»Wird man mich fortjagen? Wie? Ich dieses Haus verlassen?«
Ja, er fühlte, wie lieb es ihm geworden war, und er dachte weiter:
»Wie ist es mir möglich, zu leben, ohne Dummheiten zu begehen? Und in
diesem Haus konnte ich so hübsch Dummheiten begehen. Wie wird es
anderwärts hiermit bestellt sein? Und wie kann ich daran denken, zu
existieren, ohne von Toblers Kaffee zu trinken? Wer wird mir anderswo
satt zu essen geben? Und so bequem, und so mannigfaltig? An andern Orten
ist das Essen so langweilig, so ganz und gar das Gegenteil von üppig!
Und in wessen sauber zu- und aufgedeckten Betten will ich mich nachher
schlafen legen? Unter einen behaglichen Brückenbogen wohl! Gemach! Ach
Gott, sollte es schon so weit sein? Und wie kann ich fortfahren zu atmen
ohne die Gegenwart dieser auch im Winter reizenden, landschaftlichen
Gegend? Und wie will ich mich dann abends unterhalten, wie jetzt mit der
lieben, prächtigen Frau Tobler? Wem Grobheiten sagen? Nicht alle
Menschen nehmen sie so besonders, so eigen, so schön in Empfang. Wie
traurig. Wie liebe ich dieses Haus! Und wo wird eine Lampe brennen, so
zärtlich, und wo ein Wohnzimmer sein, so heimelig, so herz-voll, wie
Toblers Lampen und Wohnzimmer sind? Wie macht mich das mutlos. Und wie
können meine Gedanken, ohne alltägliche Gegenstände wie Reklame-Uhr,
Schützenautomat, Krankenstuhl und Tiefbohrmaschine zu haben, ferner
auskommen? Ja, das wird mich unglücklich machen, ich weiß es. Ich bin
hier gebunden, ich lebe hier. Wie sonderbar anhänglich ich bin! Und
Toblers tiefe, grollende Stimme, wie bitter werde ich ihren Klang
entbehren. Warum kommt er noch nicht? Ich möchte wissen, woran ich bin.
Ja, alles das. Was? Wo wird wieder solch ein Sommer mich in die üppigen,
grünen Arme und an die blühende und duftende Brust drücken, wie der war,
den ich hier oben habe erleben und genießen dürfen? Wo, in welcher
Gegend der Welt, gibt es solche Turmzimmer? Und eine solche Pauline?
Obschon ich mich mit ihr des öftern gezankt habe, gehört auch sie
schließlich mit zu dem Schönen. Wie es mir elend zumut ist. Hier durfte
ich 'kopflos' sein, wenigstens bis zu einem gewissen Grade. Ich möchte
wissen, an welchen Orten der zivilisierten Welt das sonst noch gestattet
wäre? Und der Garten, den ich so oft gespritzt habe, und die Grotte? Wo
gibt man mir das? Menschen wie ich genießen sonst nirgends die
Annehmlichkeit und den Zauber von Gärten. Bin ich verloren? Mir ist
elend zumut, ich glaube, ich werde jetzt einen Stumpen rauchen müssen.
Auch das wird mir fehlen. Sei es.« --
Als er auch noch an die Fahne im Sommer dachte, sah er sich genötigt, zu
grinsen, um nicht plötzlich wie ein Schwächling weinen zu müssen. Dann
trat Herr Tobler ins Bureau, wie jedesmal, ordentlich guten Morgen
sagend. Nichts von Zum-Haus-hinaus-jagen.
Nichts dergleichen!
Joseph setzte seine demütigste und dienstfertigste Miene auf, er war
unbeschreiblich froh, daß es noch nicht »so weit« war. Er setzte sich
geradezu leidenschaftlich hinter die Erledigung der heute bestehenden
geschäftlichen Aufgaben, und er drehte sich alle Augenblicke auf seinem
Stuhl um, damit er sehe, was Tobler an seinem Pult machte. Tobler tat
das Gewöhnliche.
Was er da gestern für einen Anfall gehabt habe? frug der Chef in
unglaublich freundlichem Tone.
»Ja, das war dumm,« sagte der Gehülfe, bescheiden und beschämt lächelnd.
