Verfall des Hauses. Wirsich solle sich aber hüten, zu plaudern, das
seien Geschäftsgeheimnisse und die gingen niemand etwas an.
Wirsich sagte:
»So habe ich es dem Großhans, diesem Tobler, doch noch prophezeien
können, daß er noch einmal zu seinem prahlerischen Haus und Garten
hinausfliegt. In jener Nacht hat er's von mir gehört, und jetzt gehen
die Worte in Erfüllung. Was er andern getan hat, das geschieht ihm nun
selber, und recht geschieht ihm. Ist unsereins kein Mensch? Sind wir
Angestellten ohne die Spur von Empfindung auf diese Welt gekommen? Wir
werden eines Abends einfach zum Haus und zur Lebensexistenz
herausgeworfen, und man glaubt noch, recht und milde getan zu haben.
Pardon, Marti, Sie sind mein Nachfolger und genießen infolge meines
Sturzes einen, wie Sie selber sagen, angenehmen Lebensaufenthalt. Sie
können natürlich nichts dafür, daß Sie mich vom Posten verdrängt haben.
Was rede ich: durch Sie habe ich ja die neue Stellung gefunden. Also
Entschuldigung. Ich meine nur, der Zorn kann einen fortreißen, sich eine
so lange Zeit in der elendesten Verlegenheit und Erniedrigung geschaut
zu haben. Wegen was? Wegen eines Fehlers? Donnerwetter, jetzt trinke ich
grade extra noch eins. Heda, Herr Wirt, oder Sie lieber, Frau
Gastwirtin, bringen Sie mir noch solch einen Schoppen. Sie Marti werden
doch wohl auch noch einen trinken.«
»Nur bitte ich,« sagte Joseph, »meinen Chef nicht angreifen zu wollen.
Und dann auch nicht gar so laut, wenn ich bitten darf. Mein
gegenwärtiger Prinzipal ist kein Großhans. Sie werden diesen
unvorsichtigen, und ich gebe gern zu, im Zorn gesprochenen Ausdruck
zurücknehmen. Tun Sie's alsogleich, sonst sind wir geschieden. Ich habe
Ihnen nicht vertrauliche Aufklärungen über Toblers Lage gegeben, um
diesen Mann hinterher beleidigen zu hören. Im übrigen: Prost! Es freut
mich, daß es Ihnen gut geht.«
»Ich sag' ja: im Zorn!« entschuldigte sich Wirsich.
Der Streit sei erledigt, bemerkte Joseph. Beide tranken je noch ein
Glas, auf welche »Lage« eine vierte folgte. Sie würden so fortgefahren
haben, wenn nicht jetzt die Türe aufgegangen, und Herr Tobler selber ins
Restaurant getreten wäre. Er überflog beide Zecher und Angestellten mit
einem zündenden Blick, der den Männern genug sagte.
Joseph hatte beim Eintritt des Herrn sofort den Hut abgezogen, den er
vorher ziemlich burschikos auf dem Kopf behalten hatte. Das gebot die
Höflichkeit, und der Toblersche Blick gebot es nicht minder. Er stand
übrigens bald auf, da das Gespräch mit Wirsich ohnehin verstummte, rief,
er möchte bezahlen und bewegte sich gegen den Ausgang zu. Ein Wink des
Ingenieurs veranlaßte ihn jedoch, in dessen Nähe zu treten. Dieser
fragte:
»Was will dieser Ungut hier, der Wirsich?«
Joseph antwortete: »O, er hat eine Stelle gefunden. Hier dicht nebenan,
bei Bachmann & Co. Seit heute. Er freut sich sehr darüber.«
»So? Und er trinkt wohl noch immer gern, was? Der wird sicherlich lange
in der neuen Stellung verbleiben, der! Es ist gut. Waren Sie auf der
Post?«
»Nein, ich gehe jetzt. Sie werden entschuldigen. Mein Vorgänger hat
mich aufgehalten. Ich werde gleich gehen, und wenn Sie wünschen, daß ich
Ihnen die Briefe hieherbringe« -- --
Tobler verneinte, und der Gehülfe entfernte sich.
