War denn nicht das Erleben und Mitleben der Gedanke, auf dessen Pflege

es am allermeisten ankam? Und wenn auch die achtundvierzig Stunden des

Absitzens achtundvierzig Gedanken ergaben, genügte denn nicht ein

einziger, allgemeiner Gedanke, um im Leben auf guter, glatter Bahn zu

bleiben? Diese reizenden, achtunggebietenden, mühsam zusammenerdachten

achtundvierzig Gedanken, was konnten sie dem jungen Menschen nutzen, da

es doch vorauszusehen war, daß er sie morgen vergaß? Ein einzelner

richtungangebender Gedanke war da gewiß viel besser, aber dieser Gedanke

war nicht zu denken, dieser Gedanke zerfloß in die Empfindungen.

Einmal hörte Joseph den Melker sagen, das Vaterländli könne ihm in

seiner ganzen Größe, wenn es wolle, den Buckel hinaufsteigen.

Wie war das natürlich und unrecht gesprochen. Freilich, das Vaterland,

oder der gesetzliche Begriff desselben, schikanierte den Melker, hemmte

ihn, fesselte ihn, diktierte ihm öde und gliederzerbrechende

Freiheitsstrafen, langweilte ihn, bereitete ihm Verdrießlichkeiten,

Kosten und Schädigungen an der körperlichen Gesundheit. Und so wie der

Melker sprach, dachten Tausende. Tausende vom Leben nicht ganz so

gleichmäßig behandelte und vorwärtsgeschobene Menschen, wie es das

militärische Gebot blind und trocken voraussetzte. Die Diensterfüllungen

kamen nicht einem jeden so glatt gelegen, wie vielen andern, die aus den

Diensterfüllungen sogar ein Lebens- und Weltgeschäftchen zu machen

wußten, indem sie sich auf Staatskosten unterhalten und beköstigen

ließen. Manchem riß der Dienst ein unangenehmes Loch in die Laufbahn, ja

manchen konnte er sogar in die bitterste und brutalste Verlegenheit

setzen, indem die paar mühsam ersparten Rappen, Centimes oder Pfennige

in das anspruchsvolle Militärtreiben flossen, wovon am Ende der

Dienstpflicht kein Hauch mehr übrig blieb. Nicht ein jeder konnte dann

zu Vater und Mutter gehen und um Unterstützung bitten, nicht einen jeden

nahmen dann Kontor, Fabrik oder Werkstätte sogleich wieder auf, sondern

er mußte oft lange warten, bis er wieder zu dem Kreis arbeitender,

lernender, erwerbender und zielbewußter Menschen gehörte. Konnte man da

groß zählen auf dieses Einzelnen Vaterlandsliebe? Welch eine Idee!

»Und trotzdem!« Mit dem erwärmenden Gefühl, das in diesem gedachten

»trotzdem« lag, sprang der Gehülfe von seiner Pritsche auf, um sich am

»Schinkenklopfen« zu beteiligen. Er hatte Glück, er mußte nie lange

»darhalten«. Er erriet die Hand, die ihn schlug, jeweilen sofort. Den

Schlossergesellen erkannte er jedesmal an der Wucht des

Drauflosschlagens, den Tapezierer an der Ungeschicktheit des Schlages,

den Juden an den Fehlschlägen, den Amerikaner an der Zimperlichkeit und

Geniertheit, womit derselbe sich am Spiel beteiligte und den Melker an

der absichtlich gemilderten und gedämpften Schwungkraft. Der Melker

hatte für Joseph von Anfang an eine gewisse Zärtlichkeit empfunden. Er

wandte sich jedesmal, wenn er zu erzählen begann, an diesen, weil er

sah, daß der Gehülfe sein aufmerksamster Zuhörer war.

Zu rauchen war den »Gefangenen« verboten, aber Schulkinder kamen an das

Gitterfenster heran und vermittelten den zierlichsten und schönsten

Tabakschmuggel. Einer der Insassen kletterte auf die Achseln eines

zweiten hinauf und pickte vermittels eines an einen geheimnisvollen

Stock befestigten Nagels die Tabak- und Zigarrenpakete behend und

geschickt auf und warf dafür die Groschen oder Rappen den kleinen

Verkäuferinnen und Schmugglerinnen durchs Fenster zu, derart, daß das

»Loch« immer voller Rauch war. Der Gefangenenwärter, ein anscheinend

gutmütiger Mann, schwieg dazu.

