Sie schwiegen eine Weile. Es kam dem Angestellten so schön im Zimmer

vor. Das war etwas, das glich einem Heim. Und wie oft war er in früheren

Zeiten durch die bewegten und menschenleeren Gassen gegangen mit dem

kalten und bösen und niederwerfenden Verlassenheitsgefühl im Herzen. Er

war so alt gewesen in seiner Jugend. Wie hatte ihn das Bewußtsein,

nirgends zu Hause zu sein, lähmen und innerlich würgen können. Wie schön

war es, jemandem anzugehören, in Haß oder in Ungeduld, in Mißmut oder in

Ergebenheit, in Liebe oder in Wehmut. Dieser Menschenzauber in solchen

Heimstätten, wie war Joseph immer davon traurig entzückt gewesen, wenn

er ihn aus irgend einem offen stehen gelassenen Fenster zu sich, dem

Einsamen und Umhergeworfenen und Heimatlosen, herabwiderspiegeln sah, zu

dem auf der kalten Straße Stehenden hernieder. Wie dufteten Ostern,

Weihnachten oder Pfingsten oder das Neujahr zu solchen Fenstern heraus,

und wie arm mutete der Gedanke an, von diesem Goldenen und Uraltschönen

nur den kargen, kaum empfindbaren Widerschein mitgenießen zu dürfen.

Dieses schöne Vorrecht der Bürgerlichen. Diese Güte in den Gesichtern.

Dieses friedliche Weben und Lassen und Leben! Er sagte:

»Es ist so dumm, sich gleich so beleidigt zu glauben.«

Er habe recht, wenn er das sage, meinte die Frau, indem sie ruhig

fortfuhr, an einem Unterjäckchen für Dora zu stricken oder zu häkeln.

Sie setzte hinzu:

»Und muß ich, seine Frau, nicht auch allerhand von ihm dulden und

ertragen? Er ist nun eben einmal der Herr im Hause, und das ist eine

verantwortliche Position, die von den übrigen Bewohnern und Gliedern

Duldung und Achtung herausfordert. Freilich soll er nicht beleidigen,

aber kann er sich immer im Zaum behalten? Kann er seinem Zorn sagen:

sei vernünftig? Der Zorn und die Gereiztheit sind halt nicht vernünftig.

Und wir andern, die den unübersehbaren Vorteil haben, seinen

Anordnungen, deren Entwurf und Plan ihn anstrengen, gehorchen zu dürfen,

seine Winke, deren Weisheit wir fast immer einsehen, zu befolgen, wir

sollen ihm in Zeiten der Unruhe und der Empörtheit eben ein wenig aus

dem Wege zu gehen verstehen. Wir sollen es gelernt haben, ihn zu

behandeln, denn ein Herr und Gebieter will auch auf eine ganz bestimmte

Art und Weise behandelt werden. Wir sollen geschickt und geschmeidig

sein in Momenten, wo er seiner Gelassenheit und sicheren Kräfte nicht

mehr, wie sonst immer, bewußt ist, in denen wir ihn unfähig, sich noch,

wie bisher, zu beherrschen, erblicken. Und wenn wir plump, und, nach

unsern Verhältnissen gerechnet, voll Fehler gewesen sind, so müssen wir

nicht allzusehr gekränkt sein, wenn seine Stimme und das Unmaß seiner

Sorgen und Qualen uns andonnern. Marti! Glauben Sie mir, auch ich bin

oft voll Wut über denselben Mann gewesen, der Ihnen heute Unrecht getan

hat, der Sie soll beleidigt und in der unwürdigsten Weise soll gekränkt

haben. Nun, so setzt man selber eben diese seine Würde ein bißchen herab

und verzeiht, denn -- man muß seinem Herrn und Vorgesetzten verzeihen.

