[Illustration: Dekoration]
Volkskraft-Verlag
~Konstanz am Bodensee~
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Bücher von Emil Peters
~aus dem Volkskraft-Verlag in Konstanz am Bodensee:~
#Strahlende Kräfte.# Wege zu Glück und Erfolg durch Charakter-,
Willens- und Menschenbildung. Mit Titelbild von Fidus. 10. Tausend.
Geheftet M. 5.50. Gebunden M. 7.70. Geschenkband mit Goldschnitt
M. 8.25. Porto bei direkter Zusendung 25 Pf.
#Kranke Seelen.# Wege des Lebens für die Einsamen und
Unverstandenen, die Ruhelosen und Nervösen, die Unzufriedenen, die
Unglücklichen, und Seelenleidenden. Mit Bildnis des Verfassers,
Umschlagzeichnung und Innenbildern von Prof. Richard Pfeiffer.
Geheftet M. 6.--. Gebunden M. 8.25. Porto bei direkter
Zusendung 35 Pf.
#Die das Glück suchen....# Brücken von der sichtbaren in die
unsichtbare Welt und in die geheimen Lebensgesetze der Seele.
Deckelzeichnung von E. Anslinger-München. Geheftet M. 5.50.
Gebunden M. 7.50. Vornehmer Geschenkband mit Goldschnitt M. 8.50.
Porto bei direkter Zusendung 25 Pf.
#Unbekannte Gedankenkräfte.# Geistige Lebensgesetze und seelische
Welten. Deckelzeichnung von E. Anslinger-München. Geheftet M. 2.75.
Gebunden M. 4.40. Porto 15 Pf.
#Kinderzeit.# Fröhliche Erziehung. Ernstes und Heiteres aus
natürlicher Erziehung. Mit 16 Bildern nach photographischen
Aufnahmen von des Verfassers Kindern. Geheftet M. 5.--.
Gebunden M. 7.50. Porto bei direkter Zusendung 25 Pf.
#Schaffende Menschen!# Charakterbildung, Energie und Erfolg in
Leben und Arbeit. Umschlagzeichnung von E. Anslinger-München.
Geheftet M. 5.50. Gebunden M. 7.70. Porto 25 Pf.
#Arbeit, Kraft und Erfolg.# Wege zur Steigerung der
Leistungsfähigkeit in körperlichem und geistigem Schaffen.
Deckelzeichnung von E. Anslinger-München. Geheftet M. 4.--.
Gebunden M. 6.--. Porto bei direkter Zusendung 25 Pf.
Die Bücher sind auch in jeder guten Buchhandlung zu haben.
Ausführliche Verzeichnisse der Bücher von ~Emil Peters~ versendet der
obenstehende Verlag oder besorgt jede Buchhandlung.
~Alle Rechte vorbehalten.~
_Copyright 1920 by Volkskraft-Verlag Konstanz am Bodensee._
Den Druck besorgte die Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan
Geibel & Co. in Altenburg, S.-A.
Diese Buch ist auch in hübschem Einband als Geschenkband beim
Verlag oder in jeder Buchhandlung vorrätig.
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[Illustration: Dekoration]
Vorwort zur zweiten Auflage.
Dies Buch, das in seiner ersten Auflage »Wenn ihr ins Leben tretet!«
hieß, erscheint in seiner zweiten Auflage unter neuem Titel und in
anderem Gewande. Es entspricht darin mehr den Vorträgen, die ich
allerorten hielt.
Der Gegenstand ist ernst und schwer in seiner Darstellung. Es gibt
Dinge, die so grenzenlos traurig und häßlich sind, daß die Feder oft
zögert, sie niederzuschreiben. Aber wer, wie ich, das Menschenleben zu
schöneren, höheren und edleren Formen bringen will, der darf, wo er das
Licht zeichnet, auch die Schatten zu malen nicht vergessen. ~Jugend und
Liebe~ -- sie sind beide das Licht, das leuchtend und glückselig eine
Weile über unserem Wege steht. Aber ~Irrtum und Schuld~ verschlingen die
unglückseligen Hände und reißen die Menschen in die Tiefen, wo in
Unglück und Krankheit, in Nacht und Chaos die Liebe erstickt.
Das Häßliche ist hier wahrlich nicht um des Häßlichen willen geschildert
worden. Nein, die Feder stockt dabei, und Scham durchzog den Sinn. Aber
mutig galt es die Aufgabe zu lösen und jungen Menschen, die klopfenden
Herzens vor dem Wundergarten der Liebe stehen, den rechten Weg zu
zeigen.
Wer das Dunkel geschaut, dessen Auge ist dankbar für das Licht. So soll
dies Buch verstanden sein.
Nicht ein »Aufklärungsbuch« im landesüblichen Sinne soll es sein. Es
soll nicht mit kaltem Verstande Dinge sagen, die zu wissen noch nicht
sittliche Kraft bedeuten. Weh uns, wenn Wissen und Verstand der Liebe
die Tiefen rauben, wenn wir nicht mehr erröten und die Rätsel der Liebe
uns nicht mehr die Pulse stocken machen! Nicht dem Verstand und dem
kalten Wissen -- nein, der ~Seele~ wollte ich die Geheimnisse junger
Liebe ablauschen. Was nutzt »Aufklärung«, wo die seelenvolle
Menschlichkeit, die sittliche Persönlichkeit fehlt! Erzieherisch ging
ich zu Werke, von innen -- nicht von außen her.
Worte und Begriffe sind dem Verständnis junger Menschen angepaßt. Eltern
mögen das Buch schulentlassenen Jünglingen in die Hand geben. Es soll
ihnen Wegweiser sein. Und wenn die traurigen und schreckensvollen Dinge
dieses Buches auch mit Wehmut ihre Seele füllen und in den Freudenkelch
der Jugend bittere Tropfen fallen, so wird die Wahrheit doch denen nicht
den Zauber junger Liebe rauben, die »frei von Schuld und Fehle« mit
diesem Buche den glücklichen Weg des Reinen gehen.
~Neuenhagen~ (Ostbahn) bei Berlin.
#Emil Peters.#
[Illustration: Dekoration]
Erster Teil.
Die einsamen Triebverirrungen der Jugend.
Einleitung.
Wir wollen miteinander über Dinge sprechen, über die man
eigentlich -- nicht spricht. Jedenfalls nicht allgemein und vor allem
nicht so, wie man über andere Dinge spricht. Das ist das
Geschlechtliche.
Wie merkwürdig, daß es etwas im Menschenleben gibt, von dem es scheint,
daß es verborgen werden müßte. Und doch ist es nicht weniger natürlich,
als alles andere, ja, natürlicher und selbstverständlicher wohl. Aber
wer viel in der Irre ging, der findet nachher den rechten Weg nicht
mehr. So haben die Menschen in den geschlechtliche Dingen durch viel,
viel Irrtümer eine Wirrnis geschaffen, in der nun mancher nicht ein und
aus weiß. Er möchte fragen, den oder jenen: »Was ist's mit der
Geschlechtlichkeit? Mit all den aufsteigenden Empfindungen, die mich
quälen und freuen, die mir unruhige Stunden machen und bunte Bilder
vorgaukeln?«
Aber wen soll er, ja, wen darf er fragen? Der Frage folgt Schweigen oder
verlegenes Lächeln. Das Leben hat den Erwachsenen die Antwort schwer
gemacht. Trübe Ereignisse und Reue verstellen der Wahrheit den Weg.
Aber wer in Gefahr war, sollte den Neuankommenden warnen. Wer
strauchelte, sollte verhüten, daß auch der andere strauchelt. Darum ist
es nicht gut, wenn du noch unbelehrt und ungewarnt bist.
Ich will niemandem einen Vorwurf machen, am allerwenigsten deinen Eltern
oder deinen Lehrern. Sie haben dich gefördert, wie sie nur konnten. Aber
dies Geschlechtliche, siehst du, nimmt in allen Dingen des Lebens eine
Ausnahmestellung ein. Es schlummert in ihm -- und darum auch in
dir -- etwas Gefährliches, das man durch Schweigen dämpfen möchte; denn
niemand kann sagen, ob Glück oder Unglück daraus entspringt.
Ich aber meine, im Dunkeln sei kein Weg zu finden. Licht soll auf alle
Lebenswege fallen. Darum will ich dir die Wahrheit sagen, will mit dir
über ein paar Lebensfragen sprechen, damit dein Leben Halt und
Festigkeit und Richtung bekommt. Und insbesondere will ich dir alle
deine stummen Fragen beantworten, die scheu und geheimnisvoll-verlegen
dem Geschlechtlichen entsteigen und neugierig das Geschlechtliche
umflattern.
1.
Vom Sinn des Lebens.
Hast du schon einmal darüber nachgedacht, welchen Sinn wohl das Leben
haben könne? Ja, hast du versucht, die Lebenserscheinungen denkend zu
einer Lebens-»Anschauung«, zu einem Lebensbild, zu vereinigen und dein
eigenes Denken und Tun mit diesem Lebensbild in Einklang zu bringen?
Ich glaube nicht. Denn das Elternhaus hat dich treusorgend bewahrt. Den
Tisch fandest du stets gedeckt, und manche Sorge ums Alltägliche und um
das, was die nächsten Tage bringen werden, haben die Eltern dir
ferngehalten und allein ihre Stunden damit ausgefüllt, während du lachen
und scherzen oder schlafen konntest. Die Schule setzte dir fertiges
Wissen vor. Du nahmst, was andere gedacht, und warst des eigenen,
tieferen Denkens enthoben.
Nun aber trittst du ins Leben hinaus. Nun beginnt auch für dich der
Kampf. Die Pflichten mehren sich, und der Tag ist nicht mehr fern, an
dem auch deine Schultern tragen sollen, was ein Mensch zu tragen vermag.
Und zeitweilig noch mehr. Da gilt es, Kräfte zu sparen und stark zu
werden, um mutig und aufrecht den Lebensstürmen zu trotzen.
Es mag ein banges Zagen dich beschleichen, wenn du daran denkst, bald
ganz auf dich allein gestellt zu sein. Du zweifelst, ob deine Kräfte
ausreichen werden. Aber sei getrost! Nicht als ein Fertiger tritt der
Mensch an seine Aufgaben heran, sondern die Pflicht steigert die Kraft.
Alles in der Natur und im Leben ist ein Werden, ein Wachsen. Alles Leben
ringt nach Vollendung und vollendet sich im Kampf. Der Starke
triumphiert im Kampf, bleibt Sieger. Den Schwachen zerbricht das Leben.
Wohlan! Sei ein Starker! Fasse Mut, und freue dich der wachsenden Kraft!
Kleine Widerstände geben dir Mut, dich an großen zu messen, und ehe ein
paar Jahre ins Land gegangen, schaust du deinen Weg zurück und lachst
der Zaghaftigkeit, die dich heute beschleicht.
Und da haben wir schon einen Blick aufs Ganze. Da sehen wir schon
Richtung und Weg und Ziel, und langsam formt sich aus den Nebeln der
Unreife und Unklarheit ein Lebensbild.
Schau um dich in der Natur! Roh und formlos ist der Anfang. Gott aber
blies allem seinen »lebendigen Odem« ein. Was heißt das? Das heißt, daß
in die brodelnden Urgewalten das Gesetz der Entwicklung hineingeworfen
wurde, daß eine unendliche Harmonisierung den Lauf des Lebens begleitet,
daß alles, was in die Bahn des Lebens geworfen wird, um seines Daseins
Kreise zu vollenden, dem Göttlichen sich entgegen entwickeln soll.
So gehörst du nicht dir selbst, du bist ein Teil des Weltgeschehens,
bist eine von den zahllosen Formen, in denen die Natur das Leben neu
erzeugt, und in dir schlummert der göttliche Funke, der dich zum
Menschen macht, der Funke, der durch dein Leben zur Flamme angeblasen
werden soll, die dich läutert. Dieser göttliche Funke ist dein Gewissen,
ist das Menschheitsgewissen, jener oberste Richter über Gut und Böse,
der Ewigkeitsgesetze geschrieben hat und heute wie vor Tausenden von
Jahren herrscht.
Die Menschen leben um des Besten willen. Die Entwicklung geht den Weg
des Guten; denn das Gute ist die Entwicklung. Das Schlechte stirbt in
sich, weil es dem Gesetz der Entwicklung widerstrebt.
So siehst du, werden wir Menschen durch ein geheimnisvolles und
gewaltiges Gesetz geführt. Dies Gesetz, der sittliche Grundgedanke,
zeichnet der Entwicklung ihren Weg. Wer sich gegen dies Gesetz vergeht,
sei es, daß er dem unkontrollierten Genuß des Augenblicks huldigt, oder
im materiellen Vorteil das Gewissen schweigen heißt, der versündigt sich
gegen die Majestät der Menschheit, und er fühlt den leisen Mahner in
seinem Innern, der ihm sagt. »Das durftest du nicht tun.« --
Diese Sauberkeit und Klarheit des Gewissens mußt du dir erhalten, denn
damit hast du die nötige Festigkeit in dir, um jenen Hohlköpfen und
Wichten zu begegnen, die ihr Leben auf sich selbst, und damit auf
nichts, gestellt haben; denn sie sind nichts, und das »Ich«, das sie in
ihrer Phrase vom »Sichausleben« in den Vordergrund drängen, ist wie eine
taube Nuß. Je weniger fest und stark das Leben im Innern ist, desto
ruheloser und schwankender wird es nach außen. Darum gerade verfallen
sie einem unruhevollen Geschlechtsgenuß und ertränken ihr Gewissen in
Lärm und Alkohol und vielen Phrasen von »Individualität« und
»Männlichkeit«. Diese Worte aber sind nichts als Angst und sind ein
Versuch, den Starken, der wie ein stiller Vorwurf neben ihnen
herschreitet, aus dem Wege zu räumen, das heißt, durch philosophische
Phrasen zu sich hinabzuzerren und für ihre eigene Hohlheit
breitzuschlagen.
Wenn du diesen Menschen begegnest, so wehre dich gegen sie! Wenn sie dir
sagen. »Der Mensch gehört sich selbst, und niemand ist Richter über
ihn,« so antworte ihnen: »Nein! das Leben ist ein Geschenk der Natur.
Niemand ist auf sich selbst gestellt, niemand gehört sich selbst. Feine
Fäden verbinden die Menschheit in Glück und Leid miteinander, und jede
schlechte Tat vermehrt das Leid und das Unglück, jede gute Tat aber ist
ein kleiner Schritt weiter auf dem Wege der Bereicherung und
Verschönerung des Lebens.«
2.
Volkstum.
Tiefgreifende Besonderheiten haben von jeher die Menschheit in Rassen
und Völker geschieden.