Die zwei Karzernächte waren für Joseph kalt, fröstelnd und schlaflos. In

der zweiten Nacht konnte er ein wenig schlafen, aber ein unruhiger

Schlaf war es. Er träumte fieberhaft.

Das »Vaterländli« des Melkers lag ihm großausgestreckt mit allen seinen

Bezirken und Kantonen vor den leidenschaftlich schauenden Augen. Aus

einer Schicht Nebel hervor tauchten die geisterhaften, blendenden Alpen.

Zu ihren Füßen erstreckten sich himmlisch grüne und schöne Matten,

umhallt von Kuhglockentönen. Ein blauer Fluß beschrieb ein leuchtendes

und friedlich gezeichnetes Band durch die Gegenden, Dörfer und Städte

und Ritterburgen zart berührend. Das ganze Land glich einem Gemälde,

aber dieses Gemälde lebte; Menschen, Geschehnisse und Gefühle bewegten

sich darin auf und ab wie hübsche und bedeutende Muster auf einem großen

Teppich. Handel und Industrie schienen wunderbar zu gedeihen, und die

ernsten, schönen Künste lagen in brunnenrauschenden Winkeln und

träumten. Man sah die Dichtkunst am einsamen Schreibtisch sitzen und

sinnen und die Malerei an der Staffelei siegreich arbeiten. Die

zahlreichen Fabrikarbeiter kehrten still und schön und ermüdet von ihren

Schaffenswerkstätten heim. Man sah den Wegen am Abendlicht an, daß es

Heimwege waren. Weite und schallende und ergreifende Glocken tönten.

Dieses hohe Tönen schien alles, was da war, zu umschallen, zu umdonnern

und zu umarmen. Daraufhin hörte man das feine, silberne Klingen eines

Geißenglöckchens, und es war einem, als stünde man auf einer

hochgelegenen Bergweide, umschlossen von Nachbarbergen. Von weit unten

her, aus den Ebenen, drangen die Pfiffe der Eisenbahnen herauf und das

Lärmen der menschlichen Arbeit. Mit einem Male aber zerschnitten sich

diese Bilder von selber, als wären sie auseinandergeblasen worden, und

eine Kaserne hob sich in ihren Fronten deutlich und stolz empor. Vor der

Kaserne stand eine Kompagnie Soldaten in geradeausgerichteter und

unbeweglicher Achtungstellung. Der Oberst oder Hauptmann saß zu Pferd

und ordnete die Bildung eines Quadrates an, worauf die Soldaten,

geleitet von den Offizieren, diese Bewegung ausführten. Wunderbarerweise

war aber dieser Oberst kein anderer als der Melker. Joseph erkannte ihn

deutlich am Mund und an der weithinschallenden Stimme. Der Melker hielt

nun eine kurze, aber feurige Rede, worin er der militärischen Jugend das

Vaterland ans Herz legte. »Trotz allem!« dachte Joseph und lächelte. Sie

waren ja in der Ruhestellung, und da durfte sich einer schon zu lächeln

erlauben. Der Tag war ein Sonntag. Ein junger, hübscher Leutnant trat

auf den Soldaten Joseph zu und sagte freundlich: »Nicht rasiert, Marti.

