden. Das Wort »Vater« verliert seinen Klang, und
alles, was es an Schönheit und Freude in sich einschließt, ist begraben,
ehe es ins Leben treten kann. Die edelste Kraft wird eingebüßt, und
diese Möglichkeit allein müßte jeden Leichtsinn im Keim ersticken.
Aber mit diesen festumrissenen Folgekrankheiten erschöpft sich der
Tripper nicht, und wir werden noch sehen, welch ein furchtbarer
Leichtsinn es ist, vom Tripper lächelnd als von einer »Kinderkrankheit«
zu reden, wie es unter jungen Leuten oft geschieht. Es besteht ja die
verhängnisvolle Anschauung, daß man einmal ein »kleines Tripperchen«
gehabt haben müsse, um gegen spätere Ansteckungen gefeit zu sein. Das
direkte Gegenteil ist richtig; denn wer einmal einen Tripper hatte,
neigt in außerordentlichem Maße zu weiteren Ansteckungen, weil die
Schleimhäute ihre Widerstands- und Abwehrkraft eingebüßt haben.
Leider bleibt der Tripper nicht einmal auf die Entzündung der
Geschlechtsorgane beschränkt; vielmehr wird durch den Blut- und
Säftestrom das Trippergift überall im Körper umhergetragen und kann an
allen Organen schwere Entzündungen hervorrufen. Seit man bei gewissen
Krankheitsformen den ~Neisserschen~ Gonokokkus gefunden hat, liegen die
Zusammenhänge klar zutage. Darüber sagt Prof. Dr. ~Wyß~-Zürich[5]:
»So ist vor allem der Tripperrheumatismus als eine sicher durch
Transport von Gonokokken durch die Blutbahn von der erkrankten
Schleimhaut der Harnröhre nach den serösen Häuten der Gelenke
bedingte Entzündung anzusehen; wir verstehen, daß auch andere
seröse Häute erkranken können; wir wissen, daß gewisse schwere
Entzündungen der Herzklappen unter Umständen mit all ihren weiteren
Komplikationen: Nierenerkrankungen, Gehirnerkrankungen,
Lungenerkrankungen usw., die Folge einer Gonorrhöe sind; doch auch
ohne Beteiligung des Herzens können akute eiterige Entzündungen im
Gehirn und Rückenmark oder deren Häuten durch den Gonokokkus sich
ereignen und unrettbar den Tod herbeiführen. Gewisse Nasen- und
Ohrenerkrankungen, Dickdarmerkrankungen, Speicheldrüsen- und
Knochenhautentzündungen sind durch ihn bedingt. Somit ist der
Tripper für den Mann oft als eine lebensgefährliche Krankheit
erkannt worden, und zwar zuweilen selbst dann noch, wo er örtlich
keine Erscheinungen mehr oder nur noch ganz unbedeutende gemacht
hat.« --
Bliebe der Tripper auf sich selbst beschränkt, so könnte man den
Gedanken hegen, daß der Schuldige büßen muß für Unwissenheit, Fehl,
Leichtsinn und Gewissenlosigkeit. Zwar ist oft die Strafe zu hart; denn
nicht immer ist der Einzelne schuld an seinem Tun, wenn ihm ein
warnendes Wort von Eltern und Lehrern fehlte. Und wenn die alkoholische
Lustigkeit einer Tafelrunde bei der Dirne endete, so büßen viele ihr
Leben lang den Augenblick des Leichtsinns, der ausreichte, eine
Geschlechtskrankheit zu übertragen. Mit Tränen in den Augen haben sie
oft vor mir gestanden, die jungen Männer, die körperlich und seelisch an
der geheimen Häßlichkeit ihrer venerischen Krankheit leiden. Gar zu hart
hatte sie's betroffen.
Was aber sollen wir sagen, wenn die Unschuldigen leiden müssen, büßen
für den Leichtsinn eines andern, büßen ein Leben lang, büßen ohne
Schuld, leiden, wo sie liebten oder wo die Liebe ihnen das Leben gab?
