erledigt,« sagte lachend der Bahnwärter. »Ja junger Herr, es gibt
mancherlei Sorten Beschäftigungen, und in allem, was man mit
aufrichtigem Bemühen tut, kann ein Stück Ehre liegen. Wenn Sie mir jetzt
ein paar von Herrn Toblers Stumpen zum Rauchen geben wollen, so ist mir
das nicht unwillkommen. Bei dieser Witterung kann man einen glühenden
Stengel schon vertragen.«
Frau Tobler ließ dem Mann einen halben Liter »Sauser« geben.
* * * * *
Der Aktienbierbrauerei Bärenswil wurde betreffs Besetzung einer Anzahl
Felder oder Flügel der Reklame-Uhr Offerte gemacht. Die Firma schlug ab,
später vielleicht! Das war ein neuer, peinlicher Mißerfolg, der Tobler
veranlaßte, den Briefbeschwerlöwen zu Boden zu schmettern, wo er in
Stücke flog, die der Gehülfe aufhob. Gleichzeitig wurde auf das
technische Bureau ein neues Zahlungsforderungsgeschütz gerichtet. Die
Kanonenkugel verletzte zwar niemanden, aber sie reizte, ärgerte und
vermehrte die Unruhe.
Das war niemand anderes als der frühere Agent und Reisende Toblers, ein
gewisser Herr Sutter, der jetzt per eingeschriebenen Briefen
daherzutraben kam, um die rückständigen Gehälter und Provisionen, die
sich auf die Konzessionserwerbungen für die Reklame-Uhr bezogen,
einzufordern. Tobler würde diesem Menschen am liebsten zurückgeantwortet
haben: »Du kannst mir in der Gegend von Genua in die Schuhe
hineinblasen, du Narr, was du bist,« aber er mußte vernünftigerweise
auch diese neue, unangenehme Schuldforderung anerkennen und schrieb dem
Mann: »ich kann nicht bezahlen!«
Geduld! Herr Tobler sah sich genötigt, von allen seinen Mitarbeitern,
Lieferanten und Mitmenschen Geduld zu verlangen, gleichsam so: Habt
Geduld, ich, Tobler, meine es ehrlich und aufrichtig. Ich bin so
unvorsichtig gewesen und habe mein gesamtes Barvermögen in meine
Unternehmungen geworfen. Treibt mich nicht bis zum Äußersten. Ich ordne
meine Verpflichtungen, ich kann noch erben, ich besitze noch Ansprüche
auf ein mütterliches Erbteil. Auch habe ich ein neues Inserat,
Kapitalien gesucht, in die Zeitungen, die die Welt bedeuten, rücken
lassen. Der Kopf schwindelt mir zwar ein wenig, aber usw. --
Wegen des zu erwartenden Erbteiles unterhandelte jetzt Tobler mit seinem
Advokaten, an welchen man jeden Tag Briefe und Postkarten schrieb.
Das erste Schützenautomaten-Exemplar war inzwischen fertig geworden, es
funktionierte in der Tat glänzend und erweckte fröhliche Hoffnungen.
Diesem Automaten, meinte sein Erfinder, bleibe es womöglich noch
vorbehalten, die Reklame-Uhr und das darin geworfene Vermögen zu retten.
Der Hilfsmechaniker lud Joseph eines Tages ein, das fertige Werk zu
besichtigen, und dieser folgte der Aufforderung gerne, umsomehr als der
Herbsttag schön und mild war. Er machte sich zu Fuß auf und spazierte
gemächlich gegen das eine gute Stunde weit entlegene Nachbardorf zu,
rechts zur Begleitung der in die Höhe schießende Wald, links der ruhige
See, so ließ es sich ganz gut »in Geschäften« die Landstraße entlang
gehen. In der Ortschaft angekommen, erkundigte er sich nach der
mechanischen Werkstätte, fand sie nach vielem Suchen in den
durcheinander gekneteten und gebauten Dorfgassen und stand nun vor dem
elegant mit Dekorationsfarben angemalten Schützenautomaten. Der
Hersteller desselben, indem er Joseph dartat, wie glatt und geräuschlos
das Ding lief, brummte, nun erwarte man aber auch von Herrn Tobler eine
angemessene Entlöhnung, oder man dürfe, meine man, eine solche
gewärtigen, nachdem man doch, was aber Tobler nur nicht anerkennen
wolle, die Hauptsache am Werk getan habe. Mit Springen, Befehle erteilen
und Umherreisen sei eine Sache eben noch lange nicht in Wirklichkeit im
Gang. Dazu bedürfe es der Hände, die auch tatsächlich arbeiten. Ja,
Joseph solle nur seinen Chef davon unterrichten, wie man hierorts die
Sachlage auffasse, es könne nicht schaden, wenn Tobler es wisse.