Du gehörst dem deutschen Volke an! Vergiß das nicht! Und vergiß nicht,
wenn du das Wort »Deutsch« sprichst, daß es nicht eben bloß ein Wort ist
wie tausend andere, sondern daß es aus fernen Jahrtausenden zu uns
herübertönt mit ehernem Klang, einer Fanfare gleich, die schmetternd zum
Appell ruft.
Deutsch sein! Diesem Schlachtruf unterlagen die römischen Legionen in
den finsteren germanischen Wäldern. Für diesen Begriff blutete
Deutschland aus immer wieder frischen Wunden. Unter diesem Zeichen
siegten wir und wurde unser Volk stark und groß. Deutsch sein! das ist
nicht ein bloßes Wort, nein, das ist Blut und Mark und Saft von
besonderer Art. Die Form des Kopfes, Farbe und Glanz des Auges,
Empfindung, Denken und Tun: all das ist deutsch, ist anders als das der
anderen Völker. Um dies Deutschsein haben Tausende auf rauchenden
Schlachtfeldern gelitten und gestritten, Tausende haben sich in der
Ferne in Sehnsucht nach der Heimat verzehrt, und Jubel und Jauchzen
erfüllte ihre Brust, wenn sie an Rückkehr denken durften.
Deutsch sein! dafür haben wir vier Jahre lang dem Ansturm einer ganzen
Welt standgehalten, bis das Aufgeben dieses Deutschseins uns die Waffen
aus den Händen schlug, uns wehrlos machte, daß wir zusammen brachen.
Nun merke auf! Es gibt Menschen von fremder, heimatloser Art um dich und
charakterlose Schwätzer, die deinen Rassen- und Volksbegriff leugnen und
zerstören möchten. Sie setzen viel hohle Phrasen an die Stelle des
greifbaren Volkstums. Laß dir dies Rassen- und Volksbewußtsein, diesen
völkischen Stolz, nicht rauben! Schlage die Blätter der Weltgeschichte
um! Blatt für Blatt erkennst du das gewaltige Ringen der Völker um ihre
angestammte Art. Und du erkennst, daß nur dann ein Volk stark nach außen
sein kann, wenn es zugleich stark nach innen ist, gesund und fest in
seinem Kern und sittenstark. Die sittliche Kraft in einem Volke war
stets auch seine politische Kraft. An der Sittenlosigkeit, in der
geschlechtlichen Ausschweifung, gingen die Völker, die Staatengebilde
zugrunde. Kennst du das Beispiel Roms? Lerne es fürchten! Weißt du, daß
die morsche, sinnliche römische Kultur dem Ansturm Odoakers erlag, der
mit den heldenhaften und sittenstrengen Söhnen der germanischen Wälder
heranrückte? Lerne dies deutsche Volk um seiner großen Vergangenheit und
seiner Tugenden willen lieben! Aber zugleich beobachte, daß der
Sittenverfall auch bei uns sich ausbreitet, daß zerstörende Mächte an
den alten, festen Grundlagen unserer Volksart tätig waren, und daß wir
längst im Innern morsch waren, ehe die Übermacht der Feinde uns auf die
Knie zwang.
Nun aber wollen wir wieder hochkommen, wollen wieder die Schmach von uns
abwaschen, wollen unsere Kraft und unsere Ehre wiedergewinnen -- und
dazu muß jeder Einzelne bei sich selber anfangen. ~Sittliche Reinheit!~
so heißt der Wahlspruch.
Hier hast du ein zweites Lebensziel: Liebe dein Volk und lebe für dich
so, wie du möchtest, daß das Ganze sei: stark und gesund und rein. Was
nützen all die schönen Worte von Vaterland und Volk und Ruhm und
Zukunft, wenn nicht jeder Einzelne sein Teil Verantwortung für das Ganze
in sich trägt und danach lebt.
Dem politischen Ehrgeiz eines Volkes muß eine gesunde und sittliche
Lebenshaltung die treibenden Kräfte geben. Darum ist es betrübend, zu
sehen, wie Staatsmänner und Politiker starke Worte machen und heftige,
erbitterte Parteikämpfe ausfechten, ohne doch der Notwendigkeit zu
gedenken, daß all dies Mühen nur ein Tageserfolg ist, wenn er nicht aus
der klug gepflegten Volkskraft dauernd gespeist werden kann. Eine
zahlreiche, körperlich und sittlich starke Jugend ist der Lebensquell
des Volkes, und dies Bewußtsein muß jeder junge Mensch in sich tragen.
Du siehst, auch hier gehörst du nicht dir selbst. Ein zweiter Wegzeiger
ist in deinem Leben. Er zeigt auf dein Volk. Ihm gehörst du mit deiner
ganzen Art, mit Leib und Seele, mit dem Wollen und Wünschen. Und darum
muß dein Leben sich so gestalten, daß es deinem Volke nicht Schaden
bringt.
3.
Die Familie.
Von der Volkseinheit und -Eigenart trennt sich die Einheit und Eigenart
der Familie ab. Und hier erblüht dem Baume deutscher Art die schönste
Blüte: das deutsche Familienleben. Wie ist es besungen worden, und
wieviel schöne Erinnerungen an das Elternhaus tragen wir mit uns in das
Leben hinein. Sorgende Liebe erfüllt die Räume. Milde und Strenge paaren
sich, um die Buben und Mädchen zu bilden zu tüchtigen Menschen, damit
sie einen Platz im Leben ausfüllen können. Und jeder von ihnen tritt in
das Leben hinaus und wird und will wieder eine Familie gründen. Was er
zu Hause Gutes sah, pflegt er weiter und verbindet's mit Neuem. Wohl
ihm, wenn er nur Gutes sah, wenn recht viel gute Erinnerungen ihn
begleiten. Was die Eltern Gutes an ihren Kindern gewollt, das müssen die
Kinder zu erreichen trachten. Denn darin liegt ein Dank für die
dahingegangenen Geschlechter und ein großes, starkes Versprechen an die
kommenden. Die Eltern denken Gutes von dir, die Brüder und Schwestern
tun es auch. Wie kannst du darum Schlechtes tun und dann ein schlimmes
Geheimnis mit dir herumtragen, das zu verraten du kaum den Mut findest?
Die Familie ist der Hort der guten Sitten. Ehre die Stätte, der du
entstammst, und tue nichts, was nicht jeder wissen darf.
Zum dritten Mal stecke ich dir ein Lebensziel, zeige dir einen Maßstab
und eine Grenze deines Tuns: deine Zugehörigkeit zur Familie. Zum
dritten Male sage ich dir, daß du nicht dir selbst gehörst, sondern
gebunden bist im Denken und Tun an die Gesamtheit, an die Familie, an
das Volk, an die Menschen überhaupt. Dein Wohl ist das der anderen. Die
Kraft und die Ehre der Gesamtheit liegen für dein Teil in deiner Hand.
4.
Das »Ich« und die Freiheit.
Du wirst mir entgegenhalten. »Bin ich, ich selbst, denn gar nichts, daß
ich nur aufgehen soll im Ganzen? Daß ich immer nur an die anderen denken
soll?«
Ja, du bist, und dein »Ich« soll stark und stolz dir zum Bewußtsein
kommen. Nicht niederdrücken, schwach und zage machen soll dich deine
Zusammengehörigkeit zur Familie, zu Volk und Menschheit, nein, aufrecht
und freudig sollst du es empfinden; denn in dir verkörpert sich die
Familie, in deiner Art erkenne ich ihre Art, in dir lebt die Art des
ganzen Volkes, in dir glüht der heilige Funke der Menschheit. Das Leben
drängt sich immer wieder, um neu zu erblühen, in eine enge Form, das ist
der persönliche Mensch, das Individuum. Der persönliche Mensch ist die
höchste Steigerung der Natur, ist der höchste Wille der Schöpfung.
Dieser persönliche Mensch muß frei sein. Damit meine ich nicht jene rohe
Freiheit, die sich hinwegsetzt über gesetzliche und gesellschaftliche
Schranken. Das ist Willkür und rohes Triebleben. Diese rücksichtslose
Freiheit, die da glaubt, alles tun zu dürfen, was ihr in die Sinne
steigt, ist doch nur bemitleidenswerte Gebundenheit an die Tiernatur.
Ich meine vielmehr jene sittliche Freiheit, die mit einem geschlossenen
Willen sich der Gedankenlosigkeit der Menge entgegenstemmt. Die
Freiheit, in der im Gehorsam gegen selbstdiktierte sittliche Gesetze der
Mensch triumphiert. Diese Überlegenheit über die Gedankenlosigkeit, das
stumpfe Triebleben, die oberflächliche Genußsucht anderer, ist
wahrhaftig Freiheit, eine Freiheit, die in wichtigen Lebensfragen nur
sich selbst befiehlt und gehorcht, keinem andern, am allerwenigsten der
Menge. Der Geist muß wach bleiben und muß mit heller, scharfer Kritik
über die Regungen der Sinne wachen. Der Gedankenlose verliert sich an
die stumpfen und dumpfen Triebe der Menge. Er glaubt dann Freiheit
gefunden zu haben und verlor doch nur sein »Ich«, seine Persönlichkeit.
Du siehst also, daß das »Ich« nur triumphiert, wenn es sich selbst
Gesetze gibt. Darum darfst du nicht aufgehen in der Menge, die dich
hinabzieht, sondern mußt jenen Größten nacheifern, in denen unseres
Volkes Art sich am reinsten verkörperte. »Die Menschen leben um des
Größten willen,« sagt Carlyle. In ihnen glüht der göttliche Funke des
Menschentums am stärksten. Hast du Vorbilder, so gehst du mit deinem
Wollen auf in der Menschheit, im Volk, in der Familie. Du hast damit
starke und große Ideale in dein Leben hineingestellt, und diese Ideale
werden dich erziehen. So, siehst du, ist das ausgeprägte »Ich«, ist der
persönliche Mensch, der höchste Wille zum Guten. Indem du stolz dein
»Ich« erhebst, beugst du dich unter das große Entwicklungsgesetz der
Menschheit.
5.
Die Fortpflanzung.
Alles Leben hat nur eine Quelle: die Fortpflanzung. Und sie ist
umwoben und durchflochten von der Liebe, von jenem wunderbaren
Empfindungsgewoge, das unser Leben schön und glücklich macht; oder auch
häßlich und traurig und unglücklich. Wie man's lebt.
Die Natur schuf zwei Geschlechter. Und an dem Gegensatz zwischen
männlicher und weiblicher Art erkennst du, wie unbeholfen und roh die
Auffassung derer ist, die das Geschlecht nur als etwas Körperliches
sehen, die beim Worte »Geschlecht« nur an Geschlechtsorgane denken.
Schon beim Spiel der Kinder unterscheidet sich der wilde Wagemut des
Knaben von der stilleren Art der Mädchen. Das ist wie ein Symbol fürs
ganze Leben. Das Geschlechtliche wurzelt tief in der Seele, und du
darfst es nicht so ohnehin als das bloß Sinnliche auffassen. Denn es ist
mit dem ganzen Körper, mit allen Sinnen, mit dem Denken und Fühlen innig
verwebt und verschmolzen. Der Mann denkt, fühlt, urteilt, handelt anders
als die Frau. Das eben ist der tiefgreifende Geschlechtsunterschied
zwischen beiden, der jedem eine andere Stellung in der Natur und in der
Welt und darum auch eine andere Gefühlswelt gibt.
In Mann und Weib verschmilzt das geheimnisvoll-ewige Sehnen der
Menschheit nach Vollendung. Denn jedes der beiden Geschlechter birgt
eine Hälfte menschlicher Eigenschaften in sich. Der Mann Kraft, Mut,
Wille, Entschluß, Edelmut, Ritterlichkeit; das Weib Milde, Sanftmut,
Mutterliebe, Gefühlstiefe; beide aber Treue, Schamhaftigkeit, Ehrgefühl.
Das eine Geschlecht sehnt sich nach dem andern, um zu gewinnen, was es
nicht hat, sich so zu ergänzen, zu vervollkommnen. Dieser tiefe
Lebenswille der Natur lebt in beiden, und der Fortpflanzung entsteigt
das Kind als eine höhere Entwicklungsstufe. Es ist auch wieder entweder
männlich oder weiblich, aber es trägt von beiden Eltern ein Teil in
sich. Ein gutes oder ein schlechtes, je nachdem, was das stärkere war.
In der Geschlechtlichkeit, in der Zeugung, erhebt sich der Mensch zur
höchsten Bedeutung. Er selbst wird ein Schöpfer, wird ein Neugestalter
des Lebens. Was Menschheit, Volk und Familie ihm gegeben haben: Leben,
Kraft, Gesundheit, Menschenwürde, das gibt er einem von ihm in Liebe
erzeugten Wesen wieder. Darin liegt ein Teil Unsterblichkeit.
Es gab eine Zeit, da erzählte man dir vom Storch, der die kleinen Kinder
bringe und sie aus dem Brunnen oder einem großen Teich hole. Ja, ja, aus
dem großen Meer der Schöpfung sind sie ja gekommen; aber es war nicht
jener Verlegenheitsstorch der Fabel, der sie brachte, sondern die Liebe,
die geschlechtliche Verbindung deiner Eltern, die den Werdekeim
entfachte. So wie die Natur für alles in unserem Tun ein bestimmtes
Organ, ein Körperglied mit einem besonderen Zweck, schuf, wie sie uns
zum Gehen Beine und Füße, zum Greifen Arme und Hände, zum Sehen die
Augen, zum Kauen die Zähne gab, so verlieh sie auch dem gewaltigen
Sehnen nach Liebe und Zeugung, das die Menschen in sich tragen,
bestimmte Organe, durch die der Wille der Natur und das Liebesgefühl der
Menschen einen körperlichen Ausdruck finden kann. Diese
Geschlechtsorgane sind bei Mann und Frau ganz verschieden. Sie liegen
teils außerhalb, teils innerhalb der Leibeshöhle, teils sind es
Brutstätten, Werkstätten für die Erzeugung der Keimzellen, teils Wege,
diese Keimzellen zum Ausstoßen und zur Vereinigung zu bringen. Beim
weiblichen Organismus liegen in der Leibeshöhle die sogenannten Ovarien,
die Eierstöcke, in denen während einer Fruchtbarkeitszeit von etwa 30
Jahren rund 400 Eichen (das ist allmonatlich eins) reifen und
ausgestoßen werden. Beim Manne wird der Samen in den beiden Hoden
bereitet, aber nicht nur 400 Samenzellen, sondern viele Millionen. Die
Geschlechtserregung nun, die den erwachsenen Menschen von Zeit zu Zeit
ergreift, läßt alle Empfindung in die Geschlechtsorgane strahlen. Alle
Wünsche schweigen. Alle Kräfte von Körper und Seele beugen sich dem
großen Zeugungswillen der Natur und konzentrieren sich im Zeugungsakt.
