Das müsse noch sein, zu der Zeit, da sowieso im ganzen Dorf alles, was

eine Stimme und ein Maul habe, wider ihn rede, sagte Tobler, indem er

sich an den Tisch setzte. Solche Rangen! Damit jeder Beliebige bald mit

Fingern auf ihn, den Erzieher und Vater, deuten dürfe und sagen dürfe,

die Jungen machen's halt wie der Alte. So wie man nur einen Fuß ins Haus

setze, springe einem eine Widerwärtigkeit entgegen. Da solle einer noch

den Mut haben, zu hoffen, es sei irgend eine Wendung zu Besserem

möglich. Mit den eigenen Kindern sei man gestraft. Das komme, weil man

sich verpflichtet glaube, sie ordentlich zu halten, zu kleiden und zu

ernähren. Der Teufel auch. Barfuß mußten sie ihm nächstens zur Schule

gehen, die Spitzbuben, und trockenes Brot zu essen haben statt Fleisch.

Er werde einen andern Takt einführen. Aber das sei gar nicht nötig, es

mache sich bald von selber. Wenn bald nichts mehr werde zu essen da

sein, wolle er sehen, daß diese seine Brut ganz anders sich aufführe.

Er versündige sich, und es genüge jetzt, sagte Frau Tobler.

* * * * *

Tobler führte kein anderes Regiment in seinem Hause ein, Taktstock und

Tonart blieben dieselben im Abendstern. Der Dirigent hatte zu viel

anderes im Kopf, und der Hülfsdirigent war eine zu bescheidene,

zu zufriedene Natur. Dem brauchte man ja nicht einmal die längst

verfallenen Gehälter auszubezahlen. Der nahm mit der Idylle vorlieb, mit

dem, was da war. Wolken und Winde flogen auch um das Haus Tobler noch

herum, und so lange diese Gebilde Lust hatten, dazubleiben, mochte es

den Gehülfen auch nicht ans Fortgehen mahnen.

Eines Tages schneite es. Erster Schnee im Jahr, wie bist du nur so

erinnerungsreich anzuschauen. Altes Erlebtes fliegt mit dir stürmisch

dem Erdboden zu. Die Gesichter von Vater und Mutter und Geschwistern

lösen sich deutlich und vielsagend von deinen nassen, weißen Schleiern

ab. Es wird einem so ernst und so lustig zumut, wenn du daherkommst, mit

deinen unzähligen Flocken. Man glaubt, du seiest ein Kind, ein Bruder

oder eine liebe, zaghafte Schwester. Man hält die Hand hin, um dich

aufzufangen, nicht dich ganz, sondern nur kleine Stücke von dir. Der

Kübel, der dich auffangen wollte, müßte breit und groß sein, wie die

Erde. Lieber, erster Schnee, schneie! Es macht sich ganz prachtvoll, das

weiche Ding, das du da über Toblers Haus und Garten in aller Stille

breitest. Frau Tobler ruft erstaunt aus: »Es schneit!« Die Kinder kommen

mit Geschrei und mit Flocken in den geröteten Gesichtern und mit

Schneestücken in den Haaren in die warme Stube hinein. Da wird Pauline

im Garten bald Wege in den Schnee hineinscharren und fegen müssen, damit

Herrn Toblers Füße und Schuhe nicht allzu naß werden.

Tobler schickte auch seine Buben noch nicht barfuß zur Schule. Solch

eine Verordnung hatte ihre guten Wege. Auch zu essen gab es noch immer

in der netten Villa trotz des wilden Schneegestöbers und trotz Kälte und

Nässe. Joseph zog seinen Überzieher an, wenn er zur Post lief, es war

ein geschenkt bekommener, aber er gab trotzdem warm und kleidete hübsch.

Frau Tobler bat den Gehülfen, ihr aus dem Dorf etwas zum Lesen

mitzubringen, das Lesen fange an in die langen Nächte ganz gut zu

passen. Jassen könne man auch nicht jedesmal nach dem Abendessen. Joseph

ging in die Gemeindebibliothek und holte und brachte Lesestoffe. Die

Mädchen gingen in kleinen, roten, dicken Überkleidern in den Schnee

hinaus, mit Schlitten, um den Hügel hinunterzufahren, aber es ging noch

nicht recht, der junge Schnee war zu naß und saß nicht fest genug auf

der steinigen Erde. Leo, der Hund, half mit sich umherzutummeln.