Er brauche nicht zu ängsten. Seinen Gehalt kriege er schon, brummte
Tobler.
»O, ich will gar keinen Gehalt. Ich verdiene ihn nicht.«
»Dummheiten,« sagte Tobler, »ich bin, einige Kopflosigkeiten, die Sie
sich haben zuschulden kommen lassen, ausgenommen, zufrieden mit Ihnen.
Und wenn ich die Fabrik bekomme, um deren Beteiligung ich mich beworben
habe, so bleiben wir hoffentlich auch dann noch zusammen. Man wird in
diesem Fall auch einen Buchhalter brauchen können.«
Später ging der Chef.
Dora war an diesem Tage krank geworden, nicht ernstlich. Es war nur eine
kleine Erkältung, aber diese genügte, um das Mädchen zu pflegen, als
wäre ihr letzter Tag herangekommen. Dora lag auf dem Sofa im Wohnzimmer,
und als Joseph zufällig sagte, er wolle zur Post gehen, es war gegen
Abend, mußte er Dora versprechen, ihr ein paar Orangen oder Apfelsinen
aus einer Spezereihandlung mitzubringen, was er denn auch tat.
Während des Nachtessens redete Frau Tobler beständig zu der kleinen,
reizenden Unpäßlichen hinüber, in der Richtung nach dem Ruhbett. Silvi
machte große Augen und hielt den Mund sperrangelweit offen, als dächte
sie darüber nach, wie es zugehe, daß man so reizend krank sein könne.
Warum war denn eigentlich Silvi nie krank? War das nichts für sie? Mußte
die Natur ihr diesen hübschen Zustand vorenthalten? War sie zu gering,
eine kleine Erkältung bekommen zu dürfen? Sie wäre so gern einmal
zärtlicher als sonst, ja nur einmal ein bißchen wärmer und milder als
sonst behandelt worden. Die Dora! Nein! Silvi schaute ihr Schwesterchen
betrübt und erstaunt an, als wäre sie nicht imstande gewesen, es sich zu
erklären, wie die da so schön krank daliegen konnte.
»Tu den Löffel aus dem Mund, Silvi. Ich kann das nicht ausstehen!« sagte
Frau Tobler. Ihr Gesicht schien in diesem Augenblick zwei Mienen
bekommen zu haben, eine liebliche und glatte für Dora, und eine darunter
liegende gerunzelte und strenge für Silvi. Gleichzeitig schaute die
Frau kurz den Angestellten an, als forsche sie auf dessen Gesicht nach
dem, was er dazu etwa denken oder sagen mochte. Aber Josephs Gesicht
lächelte zu Dora hinüber.
Es war dies durchaus kein Wunder: die Menschen richten eben ihre Augen
mit Vorliebe dorthin, wo das Schöne und Wohlgestaltete zu sehen ist,
nicht dahin, wo in unappetitlicher Weise mit einem Kaffeelöffel in einem
ausdruckslosen Mund herumgerührt wird.
Doras volles Gesicht guckte anmutig zu den schneeweißen Bettkissen
heraus, auf denen verstreut, und Höhlen in den Flaum eindrückend, die
mitgebrachten Apfelsinen herumlagen. Dieser reizende, üppige Kindermund.
Diese kleinen, aber beinahe schon bewußt schönen und graziösen Bewegungen.
Diese bittende, liebe, leichte Stimme, dieses Vertrauen! Ja, Dora, du
durftest vertrauen, du sahest jeden Moment aus deiner Frau Mama Gesicht
Güte dir entgegenstrahlen.
Wie arm war da Silvi. Würde dieses Mädchen je auf den Gedanken gekommen
sein, zu wünschen, man solle ihr Orangen aus den Delikateßwarengeschäften
mit nach Hause bringen? Unter keinen Umständen. Dazu wußte sie viel zu
gut, wie sehr jedermann geneigt war, ihre Bitten abzuschlagen. Ihre
Bitten waren auch gar keine Bitten, sondern nur gestammelter Neid. Sie
bat erst, wenn Dora längst ihr gewünschtes hatte. Nie kam sie auf einen
ersten Wunsch. Die Wünsche Silvis waren alle Wunschkopien, ihre Einfälle
waren keine Einfälle, sondern nur Nachahmungen von solchen, die Dora
zuerst gehabt hatte. Ein echtes Kinderherz nur kommt auf frische
Einfälle, ein verprügeltes und verachtetes niemals. Die wahre Bitte ist
immer ersten, nie zweiten Ranges, gerade wie das wahre Kunstwerk. Silvi
war eben nun einmal zweiten, dritten, vielleicht sogar siebenten Ranges.