Auch Wirsich war jetzt aufgestanden, er bezahlte, marschierte unsicher
vorwärts, wußte nicht, ob er seinen ehemaligen Vorgesetzten grüßen
sollte oder nicht, tat es, und sogar tief und demütig, und stieß zum
Überfluß noch an einen Tisch an, bei welcher Gelegenheit er beinahe
umgestürzt wäre. Sein Achtungsgruß wurde mit keinem Zug einer Miene
erwidert. Tobler »wollte nichts mehr mit diesem Menschen zu tun haben«.
An der Tür stolperte Wirsich zum zweiten Mal. War das eine schlimme
Vorbedeutung?
* * * * *
Frau Tobler kam mit dem Nachtschnellzug nach Hause gefahren. Herr
Tobler, Pauline und Joseph erwarteten sie am Bahnhof. Der Zug kam
schnaubend und rasselnd an. Allerlei Menschen drängten sich in die Nähe
des langen, schwarzen, prachtvoll-dastehenden Ungetümes heran. Die Frau
stieg aus, Joseph und Pauline sprangen hinzu, um Körbe und Pakete in
Empfang zu nehmen. Mutter Tobler hatte der Sohnesfrau Verschiedenes
mitgegeben, das konnte man ungefähr zum Voraus wissen, deshalb war man
zu dritt am Bahnhof erschienen. In zwei Körben befanden sich teils
Äpfel, teils Nüsse. Die Pakete enthielten Sachen für die Frau selber und
für die Kinder.
Dem Gesicht der Ausgestiegenen war abzulesen, daß die ganze Sache weder
ganz gut noch auch ganz schlecht abgelaufen war. Es drückte Müdigkeit
und Gelassenheit aus. Es schien, als ob eine Hälfte des Gesichtes ein
bißchen gelächelt hätte. Im ganzen schien sie ihrem Mann, der sie
neugierig darum befragte, eine genügende und zufriedenstellende Auskunft
gegeben zu haben, denn Tobler schien nicht übel Lust zu haben, rasch
jetzt noch für eine Weile ins »Segelschiff« zu gehen. Seine Frau sagte,
sie merke ihm wohl an, wohin er zu gehen wünsche, mit welchen paar
Worten denn auch die bezügliche Erlaubnis erteilt war. Er rief den
Davongehenden noch nach, er sei in mindestens einer Stunde wieder im
Abendstern und verschwand in seiner Stammkneipe.
Die Übrigen gingen nach Hause. Dem Gehülfen war es eine angenehme
Pflicht, die Körbe, so schwer sie waren, zu tragen. Das war doch
wenigstens wieder einmal etwas »Körperliches«. Er schritt hinter den
beiden Frauen, hinter der Magd und der Frau, leicht daher, gänzlich
gedankenlos. Ja, das kam von den Körben her. »Ich bin zum Laufburschen
geboren,« dachte er.
Zu Hause angelangt, gab es einen Schwarm von Fragen, aus der kindlichen
Wißbegierde heraus ertönend. Und eine Belagerung der Pakete und
Obstkörbe. Was Großmutter sagen ließe, wollten die drei Kinder wissen.
Nur das Vierte nicht. Silvi blieb schläfrig und gleichgültig. Auch die
Geschenke ließen dieses Mädchen gleichgültig. »Mich betrifft das nicht,«
sagte ihre Miene. Um so mehr mußten die Sachen die übrigen drei
betreffen. Sie wurden jedoch bald alle samt ihren Forderungen, Fragen
und Neugierden in die Betten geschickt.
»Wie bin ich müde,« sagte Frau Tobler.
Pauline kniete vor ihr am Boden und zog ihr die Schuhe aus. Sie saß auf
dem Sofa. Joseph, der daneben stand, dachte: »Ich muß gestehen, daß es
mir nicht unangenehm gewesen wäre, wenn sie zu mir gesagt hätte: zieh
mir die Schuhe aus! Ich glaube, ich hätte mich mit Vergnügen gebückt.« --
Ein Handschuh entglitt ihr, sofort sprang er hinzu und hob ihn ihr auf.
Sie lächelte matt und dankte und sagte:
»Wie sind Sie dienstfertig! So sind Sie nicht immer gewesen. Kommt wohl
mein Mann bald nach Hause? Wie geht es Ihnen, Joseph?«
»Sehr, sehr gut,« gab er zur Antwort. Pauline hatte das Zimmer
verlassen.