He?« Worauf er säbelklirrend die Front weiterschritt. Joseph griff sich

verlegen unter das Kinn: »Noch nicht einmal rasiert bin ich heute!« --

Wie die Sonne strahlte. Wie heiß es war! Plötzlich gab es im Traum einen

Stoß, und ein freies Feld tat sich auf mit einer liegenden,

auseinandergezogenen, halbrunden Schützenlinie. Die Gewehrschüsse

widerhallten in den nahen Waldbergen, die Signale ertönten. »Sie sind

tot, stürzen Sie um, Marti!« rief der auf seinem Pferd das Bild des

Gefechtes überschauende Melker-Oberst. »Aha,« dachte Joseph, »er ist

nett zu mir. Er läßt mich hier auf dem reizenden Grasboden ausruhen.« Er

blieb am Boden liegen, bis das Gefecht aus war, indem er sich die Zeit

damit vertrieb, Grashalme durch den durstigen Mund zu ziehen. Welch eine

Welt, welche Sonne! Welch eine Sorglosigkeit, so dazuliegen! Aber er

sollte jetzt wieder aufspringen und in Reih und Glied treten. Er konnte

nicht, es hielt ihn fest am Boden. Der Grashalm wollte nicht aus dem

Mund herausgehen, er arbeitete daran, Schweiß trat ihm auf die Stirn,

Angst in die Seele, und er erwachte und befand sich wieder auf der

Pritsche, dicht neben dem schnarchenden Schlossergesellen.

Nach drei Stunden rief ihn der Wärter. Er war »fertig«. Er nahm Abschied

von allen. Dem armen Melker, der noch sechs Wochen zu sitzen hatte,

drückte er herzlich die Hand. Er bekam seine Papiere wieder zurück und

konnte die Straße betreten. Die Glieder waren kalt und steif, im Kopf

summte und läutete und schoß noch der Traum. Eine Stunde später stand er

wieder inmitten der realen, Toblerschen Geschäfte. Reklame-Uhr und

Schützenautomat winkten ihm ärgerlich und zugleich hilfeflehend

entgegen, und Joseph schrieb wieder an seinem Schreibtisch.

* * * * *

»Sie haben jetzt da eine tüchtige Erholungspause gemacht,« sprach der

Ingenieur, »zwei volle Tage spürt man in einem Geschäft wie dem

meinigen. Es heißt jetzt doppelt hinter der Arbeit her sein. Hoffentlich

merken Sie sich das, was ich sage. Dazu habe ich natürlich einen

Gehülfen nicht nötig, um ihn alle Wochen etwa Arreste absitzen zu

lassen. Es wird niemand von mir verlangen dürfen, daß ich Gehälter

aus« -- --

Er hatte sagen wollen: »auszahle«, schnitt aber plötzlich seiner Rede,

nachdenklich werdend, den Atem ab. Joseph glaubte nicht nötig zu haben,

auch nur ein Wort zu erwidern.

Der Krankenstuhl war fertig geworden. Ein bildhübsches, kleines Modell

stand auf Toblers Zeichentisch und wurde alle Augenblicke von einer

neuen Seite betrachtet, indem es der Ingenieur, scheinbar voller

Entzücken, hin und her drehte, um den Genuß des Anschauens von überall

her zu haben. Sogleich mußte sich der Gehülfe dahinter setzen und

Offertbriefe schreiben an verschiedene in- und ausländische, größere

Krankenmöbelgeschäfte.

Tobler legte das feine Gerät durch einfache Schraubendrehung und

Hebelverschiebung glatt zusammen, ließ sich das Ding in gutes Papier

einpacken, nahm seinen Hut und ging ins Dorf, um diesen Ungläubigen, den

sarkastischen Bärenswilern, zu zeigen, welch eine Erfindung da wieder

komplett und gangbar gemacht worden sei.

Joseph hatte inzwischen dem Friedensrichter des Ortes zu schreiben,

Tobler könne der morgen früh um neun Uhr stattfindenden Besprechung

bezüglich der Streitsache Martin Grünen persönlich nicht beiwohnen, da

ihn dringende Geschäfte abhielten. Er erlaube sich daher, dem Herrn

Friedensrichter die nötigen Aufklärungen und Zahlenaufstellungen

schriftlich zu geben, woraus er ersehen könne, daß usw.