Wie doch alle vier Jahreszeiten ihren besonderen Geruch und Ton haben.

Den Frühling meint man, wenn man ihn sieht, nie so gesehen zu haben, nie

so besonders. Im Sommer ist einem die Sommerüppigkeit jedes neue Jahr

neu und zauberhaft. Den Herbst hat man sich früher nie recht angeschaut,

erst dieses Jahr, und im Winter ist wieder der Winter ganz neu, ganz,

ganz anders wie vor einem oder vor drei Jahren. Ja, auch die Jahre haben

ihre eigene Note und ihren eigenen Duft. Das Jahr da und da zugebracht

zu haben, heißt es erlebt und gesehen haben. Orte und Jahre sind eng

miteinander verbunden, und erst Ereignisse und Jahre? Die Erlebnisse

können ein Jahrzehnt ganz neu färben, wie mehr und wie rascher ein

kurzes Jahr. Ein kurzes Jahr? Joseph ist mit diesem Ausspruch keineswegs

zufrieden. Soeben ist er vor der Villa gestanden und hat, in Gedanken

verloren, gesagt: »Solch ein Jahr, wie lang und wie voll ist es doch.« --

Und das Lange war ihm nicht rasch vorübergegangen, erst als er an

dasselbe dachte, schien es ihm Flügel, Federn und Flaumesleichtigkeit

gehabt zu haben. Es war nun Mitte November, aber wenn er es sich recht

überlegte, so hatte er schon im Mai der Welt diese Miene und diese

Manieren und diese Gedanken gezeigt. Er hatte sich, wie seine Freundin

Klara sagte, wenig verändert.

Und die Welt, verändert sie sich? Nein. Das Winterbild kann sich über

die Sommerwelt werfen, aus dem Winter kann Frühling werden, aber das

Gesicht der Erde ist dasselbe geblieben. Es legt Masken an und ab, es

runzelt und lichtet die große, schöne Stirne, es lächelt oder es zürnt,

aber bleibt immer dasselbe. Es liebt die Schminke, es färbt sich bald

bunter, bald matt, bald ist es glühend und bald blaß, es ist nie ganz

dasselbe, es verändert sich immer ein wenig und bleibt doch immer

lebendig und ruhelos gleich. Es blitzt mit den Augen Blitze und donnert

mit seiner gewaltigen Stimme den Donner, es weint den Regen in Strömen

herab und läßt den saubern, glitzernden Schnee zu seinem Mund

herauslächeln, aber an den Zügen und Linien des Gesichtes verändert sich

spurwenig. Manchmal nur fährt ihm ein schauderndes Erdbeben, ein

Hagelsturz, eine Fluten-Überschwemmung oder ein Vulkanfeuer über die

ruhige Oberfläche dahin, oder es erbebt und erschaudert innerlich von

Welt- und Erdempfindungen und -Zuckungen, aber es bleibt dasselbe. Die

Gegenden bleiben dieselben, Städteansichten allerdings weiten und runden

sich aus, aber wegfliegen und sich einen andern Ort aussuchen, von einer

Stunde auf die andere, das können Städte auch nicht. Die Ströme und

Flüsse fließen dieselbe Bahn wie seit Jahrtausenden, sie können

versanden, aber sie stürzen nicht plötzlich über ihre Strombetten an die

offene leichte Luft hinaus. Das Wasser muß sich durch Kanäle und Höhlen

hindurcharbeiten. Das Strömen und Wühlen ist sein uraltes Gesetz. Und

die Seen liegen, wo sie seit langer, langer Zeit liegen. Sie springen

nicht zur Sonne hinauf und spielen nicht Ball wie Kinder. Sie sind

manchmal empört und schlagen ihre Wasser und Wellen zornig zischend

zusammen, aber sie verwandeln sich weder eines Tages in Wolken noch

eines Nachts in wilde Pferde. Alles in und auf der Erde gehorcht

schönen, strengen Gesetzen, wie die Menschen.

