Dies geschah am letzten Tage des Jahres, im technischen Bureau, das nun

so oft schon der Schauplatz ungehöriger und unbeherrschter Szenen hatte

sein müssen. Auch Joseph hatte alles Würdelose und Fassungslose wieder

mit angesehen und angehört. In diesem Moment wäre er am liebsten gleich

auf und davon gegangen, aber »wozu es herbeiziehen,« dachte er, »es

kommt schon von selber.« Er bemitleidete Tobler, er verachtete ihn, und

er fürchtete sich zugleich vor ihm. Das waren drei sehr häßliche

Empfindungen, eine wie die andere natürlich, aber auch ungerecht. Was

veranlaßte ihn, nun noch länger der Angestellte dieses Mannes zu

bleiben? Der Gehalt-Rückstand? Ja, das auch. Aber es war noch etwas ganz

anderes, etwas Wichtigeres: er liebte aus dem Grund seines Herzens

diesen Menschen. Die reine Farbe dieser einen Empfindung machte die

Flecken der drei andern vergessen. Und wegen dieser einen Empfindung

waren auch die drei andern immer, beinahe von Anfang an, dagewesen, und

um so lebhafter. Denn was einer gern hatte, an was einer sich gebunden

und geschlossen fühlte, das machte ihm eben zu schaffen, mit dem stritt

er sich, an dem paßte ihm vieles nicht, das haßte er gelegentlich, weil

er sich mächtig von ihm immer angezogen gefühlt hatte.

Das Wetter war an diesem letzten Jahres-Tag mit einmal wunderbar mild

geworden. Die winterliche Natur schien gleichsam zu schmelzen und stille

Freudentränen zu weinen, denn was Eis und Schnee sein mochte, das lief

als munteres, warmes Wasser die Hänge und Hügel hinunter, dem Seewasser

zu. Es rauschte und dampfte, als wenn sich ein Frühlingstag mitten in

den Winter hinein verloren hätte. Eine solche Sonne! Der reine Maitag.

Die beiderlei Sorten Gefühle, die schönen und die schmerzlichen, die

sich heute besonders lebhaft in der Brust des Gehülfen bewegten, reizte

das herrliche Wetter noch mehr hervor, beruhigte und beunruhigte sie

zugleich, so daß es ihm, als er zur Post lief, war, als laufe er nun da

zum letzten Mal den schönen Weg entlang, unter diesen bekannten, guten

Bäumen, an all den Dingen und Gesichtern vorbei, die Winters und

Sommers immer gleich angenehm anzuschauen gewesen waren.

Er trat bei Bachmann & Co. ein und fragte nach Wirsich, den er schon an

die zehn Tage nicht mehr gesehen hatte, und mit dem er sich für den

Silvesterabend zu einer gemütlichen Zusammenkunft zu verabreden

gedachte.

Der Wirsich? Der sei längst abgegangen. Das sei ja eine pure

Unmöglichkeit gewesen, den zu behalten. Der sei ja den halben und ganzen

Tag betrunken gewesen.

Joseph entschuldigte sich und verließ den Laden. »Ist das möglich,«

dachte er und ging langsamen Schrittes nach dem Postgebäude. Im Postfach

lag eine Neujahrswunschkarte seiner Frau Weiß, auf welcher diese gute

Frau ihm Glück und Gedeihen wünschte. Er lächelte, schloß das Fach zu

und machte sich auf den Heimweg, indem er die Richtung der Landstraße

einschlug. Das Wirtshaus zur »Rose« streifend, das an der Straße lag,

erblickte er in demselben Wirsich, der an einem Tisch saß und den Kopf

schrecklich verzweifelt in die hohle Hand stützte. Das Gesicht des

unglücklichen Menschen war blaß wie der Tod, seine Kleider waren

schmutzig, und sein Blick hatte alles Leben verloren.

Joseph trat näher und setzte sich zu seinem Vorgänger. Viel wurde

zwischen den beiden nicht gesprochen. Das Bewußtsein des Unheils findet

in der Regel keine Worte. Der Gehülfe trank ziemlich stark, gleichsam,

um dem Kameraden um eine Seelenstufe und um ein Stück Verständnis näher

zu rücken, indem er fühlte, daß hier der nüchterne Sinn und Verstand

beinahe unpassend gewesen wäre. Die Zeit verging, indem er sich erzählen

ließ, wie es gekommen war, daß der andere aus dem guten Lebensposten

wieder verjagt werden mußte.