Die Geschlechtsorgane vereinigen sich, und die männlichen Samenzellen
werden ausgestoßen in die weiblichen Organe und suchen in großer Zahl
das weibliche Ei. Aber nur die stärkste Samenzelle, die die größte Kraft
und Lebensenergie hat, erreicht -- allen anderen voraus -- die Eizelle,
durchbohrt sie, und die Befruchtung ist geschehen. Jeder weiteren
Samenzelle ist dann der Eintritt verwehrt.
Hier sehen wir im kleinen und doch so gewaltig-großen Zeugungswunder,
daß das Leben sich immer nur aus der verhältnismäßig größten Kraft
aufbaut, daß darum der Stärkste und Beste das größte Recht auf Leben und
Zeugung besitzt. Der Kampf der Samenzelle um die Eizelle ist wie eine
Darstellung des menschlichen Lebenskampfes.
Obwohl das alles so natürlich, so groß und schön ist, hat man dir die
Wahrheit nicht sagen wollen, ist alle Welt mit der Geschichte vom
Storch, mit Unsicherheit und Verlegenheit, um dich herumgegangen. Warum?
wirst du fragen.
Das hat zweierlei Gründe, einen guten und einen schlimmen. Der gute
liegt in der Sache selbst. Das Geschlechtsempfinden gehört nicht dem
lauten Lärm des Alltags. Der feinfühlende Mensch wird das, was in
Schönheit und geheimnisvoller Spannung in seinem Innern aufkeimt, was
ihm das Herz zum Springen füllt, und was so viel Sehnsucht in ihm reifen
läßt, er wird das alles nicht mit nüchternem, lautem Wort in den Kreis
der alltäglichen Dinge ziehen. Dies Geschlechtsempfinden, das soviel
ganz Persönliches, soviel unaussprechlich Feines und Zartes in sich
birgt, wird dem feinfühligen Menschen sein Allerheiligstes sein, das er
der Welt und der Neugierde anderer verbirgt. Darum ist das
Geheimnisvolle im Geschlechtsleben eben gerade das Menschliche, die
ästhetische Verfeinerung eines im Anfang rohen und wilden Triebes. Diese
ästhetisch-geheimnisvolle Umschleierung ist unlösbar mit unserem
Glücksbestand verbunden; denn das Geschlechtliche, das zugleich Urgewalt
und feinste Kulturblüte ist, enthüllt so sehr das innerst Persönliche
eines Menschen, daß es sich nur schwer in Worte fassen läßt. Zwischen
starken Empfindungen und ruhig-erklärenden Worten liegt immer ein
Widerstreit. Darum rang man nach Worten, um dir die Wahrheit über das
Geschlechtliche zu sagen, und schließlich fand man die Worte nicht und
darum auch nicht den Mut.
Der andere und schlimmere Grund aber ist der, daß der Geschlechtstrieb
in der Allgemeinheit des Volkes überstark und krankhaft geworden ist und
sich nun dem Leben und der Persönlichkeit als etwas Feindseliges
entgegenstellt. Man fürchtet, ihn durch Belehrung zu wecken, und glaubt,
ihn durch Schweigen im Zaume zu halten. Das ist ein Irrtum.
Der große und manchmal so hoffnungslose und traurige Kampf mit dem
krankhaft gesteigerten Geschlechtstrieb brachte die tiefe Zweiteilung
von »Fleisch« und »Geist«. Die Sinnlichkeit wurde »Sünde« genannt. Und
sie ist doch nur Natur. Dieses feindselige Denken gegen die
Geschlechtlichkeit hat die Prüderei geboren, die ängstlich darüber
wacht, daß auch nicht eine Silbe über diese Dinge gesprochen werde, und
die doch weiß, daß viel Häßliches geschieht.
Es ist nicht gut, etwas, was in der Natur liegt, für unnatürlich und
»sündig« zu halten; denn damit geraten wir in Zweifel. Und wenn dieses
Etwas dann als ein starker Trieb in uns Menschen groß wird, das mit
unserem Wesen, unserem Charakter sich verbindet und zuzeiten uns ganz
allein auszufüllen scheint, so ist es richtiger, einen festen, klaren
Blick dem Geschlechtlichen gegenüber zu behalten, um es zu beherrschen
und zu bemeistern, nicht aber ängstlich, prüde und verlegen zu sein, den
Trieb für tierisch zu halten und dadurch von einem Konflikt in den
andern zu stürzen. Schließe dich nicht dieser unwahren,
lebensfeindlichen Denkart an, sondern erkenne im Geschlechtstrieb die
Quelle alles Empfindungslebens, erkenne ihn als die Grundmauer des
Lebens und die treibende Kraft aller Entwicklung. Sage nicht, daß er
tierisch und häßlich und sündig sei, sondern daß durch ihn der Mensch
erst wahrhaft Mensch wird, daß durch ihn der göttliche Wille des
Schöpfers in jeden einzelnen Menschen gelegt worden ist, und daß gerade
im Liebesgefühl und im Liebesleben der Reichtum der Menschennatur sich
entfaltet, so wie im Blütensegen des Frühlings die Natur in ihrer
Schöpferkraft jubelt.
Verstehe mich nicht falsch! Du sollst dem Geschlechtstrieb stark und
ehrlich und mutvoll gerade ins Auge sehen. Sollst ihn erkennen als das
Schöpfungswunder der Natur und als die in dich selbst gelegte
Schöpferkraft, mit der du dem Willen der Natur dienen sollst. Aber darum
darfst du nicht sagen: »Dieser Trieb ist mein Recht! Habt ihr prüde
jedes Wort von ihm vermieden, so ist er doch in mir emporgewachsen, und
nun lebt er in mir, und ich will und darf ihn betätigen.«
Schau um dich in der Natur! Auch die jungen Bäume treiben Blüten, aber
sie tragen noch keine Frucht. In der Natur herrscht ruhige und langsame
Entwicklung; denn nur die Ruhe ist Kraft. Alles vorschnell Entwickelte
trägt schon den Verfall in sich. Wenn im Geschlechtlichen das Leben sich
aufbaut, dann muß auch gerade das Geschlechtliche den Zerfall bringen,
wenn es dem Mißbrauch entgegentreibt.
~Das ist die große Wunde am Leben der Völker: der Geschlechtsmißbrauch!~
Daran sind sie zugrunde gegangen, die Kulturvölker des Altertums, und
das ist es, was heute noch die Völker zerstört: die Vergeudung der
Geschlechtskraft!
~Denn Geschlechtskraft ist Lebenskraft!~ Wer das eine verschwendet, der
zerstört das andere. Aus dem Geschlechtsmißbrauch kam die Degeneration
in die Völker. Die Geschlechtlichkeit, die der Kraft und dem Aufstieg
des Lebens dienen sollte, wurde dem Menschen zum Verhängnis, ja zum
Fluch. Die Sünden der Väter wurden heimgesucht an den Kindern bis ins
dritte und vierte Glied.
Von allen Lebewesen ist der Mensch das einzige, dessen Geschlechtstrieb
unter die Herrschaft der Vernunft gestellt wurde. Indes:
»Er nennt's Vernunft und braucht's allein,
Um tierischer als jedes Tier zu sein!«
Gerade die ideale Verbindung des Körperlich-Sinnlichen mit der
Gesamtheit geistigen Lebens, eine Verbindung, die so viel Schönheit und
so viel Möglichkeiten kluger Beherrschung und sittlicher Gesetze in sich
birgt, ist verhängnisvoll geworden; denn das Geistige (Gedanke,
Empfindung, Vorstellung, Kunst) wird zum Einfallstor des Sinnlichen, und
bei gar zu vielen liegt die Vernunft in ewiger Fehde mit dem sinnlichen
Trieb.
Das ist es, was so viel schwüles Schweigen erzeugt: Die lüstern lockende
Geschlechtsempfindung im Innern, mit der man ringt, und das böse
Gewissen, die trübe Erinnerung an vieles, was nicht gut war.
Aber soll das weiter und immer so bleiben? Sollen wir ruhig
danebenstehen, wenn starke und mannhafte Geschlechter im
Geschlechtsirrtum ihre Kraft verlieren? Wenn wir sehen, daß junge
Menschen durch krankhafte Erregungen zur Erschöpfung getrieben werden?
6.
Die Verirrungen der Jugend.
Alle Welt kennt das große und traurige Geheimnis, das junge Menschen mit
sich herumtragen, das drückende Geheimnis der Geschlechtsverirrung, der
Onanie. Nur ganz wenigen ist der Sinn frei davon geblieben, und diese
kennen nicht den bitteren Kampf, den der sittliche Wille mit dem Triebe
führt, der sich quälend und entnervend im Körper und in den Sinnen breit
gemacht hat. Immer wieder rafft man allen Willen zusammen, immer wieder
bäumt sich der Stolz auf, und man sagt »Ich will nicht«, aber so oft ist
dieser Trieb der Stärkere. Es ist wie ein Ringen um die Oberherrschaft.
Je schwächer das Nervensystem und je nachgiebiger und schlaffer das
Denken, desto mehr reißt der sinnliche Trieb die Oberherrschaft an sich.
Ein offenes, freies Wort würde den Kampf mildern, ein Freund, ein
Vertrauter, dem man von sich in diesen Dingen sprechen kann, würde die
seelische Bedrücktheit verscheuchen und den Mut heben können. Aber alle
jungen Menschen sind ratlos, tragen ihr Geheimnis weiter mit sich herum
und -- verfallen weiter in der Einsamkeit dem wühlenden sinnlichen
Trieb.
Dies traurige Schauspiel muß vor allen Dingen der Einsamkeit und dem
Schweigen entrissen werden. Man muß darüber sprechen, deutlich und
ernsthaft, damit der Vergeudung der Lebenssäfte Hemmnisse in den Weg
gelegt werden, damit die geschwächten Körper wieder frischer und
gesunder, der Wille wieder zuversichtlicher, der Mut wieder froher und
das Auge wieder klarer wird. Es soll alles aus dem Leben heraus, worüber
man sich schämen muß.
Die Onanie tritt oft schon in sehr frühem Alter auf. Desto gefährlicher
ist sie. Dann handelt es sich aber um einen Organismus, der
wahrscheinlich erblich geschwächt ist, eine »nervöse Anlage« hat.
Solch ein geschwächter Organismus ist ungemein empfänglich für alles
Sinnliche. Worte, Bilder, die auf das Erotische Bezug haben, sind wie
ein Feuerfunken in einen Strohhaufen. Ja, wie mit einem schwülen Drang
wird aus allen Gesprächen, aus Bildern und Büchern das Geschlechtliche
hervorgesucht. Diese grüblerisch-ungesunde Art raubt dem Betreffenden
viel frischen Sinn für das Wirkliche, viel Arbeitskraft und
Lebensfreude. Immer lenkt das Geschlechtliche seinen Blick ab, und es
ist nicht jeder unter den jungen Menschen stark genug, sich frisch
loszureißen von der schwächlich-lüsternen Phantasiearbeit.
Gehirn und Zeugungsorgane scheinen sich da in einem schwächlichen und
verderblichen Reizabhängigkeitsverhältnis voneinander zu befinden. Und
oft ist es so, daß die Betreffenden von sinnlichen Bildern geradezu
verfolgt werden, daß sie harmlosen Worten eine sinnliche Bedeutung
geben, daß sie ein angeschautes Bildwerk oder eine Plastik zu sinnlichen
Vorstellungen gebrauchen, daß sich in die Lektüre, in das Studium, in
das Anhören eines Vortrages oder namentlich der Musik ein bestimmtes
erotisches Bild einschiebt, von dem sie nur schwer wieder loskommen.
Gewisse angeborene Neigungen, die sich am Gesicht oft erkennen lassen,
spielen hier eine Rolle. Das ganze Leben scheint da in die fieberhafte
Geschlechtserregung hineingezogen zu werden, und die Gefahr der
Selbstbefleckung rückt immer näher.
Nicht lange dauert es, dann kommt es zu Berührungen der
Geschlechtsteile, in denen diese Empfindungen sich konzentrieren. Durch
diese Berührungen und Bewegungen kommt es zum krampfhaften,
konvulsivischen Höhepunkt geschlechtlicher Erregung, und zum ersten Male
findet beim Knaben ein Verlust von Samenflüssigkeit, beim Mädchen eine
starke Absonderung gewisser Drüsen statt.
Warum hat dir bisher niemand die Gefahr gezeigt? Warum antwortete man
deiner stummen Frage nicht und gab dir Anlaß, dich mit deinen Bekannten
oder mit anderen insgeheim über diese Dinge zu besprechen? Und wie es so
oft vorkommt, kam's vielleicht da zur Verführung. Ältere Schulkameraden
oder häßlich denkende andere Menschen, Dienstboten, Arbeitsgenossen usw.
vergnügen sich oft damit, in den jüngeren den geschlechtlichen Sinn zu
wecken. Wenn's eine Strafe für sie gäbe, könnte sie nicht scharf genug
sein.
Gar zu viele wissen davon zu berichten, daß in der Jugend die
Dienstboten für sie die Lehrer dieser geheimen Fehler gewesen sind, und
sie fühlen es ganz genau, welch ein Maß von Kraft sie dabei eingebüßt
haben. Die besonderen Brutstätten dieser geheimen Verfehlungen aber sind
die Schulen. Und man sieht, wie das Übel sich in den Klassen forterbt,
wie es von einem frivolen Schüler, einer Schülerin, durch Verführung auf
die anderen übergehen kann. Ja, die jüngeren denken sich nicht einmal
was dabei, wenn die älteren sie dazu verleiten, an versteckten Orten mit
den Geschlechtsorganen zu spielen, bis dann der geweckte Trieb sich
schwer wieder eindämmen läßt und die Erregungen zur willkürlichen
Gewohnheit werden. Das trübe, schlaffe, verlegene Aussehen, der unreine
Teint vieler Kinder sollten Eltern und Lehrer darüber belehren, wie
dieses Übel der Selbstbefleckung gerade in den Schülerjahren und in den
Schulen ausgebreitet ist.
Hüte dich, mit deinesgleichen oder überhaupt mit anderen über das
Geschlechtliche zu sprechen, wenn du nicht weißt, daß sie dir
wohlwollen.
Und meide alle jene lüsternen, schmutzigen Unterhaltungen, die sich nur
um das Geschlechtliche bewegen. In Schulen, Internaten, Seminaren sind
die Gespräche der Schüler, wenn sie allein sind, oft von beschämender
und empörender Häßlichkeit, und man kann es kaum fassen, wie das
Schamgefühl so weit erstickt werden konnte. Die Lüsternheit verzerrt die
Mienen, und die Unsauberkeit des Denkens weicht oft nicht mehr von dem
Gesicht. Halte deine Phantasie rein von schmutzigen Vorstellungen, dein
Denken gesund! Weise die leichtsinnigen Zungen ernst und überlegen
zurück und stelle eine geistige Scheidewand zwischen dich und sie!
