abgestellt worden, aus Gründen, die auch allen andern Lieferanten
verboten, weiterhin auf gutes Vertrauen Waren und Werte in den
Abendstern fließen zu lassen. Die Nachricht von der plötzlichen
Ausschaltung des elektrischen Stromes machte Tobler beinahe krank vor
Wut und veranlaßte ihn, den Herren vom Elektrizitätswerk einen ebenso
ohnmächtig zornigen wie überflüssig groben Brief zu schreiben, bei
dessen Empfang und Lektüre diese Leute, allen voran der Direktor der
Anstalt, in gutmütig-verächtliches Lachen ausbrachen. Zwangshalber mußte
man sich nun im Hause Tobler wieder einmal der bescheidenen
Petroleumlampen bedienen, an welches Licht sich alle, außer Tobler, auch
rasch gewöhnen konnten. Dieser aber vermißte zu sehr, wenn er nachts
spät nach Hause kam, den Anblick seiner geliebten elektrischen
Verandalampe, die ihm jeweilen als das schönleuchtende Wahrzeichen und
als der hellschimmernde Beweis der sicheren Fortexistenz seines Hauses
vorgekommen war. Der Schmerz um das hellere Licht verband sich in seiner
Brust mit der großen übrigen Wunde und trug dazu bei, seine
Gemütsstimmung noch mehr zu verdunkeln, derart, daß der jähe Wechsel
seiner Laune für alle Mitwohner das täglich zu kostende Brot wurde.
Jetzt aber mußte in allererster Linie eine Summe Geldes beschafft
werden, koste es was es wolle. Die dringendsten Verpflichtungen
wenigstens mußten beseitigt werden, so galt es eines Morgens, der Mutter
Toblers, einer vermögenden, aber hartnäckigen und in ihren Grundsätzen
als unerschütterlich bekannten Frau, einen Brief zu schreiben, und zwar
folgenden:
Liebe Mutter!
Durch meinen Anwalt Bintsch wird es Dir zu Ohren gekommen sein, in
welch elender Lage ich mich zurzeit befinde. Ich sitze in meinem
Haus wie der gefangene Vogel unter den stechenden und zum voraus
schon tötenden Blicken der Schlange. Ich bin von Gläubigern derart
umgeben, daß, wenn das Freunde und Gönner wären, ich zu den reichen
und allbeliebten Menschen zählen müßte; aber leider sind es die
unbarmherzigsten Leute und ich der Bedrängteste der Menschen. Du
hast mir, liebe Mutter, früher auch schon mehr als einmal aus der
Klemme geholfen, ich weiß es, und ich bin Dir allezeit im stillen
dankbar dafür gewesen, so bitte ich Dich denn, und zwar dringendst,
und so, wie Menschen bitten, denen das Messer der öffentlichen
Schande am Halse sitzt, hilf mir auch dieses Mal noch aus der
Verlegenheit und sende mir umgehend, wenn es Dir irgendwie möglich
ist, wenigstens einen vorläufigen Teil der Gelder, die ich nach
allem, was Recht heißt, heute noch zu beanspruchen habe. Mutter,
versteh mich, ich drohe nicht, ich sehe ein, daß ich vollkommen von
Deinem guten Willen abhängig bin, ich sehe auch ein, daß Du mich ins
Verderben stürzen kannst, wenn Du willst, aber warum solltest Du das
wollen können? Gegenwärtig ist auch noch meine Frau krank, Deine
Tochter. Sie liegt im Bett und wird es so rasch nicht wieder
verlassen dürfen, ja, ich darf noch froh sein, wenn sie es überhaupt
eines Tages wird verlassen können. Du siehst, auch das noch! Was
soll ein Geschäftsmann, der dermaßen von Schlägen und Stößen
getroffen worden ist, beginnen? Bis jetzt habe ich noch immer
einigermaßen gewußt mich über dem Wasser zu halten, jetzt aber bin
ich in der Tat am Rande der absoluten Unmöglichkeit, mich ferner zu
halten, angekommen. Was sagst Du dazu, wenn es bald einmal, eines
schönen Morgens oder Abends, in der Zeitung steht, Dein Sohn habe
sich das Le -- -- -- doch nein, ich bin nicht imstande, das ganz
auszusprechen, denn ich spreche zu meiner Mutter. Schicke mir
unverzüglich das Geld. Auch das ist keine Drohung, nur eine Mahnung,
aber eine sehr ernste. Auch in der Haushaltung ist fast kein Geld
mehr, und an den Gedanken, daß die Kinder über kurz oder lang
nichts mehr werden zu essen haben, bin sowohl ich wie meine Frau
längst gewöhnt. Ich schildere Dir meine Zustände nicht wie sie sind,
sondern so, wie ich sie sehen will, um den Anstand der Sprache zu
bewahren. Meine Frau grüßt Dich herzlich und umarmt Dich, ebenso
Dein Sohn
Karl Tobler.