Joseph schwieg zu allen diesen unzufriedenen Auslassungen und trat bald
den Heimweg wieder an.
Zu Hause rief man ihm schon von Weitem entgegen, es warte ein Herr unten
im Bureau auf Herrn Joseph Marti.
Es war der Verwalter des hauptstädtischen Stellenvermittlungsbureaus,
der Mann, dem der Gehülfe seine Stelle zu verdanken hatte, ein sonderbar
verwilderter Herr, der aber, wie es schien, die demütigsten und
sanftesten Manieren hatte. Die Herren begrüßten sich gegenseitig
freundschaftlich, beinahe brüderlich, obschon ein bedeutender
Altersunterschied sie trennte. Das gleichsam zerzauste und zerfetzte
Gesicht des Verwalters ließ Joseph an längst überstandene Dinge denken.
Eine armselige Schreibstube tauchte vor seinen inneren Augen auf, sich
selber sah er dort an einem Pult sitzen, dann sah er den Herrn Tobler
zur Tür eintreten, den Verwalter vom Platz aufstehen, wie er sich
umguckte nach dem passenden Menschen, der diesem Herrn Tobler dienen
konnte. Wie weit das alles schon zurücklag.
Was denn den Herrn Verwalter nach Bärenswil hinaufgeführt habe?
Der ältliche Mann, indem er sich im Bureau nach allen Seiten umschaute,
sagte, er komme vor allen Dingen lediglich aus bloßem Interesse, damit
er sich einmal den Ort ansehe, an welchem es, wie es scheine, Joseph
gefalle. Es sei heute in der Schreibstube gerade ein schläfriger Tag
gewesen, keinerlei Aufträge, da habe er sich eben in den Zug gesetzt
und sich den kleinen Ausflug gestattet. Aber ganz nur neugierdehalber
komme er auch nicht, er verbinde gerne mit dem Genußvollen das Nützliche
und Notwendige, und so möchte er sich denn die Frage erlauben, warum ihm
bis heute noch nicht einmal, trotzdem er wiederholt Mahnbriefe
geschrieben habe, der Betrag, den die übliche Vermittlungsgebühr
ausmache, eingesandt worden sei. Ob seine Briefe und Mahnungen nicht
eingetroffen seien?
»Ja, die sind angekommen, aber es ist kein Geld da, Herr Verwalter,«
antwortete Joseph.
»Wie? Und nicht einmal für einen so geringen Betrag?«
»Nein!«
Der Verwalter machte ziemlich nachdenkliche Augen und frug, ob Herr
Tobler zu sprechen sei. Joseph sagte:
»Herr Tobler ist während all dieser Tage für Menschen, die Geld von ihm
haben wollen, unter keinen Umständen zu sprechen. Hiefür bin ich da,
sein Angestellter. Wollen Sie sich nicht einen Moment, bitte, setzen,
Herr Verwalter. Sie werden sich zehn Minuten ausruhen und alsdann wieder
gehen. Bei aller Hochschätzung vor Ihnen bin ich gezwungen, Ihnen zu
sagen, daß man hier im Hause Tobler die Leute, die bei uns etwas zu
fordern haben, sehr ungern sieht. Sowohl Frau wie Herr Tobler haben mir
den bestimmten Befehl erteilt, mit Erscheinungen solcher Gattung kurzen
Handel zu machen, mich mit ihnen in keine Gespräche einzulassen, sondern
sie kühl abzuweisen. Sie selber, Herr Verwalter, haben mir damals, als
ich Ihnen vor dreieinhalb Monaten in der Schreibstube adieu sagte, um
mich nach Bärenswil zu begeben, anempfohlen, mich als treuen, gehorsamen
und fleißigen Mann zu erweisen, damit man mich brauchen könne und mich
nicht nach einem halben Tag schlechtbestandener Probezeit wieder
fortjagen müsse. Sie sehen, ich bin heute noch da, ich scheine mich also
zu bewähren. Ich habe mich in die hiesigen, eigenartigen Verhältnisse
hineingefunden, und ich glaube, ich passe in diese Verhältnisse.«
»Wird Ihnen denn auch Ihr Gehalt ausgezahlt?« fragte der Verwalter. Der
Gehülfe sagte:
»Nein, und das gehört allerdings zu den Punkten, die mir nicht recht
gefallen. Ich habe hierüber schon mehrmals mit Herrn Tobler sprechen
wollen, aber jedesmal, wenn ich den Mund habe auftun wollen, um meinen
Vorgesetzten an diese, wie ich wohl habe empfinden müssen, für ihn nicht
gerade angenehme Sache zu erinnern, ist mir der Mut, zu reden,
vergangen, und ich habe dann jedesmal zu mir gesagt: Du verschiebst es!