Es war also jetzt Winter geworden um Toblers Haus herum.

* * * * *

Einen Sonntag gab es zu dieser Zeit, an dem Joseph geglaubt hatte, in

die Hauptstadt fahren, und sich wieder einmal amüsieren zu sollen. In

der Stadt hatte er Nebel in den Straßen gefunden, nasse Blätter am

Boden, Bänke in den Anlagen, auf die man sich jetzt nicht mehr setzen

konnte noch mochte, in den innern Gassen Lärm und am Abend vor den

zahlreichen Kneipen gröhlende Betrunkene. Eine halbe Stunde lang war er

bei seiner Frau Weiß gewesen, um ihr zu erklären, wer Tobler und Frau

Tobler seien, aber eine innere Scham und Ungeduld hatte ihn bei der

ruhigen und gelassenen Frau nicht lange gelitten, er war wieder in die

Gassen der Sonntagnacht hinuntergegangen und hatte ein paar Lokale

zweifelhaften Genres aufgesucht, um sich zu »amüsieren«. War er der

Mensch dazu gewesen? Jedenfalls hatte er viel Bier getrunken, und im

»Wintergarten« hatte er mit jungen, gigerlhaften Italienern am Büffet

Händel angefangen. Ebendaselbst stieg er auf die kleine Variétébühne,

vor aller Anwesenden Augen, und zum größten Gaudium derselben, und fing

an, den Gaukler, der sich dort produzierte, in den Gesetzen des

Geschmackes und der körperlichen Geschicklichkeit zu unterrichten, bis

er schließlich von einer Handvoll Kellner zum Lokal hinausgewiesen

wurde.

In der Kälte der Nacht setzte er sich in den Anlagen auf eine Bank, um

sich den Rausch von der herrschenden, rauhen Witterung aus Kopf und

Gliedern hinausblasen zu lassen. Ein wahrer Sturmwind sauste und

rüttelte in den Ästen der Parkanlagebäume. Das aber schien einem

zweiten, nächtlich hier, wie es schien, ebenfalls ausruhenden Menschen,

der sich auf die Bank _vis-à-vis_ von Joseph gelagert hatte, gänzlich

gleichgültig zu sein. Was konnte das für ein Mensch sein, und was hatte

ihn veranlaßt, sich hier, gleich Joseph, in die offene, rücksichtslose

Sturmnacht zu setzen? Tat man solches? Der Gehülfe, irgend ein Unglück

oder einen Schmerz ahnend, trat auf die ruhende, dunkle Gestalt zu und

erkannte -- Wirsich.

»Sie hier? Wie geht's Ihnen denn, Wirsich?« frug er erstaunt. Sein

Rausch war mit einmal verflogen. Wirsich gab lange keine Antwort. Dann

sagte er:

»Wie es mir geht? Schlecht. Wer läge sonst hier im Regen und in der

Kälte? Ich bin ohne Stellung und ohne jeden Halt. Ich werde stehlen, ich

werde ins Gefängnis kommen.«

Er brach in lautes, elendes Weinen aus.

Joseph bot seinem Vorgänger in Toblers Amt ein Goldstück an. Dieser nahm

es, ließ es aber zu Boden fallen. Der Gehülfe schrie ihn an:

»Seien Sie doch nicht so borniert, Mensch. Nehmen Sie das Geld. Tobler

selber hat es mir heute zaudernd genug gegeben. Wir dort oben im

Abendstern haben jetzt auch sozusagen kein Geld mehr, aber wir lassen

den Mut keineswegs sinken. Sie, Wirsich, brauchen durchaus nicht zu

sagen, Sie müssen stehlen gehen. Da schlägt man sich lieber mit der Hand

eins auf den Mund, bevor man so etwas sagt. Warum stehlen gehen? Gibt es

nicht eine Schreibstube für Arbeitslose? Aber Sie schämen sich wohl,

dorthin zu gehen, zu dem Herrn Verwalter, der ein sehr, sehr lieber,

mildedenkender, erfahrener Mensch ist. Wir im Abendstern, wir sind eines

Tages freidenkend genug gewesen und haben uns aus dieser Schreibstube

einen jungen und in der Tat vielleicht nicht ganz tüchtigen, wohl aber

brauchbaren und schmiegsamen Menschen, namens Joseph Marti, geholt, weil

Herr Wirsich nicht mehr hat gut tun wollen. Gehen Sie und arbeiten Sie,

fragen Sie morgen früh überall, wo Sie auch mit dem Fuß hintreten, nach

Arbeit, und sein Sie überzeugt, man gibt Ihnen irgendwie und wo welche.