Nachbemerkung: Ich bin auch heute noch vom endlichen Gelingen meiner
Unternehmungen felsenfest überzeugt. Die Reklame-Uhr bewährt sich,
verlaß Dich darauf. Und noch etwas: Mein Gehülfe verläßt mich, wenn
er seinen rückständigen Gehalt jetzt nicht ausbezahlt erhält.
Der Obige.
Während Tobler diesen Brief an seinem Pult aufsetzte, richtete der
Angestellte an seinem Schreibtisch die Mündung des Korrespondenzgeschützes
auf einen Bruder von Tobler, einen in angesehener Weltstellung in einem
entfernteren Landesteil lebenden Regierungsbaumeister, indem er
demselben, gemäß den von seinem Chef soeben erhaltenen Instruktionen,
ans Herz legte, wie miserabel es im Abendstern hergehe und daß es
allerhöchste Zeit sei usw.
»Haben Sie geschrieben? Zeigen Sie her. Ich werde unterzeichnen, oder
nein, halt, der Brief muß so abgefaßt sein, als würden Sie ihn aus
eigenem Antrieb und Interesse für Ihren Prinzipal geschrieben haben.
Schreiben Sie ihn anders und unterschreiben Sie selbst. Tun Sie so, als
schrieben Sie ohne mein Wissen, haben Sie gehört? Ich stehe mit meinem
Bruder nicht gut, Sie aber sind ihm ein vollständig Fremder. Machen Sie
rasch. Ich muß überlesen, was Sie da aufsetzen. Und dann muß ich zum
Bahnhof.« --
Tobler lachte und sagte:
»Das sind Kunststücke, mein lieber Marti, aber man muß sich in
Gottesnamen zu helfen wissen. Schreiben Sie das nur auch gleich meinem
noblen Herrn Bruder, das von Ihrem rückständigen Gehalt. Und dann wollen
wir beide jetzt sehen, ob die Dinger einschlagen, oder nicht. Meine
Mutter wird schon müssen. Andernfalls -- -- und vergessen Sie nicht, die
ganze Reklame-Uhr-Geschichte noch einmal mit sauberer Schrift
übersichtlich zusammenzustellen. Rauchen Sie! Stumpen sind wenigstens
noch da. Nun holt uns entweder der Teufel oder wir brechen durch.«
»Wie diesen Mann die Hoffnungen und 'Kunststücke' hinreißen,« dachte
Joseph.
* * * * *
Nach ein paar Tagen konnte dann Frau Tobler wieder aufstehen. Es war
auch gut, denn die Pauline bedurfte einer regierenden Hand in der Tat.
Sie hatte angefangen, nachlässig zu werden. Die Frau erschien wieder,
mit einem dunkelblauen Hauskleid lose bedeckt, im Wohnzimmer und fing
leise an, sich den häuslichen Geschäften und Sorgen wieder zu widmen.