Was sollte aus Unternehmungen, aus Haushalten, aus Geschäften aller Art,

aus Häusern, ja, was sollte aus der Welt selber werden, wenn die Gesetze

mit einem Mal nicht auch fernerhin einen ein wenig zwicken und stoßen

und verletzen dürften? Hat man das ganze Jahr lang deshalb die Wohltat

des Gehorchens und Nachahmens genossen, daß man dann eines Tages oder

Abends auftreten durfte und sich in die stolze Brust werfen durfte und

sagen durfte: beleidige mich nicht!? Nein, zum Beleidigtwerden ist man

ja allerdings nicht da, aber auch nicht zum Zorn-Anlaß-Geben. Wenn die

Verwirrtheit nichts dafür kann, daß sie sich dumm benimmt, so ist auch

die Wut nicht so rasch für ihr Schnauben und Toben verantwortlich zu

machen. Und es ist immer die Frage, wo ist man, und wer ist man. Ich bin

jetzt ja zufrieden mit Ihnen, Joseph. Geben Sie mir die Hand. Man kann

reden mit Ihnen, und gehen wir jetzt zu Bett.«

* * * * *

Weihnachten näherten sich. Auch ins Haus Tobler mußte die festliche Zeit

ja kommen, die Festzeit, das war etwas Unentrinnbares, das war etwas

Flugartiges, das war ein Gedanke, der sich allen Menschen mitteilte, der

alle Empfindungen durchdrang, warum hätte er, dieser Gedanke, um die

Villa zum Abendstern herum einen Umweg machen sollen? Wie wäre das

möglich gewesen? Wenn ein Haus schon einmal, und dazu noch so hübsch, so

auffällig, wie das Toblersche, in der Welt stund, so gab es ja auch

keine vernünftige oder natürliche Ursache, warum es von irgend etwas,

das in dieser Welt voll Ansehen und Duft bestund, hätte sollen verschont

bleiben. Und dann war auch noch die Frage: hätten Toblers gern mögen

verschont bleiben?

Nein, sie freuten sich darauf. Tobler sagte, wenn es schon schlimm mit

ihm stehe, so meine er doch, Weihnachten brauchten deshalb nicht etwa

gar ungefeiert an und in seinem Haus vorüberzuziehen. So etwas möchte

ihm noch gefehlt haben.

Die umliegende Gegend selber schien sich ja sogar in ihrer Art auf das

schöne Fest zu freuen. Sie ließ sich ruhig und wohlig mit dicht

herabfallendem Schnee bedecken und hielt so still gleichsam die große,

breite, alte und weite Hand dar, um aufzunehmen, was da fleißig

herunterstürzte, daß alle Menschen beinahe sagten: »Seht! Es wird weiß,

es weißelt in der Welt. Das ist recht, denn das schickt sich für

Weihnachten.«

Bald lag auch das ganze See- und Bergland in einem dicken, festen

Schneeschleier. Die rasch sich etwas einbildenden Köpfe hörten schon das

Klingeln von schnell dahinfahrenden Schlitten, obschon noch gar keine

herumfuhren. Die Weihnachtstische waren auch schon gedeckt, denn das

ganze Land glich einem säuberlich weiß überzogenen Weihnachtstisch. Und

die Stille und Gedämpftheit und Wärme solch einer Landschaft! Man hörte

alle Geräusche nur halb, als ob die Schlosser ihre Hämmer, und die

Zimmerleute ihre Balken, und die Fabrikräder ihre Schaufeln, und die

Lokomotiven ihre schrillen Pfiffe mit Watte oder mit wollenen Tüchern

eingewickelt hätten. Man sah nur das Nächste, das, was man mit zehn

Schritten abmessen konnte, die Ferne war ein undurchdringliches

Geschneie und ein fleißiges Übermalen mit grauer und weißer Farbe. Auch

die Menschen kamen weiß dahergestampft, und man konnte unter fünf

Menschen immer einen sehen, der sich den Schnee von den Kleidern

abschüttelte. Es war ein Friede da draußen, daß man unwillkürlich alle

Weltdinge als befriedigt und erledigt und beruhigt annehmen mußte.

Und da mußte nun Tobler hinfahren, durch solchen Schneezauber hindurch,

per Eisenbahn nach der Stadt, um eine Zwiesprache mit dem Herrn

Rechtsanwalt Bintsch abzuhalten. Aber an seiner Seite saß wenigstens

seine Frau, die mitfuhr, um einige Geschenksachen im hauptstädtischen

Warenhaus für das nahe bevorstehende Fest einzukaufen.