Was für Manieren! Sie werden an manchen Orten sicherlich schnöde und

kalt abgefertigt werden, aber dann gehen Sie eben weiters, bis Sie

gefunden haben, was Sie in die Lebenslage versetzt, aus welcher heraus

man langsam wieder ein Mitmensch wird. Man soll sich verbieten, ans

Stehlen zu denken. Der gesunde Kopf soll der Gebieter sein und bleiben,

man soll ihn nicht reizen und reizen, bis er zum Narren und Schurken

wird. Doch jetzt würde ich an Ihrer Stelle mit dem Gelde da, das nicht

ich, sondern Tobler Ihnen jetzt gegeben hat, irgend ein vernünftiges

Nachtlager für den vorbereitenden Schlaf aufsuchen gehen. Sagen Sie, was

macht Ihre Mutter?«

»Krank!« machte Wirsich mehr mit der Hand als mit dem Mund. Joseph rief

aus:

»Und wegen Ihnen, nicht wahr? Entgegnen Sie mir nichts, ich weiß es, als

ob ich der ständige Zeuge dieser Krankheit und dieses Verfalles gewesen

wäre. Welche Mutter verzweifelt nicht, wo der Sohn aus jeder Art

schlägt, derart, daß er dem fleißigen Zigarrenstummelaufleser nicht mehr

gerade in die Augen zu blicken wagt? Da ist sie jahrelang stolz auf den

Herrn Sohn gewesen, hat stets zu ihm hinauf mit den Augen der Liebe und

Bewunderung geschaut, hat ihn gesorgt und gepflegt, lebt noch, ist

krank, aber könnte gesund sein in den alten und ausglimmenden Tagen,

wenn der Gegenstand der Pflege und Liebe recht und tüchtig und nur ein

strohhalmdünn wacker tun wollte. Es brauchte ganz wenig, und die alte

Frau wäre zufrieden, und sie würde versuchen, ihrem alten, zerbrochenen

Stolz neue Flammen anzuhauchen. Ihr Kind würde sie schon um der Versuche

willen, honett und stark zu bleiben, beinahe anbeten. Und der

Vergeßliche und Entartete ist dazu noch der einzige Sohn, die erste und

letzte Möglichkeit des mütterlichen Gefühlsfeuers, und er ist plump und

grausam genug, auf die Liebe und tage- und jahrelange Freude täppisch zu

treten. Hören Sie, Wirsich, ich möchte Sie am liebsten durchprügeln.«

Sie gingen zusammen, um eine Schlafstätte ausfindig zu machen. Im

Gasthaus zum »Roten Haus« war noch Licht, sie traten in die Gaststube.

Allerhand Handwerks- und Wandersmenschen saßen um einen Tisch herum,

einer gab Schelmenstreiche, die er scheinbar vielfach verübt hatte, zum

besten, die Übrigen horchten zu. Joseph bestellte ein Nachtessen und

etwas zu trinken. Er würde, dachte er, morgen früh mit dem allerersten

Zug zurück nach Bärenswil fahren.

Es war nur noch ein einziges Zimmer im ganzen Gasthof frei. Wirsich und

Marti schliefen daher beide in ein und demselben Bett. Bevor sie

einschliefen, plauderten sie noch eine ganze halbe Stunde lang zusammen.