Denn der Tripper ist ansteckend, ist übertragbar auf die Frau, die
liebend und voll Vertrauen dem Manne in die Ehe folgt und von demselben
Manne, dem sie all ihre Jugend, ihre Frische dargeboten, den
Krankheitskeim empfängt, der sie von der gleichen Stunde ab zur
leidgequälten Frau macht.
Das Gefährliche des weiblichen Trippers besteht darin, daß er sich nicht
auf die Harnröhre beschränkt, sondern alle äußeren und inneren
Geschlechtsteile auf das heftigste erfassen kann. Das alles sind äußerst
schmerzhafte, quälende, störende Leiden, die sehr verschiedenartige
Erscheinungen machen können, so daß man früher oft eine andere Diagnose
stellte, wo heute eine Tripperansteckung zweifelsfrei feststeht.
Ja, von den sogenannten »Frauenleiden« beruhen drei Viertel wohl auf
nichts anderem, als auf venerischer Ansteckung durch den Mann. Denn der
Tripper geht tiefer in die inneren Organe hinein und befällt besonders
die Gebärmutter, am Hals derselben beginnend und allmählich sie ganz
überziehend, so daß in solchen Fällen die Unfruchtbarkeit der Frau eine
unausbleibliche Folge ist.
Wieviel Jammer und Tränen hängen mit dem Worte Unfruchtbarkeit zusammen!
Wieviel ungestillte Muttersehnsucht, wieviel bittere Entsagung schließt
es in sich ein! Ich habe Frauen gesehen, die weinten, wenn sie Kinder
sahen, sie herzten und küßten, weil ihnen selbst dies größte Frauenglück
versagt geblieben war. Und wie oft regnet es Vorwürfe von seiten des
Mannes auf die arme Frau herab, deren Herz nach einem Kindchen jammert,
deren mütterliche Kraft aber im Keim erstickt wurde durch eine
Tripperinfektion. Entweder leidet der Mann an Azoospermie (Fehlen von
Samentierchen) infolge von tripperhafter Hodenentzündung, oder aber die
inneren Organe der Frau sind durch die Ansteckung angegriffen.
Die heimtückische chronische Form des Trippers bietet selbst beim
Schwinden der Symptome keine unbedingte Sicherheit für den Glauben an
Heilung. Chronische Tripper können in furchtbarer Heftigkeit wieder akut
werden. Ja, es kommt vor, daß ein chronisch tripperkranker Mann mit
einer Frau Umgang hat, diese aber gesund bleibt, und die abgelagerten
Gonokokken beim nächsten Mal rückwirkend beim Manne einen akuten Tripper
erzeugen.
Unwissenheit und Schamgefühl hindern das weibliche Geschlecht mehr noch
als das männliche, den Tripper gleich nach Ausbruch ärztlich behandeln
zu lassen. Das ist der Grund, warum der Tripper bei der Frau so
verheerend wirkt. Denken wir nun daran, daß der Tripper so ungeheuer
verbreitet ist, daß nach den Angaben des amerikanischen Arztes
~Noegerath~ von 1000 Männern 800 einmal in ihrem Leben an Tripper
erkrankt gewesen sind, und daß die meisten davon ihn nie wieder
verloren, so sehen wir mit einem Schlage, daß es sich hier nicht um eine
Einzelkrankheit handelt, der man bisher mit lächelndem Spott
gegenübergestanden hat, sondern um eine furchtbare Seuche, die der
Kraft eines ganzen Volkes Wunden schlägt. Man lachte über ~Noegerath~,
hielt ihn für einen ideologischen Schwarzseher. Aber seine aus der
Praxis des Arztes gewonnenen unerbittlichen Zahlen vermochten doch
schließlich unter den deutschen Ärzten den Indifferentismus und den
Gleichmut zu beseitigen, womit man bisher diesen Dingen gegenüberstand.