Am Abend gab es wieder eine Bahnhofsszene, aber diesmal eine verschneite

und deshalb ein wenig fröhlichere. Paulinens Gelächter und Leos

freudiges Gebell warfen in den Schnee dunklere Ton-Flecken, obschon

sonst ein Gelächter und ein Gebell hell zu färben pflegten, aber was kam

gegen die glitzernde Schneeweiße an Helligkeit und Schimmer auf? Man

nahm wieder Pakete in Empfang, und eine Dame in Pelzen war ausgestiegen

und sah aus wie die wahrhaftige, reiche und gütige Weihnachtsfrau

selber, und doch war es nur Frau Tobler, die Frau eines Geschäftsmannes,

und noch dazu eines ruinierten. Aber sie lächelte, und solch ein Lächeln

kann aus der ärmsten und bedrängtesten Frau eine halbe Fürstin machen,

denn ein Lächeln erinnert immer an etwas Hochachtbares und

Wohlanständiges.

Der Schnee blieb liegen bis zum eigentlichen Tage, sauber und fest, denn

es gab kalte Nächte, die die weiße Decke knirschend zufrieren machten.

Am Weihnachtstag ging Joseph gegen Abend den bekannten Berg hinauf. Die

kleinen Wege schlängelten sich hellgelb durch die schimmernd weißen

Wiesen, die Äste der tausend Bäume waren mit Reif überglitzert: ein zu

süßes Schauspiel! Die Bauernhäuser stunden in dieser feinen, weißen,

verzweigten Pracht da, wie Schmuck- oder Zierhäuser, für den Anblick und

für das unschuldige Verständnis eines Kindes geschaffen. Die ganze

Gegend schien eine hohe Prinzessin zu erwarten: so zierlich und sauber

angezogen sah sie aus. Sie schien ein Mädchen zu sein, ein schüchternes

und ein bißchen kränkliches, ein unendlich zart veranlagtes. Joseph

schritt höher hinauf, und da hoben sich mit einem Mal die grauen

Schleier, die die untere Erde belegten, zerfasernd auf, durchstochen von

dem feurigsten Himmelblau, und eine Sonne, so warm wie im Sommer, machte

den Spaziergänger an ein eitles Märchen glauben. Hohe Tannen standen da,

in stolzer, kraftvoller Haltung, mit Schnee beladen, der in der Sonne

zerfloß und von den großen Ästen herabfiel.

Als Joseph mit der bereits begonnenen Nacht nach Hause kam, brannte

schon im Gastzimmer, einem Eckzimmer, das man fast nie betrat, der

Weihnachtsbaum. Frau Tobler führte die Kinder zu demselben hinein und

zeigte ihnen die Geschenke. Auch Pauline wurde beschenkt, und Joseph

erhielt eine Kiste Zigarren unter der Bemerkung, daß das zwar wenig

aber dafür von Herzen sei. Tobler war bemüht, dem Fest einen

gemütlichen, wirtshäuselnden Anstrich zu geben, er rauchte die gewohnte

Pfeife und blinzelte mit seinen Augen den Tannenbaum an, der lieblich

umherstrahlte. Frau Tobler lächelte und sagte ein paar schickliche

Worte, zum Beispiel, wie schön doch so ein Bäumchen sei. Aber es mochte

ihr nicht so recht zum Mund herauskommen. Überhaupt stockte alles ein

bißchen, und es verbreitete sich keine sonderliche Freudenandacht um die

paar dastehenden Menschen, sondern es legte sich Wehmut um alles. Auch

war es kalt im Gastzimmer, und wo Weihnachtsfreude hätte herrschen

sollen, da durfte es nicht kalt sein. Man ging daher immer ins

Wohnzimmer hinüber, um sich dort ein wenig Wärme zu holen, und kam dann

wieder zum Baum. Jeder Weihnachtsbaum ist schön und jeder hat noch

Rührung erzwungen. Auch der Toblersche war schön, nur die Menschen, die

um ihn herumstanden, konnten sich zu keiner längeren und tieferen

Rührung und Freude aufschwingen.

»Da hätten Sie letztes Jahr sollen dabei gewesen sein, das waren noch

Weihnachten! Kommen Sie. Trinken Sie ein Glas Wein,« sagte Tobler zum

Gehülfen und veranlaßte ihn, ins Wohnzimmer an die Wärme zu treten.