Wirsich war nach und nach munter geworden. Joseph sagte ihm, er solle

nur von morgen ab ruhig in diesem Gasthauszimmer wohnen bleiben und hier

fleißig Offertbriefe schreiben, die er, in Kuverts säuberlich gesteckt,

selber an Ort und Stelle hintragen könne. Man müsse sich unter keinen

Umständen schämen, Armut und Not an den heiteren Tag zu legen, dürfe

aber dabei keine gar zu wehleidige Jammermiene machen, sonst widere das

die Leute, auf deren Wohlwollen es ankomme, nur zu bald an. Eine

Trauermiene sei überdies geschmacklos. Das Persönlich-Hingehen zu den

Geschäftsleuten habe das Gute, daß diese meist gebildeten und

vernunftvollen Menschen einem etwa ein Fünfmarkstück in die Hand

drückten, da sie den Beweis vor Augen hätten, daß der Stellensuchende

sich ehrlich Mühe gäbe. So hätten es etliche und andere, die er, Joseph,

sehr gut kenne, gemacht, und sie hätten dabei immer gewisse bescheidene

Erfolge zu erzielen gewußt. Namen und Schicksal von Hülfeflehenden

seien den Reichen meist ganz schnuppe, aber diese Herren gäben eben

etwas, das sei in guten, alten Firmen und Familien von alters her

gutmütiger und vornehmer Brauch gewesen. Wirklich armes müsse zu

wirklich vornehmem Wesen hingehen, in aller Ruhe, dort sei es immer noch

am wenigsten am Halse geschnürt und könne atmen und könne sich zeigen,

wie es beschaffen sei und so, wie es eben einmal leide. Man müsse, wenn

man schon nun einmal am Boden liege und Not erdulde, lernen, mit Anstand

und Freiheit zu zeigen, daß man bitte, das entschuldige und verstehe

man, das erweiche ein wenig die Herzen und könne niemals die gute und

geschmeidige Sitte verletzen. Voll Haltung müsse aber einer dabei sein,

dürfe nicht zu greinen anfangen wie ein halbjähriges Wickelkind, sondern

solle zeigen durch sein Benehmen, daß er von etwas Großem und Mächtigem,

vom Unglück, darniedergeworfen worden sei. Das ehre wiederum ein wenig

und veranlasse den Härtesten zur flüchtigen, süßen, edlen,

anstandsvollen Milde. So, jetzt habe er ihm da eine lange Rede gehalten,

und gehörig schwungvoll obendrein, jetzt aber, wie er zu tun gedenke,

wolle er schlafen, denn er müsse früh wieder aufstehen.

»Sie sind, glaube ich, ein guter Kerl, Marti,« sagte der andere. Dann

schliefen sie ein. Es war schon halb vier Uhr morgens. Um acht Uhr, nach

drei Stunden Schlaf und einer dämmernden Eisenbahnfahrt, stand der

Gehülfe wieder im technischen Bureau, zwischen Zeichen- und

Schreibtisch. Jetzt ging er ins Wohnzimmer frühstücken.

* * * * *

Acht Tage darauf hatte er sich wieder, und zwar als Arrestant, nach der

Stadt zu begeben. Einen zweitägigen Arrest hatte er dafür abzusitzen,

daß er die herbstliche Wiederholungsübung versäumte. Er meldete sich zur

bestimmten Stunde in der Kaserne an, man nahm ihm die Militärpapiere ab

und führte ihn in den Karzer. Dort lagerten auf Pritschen und

untergelegten Mänteln an die fünfzehn jüngere und ältere Männer, die

alle den Neuankömmling musterten. Es roch nach allem möglichen

Schlechten in dem Raum, dessen vergittertes Fenster direkt an den

Straßenboden anstieß. »Ich habe wenigstens zu rauchen,« dachte Joseph

und begann, es sich auf einer der Pritschen nach Möglichkeit bequem zu

machen. Bald hatten ihn alle Insassen der bunten Reihe nach

angesprochen. Es waren aller Art Menschen, die ähnliche Strafen wie der

Gehülfe zu verbüßen hatten. Einer wie der andere schimpfte. Entweder war

es ein höherer Offizier, der irgend etwas Ungeheuerliches begangen

haben sollte, oder es wurde irgend einem Staats- oder Zivilbeamten

heimgezündet. Die Gesichter aller dieser fünfzehn oder sechzehn Menschen

drückten Langeweile, Appetit nach Bewegungsfreiheit und Unzufriedenheit

mit der Stumpfheit, die im Raume herrschte, aus. Es lagen welche

Burschen da, die schon wochenlang saßen, einer sogar, ein Melker,

monatelang.