»Kommen Sie, Wirsich, wir wollen ein wenig spazieren gehen,« sagte dann

Joseph. Sie bezahlten, der Festere nahm den Schwankenden und Trostlosen

unter den Arm, es war schon Nachmittag geworden, und so gingen sie

zusammen, erst ein Stück gradaus, dann bergauf, über die freundlichen

Wiesen. Wie milde alles war. Wie man da hätte plaudern und scherzen

können, wenn man in Begleitung eines Kindes, eines Mädchens oder einer

schönen Dame gegangen wäre. Wie man sich, wenn es halb erlaubt gewesen

wäre, hätte küssen können. Auf einer Bank in Bergeshöhe vielleicht. Oder

wie man gesprochen hätte, etwa mit einem Bruder, oder wie es da hätte

sein können, wenn Wirsich ein gesetzter, welterfahrener und gutmütiger

älterer Herr gewesen wäre. Gelacht würde man haben, und ein ernstes,

aber ruhiges Wort würde man schön vor sich hingesprochen haben. Wenn man

aber Wirsich betrachtete, mußte man mit den Verhältnissen und Geschicken

der Welt heimlich zürnen und grollen, denn Wirsich bot keinen schönen

Anblick dar.

Joseph dachte an Toblers und das Herz schlug ihm leise. Wie kam er dazu,

den ganzen halben Tag von Geschäft und Haus fern zu bleiben, ohne um

Erlaubnis gebeten zu haben? Er machte sich unbehagliche Vorwürfe.

Und dazwischen war es ihm beinahe heilig zumut. Die ganze Landschaft

schien ihm zu beten, so freundlich, mit all den leisen, gedämpften

Erdfarben. Das Grün der Matten lächelte aus dem Schnee, dieser war von

der Sonne zu weißen Flecken und Inseln zerteilt worden. Jetzt fing es

an, Abend zu werden, und nun hätte er doch nicht wünschen mögen, er wäre

besser nicht mit Wirsich spazieren gegangen.

Doch! Er hatte ganz gut daran getan, das fühlte er lebhaft. Dieser

verunglückte Mensch durfte nicht gänzlich allein gelassen werden. Und

jetzt paßte die Gestalt des Trinkers auf einmal wundervoll in die Gegend

und in die Dämmerungen des Abends. Schon zündeten Menschen in Häusern

Lichter an, schon sah man die Farben nicht mehr, nur noch die weicheren

und breiteren Umrisse, und sie gingen heim, und sonderbar, sie schlugen

beide den Weg nach Toblers Haus ein, ohne irgend welche Verabredung

getroffen zu haben.

Tobler war nicht zu Hause. Die Frau saß im Wohnzimmer, in der

Dunkelheit, ganz allein, die Lampe hatte sie noch nicht angezündet, und

Pauline und die Kinder waren noch irgendwo draußen in der Umgebung. Sie

erschrak über die unvermutete Ankunft zweier solcher abendlichen

Gesellen, aber sie faßte sich rasch, machte Licht und frug Joseph, warum

er denn heute nicht zum Essen erschienen sei, Tobler habe sich darüber

aufgeregt, er sei böse, und sie fürchte, es werde nun wieder etwas

Unangenehmes geben.

»Guten Abend, Wirsich,« sagte sie zu dem andern und reichte die Hand,

»wie geht es Ihnen?«

»So! Es geht so,« machte der. Joseph ergriff das Wort:

»Frau Tobler, würden Sie mir erlauben, für heute nacht meinen Kameraden

bei mir oben im Turmzimmer zu behalten? Wie ich denke, befindet er sich

in Verlegenheit, wo er übernachten soll, es sei denn in der 'Rose' da

unten, aber ich will mein Möglichstes getan haben, zu versuchen, daß

man ihn verhindert, dort zu nächtigen. Wirsich hat soeben seine neue

Lebensstellung verloren, durch eigene Schuld, das weiß er selber. Sein

Geld hat er vertrunken. Wenn er sich nun in den See stürzt, so begeht er

ein Ding, worüber wohlsituierte Leute leicht die Achseln zucken können,

das aber schrecklich und nie wieder zu verbessern ist. Er ist ein Säufer

und ein kaum noch zu rettender Mensch, ich spreche das hier, auch vor

Ihnen selber, Wirsich, laut aus, denn es gibt vor Naturen, wie er eine

ist, keinerlei Takt zu bewahren, weil überhaupt keine Haltung mehr da

ist. Aber er muß nicht heute zugrunde gehen, und was mich betrifft, so

nehme ich ihn als meinen besten Freund und Kameraden ungeniert in ein

Haus mit, in dem ich als Arbeiter tätig, und als Bewohner vertraut bin.