Er sei eben noch jung, da spreche er so und müsse wohl auch so sprechen,
sagte die Frau. Ihr sei es so schwer zumut.
»Haben Sie Verdruß gehabt?«
Auch! Aber dieser kleine Verdruß berühre sie wenig. Sie fühle sich heute
zu allerhand Gedanken hingezogen. Ob Joseph noch jassen möge? Ja? Das
sei nett. Sie habe gerade jetzt eine unglaubliche Lust, Karten zu
spielen. Sie glaube, das helfe ihr.
Sie setzten sich an den Tisch und spielten Karten. Pauline trug etwas zu
essen auf für Frau Tobler und ging dann wieder. »Vielleicht ist diese
Frau zugleich leichtsinnig und schwermütig veranlagt. So kann es sein.
Übrigens bin ich ein Dummkopf!« dachte der Gehülfe.
»Sie will mir nicht gern geben, die alte Frau,« sagte mitten im Spiel
Frau Tobler.
»Wer? Ach so! Die Mutter Tobler! Das kann man sich denken. Aber sie wird
müssen!«
»Ja eben!« machte sie. Sie lachten beide. »Wie das wieder leichtsinnig
ist,« dachte der Buchhalter und Korrespondent des technischen Bureau
C. Tobler. Die Firma! Schließlich war man denn doch ein gesetzter Mann.
Da saßen sie beide wieder zusammen, sie, die »unbegreifliche Frau« und
er, der »kuriose Mensch«. Joseph mußte laut auflachen. Was er habe? --
»O nichts. Dummheiten.«
Sie sagte, ernster werdend, er werde sich etwa ihr gegenüber keine
Scherze erlauben. Er erwiderte auf diese Bemerkung, er sei der
kaufmännische Angestellte des Hauses Tobler, worauf sie sagte, sie
hoffe, daß er das bestimmte Gefühl habe, er sei das. Er warf die Karten,
die er in der Hand hielt, auf den Tisch, erbebte und erklärte, ein
ernsthafter und solider Angestellter sei's nicht gewohnt, bis in alle
Nächte hinein Karten zu spielen. Er war aufgestanden und ging, indem er
erwartete, sie werde ihn zurückrufen, nach der Türe hin. Sie ließ ihn
gehen.
Statt nach oben in sein Zimmer zu gehen, stieg er ins Bureau hinunter,
zündete die dort befindliche Lampe an, setzte sich an seinen Tisch und
schrieb an den Verwalter des Tit. Stellenvermittlungsbureau folgendes:
Sehr geehrter Herr!
Ich bitte Sie höflichst, mich als Bewerber um eine gelegentlich frei
werdende, passende Stelle gütigst vormerken zu wollen. Ich finde
mich nicht veranlaßt, es darauf ankommen zu lassen, eventuell wieder
auf dem Pflaster zu sitzen. Die Dinge hier oben, Herr Verwalter,
spitzen sich immer schärfer zu. Ich sage: für alle Fälle! und
empfehle mich Ihnen
Hochachtungsvoll
Ihr aufrichtig ergebener Joseph Marti.
Er war noch nicht so bald mit Kuvertieren und Adressieren dieses
Schreibens fertig geworden, als er vom Garten her Schritte hörte. Eine
halbe Minute später traten Herr Tobler und zwei andere Herren, offenbar
Stammgäste aus dem »Segelschiff«, ins Bureau ein, laut redend und
lachend, und wie es schien, voll trunkenen Übermutes.
Was Joseph noch so spät in der Nacht zu arbeiten habe? fragte mit
unsicherer Stimme Tobler. Er habe wenigstens noch einen wahrhaft
fleißigen und aufopfernden Gehülfen, wie es scheine, bemerkte er weiter,
indem er sich lachend seinen Jaßkollegen zuwandte. Jetzt aber solle er
nur ruhig Feierabend machen, denn morgen früh sei es auch wieder Tag.
Dann ging er zur Türe, die ins Innere des Hauses führte und rief, so
laut er konnte: Pauline!
»Herr Tobler?« kam die Antwort von oben herab.