Beschäftige dich auch nicht mit sinnlich erregender Lektüre oder
lüsternen Bildern, die oft geheimnisvoll unter den Schülern und
Schülerinnen verbreitet werden.
Wenn Eltern wüßten, in welch eine sinnlich schwüle Atmosphäre sich
Kinder verirren, sie würden offenere Augen haben und die Gefahren
abzulenken suchen, ehe es zu spät ist.
Die Reue über das Falsche und Schädliche, was man getan, läßt die
Erinnerung daran wachbleiben.
Und es ist zu beobachten, daß wohl alle jungen Menschen Scham empfinden.
Die fröhliche Offenheit, mit der sie sonst alles Tun vollziehen, macht
vor ihren sinnlichen Fehlern halt; denn hier sagt schon ohne alle
äußerliche Belehrung der natürliche Instinkt, daß man Unrechtes tut, und
diese geheimnisvolle Triebverirrung sucht stets ein Versteck. Ja, das
Bewußtsein des Unrechttuns ist so lebendig, daß bei den jungen Menschen
oftmals das schlechte Gewissen sich in dem scheuen Blick kundgibt, der
nichts mehr hat von der reinen, unschuldigen Natürlichkeit eines
Kinderauges. Sie glauben sich beobachtet und in ihrem geheimen Treiben
erkannt und werden deshalb oft verwirrt und untauglich für
gesellschaftlichen Umgang. Sie lieben es, allein zu sein, zu grübeln,
weil sie mit der Geschlechtskraft zugleich jene antreibenden Kräfte
erschöpfen, welche einen jungen Menschen in das Leben hinaustreiben und
seine sozialen Fähigkeiten entwickeln.
So ist aus der Erschöpfung der in sozialer Hinsicht antreibend wirkenden
Geschlechtskraft durchaus jene geistige und gesellschaftliche Unfreiheit
zu erklären, die den richtigen Onanisten oft durch das ganze Leben
hindurch verfolgt. In gesunder Geschlechtskraft liegen die Wurzeln zu
sozialer Entwicklung. Der Verlust der Lebenssäfte untergräbt die
Energie, und das drückende Bewußtsein des geheimen geschlechtlichen
Unrechts prägt sich störend und hemmend der Persönlichkeit und dem
ganzen Auftreten der Betreffenden auf. Je fester aber diese einsame
Triebverirrung den jungen Menschen umklammert, desto schwerer wird es,
von der unsauberen Gewohnheit zu lassen.
Je häufiger ein menschlicher Trieb rein körperlich und losgelöst von
seinen geistigen Beziehungen betätigt wird, desto mehr sinkt er ins
Körperliche hinab und verliert seine geistige Beherrschung.
Immer wieder triumphiert der dumpfe, schwüle Geschlechtsdrang über den
sittlichen Willen, und jede Niederlage schwächt den Glauben an die
eigene sittliche Kraft, zumal jeder einzelne Akt der Onanie die
allgemeine Kraft verringert und die nervös-geschlechtliche Erregbarkeit
vermehrt. Dann sieht es oft verworren und trostlos im Innern solcher
Menschen aus. Und mancher hat schon vor mir gestanden mit tränendem Auge
und zuckendem Munde, weil die Scham über seine Schwäche ihm namenlose
Qual verursachte.
Der Onanist träumt sich selbst in die Gewalt der sinnlichen Empfindung
hinein und treibt dadurch jedesmal wieder seinem Fehler entgegen. Und
doch wäre es ratsamer, wenn er sich vorher jenen Zustand von Mattigkeit,
herabgesetzter Spannung, schwächerer Atmung und Herztätigkeit, Reue und
sittlichem Elend vorstellen wollte, der dem Samenverlust folgt. Dies
Bild wäre wohl imstande, seine sinnliche Erregung zu verdrängen.
7.
Die Folgen der sinnlichen Fehler.
Man muß die Gefahr in ihrem ganzen Umfange kennen, wenn man ihr
überlegen begegnen will. Darum will ich dir vorerst einmal sagen,
welchen Schaden diese krankhafte Erregung mit dem Samenverlust bringt.
Ich will nicht übertreiben; denn deine einsamen Verirrungen haben dir
Sorge und Angst genug gemacht. Und ich warne dich vor jenen albernen und
dummen Büchern, die dir das Gespenst eines schrecklichen körperlichen
und geistigen Verfalls vor die Augen malen. Gerade die übertriebenen
Schreckbilder haben schon viel Schaden angerichtet. Ich will die
Wahrheit über die Folgen nicht übertreiben; aber du sollst die Wahrheit
auch nicht fürchten. Also höre!
Die einmalige Onanie ist von einer starken Erregung begleitet, die alles
Leben rascher in dir antreibt. Die Pulse fiebern, das Gesicht rötet
sich, der ganze Körper ist angespannt und wird von dieser einen
verzehrenden Empfindung beherrscht. Es gibt aber ein Gesetz in der Natur
und im Organismus, daß jeder Kraftsteigerung ein Nachlassen der Kraft,
jeder Erregung eine Erschlaffung folgt. So auch hier. Und diese
Erschlaffung zeigt sich auch äußerlich, je mehr die Onanie sich
wiederholt, in blassem Aussehen oder bei gutem Aussehen in merkwürdiger
Unreinheit der Gesichtsfarbe, in dunklen Ringen unter den Augen, in dem
Erscheinen von Pickeln auf der Stirn, in schwitzenden Händen und oft in
gestörter Verdauung.
Es ist leicht einzusehen, daß ein Schaden, dem jugendlichen Organismus
zugefügt und in die Wachstumsjahre fallend, weit nachteiliger sein muß,
als wenn er in reiferem Alter einen festen und kräftigen Körper trifft.
Dies ist der Fall bei den sinnlichen Fehlern der Jugend, deren größte
Gefahr eben in der frühzeitigen, unbehinderten und häufigen Ausübung
liegt. Denn es gibt viele Knaben und Mädchen, die dem Übel der
Selbstbefleckung längere Zeit hindurch mehrmals am Tage verfallen.
Der Organismus zieht aber alle Reservekräfte heran, um dem Schaden zu
begegnen. Er überwindet ihn einmal, zweimal, zehnmal und noch öfter. Der
starke Erregungsvorgang setzt sich aber schließlich im ganzen
Nervensystem fest. Denn das Nervensystem ist dasjenige Organ, das alle
diese Vorgänge vermittelt. Die Erregung wird also bleibend, wird zu
einer besonderen Eigentümlichkeit des ganzen Menschen. Eine Zeitlang ist
das Leben dann von besonders kraftvollem Ausdruck, körperlich und
geistig herrscht Hochspannung. Das ist in den zwanziger Lebensjahren,
und viele meinen da, die Onanie habe ihnen nichts geschadet, weil sie
womöglich gut aussehen und keine Klage über mangelhafte Gesundheit zu
führen haben. Trotzdem sie vielleicht gerade noch in dieser Zeit
häufiger onanieren.
Aber gemach! Es ist immer oberflächlich, die Dinge nur so zu beurteilen,
wie sie im Augenblick erscheinen. Es gibt keinen festen Punkt in der
Natur und im Leben, alles ist ein Werden oder Vergehen. Nicht eine
Sekunde steht das Leben still.
Auch hier schreitet es weiter, aber nicht mehr aufwärts, sondern
abwärts. Es beginnt die Erschlaffung, der Kraftverlust.
Wie ist das zu erklären?
Kennst du ein elektrisches Element? Das ist ein Gefäß, das
verschiedenartige chemische Stoffe enthält, durch die der elektrische
Strom erzeugt wird, den dann der metallische Draht an seinen
Verbrauchsort leitet. So ist es mit der Kraft im Körper, der
Lebenskraft. Sie entsteht und wird frei in der chemischen Umwandlung des
Körperstoffes. Wir können also sagen, Lebenskraft sei tierische
Gewebselektrizität.
Speisest du mit den elektrischen Elementen etwa eine Klingelanlage oder
sonst einen elektrischen Betrieb, so bedeutet jeder Gebrauch eine
elektrische Entladung, also eine vorübergehende Erschöpfung der
Elemente. Das Element, also die Brutstätte des Kraftstromes, sammelt in
der Ruhe wieder die notwendige Kraft. Wird es aber überstark, ohne
genügende Zwischenpausen, also mißbräuchlich benutzt, so erschöpft sich
das Element vollkommen, wird also zerstört, unbrauchbar.
Genau so ist es im Körper, der auch ein Element, eine allgemeine
Brutstätte für Lebenskraft ist. Die in den Geweben erzeugte Elektrizität
wird als Kraft durch das Nervensystem allen Teilen des Körpers
zugeführt. Die Onanie bringt eine Steigerung der gesamten
Lebenstätigkeit, eine schnellere Entwicklung, etwa so wie man Pflanzen
durch die schwüle Treibhaushitze zu schnellerem Wachstum, aber auch zu
schnellerem Verblühen bringt. Infolgedessen wird zwar im Körper Kraft
verbraucht, aber auch rascher neu erzeugt, weil der junge, in der
aufsteigenden Entwicklung stehende Körper sich wie ein Akkumulator immer
wieder mit neu erzeugter Kraft ladet. Schließlich aber erschöpft sich
die Brutstätte und erschöpft sich das Krafthauptlager, als das wir das
zentrale Nervensystem -- Rückenmark und Gehirn -- erkennen.
Die Geschlechtsorgane sind eine Stätte für elektrische Entladungen. Und
sicher ist, daß beim normalen Zeugungsvorgang zwischen Mann und Weib
eine Stromübertragung stattfindet, die bei der Befruchtung und für
dieselbe eine große Rolle spielt. Mann und Weib sind Gegenpole, auch im
rein elektrischen Sinne aufgefaßt. Der Stromentladung folgt eine Ladung
von seiten des Gegenpols. Dem Kraftverlust folgt ein Zustrom an Kraft,
und dieser Vorgang fehlt bei der Onanie gänzlich. Sie ist nur und
ausschließlich Entladung, nur Kraftverlust. Und wenn auch der junge
Körper eine Zeitlang immer wieder den Ausgleich schafft, so vermag
doch -- namentlich wenn die Onanie zu häufig ausgeübt wird -- der
Körperakkumulator sich nicht wieder genügend und völlig zu laden. Der
Kraftstrom wird immer geringer. Die Kraft schwindet, und die chronische,
also dauernde Schwäche schleicht heran und breitet sich im ganzen
Organismus aus. Im Nervensystem zeigt sich dieser Zustand in der
Veränderung der Marksubstanz. Das Nervenmark verliert seine
Geschmeidigkeit und gleichmäßige Verteilung. Und weil es gewissermaßen
den Strahlpunkt und den Kernstoff des Lebens bildet, so kann man wohl
verstehen, daß das Leben selber, nun, wenn es seinen gar zu frühzeitigen
Höhepunkt überschritten hat, langsam zurückgeht.
Nun haben alle Tätigkeitsgruppen des Organismus im Gehirn und im
Rückenmark ihre ganz bestimmte Lagerung. Mit diesem Teile steht die
Atmung und die ganze Lungentätigkeit in Verbindung, mit jenem Teil das
Herz, mit einem dritten die Haut, und so fort.
Die Fortpflanzungstätigkeit hat zum großen Teil ihren Strahlpunkt im
mittleren (Kreuz-) Teil des Rückenmarks. An den Kreuzschmerzen nach
geschlechtlichen Ausschweifungen und bei Geschlechtskrankheiten ist das
sehr wohl zu erkennen. Der Grenzbezirk der Geschlechtlichkeit im
Rückenmark ist aber nur sehr schwer zu trennen von demjenigen der
Verdauungs- (Magen- und Darm-) Tätigkeit. Und diese Tatsache ist
einerseits sehr folgenschwer für den Geschlechtsmißbrauch, andrerseits
aber ein klarer Beweis für die Richtigkeit der von ~Dr. Damm~
aufgestellten Behauptung, daß der Geschlechtsmißbrauch weit mehr als
alle anderen Schäden als die Hauptursache der Degeneration, d. h. des
dauernden Kraftverlustes, anzusehen ist. Das gilt für den einzelnen
Menschen genau so wie für das ganze Volk.
In der Tat macht sich der Kraftverlust meist zuerst in Störungen der
Magen- und Darmtätigkeit bemerkbar. Und die geschwächte
Verdauungstätigkeit ist so bezeichnend für das Gesamtbild onanistischer
Folgen, daß wir außer der nervösen Schwächung durch den krankhaften
Geschlechtsreiz auch eine auf gleicher Ursache beruhende Verminderung
der inneren Ausscheidung annehmen müssen. Denn das Nervensystem bringt
alle Teile des Organismus zueinander in rege Beziehung, und wenn die
krankhafte Geschlechtserregung sich eine Zeitlang dem ganzen Körper
mitgeteilt hat, dann tritt in allen Teilen eine gewisse Erschöpfung ein.
Der Magen wird schwach und zeigt Reizbarkeit und eine Art von
Launenhaftigkeit, die sich in Merkwürdigkeiten des Appetits äußert.
Zeitweilig schwindet der Appetit, zeitweilig aber auch tritt er heftiger
hervor, und man vermag zu beobachten, daß mancher geschlechtlich
ausschweifende Mensch einen auffallend gesteigerten Appetit hat. Es
scheint dann, als wolle die Natur den Verlust wieder ersetzen. Aber da
durch eine Herabsetzung der inneren Absonderungen die aufbauende Kraft
vermindert ist, so kann die Nahrung nicht »anschlagen«. Trotz guter
Ernährung findet sich dann ein Gefühl der Schwäche, der Mattigkeit und
Erschöpfung ein, was oft durch das ganze fernere Leben hindurchgeht und
oft allein vom Magen seinen Ausgang nimmt.
Auch Darmstörungen, meist Trägheit und Verstopfung, sind bezeichnende
Folgen geschlechtlichen Mißbrauchs, und mancher Verdauungsneurastheniker
wird gestehen müssen, daß in oder nach den Jahren der Onanie seine
Verdauungsbeschwerden und seine Mattigkeit begannen.
Darunter leidet natürlich bald die Ernährung und der Neuaufbau des
Körpers, ebenso die Blutbildung und das gute Aussehen.
Die Herz- und Muskelkraft und das Muskelgewebe erleiden eine Einbuße,
und die Freudigkeit an der Körperarbeit, an Gymnastik, Sport und Spiel
läßt nach.