Und ich lebe ja, auch ohne Gehalt, heute noch.«
»Wie lebt sich's denn hier. Bekommen Sie gut zu essen?«
»Ausgezeichnet!«
Es bleibe ihm also, meinte sorgenvoll der Verwalter, nach allem was
gesprochen worden sei, nichts anderes übrig, als Herrn Tobler auf
gerichtlichem Wege zu betreiben.
»Tun Sie das,« sagte Joseph. Der Verwalter griff nach dem abgeschabten
Hut, schaute den Gehülfen väterlich an, gab ihm die Hand und ging.
Joseph nahm ein Stück Papier zur Hand und schrieb, da er sich weiter mit
nichts Wichtigerem beschäftigt sah, folgendes darauf:
Schlechte Gewohnheit.
Eine solche ist das Bedürfnis, gleich alles zu bedenken, was mir
Lebendiges vorgekommen ist. Das kleinste Begegnis erregt in mir eine
sonderbare Denklust. Eben ist ein Mann von mir weggegangen, der mir
um der Erinnerungen willen, die mit seiner alten, armen Gestalt
verbunden sind, lieb und bedeutend ist. Ich glaubte etwas vergessen,
verloren, oder nur liegen gelassen zu haben, als ich in sein
Gesicht schaute. Ein Verlust prägte sich sogleich meinem Herzen
ein und ein altes Bild meinen Augen. Ich bin vielleicht ein etwas
überspannter, aber ich bin auch ein genauer Mensch. Ich empfinde
die kleinsten Verluste, ich bin in gewissen Dingen peinlich
gewissenhaft, und nur ab und zu muß ich mir wohl oder übel gebieten:
Vergiß das! Ein einziges Wort kann mich in die ungeheuerste und
stürmischste Verlegenheit setzen, ich bin dann von dem Gedanken an
dieses scheinbar Winzige und Nichtige erfüllt, durch und durch,
während die Gegenwart, wie sie treibt und lebt, für mich
unerklärlich geworden ist. Diese Momente sind eine schlechte
Gewohnheit. Auch dies ist eine schlechte Gewohnheit, das was ich
da mache, Gedankenaufnotieren. Ich gehe jetzt zu Frau Tobler.
Vielleicht hat sie eine Arbeit häuslichen Charakters für mich. --
Er warf das Geschriebene in den Papierkorb und verließ das Bureau. In
der Tat harrte seiner eine häusliche Arbeit, die darin bestand, die für
den Winter bestimmten Vorfenster aus der Bodenkammer hinunter in den
Keller zu tragen, wo sie geputzt und gewaschen werden mußten. So zog er
denn gleich seinen Rock aus und schleppte Fenster hinunter. Frau Tobler
war erstaunt über seinen feurigen Diensteifer, und die Waschfrau, die
inzwischen putzte, sagte zu ihm, er sei etwa noch einer, den man ein
bißchen zu allem brauchen könne. Sie hängte dem Lob eine Lehre an und
bemerkte mit ihrer rauhen Stimme, das sei heutzutage, wo die Welt immer
unsicherer und veränderlicher werde, beinahe notwendig, daß junge Leute
lernten, sich in alles zu schicken. Ein Schaden sei es für einen jungen
Mann jedenfalls nicht, wenn er auch mit den verachteten und geringen
Dingen umzugehen wisse.