Sie trat leise und schön auf, und sie schien mit ihrer ganzen Gestalt
still zu lächeln. Ihre Stimme war dünner geworden, ihre Bewegungen
kürzer und furchtsamer, und ihre Augen schauten nach allen Seiten umher
wie neugierige Kinderaugen. Die Krankheit hatte eine schöne Sanftheit
über ihr ganzes Betragen geworfen, sie sah aus, als hätte sie sich von
nun an nie mehr ereifern, als hätte sie niemals mehr für irgend etwas
Partei ergreifen können. Mit ihrer Dora verfuhr sie natürlicher, nicht
mehr gar so zuckerig, die Konditorei hörte ein bißchen auf zu blühen,
und die Silvi konnte sie anschauen, ohne daß ihr der offenbare Zorn ins
Gesicht schoß, was vorher beinahe jedesmal der Fall gewesen war. Sie
schien im allgemeinen eine gewisse Kompliziertheit des Herzens
abgeworfen zu haben, sie sah nach etwas Edlerem und Schlichterem als
sonst aus, man schaute sie an und empfand so, und sie selber glaubte
auch so empfinden zu müssen. Das Gesicht drückte Kummer aus, aber auch
Freundlichkeit und Gelassenheit und etwas beinahe hoheitsvoll
Mütterliches. »Ich bin wieder einigermaßen gesund, Gott sei Dank!«
schienen alle ihre kleinen Gebärden zu sagen, und diese Sprache mußte
eine tiefe und wahrhaftige sein, denn Bewegungen und Manieren können
nicht gut lügen. Der Mund fieberte noch ein wenig, als läge auf ihm noch
das erregte Zucken früherer unschöner Aufregungen, aber im großen
ruhigen Auge lag es und leuchtete es klar geschrieben: »Ich bin ein
wenig besser, feiner und überlegener geworden. Seht mich an. Nicht wahr,
ihr merkt es?« -- Ihre Hände griffen behutsam nach den Handarbeiten oder
Geschirren oder nach einem Buch, es war, als ob diese Hände die Gabe des
Nachdenkens bekommen hätten. Sie schienen auch Lippen zu haben und zu
sagen: »Wir denken jetzt über manches, manches viel ruhiger und offener
nach. Wir sind zarter geworden.« -- Ja, die ganze Frau Tobler war ein
wenig zarter, aber auch ein wenig blasser geworden.
Wie gut es ihr gefiel im Wohnzimmer. Das war tüchtig geheizt worden. Sie
schaute durch die Fensterscheiben hinaus. Draußen lag alles im
undurchsichtbaren Nebel. Wie schön das war, daß man gar nichts sehen
konnte. Wie gemütlich es hier drinnen war. Einen Augenblick lang
flatterte ihr das Bild des Sommers vor den zufriedenen Augen, sie sah es
in Gedanken ganz ruhig an mit einem: Nun ja! und es verschwand wieder.
Dann dachte sie an ihr neues Kleid und an die hauptstädtische
Schneiderin, Frau Bertha Gindroz, und sie mußte leise lachen. Sie
wischte ein bißchen den Staub von den Möbeln, aber sie rührte die Möbel
eigentlich mehr nur so an, als würde sie dieselben haben liebkosen und
grüßen wollen. Wie ihr alles lieb und neu war. Diese paar Tage! Und
diese paar Tage, diese eine kurze Woche, hatte ihr alles in eine
fremdartige, wohltuende Neuheit geworfen. Es lag alles in einem
eigentümlichen, verkleinernden, verzierlichenden Schimmer, es
schwindelte ihr ein wenig, sie setzte sich.
Der Hund war jetzt die meiste Zeit im Zimmer. Es war längst zu kalt im
Hundehaus geworden. Nur während der Nacht mußte er draußen liegen.
Auch oben im Turmzimmer, welches man nicht heizen konnte, fing es an
unleidlich kalt zu werden, so verbrachte Joseph die Abende und manchmal
halben Nächte unten in der Wohnstube, meistens allein mit der Frau, die
jetzt kaum noch jemanden zu Besuch empfing. Die Parketteriefrauen, die
alte Dame und das Fräulein, waren mit Toblers infolge eines Meinungs-
und Rechtsstreites böse geworden. Es handelte sich um einen kleinen, an
beide Nachbargüter anstoßenden Grundstücksecken, den jeder von beiden
Parteien beanspruchte. Die Sache war zu geringfügig, um vor Gericht
getragen zu werden, aber sie machte böses Blut, es entstanden
Schimpfworte, Beleidigungen, und der bisherige freundnachbarliche
Verkehr hörte eben auf. Die alte Gluckhenne solle ihm nur nie wieder
über den Gartenhag ins Haus kommen, hatte Tobler gesagt. Die
Freundschaft war damit bündig gebrochen. Überhaupt, von welchen Personen
hatte nicht Tobler ähnliches gesagt? Fast die meisten »sollten es nur
noch einmal wagen, den Fuß auf Toblersches Terrain zu setzen, dann
würden sie schön ankommen!« --
So saß man an den langen Abenden allein. Die Lampe beleuchtete meistens
zwei Köpfe, den der Frau und den des Gehülfen, der ihr Gesellschaft
leistete, und ein Spiel Karten, oder ein Buch, das aufgeschlagen auf
dem Eßtisch lag.