Es ist wohl zu verstehen, warum gerade ein Organ, wie das Herz, das an
allen Erregungen des Körpers und der Sinne direkten und unmittelbaren
Anteil nimmt, durch häufige und starke Geschlechtserregungen besonders
erschöpft werden muß. In der Tat treten oft schon nach den zwanziger
Jahren nervöse Herzbeschwerden auf, zunächst als beschleunigter, oft
ganz heftiger, beängstigender Herzschlag sich zeigend, während später
eine gewisse Herzschwäche sich einstellen kann.
Der verminderten Stoff- und Säfteumwandlung in den Geweben folgt auch
eine Verminderung der Wärmebildung, und leichtes und öfteres Frösteln,
Gefühl von Unbehaglichkeit, tritt auf. Kalte Hände und Füße, dazu beide
leicht schwitzend, stellen sich ein.
Die Hauttätigkeit kann gleichfalls erschlaffen; denn sie steht in
regsten Wechselbeziehungen zu den Nervenzentren und vor allem zu der
Geschlechtstätigkeit. Ebenso wie sie durch Rötung, Blutfülle, Schwitzen
usw. an den Geschlechtserregungen teilnimmt, wird sich die organische
Erschlaffung auch durch herabgesetzte Hautarbeit kennzeichnen. Es fehlt
der Haut die pralle, blutreiche Straffheit. Sie beteiligt sich nicht
mehr regsam genug am allgemeinen Stoffwechsel, verliert ihre Fähigkeit,
sich zusammenzuziehen und auszudehnen und dadurch der wechselnden
Witterung und plötzlichen Kälteeinflüssen sich anzupassen. Sie fröstelt
leicht, es bilden sich krankhafte Schweiße, und namentlich im Kreuzteil
des Rückens ist der Wechsel von heiß und kalt und jenes angstvolle
Schwächegefühl oft eine ständige Erscheinung. Die Unreinlichkeiten der
Haut, Pickel, Ausschläge, die schon während der jugendlichen Onanie so
bezeichnend sind, kann man bei den geschlechtlich erschlafften Menschen
oft im ganzen Leben beobachten. Das Haar verliert seinen Glanz und seine
Triebkraft, und bald beginnt es grau zu werden oder auszufallen. Daß wir
heute Kahlköpfe selbst unter den jungen Leuten sehen, ist kein
Ruhmeszeichen für unser deutsches Volk. Denn wenn schon die Jugend
Erscheinungen des Alters trägt, dann hat das Volk den Weg abwärts
beschritten.
Der Haarausfall hängt ganz sicherlich auch mit der Verminderung der
ausdünstenden Tätigkeit der Haut zusammen, deren Gleichmäßigkeit eine
notwendige Bedingung der Gesundheit ist. Der durch die erschlafften
Gewebe bewirkte unvollkommene Stoffwechsel stellt eine Vergiftung des
Körpers durch chemische und gasförmige Stoffe dar, die den Haarboden
zerstören. Ebenso bedeutet aber auch die krankhafte Schweißbildung, die
in den Folgen des geschlechtlichen Mißbrauches auftritt, eine nervöse
und Gewebserschlaffung.
Da nun das Leben und die mancherlei Berufe große Anforderungen an die
Nervenkraft stellen, denen der geschwächte Organismus nicht mehr gewachsen
ist, so sehen wir bald das Bild der Nervosität in all den trüben Farben,
die uns jeder Tag und sozusagen jeder Mensch zeigt. Schlaflosigkeit,
Unruhe, Zerfahrenheit, Zerstreutheit, Gedächtnisschwäche, Mangel an
Konzentration und Willenskraft, Melancholie und alle diese Feinde eines
gesunden, frischen Lebens stellen sich ein, die geistige Schwungkraft und
Arbeitsfreudigkeit der Jugendjahre schwinden. Die Denkkraft vermindert
sich, und der Kampf zwischen Wollen und Können endet oft in der bitteren
und verzweifelten Erkenntnis des Nichtmehrkönnens.
Wie viele sind es schon, die mir diesen beklagenswerten Zustand erzählt
haben, viele, die ganz genau wissen, wie geistig munter sie früher
waren, und welch ein geistiges Wrack sie nun geworden sind! Wie vielen
habe ich in dieser Lage schon Trost und Mut und Rat für eine
Lebensführung geben können, die den Körper wieder kräftigt[1].
Auch die Lungen und Bronchien leiden unter den erschöpfenden Erregungen
und dem Samenverlust. Ist die Lunge von Haus aus schwach, so kann sie
ernstlich erkranken. Ein durch sinnliche Fehler erschöpfter Organismus
ist ganz sicher ein besserer Angriffspunkt für die Tuberkulose, für
Lungenentzündung und für ungünstige klimatische Einflüsse als ein
vollsaftiger Organismus.
Die krankhaften Veränderungen des Seelenlebens, Gereiztheit,
Launenhaftigkeit, Übelnehmen, Einbildung, Trübseligkeit und dergleichen
machen den Menschen sich selbst und gegenseitig das Leben schwer.
Wenn wir dann diese Veränderung des Charakters und die Abschwächung des
Willens sorgfältig beobachtend verfolgen, so ist es durchaus einleuchtend,
daß bei einem so untergrabenen körperlichen und sittlichen Fundament
gewisse angeborene krankhafte Neigungen, wie Unverträglichkeit,
Gehässigkeit, Neid, Trägheit, ja selbst verbrecherische Triebe, eine
Steigerung erfahren können. Der Mensch und sein Leben sind nichts Fertiges
und Unveränderliches, sondern sind ein immerwährendes Werden, ein Etwas,
das sich aus Anlage und äußeren Einflüssen werdend ergibt. Sind die
körperlichen Grundlagen erschüttert und die sittlichen Hemmungen
geschwächt, so wird es einer krankhaften oder verbrecherischen Neigung
leichter gemacht, zu triumphieren. Das erscheint mir durchaus logisch und
bestätigt sich auch durch die Erfahrung. Überall hat die Onanie einer
schlechten Anlage Vorschub geleistet.
Und wenn dann dem großen Wollen und Wünschen im Leben sich Schwäche und
Krankheit in den Weg stellen, wenn die frühzeitige Erschlaffung sich
körperlich und geistig bemerkbar macht und der Organismus, den Blick auf
das Lebensziel gerichtet, auf halbem Wege zusammenbricht, dann zieht oft
trostlose Verzweiflung ins Gemüt. Reue und Selbstanklagen zermartern den
Sinn; denn es wurde ja vorzeitig im Leben die Kraft vergeudet, die all
dies große Wollen zur Tat werden lassen sollte.
Die Reizempfänglichkeit des Körpers wird mehr und mehr auf
geschlechtliche Eindrücke eingestellt, und er beantwortet schließlich
mit geschlechtlicher Erregung auch solche Reize, die keinerlei
geschlechtlichen Charakter tragen und an einem gesunden Organismus
spurlos vorübergehen. Diese häufige Geschlechtserregung halten viele in
einem bedauerlichen Wahn für Kraft. Sie ist aber meist das Gegenteil,
ist nervöse Schwäche.
Diese häufigen Erschütterungen von Rückenmark und Gehirn, an denen alle
Organe, Herz, Lungen, Magen, Leber, Haut usw. teilnehmen, können
schließlich jene äußerste Schwächung des Nervensystems im Gefolge haben,
die wir als Neurasthenie kennen, und die mit ihren Erscheinungen endlich
auch in das geschlechtliche Leben hineinragt, weil sie die
geschlechtliche Kraft zu vermindern und mancherlei Störungen
hervorzurufen vermag.
Von diesen Störungen erwähne ich vor allem die Pollutionen, jene
nächtlichen Samenergüsse, die als Zeichen der Lendenmarksschwäche
häufiger auftreten. Sie werden ausgelöst durch viele äußere und innere
Reize, die an sich ganz unbedeutend sein können und beim Gesunden auch
tatsächlich keinen Eindruck machen. Hier aber wird der Schlaf sehr durch
wollüstige Träume gestört, und Samenergüsse vermehren die allgemeine
Mattigkeit und das Gefühl des körperlichen Elends.
Der durch die sinnlichen Verirrungen bewirkten krankhaften
Geschlechtserregung folgt fast mit Sicherheit im späteren Leben ein
frühzeitiges Sinken der Geschlechtskraft. Und dieser disharmonische,
unnatürliche Zustand, der das ganze Volk durchzieht, raubt den Menschen
viel Liebesglück und Daseinsfreude und den Ehen sehr viel, oft alles,
von der inneren Poesie.
Bei der ausgedehnten und sehr feinen Durchnervung des gesamten
Geschlechtssystems muß ja das Nervensystem unter geschlechtlichen
Fehlern am meisten leiden. Das macht sich in der oft so grenzenlos
matten und verzweifelten Stimmung bemerkbar, in ihrer raschen
Wandelbarkeit und Sprunghaftigkeit, sowie in einer Reizbarkeit oder
Abgestumpftheit der Sinne. Namentlich Augen und Ohren leiden. Denn
während einerseits Sehschwäche, und zwar Kurzsichtigkeit, ganz
sicherlich in vielen Fällen auf heftige Onanie zurückzuführen ist,
finden wir andrerseits das Ohrensausen als ein ganz außerordentlich
verbreitetes Zeichen nervöser Störungen. Auch der Geschmack leidet und
richtet sich darum oftmals auf ganz merkwürdige Dinge. Vor allem ist oft
das Sättigungsgefühl verloren, und dadurch kommt es zu überstarker
Nahrungsaufnahme.
Nicht jeden trifft's so schwer. Und wen die Vererbung mit großer Kraft
bedachte, der vermag noch Leistungsfähigkeit ins spätere Leben
hinüberzuretten. Aber doch sollte niemand die Gefahr verkennen und mit
leichtem Sinn und scherzendem Wort über diesen tiefinneren Zusammenhang
zwischen Geschlechtskraft und Lebensaufbau, zwischen Geschlechtsmißbrauch
und Lebenszerfall hinweggehen.
Wer nicht direkt und unmittelbar den Schaden der Kraftvergeudung
verspürt, der darf darum nicht sagen, es habe ihm gar nichts geschadet.
Denn in den Gesetzen des Nervenlebens liegt es, daß die feindseligen
Reize zunächst eine Kraftsteigerung bringen, der aber früher oder später
das Niedergehen der Kraft folgt. Der Kräftige hat freilich mehr
Widerstand als der Schwächling, aber wohl jeder wird an einen Zeitpunkt
gelangen, wo mit einem Male seine Widerstandskraft gegen Arbeit, Unruhe,
Klima und Temperatur, schwerere Speisen, Ärger und dergleichen geringer
wird und er mehr oder weniger klar empfindet, wie eng das mit der
Kraftverschleuderung in den Jugendjahren zusammenhängt.
Das Geschlechtsproblem löst sich nicht allein in der Zeugung und
Fortpflanzung. Nach außen zwar läßt die Geschlechterliebe in der Tiefe
der Leidenschaft ein neues Menschenleben entstehen. Aber ich wies schon
darauf hin, daß in ihrer inneren Wirkung die Geschlechtlichkeit sowohl
den männlichen wie den weiblichen Charakter ausgestaltet. Werden die
Organe, in denen der Zeugungsstoff entsteht, also beim Manne die Hoden
(Samenbereiter), auf operativem Wege entfernt, wie es bei der Entmannung
in den morgenländischen Völkern und teilweise auch bei abendländischen
geschah und geschieht, so sehen wir von derselben Stunde an eine völlig
andere Entwicklung des betreffenden Individuums. Es entsteht ein von
Grund aus anderer Charakter, der etwas Rückschrittliches,
Unentwickeltes, darstellt und teilweise unangenehme Züge aufweist.
Hier haben wir einen glänzenden Beweis für die entscheidende Bedeutung
des Geschlechtlichen im Menschenleben. Und wir erkennen, daß der
Geschlechtsmißbrauch auch eine Art Entmannung ist; denn er ist Verlust
der Kraft auf andere Weise.
Die Wissenschaft hat den hochwichtigen Beweis erbracht, daß der Körper
in seinem Innern außer den Keimzellen in den Keimdrüsen noch durch
einige andere Drüsen, die an der Entstehung des Geschlechtsempfindens
mitbeteiligt sind, einen chemischen Stoff erzeugt, der im ganzen Körper
anregend und belebend wirkt. Darum verstehen wir, warum die aufkeimende
Liebesempfindung des einen Menschen zum andern so wunderbar fördernd auf
ihn selber wirkt. Darum eben erkennen wir in dem Liebes- und
Geschlechtsempfinden die Quelle alles Empfindens, alles Denkens und
aller Kraft überhaupt. Es ist der geheimnisvolle Urquell all der
wunderbaren Spannung, die die Jugend vor dem Alter auszeichnet. Gerade
darum aber wirst du auch verstehen, warum diese jugendliche Spannung,
diese Kraft und Frische, dieser schnell erfassende Geist, dieser rasche
Entschluß, dieser feste Wille, dieser Reichtum des Empfindens, warum das
alles schwinden und der trübseligen Schwäche Platz machen muß, wenn in
der häufigen Onanie die Zeugungskeime verschwendet werden und jenem
wunderbaren chemischen Lebensstoff der Weg zu seiner Wirksamkeit verlegt
wird.
Von allen Seiten türmen sich Gründe auf, aus denen du selbst den Schluß
ziehen kannst, daß die geschlechtliche Reinheit, das Freisein von
geschlechtlicher Ausschweifung, die wichtigste Entwicklungsfrage deiner
Jugend ist.
8.
Die Hoffnung auf neue Kraft.
Glaube nicht, daß ich in irgendeinem Punkte übertrieben habe, oder daß
ich nur deshalb übertrieb, um dich von falschem Tun abzuschrecken. Und
wenn du schon ein Opfer krankhafter geschlechtlicher Erregungen wurdest,
so möchte ich nicht, daß meine Worte in dir Verstörung, Angst und
Verzweiflung erregen. Das, was geschah, war nicht gut, war schädlich.
Gewiß! Aber laß es dich nicht niederdrücken! Trage nicht die Ketten
trüber Erinnerungen mit dir herum, sondern schau auf die nächste
Zukunft. Wir Menschen irren viel. Und wenn's geschah, soll die
Erkenntnis niemanden niederdrücken, sondern Mut und Entschluß geben zu
einem kraftvolleren, gesunderen Leben. Der Wille zum Guten muß vorhanden
sein, der rasche, frische Wille. Laß dich das Bild der Folgen nicht
niederdrücken, aber laß es dir den energischen Entschluß geben, von
heute ab den ruhigen, verständigen Kampf gegen die einsame Verirrung
aufzunehmen.