Neben dem Hoteliersohn und Amerikareisenden lag hier der Tapezierer,

neben dem Maurer und Handlanger der Kommis, neben dem Kuhmelker und

Schweizer der reiche, jüdische Handelsmann, neben dem Schlossergesellen

der Bäckermeister. Keiner von den fünfzehn Leuten glich dem andern, aber

alle glichen sich in der Art, wie sie schimpften und Kurzweil trieben.

Daß auch wohlhabende und gebildete Leute da waren, hatte seinen Grund in

der gesetzlichen Unmöglichkeit, Arreststrafen in Geldstrafen

umzugestalten, so daß hier eine Gleichheit der Behandlung herrschte, wie

man sie im ungebändigten, offenen Leben lange suchen konnte.

Plötzlich wurde ein, wie es Joseph schien, regelmäßig an der

Tagesordnung stehendes Spiel arrangiert. Es hieß das »Schinkenklopfen«

und bestand in einem ziemlich brutalen Draufloshauen mit der gestreckt

flachen Hand auf den Podex desjenigen, der verdammt war, denselben den

unbarmherzigen Hieben darzuhalten. Einer der Nichtmitspieler mußte dem

Dulder die Augen zudecken, damit er sich nicht die Herkunft der Hiebe

und Schläge merken konnte. Erriet er nun aber trotzdem die Person

dessen, der ihn gehauen hatte, so war er frei, und der Ertappte hatte

sich, willig oder nicht, an die unangenehme Stelle des Erlösten

herabzubücken, bis auch ihm das rasch- oder langsam-erkämpfte Glück des

richtigen Erratens zufiel.

Dieses Spiel wurde eine gute Stunde aufs eifrigste betrieben, bis die

Hände vom Schlagen ermüdet waren. Nach einiger Zeit kam das Essen, du

liebe Zeit, es war eben eine Karzerkost, keine Bohnen, Rüben oder

Blumenkohl, nicht einmal ein kleines Schweinefilet, sondern Suppe und

ein Stück Brot, langweiliges, trockenes Brot, nebst einem Schluck

Wasser. Die Suppe war auch eine Art Wasser, und die Löffel waren

außerdem noch in ziemlich degoutierender Art und Weise an die

Suppentöpfe angekettet, wie wenn einer das Blei hätte stehlen wollen,

wozu doch sicherlich kein Grund da war. Aber es war praktisch, dieses

Anketten, und militärisch und beleidigend, und Karzerinsassen waren

begreiflicherweise nicht dazu da, um geschmeichelt, liebkost und

flattiert zu werden. »Der verächtlichen Handlungsweise die verächtliche

Strafe«: das stund scheinbar auf dem Eßgeschirr deutlich und ankältend

geschrieben.

Langweilige, öde zwei Tage!