Ich werde jetzt noch ein wenig mit ihm ausgehen, denn es hat heute am

Silvesterabend keinen Sinn, sich in ein Zimmer einzusperren, trocken und

lustlos; ich gedenke im Gegenteil die Nacht mit meinem Vorgänger, daß

ich es nur sage, ruhig und anständig zu durchzechen, denn so machen es

heute ja alle Menschen, die glauben, es sich erlauben zu dürfen. Ich

werde dann mit Wirsich hieher zurückkehren, um ihn bei mir oben

übernachten zu lassen, mag Herr Tobler das nun übel nehmen oder nicht.

Ich wollte Ihnen das, gnädige Frau, im voraus sagen. Vieles, was mich

diese ganze Zeit über in Erregung hat versetzen können, begegnet in

meinem Herzen hier jetzt, nachdem ich das Unglück meines Kameraden

angeschaut habe, der gleichmütigsten und allerschönsten Ruhe. Ich wage

es, dem kommenden Leben tief und sorglos und warm ins Auge zu blicken.

Ich vertraue meinem bißchen Kraft aufrichtig, und das ist mehr, als wenn

einer Wagenladungen voller Kräfte und Heuschober voll Fähigkeiten hätte,

aber denselben nicht traute oder sie gar nicht kennte. Gute Nacht, Frau

Tobler, Ihnen danke ich, daß Sie die Güte hatten, mich anzuhören.«

Frau Tobler sagte den beiden gute Nacht. Die Kinder kamen gerade in

diesem Augenblick zurück. »Der Wirsich ist da,« riefen sie in heller,

lustiger Freude aus. Er mußte allen die Hand geben, und alle, die

dabeistanden, hatten das seltsame Gefühl, als habe jetzt Wirsich

angefangen, wieder ein Glied des Hauses Tobler zu werden, oder als sei

er während all dieser Zeit seiner Abwesenheit eins geblieben, als wäre

er nur in ein anderes Zimmer gegangen und hätte dort ein etwas

ausschweifendes, überspanntes Buch gelesen, als hätte seine Abschweifung

nur eine Stunde oder zwei gedauert, so sehr sprach jetzt die

Wiedersehensfröhlichkeit der Kinder für ihn.

Da wurde auch die Frau, die ein strenges und kaltes Gesicht hatte

aufsetzen wollen, wieder leutselig und gewohnt-heiter, und sie sagte den

beiden, die schon in den Garten hinaus getreten waren, sie sollten aber

etwa auch ein bißchen aufs Maß schauen und mit Trinken und Feten nicht

allzu hoch über die Schnur hauen. Daß Wirsich hier bei Toblers, wo er

doch früher wie zur Familie gehört habe, übernachten könne, das verstehe

sich von selber. Und sie werde mit ihrem Mann schon ein Wort reden,

damit es keine Szene gebe.

»Gut' Nacht, Frau Tobler, adieu Dora, adieu Walter!« scholl es aus

Josephs Mund nach dem Haus zurück.

Unten in seinem kleinen Haus sang der Bahnwärter ein Lied. Die warme

Männerstimme wollte, wie es schien, ausgezeichnet in die milde Nacht

hineinpassen. Das Lied klang so gleichmäßig und gleichtönend, daß man

ihm, als man es hörte, zutraute, es werde noch über das alte Jahr hinaus

ins neue hinein und hinüber tönen wollen.

Joseph Marti und Wirsich bewegten sich auf der Landstraße langsam gegen

das Dorf zu.