»Bringen Sie uns ins Bureau ein paar Flaschen von dem Rheinwein. Aber es
muß rasch geschehen.«
Joseph hatte kaum nötig, sich von den Herren zu verabschieden, er sagte
kurz gute Nacht und ging weg. Die andern hörten und bemerkten ihn gar
nicht mehr, denn die hatten jetzt ganz anderes zu tun. Die lagen halb am
Boden, halb auf dem Zeichentisch, ohne sonderlich zu achten, auf was sie
saßen. Die Stühle wurden als Fußschemel benutzt, und mit den
zeichnerischen Entwürfen Toblers kamen die schläfrigen und lustigen
Köpfe in engste Berührung. Tobler stopfte, hin und her taumelnd, seine
Tabakpfeife, und als endlich der Wein kam, machte er sich mit vieler
Mühe und Ungeschicktheit an das Geschäft des Gläserfüllens, worauf dann
ein Trinken begann, das halb mit Schnarchen und Hochaufgähnen verbunden
und vermischt war. Das bißchen gute Vernunft, das der Ingenieur noch zur
Verfügung hatte, glaubte er jetzt mit einem Mal dazu verwenden zu
sollen, den Herren und Kameraden die Toblerschen Erfindungen zu
erklären, er stieß aber nur auf ein Gelächter und sonst auf keinerlei
Verständnis. Der Ernst der männlichen Weltanschauung lag in einem fallen
gelassenen und zerbrochenen und seinen Inhalt ausgeschütteten Glas Wein
am Boden. Der männliche und menschliche Verstand gröhlte und johlte und
lallte, daß die Wände des Hauses beinahe erzitterten. Tobler hatte zu
allem, was er eben inszeniert hatte, jetzt noch die wenig
rücksichtsvolle Idee, seine Frau mit lauter Stimme in das Bureau
hinunterzurufen, um ihr, wie er sagte, seine guten Freunde aus dem Dorf
vorzustellen. Sie kam, steckte aber nur den Kopf durch die Türe, die sie
schüchtern geöffnet hatte, und verschwand wieder, zurückgeworfen von
dem, wie sie selber andern Tags zu ihrem Mann sagte, widerlichen und
unflätigen Bilde, das sich ihren Augen darbot, und welches ein
holländischer Trunkenboldszenenmaler nicht überzeugender und
abschreckender hätte malen können, als wie es hier in Wahrheit und
Wirklichkeit lebte und sich regte. Die Trinkerei hatte mit dem
Verschwinden der Frau noch lange nicht ihr Ende erreicht, im Gegenteil,
sie flammte und kochte und brannte bis zum frühen Morgen und bis zu der
Ermattung, jener vollständigen, die den stärksten Zechern schließlich
über die Nacken herfällt, um sie zu beugen und der Länge und Breite nach
unter Tische und Stühle zu strecken. So geschah's auch, und die
ausgelassene Gesellschaft übernachtete unter gräßlichem Schnarchen im
technischen Bureau, bis Pauline kam, um den Ofen zu heizen. Es war Tag.
Die Gesellen erwachten. Die zwei Bärenswiler zottelten in ihre
Dorfschaft und engere Heimat zurück, während Herr Tobler nach oben ging,
in sein und seiner Frau Zimmer, um den Rausch und Sturm auszuschlafen.
Pauline hatte eine wahre Heidenarbeit zu verrichten, das verwüstete und
entstellte Bureau wieder einigermaßen in Ordnung zu bringen. Als Joseph
um acht Uhr unten ankam, sah es noch bitterlich schlimm darin aus, so
daß er sich entschloß, sogleich auf die Post zu gehen. Alles lag
durcheinander, Stühle, Zeichnungen, Schreib- und Zeichengegenstände,
Gläser und Pfropfen. Tinte war verschüttet, rote und schwarze. Wein
schwamm am Boden. Einer Flasche war der Hals abgeschlagen worden. Es
schienen Bären, nicht nur Bärenswiler in dem Raum gewirtschaftet zu
haben, den ein Geruch erfüllte, daß es schien, als müßte man zehn Tage
hintereinander die Fenster offen stehen behalten, um es hier wieder
sauber, gemütlich und wohnlich zu bekommen.
Auf der Post warf Joseph den Brief an den Verwalter in den Kasten. »Für
alle Fälle,« dachte er.