Es vergingen einige Tage. Sie wurden in allen ihren Stunden empfunden,
diese Tage. Man zählte sie, man rechnete mit ihnen, denn es war nicht
gleichgültig, ob sie rasch oder langsam dahingingen, hing doch das
Bestehen des Hauses Tobler nur noch von Tagen ab. Man verlernte es, an
Monate oder Jahre zu denken, oder man verkürzte die Gedanken-Monate und
-Jahre und veranlaßte die Erinnerungen zu einem rascheren Erfassen, und
man lebte so und wartete auf die Zeichen, die die Tage gaben. Ein
Geräusch war wichtig, denn es konnte der Briefbote sein, der eine neue,
sorgenvolle Unannehmlichkeit brieflich oder in Form eines
Postzahlungsbegehrens daherbrachte. Irgend Töne waren wichtig, denn es
konnten die Töne der Haustürklingel sein, und es konnte jemand kommen,
der Betrübliches im Sinn hatte. Ein Ruf war wichtig, denn er konnte
bedeutend sein: »Heda, Herr Tobler und Frau,« konnte diese Stimme rufen,
»rasch mit euch jetzt hinaus aus dieser lieblichsten und gewohntesten
aller Menschenstätten. Sputet euch, denn es ist Zeit. Ihr habt's lange
genug schön gehabt.« -- Solchen schrecklichen Inhaltes konnte irgend ein
Ruf sein. Aber auch die Farben waren wichtig, das Gesicht des Tages, die
Züge und Gebärden dieser, wie es schien, letzten Tage, denn sie sprachen
von den letzten Hoffnungen und letzten Anstrengungen und von der Art,
wie man es machen mußte, um auch jetzt noch guter Hoffnung voll zu sein.
Sie redeten so leise, diese Tage. Sie waren keineswegs zornig auf das
Haus Tobler, im Gegenteil, sie schienen es von hoch und von fern, in
Gestalt von Wolken und Genien, beschirmen, ihm zulächeln und es trösten
zu wollen. Diese Tage glichen der Frau Tobler beinahe ein wenig. Auch
die Tage schienen krank gewesen zu sein, und jetzt hatten sie ein ebenso
blasses und weiches Aussehen wie die Frau, um die herum sie sich in der
unabänderlichen Reihenfolge ablösten.
Aber Frau Tobler war nach und nach wieder die frühere Frau Tobler
geworden. Je mehr sie gesundete, desto mehr glich sie wieder sich
selbst. Es wäre ja auch gar zu sonderbar zugegangen, wenn sie plötzlich
eine andere hätte werden können. Nein, so rasch sprang eine lebendige
Menschennatur nicht aus ihrem eigenen Wesen heraus. Dafür war gesorgt,
daß das nicht geschehen konnte, und wie! Daß die Frau milder ausschaute,
das war nur, weil sie sich noch schwach fühlte.
* * * * *
Eines Abends während dieser Zeit saßen die Beiden, die Frau und der
Gehülfe, bei der Lampe, im Wohnzimmer. Der Herr war auf der Reise. Wann
war er denn überhaupt nicht auf der Reise? Auf dem Tisch, neben jeder
der zwei Personen stand ein halb gefülltes Glas Rotwein. Sie spielten
Karten. Frau Tobler war am Gewinnen, der Ausdruck ihres Gesichtes war
infolgedessen heiter. Sie pflegte immer zu lachen, wenn sie beim
Kartenspielen gewann, und so tat sie auch jetzt. Sie ließ ein
naiv-schadenfrohes Lachen aus ihrem Mund springen, das vielleicht zu
einer andern Zeit den Partner geärgert hätte. Aber Joseph trank einen
Schluck Wein auf den Verlust hinab, und beide setzten das Spiel fort,
indem Frau Tobler die Karten von neuem zu mischen begann. Nach ungefähr
einer Stunde sagte sie, sie wolle gern noch etwas lesen, in dem Buch,
das ihr der Gehülfe heute aus dem Dorf gebracht habe. Das Spiel wurde
unterbrochen, die Frau begann gleich zu lesen, während Joseph sich,
unlustig, eine Zeitung oder ein Buch zur Hand zu nehmen, auf das
Ruhebett setzte und anfing, die lesende Frau zu betrachten. Diese schien
sich ganz und gar in die Geschichte, die das Buch enthielt, versenkt zu
haben. Mit der einen Hand strich sie sich von Zeit zu Zeit sorgfältig
über die scheinbar tief nachdenkende Stirne, während ihr Mund sich still
aber unruhig zu bewegen begann, als habe er etwas zu den Geschehnissen
der Lektüre mitzusagen gehabt. Einmal stieß sie sogar einen leisen aber
kummervollen Seufzer aus und atmete hörbar mit der Brust auf und ab. Wie
das still und sonderbar anzuschauen war! Joseph versank immer mehr in
die Betrachtung der Leserin, und es war ihm, als lese auch er in einem
großen, geheimnisvoll-spannenden Buch, ja es war ihm, als lese er
geradezu im selben Buch wie Frau Tobler, deren Stirne, die er aufmerksam
ansah, ihm den Inhalt desselben auf merkwürdige Weise zu vermitteln und
zu erklären schien.