Alles was sie sagte, war aus falschem Tone geschmiedet und gebacken, und
alles was sie tat, war altbacken. Wie alt Silvi bei ihren blütenjungen
Jahren schon war. Welches Unrecht! --
Joseph hatte das einen Moment überdacht, während er Dora anschaute. Wenn
man die anschaute, konnte man sich ein klares Bild von ihrem Gegenstück
machen, und man hatte dann gar nicht nötig, die prüfenden und
vergleichenden Augen erst noch lange auf Silvi zu werfen.
Wie das traurig war. Diese zwei ungleichen Kinder! Joseph hätte aus dem
Grund seines Denkens heraus hörbar seufzen mögen. Als Dora jetzt in ihr
richtiges Schlafbett hinaufgetragen werden sollte, trat er zu ihr hin
und war so betroffen von dem Anblick ihres keck-unschuldigen Wesens, daß
er nicht anders konnte, als ihr die kleine Hand zu küssen. Mit diesem
Huldigungskuß wollte er gleichsam die zwei Arten liebkosen, die Dora-Art
und auch die Silvi-Art. Aber wie hätte er der zweiten Art tatsächlich
huldigen können? Unmöglich! So versuchte er, wenigstens in Gedanken der
jungen Bitterkeit und Bei-Seite-Geschobenheit etwas Tröstendes und
Achtungsvolles zu sagen, indem er das Unausgesprochene mit seinem Mund
auf die Hand der schwesterlichen Liebe und Naturgnade drückte.
Frau Tobler sah es. Sein Betragen fand ihren Beifall. »Ein kurioser
Mensch, dieser Marti!« dachte sie, »da hat er mich gestern der Silvi
wegen ausgescholten, und nun ist er mir selber hier halb verliebt in die
Dora.« -- Sie lächelte gnädig und sagte zu Dora, da müsse sie aber in
Zukunft ihre Hände säuberlicher halten, wenn sie ferner solche Küsse
darauf bekommen wolle und lachte.
Zur Silvi sagte sie, indem sie ihr mit verzogenem Gesicht gute Nacht
sagte, sie solle sich besser zusammennehmen und ihr keine Ursache mehr
geben, streng mit ihr zu sein, dann sei man auch gut zu ihr. Es sei ein
Jammer, wie man sie behandeln und immer wieder strafen müsse. Sie
erwarte jetzt einmal gehörig Besserung. Silvi werde auch älter. Marsch.
Sie solle gehen.
Zuerst hatte der Ton dieser kurzen Ansprache liebreich klingen wollen,
dann aber, als sei ihm die Milde unpassend und unmöglich vorgekommen,
war er in die Härte hinübergesprungen, in Abstufungen, bis er zuletzt
selber in einem gebieterischen »Marsch« sich abbrach.