Nachdem die Fenster gewaschen waren, mußten sie in die Zimmer getragen,
und in die richtigen Fensteröffnungen ordentlich hineingehängt werden.
Frau Tobler ermahnte den Gehülfen zur Vorsicht, stund dabei und sah ein
wenig ängstlich seinen Aushänge-Bewegungen zu, die ihr manchmal zu kühn
vorkamen. »Wie gut dieser Frau der Ausdruck des Bangens steht,« dachte
der Fensterarbeiter und war sehr zufrieden mit sich.
Das war vielleicht auch so eine schlechte Gewohnheit von ihm, daß er
zufrieden, ja glücklich war, sobald es ihm vergönnt wurde, körperlich zu
arbeiten. Strengte er denn wirklich seinen Geist, die bessere
Menschenhälfte, so ungern an? War er zum Holzhauer oder zum Kutscher
geboren? Hätte er in Urwäldern oder auf Meerschiffen als Matrose leben
sollen? Schade, daß es in der Nähe von Bärenswil keine Blockhäuser zu
bauen gab.
Nein, geistlos war er vielleicht keineswegs, das ist übrigens nicht so
rasch irgend ein gesundgeborener Mensch. Aber er hatte so etwas
Körperbevorzugendes an sich. In der Schule, er erinnerte sich öfters
lebhaft daran, war er ein guter Turner. Er liebte das Gehen über Land,
das Steigen auf Berge, das Abwaschen von Küchengeschirr. Er hatte
letzteres zu Hause als Knabe getan und dabei seiner Mutter Geschichten
erzählt. Arme- und Beinbewegungen empfand er als etwas Köstliches. Das
Baden in kaltem Wasser war ihm lieber als das Nachdenken über hohe
Dinge. Er schwitzte gern, das ließ unter Umständen tief blicken. War er
der geborne Ziegelsteinträger? Hätte man ihn an einen Karren spannen
sollen? Herkules war er jedenfalls nicht.
Ja, er hatte schon Geist, wenn er nur wollte, aber er machte zu gern
Pausen im Denken. Als er eines Tages mitten im Dorf Bärenswil einen Mann
sah, der Säcke schleppte, dachte er sogleich, das tue er auch, sobald
Tobler ihn fortjage. Das war im Hochsommer gewesen. Und jetzt ist es
Herbstende und man hängt Vorfenster an.
Nach Beendigung dieser Arbeit gab es jungen Wein zu trinken. Auch war es
schon Nacht und Abendessenszeit. Die Unterhaltung am Tisch war sehr
lebhaft, man blieb sitzen, nachdem alle schon längst mit Essen fertig
geworden waren. Der Mann der Waschfrau, ein einfacher Fabrikarbeiter,
fand sich ein. Frau Tobler lud ihn zu einem Glas Sauser ein, er setzte
sich mit an den Tisch, und bald gab er ein fröhliches Lied zum besten.
Es wurde ihm immer von neuem eingeschenkt, auch die andern tranken viel.
Zu Bett mit euch, Kinder! rief nach einer Stunde Frau Tobler. Pauline
trug Dora auf dem Arm von einem zum andern, um gute Nacht zu sagen. Die
Waschfrau bewies, daß sie ein drolliges, schnellläufiges Mundwerk hatte,
sie erzählte in einem fort Dorfgeschichten, Liebes- und
Schauergeschichten. Der Mann fing wieder an zu singen. Seine Frau wollte
es ihm verbieten, denn was er sang, war sehr frei, aber Frau Tobler
sagte, er solle nur singen, was ihm einfalle, die Kinder seien ja jetzt
fort, und ihnen andern allen könne ein ausgelassenes Wort nicht viel
schaden, sie selber höre so etwas auch gern einmal an. Der Zauber des
Weines legte dem schwärzlich anzuschauenden, einäugigen Gesellen tolle
Reimereien auf die Lippen. Es wurde unbändig gelacht, am meisten von
Frau Tobler, die »profitieren« zu wollen schien, da sie in den letzten
Wochen zu ihrem Kummer fast gar keine Geselligkeiten genossen hatte.