Zähme deine Ungeduld und lasse nicht erneute Trostlosigkeit einziehen,
wenn die Schäden der Verirrungen nicht gleich verschwinden. Es braucht
dazu oft viel Zeit und viel Geduld. Nicht jeder kehrt wieder zur
ursprünglichen Kraft zurück. Wenn's auch bei dir so ist, so wisse, daß
dein Leben sich den krankhaft veränderten Verhältnissen in deinem
Organismus anpassen muß. Verringerte Kraft bedingt ein weniger
ergiebiges Leben. Dies alles, also die Grundlagen deiner zukünftigen
Lebensweise, lernst du kennen aus _Dr._ ~Alfred Damms~ Reizlehre, und du
kannst sie aufmerksam studieren in meinem Buche »Der nervöse Mensch«.[2]
Lasse dich nicht täuschen durch die Anpreisung von Heilmitteln und von
Stoffen, die entweder nur vorübergehend als Reiz wirken und Gesundung
vorspiegeln oder aber einige Erscheinungen unterdrücken und dadurch zu
einem weniger sorgfältigen Leben Anlaß geben, während doch zugleich die
Schwäche weiter und geheimnisvoller sich im Körper einnistet. Viele
solcher Mittel und Medikamente erhöhen nur den Geschlechtstrieb. Aber es
folgt später eine um so tiefere Erschlaffung. Die Gesundung und
Kräftigung kann immer nur aus dem Organismus selbst kommen, aus seinem
verbesserten und vorsichtig überwachten Lebensbetrieb. Das ist ein zwar
langer und langsamer Weg, aber einer, der sicher zum Ziele führt.
Versuche nur niemals durch Reizmittel und starke Antriebe irgendwelcher
Art deine Schwäche zu überwinden. Denn oft liegt gerade in dem Gefühl
der Schwäche ein Bestreben des Körpers, Herr zu werden über einen
krankhaften Vorgang, einen Überreiz zu beseitigen, eine besondere
Anpassung oder Absonderung zu bewirken. Aus jenem obengenannten Buche
über das Nervenleben wirst du erkennen, daß der Organismus ein
einheitliches Getriebe ist, und daß alle günstigen oder ungünstigen
Einflüsse nicht nur ein einzelnes Organ, sondern das ganze System
treffen. So kann also die Kräftigung nur eine allgemeine organische,
langsame, aber umfassende sein.
9.
Die Kräftigung nach jugendlichen Verirrungen. Die Bekämpfung krankhafter
Sinnlichkeit.
Was soll ich nun tun, um mich wieder zu kräftigen? Und wie werde ich des
Triebes Herr, der mich quält und unruhig mir im Fleisch sitzt? --
Diese Frage liegt dir auf den Lippen, und ich höre sie von Tausenden
deiner Altersgenossen. Auch darüber wollen wir sprechen.
Der Trieb kommt aus dem Fleische, aus dem chemisch-physikalischen
Getriebe des Körpers, und darum ist es wohl ein Gebot der Klugheit, ihm
zunächst mit den Waffen der körperlichen Pflege und der gesundheitlichen
Zucht beizukommen.
Das wird nicht von allen Seiten anerkannt, und es gibt Leute, die viele
Worte machen und dicke Bücher schreiben, und entweder an der Onanie und
den einsamen Leiden junger Menschen mit ein paar Worten vorbeigehen oder
aber das Körperliche dabei kaum beachten. Ich will diesen Leuten keinen
Vorwurf machen, so sehr der Ernst der Sache es rechtfertigen würde. Aber
ich sage es, um dich ganz besonders auf die körperliche Entstehung des
Geschlechtstriebes und damit auf die körperlichen Heilungsmöglichkeiten
der Onanie hinzuweisen.
Pflege deinen Körper! Halte dich gesund und frisch und straff! Ich sagte
dir schon, daß ein geschwächtes und darum reizbares Nervensystem den
sinnlichen Anreizen, die von überall herkommen, und die man nicht alle
abwehren kann, keinen Widerstand entgegenzusetzen vermag. Es erliegt der
geschlechtlichen Erregung. Der gesunde Körper, der Mark und Saft hat,
bleibt eher im Gleichgewicht. Alles Gesunde ist in sich ruhig.
Was gehört zur gesunden Lebensführung?
Nichts weiter, als die einfache Befolgung der Naturgesetze, die sich für
den Menschen aus der vergleichenden Naturbeobachtung ergeben. Ein
gesunder Gebrauch der Kräfte und Organe, damit sie in ruhiger,
gleichmäßiger Anstrengung erstarken.
Aus Atmung, Ernährung, Muskelarbeit und Ausscheidung setzt sich das
körperliche Leben zusammen.
Atme planmäßig, tief und ergiebig. Besser, als du es bisher getan, und
gründlicher, als es die meisten Menschen tun. Atmung ist Leben. Die
Atmung ist die dynamische, das heißt die Antriebskraft für den ganzen
Organismus. Von hier aus gehen die feinen Schwingungen, die überall die
Organe zur Tätigkeit anregen. Der Atem ist Stoffwechsel. Denn wir
entnehmen der Luft den belebenden Sauerstoff, das Brennmaterial des
Lebens, und befreien im Ausatmen den Körper von der giftigen
Kohlensäure. Die Kohlensäure ist ein lähmendes Gift, das, wenn es
zurückgehalten wird, den Körper erschlafft, den Aufbau in den Geweben
hemmt, den Geist träge macht und durch all dies der Geschlechtserregung
die Tore öffnet. Tiefes Atmen, namentlich energisches Ausatmen, befreit
den Körper von der Kohlensäure.
Darum atme grundsätzlich dreimal jeden Tag etwa 10 bis 15 Minuten lang
tief und ergiebig ein und aus. Etwa morgens gleich nach dem Erwachen,
mittags vor dem Essen und abends vor dem Schlafengehen. Nimm dabei eine
aufrechte Haltung mit zurückgebogenen Schultern an, und wenn du glaubst,
gut ausgeatmet zu haben, dann versuche zum Schlusse noch -- ohne neuen
Atem zu nehmen -- den Buchstaben _e_ langsam singend herauszupressen,
solange du kannst, dann wird der letzte Rest verbrauchter Luft aus der
Lunge entfernt sein, und du kannst die wundersame Saugkraft deiner
Lungen wieder in einem nun um so tieferen Atemzug bewundern.
Du wirst mir für diesen Rat dankbar sein, wenn du erkennst, welche
Wunder solch ein tiefes, planmäßiges und vor allen Dingen tägliches
Atmen an Körper und Geist zuwege bringt.
Die zweite -- und sicherlich die wichtigste -- Forderung liegt in der
Ernährung.
Die Nahrung soll den Körper aufbauen, ihm seine Wohlgestalt und die
Kraft zur Arbeit geben.
Als die erzeugende Substanz der Kraft gilt das Eiweiß. Und weil davon
das Fleisch besonders viel enthält, so ist seit langem in der
Wissenschaft, und von da aus in den allgemeinen Anschauungen, der Satz
feststehend, daß Fleisch = Kraft sei. Die praktische Folge davon ist,
daß alle Welt gern und viel Fleisch ißt. Je mehr das Volk in seiner
Gesamtheit degeneriert, desto mehr sucht es durch Fleischnahrung seiner
sinkenden Kraft aufzuhelfen.
Das ist verständlich, so groß auch wohl der Irrtum ist. Und die
Vegetarier, das sind die ohne Fleisch und nur von Pflanzenkost lebenden
Menschen, haben durch glänzende Siege bei sportlichen und gymnastischen
Veranstaltungen längst jenen alten Satz der Medizin widerlegt. Unter den
Siegern bei solchen Veranstaltungen sind die meisten Vegetarier.
Jedes Nahrungsmittel hat seine ganz bestimmte chemische Zusammensetzung,
und jeder von diesen chemischen Stoffen hat eine besondere Wirkung auf
den Körper und damit auch auf den Geist. Sie können nun so wirken, daß
sie die Blutbeschaffenheit beeinflussen, oder so, daß sie direkt das
Nervensystem erregen, und schließlich so, daß sie bei der Ausscheidung
ihrer Stoffwechselreste durch die Nieren ~reflektorisch~ erregen, d. h.
erst die Schleimhäute der Harnwege und von diesen aus die
Geschlechtsnerven erregen. In jedem Falle kann ein erregender Einfluß
auf die Geschlechtsempfindungen zustande kommen, und das können wir vom
Fleisch mit Bestimmtheit behaupten.
Es wäre mit dem Fleisch nicht gar so schlimm, wenn man nicht zwei
Übelstände nebeneinander sich ausbreiten sähe. Die Grenzlinie für eine
normale, ausreichende Ernährung hat sich längst verschoben, und die
Menge dessen, was viele Menschen essen, geht weit über das Maß des für
sie Zuträglichen hinaus. Namentlich wird zu viel Fleisch gegessen.
Andererseits fehlt aber das für eine solch starke Nahrungsmenge
notwendige Maß von Bewegung, zumal Fleischnahrung an und für sich träge
macht. So kommt also eine schädliche Wechselwirkung zustande.
Die Pflanzenkost verlangt wegen ihres größeren Darmballastes mehr
körperliches Bewegen; aber sie befähigt dazu auch in weit höherem Maße,
denn Pflanzenkost macht den Körper frischer und beweglicher, den Geist
und den Willen frischer und mobiler. Pflanzenkost hält auch die
Darmtätigkeit rege, während starke Fleischnahrung nach einiger Zeit
Darmträgheit, also Verstopfung, im Gefolge hat. Dadurch entstehen
giftige Gase, die die Gewebe durchdringen und reizend und erregend auf
die Geschlechtsnerven einwirken. Das tut ja nun das Fleisch schon an und
für sich, und zwar durch Stoffe, die ohnehin in ihm enthalten sind, und
durch andere Stoffe, die durch den Vorgang des Schlachtens oder
denjenigen des Jagens in dem getöteten Tier erzeugt worden sind, und die
man schlechthin als »Angststoffe« bezeichnen kann. Das Vorhandensein und
die Wirkung dieser Angststoffe ist durchaus keine Phantasie, sondern
eine durch nichts hinwegzudisputierende Tatsache. Jedem geistigen
Vorgang geht ein bestimmter Stoffwechselvorgang parallel. Spritzt man
den Angstschweiß eines gejagten Tieres einem anderen ins Blut, so kann
dasselbe sterben. Ja, das geängstete Tier kann ebenso wie der geängstete
Mensch am Herzschlag sterben. Das ist nur und ausschließlich die Wirkung
der freigewordenen giftigen Angststoffe.
Es ist verständlich, daß diese im Fleisch enthaltenen, durch das Töten
vermehrten Stoffe auch auf den Menschen ihre reizende und erregende
Wirkung entfalten. Dieser Reiz ist, weil widernatürlich, ein Überreiz,
und er wirkt überall da am stärksten, wo die Widerstandsfähigkeit am
geringsten ist. Wer zur Trägheit neigt, wird durch das Fleisch noch
träger, wer jähzornig ist, wird durch das Fleisch noch mehr gereizt, und
so wird durch das Fleisch auch die geschlechtliche Reizbarkeit
gesteigert und die Onanie gefördert. Der Fleischgenuß soll also auf das
geringstmögliche Maß herabgesetzt oder ganz ausgeschaltet werden.
Es ist recht interessant, daß Kinder, die frühzeitig lebhaft nach
Fleisch verlangen, zu frühzeitigem geistigem und körperlichem Verfall
neigen, während andererseits Kinder, die sich dem Fleisch widersetzen,
eine kräftigere, ruhigere, überhaupt normalere Entwicklung nehmen.
Besonderer Gunst erfreut sich ja das Wildbret (Hasen-, Rehbraten
u. dergl.). Und doch ist gerade von unserem Gegenstand aus vor dem
Fleisch des Wildes zu warnen. Denn abgesehen davon, daß das Wild vor dem
Tode gehetzt wurde, läßt man es meist vor der Zubereitung noch tage-, ja
wochenlang (drei Wochen!) »abhängen«, um einen bestimmten Geschmack zu
erzeugen, den man »_haut goût_« nennt. Dieser Geschmack ist aber nur die
Folge eines Zerfall- (Verwesungs-) Vorganges, der bestimmte
Zerfallsstoffe freiwerden läßt, deren Geruch und Geschmack dem
unverdorbenen Menschen höchst widerlich sind, deren aufreizende Wirkung
auf den Organismus jedenfalls sehr stark ist und nicht in Frage gestellt
werden kann. Denn ausgesprochenermaßen ist das ja der Zweck des
Wildbretgenusses.
Noch vorsichtiger sollen alle diejenigen, die unter geschlechtlichen
Anfechtungen leiden, mit dem Genuß von Wurst sein. Abgesehen davon, daß
sie ein recht teures und an Nährwert dem Preise durchaus nicht
entsprechendes Nahrungsmittel ist, wird einigen und gerade den besseren
Sorten recht viel Gewürz (Pfeffer, Salz usw.) beigemengt, dessen Wirkung
auf die Geschlechtserregung durch alltägliche Beobachtung bewiesen wird.
Viel Aufhebens wird ja in der Ernährung des Volkes von Fleischbrühe und
Fleischextrakt gemacht. Erstens herrscht darin die gedankenlose
Überlieferung und zweitens die suggestive Macht der ungeheuren Reklame,
die für künstliche Fleischextrakte gemacht wird. Es muß gesagt werden,
daß der Gehalt an eigentlichen Nährstoffen bei der Fleischbrühe nur
sehr, sehr gering ist, und man die anregende Wirkung nur jenen
Auszugsstoffen zuschreiben muß, über deren reizende und erregende Rolle
wir schon sprachen. Wenn die Fleischbrühe hier und da im medizinischen
Sinne als Reizmittel Verwendung findet, so hat das seine Gründe. Als
Nahrung aber ist die »Bouillon« nicht das, was man von ihr hält. Sie
gehört mit zu jenen inneren Geschlechtsreizen, die um so gefährlicher
werden, je weniger man sie in ihrem Wesen kennt, je häufiger und
gedankenloser man sie also verwendet. Wer über seine Sinne wachen muß,
der darf sich nicht am guten Willen genügen lassen, sondern muß jene oft
handgreiflichen Triebkräfte seiner sinnlichen Erregbarkeit abstellen,
damit nicht der Geist den Kampf gegen das -- »Fleisch« im doppelten
Sinne zu führen hat.
Auch andere Nahrungsmittel gibt es, die in diesem Sinne keineswegs
unbedenklich sind. Ich nenne vor allem die Eier. Sie scheinen die
Samenerzeugung zu steigern, haben aber besonders eine Wirkung auf den
Blutdruck. Hoher Blutdruck drängt gewissermaßen zur geschlechtlichen
Entspannung, durch die er herabgesetzt wird, weshalb alles, was ihn
steigert, vermieden werden sollte. Das chemische Medium dabei sind die
Alkaloide, die als »Harnsäure« eine nach verschiedenen Richtungen hin
krankmachende Wirkung entfalten. Sie sind aber auch im Kaffee und im Tee
enthalten, weshalb diese Getränke jedenfalls nicht gewohnheitsmäßig und
nicht in starkem Aufguß genossen werden sollten. Ein schwacher Tee ist
weitaus besser als der übliche Kaffee, der bei den meisten Menschen ganz
bedenklich die Magenarbeit stört, die Nerven erregt und bei jungen
Menschen recht geeignet ist, sinnliche Bilder in die Phantasie
hineinzuspiegeln.