»Daß mein Herr Tobler ein Engel ist,« lächelte innerlich, nicht ohne

flüchtige Bosheit, der Gehülfe. Nachdem dieses Schreiben erledigt war,

galt es ein ähnliches, in beinahe noch brüskerem Ton gehaltenes

Erklärungsschreiben an das löbliche Bezirksgericht abzufassen. Joseph

wunderte sich wieder einmal über die Prägnanz seines Briefstiles, sowie

über die Höflichkeitswendungen, die er plötzlich dem energischen Ton

hie und da einzuflechten wußte. »Man darf nie zu grob sein,« dachte er

bei solchen Seitensprüngen in die Gegenden der Artigkeit und des

bescheidenen Wesens. Er erledigte auch diesen Brief ziemlich rasch, denn

er hatte die Sache jetzt ja »schon so sehr los«, über welchem zufriedenen

Bewußtsein er wieder einmal einen der wohlbekannten, unfehlbaren

Stumpen anzündete. Mochten sie kommen, die Friedensrichterämter und

Bezirksgerichte, und die ebenso zahlreichen wie tückischen amtlichen

Zahlungsaufforderungen, er und Tobler, sie würden deswegen noch lange

fortfahren, und zwar ganz ruhig und seelengemütlich, ihre duftenden

Stengel und Rauchzinken herunterzudampfen.

Im Dorf war man allmählich, zuerst einander es zuflüsternd, jetzt aber

es laut auf der Straße erzählend, einer immer höher steigenden Welle,

aus Einsicht bestehend, ähnlich, zu der Überzeugung gekommen, daß da

oben im Abendstern nichts mehr zu »retten« sei, wenn man nicht die

nötigen Schritte, wenigstens etwas noch herauszufischen, an Hand der

Betreibungsgesetze einleite. Und so war es denn dahin gekommen, daß Herr

Tobler, sowohl was die Firma als was die Haushaltung betreffen mochte,

von allen Himmelsrichtungen her wechselrechtlich bestrahlt, beschattet

und betrieben wurde. Es glich einem festtäglichen Speerewerfen, wie es

da von links und rechts, von daher und dorther auf das Haus Tobler,

Löcher und Verstimmungen einschlagend, niederprasselte. Der Gerichts-

oder Betreibungsbote schlich den ganzen Tag hämisch und zugleich

gemütlich ums Haus und rund um den ganzen Garten herum, als hätte er

hier besonders guter Weile gehabt, als würde es ihm gerade hier oben

ganz besonders wohl gefallen haben. Es sah aus, als ob der Mann ein

stiller Gartenkunst- und Naturbewunderer gewesen wäre.

Oder war die hagere, spitze Gestalt von einem Baukonsortium oder gar von

einer geographischen Gesellschaft beauftragt, mit den Augen und mit dem

Gedächtnis die Gegend abzumessen? Kaum! Aber so sah der Kerl aus. Frau

Tobler haßte und fürchtete ihn und floh, sobald sie ihn sah, eilig von

den Fenstern weg, als wäre dieser Mann die personifizierte trübe Ahnung

und Stimmung gewesen. Die Frau hatte recht, denn wenn man sich erkühnte,

dieses Menschen zugeklemmtes und zugenageltes Antlitz zu betrachten, so

fror einen, und man fühlte sich unwillkürlich von der eiskalten Hand des

Unheiles berührt und gestrichen.

Mit Joseph verkehrte dieser Mann in der ausgesucht eigentümlichsten Art

und Weise. Er verstand es, plötzlich, als hätte ihn die dunkle Erde

selber ausgespien, vor dem Bureau, Licht und Luft gleichsam weghauchend,

zu erscheinen. Dann blieb er eine gute, volle Minute stehen, nicht, um

etwas zu tun oder vorzubereiten, sondern zu seiner, wie es schien,

persönlichen Lust und Freude. Dann öffnete er die Türe, trat aber noch

nicht ein, würde ihm noch lange nicht eingefallen sein, sondern blieb

stehen, anscheinend, um zu prüfen, welchen Eindruck sein unheimliches

Benehmen machte. Seine kalten Augen fest auf den unangenehm berührten

Gehülfen gerichtet, kam er jetzt in das Bureau hinein, um vorläufig

abermals eine Pause zu machen. Nie sagte er guten Tag oder guten Abend.