Letzterer machte ein unzufriedenes Gesicht, als wäre er der Zigarren

wegen verstimmt gewesen, was er selber nicht genau wußte. Man sei halt

dieses Jahr, sagte und seufzte die Frau, nicht in der richtigen Stimmung

für so etwas. Sie schlug zaghaft vor, noch einen »Jaß« zu machen. Habe

man es das ganze Jahr lang getan, so könne man auch einmal am

Weihnachtsabend zu den Karten greifen, vielleicht werde es dann ein

bißchen lustiger im Zimmer. So nahm man zu den Spielkarten Zuflucht.

Der Baum war inzwischen strahlen- und lichterlos geworden. Die Kinder

ließ man noch eine halbe Stunde sich mit den Geschenken beschäftigen,

worauf sie in die Betten geschickt wurden. Nach und nach

verwirtshäuselte die Luft im weihnachtlichen Wohnzimmer gänzlich. Das

Lachen und Benehmen der drei einsamen Menschen, die da Wein tranken,

teils Zigarren rauchten, teils Bonbons aßen und miteinander Karten

spielten, verlor alle besondere Scheu und Eigenheit, die etwa noch

hätten an einen Festhauch erinnern können. Es war das gewöhnliche

Benehmen und das allerunfeierlichste Lachen. Die Stimmung, die nun diese

Spieler beherrschte, war aber nicht einmal die gewohnt-gemütliche, denn

-- es war halt doch Weihnachten, und der feinere und schönere Gedanke,

der hie und da aufblitzen mochte, mahnte vorüberhuschend an die Sünde,

das Fest und den Inhalt desselben derart, wie es geschah, verdorben und

entwertet zu haben.

Ja, einsam waren diese drei Menschen, am einsamsten der Gehülfe, weil er

fühlte, daß er als ein hinzugeflogenes Glied einem Haus angehörte, das

langsam aufhörte, ein solches zu sein; weil er sich nicht, wie Herr

Tobler, sagen durfte, er habe das Recht, in diesem Hause zu tun und zu

verhindern oder zu umgehen, was ihm beliebe, da es nicht sein eigenes

war; weil er hätte Weihnachten haben und begehen wollen, da er sich doch

einmal in solch einem Hause und in solch einer bürgerlichen Familie

befand; weil er des Glaubens gewesen war in den letzten Jahren, er

entbehre viel, solches vermissen zu müssen, und weil er am

mißgestimmtesten von allen dreien Kartenspielern war und dies als ein

großes Unrecht empfinden mußte.

»Ist dieses nun heiliger Abend?« dachte er.

Die Frau sagte unter anderem auf einmal, es sei doch nicht ganz recht,

an Weihnachten Karten zu spielen. Bei ihnen im Elternhaus würde es so

etwas nie gegeben haben. Es habe doch eigentlich gar keine Art, wie man

da heute Nacht wieder wirtshäusele.

Dadurch in Unlaune versetzt, erwiderte Tobler: »So hören wir eben auf!«

Er warf die Karten auf den Tisch und rief aus:

»Jawohl ist es nicht recht, so etwas am Weihnachtsabend zu tun. Aber was

ist das für ein Kreis, wir hier? Was sind wir? Uns kann der Wind morgen

zum Haus hinausfegen. Ja, da wo Geld ist, da ist noch Lust, Feste, und

noch dazu heilige, zu feiern. Wo Wohlstand ist, wo Glück, Erfolg und

allgemeine, häusliche Freude ist. Wer hat sich drei oder mehr Monate

hindurch unnatürlich um das Gelingen der Lebensgeschäfte abplagen

müssen, erfolglos, und will dann mit einem Mal fröhliche Feste feiern?

Ist so etwas überhaupt denkbar? Habe ich recht oder nicht, Marti? He?«

»Nicht ganz, Herr Tobler,« sagte der Gehülfe.

Es gab ein langanhaltendes Schweigen, das, je länger es dauerte, niemand

zu unterbrechen wagte. Tobler wollte etwas von der Reklame-Uhr, die Frau

etwas von Dora, und Joseph etwas von Weihnachten sagen, aber alle

unterdrückten ihre Gedanken. Es war, als ob allen der Mund zugenäht

gewesen wäre. Plötzlich schrie Tobler:

»So tut doch bald eure Schnäbel auf und saget etwas. Das ist zu

langweilig, da geht man ja gescheiter ins Wirtshaus.«

»Ich gehe ins Bett,« sagte Joseph und verabschiedete sich. Auch die

andern gingen bald nach oben, und das war Weihnacht gewesen.