* * * * *
Am folgenden Tag flossen dem Hause Tobler aus dem elterlichen Vermögen
viertausend Mark zu. Das war wenig, aber es war wenigstens etwas, es
genügte gerade, um die allerungeduldigsten und am schärfsten vorgehenden
Dränger zufriedenzustellen. Joseph hatte längst eine Gläubigerliste
zusammengestellt, und so wurden nun aus dieser bunten Wiese die am
heftigsten duftenden Blumen ausgesucht, um wenigstens vorläufig diese zu
betäuben. Unter diesen wütenden und augenblendenden Gewächsen befanden
sich unter andern der Gärtner, der gesagt hatte, er wolle nicht eher
ruhen, bis er Tobler gepfändet und vom Ort verjagt sähe, das
Elektrizitätswerk, das so höhnisch mit den Schultern gezuckt, und die
schöne Beleuchtung abgestellt hatte, der Schlosser aus der
Nachbarschaft, dieser »undankbare Hund«, wie Tobler ihn nannte, dem man,
wie man sich vorgenommen hatte, das »Geld vor die Füße schmeißen würde«,
der Fleischer, und aber von jetzt an »keinen Bissen Fleisch mehr aus
dieser Metzgerei«! Der Buchbinder, das »alte Kamel«, der froh sein
dürfte usw., die Uhrenfabrikanten, denen »man allerdings ihr Drängen
nicht sehr verübeln konnte«, der Metallwarenfabrikant, der den kupfernen
Turm gebaut und verrechnet hatte, und einige, die ihr Geld »wohl
verdienten«.
Ein halber Tag genügte, um diesen lautesten und unverschämtesten
Forderungen den Mund zu verstopfen, aber auch das Geld war damit
verschwunden. Was bedeuteten viertausend Mark für ein über und über
verschuldetes Haus? Ein kleiner Rest dieser Summe wurde der Haushaltung
gegeben, und einen noch winzigeren erhielt Joseph als Gehalt-Anzahlung.
Es war ein sonniger Schneevormittag gewesen, mit blauem Himmel und
Winden und mit Schneenässe an der Erde, als der Gehülfe von Haus zu Haus
gegangen war, um Beträge auszubezahlen. Auch beim Betreibungsbeamten war
er vorbeigegangen. Und wie rasch das Geld schwand, das merkte er an der
leichter werdenden Rocktasche.
Gegen den Nachmittag langte ein Schreiben des Advokaten Bintsch an,
worin derselbe erklärte, es sei von der Mutter nichts mehr zu
gewärtigen. Er habe sein Möglichstes versucht, die Frau zu überzeugen;
seine Bemühungen seien aber zu seinem Leidwesen ohne Erfolg geblieben.
Er rate daher Tobler an, mit Ruhe die Folgen dieser Resultatlosigkeit zu
ertragen.
Tobler verzog, während er diesen Brief las, sein Gesicht zu einer
schmerzhaft anzusehenden Grimasse. Er schien einen namenlosen Zorn zu
bemeistern. Dann brach es aus ihm los und warf ihn auf einen Stuhl
nieder, als ob Zentnerlasten ihn niedergeschmettert hätten. Er keuchte
mit seiner starken Brust, die zu zersprengen drohte, ähnlich einem zu
straff angespannten Bogen. Sein Gesicht schaute von unten herauf, als
sei es von oben herab von Fäusten niedergepreßt worden. Auf seinem
Nacken schienen jähzornig wiegende und sausende und stemmende Gewichte
zu liegen, lebendige Gewichte. Die Farbe seines Gesichtes war dunkelrot.