Für ihn schien die Tagesstunde gar nicht zu existieren, ja nicht einmal

die Gottesluft, denn dieser Mann schaute in die Welt hinaus, als ob er

nicht nötig hätte, zu atmen. Sein knochiges Gesicht fest

ineinanderklemmend nahm er jetzt ein oder zwei Formulare aus einer

schwarzledernen Tragtasche, hob sie absurd hoch in die Luft und ließ sie

auf den Schreibtisch des Gehülfen fallen, schweigend, spitz und hackig,

wie Krallen eines Raubvogels hacken. Dies abgetan schien er sich an dem

Bewußtsein zu weiden, das ihm sagen mochte, seine Erscheinung sei eine

trostlose und herzbeklemmende gewesen, denn er dachte in keinerlei

Weise daran, sich zu entfernen, sondern probierte minutenlang, ob es ihm

gelinge, die Brieftasche wieder in seine Rocktasche zu befördern. Dann

sagte er -- beinahe -- adieu und ging. Dieses Adieu des Mannes war viel

frostiger, als wenn er gar nichts gesagt hätte, es klang geistesabwesend

und zugleich bewußt kurz und hart. Der Mann schien dann gehen zu wollen,

nein, jetzt tat er jedesmal erst das Schreckliche, er maß mit seinen

Augen die Umgebung, das Haus und den Garten. Dann ging die andere Türe

auf, Frau Tobler erschien aufgeregt im Bureau, mit großen Augen und mit

den angstvollen Worten: »Jetzt steht er wieder im Garten! Sehen Sie,

sehen Sie!« --

An den Tagen, wo dieser Mann erschien, war das Wetter meist ein graues,

kaltes, schweigendes Mittelding zwischen Schnee und Regen. Die Mauern

des Hauses waren an den Sockeln naß, ein scharfer Seewind blies, neue

Schneegestöber oder Regenstürze versprechend, und der See lag da so

bleiern und farblos und traurig. Wo waren jetzt seine schönen Abend- und

Morgenfarben? Versunken in der Tiefe des Wassers? An solchen Tagen gab

es weder einen Morgen noch einen Abend mehr, die Stunden zeigten alle

dasselbe trübe Aussehen, die Zeiten schienen ihrer Bezeichnungen und der

lieben, wohlbekannten Lichtunterschiede überdrüssig geworden zu sein.

Zeigte sich in solch einer Naturtrübheit und -Entstelltheit noch der

Mann mit der schwarzledernen Mappe, so meinten Frau Tobler und der

Angestellte, das Erdbild sei plötzlich umgedreht worden, und man

erblicke die Schattenseite alles Tatsächlichen und Gewohnten, nicht mehr

das Natürliche. Etwas Gespenstisches schien sich um das schöne Haus

Tobler aufzuhalten, und das Glück und die Zierlichkeit dieses Hauses, ja

selbst seine Berechtigung, schienen sich in einen fahlen, müden,

glanzlosen und bodenlosen Traum verloren zu haben. Wenn dann Frau Tobler

durchs Fenster schaute und ihren Sommersee ansah, der jetzt ein Winter-

und Nebelsee geworden war, die Melancholie erblickte und empfand, die

sich auf allem Sichtbaren breit machte, mußte sie ihr Tuch an die Augen

halten und hineinweinen.