Gewürze sind über ein gewisses Maß hinaus zu verwerfen. Denn als
Fremdstoff üben sie eine reizende Wirkung auf die Geschlechtsnerven aus.
Werden die Nahrungsmittel, besonders die Salate und Gemüse, richtig
zubereitet, so verlangen sie nicht einmal so viele Gewürze, aber gerade
weil man in der Ernährung den Boden des Einfach-Notwendigen verlassen
und sich oft zur sogenannten »Delikatesse«, zur Feinschmeckerei, zur
Raffiniertheit verstiegen hat, hat man den Geschmack an einfachen und
natürlichen Nahrungsmitteln verloren und das Nervensystem in einen
beständigen Aufruhr, in eine »Süchtigkeit« versetzt, die heftig das
verlangt, an das es gewöhnt wurde, wenn es auch falsch war. An diesem
Aufruhr ist das Geschlechtsempfinden beteiligt. Es wird aus der gesunden
Ruhe aufgescheucht, zu krankhafter Erregung getrieben, und es wäre recht
gut und förderlich, wenn alle die jungen Menschen, die in heißem Ringen
um ihre sittliche Würde immer wieder der geschlechtlichen Anfechtung
verfallen, ganz sorgfältig die Nahrung prüfen würden, damit die inneren
Geschlechtsreize unterbunden werden, bevor man den sittlichen Willen in
den Kampf schickt.
Man darf behaupten, daß eine vegetarische Diät weit mehr den natürlichen
Lebensgesetzen des menschlichen Organismus angepaßt und darum nach jeder
Richtung hin geeignet ist, Unruhe und Krankheit aus dem Körper zu
beseitigen und normale, ruhige, gesunde Verhältnisse wiederherzustellen.
Dem menschlichen Geschlechtsleben ist der starke Fleischgenuß
verderblich gewesen, und eine Rückkehr zu einfacher Pflanzennahrung wird
wieder gesunde Ruhe und ruhige Kraft bringen.
Kennst du so die gefährliche Wirkung der mit der Nahrung eingeführten
Reizstoffe, so mußt du auch daran denken, daß die Resterzeugnisse des
Verdauungs-, Assimilations- und Stoffwechselvorganges gerade wegen ihres
Zerfallscharakters auch nichts anderes als schädliche Reizstoffe sind.
Sie müssen den Körper sobald wie möglich verlassen. Nur dann, wenn es
geschieht, kann man von einem gesunden Stoffwechsel sprechen. Es
geschieht aber nicht immer, und die Zahl der Menschen ist Legion, die an
Darmträgheit oder Verstopfung leiden.
Über die Ursachen dieses Übels sprachen wir schon. Zu viel Fleischkost
und zu wenig Bewegung, also nervöse und Muskelerschlaffung. Später wird
die Darmerschlaffung eine Folge des geschlechtlichen Mißbrauches in der
Jugend. Mit diesen Ursachen kennen wir zugleich auch die Mittel zur
Beseitigung. Notwendig ist diese; denn der gefüllte Darm übt rein
mechanisch einen Druck aus, der sich in Geschlechtserregung auslöst.
Grobes Brot (Schrot-, Graham-, Simons- oder Molkenbrot), Gemüse, Salate
und reichlich Obst führen in den meisten Fällen eine gute Darmtätigkeit
herbei.
Auch die gefüllte Blase steigert auf reflektorischem Wege den
Geschlechtsreiz, und namentlich junge Männer haben am Morgen beim
Erwachen meist Gliederregungen, die mit dem Harndrang zusammenhängen.
Ist die Harnblase entleert, so ist meist auch die Erregung verschwunden.
Im Hinblick darauf sollten junge Männer es vermeiden, am Abend viel zu
trinken. Das Trinken ist ja schon an sich sinnlos, aber für die
Zurückdrängung der Sinnlichkeit besonders zu beachten.
Den alkoholischen Getränken gegenüber entschließest du dich am besten zu
vollkommener Enthaltsamkeit. Bier, Wein, Schnaps, Liköre und dergleichen
haben keinen Wert als Nahrungsmittel und werden darin von den
allereinfachsten Dingen wie Milch, Brot, Käse, Obst und Obstsäften
übertroffen. Als Reizmittel aber sind sie dem Nervensystem verderblich,
dem Geschlechtstrieb gefährlich, und darum ist es sinnlos, sie zu
trinken. Im Kampf mit dem Geschlechtstrieb muß man solche gefährlichen
Gegner, wie den Alkohol, zu allererst verscheuchen.
Ich will an dieser Stelle einiges über das Bett sagen; denn auf sein
Schuldkonto ist manches von den sinnlichen Verirrungen zu setzen. Mit
zunehmender Kultur wurden Unter- und Oberbett und auch die Kissen immer
weicher, schmiegsamer. Dadurch wird die Berührung dieser Dinge mit dem
Körper inniger, und das ist angesichts der großen Empfindsamkeit der
äußeren Nerven nicht unbedenklich. Es entsteht unter den Federbetten
eine Wärmestauung, und Wärme steigert überall das Empfinden. Wenn nun
aus gesteigerter Wärme und äußeren Tastreizen sinnliche Träume
entstehen, so geschieht es leicht, daß die Hände die geschlechtlichen
Organe berühren und eine Geschlechtserregung unbewußt im Schlafe oder
auch bewußt herbeiführen. Mancher junge Mensch wacht plötzlich vom
Schlafe auf in einem Augenblicke, wo der onanistische Akt ganz oder
teilweise vollführt ist.
Diese Gefahr ist ganz besonders groß morgens kurz vor oder nach dem
Erwachen, wo die gefüllte Harnblase eine Erregung verursacht und die
Bettwärme sinnliche Bilder entstehen läßt. Am Morgen ist namentlich bei
nervösen oder sonstwie leidenden Menschen die allgemeine Kraft und
besonders die Willenskraft noch gering. Beide wachsen erst an den
Arbeitspflichten des Tages. In dem Träumen und Hindämmern im Bett nach
dem Erwachen liegt etwas riesig Gefährliches, und es hat wohl schon
ungezählte Tausende von jungen Menschen ihrem guten Vorsatz entfremdet.
Es gilt hier, wie in so vielen Gefahren des Lebens, der Satz.
»_Principiis obsta_«. Widerstehe dem Anfang! Wenn du erwachst, so erhebe
dich mit einem mannhaften Entschluß! Stehe frisch entschlossen auf,
kleide dich an, bewege dich und beginne zu arbeiten. Gib dich nicht eine
Sekunde dem sinnlichen Hindämmern hin. Es ist immer ein Ringen zwischen
Trieb und Wille. Je mehr du den sinnlichen Trieb träumend ansteigen
lässest, desto schwächer wird dein Wille, bis er schließlich ganz
unterliegt. Mache es dir vor allem zum ~eisernen Grundsatz~, die
Geschlechtsorgane nur dann zu berühren, wenn die Notdurft des Leibes es
verlangt, ~sonst unter keinen Umständen~. Jenes Spielen, das die
angenehme leichte Erregung herbeiführt, ist wie ein Zunder in einem
Explosionsstoff. Du willst nicht die Explosion, aber es glüht und glüht,
bis mit einem Male dein Wille und dein moralischer Widerstand
zusammenbrechen unter der angetriebenen Sinnlichkeit, und es -- wieder
einmal geschehen ist. _Principiis obsta!_ Widerstehe dem Anfang!
Auch Krankheitserscheinungen mancherlei Art gibt es, die
geschlechtsreizend wirken. Von den schweren Leiden, wie
Lungenschwindsucht, mit ihrer oft verzehrend-fieberhaften Sinnlichkeit,
will ich nicht sprechen. Wohl aber von örtlichen Störungen in der
Geschlechtsgegend, die von einem mehr oder weniger heftigen Juckreiz
gefolgt sind. Entweder finden sich dann Darmparasiten, Eingeweidewürmer
mancherlei Art, oder es handelt sich um Hautmilben oder Hautleiden,
welch letztere von Blasen-, Knötchen- oder Borkenbildung gefolgt sind
und ein oft fürchterliches Jucken und Kratzen veranlassen. Wohl immer
sind dies Folgen von Unsauberkeit, und der wohlmeinende Hygieniker hat
ernstlich darüber Klage zu führen, daß die wohltätige und
gesundheitswichtige Gewohnheit des Badens noch nicht genügend weit im
Volke verbreitet ist. Auf ein einmaliges Bad in der Woche bildet man
sich schon mancherlei ein. Aber für junge Menschen, die über
geschlechtliche Anfechtungen klagen und sich von der Onanie befreien
oder freihalten wollen, genügt das keineswegs. Sie sollten die gar zu
warmen Bäder meiden und allabendlich eine Waschung des gesamten
Unterleibes einschließlich der Oberschenkel und des unteren Rückens mit
kühlem Wasser machen und könnten, wenn die sinnliche Erregung nur schwer
zu bändigen ist, diesem Wasser etwa ein Fünftel Kampferspiritus
beimengen; das kühlt und beruhigt. Namentlich ist es dem jungen Manne
ratsam, den vorderen Teil des Gliedes, die Eichel, öfter durch
Zurückziehen der Vorhaut freizulegen und kühl abzuwaschen. Dadurch
entfernt man jenen Ausscheidungsstoff, der sich hier festsetzt und die
Geschlechtsnerven reizt.
Die kluge Gewohnheit des Badens wird an Wert und gesundheitlicher
Bedeutung noch übertroffen durch das Luftbad. Es schließt eine
natürliche Form des Lebens in sich und bringt viel Kraftsteigerung für
das Nervensystem. Es gehen viele ins Luftbad, die krank sind und sich
von ihren Leiden befreien wollen. Aber klüger ist es wohl, schon -- ehe
man krank geworden -- einen Teil der Jugendjahre im Luftbade
zuzubringen, um im kräftigenden Reiz der atmosphärischen Luft, im freien
Lauf und im frisch-fröhlichen Spiel die sinnliche Lust einzudämmen und
umzuwandeln in Spannkraft des Körpers und des Geistes. Die sitzende
Lebensweise in den Schulen, Bureaus, Werkstätten und Fabriken führt zu
einer Stockung des Blutes und der Säfte in den inneren Organen und zur
Erschlaffung der Muskeln und der äußeren Haut; das häufige Luftbaden
schafft gründliche Änderung darin und bringt, namentlich wenn es
grundsätzlich auch im Winter im Freien genommen wird, mit der Abhärtung
zugleich auch einen frischen offenen Sinn, der es für verderblich und
unmännlich halten muß, sich schlaffen, sinnlichen Träumereien
hinzugeben.
Um im Luft- und Sonnenbade ganz richtig zu handeln, dir nicht zu
schaden, lies mein Buch »Die Heilkraft des Luft- und Sonnenbades.
Rationelle Körperpflege durch Luft, Licht und Wasser«[3]. Du findest
darin eine ganz eingehende Darstellung dieses vornehmsten
Gesundheitsmittels und genaue Anweisungen für dein Verhalten.
Da, lieber Leser, sind wir überhaupt bei der Frage der Muskelarbeit
angelangt, und damit bei einer Frage von so großer Wichtigkeit, daß wir
darüber noch einiges sagen müssen.
Das Leben ist eine wunderbare Einheit, und tief im Innern des
Organismus, im Chemismus der Gewebe, werden in geheimnisvoller Weise die
Kräfte frei, die das Leben zur Entfaltung bringen. Im ewigen Kampf ums
Dasein empfing jedes Lebewesen, empfing auch der Mensch seine ganz
bestimmte Form, seine körperliche und geistige Organisation. Der Kampf
ums Dasein zog die Kräfte bald hierhin, bald dorthin und hat vor allen
Dingen in der Notwendigkeit der Körperarbeit und der körperlichen
Anstrengungen die Muskeln stark und leistungsfähig gemacht.
Mit einem Male wurde die Muskelarbeit zurückgedrängt. Durch die
Entfaltung der Technik, der Industrie, der Wissenschaften, wurden immer
mehr geistige Kräfte verlangt, während die Körperkraft im Kampf ums
Dasein von Tag zu Tag mehr ihre Bedeutung verliert.
Namentlich der Jugend aber, die ihres raschen Wachstums und
Stoffwechsels wegen und ihrer ganzen Anlage nach zu körperlicher
Bewegung drängt und darauf angewiesen ist, wenn sie sich normal
entwickeln soll, ist das viele Stillsitzen gefährlich geworden. Die frei
werdenden Kräfte finden keine Verwendung, keinen Ausweg. Würden sie in
Körperarbeit verwendet, so würde sich der Körper dabei aufbauen, würde
die gelösten Stoffe sich selber als dauernden Besitz anbauen, würde
stark und kräftig werden. So aber suchen sich die herrenlosen Kräfte
einen Ausweg und werfen sich auf den Geschlechtssinn, den sie erregen
und steigern und zur Entladung drängen. So ist vielfach die Onanie eine
Entladung von Kräften. Aber diese Kräfte werden dem körperlichen und
geistigen Dauerbau entzogen, und statt daß sie in ihrer stetigen
Verwertung den Organismus stark machen sollen, führen sie nun ein
Anwachsen, eine Züchtung des Geschlechtstriebes herbei. So verstehen wir
es, daß eine starke Geschlechtsbetätigung eine verhehrende Wirkung auf
Körper und Geist hat.
Ja, gerade die in der Gegenwart so beliebt gewordene Methode der frühen
geistigen Erziehung der Kinder fördert ihre sinnliche Entwicklung
maßlos. Die Freude der Mutter über die regen geistigen Interessen ihrer
Lieblinge ist verderbliche Naivität; denn die geistige Regsamkeit ist
nervöse Entwicklung. Diese unsinnige Erziehung: geistiger Drill bei
körperlicher Trägheit! Unaufhaltsam werden die Kinder der
Geschlechtserregung zugetrieben. Die Eltern sind blind, sehen nichts und
lassen zwischen ihren Kindern oder zwischen den Kindern und den
Dienstboten Dinge geschehen, über die sie entsetzt sein würden, wenn sie
nur ein einziges Mal Augen- oder Ohrenzeugen wären. Und dabei sind es
oft Väter und Mütter, die mit größtem Ernst, mit sittlichen und
religiösen Mitteln ihre Kinder erziehen wollen und doch sie verderben.