* * * * *

Die Neujahrswoche verlief still und eigentümlich gemütvoll, die

Geschäfte lagen am Boden, es gab wenig zu tun, außer, um einen seltsamen

Menschen, den Erfinder einer Kraftmaschine, im Kontor von Zeit zu Zeit

zu empfangen. Dieser halb bäuerlich, halb weltstädtisch angehauchte Kauz

besuchte in dieser Woche das Haus Tobler fast täglich, indem er den Chef

desselben antrieb, er möchte für das Geniewerk, dessen Entwürfe er im

Bureau liegen ließ, tätig sein. Man lachte über den Mann, dessen Sache

man nicht ernst nehmen konnte, aber Tobler sagte einmal beim Mittagessen

zu den übrigen: »Lacht doch nicht so. Der Mann ist gar nicht dumm.«

Die Begeisterung, mit welcher der Kraftanlagenschöpfer das Kind seines

Geistes verfocht und in fast himmelhohe Bedeutung hochhob, gab viel zu

reden und sorgte in gar nicht übler Weise für die Unterhaltung in der

still und träge dahingehenden Woche. Der seltsame Mensch besaß keinerlei

exakte und elegante Bildung, er sprach einesteils wie ein junger Träumer

und Bauer, und andersteils hätte man ihn für einen Schwindler oder

Jahrmarktbudenbesitzer halten können, denn eines Tages schlug er Herrn

Tobler die öffentliche und unter Bezahlung von Eintrittsgeld zu

besichtigende Schaustellung der Selbstkrafterzeugmaschine in Städten und

Großstädten vor, an Orten, wo recht viel Volk sich zu tummeln pflege,

über welche Idee man gar nicht genug glaubte lachen zu sollen.

Da sollte nun Tobler schon wieder einmal einem anscheinend ganz begabten

Menschen auf die Beine helfen, damit derselbe nicht in einer

Schlosserwerkstätte als Arbeiter geistig zu verträgen und zu erlahmen

brauchte, aber er, Tobler, selber, wie erging es denn ihm, und wo waren

die hülfsbereiten Menschen, die dann auch ihm halfen?

»Alle kommen zu ihm,« sagte Frau Tobler, »alle denken sie an ihn, wenn

sie auf der Suche nach einem Bereitwilligen sind, alle haben sie Lust,

ihn und seine gesellige Natur auszubeuten, und er hilft jedem. So ist

er.«

Der Gehülfe machte in dieser Woche kürzere und weitere Spaziergänge in

die kalten aber schönen Winterlandschaftsgegenden und -Bilder hinein. Da

gab es Wagenfurchen auf der Landstraße, an die die Füße anschlugen. Da

gab es steifgefrorene Wiesen, die den Berg anliefen, und kalte, rote

Hände, die man vor den Mund hielt, um hineinzublasen. Dickbemäntelte

Menschen begegneten ihm, und Nächte überraschten ihn in unbekannten

Gegenden. Oder es gab da eine Eisbahn auf einem ehemalig herrschaftlich

gewesenen Parkweiher, fahrende und umfallende Menschen jeden Alters und

beiderlei Geschlechtes darauf, mit den Geräuschen, die solche

Schlittschuhbahnen auszuzeichnen und abzumalen pflegen. Und dann stand

er plötzlich wieder vor dem Toblerschen Haus, schaute von unten zu ihm

hinauf und sah, wie der kalte Mond es verzauberte, während die

halbdunklen Nachtwolken um dasselbe herumflogen, großen, trauernden,

aber lieblichen Frauen ähnlich, um es scheinbar in die Höhe zu ziehen,

damit es sich auflöse in schöner Weise.

Zu Hause war dann alles so sonderbar still, nicht einmal die Silvi mehr

konnte man hören. Die Tugenden und Untugenden des Hauses Tobler schienen

sich beiderseits zufrieden gegeben und sich stumm verbrüdert zu haben.