Rund um ihn schien die Luft dick und steinern geworden zu sein, und eine
unsichtbar-sichtbare Gestalt schien sich jetzt dicht neben Tobler zu
erheben, um ihm gemütlich aber kalt auf die zusammenzuckende Achsel zu
klopfen. Die eiserne Notwendigkeit selber schien ihm zugeflüstert zu
haben. »Mann! Versuche dein Letztes!«
Tobler öffnete schwerfällig sein amerikanisches Rollschreibpult, nahm
unter Ächzen und Rückenbiegungen, als ob er Schmerzen gehabt hätte, eine
Feder zur Hand, ein Blatt Papier, um seiner Mutter einen Brief zu
schreiben. Aber die Buchstaben, die er aufsetzte, tanzten ihm vor den
Augen. Das Pult flog an seiner wild gewordenen Empfindung hoch auf, das
Bureau drehte sich, er mußte aufhören. Er sagte mit röchelnder Stimme zu
Joseph:
»Telefonieren Sie Bintsch und ersuchen Sie ihn, Ihnen zu sagen, wann er
zu einer Besprechung mit mir bereit sein kann. Sagen Sie ihm, es hätte
die größte Eile.«
Joseph schickte sich sogleich an, dem Befehl Folge zu leisten. Er war
aufgeregt, sprach vielleicht etwas undeutlich, es war möglich, daß man
ihn nicht recht verstanden hatte, kurz und gut, es dauerte ziemlich
lange, ehe er mit Doktor Bintsch reden konnte. Hinter ihm her war Tobler
die Treppe hinaufgekommen und stund nun hinter dem Gehülfen, den die
Gegenwart eines so krankhaft erregten Herrn und Meisters noch mehr
verwirrte, derart, daß, als nunmehr die gewünschte Verbindung
hergestellt war, er sich mit dem Rechtsanwalt in stammelnden Gesprächen
herumschlug, ohne sich verständlich machen zu können.
Das war zu viel für Tobler. Mit einem häßlich tönenden Wutschrei warf er
den ungeschickten Sprecher zur Seite, daß derselbe an den Türrahmen des
Wohnzimmers anflog, und ergriff selber den telephonischen Hörer, um das
verunglückte Gespräch zu Ende zu führen und sich den erforderlichen
Bescheid selbst sagen zu lassen.
Seine Wut war verflogen, aber er zitterte am ganzen Leib heftig. Er
bekam Fieber und mußte sich auf das Ruhbett legen, auf dasselbe, das vor
kurzer Zeit Dora eingenommen hatte. »Ist Vater krank?« frug diese
jetzt. Frau Tobler, die besorgt neben dem liegenden und stöhnenden Manne
stand, sagte zu dem Mädchen: »Ja Kind, Vater ist krank. Joseph hat ihn
geärgert,« wobei sie den Gehülfen mit einem erstaunten und verächtlichen
Blick streifte, der denselben ins Bureau hinunter jagte. An seinem
Schreibtisch angelangt, versuchte er, als ob nichts geschehen wäre, zu
arbeiten, aber es war keine Arbeit, was er tat, sondern ein Tappen und
Tasten mit zitternden, zerstreuten Fingern, ein Bemühen, gleichmütig zu
sein, ein Nichtkönnen, ein Anderes, ein Nichts, etwas Schwarzes. Sein
Herz klopfte zum Zerspringen.
Später wurde er zum Kaffee gerufen. Tobler war inzwischen in sein
Schlafzimmer hinaufgegangen. Die Besprechung mit dem Advokaten konnte
erst andern Tags stattfinden, und bis dahin gab es für den Ingenieur ja
in der weiten Welt, scheinbar und offenbar, vorläufig nichts mehr zu
tun. Welches Bemühen konnte noch einen reellen Zweck haben? Welche Pläne
waren nicht lächerlich? Und krank! Es tat dem gehetzten Mann so wohl, zu
denken, er liege im Bett und könne bis am andern Tag ungestört liegen
bleiben. Er ließ sagen, wenn Joseph zur Post gehe, so möchte er ihm ein
paar gute Zigarren mit nach Hause bringen. »Und für Dora ein paar
Orangen, Joseph,« fügte Frau Tobler hinzu. Dieser führte die Aufträge
aus.
Nach dem Abendessen, die Kinder waren bereits zu Bett gebracht worden,
sagte der Gehülfe zu Frau Tobler, es sei ihm schwer, länger in einem
Hause zu bleiben, dessen Chef sich nicht scheue, ihn, nachdem er ihn oft
genug schon mit Worten beleidigt habe, nun auch tätlich und körperlich
zu beschimpfen. Das sei zu viel, und er glaube, er täte am besten,
gleich jetzt zu Tobler hinaufzugehen, und es diesem Mann zu sagen, wie
roh und dumm seine Handlungen seien. Er könne nicht mehr arbeiten, das
fühle er deutlich. Einer, den man herumstoße und gegen Türen heranwerfe,
der sei wohl auch nicht imstande, Nutzen zu bringen. Solch einer müsse
ein Esel und Taugenichts sein, sonst sei es ja gar nicht möglich, ihn
derart, wie es geschehen sei, zu behandeln. Dies drücke ihm den Atem ab.