»Wie still sie liest,« dachte er, sie noch immer betrachtend. Plötzlich
schaute sie vom Buch auf, großen Auges zu dem Gehülfen hinüberschauend,
als sei sie mit ihren Gedanken-Augen in einer weitentfernten Welt
gewesen, und als habe das Auge Mühe gehabt, sich zu entsinnen, was das
sei, was es jetzt sah. Sie sagte:
»Sie schauen mich scheinbar die ganze Zeit über, während ich gelesen
habe, an, und ich merke nicht einmal etwas davon. Behagt Ihnen denn das?
Ist es Ihnen nicht zu langweilig?«
»Nein gar nicht,« erwiderte er.
»Wie doch so ein Buch fesselt,« bemerkte sie und las weiter.
Nach einer Weile schien sie müde geworden zu sein. Die Augen mochten ihr
ein bißchen weh tun. Jedenfalls hielt sie inne mit Lesen, sie schloß
aber das Buch noch nicht, als überlege sie, ob sie noch fortfahren solle
oder nicht.
»Frau Tobler!« sagte Joseph ruhig.
»Was?« fragte sie.
Sie schloß ihr Buch und schaute nach dem Angestellten hinüber, der ihr,
wie es schien, etwas Besonderes zu sagen hatte. Aber es verging eine
halbe Minute des Schweigens. Endlich sagte Joseph zögernd, er sei
unvorsichtig. Da habe er ihr etwas ganz Bestimmtes sagen wollen. Er habe
bemerkt, daß sie eben mit Lesen scheinbar fertig geworden sei, und daß
sie, wie er noch jetzt sehe, einen gutmütigen Gesichtsausdruck zur Schau
trage. Plötzlich sei ihm der Gedanke gekommen, die Gelegenheit, die er
schon lang gesucht habe, zu ergreifen, und sie anzusprechen, und nun
fehle ihm wieder einmal der Mut, das zu sagen, was er habe in den Mund
nehmen wollen. Nun sehe er selber ein, was Frau Tobler schon vor Wochen
einmal zu ihm gesagt habe, nämlich, daß er ein komischer Mensch sei. Das
was er habe sagen wollen, sei dumm und gar nicht des Anhörens wert. Sie
solle ihm erlauben, schweigen zu dürfen.
Die Frau runzelte die Stirn und ersuchte den Gehülfen, sich näher zu ihr
zu setzen und zu reden. Sie begehre zu wissen, was er habe sagen wollen.
Man rede nicht mir nichts dir nichts die Menschen an, um sie auf Dinge
neugierig zu machen, die dann nicht kämen. So etwas sei feig oder
gedankenlos. Sie höre.
Joseph hatte sich auf ihr Geheiß an den Tisch gesetzt und sagte, das,
was er zu berichten habe, handle von der Silvi.