Als die vier Kinder fort waren, wurde ein »Jaß« angefangen. Der Gehülfe
hatte jetzt schon eine ziemlich bedeutende Geschicklichkeit in der Übung
dieses Spiels erlangt, er bewies dieselbe und gewann fast fortwährend,
was ihn veranlaßte, ganz besonders vorsichtig seine Worte zu wählen, da
er die Gereiztheit, die in der Frau bei Spielverlusten hervorzubrechen
pflegte, genau kannte. Sie spielten eine Stunde lang, von Zeit zu Zeit
wieder an den Rotweingläsern nippend, wie am Vorabend. Plötzlich sagte
Frau Tobler, indem sie das Spiel unterbrach:
»Wissen Sie es schon, Marti, daß mein Mann mich zu meiner
Schwiegermutter schickt? Ja, es ist so, und ich werde mich morgen früh
auf die Bahn begeben, um ihr einen Besuch zu machen. Wir müssen ja jetzt
das Geld haben, sonst sind wir verloren, und sie schickt nichts. Sie ist
sehr geizig, wenigstens hält sie ihre Gelder scharf beisammen. Sie
werden sich denken können, wie unangenehm mir eine solche Fahrt jetzt
ist, aber es muß sein. Diese Frau, die ich schon so lange nicht mehr
gesehen habe, die ich kaum recht kenne, werde ich bitten müssen, ja
Marti! Und sie wird kalt zu mir sein, von oben herab, das fühle ich nur
zu deutlich. Es wird so leicht für sie sein, mich zu kränken, mir weh zu
tun, denn schließlich behandelt man ja eine Bettlerin nicht, wie man mit
Glacéhandschuhen jemanden anrührt. Sie hat mich übrigens von jeher ein
wenig 'auf dem Zug' gehabt, ich habe das immer empfunden. Als ob ich von
jeher ihrem Sohn, meinem Mann, nur Unheil gebracht hätte. Und so wird
sie mir jetzt natürlich entgegentreten: wie einer Sünderin. Sie wird mir
die Kleider, die ich am Leib trage, vorwerfen, die unnötige Eleganz
derselben, den unglaublich überflüssigen guten Schnitt. Nein, das neue
Kleid werde ich schon nicht anziehen dürfen. Das hat auch keinen Zweck.
Eine, die daherkommt, um zu heischen, soll schwarz gehen, ich werde das
alte, schwarze Seidenkleid anziehen, das macht einen sehr unterwürfigen
Eindruck. Ja ja, Joseph, Sie sehen, andere müssen sich auch zwingen und
dulden und herabwinden zur Bescheidenheit. Es geht eben so, man weiß
gar nicht, woher und wie und wieso so rasch. Diese Welt!« --
»Wir wollen hoffen, daß Sie Erfolg haben,« bemerkte der Gehülfe. Sie
fuhr fort:
»Dafür schickt mich ja auch Tobler, weil er der Ansicht ist, daß seiner
Mutter meine Erscheinung zu einem solchen schwierigen und heiklen
Zeitpunkt angenehmer sein werde als die seinige. Sonst sehe ich
allerdings nicht ein, warum er selber nicht hinfahren könnte. Ein Stück
Bequemlichkeit seinerseits mag ja dabei sein. Die Männer nehmen gern die
gemütlosen und trockenen Geschäfte auf sich. Wo es sich aber um ein
persönlich-innerliches Opfer handelt, um eine Pflicht und Arbeit
herzlichen Charakters, um rein seelische Überwindungen, da schieben sie
lieber ihre Frauen vor die Front und sagen gewöhnlich: 'Geh du! Du
machst das besser als ich!' was man dann noch als eine Art Gnade und
Liebkosung aufzufassen beinahe gezwungen ist.«
Beide lachten. Frau Tobler nahm wieder das Wort:
»Ja, Sie lachen! Übrigens verbiete ich Ihnen das nicht. Lachen Sie nur.
Ich habe ja auch gelacht, obschon es uns beiden eigentlich ernster zu
Mut sein sollte. Ja, hoffen wir, daß ich Erfolg haben werde. Im übrigen,
was rede ich da! Ich meinerseits habe diese Hoffnungen, die in bezug
auf Toblers Geschäfte noch immer wieder Erfolge vorspiegeln, längst
aufgegeben. Es ist jetzt einmal so: das Vertrauen in meines Mannes
Geschäftstüchtigkeit ist in mir gründlich ins Schwanken geraten. Ich
glaube jetzt überzeugt zu sein, daß er nicht genügend Raffiniertheit,
nicht genügend Herzlosigkeit besitzt, um rentable Geschäfte machen zu
können. Er hat in all dieser Zeit meines Erachtens nach nur den Ton
dieser pfiffigen und schlauen Leute angenommen, das äußere Betragen, die
Manieren, nicht aber zugleich die Fähigkeiten. Gewiß, es muß einer, der
gute Geschäfte macht, deswegen kein Blutsauger und schlechter Kerl sein.