Er meine, auch wenn er nichts wie Schindluder all die Zeit her, die er
nun hier oben zugebracht habe, getrieben hätte, so könne das körperliche
Schmach und Schande noch nicht einmal rechtfertigen, und er? Ob er nicht
sich immer ein wenig Mühe gegeben habe? Er wenigstens wisse es, daß er
hin und wieder mit Liebe und Lust und mit allen seinen Kräften
gearbeitet habe, wenn auch die Kräfte nicht immer den, er gestehe es,
gerechten Anforderungen hätten entsprechen können. Ob man so, wie es
geschehen sei, die Versuche, tüchtig und aufrichtig zu sein und zu
bleiben, behandle?
Er weinte.
Frau Tobler sagte kalt: »Mein Mann ist krank, wie Sie wissen, und eine
Störung wird ihm nicht gerade willkommen sein. Aber wenn Sie Lust haben,
und wenn Sie glauben, es hier oben bei uns nun so plötzlich nicht mehr
aushalten zu können, so gehen Sie nur zu ihm hinauf und sagen Sie ihm,
was Sie auf Ihrem Herzen haben. Ich denke, Sie werden den Ihnen und
Ihrem Betragen geziemenden, kurz und bündigen Bescheid erhalten.«
Der Gehülfe blieb sitzen. Dann erhob er sich und sagte: »Ich gehe noch
rasch auf die Post.«
»Sie wollen also nicht zu meinem Manne hinaufgehen?«
Nein, Herr Tobler sei krank, sagte Joseph, man dürfe ihn nicht stören.
Er dagegen habe jetzt noch Lust, einen kleinen Spaziergang zu machen.
Draußen empfing ihn eine klare, kalte Welt. Etwas Hohes und Gewölbtes
von einer Welt. Es war kalt geworden. Die Füße schlugen gegen Steine und
Eisstücke. Ein eiskalter Wind wehte durch die Bäume. Durch die Äste
derselben schimmerten die Sterne. Sein Herz war voll, er lief wie
besessen. Nein, er mochte nicht fortgehen. Er hatte Angst, Frau Tobler
würde inzwischen ihrem Mann alles ausplaudern gehen. Infolge dieses
Gedankens beschleunigte und jagte er seine Schritte. Seinen Gehalt hatte
er überdies auch noch nicht endgültig ausbezahlt erhalten. Item. Die
Hauptsache war: im Haus bleiben. »Wie unanständig, mich derart beklagt
zu haben,« rief er in die Winternacht hinaus. Er nahm sich vor, Frau
Tobler kniefällig die Hände zu küssen.
Sie saß noch im Wohnzimmer, als er es wieder betrat. Er fing schon in
der Türe, welche er aber vorsichtig zuschloß, zu reden an:
»Ich habe Ihnen zu sagen, Frau Tobler, wie gut, daß Sie noch hier
sitzen, daß ich mich vollständig im Unrecht fühle, darum, daß ich gegen
meinen Chef Klagen vorgebracht habe. Ich bin zu voreilig gewesen, und
ich bitte, verzeihen Sie mir. Ich habe mich läppisch benommen, und Herr
Tobler, in welche Aufregung hat ihn der unselige Advokatenbrief
geworfen. Waren Sie schon bei Ihrem Mann? Haben Sie es ihm schon sagen
müssen?«
»Nein, ich habe ihm noch nichts gesagt,« antwortete die Frau.
»Ich bin froh!« sagte der Gehülfe, und er setzte sich. Er fuhr fort:
»Und ich bin hieher zu springen gekommen, in der hellen Angst, daß Sie
es ihm schon hätten können gesagt haben. Es tut mir alles leid, was ich
gesagt habe. Man sagt im Sturm der Gefühle, gnädige Frau, gar so
manches, was man nicht aussprechen sollte. Ich bin so froh, daß Sie noch
nichts gesagt haben.«
Das sei vernünftig gesprochen, sagte Frau Tobler.
»Ich habe mir vorgenommen, Ihnen zu Füßen zu stürzen und kniend Abbitte
zu tun,« stammelte der Gehülfe.
So etwas sei gar nicht nötig, pfui, entgegnete sie.