Wenn es keine feinen Leute waren, die ihr heute abend Gesellschaft
leisteten, so waren es doch fidele. Arme Leute, aber aufrichtig
fühlende. Außerdem empfand sie, sie konnte selber kaum sagen, aus
welchem Grunde, das Bedürfnis, einmal recht ausgelassen zu sein, derart,
daß sie Vergnügen fand, die Gläser immer wieder neu zu füllen, bis es
Mitternacht wurde. Joseph war betrunken, er lallte und war nahe daran,
unter den Tisch zu sinken. Die andern hielten sich besser. Frau Tobler
hatte sich überhaupt mehr dem Genuß des Gespräches und des Lachens
hingegeben als dem des Trinkens. Der Arbeiter aber schien ungeheuer viel
vertragen zu können. Joseph stolperte eben die Treppe hinauf, um in sein
Zimmer zu gelangen, als Tobler erschien mit der ärgerlichen Frage, warum
wieder einmal die Verandalampe nicht gebrannt habe. Im Garten draußen
sei es stockdunkel, da könne einer ja Arm und Beine brechen. Er sah, was
im Wohnzimmer vorging. Frau und Mann aus der Nachbarschaft waren
aufgestanden. Ein wenig später sagten die Leute schüchtern gute Nacht
und gingen. Was das für eine Wirtschaft hier sei? fragte Tobler seine
Frau. Diese konnte nur noch lachen und deutete mit dem Finger auf den
Angestellten, der mit der einfachen Schwierigkeit kämpfte, die Treppe
emporzugelangen. Der Herr war müde, so sagte er nicht viel. »Gesausert«
war worden, es war ein wenig unschicklich, aber es war kein Verbrechen.
Am andern Morgen stand Joseph etwas früher auf und arbeitete extra
fleißig, er empfand Gewissensbisse und fürchtete sich vor der Begegnung
seines Meisters. Aber es wurde ihm weder ein Ohr abgerissen noch flog
etwas um seinen Kopf herum. Tobler war freundlicher und vertraulicher
als je, ja, er machte sogar Witze.
Im Laufe des Tages gestand der Gehülfe Frau Tobler, daß er sich
gefürchtet habe. Sie schaute ihn groß an, als begreife sie irgend etwas
an ihm nicht und sagte:
»Sie sind ein sonderbares Gemisch von Feigheit und Kühnheit, Joseph. Auf
die schmalen Gesimse zu treten und mitten im Spätherbst in den See
hinauszuschwimmen, das tun Sie ohne die mindesten Furchtgedanken. Auch
eine Frau können Sie beleidigen, ohne stutzig zu werden. Wenn es aber
gilt, vor dem Herrn und Vorgesetzten einen ganz unschuldigen Fehler zu
vertreten, so fürchten Sie sich. Da ist man ja wahrhaftig gezwungen,
anzunehmen, entweder Sie sind Ihrem Herrn sehr zugetan, oder aber, Sie
hassen ihn heimlich. Was soll man glauben? Was soll ein so
scharfausgeprägter Respekt eines Mannes vor einem andern Mann bedeuten?
Gerade jetzt, wo es um die äußere Weltlage Toblers schlecht steht, muß
es einen wundern, Sie diesen Mann in so zarter Weise hochachten zu
sehen. Ich bin noch nicht klug aus Ihnen geworden. Sind Sie großherzig?
Sind Sie ein Niedriger? Gehen Sie arbeiten. Ich soll nicht heftig werden
und bin es doch Ihnen gegenüber. Und fürchten Sie sich in Zukunft nicht
mehr vor meinem Mann, er hat noch keinem Menschen den Kopf abgebissen.«
Das war im Wohnzimmer gesprochen worden. Etwas später überraschte Joseph
die Frau oben an der Türe ihres Schlafzimmers, sie hatte dieselbe
zufällig offen stehen lassen, im Negligé. Sie stand, ohne an etwas zu
denken, mit entblößten Armen neben dem Waschtisch und war mit dem Ordnen
der Haare beschäftigt. Als sie Joseph hörte und sah, stieß sie einen
Schrei aus und warf die Türe zu. Welche herrlichen Arme! dachte der
Gehülfe und ging die Treppe weiter hinauf. Er hatte oben auf dem Boden
etwas aus altem Gerümpel hervorzusuchen. Statt das was er suchte, fand
er ein Paar alte Schaftstiefel von Tobler, die augenscheinlich nicht
mehr benutzt wurden. Er schaute diese hohen Stiefel unverhältnismäßig
lange an, bis er in Lachen ausbrach ob seiner Gedankenabwesenheit.