Frau Tobler schwieg und senkte die Augen. Er fuhr fort:
»Erlauben Sie mir, gnädige Frau, Ihnen rund herauszusagen, wie
abscheulich mir die Behandlungsweise vorkommt, die man für dieses Kind
übrig hat. Sie schweigen. Gut, ich nehme das als einen Wink, den mir
Ihre Güte erteilt, fortzufahren. Sie begehen ein großes Unrecht an dem
kleinen Wesen. Was soll aus diesem Geschöpfchen später werden? Wird es
je den Mut und die gehörige Lust haben, den Mitmenschen ein menschliches
Betragen zu zeigen, da es sich erinnern wird und erinnern muß, daß man
es in seiner Jugend unmenschlich erzogen hat? Was ist das für eine
Erziehung, ein Kind einer rohen und dummen Magd, einer Person, einer
Pauline auszuliefern? So etwas müßte die Klugheit verbieten, auch dann
noch, wenn es die Lieblosigkeit zugibt. Ich rede so, weil ich darüber
nachgedacht habe, weil ich so manchen Tag gesehen habe, was mir
aufrichtig weh getan hat, und weil ich in mir den Drang, Ihnen, Frau
Tobler, zu dienen, so viel ich vermag, verspüre. Ich bin grob, nicht
wahr? So sind eben zuweilen komische Menschen. Doch nein. Ich möchte
ganz anders zu Ihnen reden. Es paßt sich nicht so. Ich habe schon zu
viel gesagt, und es kommt heute kein Wort mehr über meine Lippen.«
Es herrschte eine minutenlange Stille im Zimmer, endlich sagte Frau
Tobler, ihr sei schon lange auch der Gedanke gekommen, man habe Ursache,
sich wegen Silvi Vorwürfe zu machen. Das alles komme ihr übrigens jetzt
so sonderbar vor. Der Gehülfe aber brauche keine Angst zu haben, sie
verzeihe ihm die soeben gesprochenen Worte, sie sehe ja, er meine es
gut.
Sie schwieg wiederum. Später bemerkte sie, sie liebe eben das Kind
nicht.
»Warum nicht?« fragte Joseph.
Warum nicht? Das komme ihr wie eine dumme, unüberlegte Frage vor. Sie
liebe eben Silvi nun einmal nicht und möge sie nicht ausstehen. Ob man
sich denn zur Liebe und zum Wohlwollen zwingen könne, und was das für
ein Gefühl sei, solch ein erzwängtes und hervorgewürgtes? Was sie dafür
könne, wenn es sie mit eisernen Schlägen und Hämmern von der Silvi
fortjage, sobald sie sie nur von weitem erblicke? Warum gerade Dora ihr
so süß sei? Das wisse sie nicht und begehre sie auch gar nicht zu
erfahren, und wenn auch; würden ihr die treffenden Antworten auf solche,
wie ihr scheine, überflüssigen und aussichtslosen Fragen je zufallen
können? Das sei schwer. Ja, sie wisse wohl, daß sie Unrecht begehe.
Schon als ganz kleines Kind habe sie Silvi, sonderbar genug, zu hassen
angefangen. Ja, hassen, das sei das richtige Wort, es bezeichne das
Gefühl, das sie mit dem Kind verbinde, ausgezeichnet. Sie wolle
probieren, in den nächsten Tagen, ob sie sich ihm wieder ein wenig mit
dem Herzen anschließen könne, aber sie hoffe wenig von solchen
Versuchen, Liebe lasse sich nicht erlernen, die habe man und empfinde
man, oder man habe und empfinde sie nicht. Sie nicht haben, das heiße,
glaube sie, ebenso viel wie: sie nie haben. Aber sie wolle versuchen,
und nun wünsche sie, zu Bett zu gehen, sie fühle sich recht müde.
Sie stund auf und ging zur Türe. An der Schwelle drehte sie sich um und
sagte:
»Ich hätte es bald vergessen -- gute Nacht, Joseph. Wie zerstreut ich
bin. Löschen Sie die Lampe, bevor Sie hinauf in Ihr Zimmer gehen. Tobler
wird wohl noch lange nicht kommen. Sie haben mir heute abend das Herz
ein wenig erschwert, aber ich bin Ihnen nicht böse.«
»Ich wollte, ich hätte geschwiegen,« sagte Joseph.
»Machen Sie sich keine Gedanken.«
Mit diesen Worten ging sie die Treppe hinauf.
Der Gehülfe blieb mitten im Zimmer stehen. Nach kurzer Zeit erschien
Tobler. Der andere sagte:
»Guten Abend, Herr Tobler, hm, was ich da mir zu sagen erlauben wollte:
ich habe vor einer halben Stunde die Unvorsichtigkeit begangen, Ihrer
Frau wieder einmal Grobheiten zu sagen. Ich will Ihnen das zum voraus
bekennen. Ihre Frau Gemahlin wird sich veranlaßt fühlen, sich über mich
zu beklagen. Ich beteure, es sind nur Dummheiten, Dinge letzten und
allerletzten Gewichtes. Ich bitte Sie höflichst, keine so großen Augen
machen zu wollen, ich glaube, weder Ihre Augen sind ein Mund noch ich
etwas Verzehrbares, es gibt nichts zu essen an meiner Person. Was den
Ton dieser Sprache betrifft, so erklärt sich dieser daraus, daß er von
einem wütenden Gemüt diktiert wird. Wäre es nicht besser, Sie jagten
Ihren kuriosen Herrn Angestellten jetzt endlich einmal zum Haus hinaus?