Als einer der wildesten Gläubiger und Schuldenforderer erwies sich der

Gärtner, der bis dahin stets die Gartenarbeiten besorgt, und die

Gewächse geliefert und gepflegt hatte. Dieser Mann schimpfte wie ein

ganzes Bataillon von Schimpfern auf Tobler und dessen ganze Familie und

sagte, er wolle sich keine einzige ruhige Stunde mehr gönnen, bis der

Tag da sei und er die Genugtuung habe, diese »hochmütige Gesellschaft«

gepfändet und aus dem Abendstern hinausgeworfen zu sehen. Man

hinterbrachte Herrn Tobler, halb, um ihm zu schmeicheln, halb, um ihn im

geheimen zu kränken, diese rohen Worte, und sofort befahl dieser, die

Pflanzen, die ihm gehörten, und die sich in den Gewächshäusern der

Gärtnerei befanden, von dort ohne weiteres abholen, und sie nach dem

Keller des befreundeten Versicherungsagenten, des Mannes, der die

Grottennacht mitgemacht hatte, führen zu lassen. Joseph war mit der

schleunigen Erledigung dieses Befehles betraut, und er hatte keine

Ursache, zu zögern. So wurde mit einem einpferdigen Wagen nach der

Gärtnerei gefahren, und dort wurden dann auch die Pflanzen, darunter ein

bereits ziemlich hochgewachsenes Edeltännchen, aufgeladen. Der zum

Garten verwandelte Wagen fuhr ab, durch die Straßen, neben den

augenaufreißenden Leuten vorbei, und hielt vor der Wohnung des dem

Fuhrmann bezeichneten Hauses und Mannes. Der Versicherungsagent selber

half mit abladen und in den Keller tragen, was immer hineingehen mochte.

Das junge edle Tännchen mußte an Schnüren befestigt werden, damit es in

den für sein schlankes und stolzes Wachstum zu niedern Gewölben

wenigstens schräg stehen konnte. Es tat dem Gehülfen weh, den Baum

derart untergebracht zu schauen, aber, was war da zu machen? Tobler

wollte es so, und der Wille Toblers blieb alleinige und unbedingte

Richtschnur für das Tun des ersteren.

Dieser Versicherungsagent war in der Tat Tobler treu geblieben. Es war

dies ein einfacher aber aufgeklärter Mensch, dem es nicht einfiel, wegen

Schwierigkeiten rein äußeren Gepräges einem Manne Freundschaft und

Vertrautheit aufzukünden, den er einmal schätzen gelernt hatte. Er war

nun noch beinahe der einzige, der etwa Sonntags herüber in die Villa

kam, um einen Jaß inszenieren zu helfen. Etwas zu trinken gab es bei

Toblers immer noch, behüte! Da war ja erst noch in den letzten Tagen ein

kleines Faß voll prächtigen Rheinweines aus Mainz angekommen, eine

verspätete, aber deshalb nur um so mehr willkommene Lieferung, die einer

Bestellung aus früheren, besseren Tagen entsprechen mochte. Tobler

schaute groß auf dieses Faß herab, er wußte sich gar nicht mehr an den

einmal der Firma gegebenen Auftrag, ihm solchen teuren Wein zu senden,

zu erinnern. Joseph hatte nun wieder eine Nebenaufgabe, die darin

bestand, den Wein in Flaschen abzuziehen und dann dieselben gehörig mit

Korken zu verschließen, zu welcher Arbeit er eine ganz erstaunliche

Geschicklichkeit an den Tag legte, so daß Frau Tobler, die dem behenden

Ding zusah, scherzweise fragte, ob er denn früher schon einmal in

Kellereien gearbeitet habe. Auf solche Art gab es im Haus manche muntere

und selbstvergessene Stunde, die vortrefflich dazu beitrug, über die

zahlreich vorkommenden, schweren Stunden hinüberzuhelfen, was für alle

nötig genug und eine nicht zu unterschätzende Wohltat war. Da aber wurde

eines Tages Frau Tobler plötzlich krank.

Sie mußte sich, so ungern sie das gerade jetzt tat, zu Bett legen, und

man war gezwungen, den Arzt zu holen, denselben Doktor Specker, der es

seit vielen Wochen zu vermeiden gewußt hatte, den Fuß weiter über die

Schwelle eines Hauses zu setzen, um dessen innere Grundpfeiler es so

schlimm stund. Er leistete dem Ruf Folge, trotzdem er fürchten mußte,

daß er für die ärztliche Arbeit und für die Mühe des mitternächtlichen

Ganges durch eine stockdunkle Gegend nicht honoriert werden würde. Er

trat an das Bett der Frau still heran und tat in Manier und Sprache so,

als wenn er seine freundschaftlichen Besuche nie eingestellt hätte,

sondern fortwährend in bester Verbindung mit der Familie geblieben wäre.

Er fragte teilnahmevoll nach den Schmerzen, und danach, seit wann Frau

Tobler sie habe usw. und übte die ernsten Pflichten seines Berufes so

angenehm, als er es vermochte, aus. Tobler zeigte dem Doktor später,

trotzdem es schon bald ein Uhr war, noch den Krankenstuhl, dessen erstes

naturgroßes Modell am selben Tag angekommen war. Jetzt könne er ja das

Möbel gleich an seiner Frau praktisch erproben, sagte der Erfinder und

versuchte einen lustigen Ton anzuschlagen, was aber nicht recht gelingen

wollte. »Nicht noch rasch ein Glas Wein trinken, Herr Doktor?« -- Nein.