* * * * *

Was diese zwei Neujahrskameraden in der Ortschaft und während der Nacht

betrieben und taten, welche Wirtschaften sie aufsuchten, wie viele

Gläser sie tranken, welche Art von Gesprächen sie zusammen führten, das

zu beschreiben würde das Wichtige und Wesentliche in das Unwichtige und

Unbedeutende hinüberschieben. Sie sprachen, was Kollegen zu sprechen

pflegen, und sie handelten, wie man in der Silvesternacht etwa zu

handeln pflegt, das heißt, sie gaben sich einem langsamen, aber desto

vergnüglicheren und desto zielbewußteren Rausch hin. In einem der

zahlreichen Bärenswiler Restaurants streiften sie Tobler, der am Tisch

mit Freunden saß und merkwürdigerweise über Religion sprach. Joseph

hörte, so gut er noch hören konnte, wie sein Chef ausrief, er erziehe

seine Kinder gemäß den Prinzipien der Religion, er selber aber glaube an

nichts, so etwas höre auf, wenn einer Mann werde. Den beiden

Angestellten, dem gegenwärtigen und dem früheren, schenkte der Ingenieur

infolge seiner heftigen Gesprächsanteilnahme keine Beachtung.

Um zwölf Uhr fingen die Glocken an zu tönen und zu erschallen, um den

Beginn des neuen Jahres läutend und donnernd anzuzeigen. Am Hafenplatz

spielte die Dorfmusik, begleitet und abgelöst von den Chören des

Männergesangvereines. Viele Leute umstanden, die Gesichter von Fackeln

beleuchtet, das nächtliche Konzert. Joseph bemerkte den

Versicherungsagenten, der mit Tobler gut stand, aber auch den wütenden

Handelsgärtner, den ärgsten Feind der technischen Unternehmungen, unter

den Zuschauern und Zuhörern.

Die Wirte machten in dieser Nacht gute Geschäfte, bessere, als sonst in

Wochen. Manch einer trank heute eine Flasche vom ganz Guten, der das

ganze Jahr nur Bier getrunken hatte. Mancher gönnte sich etwas, das er

sich sonst nicht wohl hätte erlauben dürfen; das ergab schöne, fette

Rechnungen, und diese wurden gleich bar bezahlt.

Frau Tobler war in Begleitung Paulinens zu der Mitternachtsmusik

gekommen, still und verschämt, im Gegensatz zu den unverschämten Augen,

die sie unter ihren Mitbürgerinnen antraf, die es sich zur Wonne

machten, die Frau in Verlegenheit zu bringen. Sie war heute eine

einsame, wenig geachtete, wenig beliebte Frau, aber sie ertrug es.

Am späten Morgen erwachten im Turmzimmer zwei noch nicht ausgeschlafene

Köpfe. Es war heller Tag und bereits elf, halb zwölf Uhr, also schon

beinahe Mittag. Schnell kleideten sich Marti und Wirsich an, um hinunter

zu gehen. Im Bureau stund schon Herr Tobler. Sein Zorn, als er den

Spätling und den unberufenen Eindringling erblickte, kannte keine

Grenzen. Er war nahe daran, Joseph zu schlagen.

»Nicht nur,« rief er aus, »daß Sie den ganzen vorigen Tag, ohne auch nur

ein Wort der Entschuldigung oder der Benachrichtigung zu sagen,

weggeblieben sind und die Nacht durchgelungert haben, besitzen Sie auch

noch die Frechheit, einen neuen halben Tag zu versäumen und zu

verschlafen. Unerhört ist das. Es gibt ja vielleicht hier unten heute

gar nichts Wesentliches zu tun, zugegeben, aber es kann jemand Geschäfte

halber daherkommen, und welchen Eindruck macht dann das, wenn die Magd

dem Ankömmling sagen muß, der Lump von Angestellter liege noch oben in

seinem Nest. Schweigen Sie. Seien Sie froh, wenn ich Sie nicht links und

rechts, wie Sie's verdienen, ohrfeige. Und hat auch noch die Stirne, in

Gesellschaft eines Menschen anzulangen, der, wenn er sich nicht

augenblicklich jetzt aus dem Staube macht, auf Niewiedersehen, wie ich

ihm befehle, anderes und deutlicheres zu gewärtigen hat. Und kommt an,

mit einer Gelassenheit, die dem erstbesten Galgenvogel, aber nicht dem

schuldbewußt sein sollenden Angestellten des Hauses Tobler ziemt. Dieses

Haus ist noch immer ein Haus und mein Haus, und wegen der Unsicherheit,

in der es sich befindet, darf niemand mich zum Narren und Buben machen,

am allerletzten mein Angestellter, dem ich Lohn ausbezahle, damit er zu

leben hat. Setzen Sie sich ans Pult und arbeiten Sie. Schreiben Sie. Es

gilt einen letzten Versuch mit der Reklame-Uhr zu machen. Nehmen Sie die

Feder zur Hand.«

Der Gehülfe sagte mit einer endgültig verletzenden Ruhe:

»Zahlen Sie mir den Rest des versprochenen Lohnes aus.«

Er wußte kaum, was er sagte, er hatte nur das bestimmte

Schluß-Bewußtsein. Es wäre ihm unmöglich gewesen, die Feder in die Hand

zu nehmen, so stark erzitterte er, deshalb sagte er unwillkürlich

dasjenige, was die stärkste Möglichkeit darbot, zu Ende mit all diesen

Dingen zu gelangen.

Tobler war denn auch außer aller Fassung.

»Machen Sie, daß Sie sofort zum Haus hinauskommen. Fort! Zu meinen

Feinden! Ich brauche Sie nicht mehr.«

Er überhäufte Joseph mit Beleidigungen, zuerst heftigen, dann immer

schwächeren, bis der Ton der Wut gänzlich in Klage und Schmerz

übergegangen war. Joseph stand immer noch da. Es dünkte ihn, mit der

ganzen Welt Mitleiden haben zu sollen, ein wenig auch mit sich, aber

stark und nachdenklich mit allem ihn Umgebenden. Wirsich war längst

vorläufig in den Garten hinausgetreten. Der Hund wedelte seinen alten

Bekannten an. Frau Tobler aber stand unterdessen am Fenster des

Wohnzimmers und hörte mit gespanntem Ohr durch die Wände und Mauern, was

von unten her zu ihr durchdringen mochte. Gleichzeitig beobachtete sie

die Bewegungen des im Garten stehenden, früheren Gehülfen.

»Ich erledige noch diese paar Briefe, Herr Tobler, dann gehe ich,«

sprach's vom Schreibtisch aus.

Ob er ohne Lohn fortgehen wolle? fragte Tobler.

Der andere erwiderte, es sei ihm nicht mehr möglich, zu bleiben, worauf

Tobler sagte, das sei doch wohl nicht so bluternst aufzufassen. Der Chef

nahm seinen Hut und entfernte sich. Nach einer Stunde begab sich der

Gehülfe, so unauffällig er konnte, in sein Turmzimmer hinauf und begann

dort, seine paar Sachen einzupacken. Da nahm er der Reihe nach wieder

diese kleinen, nichts- und für ihn vielbedeutenden Gegenstände in die

Hand, um sie säuberlich aber rasch in den bereitgehaltenen Koffer zu

stecken. Als er mit Packen fertig war, stellte er sich für zwei Minuten

an das offene Fenster und schaute noch einmal so recht mit dem dankbaren

Herzen die Gegend an. Dem großen See da unten warf er sogar eine Kußhand

zu, ohne zu überlegen, was er tat, sondern einfach in dem Gefühl des

plötzlich notwendig gewordenen Abschiednehmens.

Von der Plattform aus, auf die er jetzt trat, rief er Wirsich zu:

»Warten Sie. Ich komme im Moment.« -- Dann ging er die Treppe hinunter,

das Köfferchen in der Hand tragend. Wie ihm das Herz klopfte!

»Ich muß nun Adieu sagen, ich muß nun gehen,« sagte er zu Frau Tobler.

Diese fragte:

»Was hat's denn gegeben? Müssen Sie gehen?«

»Ja,« antwortete der Gehülfe.