Das ist noch lange nicht gesagt. Aber mein Mann ist zu temperamentvoll,
zu rasch, zu gut und zu natürlich empfindend. Auch zu leichtgläubig ist
er. Nicht wahr, Sie wundern sich, mich dermaßen reden zu hören, aber
glauben Sie mir, wir Frauen, beständig an die Enge und an die
Beschränktheit des Hauses gebunden, wir denken über mancherlei nach, und
wir sehen auch manches und fühlen manches. Es ist uns gegeben, die Dinge
ein bißchen zu erraten, da einmal die korrekten Wissenschaften unsere
geschwornen Feindinnen sind. Wir verstehen es, in den Blicken und im
Betragen zu lesen. Wir sagen seltsamerweise nie etwas, wir schweigen,
denn wir drücken uns ja in der Regel so schlecht und immer so unpassend
aus. Unsere Worte regen meistens die geschäftsüberladenen Männer nur
auf, aber überzeugen nie. So leben wir Frauen dahin, erklären uns mit
dem allermeisten, was um uns her und mit uns selber geschieht,
einverstanden, reden nebensächliche Dinge, die uns immer stärker der
Vermutung, daß wir kleine und untergeordnete Geister sind, aussetzen und
sind immer zufrieden, ich glaube es wenigstens. Nein, mein Mann wird mit
seinen Patenten auf keinen trockenen Zweig mehr kommen, der kleine
Finger, der Schuh am Fuß, meine eigene Nase sagen es mir. Er lebt zu
gern gut, und das dürfen eine Zeitlang Unternehmer nicht. Er ist zu
wild, das schadet. Er liebt zu sehr seine eigenen Pläne, das untergräbt
dieselben. Er ist ein viel zu heiterer Mensch, und er nimmt alles zu
gerade, zu plötzlich, deshalb viel zu einfach. Er ist eine schöne, volle
Natur, und solche Naturen reüssieren mit solchen Unternehmungen nie,
oder fast nie. Nicht wahr, Marti, wie ich heute rede.«
Er schwieg und erlaubte sich ein unmerkliches Lächeln. Sie hatte schon
wieder mit Reden angefangen:
»Meinen Karl fürchten die Menschen und hintergehen ihn zugleich und
lachen ihn hinter seinem Rücken aus, denn sie gönnen gerade ihm
merkwürdigerweise allen nur erdenklichen Schaden, und ich glaube
deshalb, weil er seinen Wohlstand und sein Besitztum zu offen und zu
ungeniert gezeigt hat, dermaßen, daß es ihnen in die Augen hat stechen
müssen. Er ist immer naiv genug gewesen, vorauszusetzen, andere Leute
hätten Freude an seiner Lebensfreude und Lust an der seinigen, was
offenbar ein geradezu der richtigen Auffassung entgegengesetzter
Standpunkt war. Er hat immer mit vollen Händen gegeben, das ist eine
Schwäche gewesen, verzeihlich zum Beispiel in meinen Augen, aber
unverzeihlich im Urteil derjenigen Menschen, die von ihm eben diese
verschwenderischen Wohltaten genossen, mit einem Wort, die von ihm
profitiert haben. Er hat seine besondere Art, ein bißchen barsch und
laut zu sein, das nennt man jetzt, jetzt im Unglück, Prahlerei. Wäre er
erfolgreich, so würde man zu derselben Gewohnheit sagen: Schneid! Ja.
Nein, mein Mann würde viel besser getan haben, wenn er sich nie
selbständig gemacht, sich nie auf eigene Füße gestellt, sondern sich in
seiner bescheidenen Stellung als technischer Angestellter still gehalten
hätte. Wir waren alle so wohl damals. Freilich hatten wir kein eigenes
Haus, aber was bedarf es dessen, da doch nur Sorgen in solch ein
eigenes Haus kommen? Nach Feierabend machten wir unsern stillen,
hübschen Spaziergang rund um den Hügel. Es war zu schön, um es derart
eigensinnig von sich wegzuwerfen, aber eines Tages wurde es eben
weggeworfen.«
»Es kann noch alles gut kommen, Frau Tobler,« sagte Joseph. Diese Worte
schlugen wie mit Flammen in ihr Gesicht. Sie rief:
»Sie sollen das nicht sagen. Das ist abscheulich. So redet man nicht zu
der Frau des Geschäftsmannes, in dessen Bücher man tagtäglich
hineinblicken kann. Auf diese Art soll man nicht schonen wollen und
einer schwachen Frau das Herz mit Gewichten beladen. Wieso kann noch
alles gut kommen? Gehen Sie zu den Bedrängern meines Mannes mit dieser
fluchwürdigen Redensart. Sie haben mich wieder einmal unglücklich
gemacht. Ich will gehen und versuchen, dies zu vergessen.«
Sie lief aus dem Zimmer.