Da erschien Silvi auf dem Estrich, sie trug Wäsche in der Hand, die sie
hier oben abzulegen hatte. Sie blieb vor Joseph stehen und betrachtete
ihn, als ob sie ihn überhaupt noch nie gesehen hätte. Was für ein Kind!
Dann legte sie ihre Sachen ab, aber statt hinunterzugehen, stöberte sie,
und zwar scheinbar ohne viel Vernunft, in einer offenen Kiste herum und
richtete an den ihr zuschauenden jungen Mann allerhand unverständliche
Fragen. Silvis Anblick wurde demselben rasch unerträglich und er ging
hinunter.
Im Bureau: »Frau Tobler wundert sich über mein Betragen. Dagegen möchte
ich mich fast über das ihrige verwundern. Wie kommt sie dazu, solche
Worte zu mir zu sagen, sie, die unselbständige Frau, die Mutter Silvis?
Gleich werde ich gehen und es ihr ins Gesicht hineinsagen, was für eine
Rabenmutter sie ist. Ich bin zwar nur der Angestellte des Hauses Tobler.
Dieses Haus aber wankt, mag denn auch meine Lebensstellung wanken.«
Neben der Wohnzimmertüre stand Frau Tobler und sprach mit großer
Erregung ins Telephon hinein. Offenbar handelte es sich wieder einmal um
eine unangenehme Sache. Ihr Rücken zitterte und die Schultern hoben und
senkten sich stürmisch. Sie sprach streng und gebieterisch. Sollte der
andere Sprecher ein unverschämter Gläubiger sein? Ihre Stimme klang so
hoch, daß sie in den eigenen Tönen und Bändern zu zerreißen drohte.
Endlich war sie fertig. Sie zeigte Joseph ein ebenso stolzes wie
schmerzvolles Gesicht. Sie hatte während des Sprechens geweint.
»Wer war das?« fragte er.
»O,« sagte sie, »der Bauunternehmer, der, der die Grotte gemacht hat. Er
will Geld. Ich habe ihn aber, wie Sie soeben werden gehört haben, in die
Schranken zurückgewiesen.«
Sie sagte nicht, in was für Schranken. Aber ob sie es nun gesagt oder
nicht gesagt hatte, jedenfalls hatte der Gehülfe nicht mehr den Mut, sie
eine Rabenmutter zu schelten.
Er hätte auch ebenso gut ans Telephon gehen können. Ob er es denn nicht
klingeln gehört habe? Nein? Dann solle er doch immer die Bureautüre ein
wenig offen stehen lassen, dann werde er es schon hören.
Joseph hatte es ganz gut klingeln gehört, aber er war zu träge gewesen
und er hatte gedacht: »Die kann jetzt auch einmal telephonieren. Das
schadet dem Hochmutston nichts.«
Walter kam und erzählte, wie Edi, sein Bruder, einem Bärenswiler Herrn
die Zunge ausgestreckt, und die lange Nase gemacht habe. Edi sei in des
Mannes Garten gedrungen, um Birnen zu nehmen, er sei aber überrascht
worden und habe eine Ohrfeige gekriegt. Aus der Ferne habe dann Edi dem
Mann allerhand Schimpfwörter nachgerufen.
Das müsse sie ihrem Mann sagen, meinte Frau Tobler.