»Denken Sie ein bißchen an mich, wenn Sie fort sind?«

Er bückte sich und küßte ihr beide Hände. Sie sagte:

»Ja, Joseph, denken Sie ein wenig an Frau Tobler, es wird Ihnen nicht

schaden. Das ist eine Frau, wie viele, keine bedeutende Frau. Lassen

Sie! Küssen Sie mir jetzt nicht mehr die Hand. Sagen Sie meinen Kindern

adieu. Walter! Komm doch. Joseph will uns verlassen. Komm Dora, gib

Joseph die Hand. Kommt. Ja.« --

Sie schwieg einen Moment und fuhr dann fort:

»Es wird Ihnen sicherlich gut gehen, ich hoffe es und wünsche es, und

ich weiß es beinahe. Seien Sie immer ein bißchen demütig, nicht zu viel,

Ihren Mann werden Sie immer stellen müssen. Aber brausen Sie nie auf,

lassen Sie die ersten Worte des Übelwollens immer unbeantwortet; auf ein

heftiges erstes Wort folgt ja so schnell ein züchtiges, sanftes.

Gewöhnen Sie sich daran, Empfindlichkeiten in der Stille zu besiegen.

Was Frauen jeden Tag tun müssen das soll auch der Mann nicht wollen ganz

außer acht lassen. Das Weltleben unterliegt ja denselben Gesetzen wie

das häusliche Leben, nur größeren und breiteren. Nur nie stürmisch!

Haben Sie auch alles, was Ihnen gehört, eingepackt? Gehen Sie jetzt

mit Wirsich? Hören Sie, Marti, nur nie zwangsweise, immer ein bißchen

artig. Dann werden Sie schon vorwärtskommen. Ich, ich werde auch bald

fortgehen. Dieses Haus ist verloren. Wir werden, ich und mein Mann und

meine Kinder, irgendwo dann in der Stadt wohnen, wahrscheinlich in einem

billigen Quartier. Man gewöhnt sich an alles, und nicht wahr, ein ganz

klein wenig gern sind Sie doch hier bei uns gewesen. Nicht wahr? Es war

doch vieles hübsch. Wollen Sie Tobler nicht auch adieu sagen lassen?«

»Von Herzen!« sagte der Gehülfe. Sie ergriff zum letzten Mal das Wort:

»Ich werde es ihm ausrichten, es wird ihn freuen. Er hat es um Sie

verdient, daß Sie ihm nicht grollen, er hat Sie gern gehabt, wie wir

alle. Sie sind unser Angestellter gewesen -- nein, gehen Sie jetzt. Viel

Glück, Joseph.«

Sie bot ihm die Hand und wandte sich dann zu ihren Kindern, als sei gar

nichts weiter geschehen. Er nahm seinen Handkoffer vom Boden auf und

ging. Und dann verließen die beiden, Marti und Wirsich, den Abendstern.

Unten auf der Landstraße angekommen, machte Joseph halt, zog einen

Toblerschen Stumpen aus der Tasche, zündete sich denselben an und drehte

sich noch einmal nach dem Haus um. Er grüßte es in Gedanken, dann gingen

sie weiter.

[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei

jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile

steht.

gehen kann. Er gelobte sich im stillen, sich Mühe zu geben, indem er

gehen kann.« Er gelobte sich im stillen, sich Mühe zu geben, indem er

zur nutzbringenden Insertion bedienen. Solch ein Feld kostet Geld;

zur nutzbringenden Insertion bedienen. »Solch ein Feld kostet Geld;

»Reklame-Uhr geworfen«. Ein sonderbarer Spaß, zehn- bis zwanzigtausend

'Reklame-Uhr geworfen'. Ein sonderbarer Spaß, zehn- bis zwanzigtausend

Mark in Uhren zu werfen. Gut, daß ich mir dieses Wort »werfen« gemerkt

Mark in Uhren zu werfen. Gut, daß ich mir dieses Wort 'werfen' gemerkt

Rang- und Bildungsunterschiede fallen umbarmherzig in einen großen, bis

Rang- und Bildungsunterschiede fallen unbarmherzig in einen großen, bis

heiß wurde und sie ihm verzeihten, ohne daß sie sich Rechenschaft gaben,

heiß wurde und sie ihm verziehen, ohne daß sie sich Rechenschaft gaben,

einums andere Mal auf den üppigen Mund zu küssen. Wie furchtbar weh

ein ums andere Mal auf den üppigen Mund zu küssen. Wie furchtbar weh

Tiefe setzte sich an das unergündlich Nasse an. Die Frau hielt ihre

Tiefe setzte sich an das unergründlich Nasse an. Die Frau hielt ihre

»Meine Herrin,« dachte Josef, »versteht kein Wort Französisch. Die

»Meine Herrin,« dachte Joseph, »versteht kein Wort Französisch. Die

des Hauses zu helfen, Leute, die einfach mit einmal dawaren, und so

des Hauses zu helfen, Leute, die einfach mit einmal da waren, und so

toblerschen Besitzung keine heimlich nicht unterminierte und zum

Toblerschen Besitzung keine heimlich nicht unterminierte und zum

»Aha!« machte der Gehilfe.