In der Wohnstube saß etwa die Frau in dem Schaukelstuhl, arbeitete etwas

oder las etwas, oder sie hielt Dora auf ihrem Schoß und tat gar nichts.

»Wie Sie mich im Sommer draußen im Garten gereitschaukelt haben, Marti!«

sagte sie einmal. Sie sehne sich nach dem Garten, sie wisse nicht wie.

Wie das schon so lange her scheine. Joseph sei jetzt ein halbes Jahr

hier, und ihr sei es, als sei er schon so viel länger um sie herum. Wie

doch so etwas derart ins Gefühl komme.

Sie schaute die Lampe an. Der Blick, womit sie das tat, schien zu

seufzen. Sie sagte:

»Sie, Marti, haben es eigentlich recht gut, viel besser als mein Mann

und als ich, aber von mir will ich gar nicht reden. Sie können von hier

weggehen, Sie packen einfach Ihre paar Sachen, setzen sich in die

Eisenbahn und fahren nach wohin Sie wollen. Sie finden überall Stellung,

denn Sie sind jung, und man glaubt, wenn man Sie vor sich sieht, Sie

seien tüchtig, und Sie sind es ja auch. Sie haben mit niemandem auf der

Welt, mit niemandes Eigenheit und Bedürfnis, zu rechnen, es zieht

niemand Sie ab, in die Weite und in die Ungewißheit hinauszuschweifen.

Das ist vielleicht oft bitter, aber wie schön und wie frei kann es sein.

Wenn es Ihnen paßt, und wenn es Ihnen die paar kleinen, nicht gar sehr

genierenden Verhältnisse erlauben, so marschieren Sie, und wenn Sie zu

dürfen glauben, ruhen Sie an irgend einem festen Punkt und Ort wieder

aus, und wer wollte, und was wollte und könnte Sie daran verhindern? Sie

sind vielleicht manchmal unglücklich, aber wer ist es nicht, manchmal

verzweifelt, aber wessen Seele schonen die Schwierigkeiten? An nichts

Dauerndes sind Sie gebunden, an nichts Hemmendes gefangen und an nichts

Allzuliebevolles gefesselt und angekettet. Es muß Ihnen manchmal

unerhört läuferisch und luftspringerisch zumute sein, daß Sie sich

dermaßen voller Bewegungs-Erlaubnis erblicken dürfen. Und gesund sind

Sie auch, und Ihr Herz mag schon am rechten Fleck sitzen, ich kann es

mir denken, trotzdem Sie sich öfters so zaghaft benommen haben.

Vielleicht bin ich undankbar. Ich habe mich nun all die Zeit her mit

Ihnen nett und lang und ruhig unterhalten können, und es hat sich

vielleicht gut getroffen, daß Sie ins Haus zu fliegen gekommen sind, und

ich habe Sie oft schlecht behandelt --«

»Frau Tobler!« bat Joseph. Sie schnitt ihm das Wort ab und fuhr fort:

»Unterbrechen Sie mich nicht. Lassen Sie mich die Gelegenheit ergreifen,

Ihnen zu raten, wenn Sie einmal von uns fort sind -- --«

»Aber ich gehe ja gar nicht fort!« --

Sie fuhr weiter:

»-- -- fort sind, und gedenken, sich selbständig zu machen, es anders

anzustellen als mein Mann, ganz anders. Pfiffiger vor allen Dingen.«

»Ich bin nicht pfiffig,« sagte der Gehülfe.

»Wollen Sie denn Ihr Lebtag lang Angestellter bleiben?«

Er sagte, das wisse er nicht. Er bekümmere sich um Zukunftsfragen nicht

viel. Sie nahm wieder das Wort auf und sagte:

»Jedenfalls haben Sie hier oben etwas sehen und sich etwas einprägen

können, auch gelernt haben Sie mancherlei, wenn Sie es der Mühe wert

gehalten haben, die Augen zu öffnen, und das werden Sie, so wie ich Sie

einigermaßen schon kenne, getan haben. Sie sind ein bißchen an

Erfahrung, an Wissen und an Gesetzen reicher geworden, und Sie werden

das alles womöglich eines Tages brauchen können. Nicht wahr, manches Mal

ist man Ihnen über den Mund gefahren, und getragen und ertragen haben

Sie manches. Sie mußten! Wenn ich so denke -- ach was, ich habe, mit

einem Wort, das Gefühl, Joseph, daß Sie uns jetzt bald, bald verlassen.