Nichts ist notwendiger in unserer Zeit, als diesen Kräftestrom wieder in
sein natürliches Bett zurückzulenken, die natürlichen Lebensbedingungen
wiederherzustellen, körperlich zu arbeiten. Oder, wo das nicht ausgiebig
möglich ist, Sport und Gymnastik zu betreiben. Der gesunde Instinkt der
Jugend hat das überall erkannt. Und überall in Deutschland begegnet man
jetzt den Wandervögeln, den Pfadfindertrupps, sieht man Tennisspiel,
Fuß- und Faustball u. a., gibt es Turn- und Sportvereine, Sommer- und
Wintersport, Berg- und Wassersport. So ist es recht, und niemand sollte
sich davon ausschließen. Ein junger Mensch, der immer zu Hause sitzt und
nicht da draußen seine Kräfte übt, seine Lungen weitet, hat keine rechte
Jugend gekannt. Und daß gerade die blassen Stillsitzer unter den
Onanisten so häufig zu finden sind, beweist die Gefahren der
körperlichen Untätigkeit. Die Wandervögel, die Pfadfinder sind an Zahl
gewachsen. Aber zehnmal, hundertmal so viel müßten es sein. Ein
nationales Erwachen müßte durch das Volk, müßte vor allem durch die
Jugend gehen, daß wir mehr von den Büchern und der blassen
Stubenhockerei und dem verdammten Kneipen-, Sauf- und Lumpenleben
loskommen. Das deutsche Volk wurde vor dem Kriege leider immer reicher
an Theoretikern, Maulhelden und Schlafmützen und an jenen ästhetischen,
saftlosen Dekadenten, die elegant und blasiert im Café saßen, über Gott
und die Welt räsonnierten und überlegen philosophierten, aber selber im
Leben nirgendwo einen rechten Platz ausfüllten, sondern nur die Scheu
vor der Arbeit allerorten großzogen. Diese schlaffen Kerle kriegen nur
Spannung, wenn das Erotische ihr Auge oder ihr Ohr trifft, wenn »die
Weiber« das Gesprächsthema bilden. Alles andere vermag ihre ausgelaugte
Intelligenz nicht mehr hervorzulocken.
Laß dir dies kühl blasierte Gesicht nicht imponieren! Wer zuletzt lacht,
lacht am besten. Laß dir daran gelegen sein, einen kräftigen, gesunden,
elastischen Körper zu gewinnen, den diese »moderne« Schlaffheit und
Moralfaulheit nicht überwinden kann. Sparst du die Geschlechtskraft, so
lenkst du sie um in alle Organe deines Körpers und baust dir aus dem
geheimnisvollen Lebensstoff ein Leben, das im Alter die Klugheit deiner
Jugend segnet.
Es ist wahrlich keine Schwarzseherei, wenn ich darauf hinweise, daß auch
das Turnen in mancherlei Hinsicht Gefahren in sich trägt. Die
Geschlechtsorgane sind bei vielen, namentlich bei den nervös veranlagten
jungen Menschen leicht reizbar. Darum ist es geraten, zum Beispiel beim
Klettern an Stangen und Tauen Reibungen der sexuellen Organe zu
vermeiden. Wo eine Gefahr besteht, kann man nicht genug auf der Hut
sein. In den Schulen und beim Militär wird ja auch auf einen korrekten
Kletterschluß geachtet.
Vorzügliche Beachtung verdient neben den Wanderungen, die den Körper
stärken und den Geist zugleich ablenken und ausfüllen, das ~Schwimmen~.
Junge Menschen, deren sinnlicher Trieb sich in den Vordergrund drängt,
sollten fleißig das Schwimmen üben; denn es behebt die Blutfülle in den
Unterleibsorganen, die oft die unmittelbare Ursache der geschlechtlichen
Erregungen ist. Auch werden die sinnlichen Vorstellungen und Träume, die
aus solchen Blutstauungen entstehen, durch das Schwimmbad energisch
beseitigt und durch den niederschlagenden Kältereiz stets auf einige
Zeit zurückgehalten. Ich empfehle aber rasches Auskleiden, energisches
Hineingehen ins Wasser und schnelles Wiederankleiden. Nichts aber ist
nach allen Seiten hin von so großem Werte wie das tüchtige ~Luftbaden~.
Es vereinigt viele Faktoren der Gesundheitspflege und Nervenstählung in
sich und stellt die kraftvollste und unmittelbarste Verwirklichung jenes
»Zurück zur Natur« dar, das seit Rousseau immer lebendiger in die
allgemeinen Lebensanschauungen hineingetreten ist. Zeitweilig und
regelmäßig sich im Freien, in abgeschlossenen Luftbädern oder im
einsamen Wald, der Kleider zu entledigen und den nackten Körper bei
guter und schlechter Witterung der Luft auszusetzen, das ist eine
Klugheit und eine Wohltat zugleich. Ein Kraftzuwachs ist der Gewinn
dieser Klugheit. Und wenn das Luftbad mit tüchtiger Bewegung, Laufen,
Springen, Turnen oder -- wo es geht -- mit Schwimmen verbunden wird,
dann verscheucht es sicherlich alle die wirren sinnlichen Phantasien,
unter denen der blasse Stubenhocker leidet. Der gewaltige Bewegungsdrang
der Jugend will und muß entladen werden, denn dieser Bewegungsdrang ist
ja eben Jugend, und in seiner Betätigung liegt das Geheimnis des
Wachstums, der Erstarkung. Wird alles Körperliche, Spiel, Sport,
Gymnastik, Schwimmen, Luftbad, Turnen, unterbunden, und zwingen
Elternhaus und Schule zur Stillsitzerei hinter den Büchern, dann stauen
sich die Jugendkräfte und entladen sich da, wo krankhafte Reizbarkeit
ihnen ein Tor öffnet, in der Geschlechtssphäre. Wenn so die drängenden,
jugendaufbauenden, lebengestaltenden Kräfte in der Onanie einen Ausweg
gefunden haben, dann verlangt der erschöpfte Organismus nicht mehr nach
körperlicher Kraftentladung. Dem erschlafften Körper ist das Stillsitzen
ein Bedürfnis, eine Wohltat, und aus dem Onanisten entwickelt sich oft
in der Schule der blasse, folgsame Streber, der der Stolz des Lehrers
ist und den doch das Leben später, wenn er nicht mehr so recht
vorwärtskommt, darüber belehrt, daß nicht allein geduldiges Sitzen,
sondern Entschlußkraft, Mark und Saft dazu gehören, ein Ziel zu
erreichen. Dies sind aber Werte, die durch geschlechtliche Reinheit in
der Jugend gewonnen werden.
Besser noch und richtiger als alles, wovon ich oben sprach, besser als
Sport, ist die Arbeit, die rauhe körperliche Arbeit. Der Sport hat noch
kein Volk groß gemacht, sondern die Arbeit, die harte, rauhe
Notwendigkeit. Denn Sport verleitet überall zu Rekordleistungen, zu
Übertreibungen, zu Fexerei und -- Schwindel. Der Sport läßt hier und da
nichts mehr von seinem inneren Werte merken und ist zum Schaustück, zur
Unterhaltung, zum Nervenkitzel geworden. Das beweisen -- die Wetten und
der Totalisator. Die Sucht nach wahnsinnigen Gipfelleistungen ist eine
Erscheinung der Neurasthenie eines ganzen Volkes. Schlaffe Nerven
antworten nur auf starke Reize.
Der Sport ist sicherlich die notwendige und wohltätige Reaktion gegen
Schul- und Schreibstuben- und Fabrikarbeit. Aber der Sportmatador hat
viel zu sehr die bewundernden Blicke auf sich gezogen und den Sinn
abgelenkt von der körperlichen Arbeit, die greifbare Werte schafft. Geh
aufs Land hinaus und sieh die Arbeit der Bauern. Sie bestellen den
Acker, und von den Erzeugnissen ihrer Arbeit, von Kartoffeln,
Kornfrucht, Grünzeug, Obst und Viehzucht nährt sich das ganze Volk. Ist
das nicht wertvoller als sechs Tage lang wie ein Besessener im Kreis
herumzuradeln und klüger noch, als bei diesem Unsinn zuzusehen?
Aber im Frühjahr und namentlich im Herbst ist auf dem Lande Leutenot.
Haben wir Deutschen nicht genug Hände zum Arbeiten? Ei, jawohl! Aber sie
stecken in den Hosentaschen und sind -- manikürt. Und während der Bauer
am Abend sorgend den drohenden Himmel betrachtet und vor Sonnenaufgang
aufsteht, um in harter Arbeit, mit Frau und Kindern und mit den wenigen
Kräften, die er bekommen kann, den Reichtum seiner Fluren in den
Scheunen zu bergen, sitzen in der Stadt Tausende im Kaffeehaus, spielen
sie Tennis- und Fußball und tragen in sich den glückseligen Gedanken von
der »Gesundheit des Sports«.
Ja, gewiß ist er gesund! Aber ließe sich nicht ein weniges von all der
spielenden Kraft in Ernst, in Arbeit umwandeln? Sollen wir geschlagenen
Deutschen nicht eine ganz neue Zukunft bauen? Könnten nicht die jungen
Burschen, die Sportklubs, die Wandervögel und Pfadfinder, zum mindesten
in den Ferien, einmal zu den Bauern hinauswandern, um zu arbeiten? Muß
man immer spielen? Und vielleicht nur deshalb spielen, weil zu jedem
Sport auch gleich ein »schickes« Kostüm erdacht wird? Ja, die
kostümlich-dekorative Marke verdrängt oft sehr aufdringlich die innere
Kraft der Sache. Die Arbeit auf dem Lande wäre für die jungen Burschen
aller Stände nicht nur gesundheitlich förderlich, sondern auch ein
kräftiger Faktor ihrer sozialen Erziehung.
Das deutsche Volk war vor dem Kriege auf jener Stufe der Degeneration
angelangt, wo in einem letzten Aufflackern der Körperkraft der Gedanke
an die Arbeit im Sport ästhetisch kultiviert wurde. Alle Welt litt und
erkrankte an der körperlichen Untätigkeit und der geistigen und nervösen
Überreizung. Alle Welt schaffte sich nicht Hunger und Verdauungskraft in
der Arbeit, sondern hatte die Mahlzeiten zu einer Haupt- und
Staatsaktion erhoben und litt am zu vielen Essen. Das Geschlechtliche
war das Ventil, aus dem die krankhafte Spannung entwich, und der
geschlechtliche Mißbrauch folgte der körperlichen Untätigkeit und der
Unmäßigkeit des Essens und Trinkens auf dem Fuße. Aber das ging an die
Nervenkraft, und alle Welt ging in die Sanatorien, um -- die Zeit weiter
totzuschlagen. Das große Heilmittel für die Neurastheniker und die
anderen Leidenden, die Körperarbeit, wollte niemand versuchen. Hatte der
Arzt eine Überzeugung, so mußte er sie für sich behalten, sonst kostete
sie ihn die Kundschaft. Nur wenigen gelang es, sich dem großen Humbug
mit Erfolg entgegenzustemmen. Nun hat der Krieg uns aus dem Hindämmern
aufgeschreckt, uns den Abgrund gezeigt, an dem wir hintaumelten. Nun
soll ernste, strenge, harte Arbeit uns einen ganz neuen Weg führen.
Aus Arbeit und rauhen Notwendigkeiten entstieg die Kraft und erblühte
das Leben in tausend Schönheiten. Nun war die Kraft im Schwinden, und
ihre Wiedergeburt, die Regeneration, muß auch erst wieder durch die
rauhe Notwendigkeit der Arbeit, durch Einfachheit, durch Körperstählung
und durch geschlechtliche Reinheit hindurchgehen.
Die Menschen haben sich an den Anblick der körperlichen und seelischen
Leiden und an das häufige und allgemeine Schmerzgefühl so sehr gewöhnt,
daß sie glauben, Schmerz und Krankheit lägen in der Natur der Dinge und
seien unvermeidliches und unabwendbares Schicksal. Darum ertragen viele
ihre Leiden in gedankenloser Ergebenheit oder führen Klage über ihr
persönliches Unglück. Die heftigen, impulsiven Naturen murren auch wohl
gegen das »Schicksal«. Die wenigsten nur sind es, die bei sich selbst
nach den Ursachen spähen und -- durch Erkenntnis klug geworden -- in
vorsichtigerer Lebensführung alle die allgemeinen Übel vermeiden.
Von nichts aber dürfen wir mehr überzeugt sein als davon, daß bei
vernünftiger Lebensführung Krankheiten ganz außerhalb der Lebensgesetze
des menschlichen Organismus liegen. Haben wir nur ein klein wenig
natürlich denken gelernt, so müssen wir erkennen, daß die Natur
Gesundheit und Glück gewollt hat, und die Irrtümer und Fehler des Lebens
dem Einzelmenschen schaden und von ihm aus die Gesamtheit angreifen.
Die Verletzung der Naturgesetze -- im Geschlechtsleben mehr als
anderswo -- verwirrt die Wege der Kraft, der Schönheit und des Glückes,
die den Menschen von der Natur gewiesen sind, und bringt Krankheit,
Schwäche und Tod. Wir Menschen von heute aber haben etwas, was niemand
je vorher besaß, die klare Erkenntnis von den wahren und eigentlichen
Ursachen des Verfalls. Wir sehen mit Entsetzen den Geschlechtsmißbrauch
die Kraft der Menschen und der Völker zerstören und sammeln alle Kräfte,
um dieser zerstörenden Gewalt zu begegnen. Die klare Erkenntnis hat uns
Hoffnung, Mut und Wille gegeben, und das Leben, das vor uns liegt, steht
im Zeichen einer neuen Zeit, in der in einem gesunden Körper wieder eine
gesunde Seele lebt.
[Illustration: Dekoration]
Zweiter Teil.
Der junge Mann und das Weibliche.
Rätsel und Irrtümer der Liebe.
»Errötend folgt er ihren Spuren
Und ist von ihrem Gruß beglückt.
Das Schönste sucht er auf den Fluren,
Womit er seine Liebe schmückt.«
Schiller.
Die alten Griechen hatten einen Gott, den sie Janus nannten, und den sie
sich mit zwei Köpfen dachten. Wollten wir Menschen die Liebe darstellen,
wahrlich, auch sie hätte einen Januskopf; denn kein Empfinden gibt's im
Leben, das so sehr Glück und Leid, Jubel und Tränen, Freude und Trauer
umschließt, kein Empfinden, das mit so viel stürmenden Hoffnungen begann
und mit so viel bitterer Resignation endete. Heiße, große
Jugendsehnsucht auf dem einen Gesicht und begrabene und beweinte Wünsche
auf dem andern, das ist der Januskopf der Liebe.
Aller Jammer, alles Elend, alle Krankheit entspringt dem Irrtum. In den
Geschlechtsirrtümern verlieren die Menschen ihre Kraft.
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