»Aha!« machte der Gehülfe.

Tobler frug Josef, ob er nun auch wirklich schon einen einigermaßen

Tobler frug Joseph, ob er nun auch wirklich schon einen einigermaßen

»Nein, noch nicht.« Josef habe heute noch keine Zeit dazu gefunden.

»Nein, noch nicht.« Joseph habe heute noch keine Zeit dazu gefunden.

der Hand des eifrigen Gehilfen dirigiert, in die dunkle Luft hinauf,

der Hand des eifrigen Gehülfen dirigiert, in die dunkle Luft hinauf,

aufzuhalten. Wenn er solches jetzt behauptete, so war es jetzt einfach eine

aufzuhalten. Wenn er solches jetzt behauptete, so war es einfach eine

absetzen, auf das dürfe Joseph immer sich gefaßt machen.

absetzen, auf das dürfe Joseph immerhin sich gefaßt machen.

ganz fort, wenn du dich durch ihn geschädigt glaubst, aber mach' keine

ganz fort, wenn du dich durch ihn geschädigt glaubst, aber mach keine

seinem Luftgemach, bequem gemacht hatte:

seinem Lustgemach, bequem gemacht hatte:

Eine halbe Stunde später gab es im Gartenhaus beim Kaffetrinken einen

Eine halbe Stunde später gab es im Gartenhaus beim Kaffeetrinken einen

um dem Empfindlichen von seiner Sprache einen lustigen Anstrich zu

um dem empfindlichen Ton seiner Sprache einen lustigen Anstrich zu

Kissen auf! Ah, das war Silvis Geschrei! Er stund auf, ging zur Türe,

Kissen auf: Ah, das war Silvis Geschrei! Er stund auf, ging zur Türe,

Es ergab sich in einem durch den Gehülfen eingeleitenen Gespräch, daß

Es ergab sich in einem durch den Gehülfen eingeleiteten Gespräch, daß

Sie zog ihn zu sich ans Fenster, und er fing an, ihr vonder

Sie zog ihn zu sich ans Fenster, und er fing an, ihr von der

Stimme adieu und auf Wiedersehen. Wie ihre Augen leuchteten wenn er

Stimme adieu und auf Wiedersehen. Wie ihre Augen leuchteten, wenn er

manigfaltigen Irrtümer: wie recht. Und das Gedankenlose, wie notwendig!

mannigfaltigen Irrtümer: wie recht. Und das Gedankenlose, wie notwendig!

naß. Der Bahnwäter kam herzu. Derselbe wohnte ganz in der Nähe, er war

naß. Der Bahnwärter kam herzu. Derselbe wohnte ganz in der Nähe, er war

nichts Wichtigerem beschäftigt sich, folgendes darauf:

nichts Wichtigerem beschäftigt sah, folgendes darauf:

herum, und so lange die Gebilde Lust hatten, dazubleiben, mochte es

herum, und so lange diese Gebilde Lust hatten, dazubleiben, mochte es

teilweise aus Schwindel oder aus fortreißender Erzählungsphantasie

teilweise aus Schwindel oder aus fortreißender Erzählerphantasie

Drang, zu philosophieren, oder der Gefangenwärter trat zur rasselnden

Drang, zu philosophieren, oder der Gefangenenwärter trat zur rasselnden

»Loch« immer voller Rauch war. Der Gefangenwärter, ein anscheinend

»Loch« immer voller Rauch war. Der Gefangenenwärter, ein anscheinend

im Wohnzimmer aussehe, und wie sich die Kinder benehmen und sagte

im Wohnzimmer aussehe, und wie sich die Kinder benähmen und sagte

den Eßtisch lag.

dem Eßtisch lag.

sah, seinen Gegner in anstäniger Weise niederzuwerfen. Schließlich

sah, seinen Gegner in anständiger Weise niederzuwerfen. Schließlich

Der Gehülfe · 第 19 / 20 段