Man sah genauer hin, beobachtete schärfer, arbeitete gleichfalls
statistisch und -- fand, daß ~Noegerath~ recht hatte. Man erkannte mit
einem Male, daß man mit der angeblichen Heilbarkeit des Trippers gar zu
optimistisch umgegangen war, daß der Tripper geradezu ungeheuer häufig
chronisch wird und auch dann noch bestehen kann, wenn ihn selbst der
Arzt für geheilt erklärt, daß er dann noch ansteckend auf die Frau oder
auf den Mann wirkt. Man sah von da ab auch die Frauenleiden mit ganz
anderen Augen an und fand in weit größerem Umfange als bisher als
Ursache -- den Tripper. Von den leichten Formen des Weißflusses an, der
sich oft schon ganz kurz nach der Hochzeit einstellt, bis zu den
schweren Entzündungen der Eileiter, Eierstöcke, der Gebärmutter und
selbst des Bauchfells, überall fand man den Gonokokkus, und -- manches
Rätsel war gelöst.
Prof. _Dr._ ~Wyß~-Zürich sagt darüber[6]:
»Während der Geschlechtsapparat des Mannes nach dem Bauchfellraum
hin abgeschlossen ist, kommunizieren die inneren Schleimhäute der
Geschlechtsorgane im weiblichen Organismus direkt mit dem
Peritoneal- oder Bauchfellsack. Infolgedessen greift der
Entzündungsprozeß, den der Tripper auf der Schleimhaut des
Geschlechtsapparates der Frau erzeugt, leicht auch auf das
Bauchfell über. Sowohl für sich, als auch in Verbindung mit anderen
Mikroben (Bakterien) werden dadurch akute und chronische
Entzündungs- und Eiterungsprozesse bedingt, welche die Frau schwer
erkranken machen, und welche leider oft in kürzerer oder erst nach
längerer Zeit den Tod herbeiführen, mindestens aber monate-, ja
jahrelanges Kranksein und oft fürs ganze Leben Leidendsein
bedingen. Da diese Zustände oft einsetzen im Anschluß an eine
Geburt oder einen anderen physiologischen oder auch pathologischen
Vorgang (Menstruation, Abortus, vorzeitige Geburt), so hat man
früher, als man die Krankheitserreger noch nicht kannte, jene
Vorgänge der Ätiologie beschuldigt, die wahre Ursache nicht
erkannt. Erst seit der Gonokokkus in solchen Entzündungsprodukten
mikroskopisch nachgewiesen werden konnte, ist man auf die richtige
Fährte gelangt und weiß man, daß viele früher auf eine »böse
Geburt« zurückgeführten tödlichen Erkrankungen oder heutzutage
oftmals zu schweren Operationen oder in anderen Fällen auch
wiederum zu langem Siechtum führenden Affektionen junger,
blühender, bis zu ihrer Verheiratung absolut gesunder Frauen -- auf
einen nicht ausgeheilten oder geheilt erschienenen Tripper des
Herrn Gemahls zurückzuführen sind.«
So finden wir's in allen Gesellschaftsschichten. Wann wird es eines
Tages gelingen, diese fürchterlichen Tatsachen in die Herzen der
männlichen Jugend einzugraben, damit sie abläßt vom gewissenlosen
geschlechtlichen Leichtsinn! In die Ohren müßten wir's ihr
hineinschreien, wieviel Jammer das sexuelle »Amüsement« in die Welt
bringt. Als Prof. ~Bumm~ in Leipzig einst unter den Hörern seines
Kollegs Fragezettel bezüglich eines etwaigen Trippers verteilte,
antworteten 36 von 53 Studenten mit »Ja«. Das waren 70%. Die übrigen 30%
werden ihn leider früher oder später auch noch bekommen haben.