Nein, sagen Sie nichts. Sagen Sie lieber nichts. Einige Tage werden wir

ja doch wohl schon noch zusammen bleiben, oder nicht? Was meinen Sie?«

»Ja,« sagte er. Es war ihm unmöglich, mehr zu sagen.

Am nächsten Tag schickte er die zu Weihnachten geschenkt bekommene

Kiste Zigarren per Post seinem Vater, folgendes Schreiben der Sendung

beifügend:

Lieber Vater, hier mache ich Dir ein kleines Neujahrsgeschenk. Die

Zigarren sind mir von meinem gegenwärtigen Herrn zu Weihnachten

gegeben worden. Du wirst sie gewiß gern rauchen, es sind gute, zwei

davon habe ich probiert, wie Du siehst, denn zwei fehlen. Wenn ich

mit meinen heutigen sprunghaften Gedanken diese zwei fehlenden

Stücke mit zwei Fehlern vergleiche, die meinen Eigenschaften

anhaften, so kommt mir so recht zum Bewußtsein, erstens, daß ich Dir

niemals schreibe, zweitens, daß ich arm bin, derart, daß ich Dir nie

Geld schicken kann, zwei Mängel, die ich beweinen würde, wenn ich

mir das erlauben dürfte. Wie geht es Dir? Ich bin überzeugt, daß ich

ein schlechter Sohn bin, aber ich bin ebenso vollkommen von der

Gewißheit durchdrungen, daß ich ein guter Kerl von Sohn wäre, wenn

es einen Sinn hätte, Briefe zu schreiben ohne erfreulichen Inhalt.

Das Leben, mit dem man ehrlich glaubt kämpfen zu sollen, gestattete

mir bis jetzt nicht, Dir zu gefallen. Adieu lieber Papa. Bleibe

gesund und lasse Dir das Essen immer wohlschmecken und fange das

neue Jahr gut an. Ich will's auch versuchen.

Dein Sohn Joseph.

»Er ist ein Greis und geht immer noch den Geschäften nach,« dachte er.

* * * * *

Die mündlichen Verhandlungen Toblers mit seinem Rechtsbeistand

bewirkten, daß derselbe der Mutter Tobler einen in energischen Tönen

gehaltenen Brief schrieb, den aber die festbewußte alte Dame dahin

beantwortete, daß der Rest der Sohnesansprüche bei weitem erschöpft sei,

ja, daß sie selber, eine nunmehr hochbejahrte Frau, sehen müsse, wie sie

sich in ihren alten Tagen durchschlage, und daß von weiteren Auszahlungen

an Karl Tobler die Rede überhaupt nicht mehr sein könne. Derselbe Mann,

fast möchte sie sagen, leider ihr Sohn, habe nichts anderes zu tun, als

die notwendigen Folgen seiner Unvorsichtigkeiten und Unüberlegtheiten zu

tragen. In der Art der Geschäfte, in die er sein Vermögen geworfen habe,

könne sie nichts Gewinn- und Existenzversprechendes begründet erblicken.

Das Haus zum Abendstern solle nur aufgegeben werden, es sei allerhöchste

Zeit, daß Tobler sich wieder in bescheidenere Lebensverhältnisse fügen

lerne, die ihn zwängen, ehrlich, wie es andere Menschen ebenfalls tun

müssen, zu arbeiten. Für ihn sei es das Beste, wenn man ihn in der

selbsteingebrockten Suppe belasse, damit er aus den Verlegenheiten, in

die er sich gestürzt sehe, eine Lehre ziehe. Von ihr, der Mutter, sei

nichts mehr zu erwarten.

Tobler, dem der Advokat eine Abschrift des mütterlichen Bescheides

übermittelte, wurde rasend, als er dieselbe durchgelesen hatte. Er

gebärdete sich wie ein wildes Tier, stieß unnatürliche Schimpfworte

gegen seine Mutter aus, in der direkten Anrede, als wenn sie zugegen

gewesen wäre, und brach dann, wie schon einmal, erschöpft zusammen.

Der Gehülfe · 第 18 / 20 段