Der Schweizer oder Melker war von allen noch der Lustigste. Diesen

wahrhaft schön anzuschauenden Burschen hatten »sie« gefesselt

dahergebracht, weil er sich herausgenommen hatte, den Polizeiunteroffizier,

der ihn arretierte, um den Kopf zu schlagen, daß demselben das Blut

zu Mund und Nase hervorspritzte. Für diese Tat wurde natürlich dem

Melker dann ein ganzer Monat oder mehr zu der anfänglichen Strafe

hinzudiktiert, was aber diesen scheinbar unerschrockenen und in Dingen

der schönen Ehre vollständig gleichgültigen Menschen gar nicht weiter

beunruhigte. Im Gegenteil, er schuf sich aus dem stumpfsinnigen,

gezwungenen Daliegen einen possierlichen und fidelen, monatelang

anhaltenden Witz, er verstund es vortrefflich, sich und alle andern zu

unterhalten, und nie wollte in diesem Kellerraum das Lachen ganz

verhallen und erlahmen. Dieser Melker sprach von Staats- oder

Militärpersonen nie anders als im Tone kindlich-kräftiger Überlegenheit

und Übermutes. Nie kam etwas Giftiges und Wütend-Zurückgehaltenes über

seine Lippen. Tausend Anekdoten, die er, erfunden oder wahrhaft erlebt,

erzählte, hatten alle mehr oder weniger zum Inhalt die Betölpelung und

Naseführung irgend welcher Standesmenschen, mit denen dieser schöne,

verdorbene Mensch wie mit lächerlichen und hölzernen Puppen umzugehen

gewohnt schien. Kraftvoll und geschmeidig wie er war, durfte man der

Hälfte seiner Erzählungen ruhig, und ohne die gesunde Vernunft zu

verletzen, Glauben schenken, denn das schien in der Tat solch ein Mensch

zu sein, herkommend direkt noch von den stolzen und unbändigen Ahnen des

Landes, ausgestattet mit längst aus den Generationen entschwundenen

Spiel- und Raufkräften, und mit dem Mute begabt, der eben die Gesetze

und Gebote der weiten Öffentlichkeit fast notwendigerweise verachtete.

Sonderbarerweise trug er, um den Unfug, den er mit Vorgesetzten aller

Art trieb, noch zu schärfen, auf dem Lockenkopf eine Militärmütze, die

er Gott weiß wo noch von einem Dienst her aufbewahrt hatte. Neben all

seinen Vagabondiergewohnheiten schien er indessen durchaus den

einfachen, weicheren Empfindungen nicht abhold zu sein, wenigstens hörte

man ihn von Zeit zu Zeit jodeln und singen, was er sehr schön und voll

Taktgefühl tat. Auch erzählte er nicht ohne Sehnsucht von seinen vielen

und weitläufigen Wanderschaften, die ihn durch das ganze, große

Deutschland, von Landgut zu Landgut, getrieben hatten. Wie er da mit den

Herren und Rittergutsbesitzern umgegangen war, das war, ob es nun

teilweise aus Schwindel oder aus fortreißender Erzählerphantasie

bestehen mochte, höchst possierlich und angenehm, ja sogar romantisch

anzuhören. Dieser Bursche hatte einen wahrhaft schön geschwungenen und

geformten Mund, eine edle und freie und ruhige Gesichtsbildung, und

er würde vielleicht, mußte man, wenn man ihn betrachtete, denken,

unter kriegerischen und kühnangelegten Lebensverhältnissen dem Land

außerordentliche Dienste haben erweisen können. Alles an ihm sprach von

untergegangenen Lebens- und Weltformen; namentlich wenn er sang, was er

zu der Zeit, die Joseph im »Loch« zubrachte, einmal plötzlich mitten in

der Nacht tat, glaubte man, die Töne und den Zauber der alten, starken

Zeit vernehmen zu sollen. Eine wundervolle, abendliche Landschaft stieg

mit dem Lied wehmütig empor, und man bedauerte den Sänger und das

Zeitalter, das sich gezwungen sah, mit Menschen von des Melkers

Veranlagung derart kleinlich und mißverständlich zu verfahren, wie es

tatsächlich der Fall war.

Während diesen zwei Karzertagen hätte der Gehülfe die schönste

Gelegenheit gehabt, über Verschiedenes nachzudenken, über sein

bisheriges Leben zum Beispiel, oder über Toblers schwierige Weltlage,

oder über die Zukunft, oder über das »Allgemeine Obligationenrecht«,

aber er tat es wiederum nicht, er versäumte auch diese kostbare

Gelegenheit und begnügte sich, den Späßen und Liedern und Zoten des

Schweizers zuzuhorchen, die ihm interessanter erschienen als sämtliche

Nachdenklichkeit der neuen und alten Welt. Überdies wurde beinahe alle

zwei Stunden das »Schinkenklopfen« wiederholt, auch eine Ablenkung vom

Drang, zu philosophieren, oder der Gefangenenwärter trat zur rasselnden

Türe herein, um einen der Arrestanten, der »fertig« war, abzuberufen,

was auch wiederum die geistige Aufmerksamkeit von höheren Dingen den

niedrigen und gemeinen Interessen zuzog. Wozu aber auch denken?

Der Gehülfe · 第 13 / 20 段