Der Gehülfe dachte: »Was ist nun da wieder? Muß es bald jeden Abend eine
heftige Szene geben? Bald bin ich unmutig, bald sie, bald wir beide, und
bald kracht es wieder aus Toblers Gemüt heraus. Bald schreit die Silvi,
bald bellt der Leo, bald ist wieder die Dora krank. Fehlte noch, daß wir
alle zusammen eines Tages, Mittags oder Abends vollständig hinten
hinüber schnappten. Dann gute Nacht schönes Haus Tobler! Aber soweit
sind wir noch nicht. Wollen jetzt erst einmal die mütterlichen Gelder
abwarten, und dann teilweise unsere Schulden bezahlen. So viel wie in
diesem Hause ist mir in meinem ganzen sonstigen Leben der Kopf nicht
gewaschen worden. Aber auch das mag gut sein. Übrigens! Habe ich etwa
wieder einmal Angst? Bin ich unruhig? Nein, Gott sei Dank nicht. Tobler
hat wohl heute wieder im Sinn, im 'Segelschiff' zu übernachten. Das
gehört scheinbar auch zu meinen Berufspflichten, daß ich inzwischen hier
seiner Frau Gesellschaft leiste. Die Arme! Warum hat sie keinen bessern
Gesellschafter?«
Er löschte die Lampe und ging zu Bett.
* * * * *
Andern Tages, es war wieder mehr nasses als kaltes Wetter, und die Luft
hing schwer herunter, sah man Frau Tobler, schwarzseiden gekleidet, den
Gartenhügel hinabgehen, um sich zur Bahn zu begeben. Tobler begleitete
sie ein Stück hinunter, sprach ihr zu, guten Mutes zu bleiben und sich
nicht etwa wieder zu erkälten in der Eisenbahnwagenzugluft und
dergleichen. Man sah von oben herab ein Lächeln im Gesicht der Frau, und
ein Winken mit dem Taschentuch, das galt der Dora, die der Mutter
ebenfalls nachwinkte. Wie naß alles war. Zu dieser Winterzeit hätte es
eigentlich trockener und kälter sein können, dachte man, und dann
verschwand Frau Tobler den Augen, die ihre Bewegungen bis zuletzt
verfolgten. Es waren dies Josephs, Paulinens, Silvis, Doras, der Knaben
und Leos Augen gewesen. Der Hund bellte traurig, wie er die Herrin
fortgehen gesehen hatte.
Das Ganze glich, wenn einer sich auf seine romantische Einbildungskraft
hätte versteifen wollen, dem Weggang einer Königin. Joseph, der Vasalle,
hätte jetzt, wenn er einer jener aus alten Geschichten zu uns modernen
Menschen hinübergrüßenden getreuen Untertanen gewesen wäre, bitterlich
weinen müssen, während die Kammerfrau Pauline ein Wehgeschrei
ausgestoßen haben würde, wenn sie eine von denjenigen gewesen wäre, die
in alten Zeiten schöne und hohe Königinnen, wie die Geschichten lehren,
bedient haben. Und der Hund wäre vielleicht ein Drache gewesen, und die
Kinder Königskinder und Herr Tobler der wuchtigen Rittergestalten eine,
die früher immer dabei waren, wenn es solche traurige Abschiede für
immer gab, als es noch Schlösser, Burgen, Stadtmauern und Tränen der
Treue gab. Doch nein. Hier war es ja ganz anders.
Hier handelte es sich nicht um eine immerwährende Verbannung auf eine
öde Felseninsel, sondern nur um eine Tagesreise per Eisenbahn und um
einen praktischen und ein wenig unangenehmen Besuch. Auch eine Königin
kam hier nicht vor, es sei denn, man hätte Frau Tobler als die
sorgenvolle Königin des Hauses zum Abendstern empfunden, was so ganz
apart und wunderlich nicht hätte sein können. Auch keine düstere
Heldengestalt, sondern nur ein modern gekleideter und beschaffener Herr
Ingenieur Tobler gab der Dame ein Stück weit das Geleite, um ihr, auch
nicht gerade Trost, sondern nur einige vernünftige Worte zuzusprechen.