Wie viele von diesen Trippern bleiben ungeheilt, werden chronisch und
richten in der Ehe körperliche und seelische Verwüstung an! ~Noegerath~
hält den Tripper überhaupt für -- unheilbar!!! Das ist zum Teil die
Folge seines medikament-medizinischen Standpunktes, den wir nicht
teilen. Aber daß überhaupt ein ernster Forscher und warmherziger
Menschenfreund wie ~Noegerath~ zu einer solch furchtbaren Auffassung
kommt, das ist's, was uns erschreckt.
Tatsächlich trotzen viele Tripper jeder Behandlung. Der Patient ist eine
Zeitlang trostlos. Dann gewöhnt er sich an den Krankheitszustand, hält
ihn für immer weniger ernst, heiratet und -- steckt seine Frau an. Damit
beginnt dann für die Frau und für die Ehe die lange Leidenskette,
schwere Unterleibsleiden und unter Umständen Unfruchtbarkeit.
Prof. ~Flesch~-Frankfurt a. M. sagt: »In meiner ärztlichen Tätigkeit
habe ich es nur zu oft erlebt, daß unglückliche Frauen der ärmeren
Klassen, wenn Hunger und Sorge wegen ihrer andauernden Arbeitslosigkeit
>wegen Unterleibsentzündung< eingezogen waren, daß Frauen der
bemittelten Klassen, wenn Kinderlosigkeit die Ehe vergiftete, sich den
Tod herbeiwünschten, sich den schwersten Operationen unterzogen, und
ihre Männer noch um Verzeihung baten, weil sie ihren Mann unglücklich
machten. Und der um Vergebung Angeflehte war fast immer, ohne es zu
ahnen, der Urheber des Unglücks.«
Aber auch damit macht der Tripper nicht halt. Das Trippergift, das in
den Geburtswegen einer Frau abgelagert ist, kann während des
Geburtsaktes in die Augen des Kindes kommen. Dann entsteht eine
Bindehautentzündung, die das Augenlicht zerstört. 60 von 100 Blinden
haben ihr namenloses Unglück aus dieser lebentötenden Quelle. Gibt es
Worte für soviel Jammer? Tausende büßen mit Blindheit den
Jugendleichtsinn ihrer Väter.
Und dieses gedankenlose »Vorleben« wird immer noch entschuldigt! Immer
noch finden sich Stimmen, die von »Männlichkeit« sprechen, wenn ein
junger Mann geheime Wege geht. Wären diese qualvollen »Frauenleiden«
nicht allesamt vorher »Männerleiden«, oder bliebe die Krankheit auf den
Mann beschränkt, so könnte er sündigen, wenn er für sich allein büßen
will. Aber Unschuldige büßen! Unschuldige zu Hunderttausenden! Hört
ihr's, ihr jungen Männer? Laßt dies Leid der Unschuldigen nicht größer
werden! Das junge Mädchen, das still und in den Träumen der Jugend im
Elternhaus lebte, vergiftet ihr! Ihre Augen leuchten, wenn ihr
Liebesworte sprecht! Und ihr Herz weiß nicht, was ein junger Mann im
Haus der Dirne sah und tat. Es liegt ein böses, aufreizendes Unrecht in
diesem Vorleben. Mit einer niederträchtigen Disharmonie beginnt die Ehe:
~sie~ geschlechtlich unschuldig oder harmlos, ~er~ weiterfahren, sexuell
blasiert und -- mit einem chronischen Tripper behaftet. Nach kurzer Ehe
sind die frohen Hoffnungen der Brautzeit zusammengefallen. Aus dem
fröhlichen Mädchen wurde eine müde, kranke Frau, gereizt, übellaunig
oder todestraurig. Wir denken an das Wort ~Noegeraths~, der sagte: »Es
ist so weit gekommen, daß junge Damen sich fürchten, in die Ehe zu
treten, weil sie wissen, daß alle ihre Bekannten erkrankt und nicht
wieder gesund geworden sind.«