Der Arzt ging.

So müsse sie nun auch noch zu allem unschönen Übrigen im Bett liegen,

klagte die Frau zu jedem, der zu ihr an das Bett trat. Nicht genug,

wehklagte sie weiter, daß im Haus und im Geschäft bald alles

zusammenstürze, möge nun nicht einmal die nackte Gesundheit mehr

bleiben. Krank müsse man sein, wo eine Hand zum Arbeiten und ein Auge

zum Überwachen mehr als nötig geworden sei. Und Geld werde das wieder

kosten, und wo es hernehmen? Sie sei so matt, und sie möchte so gern

munter sein, möchte gern das Schlimmste ertragen. Wo Dora sei? Dora

solle zu ihr kommen. --

Joseph hatte keinen Zutritt in das Krankenzimmer. Da es aber tagelang so

dauerte und er ihr einmal etwas, das unbedingt sein mußte, zu sagen

hatte, so wagte er es, das Zimmer zu betreten. Er tat es mit der

Zaghaftigkeit des Menschen von sonst rauhen Gewohnheiten. Sie schaute

ihn lächelnd an und gab ihm die Hand, und er brachte es zustande, ihr

gute Besserung zu wünschen. Wie groß ihre Augen waren. Und diese Hand.

Was für eine Blässe. War das eine Rabenmutter? Sie fragte, wie es unten

im Wohnzimmer aussehe, und wie sich die Kinder benähmen und sagte

schwach, nun müsse einstweilen er ein bißchen den Erzieher spielen, bis

sie wieder aufstehen könne. Sie sehne sich darnach. Ob auch Pauline noch

recht koche. Und was die Geschäfte machten?

Er gab ihr Auskunft und war sehr glücklich über diesen Moment. Und

dieser Frau, die sogar im Bett eine vollendete Dame zu bleiben verstand,

der die Krankheit eher Schönheit zutrug als wegnahm, hatte er eine

Moralrede halten wollen? Wie unrecht und unreif. Und doch, wie

wahrscheinlich! Denn Silvi wurde auch zu dieser Stunde noch um kein Haar

besser als wie immer behandelt.

Wenn Silvi während dieser Tage ein Geschrei ausstoßen wollte, zischte

ihr Pauline in die Ohren: »Bist still!« Die Kranke mußte geschont

werden.

Bei der nächsten passenden Gelegenheit geschah es sodann, daß Tobler

dazu kam, den patentierten Krankenstuhl an der Frau zu probieren. Sie

war wenig zufrieden mit den Eigenschaften dieser Erfindung und wagte es,

die Fehler, die diesem Möbel anhafteten, zu rügen. Vor allen Dingen,

sagte sie, sei der Stuhl zu schwer, er drücke, und dann müsse er breiter

gebaut sein, er enge zu sehr ein.

Das war unangenehmer Bescheid von der eigenen Frau. Tobler, der einsah,

daß er gewisse Dinge außer acht gelassen hatte, ging sofort daran, die

nötigen Änderungen zu treffen, indem er am Zeichentisch ein paar neue

Bestandteile rasch entwarf, um die Muster alsobald an die Schreinerei

senden zu lassen. Es bedurfte nur ganz weniger Umänderungen, und der

Stuhl konnte dann um so energischer in Fabrikation genommen werden.

Bereits schrieben ja eine Anzahl Verkaufs- und Vertriebsgeschäfte, sie

seien gespannt auf die Zusendung eines ersten, kompletten Exemplares.

Und die Reklame-Uhr, wie ging sie? Man stund mit einer ganz

neubegründeten Unternehmungsgesellschaft in Verbindung, man hatte

ausführlich Offerte eingereicht, sogar nebst kurzer Lebensbeschreibung

des Geschäftsherrn, da dies gewünscht worden war. Man hoffte!

Der Gehülfe · 第 14 / 20 段