Und von einem besonders betrübten Knecht und Vasallen war hier
ebensowenig die Frage und Rede als von einer noch fassungsloseren
Kammerfrau. Joseph und Pauline, diese beiden Personen standen da, weiter
niemand, außer den Kindern, und das waren weder Königs- noch
Fürstenkinder, sondern schlichte, bürgerliche, wie sie jedes bessere
Haus haben kann. Leo war kein Drache. Er würde eine solche
mittelalterliche Zumutung vielleicht sogar bissig übel genommen haben.
Alles in allem war es ein Bild des zwanzigsten Jahrhunderts.
Es werde sich nun bald zeigen, wessen man sich zu gewärtigen habe,
meinte Herr Tobler, als er wieder ins Bureau zurückkehrte. Was ihn
betreffe, er werde und müsse durchdringen. Jeder andere Gedanke sei
lächerlich. Was er immer behauptet habe, das behaupte er auch heute, und
heute erst recht.
Und er beschäftigte sich mit der Tiefbohrmaschine. Die Handelsabteilung
schrieb einen Brief an den Tiefbauingenieur Joël, der sich, wie es
schien, »gewaltig« für dieses Werk interessierte. Die Kinder spielten
und rauften sich im Bureau. Tobler jagte sie hinaus. Später verließ er
das technische Bureau selber und ging ins Dorf, des Automaten wegen.
Ein wenig später ging auch der Gehülfe weg und zwar zur Post. Auf dem
Wege dahin wurden ihm von zwei Landarbeitern schimpfliche Worte
nachgeschrien. Diese Bauernknechte schickten dem Angestellten nach, was
sie dem Chef würden nachgebrüllt haben, wenn sie den Mut dazu gehabt
hätten. Joseph kam ohne weitern Zwischenfall ins Dorf, auf die breitere
Straße, und hier begegnete ihm der, den er eher im Gasthaus zum »Roten
Haus« vermutet hätte, Wirsich.
»Sie sind wieder hier?«
Sie schüttelten sich die Hände. Wirsich schaute ganz vergnügt drein, er
sah aus, als wenn ihm eben etwas sehr Entgegenkömmliches passiert wäre.
Er sagte zu Joseph, eben sei er neuangestellt worden und zwar in der
Kolonialwarenhandlung Bachmann & Co. Er sei, wie der Gehülfe ihm
angeraten habe, mit fertig geschriebenen und kuvertierten Offertbriefen
in der Tasche, auf die Wanderung, von Geschäftshaus zu Geschäftshaus
gezogen, und in der Tat habe man ihn fast überall menschenfreundlich
behandelt, aber man habe nirgends eine Stellung für ihn frei gehabt, bis
er schließlich zu den Herren Bachmann & Co. hineingegangen sei, und dort
sei dann die Sache zu seinem Glück komplett geworden. Und nun glaube er
sich nach langer Zeit endlich wieder als ein gehobener Mensch fühlen zu
dürfen. Jedenfalls könne er sagen: »Guten Tag, Freund, du siehst, mir
geht es gut.« Ob es nun nicht ganz nett sei, zusammen in die nächstbeste
Wirtschaft zu treten und eins auf den Durst hinauf zu nehmen?
»Aber gewiß. Sehr gern. Aber hören Sie, Wirsich, sagen Sie, können Sie's
vertragen?« sagte Joseph.
Der andere beteuerte: »Natürlich!« -- So gingen sie in das zunächst
liegende Restaurant Central, wo sie sich jeder einen Schoppen Bier geben
ließen.
»Denn sonst lieber nicht. Es wäre schade um die neue Position,« glaubte
Joseph gut zu tun, nachzufügen.
Wirsich winkte belustigt mit der Hand ab. Es fiele ihm nicht ein, sagte
er, etwa gar wieder so unvernünftig zu trinken, wie früher. Er habe sich
das jetzt, glaube er, ein für allemal abgewöhnt, so verkommen sei er
denn doch noch lange nicht. Wie es bei Toblers stehe?