Ihre Frau mißhandelt das ganze Jahr lang ungestört die Silvi. Wo haben
Sie Ihre Augen? Sind Sie ein Vater oder nur ein Unternehmer? Gute Nacht,
gute Nacht, ich glaube, ich habe es nicht mehr nötig, zu warten und zu
hören, was Sie auf eine so sonderbare Aufführung erwidern. Ich darf
annehmen, ich bin entlassen.«
»Sind Sie betrunken? He!«
Tobler rief umsonst. Der Gehülfe war bereits die Treppen
hinaufgestiegen. Vor der Türe des Turmzimmers blieb er plötzlich stehen:
»Bin ich ganz toll?« Und er lief so schnell er vermochte wieder die
Stufen hinunter. Herr Tobler saß noch im Wohnzimmer. Joseph blieb, wie
vorhin die Frau, auf der Schwelle stehen und sagte, es täte ihm leid,
sich in unziemlicher und unsinniger Art und Weise benommen zu haben, er
bereue, aber er bemerke, daß er -- noch nicht entlassen sei. Wenn Herr
Tobler noch Geschäftliches zu besprechen habe: Joseph stehe zur
Verfügung.
Tobler schrie so laut er konnte:
»Meine Frau ist eine Gans, und Sie sind ein verrückter Kerl. Diese
verdammten Bücher!«
Er nahm das Leihbibliothekbuch und schmiß es zu Boden. Er suchte nach
beleidigenden Worten in seinem Gedächtnis, fand sie aber nicht. Teils
sagten die, die er gefunden hatte, zu wenig, teils wieder zu viel.
»Räuber« schwebte ihm auf der Zunge, aber dieses Wort konnte ja gar
nicht beleidigen. Seine Wut kannte infolge seiner Verwirrung keine
Grenzen. Er hätte sagen mögen »Hund«, aber dieses Wort machte dann
wieder alle Vernunft zu schanden. Er schwieg, da er sich außerstande
sah, seinen Gegner in anständiger Weise niederzuwerfen. Schließlich
lachte er. Nein, er brüllte.
»Machen Sie, daß Sie sofort hinauf in Ihr Nest kommen.«
Joseph hielt es für das Geratenste, sich zu entfernen. Oben angelangt,
blieb er im Zimmer stehen, lange, ohne das Kleinste denken zu können.
Nur der eine Gedanke flackerte ihm wie ein Irrlicht vor dem Bewußtsein:
Er hatte seinen Gehalt noch nicht und gestattete sich -- solche
Torheiten. -- Wie würde das morgen werden? Er nahm sich vor, sich der
Frau zu Füßen zu werfen. Wie unsinnig! Von der Unmöglichkeit, denken zu
können, gepeinigt, trat er auf die Plattform hinaus. Es war eine
trockene, kalte Nacht. Der Himmel strahlte und glitzerte und fror voller
Sterne. Es war, als ob die Sterne alle Kälte, die herrschte, auf die
Erde hinunterstrahlten. Auf der dunklen Landstraße ging noch ein Mensch.
Die Schuhe klapperten metallen auf den Steinen. Alles da draußen schien
von Stahl oder Stein zu sein. Die Stille der Nacht selber schien zu
tönen, zu klirren. Joseph dachte an Schlittschuhe, dann an Erz, dann
plötzlich an Wirsich. Wie mochte es jetzt dem ergehen? Er hatte das
Gefühl von einem leisen Freundschaftsempfinden für diesen Menschen. Dem
begegnete er sicher noch wieder irgend einmal. Aber wo? Er trat in sein
Zimmer zurück und zog sich aus.
In diesem Augenblick ertönte ein Schrei Silvis.
»Da wird die Kleine wieder aus dem Bett gezogen. Hu, wie kalt,« dachte
er. Er horchte noch eine Weile, im Bett aufgerichtet, aber er hörte
nichts mehr und schlief ein.
* * * * *