»An Ihrer Stelle, Frau Tobler«, warf Joseph ein, »würde ich selber den
Knaben bestrafen, meinetwegen hart, aber ich würde es niemals 'meinem
Mann' sagen. Erstens ist Herr Tobler jetzt, wie ja Sie am besten wissen,
mit anderweitigen Dingen genug beschäftigt, und zweitens sind Sie doch
Edis Mutter und können gewiß ebenso gut wie Ihr Mann die Strenge, womit
der Schlingel bestraft werden soll, messen. Hört Herr Tobler heute abend
wieder, wie nun schon so oft, solcherlei Klagen aus Ihrem Munde, so
dürfte er leicht außer sich geraten, und die Strafe wird nur zu leicht
eine grausame, aber keine gerechte sein. Denken Sie doch, gnädige Frau,
in welche Wutstimmung Sie Ihren Mann versetzen, wenn Sie ihn mit
derartigen, in der Tat nicht sehr gewichtigen Dingen, in dem Moment
belästigen, den er dazu benutzen will, wieder ein wenig im Kreise seiner
Familie von seinen Geschäften und Gelderwerbsplänen auszuruhen, und Sie
werden mir, so sehr Sie auch geneigt sind, mich für Ihren Kränker zu
halten, recht geben. Verzeihen Sie mir. Ich habe im Interesse des Hauses
Tobler gesprochen, ich liebe dieses Haus, ich habe den Wunsch, hier nur
nützlich zu sein. Sind Sie mir böse, Frau Tobler?«
Sie lächelte und schwieg, indem sie es scheinbar für überflüssig fand,
ein Wort zu erwidern. Sie ging in die Küche hinaus, er ins Bureau
hinunter.
Herr Tobler kam zum Abendessen nach Hause, was selten geschah. Wie es
gehe zu Hause, fragte er mit dunkler, gepreßter Stimme, er befand sich
in übler Laune. Joseph fühlte sich sogleich unbehaglich beim Klang
dieser Stimme. Diese Stimme, welchen Eindruck sie auf ihn machte! Mußte
denn Tobler gerade zum Essen heimkommen, um zu konstatieren, wie sein
Gehülfe es sich wohl schmecken ließ? Der Appetit verging ihm beinahe,
und er nahm sich vor, gleich nach dem Essen noch rasch zur Post ins Dorf
zu springen. Tobler hatte seinen Überzieher mühsam abgelegt. Joseph
dachte bei sich, vielleicht wäre es gut getan gewesen, wenn er vom
Platz aufgesprungen wäre und dem Herrn geholfen hätte, aus dem Mantel
herauszukommen. Das würde womöglich Toblers schlechte Laune, die man ihm
anmerkte, bedeutend gebessert haben. Warum nur so wenig zuvorkommend? Ob
ihm das an der Mannesehre geschadet hätte? Schöne Ehre, dazusitzen und
ängstlich zu hoffen, es werde keine Szene geben. Toblers Auftreten ließ
Joseph immer Szenen befürchten. Ja, dieser Mann hatte etwas so
Zurückgebändigtes an sich, etwas dick und rot Aufgehäuftes, etwas
innerlich Knatterndes und leise Krachendes. Das sah aus, als ob es jeden
Moment losbrechen möchte. Und da war es denn wirklich nicht angebracht,
an Ehrverletzung zu denken, da tat man einfach das Gute, das Notwendige
und das Zornesausbruch-Verhütende. Man zog einen Überzieher aus, und der
ganze Familienabend konnte gerettet sein. Tobler konnte ja so entzückend
kameradschaftlich werden, wenn er bei Laune war. Geradezu freigebig.
Aber Joseph hatte sich geschämt, artig zu sein, und noch etwas, die Frau
tat jetzt, als ob er an einem Schnürchen mechanisch wäre aufgezogen
worden, den Mund auf und erzählte in aufreizendem Tone die Geschichte
und Sünde Edis.
Der Vater trat zu dem Sohn hin und versetzte demselben einen Schlag an
den kleinen Kopf, der einen starken Mann hätte umwerfen können, wie mehr
ein derartiges Bürschchen, wie der Edi eins war. Alle im Zimmer
zitterten. Frau Tobler senkte ihre Augen schamhaft. Es tat ihr jetzt
leid, gesprochen zu haben. Tobler jagte Edi mit Hieben und Stößen in die
dunkle Nebenkammer hinein. Walter, der kleine Angeber, war totenbleich
geworden. Dora umklammerte den Arm der Mutter. Diese wagte zu sagen, es
sei genug, Tobler solle sich beruhigen. Dieser stöhnte.
»Eine unbegreifliche Frau,« murmelte Joseph für sich.